Die Erzberzer-Krisis.
Helfferich hat unter freundlicher Beihilfe zahlreicher Erzbergerfeinde den ganzen Schult der vergangenen Jahre durchwühlt, um was immer er an Dreck finden könnte, zu sammeln und es seinem f Gegner an den Rock zu werfen „Es bleibt immer etwas hängen". Allem Anschein nach hat Helfferich auch erreicht, daß die Bekleidung Erzbergers der l öffentlichen Meinung nicht mehr salonfähig erscheint, l was ihm die weicere Wirksamkeit im öffentlichen Leben vorläufig sehr erschwert, vielleicht sogar unmöglich macht. Die Enrlastungsaussagen zu Gunsten Arzbergers in der gestrigen Verhandlung werden öas Urtell bei der Masse nicht mehr wesentlich ändern. Statt in Zweifelsfällen zugunsten des Angeschuldigten i zu entscheiden, urteilt die öffentliche Meinung eher zu ' seinen Ungunsten, und zwar um so lieber, je hervorragender seine Stellung bis dahin war. Ein Politiker und namentlich ein Minister braucht ober eine größere Portion von Respekt und Ver« trauen, als ein Privatmann. Wenn die öffentliche - .Meinung zu ungünstigen Urteilen veranlaßt ist, mögen es auch ungerechte Vorurteile sein, dann lähmt das seine amtliche Tätigkeit. Solche Aus- schaltung einer politischen Persönlichkeit ist keine Schande, sondern ein Verhängnis. Es kann aber ‘ rin Schaden sein, und das ist es leider im vor- liegenden Fall. Wie man auch sonst über Erzberger > urteilen mag, er zeichnet sich aus durch einen klaren s Kopf, eine gewandte Hand, ein großes Wiffen und , einen außerordentlichen Fleiß. Wenn er ausscheidet, so entsteht im polttischen Getriebe eine große Lücke, die schwer auszufüllen sein wird.
Der Standpunkt des Zentrums.
Die Zentr.-Parl.-Korresp. teilt mit: Zur Angelegenheit des Reichsfinanzministers Erzberger hat der Reichsvorstand der Zentrumspartei und der Vorstand der Zentrumsfraktion t der Nationalversammlung eine Entschließung gefaßt, m welcher die endgültige Stellungnahme zu der An- lezenheit vorbehalten rvird, bis die tatsächlichen Feststellungen des Urteils in der schwebenden Straffache [ gegen Helfferich und die Ergebnisse des Verfahrens vor der Steuerbehörde gegen Erzberger vorliegen.
>Ä Das ist ein Entschluß, der, wie wir bereits mehr- - fach betonten, einzig und allein der augenblicklichen Sachlage entspricht. Bevor ein Urteil und eine Entscheidung möglich ist, muß man abwarten, welchen i Spruch das Gericht fällt und wie es ihn begründet.
Prozeß Erzberger-Helfferich.
Schluß der Beweisaufnahme.
r Auch in den Montagsverhandlmigen spielte die hohe ; Politik eine große Rolle im Moabiter Gerichtssaal. Je | mehr der Prozeß sich seinem Ende zuneigt, umsomehr f scheint übrigens Helfferich den Beweis erbringen zu wallen, daß er in seinem Auftreten einem Indianer nicht , vachgibt. Man weiß nur nicht, über was man sich mehr kiwundern soll: Heber die Dreistigkeiten, die sich der An- ? .geklagte Helfferich erlaubt oder über die Geduld und un- begreifliche 'Nachsicht, die der Vorsitzende diefem unquali- r -sizierbaren Treiben gegenüber an den Tag legt. Zahllose Abmahnungen und selbst das Drohen mit Ordnungsstrafert Haden nicht zu dem Erfolg geführt, Helfferich macht nach wie vor, was er will. Heber diese Dinge und darüber, 'wie sie möglich waren, wird nach diesem Prozeß noch ein st kräftiges Wort zu reden fern.
