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47. Zahrg

Nr. 40

HSBKSEtSnW

Der Sänsedoktor

(Sortierung folgt.).

Alle diese Aussagen sind eidlich erhärtet. Die Protokolle können abgeichrieben und der Gegenliste beigefügt werden. Die deutsche Liste wird nicht so leichtsinnig zusammengestoppelt sein wie die feindliche, dafür aber hoffentlich schlicht, ehrlich und ihrer Sache sicher sein. Nur dann ist eine heilsame Wirkung zu erwarten.

Und so verstanden sie einander sehr gut und waren in diesen letzten Wochen wie Schwestern geworben. Lieb- Hardt, der jeden Abend kam, hatte mit seiner behaglichen Art auch schnell aller Herzen gewonnen und Frau Kien­holz freute sich setzt, daß sie Edith in erreichbarer Nähe hoben würde, wenn Mariechen fort war; dies junge Paar besaß chre vollste Sympathie.

Frau Amalie hatte in Grünlinde eine Wohnung ge- sucht und gefunden und war nun abgerefft, um die Möbel ®is ihrem bisherigen Wohnort herbeizuschaffen. Das war 01 kurzer Zeit bewerkstelligt und nun ging's an ein dop» Mies Entrichten in Grünlinde, für das junge > Paar und Br die Mama. Die Kienholzen taten selbstverständlich Dacker mit und die Arbeit half über alle wehen Treu» twngsgefühle hinweg.

Man war mit knapper Mühe fertig, als Ediths Hoch- Mtstag kam; di« Hochzeit wurde ganz still gefeiert, worüber vntzchen untröstlich war; er hatte die kühnsten Pläne für Besen Tag entworfen und nun waren sie alle zunichte -Morden.

Das junge Paar trat eine kurze Reise an, und während ”*efer Zeit rüstete Frau Emma zum Aufbruch; sie wollte *3 so einrichten, daß sie gerade an dem Tage abreiste, an °em Edith und ihr Gemahl heimkehren sollten, damit Kien- Mzens doch gleich nach dem Abschiedsweh wieder eine Diedersehensfreude haben sollten. Diese letzte Woche war ^cht traurig; nicht nur den Eltern, auch den Geschwistern ^**9 es nahe, daß Mariechen auf ein Jahr fort sollte.

»Ein ganzes Jahr?" sagte Fritz einmal; „da wird's gerbst und Winter und Frühling und wieder Sommer, «s ist ja schrecklich lang."

Mariechen nickte nur; sie getraute sich nicht zu spre. Hen, wußte sie doch, daß sie das Weinen nicht würde Zurückhalten können.

„Aber Weihnacht, Mimi, wirst Du Wechnacht auch ticht da fein?" fragte Fritz weiter; „wenn der Baum an» ^züuüet und wir die Sachen kriegen und Mama mit uns »Stille Nacht" singt?" |

5hm aber legte Mimi ihren Kops auf die Schulter 061 Mutter und weinte bitterlich; die Mutter weinte mit .

allen andern wurden die Augen feucht. i

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Der Verzicht auf die Auslieferung der Beschuldigten.

Die bereits mitgeteUte Note der Alli­ierten in der Auslieserungssrage ist gestern mittag oom englischen GeschäststräM in Berlin dem Minister des Auswärtigen übergeben worden. Man kann mit Genugtuung feststellen, daß durch die Note eine gewisse Entspannung der kritischen Lage eingetreten ist. Die Entente gibt in der Sache ihren bisherigen Standpunkt auf, betont aber formell noch ihren Rechtsstandpunkt und behält sich weiteres vor. Der deutschen Regierung bleibt es überlassen, nunmehr selbst bas Verfahren gegen die Angeschuldigten vor dem Reichsgericht einzuleiten. Dte Entente will sich an dem Verfahren nicht beteiligen, kündigt aber an, daß sie, wenn 'chr die Richtersprüche in Leipzig nicht genügen, die Beschuldigten noch vor ihren eigenen Gerichts- h o f stellen wird. Hier hüt die Entente eine neue Kaut- schukbestimmung, an denen der Versailler Vertrag ja

