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Nr. 53-

Verantwort ich ffir den redatiionellen Teil: Kari Schütte, :: für die Anzeigen: I. Parze Iler-Fulda. s

Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda- Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung

Donnerstag, 4» IHärz 1920.

Bezugspreis: Monatlich 1,30 Mk. ohne Zustellungsgebühr. ~ In Fu da bei uns abgeholt 1,40 Mk. n

Anzeigenpre s: DieKleinzeile (nachColonel christ) 50Pfg^ die Reklamezeile (Textbkeite) 1 Alk., bei Wiederholung Rabatt.

47. Zahrg.

Die Verfassung Preußens.

Die größeren Saaten DeutschiantS, Bayern, Wirrt. ZMderg, Sachsen, Hessen haben sich bereits eine neue Verfassung gegeben. Preußen steht noch zurück. Dor einigen Tagen erst ist der Versassungsplan der San- d.Sversammlung vorgelegt worden. Seine wichtigsten Bestimmungen haben wir bereits mitgeteilt.

Der Entwurf verzichtet auf den Suratspräsidenten jni auf eine zweite Kammer. Die Hauptaufgabe des Staatspräsidenten, die Ernennung der Minister, stll auch fernerhin, wie es schon die Notverfassmig vor. gesehen hatte, vom Präsidenten des Landtages ' ^isgrübt werden. Er ha! allerdings nur freie Wahl |et der Berufung des Ministerpräsidenten: die übrigen StocrtSminister aber werden berufen auf Vorschlag des Ministerpräsidenten. Ter letztere bekommt eine hervor- Mrogende Stellung, die er früher bei der kollegialen Verfassung des Staatsministeriums formell nicht, hatte, sondern sich erst durch seinr Persönlichkeit erringen mußte. „2er Ministerpräsident," heißt es in Z 27 des Entwurfs, „bestimmt die Richtlinien der Regis- mngSpolitik." ES wird dann freilich hinzugcfügt, daß ,im übrigen" all« Slaatsminister gleichgestellt seien und jeder sein Rcflort selbständig verwaltet. Tie Zü­gel hat aber der Ministerpräsident in der Hand, — io lange er auf das Vertrauen des Landtage? sich stützen kann.

Zur entscheidenden Stelle im Staate wird der Landtag gemacht. Je größer die Machifülle des Landtage? wird, desw dringender wird die Frage, ob L richt durch eine Art von Senat ein Gegengewicht zegen übereilte Deschlüste der Kammermehrheit geschaf. fen werden mutz. Fm Reich wird dafür eine gewisse Vorsorge getroffen durch den Reichsrat. Im preußi. scheu Verfassungsplan wird nur ein Finanzrat vorgesehen, der gemäß seinem Titel nur mitsprechcn soll bei Steuergesehen, Anleihegesehen und bei Bewil­ligung von Ausgaben, die übg; den Vorschlag der Re­gierung hinauSgehen oder ungedeckt find. Der Ein. stauch des Finanzrates kann nur beseitigt werden durch einen neuen Landtagsbeschluß mit Zweidrittelmehrheit. Das ist an sich schon recht gut: aber eS wird doch zu erwägen sein, ob ein bremsender Beirat nicht auch außerhalb der Finanzpolitik wünschenswert wäre.

Sonst wird gegen Uebertreibungen deS Landtages fein anderes Abwehrmittel geboten, als die Auflö­sung des Parlaments. Von dieser Vollmacht wird natürlich die Regierung nur in den schwersten Krisen­fällen Gebrauch machen. Damit sie nicht di« Zwischcu. zeit zwischen der Auflösung und dem Zusammentritt dcr neuen Kammer selbstherrlich auSnützen kann, ist noch ein ständiger Ausschuß des Landtages vor. gesehen, bet auch im Falle der Auflösung in Tätigkeil bleiben soll „zur Wahrung der Rechte der Volksver» . tretung gegenüber der Regierung".

» Vorsichtshalber wird noch bestimmt, daß die Regie­rung nicht zur Auflösung schreiten kann, "wenn der Landtag ein Mißtrauensvotum beschlossen hat. Tem. gegenüber wird nun freilich die Beschlußfassung über Bertrau'n und Mißtrauen auch etwas erschwert. Ein solcher Antrag soll erst am zweiten Tage nach seiner Besprechung zur Abstimmung gelangen, die Abstim. inung soll namentlich sein und das ministcrstürzende Mißtrauensvotum wird nur dann wirksam, wenn ihm mindestens die Hälfte der stimmfähigen (also nicht bloß der anwesenden) Abgeordneten zustimmt.

