Einzelbild herunterladen
 

Nr. 49.

Verantwortlich für den redatrionellen Teil: Kart Schütte, für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. n Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung

Samstag, 26. Februar 1920.

Bejagspreis: Monatlich 1,30 Mk. ohne Zustellungsgebühr, u In Fulda bei uns abgeholt 1,40 Alk. u

Anzeigenpreis: Die K l e i n z e i le (nach Colonelfchrist) 50 pfg., die Reklamezeile (Textbreite) 1 Mk., bei Wiederholung Rabatt.

47. Zahrg.

LerKampf gegen den Reichsfinanzminister.

Die Nationalversammlung hat gestern mit der Veratung der Steuervorlagen begonnen, die die materielle Grundlage für die politische und tont» Gesundung Deutschlands sichern sollen.

Für den guten Ausgang des großen Werkes müßte der Reichsfinanzminister seine ganze Tatkraft einsetzen. Aber was sehen wir? Gerade jetzt wird der verantwortliche Leiter der Finanzpoli- tif gezwungen, seine Kraft und seine Zeit zu ver­zetteln in einem endlosen Prozeß, der alle kleinen und großen Schutthaufen der vergangenen Jahre umwühlen und durchstöbern soll. Die Zei­tungen muffen (wohl odrt übel) ihren kostbaren Raum mit den Verhandlungsberichten füllen, um die öffentliche Meinung auf "dem Laufenden zu er­halten über sämtliche Gedanken, Worte und Werke, die der vielgeschäftige Herr Erzberger seit Beginn seiner parlamentarischen Laufbahn gehabt, gesagt, ge­tan, zugestanden, vergeffen, bestritten haben soll. Auch ; über seine Einnahmen und Au. gaben, seine Mahl­zeiten in den Gasthäusern und die Lebensmittel in der häuslichen Küche. Ein Heer von ehemaligen und gegenwärtigen Staatsmännern und Industriellen wird aufgeboten, um aus ihrem Gedächtnis oder den ^verstaubten Akten die Streitfragen wegen der Ver­gangenheit aufzukläten. Nachdem unsere Niederlage seit l1/* Jahren besiegelt ist, verhandelt man jetzt ? mit dem ganzen Aufgebot der strafprozessualen Mit­tel über dte Friedensresolution vom Juli 1917, sals ob die Naturgeschichte dieses Zwischenfalls an dem vollendeten Unglück noch etwas ändern könnte.

Helfferich und Genossen sagen, sie betrieben ihre Naturforscherarbeit in dem Schutthaufen der Jahre zu dem Zweck, die angeblich schädliche Persönlichkeit Erzbergers zu beseitige». Vielleicht gelingt das ihren rastlolen Bemühungen.

Erzberger hat mit einer geradezu leidenschaftlichen | Arbeitslust an tausenden der verschiedenartigsten po­litischen und wirtschaftlichen Dinge sich beteiligt: er hat in erstaunlich vielen Töpfen gekocht. Wenn es s dabei hier und da Schrammen oder Brandblafen ge­setzt hat, so ist das kein Wunder.

Die gestohlenen Akten über die alten Steuererklä- ' rungen haben schon den Anlaß gegeben, daß der von allen Seiten Verfolgte sich vorläufig von seinen Dienst- geschäften entbinden ließ. Bei der bevorstehenden Steuerdebatte in der Nationalversammlung muß ihn bis auf weiteres feine Gehilfe Moesle vertreten. Das ? betrachten die Verfolger als „ihren" Erfolg. Für das Wohl des Vaterlandes ist es aber kein Vorteil. Das werden auch die Gegner Erzbergers, wenn sie die Ge­samtlage überblicken und unbefangen urteilen, ebenso zugestehen müflen, wie mir, die in der persönlichen Frage Neutralität beobachten und das Urteil des Ge- i richtes abwarten. Denn es liegt ja auf der Hand, daß die ungeheuer wichtige Steuergesetzgebung durch diese Störung erschwert, wenn nicht gar gefährdet wird, und daß durch die Erschütterung des öffentlichen Ver­trauens, die sich aus dem Skandal ergibt, unsere wirt­schaftliche Gesundung und unser Kredit im Auslande aufs Spiel gesetzt werden.