ohnehin überreich ist, geschaffen, um zu jeder Zeit be­haupten zu können, die Rechtsprechung des deutschen Reichsgerichtes entspreche nicht ihrem Rechtsgefühl und der Gerechtigkeit. Möglich, daß die Entente sich damit ein neues Druckmittel gegen Deutschland schaffen will, möglich auch, daß es sich nur um eine Rückzugs- kanonade handelt, bestimmt, die peinliche lieber» raschung der Chauvinisten durch die Vertröstung cu ein späteres Zwangsverfahren zu betäuben. Doch ehe es so weit sein wird, wird noch viel Wasser ins Meer fließen. Wenn 'ne Auslieferungsforderung schon jetzt, einen Monat nach Inkrafttreten des Friedens, nicht mehr die ausreichende Unterstützung bei den Ententege- noffen selbst finden konnte, wieviel weniger wird sie es spater finden. Einen tatsächlichen Vortell bringt die Entente-Note dadurch, daß die Alliierten beschlossen ha­ben, eint gemischte iateralliierteKommission mit der Sammlung, Veröffentlichung und Uebermittlung der Klagen an Deutschland zu betrauen, die bei der Un­tersuchung gegen jeden Beschuldigten festgestellt werden. Bedenkt man, mit welcher Leichtfertigkeit und Ober­flächlichkeit, nur geleitet von Rachsucht und Haßgedan­ken, besonders die französische Liste aufgestellt wurde, so muß man in diesem Beschluß der Entente, zu dem sich Mtllerand sicherlich mir sehr schwer verstanden haben wird, einen erheblichen Fortschritt sehen. Manche ber uns überreichten Listen werden dadurch ein wesentlich anderes Aussehen bekommen.

Der Ton der Note ist wieder sehr unerfreulich. Der klobige Stil der ersten Elemenceaunoten wird zwar nicht mehr angeschlagen, aber immer ist es noch der Geist des Mißtrauens und der Her­absetzung der aus der Note spricht. Wenn es dem Verbände mit der Errichtung eines wahrhasten Völkerfriedens ernst ist, dann muß er sich im Ver­kehr mit der „ deutschen Regierung eine andere Sprache angewöhnen, sonst glaubt seine sittlichen Beteuerungen kein Mensch auf der Welt.

Die Auffassung der Regierung.

Halbamtlich wird zu der Note gesagt: Die En­tente verzichtet auf die Auslieferung Deutscher an einen interalliierten Gerichtshof. Nicht nur Deutsch- land, sondern ganz Europa wird diesen Verzicht auf- richtig begrüßen als einzigen Weg, der zur Ver­nunft führt. Frellich bedeutet die Stellung der Alliierten noch keinen vollkommenen Verzicht, sondem die letzte Entscheidung wird nur herausgeschoben, bis bas deutsche Gerichtsverfahren zum Abschluß gekom­men ist. Hierbei soll noch einmal mit aller Entschie­denheit festgestellt werden, daß Deutschland nie daran gedacht hat, die wirklichen Kriegsverbrecher ihren Richtern zu entziehen. Der Reichsjustizminister hat den Oberreichsanwalt nach Eintreffen der Liste der angeblichen Kriegsschuldigen beauftragt, sofort ein Verfahren einzuletten, dem als Grundlage das von der Nationalversammlung angenommene Gesetz vom 18. Dezember 1919 betreffen- die Verfolgung Kriegs­schuldiger dienen wird. In Leipzig werden die Ur­teilssprüche deuffcher Richter beweisen, wie hoch Recht und Gesetz in Deutschland geachtet werden. Wir hät­ten freilich gewünscht, daß die Enteiste ihre Vertreter geschickt hatte, die jederzest Gelegenhest gehabt hätten, m das Verfahren einzugreifen, wenn es ihnen nötig erschien. Die Entente hat uns aber die volle Ver­antwortung zugeschoben und eine Teilnahme an dem Strafverfahren abgelehnt. Wir sind bereit, diese Der- antwortung zu tragen, die uns befähigen wird, der Schwierigkeiten Herr zu werden, die sich im weiteren Verlauf der Dinge in den Weg stellen könnten.