Eine sehr wichtige Rolle in der künftigen Gestak. tung des preußischen Staates wird bekanntlich die Selbstverwaltung spielen. Der darauf bezüg­liche Abschnitt 7 de? Entwurfes ist aber ganz inhalts. los. In zwei Paragraphen steht da weiter n'chs, als daß der Ausbau der Selbstverwaltung für die politi­schen Gemeinden ‘ und Gemeindeverbände durch beson­dere Gesetzgebung erfolgen soll. Das Wort „Provinz" scheint hier absichtlich vermieden worden zu fein. Ta- vurch wird sich freilich die Bew'gung für Selbstverwal.

tung oder sogar für llnabhängigkeit der Provinzen wohl kamn zum Ssillstand bringen lassen.

Von der Kulturpolitik ist gar keine Rede. Eine kirchliche Frage ist nur in den Schlußbestimmun. gen nebenbei berührt, indem ter Notbehelf wegen de; fortgefallenen Oberhauptes der evangelischen Kirche (drei Staatsminsster evangelischen Bekenntnisses) Vev- längwt wird bis zum Erlaß eines besonderen Gesetz:?.

Hier wie an vielen anderen Stellen bringt uns die neue Verfassung, die doch erschöpfenid und endgültig sein soll, nicht erheblich über die Notverfassung hinaus. Ob die „verfassungsgebende" LandeZversammlung noch neue schöpferische Gedanken aufbringt, bleibt abzuwar­ten. Die Wahrscheinlichkeit ist nach Sage der Dinge nicht groß.

Ter avgeschnittene Osten.

Präsident Rißmann vom Landesfinanzamt Ost­preußen, Mitglied der deutschen Delegation für Der- kehrsangelegenheiten in Warschau, berichtet über den polnischen Standpunkt bei den Verhandlungen über den Durchgangsverkehr von Deutschland nach Ostpreu­ßen unter anderem:

Emen Durchgangsverkehr vom Rumpf Deutsch­lands nach Ostpreußen durch Polen gibt es nicht, denn Polen und Ostpreußen grenzen nicht aneinander, weil der Freistaat und die Abstimmungsgebiete Marienwerder und Allenstsm dazwischen liegen. Polen erkennt die Souverä­nität Deutschlands über die Abstimmungsgebiete nicht mehr an. Hiergegen mrb auf Anordnung des Auswärtigen Amts in Berlin Protest eingelegt. Im Personen­verkehr lehnt Polen den Durchgangsverkehr über Dir- schau nach Marienburg ab, da Dirschau für den Kriegs­zustand Polens mit Sowjetrußland ein äußerst wichtiger Eisenbahnpunkt für den Nachschub von Danzig nach Polen sei, so daß es neben dem jetzt zugelassenen Schnellzug Berlin—Danzig einen melieren Schnellzugsverkehr nach Königsberg nicht aufnehmen könne. Polen könne nur einen Schnellzug, und zwar Berlin—Könitz—Czersk—Marien­werder und umgekehrt zulassen. Bezüglich des Güter­verkehrs will Polen den Verkehr von Deutschland in Könitz übernehmen und Ur in lNarienbura ober Marien­werder wieder an die deutsche Pahnvenvaltung übergeben. Die vom polnischen FinanzmiuisterMM unter der Hand mit- geteilten Vorschläge für das Zollverfahren beim Uebergang nach Polen und umgekehrt, erdrosseln den Ver­kehr vollständig. Bezüglich des Paßverkehrs besteht Po­len auch für den Durchgangsverkehr aus allgemeinem Paß- zwong.