Ob die rechtsstehenden Parteien an dieser Treib­jagd parteipolitische Beute heimbringen, ist noch zwei- felhaft. Jedenfalls wäre der Vorteil auf Kosten des Gemeinwohls errungen.

Das Herumwühlen in der abgetanen Vergangen­heit und die persönlichen Kämpfe mögen ja für man« I chen „interessant" fein; heilsam sind sie leider nicht. Dir kommen nicht durch, wenn wir nicht den Blick vorwärts richten und die Hände an den Arbeits- j Pflug legen.

Wir brauchen alle Kraft zum Schaffen und dürfen sie nicht in rückschauender Rechthaberei und Ge- s häfsigkeit vergeuden.

Mm die Regierungskoalikion.

Die politische Tragweste des Prozeßausganges ist umso bedeutender, als Erzberger in der Regierungs­koalition eine führende Rolle spielte und um das Zu­standekommen dieser Koalstion zweifellos große Ver­dienste hat. Darum verfolgt ihn auch der Haß der Deutschnationalen und ihrer Preffe mst besonderer Schärfe, weil sie hoffen, mit seinem etwaigen Sturz die Regierungskoalition sprengen zu kön­nen, die aus Zentrum, Mehrheitssozialisten und Demo­kraten gebildet ist und dafist die Rechte ans Ruder zu bringen. Gelänge das, dann würden schwere innere Er­schütterungen unausbleiblich fein. Man muß ja nun in Ruhe abwarten, wie die Ergebnisse des Prozesies sich gestalten, erst dann wird ein persönliches und politi- fdjes Urteil möglich fein. Mag aber der Prozeß aus­gehen wie er will, mögen daraus Konsequenzen für oder gegen Erzberger zu ziehen fein, die Regierungs­fähigkeit der Koalition muß unter allen Umständen er­halten bleiben. Die ZentrumspolM wird eine Real­politik fein, eine Politik, die mit den gegebenen Verhält­nissen rechnet, ob künftig Erzberger dem Kabinett an­gehört oder nicht. Das Zentrum hat sich auf seinem Reichspartestag für die Koalitionspolitik ausgespro­chen und es wird diese Politik fortsetzen, solange es in dieser den einzig möglichen Ausweg erblickt, der das Schwerste, den Bürgerkrieg, uns erspart und zugleich eine Krästesammlung ermöglicht, die den Aufbau durch­führen farm.

Prozeß Erzberger Helfferich.

Die Friedensresolution vom Juli 1917.

Die Beweisaufnahme im Prozeß Helfferich nähert sich ihrem Ende. Der Vorsitzende ist bestrebt, die Beweisauf­nahme am Montag zu beendigen, so daß am Dienstag be­reits die Staatsanwaltschaft zu Wort kommen soll.