Frankreich wollte das Ruhrgebiet besetzen.

Die „Information" meldet aus London: Die Londoner Konferenz hat einen Antrag Frankreichs, im Falle der Weigerung Deutschlands, die Kriegsschul­digen auszuliefern, einen Teil des rechten Rhein- ufers, darunter das Ruhrgebiet, zu besetzen, verworfen. e

Um die Arbeitszeit im Bergbau.

Reichskanzler Bauer, der, um Maßnahmen zur Hebung der Kohlenförderung zu treffen, in daS Ruhrgebiet gereist ist, hatte am Montag eine sehr eingehende Besprechung mit den Vertretern der Be­hörden und den Arbeitgebern sowie den Arbeit­nehmern des Bergbaues und der Eisenindustrie.

Reichskanzler Bauer legte in eindringlicher Weise dar, daß vermehrte Arbeit das einzige Mittel fei, das Volk aus Armut u. Elend zu retten. Leider könnte heute aber nur in recht bescheidenem Maße gearbeitet werden, weil nicht hinreichend Kohlen verfügbar sei. Es müsse die erste Aufgabe der Regierung sein, daß die Friedens- erzeugung an Kohlen wieder erreicht werde. Das taffe sich nicht anders erreichen, als indem länger als 7 Stunden gearbeitet würde.

Nach dem Reichskanzler legte Herr Stinnes dar, daß eine Mehrförderung von 30 Millionen Tonnen Kohle eine tägliche Mehrarbeit von IV» Stunden beanspruche. Jede Tonne mehrerzeugter Kohle machte knappen und teuren Schiffsraum frei für die Beförderung von Getreide und anderen Lebensmitteln. Die Frage der Ueberstunden sei aber gleichzeitig eine Frage dessererErnährung, die sofort in die Wege geleitet werden müsse. Ferner mußten auch die Transportarbeiter auf den Eisenbahnen, Wasserstraßen, Umschlagplätzen nsw. entsprechend länger arbeiten, sodaß eine geregelte Abfuhr möglich wäre. Ueberarbeiten sollten nicht mit 25 Prozent, sondern mit 100 Prozent Zu­schlag auf die bisherigen Sätze bezahlt werden. In der Browersorgung seien die Untertagearbeiter mit den Selbstversorgern gletchzustellen. Sie müßten also zn den normalen Inlandspreisen 24 Pfund Brot und 4 Pfund Fett geliefert bekommen.

Die Vertreter der Gewerkschaften, Umbusch und Husemann, forderten vor allem eine beffere Ernährung für den Bergmann und erklärten, daß die Durchführung der geforderten Ueberstunden gegen- wärtig eine zu große Belastungsprobe für die Organisationen darstelle. Gegenüber dem Einwande, daß die anderen Berufe zuerst die Arbeitszeit ver­längern soNen, entgegnete Elsenbahnminister O eser, daß der Bergbau vorangehen müsse, weil er die ge­genwärtig wichtigste Industrie sei. Es handle sich hier um keine Arbeitgeber- oder Arbeitnehmerfrage, sondern um eine Angelegenheit des ganzen Volkes.

Mit Nachdruck unterstrich diesen Gedanken Reichs­postminister Gi esber ts. Wenn die Regierung ins Ruhrgebiet komme, um die Bergleute um eine er­höhte Kohlenerzeugung zu bitten, so sei das ein ge­schichtliches Ereignis. Gelinge es nicht, des Kohlenmangels Herr zu werden, so gehe das ganze Volk vor die Hunde. Auch die Eisenbahner müßten länger arbeiten.

Reichskanzler Bauer ließ im Schlußwort keinen Zweifel darüber, daß die Regierung die Frage der Mehrarbeit zu regeln gezwungen sei, wenn es zu keiner Verständigung komme. Verhandlungen in einer Arbeitsgemeinschaft über Form und Maß der notwendigen Mehrarbeit werden am Minwoch ausgenommen.