Mit anderen Worten, Polen gedenkt nicht, feine Abmachungen mit Deutschland zu halten. Jedem Deut- scheu muß di« Galle übergehen, wenn man sieht, wie selbst diese neu aufgekommenen Staatengebilde des Ostens Deutschland gegenüber aufzutreten wagen. Müssen wir uns denn alles gefallen lassen? Wir sind zwar gegen di« Uebergriffe der Entente machtlos, doch Polen gegenüber können wir nichts desto weniger immer noch energisch austreten und es zur Erfüllung seiner Versprechungen nötigen. Warum zögert man? Polen ist wirtschaftlich auf Deutschland angewiesen, ohne uns ist es dem Ruin preisgegeben. Mit solchen Leuten sollte man nicht viel Federlesens machen. Nach­giebigkeit wird von ihnen nur als Schwache gedeutet und ermuntert sie nur zu weiteren Uebevgnffen.

AuS dem besetzten Gebiet.

* Aus dem Saargebiet. Der von der französischen Grubenverwaltrmg den Bergbeamten im Saarreviet borgelgete Dienstvertrag ist von fast allen Beamten entweder als uwmmehmbar zurückgeschickt oder über. Haupt nicht angenommen worden.

♦ Wie bie Belgier hausten. Im Sommerhaus- beS kürzlich verstorbenen Malers Prof. KlauSmeyer in Calcar am Niederrhein war bis vor kurzem die bei. gische Kommandantur itntengotbraiHt, tfe jetzt wach Cleve verlegt worden ist. Bei der B.sichtigung des HamseS zeigte sich, daß das HauS in barbarischer Weise verwüstet worden ist. WaS an Kunsi»

I Der Arbeit Lohn.

U „Di: mußt ihn direkt fragen I'

„Das widerstrebt mir."

i »Du bist es uns. Du bist c3 Dir schuldig!"

■ „Ick irr rbc mit Synden sprechen.— weiter vermag vorläufig nichts zu sagen. Entschuldige mich jetzt, her Inspektor erwartet mich."

P. Mit einem kurzen Gruß verließ er das Zimmer, feine Mutter und Schwestern in äußerster Bestürzung Drücklassmd.

--Ich war stets ge^n diese Heirat mit der Fabrikan. ^Ntochter," sagte Brunhilde hochmütig.

BL -Und ich hab: dem alten Synden niemals über den Deg getraut," setzte Ehrengard boshaft hinzu.

E’.SHnbcr, Ihr wißt nicht, was Ihr sprecht," ächzte toe Baronin. „Dieser Synden war unsere einzige Ret- Oder wollt Ihr in wenigen Fahren mit dem Dettelsinb Fredersdorfs verlassen? Vielleicht Gesell. ' Efisfräulein bei ttner reichen allen Doms oder Dia. Pokussin werden? Oder Euch bei Vettern und Basen herumauälen?"

R-Dn malst uns ja- da recht angenehme Zukunsts. ^D-r, Mama!" versetzte Brunhilde in emviindlichem *°”e. „Ich glaube aber nicht, daß es so schlimm um steht."

( -Ihr glaubt es nicht, bis Euch das Wasser an den 8'toen steht. Ihr habt ja nie auf meine Ermahnun- |Än gehört. Daderoisen Winterausen'halt in Berlin, "Wtbftrbc, kostbare Toiletten au? den vornehmsten Ge.

- Wäften in Berlin — das kostet alles eine Menge ®elbl'

° Brunhild? erhob sich mit dem Ausdruck tiefer Em. im Gesicht.

k »Deine Vorwürfe sind vollständig rmner-chtz Mcr>- versetzte sie mit eisi-er Kälte. „Ihr habt uns so g^?_cgen, wie wir sind! Und wir haben ein Recht dar. als Eure Töchter so zu leben wie wir es getan. ’A könn'o Dir mit den olflchen Vorwürken art'to?r‘en 'j'.bicIIeicSt mit noch schfl-"m ren — wenn m'ch der tz:^bekt vor Dir, meiner Mutter, nicht davor zurück.

Damit rauschte sie ei’? dem Zimmer den Stopf hoch, mutig

in den Nacken geworfen.

Baronin drückte das Spitzentascheutuch an die ^"ergue2enden Au«»

„Tas ist nun der Dank für alle meine Sorge um Euch," seufzte sie.

Ehr'nyard schlang den Arm um sie.

„Gräme Dich nicht, Mama." flüsterte sie tröstend. „Du kenm't ja Brunhilde. Sie ist stets so stolz und scharf."

„Fa, ja, aber ich kann doch nicht; dafür, daß cu5 ihrer Verlobung mit dem 2anbrat nichts geworden ist," schluchzte die Baronin. Dann erhob sie sich und ließ sich durch Ehrengard in ihr Toilettezimmer führen, wo sie erschöpft auf ein Ruhebett niedersank.

