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Nr. 44.

Verantwortlich für den redattionellen Teil: Karl Schütte, : für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. “

Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adreffe: Fnldaer Zeitung

Montag» 23< $ebruor 1920»

Bezugspreis: Monatlich 1,30 Alk. ohne Zuftelkungsgebühr.

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Anzeigenpreis: DieKleinzeile (nachColonelchrist) 50 pfg„ die Reklamezeile(Textbreite) 1 Alk.,beiWiederholmig Rabatt.

47. Zahrg.

Der Wuchergeist.

Ans den Konferenzen des Fnldaer Vinzenzvereins onl> des Elisabethoerein erfahren wir, daß die Not, unter der auch bei uns schon manche Kreise der städtischen Bevölkerung leben, den Sinn für Hilfsbereit­schaft und Nächstenliebe erfreulich gehoben hat. Die Einkünfte sind erheblich gestiegen. Noch mehr aber sind infolge der Teuerung die Beschaffungskosten gestiegen, sodaß die vorhandenen Mittel mit dem wachsenden Be­dürfnis längst nicht Schritt halten. Immerhin freut man sich der Erprobung des Gedankens der christlichen Caritas in einer Zeft, in der weithin in unserem Volke die Ichsucht sich breit macht. Außerhalb der Kreise, die aus christlichem Empfinden heraus sich ihrer bedrängten Volksgenossen annehmen, Hal die Gier, sich auf Kosten und zum Schaden der Mitmenschen möglichst schnell und übermäßig zu bereichern, wie eine bösartige Seuche erschreckend um sich gegriffen. Die Lehren der christlichen Nächstenliebe werden mißachtet, selbst die le­bensnotwendige Solidarität und das gemeinsame Zu- sammenhalieir der Kreise, die auf einander angewiesen find, sind unbekannte Begrifle geworden, und nackte­rer Eigennutz und skrupelloseste Habsucht triumphieren. X-.. * *f- nötig, den Finger auf diesen Krebsschaden

Mserer Volksgemeinschaft zu legen, wenn sich Fälle er­eignen, die in ihrer Ungeheuerlichkeit über den Rahmen des ichon zur Gewohnheit Gewordenen hinausragen. So kann mcm an dem Fall des Lübecker Fisch- wuchers nicht achtlos vorübergehen. Die Art und Weise, wie hier ein wichtiges Volksnahrungsmittel in unglaublicher Weife -m Preise in die Höhe geschraubt wurde, wie ganz unabhängig von den Arbeitsunkosten die Preise willkürlich um ein Vielfaches höher festge­setzt wurden, als es selbst bei reichlicher Bemessung ei­nes Ertraverdienstes gerechtfertigt gewesen wäre, ent- büilt den ganzen Tirfftand unterer heutigen Moral­begriffe. Demi wer wird von diesem Wucher mit He- rmgen und ähnlichen Fischen am meisten betroffen? Doch vorwiegend diejenigen Volksschichten, die in schwe­rer Arbeit um ihren Lebensunterhalt ringen müssen. Wien diejenigen Kreise davon betroffen worden, die skrupellos die allgemeine Not durch Schiebung und son­stige unreellen Machenschaften zu Riesenvermögen ous- -emünzt haben, so hätte man für das Vorgehen der Lübecker Fischwucherer neck, ein menschliches Verstehen aufbringen können. Aber was hier geschehen ist, wo den ärmsten Schichten unseres Volkes die kärgliche Nahrung so unverschämt verteuert wurde, daß sie für diese Kresse nicht niehr erschwinglich war. verdient, als sc^mloses Beispiel nackter Eigensucht festgehalten zu werden. Und man kann nur hoffen, daß die Verantwortstchen eine exemplarische und von Nachahmung abschreckende Strafe treffen wird.