Die Hebung bet Lokomolivnol.

Nach einer Meldung des „Vorwärts" ertlär-e Mi­nister Oeser, daß ein Mitglied der Rheinland-Kom­mission die Frage an die Preußische Eisenbahnverwal­tung gerichtet habe, ob eine leihweise Rückgabe deutscher Lokomotiven, die an die Entente ausgeliefert worden seien, die Verkehrsnot in Deutsch­land mildern könne. Darauf ist die Antwort erteilt worden, daß man grundsätzlich gern bereit sei, diese Lokomotiven anzunehmen, allerdings unter der Be­dingung, daß sie betriebsfähig cber mindestens doch nur leicht beschädigt, also in kurzer Zeit wieder her­stellbar seien. Daraufhin gab die interalliierte Eisen- bahnkommission in Trier bekannt — ohne daß irgend­welche Vorverhandlungen stattgefunden hatten — daß zehn preußische Güterzuglokomottven als Aushilfe für die Beförderung von Eniente-Kohlenzügen im Kölner Bezirk zmn Tagesmieffatz mm 70 Franken aus Frank­reich überwiesen würden.

Ein polnischer Vertragsbruch.

Auch Polen hat sich, wie bekannt, an der Aus­lieferungsliste beteiligt. Dies bedeutet einen Bruch j des deutsch-polnischen Amnestieverrrages vom 1. Okt. 1919, der volle Straffreiheit für alle vor dem In­krafttreten dieses Vertrages begangenen Handlungen gewährt, die auf eine militärische, politische tret nationale Betätigung zugunsten des anderen Teiles zuiückzuführen sinv. Außerdem ist ausdrücklich bei den Verhandlungen die Amnestie auf deutsche Mili­tärs und Beamte, die während des Krieges in Kon- gretzpolen wirkten, ausgedehnt worden. Gegenüber Pol-n würde sich Deutschland mithin auf den Stand­punkt einer unbedingten Ablehnung aus Rechtsgrün- ben gestellt haben.

Eilte Gegettliste.

Die Oeffentlichkeit hat eigentlich jetzt erst im Sturm der Aufregung erfahren, daß an amtlicher Stelle schon seit einiger Zeit eine sehr reichhaltige Gegenliste von Entente-Angehörigen vorliegt, die völ- kcrrechiswidrige Verbrechen begangen haben, wofür schriftliche und protokollarische Belege vorgewiesen werden können.

Politische Gründe sprachen 6:5f>er gegen die Wei­tergabe dieses Materials an die Oeffentlichkeit. Nach­dem ober durch Ueberreichung der aegnerifdjen Aus­lieferungsliste alle Rücksichten in Wegfall gekommen sind, steht der Verbreitung dieses Materials nichts im Wege. Die deutsche Regierung wird daher näch­stens die deutsche Gegenliste herausgeben. Aus diesem umfangreichen, zum Teil geradezu erschüttern­den Material werden dann nicht nur Deutsche, son­dern auch das feindliche, tote auch das neutrale Aus­land ersehen, daß die Greueltaten der Gegner den Behauptungen, die man uns entgegenstellt, in nichts nachstehen, ja sie weit übertreffen. Wir begrüßen es, daß die deutsche Regierung zu der Herausgabe einer deutschen Gegenliste schreitet und wünschen nur, daß alles getan wird, um ihr nicht nur im Inlands, son- dern auch im Auslande und vorab in den neutralen Ländern die entsprechende Verteilung zu sichern. Ob­jektive Leser werden aus dem Schaudern nicht her- auSkommen, wenn man ihnen das deutsche Material vorlegt.