Diese jahrelangen, furchtbaren Sorgen rieben die arme Frctu fast auf/ Sie und ihr Gatte hatten eS nicht verstanden, sich mit ihren Mifteln einzuschränken. Für Suxus und Wohlleben gingen die Einnahmen des Gutes drauf und als man sich endlich besann, drß es so nicht weiter gehen konnte, da war eS bereits zu spät, da sah der Verfall, der Ruin zu Türen und Fenstern herein.

Das Gespenst deS Ruins, deS Bankerott; schweb'- wie eine drohend- Wolke übe- dem einst fo blühenden Besitz. Tie ar5'c6re'te* *en Waldungen sanken unter der Art beB Holzhändler; dahin die (Em*e wurde auf dem Halm? für einen Spottpreis verkauft, ebenso das Vieh in den Sallen, die ebenso verfielen wie di« Schermen, durch deren Töcher der Wind pfiff und der Renen hineindrerng d'e Vorräte vernichtend. Verfall und Ruin überall, wohin man sohl

Als der alte Baron starb, da schien bos Verhängnis hereinbrncben zir wollen. Und nur der Tatkraft und dem Fleiß Harcrlds der sich mit ganz'r Willenskraft tem drohenden Zusammenbruch entgeg-nstemmte, war eS zu verdanken, daß Fredersdorfs nicht schon unter den Hammer gekommen war. Ob eS aber Harald ne- singen würde, sich und die Seinen av$ dieser heifl-n Sttnation herauSzuarbeiten, das war doch noch sehr zwe'f lhast.

Wie ein g-heime; G'st fraß der D rkall w-'t-rz wenn hier ein Loch nige'wvft hrrrbc öffneten sich dort zwei andere. Haralds Fleiß und T-ntkrafl brobte ?u erlahmen und scbon wollte er den nich'osen Karnvf mtf, erben — als er Edelgard Synden kennen lernte und sich mit ihr verlobte.

Der Reichtum ihres Vaters sollte ihn retten!

3. Kapitel.. .

Am Nachmst'aa fuhr Harald zur Stadt, um sich sm l erkundigen, wie k-iner Braut das Fetz bekomme» (ei.

fchähen nicht mitgenommen oder zertrümmert werden konnte, wurde in ekelhafter Weise beschmutzt. Es wider­strebt, Einzelheiten anzuführen. Der Sachschaden wird auf über 200 000 Mark veranschlagt.

Das Wirtschaftsleben.

* Tie Ablieferung ber Handelsschiffe. Ser Reichs, münifter für Wiederaufbau hat die Enteignung der gemäß tem Friedensvertrag abzuliefernden deutfchen Handelsschiffe über 1600 Br.-R.-To. vollzogen.

* Die Preisschraube ohne Ende. Amtlich wird mit« geteilt: Auf Grund der Ueberschichten, die von den Bergarbeitern zur Hebung der Kohlenförderung ver­fahren und welche mit einem hundertprozentigen Auf­schlag zum üblichen Lohn entschädigt werden, Hatz sich der Reichskohlcnverband mit Anträgen der Syndikate, die auf Preiserhöhungen abzielten, befassen müssen. Er beschloß, unter Zustimmung des ReichswirtschafiLmini- steriums für die Bezirke des Rheinisch-Westfälischen Kohlenfyndikals, des Niedersächsischen Steinkohlen- syndikats und des Steinkohlensydikats für den Freistaat Sachsen eine Preiserhöhung von 15 Mark für bie Tonne Steinkohle ausschließlich Koh­len- und Umsatzsteuer ab 1. März 1920 ehtfrelen zu lassen.

* Landarbeiterstreik in Pommern. In den Kresien Demin und Stralsund sind große Landarbeiterstreiks als Protest gegen die zehnstündige ArbenSzeit aus­gebrochen.

* Tie Zigarefleninbnstrie. Der Verband der Deut, scheu Zigarettenindustrie. Gruppe Nordwest (Ham­burg), beschloß, sich nicht dem Vorgehen ter Dresd. ner und Berliner Fabriken anzuschließen. tie ihren An. gestellten und Arbeitern gelünbigct haben. Die Ham­burger Zigarettenfabriken werden also weiter ar. beiten.