Nicht nur die wichtigsten Nahrungsmittel werden nuferem Volke durch Profitgier ungeheuer verteuert, auch die wichtigsten Bekleidungsgegenstände. Nichtwe- nigcr schamlos, wie dem Fall des Lübecker Fischwuchers, ist der Preiswucher auf den>. Ledermarkte. Die Presse für Rohleder steigen fortgesetzt, und besonders die zur Herstellung von Schuhwaren verwendbaren Häute hoben jetzt schon eine Höhe erreicht, die es vielen richt mehr möglich macht, sich ein Paar Schuhe zu kaufen. Dabei steigen diese Preise noch von Tag zu Tag. Auf der letzten Berliner Häute- unb Fellauktion «»rden für trockene Kalbsfelle bis zu 105,10 dl für das Pfund erzielt, während sich der bisherige Preis zwischen 13 und 50 dl gehalten halte. Demnach würde ein ganzes Kalbsfell jetzt annähernd 1000 dl kosten, was einer Steigerung um fast 100 Prozent gleich- konnnt. Was bei derartigen Preisen, die übriger: auch auf anderen Auktionen bezahlt wurden, demnächst ein Paar Schuhe kosten werden, kann man sich leicht aus- rechnen. Und auch hier ist das Empörende, daß diese

Preissteigerung, die wiedermn nur die große Masse der Bevölkerung trifft, nicht durch die Not geboten ist, son­dern lediglich aui S p e k u l a n t e n zurückgeführt wer­den muß. Da muß man sich doch fragen, ob es nicht an der Zeft ist. dem Gedanken einer teilweisen Wiederein­führung der gebundenen Wirtschaft für den Lederhandel wieder näher zu treten, gleichgültig darum, ob die In­teressenten Zeter und Mordio dagegen schreien. Wie in dem Lübecker Fall, so müßte auch hier die Regie­rung schnell und kräftig eingreifen, damft die große Mag'e des Volkes endlich einmal sicht, daß sie dem Wucher und der Profitgier, die allüberall gras­sieren, wenigstens in ihren giftigen Blüten nicht schutzlos a u s g e l i c f e r t ist.

Französische Kriegsverbrecher».

Der französische Schriftsteller und ehemalige Front. soldat^V a i l l a n t schreibt im Pariser „Papnlcnre" zu der Forderung Frankreichs nach Uuslieferung der Kriegsschuldigen, daß man zuerst diejenigen vor ein Gericht stellen sollte, die aus dem furchtbaren Kriege ein Geschäfts gemacht haben, ferner diejenigen, welche die französischen Greuel organisierten. Er und seine Kameraden hätten viele Gemeinheiten franzö­sischer Offiziere gesehen. Er habe Offiziere gekannt, die deutsche KriegSgefange'ne nieder­schossen, um die Zielsicherheit ihrer Revolver zu erproben. Er habe die Leichen deutscher Soldaten ge­sehen, die von französischen Kolonialsolda­ten verstümmelt wurden, was die französischen Offiziere mit einem zufriedenen Lächeln gutgeheißen hätten. Französische Offiziere hätten ganze deutsche Gefangenenkompanienniederschietzen lassen und seien dafür befördert und ausgezeichnet worden. Jede Methode, den Feind zu töten, sei dem französischen Soldaten vertraut gewesen, nicht nur Gift- granaten, auch Dumdumgeschosse.

Angesichts Lieser erschütternden Anklagen eine» her­vorragenden Franzosen gegen die französischen Kriegs- greuel darf die deutsche Regierung nutzt zögern, alle ihr bekannten Fälle von gemeinen Verbrechen in Form einer deutschen Gegenliste zu geeigneter Zeit den En­tenteregierungen zur Aburteilung zu überreichen und vor aller Welt zu veröffentlichen.

Deutschlands Geldnot.

Die Ständige Balutakommissiou ersuchte die Regierung, auf Grund de» Art. 235 de» Friedensver­trages ehestens mit der WiedergutmachungSkommisston in Verbindung zu treten, um aus denjenigen Beträgen, die laut Mitteilung des Reichsfinanzministeriums auf Grund des Friedensvertrages bereits abgeliefert find, die Mittel zu erhalten, die zur Ernährung und Wirtschaftsführung des deutschen Volkes auch bei stärkster Einschränkung des Konsums unbe­dingt nötig find.