Nur ein Ausschnitt: Dem ehemaligen deutschen Kronprinzen soll der Prozeß gemacht werden wegen seiner angeblichen Befehle, keine Gefangenen beim Feinde zu machen, also alles zu töten. Nun, die zmückgekehrten deutschen Kriegsgefangenen wiffen ein Lied davon zu fingen, wie nicht nur die Franzosen, sondern auch die Engländer, die die völkerrechtliche Korrektheit gepachtet zu haben vorgaben, auf den Schlachtfeldern über die Wehrlosen unb Verwundeten herfielen. Beispiele: Der int Februar 1918 an der Lys gefangen genommene Gefreite Wilhelm Eteppo war Zeuge, wie ein australischer Offizier seine mit ihm in Gefangenschaft geratenen Kameraden mit einem Revolver nieder schoß, obwohl sie um Pardon baten. Der im September 1917 vor Ipern schwerverwundete Musketier Albrecht Stöcken verdankt seine Rettung nur dem Umstand, daß er sich tot stellt-, denn die Engländer zogen mit Trupps von 3—5 Mann über das Schlachtfeld und töteten alle Verwundeten, die dort lagen. Leute, die die Hände hoch hielten und um ihr Leben baten, wurden von den Engländern ohne Gnade durch Gewehrschüffe und Bajonettstiche umgebracht. Eine große Anzahl seiner verwundeten Kameraden wurden nieder ge­metzelt, nachdem der eigentliche Kampf längst vor­bei war. Daß derartige unmenschliche Verbrechen englischer Truppen gegen das Völkerrecht obendrein noch auf höheren Befehl ansgeführt wurden, ist verschiedentlich von englischer Seite offen zugegeben. So erklärte ein englischer Offizier dem Sanitätsser­geanten Eller nach der Gefangennahme, er solle froh sein, daß er ohne körperlichen Schaden in Gefangen- schäft geraten sei, es bestehe Befehl, keine Gefangenen zu machen, sondern alle Deutschen zu töten.

am Bahnhost, aber im ganzen ging es glatt ab; der Mor­gen war so schön, die Sonne schien so freundlich unb gab der ganzen Gegend ein heileres Ansehen; das empfanden die Heimfahrenden ebenso tröstlich wie die Abreisenden. Ihre Abschiedsgefühle drückte Mimi auf der langen Eisen- bahnfahrt in einer Reihe von Ansichtskarten aus, die auf jeder größeren Station gekauft unb abgesendet wurden.

Schließlich überwand sie bas Weh und gab sich den Eindrücken der Reise hm; die wechselnden Bilder der Landschaft, die sie durchfuhren, das anregende Geplauder Gustavs und der Tante unb die Spannung, mit der sie all dem Neuen unb Fremden entgegensetz, das die Zu­kunft bringen sollte, nahmen ihre Seele gefangen.

Wie hoch diese Erwartungen auch gespannt waren, die Wirklichkeit übertraf sie doch; so fchön hatte fie das Leben im Hause der Tante sich nicht vorgestellt, als es wirklich war. Es war nicht möglich, Heimweh zu bekommen; so lieb und fo freundlich und sonnig war alles im Hause, die Wohnung und die Menschen. Darum empfand Mimi auch gar feine Bangigkeit tagsüber; nur wenn sie bann Zur Schlafenszeit sich in ihr Stübchen zurückzog, dann überkam fie's, aber da half sie sich mit dem Bri-f- chreiben. Sie schrieb den Lieben daheim alles, alles was ie erlebt und geschaut hatte und das war ziemlich Diel, w enn man's so genau beschrieb wie sie.

Sie wußten daheim genau, wie eg in Tantes Woh­nung aussah, besonders m Mimis Ltübchen, wie die Dienstleute waren und Tantes Bekannte, unter denen sie bald Lieblinge hatte. Am wertigsten gefielen ihr eigent­lich bie jungen Mädchen, an die sie sich naturgemäß lätte anschließen sollen; der geheimste Grund ihrer Abneigung, den sie sich kaum stlber eingestand, war der, daß sie sich zu gut mit Gustav unterfjieüen, aber sie suchte not sich selbst nach anderen Gründen. Zunächst kam sie sich albern neben ihnen vor und das kränkte sie. Sie war mit Tante im Theater gewesen und hatte in Mer Andacht den Gang des Stückes verfolgt; begeiftett war sie nach Haufe ge­kommen und hatte ihren Hausgenosien den ganzen näch­ten Tag davon oorgefchwärmt, es hatte ihr alles einen fo tiefen Eindruck gemacht, bas Stück und die Leistungen der Künstler; und die Tantewar mit ihr noch tiefer ruf all die Vorzüge und Schönheiten des Werkes und der Dar­stellung eingegangen und hatte Mimis Freud: daran erhöht.