* Der Generalstreik in Mailand ist beendet.

Deutsche Nalionalversarnrrrlurm»

Die immer etwas emtömge Beratung der Steuer- Vorlagen hat am Mittwoch eine kurze Unterbrechung er­fahren. Die Verordnung des Reichspräsidenten vom 13. Januar, die bekanntlich den verschärften Belage­rungszustand verhängte und zum Verbot zahlreicher unabhängiger Zeitungen und Versammlungen führte, hat den Unabhängigen in ihren umstürzlerischen Bestrebungen einen dicken Strich durch die Rechnung gezogen. Es ist allseitig bekannt, wie zweckenssprechend die Maßnahmen der Regierung gewesen sind. Um aber den ganzen Grimm nicht in sich hinein verbeißen zu müssen, haben die Unab­hängigen aus dem nur zu berechtigten Vorgehen ber Reichsregierung ben Anlaß genommen, biefe Angelegen­heit zu einer parlamentarischen Aktion zu machen, offen­bar um ber Parieiagitation neue Nahrung zuzuführen. Di« Unabhängigen beantragten, die Verordnung aufzu­heben. Es gab bei ber Aussprache über diesen Antrag, den der Unabhängige Lahn begründete, wie vorauszusehen war, einen scharfen Zusammenstoß zwischen den Unab-, hängigen und dem Reichswehrminister Roske, wobei sich die Unabhängigen, wie es ihre Gewohnheit ist, möglichst rüpelhaft aufführten. Reichswehrminister Roske wies sehr zutreffend die Berechtigung der Regierung zu .ben Maß­nahmen an einer Schilderung ber damaligen Sage und der Bestrebungen der Unabhängigen nach. Bedroht werde durch den Ausnahmezuftoub nur, wer an einem Auf­ruhr teilnehme. Dor ihm hatte bereits ber Reichsjustiz- minister Schiffer ben Nachweis erbracht, daß die Verord- mmg des Reichspräsidenten keineswegs, wie die Unab­hängigen behaupten, der rechtlichen Unterlagen entbehrt, sondern durchaus im Einklang mit den Bestimmungen der Verfassung steht. Auf diesen Standpunkt stellten sich auch oer Redner der Sozialdemokraten, der Abg. Lobe und des Zentrums, Abg. Dr. Spahn. Damit war das Schick­sal bes Antrages ber Unabhängigen entschieden: er wurde mit erdrückender Mehrheit abgelehnt.

Dann wandte sich bas Haus wieder der Besprechimg der Steuervorlagen zu und zwar der Kapital­rentensteuer. Rach dieser Steuer werden alle Ein­künfte aus Kapitalien mit einer besonderen Steuer von 10 Proz. belegt. Die Vorlage wurde nach unwesentlicher

und zugleich bicfleicht Gelegenheit zu finden, mit Sy«, den über den Zusammenbruch des Bankhauses Well- Hausen Söhne zu sprechen.-

Er nahm sich vor, nicht selbst das Gespräch auf diese Angeleg nheit zu bringen, do eS ihm peinlich war, un. mittelbar nach seiner Verlobung mit dem Vater seiner Braut über derarüge geschäftliche Dinge zu verhandeln.

Als er bei Synden um die Hand Edelgards angS- hakten, hatte ihm dieser freundschaftlich die Hand ge­schüttelt und gemeint: „WaS das Geschäftliche ante, langt, lieber Herr v. FrederSdorff, so lassen Sie daS nur meine Sorge sein. Ich weiß, daß Sie kein armes Mädchen heiraten können und bin gottlob in der Sage, Ihnen über alle Schwierigkeiten hintvegzuhelfen."

Diese Erklärung genügte Harald vollkommen, galt Synden doch allgemein als ein Mann, der gewissenhaft hielt, WaS er versprach, und nichts versprach, was er nicht halten konnte.

Harald kutschierte heute selbst. Die ungarischen Jucker flogen mit dem l iechten Handwagen mir so da­hin, daß bie Stadt in weniger al§ einer Stunde er­reicht war.