H Der gestrige Verhanülungstog wurde ein geleitet mit der Erörterung der angeblichen Demlnzierung Helfferichs m der belgischen Frage. Helfferich erklärt: Der Vorwurf der „gemeinen Denunziationen" in meiner Broschüre bezieht sich auf den Vorstoß, den Crzberger in der „Deutschen Allg. Zig." am 23. Juli 1919 in Bezug auf die belgische Frage unternommen hat. Erzberger hatte das objektive Bewußtsein, daß er mich in die Gefahr der Auslieferung brachte. Das bewies auch feine Rede, die er
sechs Tage später in der Nationalversammlung gehalten hat. Erzberger wird hierauf als Zeuge vernommen und erklärt: Alle Behauptungen des Angeklagten auf diesem Gebiete kann ich unter meinem Eide als falsch bezeichnen. Den Vorwurf der Denunziation weise ich mit der größten Entschiedenheit zurück. Erzberger verliest hierauf eine Stelle aus dem stenographischen Protokoll der Sitzung der Nationalversammlung vom 29. Juli 1919, um zu beweisen, daß die Aeuherung „bann können Sie sich nicht beklagen, wenn gewissen Persönlichkeiten das Mißgeschick passieren sollte, auf die Auslieferungsliste gesetzt zu werden" nicht eine Aeußerung von ihm, sondern von dem Abg. Rießer war, die er (Erzberger) in feiner Rede nur zitiert habe. Der Sinn meiner Rede war jedenfalls ein ganz anderer als der Angeklagte hier darstellt. Vorsitzender: An eine Nennung des Namens des Angeklagten in diesem Zusammenhänge haben Sie also nicht gedacht? Erzberger: Nein!
Im weiteren Berlaufe der Verhandlung traten eine Anzahl von Entlastungszeugen für Erzberger auf. In all den Punkten, die von Bethmann Hollweg und von Helfferich sowie von dem auch im jetzigen republikanischen Regime eine nicht unwichtige Rolle spielenden H nt er staats- fetrefär Lewald gegen Erzberger vorgebracht wurden, nicht zuletzt aber auch bezüglich der Aussagen des Abg. Dr. Spahn wurden Erzberger Entlastungen zu Teil, die sehr ins Gewicht fallen muffen. Die Aussagen, die Minister Giesberts gegenüber Spahns Darstellungen machte, sind von besonderer Bedeutung. Giesberts erklärte ausdrücklich, daß die Zentrumsfraknon auf das genaueste über die Absichten Erzbergers informiert war, daß es sich nicht um einen Vorstoß und namentlich nicht um eine Aktion zum Sturze des Kanzlers handelte. Die Verteidigung Erz- bergers stellt fest, daß Spahns Gedächtnis in den Tagen vor Einbringung der Julirefolution „nicht recht disponiert gewesen ist". Giesberts muß das bestätigen. Giesberts gerät mit Helfferich auf das schärfste aneinander, als dieser angebliche Indiskretionen in der Zentrumspartei auf das Tapet bringt. Minister David, der übrigens als erster von allen bisher auf gerufenen Zeugen den Eid nicht in der religiösen Formel ablegt, beftäligt vollständig Erzbergers Darstellungen über die damalige Lage. Der Kanzler sei ganz genau unterrichtet gewesen und die Regierung war orientiert darüber, daß „eine sehr kritische Situation" vorhanden war. David bestätigt auch, daß sich die Dinge damals ganz organisch entwickelten. David stellt hn übrigen fest, daß die Friedensresolution keine Resolution Erzbergers war, fonbem daß sie in einer Besprechung der vier maßgebenden Parteien, des Zentrums, der Sozialdemokraten, der Demokraten und der Nationalliberalen festgelegt wurde, David fügte hinzu, daß ihn angesichts dieser 'Tatsachen die Erklärungen Bethmanns auf das äußerste überrascht hätten. Giesberts erklärte noch zu der Frage der Steuervorlagen, einer Aeußerung Erzbergers, daß der Reichskanzler auf die Durchführung der Vorlage keinen Wert läge, würde er sich unbedingt erinnern. Eine so bestimmte Aeußerung des Reichskanzlers wäre, wenn er sie gehört hätte, fernem Gedächtnis gewiß nicht entfallen.