Aus der politischen Auseinandersetzung am Schluffe der DomrerstagoerhaMung über den Erzberge r- schen Vorstoß vom Juli 1917 tragen wir noch folgendes nach: Helfferich erklärte, auf einer Konfe­renz, an der auch der damalige Reichsschatzsekretär Graf Roeden teilnahm, wären die Fimnizfragen der damaligen Zeft erörtert worden und Erzberger habe dabei verspro­chen, rm Hauptausfchuß keine Schwierigkeiten zu machen. Trotzdem hätte er wenige Tage darauf seinen Vorstoß unternommen, bei dem er den Admiralstab und die Regie­rung auf das schärfste angrifft — Erzberger erwiderte, er hätte sein Material, das mit Sicherheit erwies, daß der Admiralstab verhängnisvolle Rechenfehler beging, zimr Teil von Thyssen, zum Teil von anderer Seite erhalten. Gleich bei der ersten Besprechung, als er gefragt wurde, wie er sich verhalten würde, habe er gesagt, er werde seine Taktik von der Antwort des Admiralstabes abhängig machen, dem er fein Material unterbreitet habe. Die Lage war äußerst bedrohlich. Die Sozialdemokraten halten die Absicht, die Kriegskredite abzulehnen. Es wäre nötig gewesen, die Regierung zu der Anerkenntnis zu zwingen, daß Deuffchland und feine Verbündeten einen Abwehrkrieg führten. Diese Gesamttage sei der Aus- gongspuntt der Friedensentschließung des Reichstages im Juli 1917 gewesen. Erzberger will Bethmaim-Hollweg vmausgesagt haben, daß eine Aktion bevorstehe. — Zeuge Abg. Dr. Spahn, der zu diesem Punkte gehört wurde, gab an, er sei von dem Vorgehen Erzbergers ebenso über­rascht gewesen wie die Regierungsmftglieder, deren sich ebenso wie aller Abgeordneter eine gewaltige Erregung bemächtigt hätte. — Zeuge Bethmann-Hollweg: Erzberger hat mit mir über die Absicht einer Kundgebung, wie sie später in der Friedensenffchließung zutage trat, weder gesprochen, noch hat er sie mit mir vereinbart. Meines Erachtens wußte Erzberger, daß auch die Regie­rung nach wie vor daran feschielt, daß wir einen Ver­teidigungskrieg führten; fein Vorstoß erfolgte völlig un­erwartet. Im Gegenteil hatte Erzberger, wie mir vorn Staatssekretär Helfferich mitgeteilt wurde, bei der Bespre­chung am 30. Juni erklärt, das Zentrum werde nichts unternehmen und die Tagung des Parlaments werde völ­lig ruhig verlaufen. Ich hatte den Eindruck, daß Erzber- gers Rede am 6. Juli einen unerwarteten Wandel in sei­nen taktischen Plänen darstellte. Helfferich, Capelle, Zim­mermann und Graf Roedern erstatteten mir Bericht und

Der Arbeit Lohn.

Roman von Otto Elster.

Der Fackelzug der Arbeiter erhellte mit seinen grü- r neu, gelben und roten Lichtern den dunklen Park. Ein KSSetfnteifter hielt eine schone Rede auf das Brarttpaar, der Arüeiteff-Gesanaberein trug einige Lieder vor und ? Herr Lynden ließ Wein und Kuchen unter die Arbeiter eilen.

Das Brautpaar mischte sich unter die Fackelträger, bie mit Weib und Kind gekommen waren. Edelgard Wannte viele von ten Frauen, die ihr Glück wünschten und die Hand küßten; kam sie doch häufig in die ein. Wachen Häuseir der Arbeiter, um die Kranken zu pfle. den und zu trösten um Streftende zu versöhnen, um zu • helfen, wie und wo sie nur konnte.

Mit Erstaunen sah Harald, wie seine Braut von s alt und jung, von groß und klein verehrt und geliebt

„Uh lerne dich von einer ganz neuen und wahr- IFWtig sehr schönen Seite kennen, Edelgard," sagte er Mächclnd. als die Arbeiter sich entfernt hatten und h er mit seiner Braut in dem blumengeschmückten Vesii- Mül stand. „Ms Trösterin und Wohltäterin der Ar. [men —"

„Ich halte es für meine Pflicht, zu helfen," ent. f-$cgnete fit ernst. „Ml das Schöne, was wir besitzen, ja der Lohn ihrer Arbeit."

M „Verzeih, es ist doch wohl in erster Linie der Lohn Arbeft deines Baiers. — Nun," rief ihr Verlobter Wachend „bist Du nicht Deines Vaters Tochter und g-fein?"

„Und habe ich deshalb Anspruch auf all das, was

Reichtum mir bietet? Habe ich es erarbeitet?" W „O, du Schwärnrerin!" scherzte er und legte seinen 7, Arm liebkosend um ihre schlanke Gestalt.

Sie lehnte innig das Haupt an seine Brust.

£ „Sieh, Harald," fuhr sie finnend fort, „oft ist es ^r, als müßte ich etwas tun, um all dieses Schöne ^d all dieses Glück zu verdienen ... als müßte ich ein Opfer bringen! Wodurch habe ich verdient, daß du ^uch liebst? Was habe ich getan, um deine Liebe zu Wkrtverben? ss^rtbeft Du wich auch ließen, wenn ü9

ein armes Mädchen loäre, tote jenes, welches mir vor­hin den Blumenstrauß überreichte?" '

Das spöttische Lächeln um seinen Mund verschärfte sich und in seinen Augen slackerte es ärgerlich auf. Wer er bezwang den mrfquellenden Unmut erwiderte herzlich: ,

„Ich werde Dich immer ließen, meine Edelgard auch wenn du arm wärest, wie jenes Mädchen!"