Das Reich ist durch Abtretung wertvoller Gebiete, durch Wegnahme der Kolonien, der Kabel, deS gesam- ten Vermögens im Ausland, der Schiffe, be» Eisen, l bahnmaterialS, der landwirtschaftlichen Maschinen und durch die Liquidation der Firmen im Ausland so ver­armt, datz rhm ausreichende Mittel für Zahlungen im AuSlande nicht mehr zur Verfügung stehen. Noch nie ist nach Niederlegung der Waffen ein Volk wirt- schastlich und finanziell so grausam durch Aushunge­rung, Hinziehen, Vorenthaltungen und Uebertretungen der Abmachungen bedrückt worden, tote jetzt das deutsche. Seit den Waffenstillstandsverhandlungen, also seit fast IV, Jahren, ist dem Deuffchen Reich jede verständige Finanzierung im AuSlande unterbunden Nach Hergabe deS Geldbestandes bi» auf eine Milliarde Mark wurden die ausländischen Effekten, die im deuffchen Besitze waren, zur Verfügung gestellt. Die Abnahme dieser Effekten wurde tn unerhörter Weise verzögert. Ein Teil der femMid)en Regierungen, die die betreffenden Effekten ausgegeben hatten, benutzten die Ge­legenheit, um eine verbriefte Verpflichtung, in auswärtiger Valuta zu zahlen, nicht anzuerkennen. Durch Erlös tiefer ausländischen Effekten konicken daher im Auslande bisher nur geringe Zahlungen geleistet werden. Eine Deffüyung

über dem Erlös aus den Liquidationen und Sequestratio­nen war noch nicht mögtich, da jede Abrechnung oorent- halten wurde. Zu alledem wurde die Oberhoheit des Deutschen Reiches an den Grenzen ausgeschaltet, und die Deuffche Regierung mußte mitanseh«,, wie gegen ihren Willen Luxuswaren im Werte von Milliarden Mark ins Land strömten. Die Zahlungen in diesen W» Jahren mußten zum wesentlichen Teil durch Verkauf von Reichs­banknoten im Ausland und durch große Verpflichtungen in fremder Valuta ausgeführt werden. Der Valuta- markt mußte unter solcher Belastung zusammen­brechen.

Wenn Deutschland nicht das gleiche Schicksal beschie» den sein soll, wie Deutsch-Oesterreich, so müssen ihm aus den geleisteten Lieferungen so viel Aktiva zur Verfügung gestellt werden, daß es öie zur Bezahlung der notwendig­sten Nahrungsmittel m den nächsten Monaten erferber- lichen Betröge aufbrmgen kann. Eine Finanzierung aus anderem Wege ist nicht mehr möglich. Deutschland hat durch seine Abkieserungen seinen festen Willen be­wiesen, den Vertrag soweit wie irgend möglich zu er­füllen, und wird dies auch weiter tun. Die Ständige Valutakommsssion vertraut zuveffichtlich darauf, daß die Wiedergutmachungskommison in Erfüllung des Friedens- nerimges der deutschen Regierung die jetzt benötigten Summen, wie nn Art. 235 vorgesehen, fr ei geben wird. Sie hält sich zu diesem Vertrauen umsomehr für berechtigt, als sie in der Erfüllung ihres Verlangens die Voraussetzung zur Aufrechterhaltung nicht nur des deut­schen, sondern auch des Welt-Wechsel-Marktes erblickt.

Das Wirtschaftsleben.

* Zur Nackstiferung empfohlen. Die bayerischen Ministerien des Innern und der Finanzen erhielten das folgende erfreuliche Telegramm aus der Pfalz: „Die gesamte Beamtenschaft der Regierung will ein gutes Beispiel geben, ist freiwillig zur Mehrarbeit bereit und erbittet die Wiedereinführung längerer Arbeitszeit".

Die Steigerung der Kohlenförderung. Die Orga­nisationen der söchsischen Bergleute erklärten sich mit der Einführung der Achtstundenschicht ein­verstanden.

* In Nürnberg und Fürth ist es zu einem Lohnstreik sämtlicher Angestellten des Handels und der Industrie gekommen.

* Für die Mailänder Messe, die im Mai statt- findet, haben sich bis jetzt schon mehr als 400 deutsche Firmen angemeldet.

* In Lyon sind 20000. Metallarbeiter in den Ausstand getreten. Bisher ist der Streik ruhig ver- laufen.