Nach der Vernehmung einiger werterer Zeugen erklärte Landgerichtsdirektor Baumhoch' im Einverständnis mit allen Prozeßbetelligten die Beweisaufnahme für geschlossen. Dienstag wird als Vertreter der Staatsanwaltschaft zunächst Oberstaatsanwalt Krause vlaidieren.
Die Wahlhoffnungen ver Rechte«.
Die Parteien der Rechten wittern Morgenluft. Sie hoffen, mit ihrem Geschrei über den Prozeß Erzberger die Wähler so einzuwickeln, daß sie bei der nächsten Wahl ihnen in Massen zulaufen und eine Mehrheit verschaffen. Gegenüber solchen, ausschweffenden Hoss- nungen ist nicht ohne Interesse eine Untersuchung, die der Abg. Dr. Böhme in der Zeitschrift „Deutscher Bauernbund" niacht, in der er folgendes feststellt:
Die große grundlegende Veränderung, die die Re. volution gebracht hat. ist die Verteilung der Mandate rein nach der Kopfzahl. Die frühere, das flache Land und die kleinen Städte begünstigende Bevorzugung der kleinen Wahlkreise ist lveggefallen. Wäre bas jetzige Wahlsystem in Kraft gewesen, die großen Siege, , die in früheren Jahren die Reichsregiernng bei Auflösun- gietn wegen Mlitärvorlagen erfocht, wärqir niemals
, eiugetveten. Die kleinen Wahlkreise waren, wenn man vom Zentrum absieht, ganz in erster Linie die Hoch.
! Burgen von Konservativen und Nationalliberalen. den \ heutigen Oppositionsparteien. Auch ene andere Be. trachtungsweise führt zu dem gleichen Ergebnis. Im Jahre 1912 entfielen auf die Konservativen und antisemitischen Richtungen von sämtlichen abgegebenen Stimmen nur 15,7, auf die Nationalliberalen 14 Pro. zerrt. insgesamt noch nicht 30 Prozent. Würden beide Parteien den Prozentsatz der Stimmen erreichen, den sie in Friedenszeiten gehabt haben, so würden sie auf 30 Prozent von 421 Mandaten zu rechnen haben, das sind 126. Es ist aber in hohem Grade unwahrscheinlich, daß auch nur entfernt dieser Prozentsatz erreicht wird. Die Stärke der konservativen Zartei beruhte in erster Linie in den Zeiten vor der Revoluton auf den Stimmziffern, die sie in den Gutsbezirken erhielt. Die Arbeiter der Gutsbezirke sind aber zum mindesten Mehrheitssozialdemokraten, sehr häufig unabhängige Sozialdemokraten. 1907 erhielten die beiden Rechtsparteien, deutsche Volkspartei und Deutschnatiionale, 3,5 Millionen von 11.3, 1903 3 von 9,5 Millionen. Wesentlich verschlechtert hat sich die Lage für beide Parteien durch die Abtrennung Posens und des größten Teiles von Westpreuhen. Der Vermehrung der Zahl der Mandate beider Parteien sind somit außerordentlich enge Grenzen gezogen. Wenn beide Parteien zusammen ihre Mandatsziffern um 50 Prozent vermehren sollten, wäre mit Rücksicht auf di? dargeleg- ten Umstände das Höchstmaß des Zutoachses erreicht. Sie würden nach wie vor eine einflußlose, hoffnungs. lose Opposition bleiben.