Sie blickte dankbar zu ihun auf.

„Ich danke Dir, Harald. Auch meine Liebe wird niemals erlöschen."

Er zog sit fest und innig in seins Arme und ihre Lippen eilten sich zu einem langen Kuße.

-Aber nun komm wieder zur Gesellschaft," sagte er fröhlich. „Fetzt wollen wir nicht mehr philosophieren. Sin anderesmäl stelle ich mich dir ganz zur Verfügung. Uni- wenn Du zu mir auf Fredersdorfs hinaus kommst, dann wollen wir zusammen die Hütten meiner Arbei­ter und Dorfleute besuchen."

„Ich freue mich schon darauf, Harald."

„Du wirst ihnen wie ein Engel erscheinen, meine Edelgard. Sie sind es nicht gewohnt, mit vornehmen Dame zu verkehren", scherzte er.

„Deine Schwestern gehen nicht zu ihnen?"

„Selten, mein Liebling. Aber komme, ich sehe, Dein Vater sucht uns."

Er zog ihren Arm durch den seinen und führte sie in den Fesffaal zurück.

Das Fest tvar zu Ende. Das Rollen der Wagen, welche die letzten Gäste davoirtrugen, verhallte in der Ferne, und die Diener begannen die Aufräummrgs- arbcsten in der Villa Luisa.

„Gute Nacht mein Kind", sagte Herr Lynden und küßte seine Tochter zärtlich auf die Stirn. „Ich bin ftolz auf Dich Du warst die fchönste und vornehmste Erscheinung heute."

„Iph danke Dir, Vater, für Deine Schmeichelei", entg-gnete Edelgard lächelnd. „Und ich danke Dir für alle Güte, mit der Du mich überschüttet hast."

„Mst Du denn glücklich, mein Kind?"

„Ja, Vater!"

\.9Zun, dann ist ja alles guj!"

„Nur ein Gedanke beunruhigt mich zuweilen, — ob Harald mich wohl auch lieb gewonnen hätte, wenn Du nicht der reiche wärest."

erHärten übereinstimmend, daß durch die Erzbergersche Rede eine kritische Lage geschaffen worden sei. Ich bat alsbald Erzberger um eine Unterredung, die am Nach­mittage stattfand und in der ich ihm fagie: „Sie haben mich ja überfallen wie Ziethen aus dem Busch." Er be­stritt das und meinte, fein Vorstoß hätte nur den Zweck gehabt, für mich eine zuverlässige Reichstagsmehrheit zu schaffen. Ich konnte vorher mff keinen Fall vermuten, !roas Erzberger vorhatte. Es mußte ihm bekannt fein, daß bei der damaligen schlechten Stimmung em Vorstoß in der U-Booi-Frage die größte Aufregung im Lande zur Folge haben mußte und eine Panik mar das gefähr­lichste, was uns damals treffen konnte. —

Der nächste Zeuge war Unterstaatssekretär 2 c. Wald. Auch er gab an, daß Erzberger. als Helfferich ihn fragte, ob alles glatte gehen werde, eine beruht, gende Antwort gegeben hätte. — Nebenkläger Erz - berget gab zu daß sich allerdings in jener Zeit ein Wandel in seiner Ueberzeugung vollzogen Satte. Aber er hätte dafür triftige Gründe gehabt. Dem Parla- ment genügten He Informationen durch den Kriegs­minister nicht mehr. Tie Abgeordneten wollten mit dem Kaiser und der Obersten Heeresleitung Fühlung neh­men, und es hatte den Anschein, daß der Reichskanzler dies zu verhindern suchte. Das habe ihn (Erzberger) zu der Meinung gebracht, daß der Kanzler ein Frie­renshindernis sei und beseitigt werden müsse. — Be­merkenswert war auch die Aussage des Abg. Dr. S t r c f e in a n n, der darlegte, daß er ursprünglich geglaubt habe, Erzberger handelte im Einverständnis mit dem Kanzlet, als deffen Vertrauter er galt. Dr. Stresemann kam dann allerdings bald zu der gegen, teiligen Ansicht und fragte am Tage daraus Et-bwger, ob er den Kanzlet stürzen wolle. Erzberger erwiderte: „Ja. Bethmann Hollweg muß beseitigt werden. Bis zum Anfang der nächsten Woche ist der Kanzler ge­stürzt." Die Aufnahme des Etzbetgetschen Vorstoßes sei panikartig gewesen, da über die Vorgänge im Haupt- airsschus; allerlei sensationelle Gerüchte in die Oeffent- lichkeit gedrungen waren. — Helfferich erwähnte dann eine Unterredung, die Erzberger mit dem Kron. Prinzen am 13. Juki hatte und in der Erzberger er­klärt habe, Bethmann Hollweg verpasse jede Konnmk- tur und forme mit, Amerika keinen Frieden schließen.