Neue Stillegungen. ,

Die Stillegung von Werken infolge Kohlenmcm- gels nimmt von Tag zu Tag größeren llmfang an. Neuerdings sind auch viele Meldungen über Still­legung von westfälischen Fabriken, welche für Zechen­bedarf arbeiten, eingelaufen, namentlich aus den Kreisen Olpe, Altena und Siegen. Gelingt es nicht, in allernächster Zeit der Stillegung Einhalt zu tun, so werden die Betriebseinstellungen (infolge Material­mangel) auch auf den Bergbau übergreifen. Dann aber wäre auch durch Mehrarbeit der Bergarbeiter keine Rettung mehr möglich. Ei« großer Teil un­seres Volkes müßte buchstäblich verhungern.

„Garantierte Preise".

Zur Klarstellung des Begriffes der „M i n d e st« preise" wird von zuständiger Stelle mitgeteilt: Das zu vielen Irrtümern Anlaß gebende Wort hieße besser „garantierte Preise". Es ist damit nicht beabsichtigt, eine endgültige Preisfestsetzung zu treffen; man will nur dem Produzenten durch die garantierten Preise die Möglichkeit geben, schon jetzt einen Ueberschlag für die kommende Ernte zu machen. Sollte sich dann nn Verlaufe des Sommers zeigen.

daß die als Grundlage angenommenen Preise nicht ausreichend sind, um die Selbstkosten des Landwirtes zu drucken und ihm einen bestimmten Gewinn zu ermöglichen, so sollen, je nach dem Stande der Ernte, Zuschläge zu den Mindestpreisen festgesetzt werden.

Das Erzberger-Attentat vor Gericht.

In Berlin wurde am Samstag vom Schwurge« richt der Fähnrich a. D. und jetziger Primaner Oltwig von Hirschfeld, der am 26. Januar den Revolveranschlag auf den Reichsfinanzminister Erzberger verübt hat, wegen körperlicher Mißhand­lung mittels einer Waffe unter Zubilligung mil­dernder Umstände zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Die Unter­suchungshaft in Höhe von sechsund^wanzig Tagen wurde dem Angeklagten angerechnet, der vom Ver­teidiger gestellte Antrag auf Haftentlassung jedoch abgelehm. Der Angeklagte erklärte in seiner Ver­nehmung, er habe nach der Lektüre von HelfferichS Broschüre die Ueberzeugung gewonnen, daß Erzber­ger ein gefährlicher Volksschädling sei, der mit eng­lischem Geld bestochen sei und wenn er nicht willig ginge, mit Gewalt gezwungen werden müßte. Täten habe er Erzberger nicht wollen, sondern nur verwun­den, damit er für einige Monate bettlägerig werde und gezwungen sei, zurückzutreten.

Die Hetze gegen Erzberger.

Einzelne Blätter bringen Auszüge aus einem Artikel der „Hamb. Rachr.", worin behauptet wird, Reichsfinanzminister Erzberger habe in feinen Steuer- Erklärungen nicht die wahre Höhe seines Einkommens angegeben. Das Wolff-Büro hat darüber an das Reichsfinanzministerium eine Anfrage gerichtet und hat folgenden Bescheid erhalten:

Der persönliche Kampf gegen den Reichs» finanzminister nimmt immer mehr Formen an, die die völlige Verwilderung aller Moral­begriffe in erschreckender Wesse offenbaren. So ist das kaum Glaubliche möglich geworden, daß die SBeranlagungs» akten des Reichsfinmizminssters aus dem Finanzamt Chat« lottenburg entfernt und photographiert wurden, um als Anlagen zu Pamphleten gegen den Reichsfinanzminister vervielfältigt zu werden. Wenn die Urheber dieses scham­losen Streiches und die an ihm Beteiligten glauben, aus diese Weise den verhaßten, politischen Gegner' zur Strecke zu bringen hoffen, so werden sie sich darin täuschen. Der Reichsfinanzrnmister wird es mit Fug und Recht ab - lehnen dürfen, über seine steuerlichen Angelegenheiten sich in der Oeffentlichkeit mit seinen Gegnern auseinander- zusetzen. Im übrigen kann nur gejagt werden, daß die Steuerbehörde ohne jede Beeinflussung durch den Reichsfinanzmmister dessen Beleidigungsprozeß gegen Helfferich verfolgt und das Ergebnis der Beweisaufnahme auch vom steuerlichen Standpunkt prüfen wird. Das Er. gebnis tiefer Prüfung wird der Reichsfmanznnnistet mit ruhigem Gewissen ab warten. Snbererfeits werden auch im Interesse eines jeden Steuerzahlers ollerfchärfste Maßnahmen gegen unbefugte Offenlegung und Benutzung von Steuerakten geboten sein.