Diese Feststellungen werden sich in der Hauptsache kaum widerlegen lassen. Im Wahlkampfe werden die Helfferichparteten gewiß erklären, nur sie könnten Deutschland aufwärts führen, nur sie könnten, aus den Ruinen, — die sie geschaffen haben, — neues Leben erwecken, und nur sie besäßen die „nationale Zuverlässigkeit". Wir werden dem Volke dann eben zeigen müssen, daß diese Leute nur jeden Aufstieg verhindern könnten. Wir werden zeigen, daß ein Erfolg der Rechten zu neuen inneren Unruhen und . wirtschaftlicher Schwächung führen müßte, und werden zeigen, daß die Möglichkeiten für eine Revision des schändlichen Versailler Vertrages durch einen Erfolg der Rechten in Deutschland sofort vernichtet werden würden, und wir werden die Wähler fragen: ja oder nein, wünscht ihr die Revision? Es ist doch wahrscheinlich, daß die ungeheure Mehrheit des deutschen Volkes intelligent genug sem wird, um dem deutschnationalen Feuerwerk die Wiederkräftigung Deutschlands vorzuziehen. Der Versuch, die Verhandlungen im Erzberger-Prozeß zur Stimmungsmache gegen die Koalitionsregierung, insbesondere gegen das Zentrum, auszunützen, wird f e h l s ch l a g e n. Man kann nicht ost genug wiederholen, daß das Ergebnis des Prozeffes für oder gegen die Person Erzbergers bestimmend sein mag, aber nie und nimmer etwas für oder gegen seine Politik u. die damit übereinstimmende Politik des neuen Deutschland sagt. Mit den Dingen, die Erzberger zur Last gelegt werben, hat das Zentrum und hak die Koalitionsregierung absolut gar nichts zu tun. Es sind persönliche Sachen, die in Moabit verhandelt werden, nicht Angelegenheiten einer Partei oder der Negierung. Auf die Stellungnahme der Zentrumspartei zur Koalition und zur Koalitionspolitik kann es daher nicht den mindesten Einfluß haben, wenn etwa die Person des Abg. Erzberger ausgeschaltet werden müßte.
Das Wirtschaftsleben.
* Tie Mehrschichten. Die auf einigen Gruben im Ruhrkohlengebiet begonnenen Streiks wegen der Ueberschichten sind inzwischen fast alle beendet.
* Eine Hauptversammlung der deutschen Ziegelund Ton-Industrie verlangte bessere Kohlenbelieferung und Befreiung von der behördlichen Zwangswirtschaft.
* Die Streiklage in Frankreich wird von amtlicher Seite als gebessert bezeichnet.
Kredit für Deutschland.
Unsere Mark gilt im Ausland etwa 4 Pfennig. Kürzlich hat ein Amerikaner in Leipzig eins der besten,' Geschäftshäuser für den lumpigen Betrag von 15 000 Dollars erstanden; er konnte das, weil diese 15 000 Dollars zurzeit bei dem jetzigen Valutastand nicht weniger als Ich- Millionen Mark ausmachen. Ein Verbot der Eintragung ausländischer Besitzer deutscher. Grundstücke oder gar die Vorschrift, daß Inlandsgrundstücke an Ausländer nur mit Genehmigung der Behörde verkauft werden dürfen, sind Hech dem Friedensvertrag nur dort zulässig, wo sie schon am 1. Juli 1914 bestanden, d. h. in Hessen und Hamburg, insbesondere aber nicht in Preußen. Wir haben keinen Schutz gegen diese Ausplünderung und die Hoffnung auf Besserung wird immer geringer.
Die neue Rohstoffe hereinschaffen?
Rohstoffe brauchen wir, um arbeiten zu können. Und schwer arbeiten müssen wir, um leben zu können. Sonst bekommen wir keine Nahrungsmittel aus dem Auslande, und die brauchen wir dringend, weil unsere Landwirtschaft sie nicht in ausreichender Menge liefern kann. Man hat nun den Weg des Veredlungsverkehrs vorgeschlagen: Deutschland soll Rohstoffe oder halb- fertige Waren aus dem Auslande bekommen, um fie; gegen Lohn zu verarbeiten und dann wieder abzuliefern. Die reine Lohnsklaverei! Doch wir wären froh, wenn das Ausland sich darauf einließe. Aber es will nicht! 3nfo[ge der Diebstähle auf der Eisenbahn kann kein Mensch mehr für solche ausländischen Waren gutsagen, und die Folge ist, daß die Ausländer sich bestens für die Hersendung bedanken, jedenfalls nicht die Absicht haben, größere Mengen Waren zu senden.
, Wir muffen also die Rohstoffe kaufen. Geld haben wir nicht. Bei der heutigen Valuta ist es einfach unmöglich, mehr als das allerdringendste hereinkommen zu lasten. (Bohnenkaffee und Tabak sind da ein Artikel für sich, über das jeder denken kann, wie fein Gewissen es ihm vorschreibt.)