Zum Schluß erßielt der Zeug« von Bethm ann Holltveg noch Gelegenheit, sich zu der Wiener Reise Erzbergers zu äußern. Er bekundete: Die Darstellung, ich hätte Erzberger nach Wien ge- scksickt, um die durch den Bericht des Grafen Czernin geschaffene Sage wieder zurechtzurücken trifft nicht zu. Erzberger selbst bat mir mitgeteilt, daß er nach Wien 'breit wolle. Da ich wußte, daß er mit einflustreickien Personen jtt OesierreK und mit dem österreicknscheu Kwiserhauie Fühlung halte habe ich die militärisch, polifffche Lage mit ihm dutchgesprochen und ihn ersucht, allen Pessimismus zu bekämpfen. Ob Er-iberger etwa rm Answärffgen Amt von Herrn von Bergen eine Aeußerung gehört hat, die er als Aufforderung zu der Reise aufgefaßt hat vermag ich nicht zu sagen.' Es ist möglich, daß ich ihm grtaat habe:: „Laffen Sie sich int. Auswärtigen Amt informieren." Ich glaube aber, daß Erzberger sich irrt, toerni er angibt, daß er im Auswärtigen, Amt int Amtszimmer des Herrn von Bet. gen den Bericht des Grasen Czernin durchgelesen habe. Demgegenüber erklärte Erzberger mit Bestimmt- beit, der Ezerninsche Bericht habe ihm bei Herrn von Bergen Vorgelegen.

Am Montag soll die Bew. »aufnahtne über ‘ bre vom Ungeklayten Helfferich behauptete „Denimziation bei der Enffnw" stattfinden und es soll norb eine Anzahl von Zeugen zu den bereis erledigten Fällen nachträg­lich vernommen werden.

2fus Berlin schreibt man uns noch: Wenn man die Aussprache vor Gericht über die Vorgänge km Juli 1917 verfolgt, legt man sich doch erschüttert die Frage vor: was war das für eine Führung der politi- fchen Geschäfte ,die sich durch die Aktion eines einzel­nen Abgeordneten überrennen ließ und die weder Kraft noch Fähigkeit befaß, ihre eigene, den Anschauungen dieses Abgeordneten und seines Kreises entgegen- stehende Meinung zu vertreten und durchzufetzen. Bei allem, was im Moabiter Gerichtssaale verhandelt wurde, kam einem wieder die ganze

M| „I3C———■

„Nämben! Zerbrich Dir doch über solche müßigen Fragen nicht den Kopf. Er liebt Dich — und damit ist es Wit. — Laß uns jetzt zur Ruhe gehen und schlafe ordentlich aus."

Er strich nochmals zärtlich über das goldbraune Haar, nickte ihr freundlich zu und begab sich in feilt Zimmer, neben welchem sich fein luxuriös auSgeftatte, tes Schlafgemach, Ankleideraum und Badesttlbe be­fanden.

Eine elektrische Lampe erleuchtete den Schreibtisch. Auf der dunkle grünen Platte desselben lag ein kleines weißes Papiep. ;

Stroben erinnerte sich plötzlich, bafc ihm cfn Diener vor etwa zwei (3hmben ein Tslegramm iüaerrcidjt hoffe, welches an seine geschäftliche Adresie gekommen war also eine geschäftliche, Mtteilung enthalten mußte. Gr hatte dem Diener befohlen, die Depesche auf den Schreibtisch in sein Privatzimmer zu legen, da er sich in seiner frohen Festesstimmung nicht durch eine ge. schäftliche Angelegenheit unterbrechen laffen wollte.