* Die ^Heimkehr der Gefangene«. Seit dem 20. Januar sind insgesamt 190000 Mann, darunter 4300 Offiziere, aus den Gefangenenlagern in Frank­reich zurückgekehrt. Der Abtransport vollzieht sich, andauernd in planmäßiger Weise,

* Mit dem Uebergana der Saargruben in die

Verwaltung des französischen Staates sind die. höheren Beamten mit Ausnahme der in der Knapp- fchaftsverwaltung tätigen aus den Betrieben ausge­schieden. Auch eine große Anzahl mittlerer Beamten hat gekündigt, nm nach dem rechten Rheinufer aus­zuwandern.

Der Sänsedolrtor.

41s ----------

(SchlußO

Die Kiste für Mimis Angehörige.mar abgeschickt, und selben Tage kam auch eine solche von daheim an; ihr -khalt war weniger kostbar als der der Wiener Kollegin, t «ber um so nahrhafter. Da gob's cm paar prächtige Geb in- ten, ausgezeichnete Würste, zartes Fleisch, dann wahre MEalastücke von Mastgeflügel jeder Sorte, ferner Früchten- brot und verschiedene Spezialitäten aus Frau Kienholzens »> der ganzen Gegend berühmten Küche.

p Mimi war stolz auf das Lob, das der Sendung gc« | spendet wurde und es durchzuckte sie freudig, als Gustav figte: „Du Mama, die Gastfreundschaft in Ehren, ober W tiefen prachtvollen Sachen laden wir keine Gäste ein, essen mir alles selber."

M^W»er noch mehr schmeichelte es ihr, als die Tante «mmf erwiderte: „Vielleicht sollten wir fte erst recht ein- •ohen, damit sie sehen, was unsere Mimi für eine pracht­volle Mmna bat."

Und die ausgezeichnete Köchin der Tante-hatte auch Wverkennend zu Mimi geäußert: „Ihre Frpu Mama, die W oerstÄsis aber, Fräul'n Mimi, das macht ihr nicht leicht »*r nach."

R^,Das alles mar sehr herzerfreuend für das junge K Mädchen unb die Briefe von daheim waren es auch. Zu« Wachst schrieb Mama, daß sie alle gesund und heiter seien, bann kam ein Hymnus auf das Ehepaar Liebhardt; das teen .ein Paar so liebe, herzinnige Menschen, daß man förmlich an ihnen erquicke. Die Tont- Amalie spiele m Grünlmde eine ihr sehr zusagende Rolle. Als ehe- teünsllcrin sei sie das Orakel in ollen Angelegen­sten, die nur einigermaßen mit der Kunst in Zusam-

I stünden; selbstverständlich arrangiere sie Dilet- Wennoritellungen, stelle lebende Bilder, und fei die We Instanz in Kostümfragen für die diversen Kränz- I unb Bälle. In dieser vielseisigen Tätigkeit fühl« sie 1** teste wohl und sei daher stets liebenswürdig unb guter kur; und gut, man sei froh, diese Verwandten in

- r Nähe zu haben-.

„ Mimi war froh, daß sich die Verhältnisse da- ?2n so gestaltet hatten; was froar das damals für ein Täters Und beschämendes Gefühl für sie gewesen, als Do- ^ben „Gänfedoktor" für Edith hatte rufen lassen und j mar alles so hübsch ausgegangen; nein, es konnte ! och wahrhaftig keinen Zufall geben, sie wurden alle an ;