Für Rohstoffe müssen wir Kredit bekommen.
Die Versuche der Regierung, hierfür Kredit aus dem Auslande zu bekomm«», sind fehlgeschlagen. Die ausländischen Kapitalisten haben sich angesichts der unruhigen Haltung in den wirtschaftlichen Betrieben bei uns immer mehr zurückgezogen und in steigenden» Grade unerfüllbare Forderungen gestellt.
Man hat der deutschen Industrie hmbgetan, daß man ihr in ihrer Gesamtheit unter Gemeinbürg- schast Kredite eimäumen wolle, nicht aber der Regierung, folange in Deutschland die Verhältnisse so unsicher seien.
Darauf hat fetzt die Industrie beschlossen, ein großes Kreditinstitut für Deutschland zu begründen, das den ganzen Besitz, die ganze Produktion zusam- menfass en soll, bas zunächst ausreichende Bürg- schäften für die nach vielen Milliarden zählenden Valutaschulden zu bieten und dann aber als Grundlage für die erforderlich werdenden Transaktionen zu diener vermag.
Wenn vor 10 Jahren ein solches Kreditinstitut der Industrie begründet worden wäre, wäre damit den heutigen gerade nicht sehr angenehmen Anwachsen der Monopolbanken ein Riegel vorgeschoben worden. Die Gründung unter diesen Verhältnissen ist äußerst peinlich; denn sie bedeutet die Mobümachung unseres industriellen Eesamtvermögens zur Verpfändung an das Ausland.
Aber leider bleibt uns nichts anderes übrig. Mr werden uns danach eben wieder losarbeiten muffen.
47.3atjrg.
Nr. 51.
Verantwortlich für den rebattioneUen Teil: Karl Schütte, für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. 5 Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda- Fernjprecher Nr. 9. Telegr.-Adreffe: Fuldaer Zeitung
Dienstag- 2. Hlärz jy20.
Bezugspreis: Monatlich 1,30 Alk. ohne Zustellungsgebühr, u In Fulda bei uns abgeholt 1,40 Alk. U
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Der Arbeit Lohn.
Roman von Otto Elster.
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2. Kapitel.
M Die Freoersdorffschen Damen erschienen am Mor- Seu nach dem Feste erst spät in dem Frühstückszimmer.
F, Es war ein naßkalter Herbstmorgen und durch die geöffneten Türen, die auf die Veranda! führten, strömte eine feuchte Luft herein, so daß die Baronin dem Dieser sofort befahl, die Türen zu schließen.
Die welken Blätter der Bäume und Büsche im Park ia draußen fielen raschelnd hernieder und bedeckten die Rasenflächen und die Wege mit einem buntfarbigen Teppich, Ein rauher Wind trieb dichte Ncbelwolken sich her, die in zerrissenen Fetzen an den bereits entlaubten Baumkronen hängen blieben. Eine Krähen- lcher schwebte krächzend und flügelschlagend über den Dark dahin, besten Verwilderung in dieser unfremid- «cheu Herbsfftimmung noch krasser als sonst hervortrat. . „Sie hätten bei solchem Weiter Feuer im Kamin ^nzünden sollen, Wilhelm", sagte die Baronin verdrießlich, indem sie sich fester in ihren Morgenrock einhüHte. f Schweigend setzten sich die Damen zum Frühstück nieder.
:. Einige Briefe und JourMsie waren angelommen wurden gelesen. Tann beschäftigte man sich mit ■ gestrigen Feste, nachdem der Diener sich entfernt
M, „Fandest Du nicht auch, Mama", fragte Brunhilde, f'pc reife Schönheit von fast dreißig IMren, „daß diö- ker Prunk etwas Protzenhastes an sich trug." i»O, gewiß — aber das muß man dem Lynden zu GArte halten. Solche Leute toiffen nie eine Grenze zu I sehen."