Jetzt ergriff er das Telegramm und erbrach es.

Dasselbe toar von dem Berliner Korrespondenten und lautete:

„Wellhausen Söhne oberfaul. Bitte sofort nach hier kommen. Gefahr im Verzüge."

Lynden befand fich noch sehr im Banne des soeben bcrlebten Festes, daß er im ersten Augenblick die ganze Schwere dieser Mitteilung nicht erfaßte und das Papier ärgerlich auf den Tisch warf.

„Dieser Mensch in Berlin", murmelte er, sieht alles in den schwärzesten Farben."'

Langsam begann er sich auszukleiden. Wer die Worte des Telegramms beunruhigten ihn immer mehr. Roch einmal las er den Inhalt durch und plötzlich stieg os siedend heiß in ihm empor.

Der Zusammenbruch des Bankhatffes Wellham'en Söhne mußte auch ihn schwer treffen. Seit Jahren svand et in intimer Geschäftsverbindung mit demsel. ben, das ihm anfangs großen Kredit gewährt und feine Geschäftswechsel diskontiert hatte. Außerdem tag Lyn. den? ganzes Barvermögen, die Ersparnifle seiner Le­bensarbeit, int Depot bei Wellhausen Söhne.

Wenn dieses Depot nicht meßt vorhanden war, dann war auch Lynden verlöre«! Dann konnte er feine Wechsel und sonstigen Verbindlichkeiten Nicht decken und mußte Konkurs anmeldenl

und Unfähigkeit der Machthaber zum Bewußtsein, die des deutschen Volkes Geschick in den schicksalsschwersten und verantwortungsvollsten Stunden leiteten. Wir wollen cs in diesem Augenblick dahingestellt sein lassen, ob Fragen der polftischen Taktik und Strategie — in der Politik wird eine eigene Moral beliebt, die nicht immer mst der bürgerlichen in Einklang steht — Erz­berger bewogen haben, so vorzugehen, wie er damals vorgegangen ist. Nach der Zeugenaussage Bethmanns war der Kanzler damals entgegen der Darstellung Erzbergers nicht von der Erzbergerschen Aktion unter­richtet, auch der Zentrums-Abg. Spahn erklärte, nichts davon gewußt zu haben. Dazu kam, daß Vethmamr Hollweg die Darstellung Erzbergers auch in anderen Punkten, so namentlich in seiner Wiener Reise und be­züglich der .Kenntnisnahme des Czermnfchen Berichtes bestritt, sodaß Aussage gegen Aussage stand. Fällt Erz­berger über seine Taktik vom Ministersessel, so ist das bei unserer heutig, pol. Jntereffenverfilzung nicht mehr eine rein persönliche Angelegenheit, sondern eine Frage der hohen Politik. Man braucht sich nur daran zu erin­nern, daß unter dem parlamentarischen Regime der Rücktritt eines Ministers seinen hauptsächlichen Grund in der Entziehung des parlamentarischen Vertrauens hat. Daraus ergibt sich aber auch, daß die Parteien bei einem Rücktritt sich nicht aus der Sache halten köimen. Man weiß unter dem parlamentarischen Sy­stem nie, was letzten Endes aus solchen Dingen poli­tisch wird. Kleine Ursachen können sehr große Wir­kungen haben. Es sind jetzt schon Anzeichen zu be­merken, die auf eine Spannung deuten.

Aus dem besetzten Lebtet.

* vir Regierung der Saorgebiefs. Unter Hörnerklang un dGescbntzdonnerhieltgestern dieNegierungskommisston für das Saargebiet ihren offiziellen Einzug in Saar­brücken.

Als vermißt wird aus Saarbrücken die 17 Jahre alte Elise Heidemann gemeldet. Die Zahl der in Saarbrücken feit Beginn der französischen Besatzung verschwundenen Frauenspersonen beträgt jetzt ungefähr 43

Holland lehnt ab.