„Aber Mimi," fegte Emma beruhigend, „Du kannst st doch jeben Tag zurücksthren, wenn Dir bang ist; zum Militär bist Du ja nicht behalten."

„Na, ich glaub'» wohl auch," meinte Kerlholz. „Schöne Geschichte das, wenn eins heult, weil'» zu seinem Der- gnügen fortfährt. Schäm' Dich ein bißchen! Wie bann, wenn Du Soldat wärst? Der muß auch fort von Vater unb Mutter unb hat keine Tante, bte ihn streichelt, ihn auf den Ball unb ins Theater führt unb wie ein Zucker- Püppchen behandelt. Möchtest Du nicht ein wenig tapfer fein und ber Mama bas Herz nicht schwer machen? Tante wirb auch nicht erbaut sein, wenn Du tost, als ob's in bte Gefangenschaft ginge."

Mimi trocknete ihre Tränen. „Sei nicht böse, Tant­chen,' bat sie, „Du weißt', ja, ich gehe gern mit, es ist nur, weil Fritz von Weihnacht gesprochen hat."

„Latz gut fein. Kleine," sagte die Tante, „bis Weih, nachten ift noch weit, da überlegen wir's uns noch, ob Du nach Haust kommen ober lieber eine Kiste mit wun­derschönen Sachen schicken willst, die wir sorgfältig aus- wählen, nachdem wir wochenlang alle Schaufenster in Wien studiert haben werden. Du, dieses Wählen, das ist eine Freude!"

Mimi seufzte noch einmal tief auf, dann lächelte sie wieder. Tante Emma aber fuhr fort: „Weißt Du, das ist so hübsch, wenn man fo viele tausend Sachen sieht und bei allem denkt: Das möchi' ich der Mama kaufen und das würde dem Papa gefallen, und das könnte dem Waldemar und das dem Fritz Freude machen . . “

„Ein Malkasten!" schrie Fritz barem. „Du, wenn Du einen Malkasten siehst, einen großen, schönen, dann denk an mich! Aber ordentliche Farben müssen drin fein, nicht solche, wie in meinem alten, wo man eine Stunde mit dem Pmstl bürsten muß, bis man was runierkriegt."

Fritzchen hatte die wehmütigen Gefühle glücklich besei­tigt und Gustav ließ es mm nicht, mehr dazu kommen, m lauter hellen Farben malte er Mimis Leben in Wien aus.

So kam ber Tag der Abreise heran; am Abend vorher nahm man sich zusammen unb am Morgen war dann so viel zu tun, daß keine Zeit zu Gefühlsergüflen blieb; das \ haste Emma so eingerichtet und überhaupt hat eine Ab- ■ reife am Morgen etwas viel Frischeres unb Fröhlicheres i an sich als am Abend. Cs gab wohl Tränen in Menae 1

Eine neue Kaisernote.

Die En'ente hat nunmehr eine weitere No e an Holland gelangen lassen, in welcher zu der Weige­rung Hollands, den Kaiser ausznliesern, Stellung genommen wird. In feit vorsichtiger Form gibt ine Entente zu, daß sie rem rechtlich die Ausliefe­rung von Holland nicht verlangen könne. Man sucht dw Sache daher von der moralischen Seite her zu packen, ind-m man die alten Lügen von dem fürchterlichen Verbrecher Wilhelm von Hobenzollern wieder aufwärmt, der ganz allein den Krieg ver­schuldet habe und somit mehr als 10 Millionen i Menschenleben auf dem Gewiffen habe usw., usw. und dann zu dem Schluß kommt, daß es ganz un­verständlich sei, wie Holland einem solchen Ver­brecher Schutz gewähren könne.