B »lind wie stolz diese Edelgard Lyndon sich benahm", ®°tf die zwanzigjährige Ehrengard ein. „Es ist eigentlich ^erlich — dieser Name! Edelgard Lynden! Nun, als . ■oelgarb v. Frcsdersdorfs nimmt sich das doch bester aus." K, Brunhilde lacht« spöttisch aus.
l „Einen guten Geschmack hat Harald wenigstens ge- S, meinte die Baronin lächelnd. „Man sieht seiner die bürgerliche Abkunft nicht an. Edelgard ist eine PW schöne Erscheinung."
.»Ohne Frage", sagte Brunhllde schnippisch. „Nach Einern Geschmack nur etrogs zu kalt.
Eine Pause tritt ein.
Dann sagte die Bmonin:
„Leutnant v. Fritzen hat gestern viel mit Dir getanzt, Ehrengard — hat er sich erklärt?"
„Noch nicht, Mama. Aber er hat Andeutungen gemacht . .
„Mst Andeutungen kommt man nicht weiter. Nun, ich denke, wenn Harald erst in der Sage ist, uns unser Vermögen auszuzahlen, wird Herr o. Fritzen schon Worte finden. Ah, da kommt ja .Harald!"
Harald v. Fredersdorff trat ein. Seine nasse Joppe und feine beschmutzten hohen Stiefel bewiesen, daß er draußen, schon tätig geivefen war.
„Verzeih, Mama," sagte er, seiner Mutter die Hand küssend, „daß ich in diesem Aufzuge komme. Aber ich wollte nur eine Kleinigkeit genießen, um bann nach dem Vorwerk hinauszmeiten. Wir sahen da eine Dreschmaschine stehen ..."
„Ich muß deinen Eifer loben", unterbrach ihn die Bmonin lächelnd, „mit dem du dich der Wirtschaft annimmst, lieber Sohn."
„Ja, Mama," lachte dieser, „ich selbst wundere mich oft, welch famofer Landwirt in mir steckt. Aber was soll man machen, wenn man vorwärts kommen will?"
„Nun, bald hast Tu es ja nicht mehr nötig. Dich so eingehend um die Wirtschaft zu kümmern. Herr Lynden meinte gestern, ihr solltet nach eurer Hochzeit auf einige Mo-nate nach Italien gehen."
„Das ist mir fchon recht, Mama!"
„Wann wollt chr denn eigentlich heiraten,"
„Nun, so bald wie möglich, wenn's nach mir geht," entgegnete Harald lachend.
„So müssen wir uns Wohl zu dem Umguge nach Berlin rüsten?"
„Ihr wollt nach Berlin ziehen, Mama?"
„Ja, mein Junge. Denkst Du denn, wir wollten hier Deine junge Ehe stören? In solch junge Ehe passen (sdrtviegermuttcr und Schwägerinnen nicht hinein."
„Aber das wird eine Menge Geld kosten I"
„War es nicht verabredet, daß Tu uns nach Dci-- ucr Verheiratung auszahlen solltest?"
»Ja . . . aber ich lveiß doch nicht . . ."
'„Ob Dir das möglich ist? chewiß wird es Dir mög. lieh fein. Ich habe schon mit Herrn Lynden darüber gesprochen; er ist ganz meiner Ansicht, daß ihr hier allein wirffchaften müht. Er will die Hypotheken, welche auf Fredersdorfs stehen, ablösen; auf diese Weise bist Du in der Lage, uns aUszahlen zu können.
oder koch wenigstens unser Erbteil zu verzinsen, das dann auf das Gut eingetragen • werden kann."
„Ich bin es zufrieden . . ."
„Sieh mal, mein Junge," fuhr die Baronin in überzeugendem Tone fort, „Du hast doch nun einmal mit der Hebernahme des Gutes auch die Verpflichtung auf Dich genommen, für mich und Deine Schwestern zu forgeit, deren Ansprüche auf das Gut ebenso groß sind, lt>ie die ©einigen, denn Fredersdorff ist kein DLfforat. Wir find aber bereit, auf diese Ansprüche zu Deinen Gunsten gegen eine angetneffenc Abfindung zu verzichten."
„Ich denke, wir haben das fchon besprochen. Mama."
„Allerdings, aber ich mochte die Angelegenheit noch einmal klarstellen. So wie jetzt, kann die Sache nicht weitergehen. Das hast Du auch eingesehen, und sehr klug daran gehandelt, Dix eine reiche Frau zu suchen."