Der holländische Minister des Aeußeren, Karne- beck, hat in einer Unterredung mit einem ameri­kanischen Journalisten erklärt, daß die Antwort auf die zweite Kaisernote der (Entente nächste Woche abgehen wird. In dieser Note wird die holländische Regierung erklären: Sie beharre auf ihrer Ueberzeugung, daß es keine Gründe gäbe, die eine Auslieferung des Kaisers rechtfertigen. Eben so­wenig beabsichtige die holländische Reaierung den früheren Kaiser nach irgend einem Ort in den hoüändi'chen Kolonien zu überbringen, da eine Auf» sicht fo weit von der Regierung entfernt zu schwierig fein to.rde. In Holland könne jedem Schritt des Exkaisers sorgfällig nachgegangen werden. Auf die Frage des Korrespondenten, ob die holländische Re­gierung die eventuelle Rückkehr des Exkaisers nach Deutschland gestatten wetde, antwortete der Minister, daß eine solche Möglichkeit vorläufig nicht in Frage gekommen sei. Diese Möglichkeit könne immer noch erwogen werden, wenn sie auftauchen sollte.

Deutsche Nationalversammlung.

In der Sitzung vom Freitag liegen über 30 kleine Anfragen vor, die schnell hintereinander erledigt werden.

Auf der Tagesordnung steht dann die 2. Beratung des Reichseinkommensteuergei etzes. Die Vor­lage ist aus der Kommission im großen und ganzen unverändert herausgekommen. Das gilt insbesondere für den Steuertarif, der bis zu 60 pCt. des Einkom­mens besteuert. Der steuerfreie Einkommenteil ist von 1000 auf 1500 Mark erhöht worden, drS ferneren soll für jede zur Haushaltung des Steuerpflichtigen ge-

Mit bleichem Gesicht und großen, gespenstisch Mit. kruden Augen starrte er in das Licht der elektrische Flamme, bis ihn die Augen schmerzten.

Dann schnellte er mit einem energischen Ruck aus dem Sessel empor, in dem er zusammengesmiken da- gefeffen. Noch war die Tatkraft in ihm nicht erloschen, die ihn fo oft schwierige Geschäftslagen hatte überwin­den lassen!

Er sah nach der Uhr! Vier Uhr morgens! Um fünf Uhr passierte der Schnellzug nach Berlin die hiesige Station. Wenn er diesen Zug benutzte, war er um acht Uhr in Berlin — und konnte retten, was noch zu retten war.

Er klingelte.

Nach einigen Minuten erschien ein übermüdet cnis- s,ehender Diener.

„Ich muß um fünf Uhr nach Berlin fahren", sagte Lynden mit möglichst ruhiger Stimme. „Sorgen Sie dafür, daß mein Handkoffer an der Bahn ist. Ich werde zu Fuß gehen. Meiner Tochter, sagen Sie, daß mich eine dringende geschäftliche Angelegenheit nachBeff- lin gerufen habe. Herrn Mantel gckben Sie diesen Brief — et weiß dann Bescheid."

Er verschloß die Depesche in einem Briefumschlag und adressierte diesen an feinen ersten Buchhalter.

Dann gab er den Brief dem Dierrer, der in dieser plötzlichen Reife nichts Auffallendes fand, da Lynderr oftmals solche Reisen unternahm.

(Fortsetzung folgt.)

Ein hessischer Heimatschriststeiler.

Zu Paul Heidelbachs 50. Geburtstag.

„Ein Kind muß, sobald es die Augen öffnet, fein Vaterland sehen". Wenn man Vaterland hier im enge­ren Sinne, als Heimat, verstehet! will, so war es Paul Heidelbach nicht vergönnt, dieser idealen Forderrmg des großen Rousseau Genüge zu tun. Das Geschick hatte es melrnehr gewollt, daß seine Wiege fern den hessischen Wäldern im sonnigen Rheinland stand, dem seine Mut­ter entstammte. Im schönen Düsseldorf hat er am 28. Februar 1870 das Licht der Welt erblickt. In jenes rhe'mische Kunstzentrum war der einer aüeingesessenen hessischen Familie entsprosiene Vaier übergesiedelt, um sich dort der Malerei zu widmen.

Der Tod des Vaters gab den Anstoß, daß Paul HeLelbach als DrchÄmger m Kastel, der Hauptstadt