Formell wird dann das Gesuch um Auslieferung erneuert, aber gleich darauf der weitere Vorschlag . gemacht, den Kaiser zu verbannen. Die Tat­sache, daß der Kaiser augenblicklich in einem Orte sich aufhält, der ziemlich nahe der deutschen Grenze liegt, wirke um deswillen besorgniserregend, weil von Amerongen ans Dinge ins Werk gesetzt werden könnten, welche die Entente als eine Gefahr für ihren Bestand ansehen müßte. Die Note schließt:

Die Mächte können den peinlichen Eindruck nicht verbergen, welcher die Ablehnung der holländischen Re­gierung, den Exkaiser auszuliefern, auf sie gemacht hat. besonders weil Holland mit keinem Wort gewisse Vor­sorg ematznahmen erwähnt hat, sei es, daß diese an Ort und Stelle getroffen werden oder fei es, daß der Exkaiser in werter Entfernung von der Szene seiner Vergehen gehalten und es ihm somit u n- möglich gemacht wird, einen bedrohlichen Ein­fluß auf Deutschland auszuüben. Obwohl ein Vorschlag diesen Cb-rrakters sich nicht vollkommen mit <en Gesuch ber Mächte gedeckt hätte, würde dies den- nodj den Beweis der Gefühle erbracht haben welche Holland zweifelos auch hegen mutz. Die Mächte weisen daher die holländische Regierung feierlich und nach­drücklich auf das Interesse hin, welches sie einer neuen ©rtoägwng hier ihr unterbreiteten Fragen bennesserr. Sie verlangen, daß es deutlich verstanden werde, welch eine ernste Sage für Holland daraus ent. stehen könnte, wenn die holländische Regierung nicht die Garantien bietet, welche Europas Sicherheit er» fordert.

Ter Ton ist drohend, aber es kommt ber Entente wohl nur darauf an, unter einem Schwall starker Worte den Rückzug zu verdecken. Nach der hollän­dischen Verfaffnng dürfte eine Zwangsmaßnahme gegen den Kaiser, tote die Entente sie vorschlägt, mcht in Frage kommen, da Holland Abschiebungen zum Zwecke der Verbannung nicht kennt. Wie sich die Dinge heute übersehen lassen, wird es im wesent­lichen darauf hin aus laufen, daß Holland offiziell die Internierung des Exkaisers auf dem von ihm in Eigentum erworbenen Landsitzes in Amerongen den Ententemächten kundtut.

Eine bolschewistische Frühjahrsoffensive?

In der jüngsten Zeit kommen aus Rußland immer häufiger Meldungen von einer beabsichtigten bolschewistischen Frühjahrsoffensive gegen Polen. Auch die Berliner Spartakisten verbreiten dieselben Nachrichten und sprechen von einem im März beab­sichtigten neuen Putsch zum Sturze der Re- gi,erung. An dieser Agitation beteiligen sich gegen­wärtig zahlreiche russische Agenten. Sie treten nicht nur in Ost- und Westpreußen auf, sondern firn» auch in Sach'en, im Ruhrkohlengebiet und anderen Teilen Deutschlands tätig. Eine be­sonders große ruistsche Agitation scheint sich in der Gegend von Leipzig bemerkbar zu machen. Alle plane gehen offenbar darauf hinaus, mit Unter» tützung der russischen Bolschewisten auch inDeutsch- and die Diktatur des Proletariats einzu- ühren,

6m in Berlin anwesender russischer General, Oberst eines Petersburger Garde-Regiments, äußerte rch wie folgt: Zweifellos ist im Frühjahr mit einem Vorstoß der Bolschewisten gegen Polen zu rechnen. Tie Führer haben aber geäußert, daß sie gegen Deutschland keinen Angriff unternehmen, andern die alten Grenzen wieder Herstellen würden alls die deutsche Republik mit Rußland ein Bündnis eingehe.

Wie sich die Entente zu diesen Plänen Ruß- lands verhalten wird, ist noch unklar. Immerhin hält die englische Regierung einen Sieg der deutschen Bolschewisten in Berlin für im Bereiche der Mög­lichkeit liegend. Diese Sorge in London kommt in einem Befehl zum Ausdruck in hie e-nolische

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