„Mama, ich bitte Dich — ich liebe Edelgard!"
„Gewiß, gewiß, und ich freue mich daß alles fo gut stimmt. Deshalb kann man doch über diese Angelegenheit ruhig sprechen. Wir überlassen Dir das Gut — Tu zahlst uns dafür bunderttaufend Mark in bar aus und hunderttausend Mark können auf dem Gute für mich stehen bleiben. Wenn ich sterbe, bekommst Du ja ein Drittel davon. Das Gut selbst hat einen Wert von fechsnralhunderttarrsend Mark."
„Ich bin damit einverstanden, Mama, wenn ..."
„Nun, trenn?"
„Wenn meines Schwiegervaters Mittel dazu reichen."
„Da sei unbesorgt! Ich kenne die VermögcnZver- hälststsse Lhndens ganz genau. Er sagte mir selbst, daß er ein: halbe Million in Staatspapieren beim Bankhaus« Wellhausen Söhne deponiert habe — ganz abgesehen von dem Wert seiner Fabrik . . ."
„Bei Wellhausen Söhne sagst Tn?" fragt,, Harald erschrocken.
„Ja — Lynden hat es mir selbst mitgctcilt."
„Nun. fo lies einmal diese im Handelsteil der heu. tigen Zeitungen stehende Nachricht!"
Damit reichte Harald seiner Mutter das Blatt hin. über und diese las:
„Wie uns mitgeteilt wird, steht es mit dem Bankgeschäft Wellhausen Söhne sehr schlecht. Der Chef der Firma bat sich in sehr gewagte Spekulationen eingelassen und mußte seine Zahlungen einstellen. Der Koickurs fnn i-ban anaemelbct sein. Ob auch die De.
pofitäre in Mitleidenschaft gezogen sind, steht noch dahin."
Die Baronin erbleichte.
„Tas ist entsetzlich." murmelte sie.
„Vielleicht ist es nicht so schlimm, lote es im ersten Aulgenblick aus sieht," versetzite Harald. „Das Bank, haus erfreute sich bisher eines guten Rufes und wird, wohl die Depots nicht angegriffen haben. Immerhin aber bedeutet der Konkurs der Bank einen fchweren Schlag für Lynden, der, wie ich weiß, mst Wellhauseri Söhne in enget, geschäftlicher Verbindung stand."
„Was willst Du jetzt tun, Harald?"
„Was soll ich tun? Ich muß abwarten, welche Mitteilungen mir Lynden macht."
„Ich würde Dir raten, sofort zu ihm zu sichren, um mit ihm persönlich di« Sachlage zu besprechen."
„Welchen Grund hätte ich dogu?. Ich kann mich doch nicht in seine geschäftlichen Angelegenheiten ms- scheu."
„Er ist doch verpflichtet, Dir Auskunft zu gebet!*
„Ich wüßte nicht, inwiefern."
„Wer Du hast doch um seine Tochter geworben, in der Meinung und VorwKsetzung, daß er ein reicher Mann ist!"
„Freilicks. sonst würde ich Edelgard nicht näher gey tretat fein."
„Nun also! Wenn diese Vorausfetzung nicht zu- trifft, ist die Folge davon Laß . . ."
„Mama?!"
„Nun ja — daß diese Verlobung rückgängig gemacht werden mich!" sagte die Baronin in scharfem und bestimmten Ton.
„Das hängt doch wohl hauptsächlich von meinem Willen ab, Mama!" entgegnete Harald mit leicht bq-, bender Stimme. >
„Von Deinem Willen nicht allein! Du kannst eben' kein armes Mädchen heiraten, ohne dadurch Dich selbst und uns der äußersten Not auszusetzitzr."
Harald erhob sich
„Laß es gut sein, Mama," sagte er, sich mühsam zur Ruhe zwingend. „Wir sind noch nicht soweit — viel, leicht find unsere Erörterungen ganz überflüssig. Wenn eS Dich beruhigt, werde ich nach Tisch zu Lynden fahren, er wird mir schon reinen Wein oinschenken, wenn. er es für nötig hält."
^Fortsetzung folgt.)]