Härtbaren Fäden gelenkt und es kam, was kommen • nutzte. j

Zwei Tage vor dem Christfest endlich führte Mimi ihr Vorhaben aus. Sie ging fort, als ob sie wie gewöhn­lich in die Schneidereischute ginge, fuhr aber statt dessen auf den Friedhof; den Weg zu Onkels Gruft kannte sie gut, war sie doch rrnt Tante öfter hier gewesen imb so strebte sic eilig dahin: als sie aber dort war, blieb sie doch eine ziemliche Weile in stiller Andacht versunken stehen; es war ihr innig leid um den edlen Mann, der so viel Glück geschaffen und es «sicht länger genossen hatte. Sorgfältig legte sie Strauß und Schleifen zurecht unb ver­ließ mit dem Bewußtsein, eine liebe Pflicht erfüllt zu haben, den Friedhof. Rur zwei Stunden hatte das alles in Anspruch genommen und sie konnte noch auf eine Stunde in die Schule gehen, wo sie sich für ihr Zuspät- kommen mit Weihnachtsbesorgungen entschuldigte.

<ste war froh, daß sie diese Stunde erübrigt hatte; nicht etwa, daß die Tante nachfoffchie, aber sie pflegte immer zu fragen, was es Neues gegeben habe imb Mimi fnxrr das Lögen so gor nickt gewöhnt, sie märe sicher wiegen geworden bei dieser Frage; so konnte sie immer« hin unbefangen darauf antworten, denn in der einen Stunde erfuhr man dach alles, mos den ganzen Vormittag vorgegangen war. Am Weihnachtstag klagte Mimi über Kopfschmerzen; die besorgte Tante riet ihr natürlich sich em wenig niedcrzulegen; sie machte sich Dorwürse, die Nichte zu sehr angeitrengt zu haben mit den unzähligen kleinen und doch so ermüdenden Arbeiten des Baumauf­putzens, Zimmerfchmückens und anderem; Mimi versprach, sich niederzulegen, sie sei nur ein bißchen erregt und es werde sich bis zum Abend gewiß wieder geben; also fuhr die Tante beruhigt mit Gustav auf den Friedhof.

Das eben hatte Mimi mit dem oorgeschützten Kopf­weh bezweckt; sie wollte nicht miffahren. Ob ihre Gabe der Tante nun gefiel oder mißfiel, sie sollte ihrem Emp­finden freien Laus lassen und sich nicht aus Rücksicht auf die Spenderin Zwang an tun; bis sie zurückkchrte, war sie längst gefaßt.

1 Dos Mädchen fetzte sich in ihr Stübchen und nahm ein Buch zur Hand; es gab nichts mehr im Haufe zu tun für sie, rein gar nichts. Sie konnte getrost bei ifjrem Buche bleiben, aber fie las unaufmerffam; immer horchte sie auf den Ton der Glocke, der ihr die Rückkunft der Verwandten anzeigen sollte. Ein paarmal war sie schon empor- geschreckt, aber da war es der Briefträger gewesen oder sonst jemand, der etwas brachte. Run ging sie schon nicht mehr hinaus, um zu fragen, die Mädchen mußten sie ja sonst auslachen.

Und da auf einmal, fie hatte gar kein Klingeln ge­hört, x wurde die Türe ru ihrem 'lssgerissen und

die Tante stürzte herein. „Mimerl, Herzenskind, Du lieber, kleiner Kerl, ich dank' Dir tausend-, tausendmal!" riff fie, das junge Mädchen stürmisch umarmend. Mmi kam fast nicht zu Stiern unter den Liebkosungen der Tante und es bauerte lang, bis sie sich genuggetan hatte. Dann erst trat Gustav auf sein Böschen zu. Der nahm nur ihr Gesicht zwischen seine Hände und drückte es. „Mmi, kleine Mimi, mit diesem Band hast Du Dich an uns geknüpft für immer," sagte er leise und aus seinen lufti­gen, braunen Augen war der Ausdruck der Schelmerei ge­wichen, sie blickten ernst unb gerührt. Das junge Mäd­chen war ganz ergriffen. „Ihr macht so viel Wesens aus etwas so Selbstverständlichem," wehrte sie bffchelden ab.

„Daß es Dir selbstverständlich erscheint, das ist eben das Liebe, das Herzige von Dir," erklärte die Tarftc unter Tränen.