Harald siebte schöne Pferde, wie er überhaupt auf die Äeußerlick^eit bc5 Lebens mehr gab als sich mit seinen Verhältnissen vertrug. Aber zu dem En schluß, sich von all diesen schönen Aenßerlichkeiten zu tr'nnen,

*onnte er sich nicht durchringen, ebenso wenig wie seine Mutter und seine Schwestern.'

Sie waren eben alle in den Anschauungen eines großen reichen, vornehmen HauseS auferzogen und vor. mochten sich von diesem Zauber nicht zu befreien.

Ter Weg führte Harald an der großen Maschinen­fabrik SyndenS vorüber. Die hohen’ Schornsteine dampften, au8 den Werkstätten drang ein dröhnendes Hämmern und Pochen und-in dem Schmelzofen glühte bie Esse wie ein kleiner Vulkan.

Geschäftig eilten tie Arbeiter hin Und T>"r. Vor dem Tor: hielt ein schwerer, niedrig gebauter Wagen, wel- cher einen riesigen Maschiuenkessel zur Bahn beförb-rn sollte. Eine Anzahl Arbeiter waren noch damit beschäf. tigt, ibn auf dem Doyen zu befestigen und der erste Duchbalter, Horr Mantel, bändigte einem Angestellten, der die Verladung de; Kessels auf der Dahn überwa- eben sollte die Frachtbriefe aus. Alles atmete Arbeit und rege Geschäftigkeit.

Unwillkürlich hielt Harald fein elegantes Es. spann an * >

Aussprache durchweg noch den Beschlüssen des Ausschusses angenommen. Die vorgenommenen Aendenmgen sind ge­ringfügiger Natur. Wesentlich ist nur eme Abänderung, die von den bürgerlichen Parteien gegen bie gesamte Link« durchgesetzt wurde und die bei den Steuerbefreiungen eine gegenüber der Ausschußsassung erweiterte Befreiung der Kirchen sowie der kirchlichen und religiösen Ge­meinschaften bes öffentlichen Rechs vorsieht.

Donnerstag: Kriegsoerbrechengesetz.

Preutzische Landesversammlung.

Die Lanbesversannnlung nahm am Mittwoch nächst einen Antrag über Unverletzlichkeit des Gebäudes der SanbeStictfammlung ge^ genüber gerichtlicher, militärischer oder politischer Tä­tigkeit einsttmmig an. Ebenso stimmte das Haus einem Antrag Hammer (Dntl.) zu. in dem die ©taatSregie. tung ersucht Wirtz, dem deutschen Handwerk nriru dostens 30 und dem Einzelhandel 10 Vertreter im ReichSwirtschaftSrat zu sichern. Lurch eine demokratische Anfrage Über den Solinger G a- neralstreik erfuhr man dann recht wenig erfreu­liche Dinge. Gegen den Willen der Organisation und unter Mißbilligung selbst des Deusschen Metallarbeiter.^ Verbandes hat eine wilde Stteikleitung nicht nur in der Industrie sondern auch in hauswirtschaftlichen Bc. trieb'n den Generalstreik erklärt, zu dessen Durchfüht- rung ein geradezu unerhörter Terror angewandt wurde. Und das schönste ist, daß den Ausständigen auch noch von Komunalverbänden Volksküchen eingerichtet wor­den sind. Mit einer gewissen Resignation stellte der Unterstaatssekretär Eöhre fest, daß dies im Wider­spruch zu den Verordnungen stehe. Aber was kann, man mach'n? Solingen ist von den Engländern bc.. setzt. Der Unabhängige Bellerl triumphierte: Sc»-, lange die britische Deiatzungsbebörde dort ist. kann sich Herr Severing zum Glück in Solingen nicht'als Noske. gebärden. Weil nämlich die Regierung gesagt hatte, der Staatskommissar sei angewiesen, nötigenfalls mit Machtmitteln einzugreifen.

Nach dieser rmerquncklichen Mngelegtetnheit begrün- d-te der ZentrumSahg. Dr. Rauscher eine förmliche Anfrage über Grenzrecfülierung im Kreise Monschau und die Bahnlinie Aachen-St Vieth..Die Machenschaften der Belgier in dieser Ecke des Reiches finden im Friedensvertrag durchaus keine Stühe und das deutsche Mitglied der dentsch-belgikchen Grenzkom­mission ist angewiesen, entschiede Vorstellungen zu erheben.