Das war sm Weihnachtsfest, wie Mmi noch ferne erlebt hatte; nickt der reichen, sorgfältig gewähltem Ge­schenke, sondern der eigenartigen Stimmung wegen. Froh . und gerührt waren sie mich daheim immer gewesen am ; Weihnachtsabend, aber was hier über ihnen allen schwebte, , war etwas Besonderes. War es die Liebe in den beiden ; jungen Menschenkindern, war es der Segen des totem ■ Herrn tiefes Hauses? Es war fo eigen froh und feier« ! lich und es fehlte nicht viel, fo wäre es an diesem schönem 1 Abend noch zu einet Verlobung gekommen. Nur dem । klugen, taktvollen Benehmen Frau Emmas gelang es, das i zu verhindern; sie ,wollte nicht, daß tie beiden Menschen, die chr so feuer waren, in einem Augenblick der Rüh­rung und des hochgehenden Gffühls ein bindendes Wart sprechen sollte.

So ging dieser Abend vorüber, aber die Liebe Hieb besteh en auch im nüchternen Lichte des Werktags; als der Sommer wieberkam, da fuhr Gustav im Minus Heimat und bot Kienholz um feines Töchterchens Hand. 'Mit Freude gab fie der Vater, der längst anderer Meinung über diese Verwandten geworden war.

Erst zwei Jahre später gab es Hochzeit nn Hause Kienholz und es war eine luftige Hochzeit, noch lustiger als Ediths Verlobung, trotzdem Fritzchm keine Rede hielt, in der er erklär«, „daß man einen Esel kriegt".

Aber Liebhardt hielt eine, die war kurz unb gut „Ich wünsche Euch," fo sagte et, „daß es in Eurem Hause all­zeit so viel GLick unb Liebe geben soll, wie bei Gänse- doktors in Grimlinde!"

Unb die andern stimmten jubelnd bei, denn dies Glück war sprichwörtlich in der ganzen Gegend.

Unpolitische Zeitlaufe.

Bon Fritz Nienkemper.

Berlin, 17. Februar 1920.

Dic Grippe gebt Mieder um. Ein judrger Freund, der bisher sehr lebenslustig toar und sogar Verse macht, kam dieser Tage als geknickte Sitte $u mir, klagt über Kopfschmerzen, schweren Hissten, Kraft, und Mutlosigkeit. Ich sagte, er solle zum Atzt gehen oder gleich ins Krankenhaus; das wollte er aber nicht, angeblich wetzen der UeberfWung der Sötirfe Ammer imb Krankenhäuser. Mit Zureden konnte ich nur er. reichen, daß er nach Hanse ging, sich heißen Tee kochte.- und inS Bett legte. Zum Dank für bim väterlichen Rot schickt er mit heute von feinem Grippelager fok, genben gereimtem Stoßseufzer:

Deutsches Volk, du arme Sippe, Standest so schon auf der Kippe, Zappelnd an des Feindes ©trippe. Jetzo zicht auch noch die Grippe In dein klapperndes Gerippe.

Fiebernd stammelt tu die Lippe:

Wieder eine neue Klippe: Naht der Tod mit seiner Hippe? Bohrt am Grabe schon die Schippe? Eß ich beut die letzte Schrippe? Wird zum Sarge diese Krippe? Ach, was hilft dos Fragen, Klagen' Was Gott schickt, muß man ertragen: Krieg und Krankheit, Hungersnot. Einmal geh'n wir alle tot.

Das klingt etwas matt, aber doch nicht hvffnungs. los.

Es ist jetzt schon ein Menschenalter verflossen, seit die Grippe (damals Influenza genannt^ ihren Einzug bei uns hielt. Ganz «Abgestorben ist die Seuche tn» zwischen nicht. Gerade jetzt, too wir unter so vielen' anderen Sorgen und Qualen stöhnen, greift die Plage, wieder um sich, und zwar noch in verschärfter Form.. Traurig aber doch erklärlich. Der Bazillus gedeiht, weil die Menschen nicht mehr so widerstandsfähig find wie früher. Unser Körper ist schlechter ernährt; inv. fere Nerven sind- strapaziert und abgenutzt durch die Aufregungen im Kriege, tnrrS den Kummer bei der, Niederlage durch die zerrüttenden Heimsuchungen imb' Streiks, seinem Hangen und Bangen in schwebender. Pein. -Wenn in Deutschland die Krankheit wütet und. die Sterblichkeit zunimmt, fo ist das im letzen Grunde auf die Blockade zurückzuführen, womit die „humanen"