Bei der Beratung der Anträge über den fanget an ZeitungStz ruckpapier nahm sich ber Zen. trumSabg. Dr. Heß der Presse besonders an wobei et den Satz prägte, daß die game Kultur gefährdet ist wenn der Buchdrucker seine Tätigkeit einstellen mu£

Donnerstag: Kleine Vorlagen.

Deutscher Reich.

c Geschöfisführender Ausschuß für 8as Reichs- parteisekreiariat. Wie uns mitaeteilt wird, sind inner« halb des für dos Reichsparteifekretariat der Zentnnns- partei gebildeten geschäftsführenden Ausschüsse (Kura­torium) die Geschäfte in der Weise verteilt worden, daß der Abg. D u r l a g e die Stellvertretung des Vor­sitzenden Geh. Trimborn, Geh. Iustizrat Ät­sch e r t die Verwaltung der Kasse und Abg. Dr. Brauns die Gcschäftsfühmng in den übrigen An­gelegenheiten des Reichsparteisekretariats mit seinen durch den Beschluß des Parteitags festgelegten Auf­gaben übernimmt.

c Sine Derlugung der preußischen Landesversmnm-. fang bis zum Mittwoch der nächsten Woche soll cm Freitag eintreten, man will jedoch versuchen, die Ar­beiten so weit zu fördern, um schon heute die Vertagung eintreten zu lassen. Die Pause soll den Fraktionen Ge- legenhcit geben, den Derfasiungsentwurf zu beraten.

* T'ie neue Bcsitzstruer. Der Reicbsrat bat dem neuen Besstzfteuergefetz zugestimmt. Es tritt an bie Stell« ber jetz’aen Ercänzunossteiwr. Der Reichs« finanzmin’fter bet tne-'cn beS fcrt allgemeinen Wider.'

Roch niemals hatte ibn diese rmmiSgesetzte, fast sie. berhafte Tätigkeit, bie rastlose Arbeit so in’eressiert wie heute. Ihm ward orbenflich frei und leicht urnS Herz, als er die arbeitenden Männer mit den schweißtriefen­den. rußgeschwärzten Gesichtern und dieses unablässige. Getriebe der großen Fabrik beobachtete.

Es konnte um Lyndon doch unmöglich schlecht stehen, wenn in seiner Fabrik noch eine so rege Tätigkeit enL faltet wurde.

Hier war nichts von Verfall ober Ruin zu bemer­ken, wie bei ihm daheim, wo der Wind durch die Dächer der Scheunen pfiff und der Regen an die zerbrochene» Fenster klatschte.

Harald rief Herrn Mantel ein fröhliche- „Guter» Tag" zu.

Mit höflichem Gruß trat ber Buchhalter auf ihn zu.

„Guten Tag Herr Baron," entgegnete et. „Wie ist Ihnen das Fest bekommen? Natürlich gut Wolle« Sie nach V-lla Luisa?"

„Ja. Aber vielleicht kann ich Herrn Synden hier gleich begrüßen?"

Ta flog es wie ein leichter Schatten über daS Ge. sichl des Buchhalters.

„Es tut mir leid. Herr Baron, Herr Synden iK heute morgen nach Bersin gefahren."

„So plöbsicb? Er sagt« doch gestern keine Silbe von dieser Reise?"

_ -Im Ge'cbäftSleben komme« ost ganz unvorher­gesehene Fälle vor, Herr Baron. Herr Synden erhielt noch in der Nacht ein Telegramm, welches ihn nach Berlin rief."

-So — fo. Wohl wegen Wellhmifen Söbne?" Herr Mantel zuckte vielsagend mit den Schulter^ „Ich kann darüber nichts sagen, Herr Baron." „Sie haben gewiß schon von dem Zusammenbruch des Hauses gelesen?"

„Ja, gewiß. Aber die Zeitungen schreiben ja manch­mal etwas, was nicht wahr ist. Ich hoffe, daß nicht so schlimm fein wird."

„Dann kehrt Herr Synden zurück?"

„Ich weiß es nicht, Herr Baron. Vielleicht schon heute nachmittag mit dem Schnellzuge."

„So werde ich ihn erwarten. AdieU-.H^ Mantel."

„Adicu Herr Baron."

Ein leichter Zungenschlag und bie ungarischen Juk. ker trabten weiter. rtjiDA q|

.(Fortsetzung fofatj