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Nr. 39.

Verantwortlich für den redatlionellen Teil: Karl Schütte, :: für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. u

Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung

aerZeitung

Dienstag, 17, Zebruar 1920.

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47. Zahrg.

Die Antwortnote noch nicht überreicht.

Die Antwortnote der Entente auf unsere Vorschläge jotn 25. Januar in der Auslieferungsfrage ist der deutschen Regierung noch nicht überreicht worden. Mar erwartet die Uebergabe für heute. Der Inhalt der Note soll, wie aus Paris gemeldet wird, etwa fol­gender fein:

Die Aburteilung der schuldigen Deutschen vor einem deutschen Gerichtshof widerspricht nicht den ^Bestimmungen des Versailler Friedens. Die Alliier­fen stellen es demnach Deutschland anheim, gegen alle Deutsche, deren Auslieferung verlangt wurde, cm Ver­ehren vor dem Leipziger Gerichtshof ein- Alleiten. Je nach der Art, wie die Prozesse durchge­führt werden, wollen die Alliierten in dieser Frage weiterhin Stellung nehmen, d. h. wenn die Prozesse und die Urteile ihren Anschauungen nicht entsprechen sollten, würden die Alliierten es fi chvorbehalten Aus- heferungen zu verlangen oder Deutschland Strafen auf- perlegen.

Nach der Entwicklung der Verhältnisse und Stirn« mmgen kann man diese Nachricht nicht einfach für un- uöglich erklären. Aber es bleibt doch noch zweifelhaft, rb die Entscheidung in diesem Sinne gefallen ist. Das Zugeständnis der Verhandlung vor dem Reichsgericht in Leipzig erhält eine bittere Zugabe durch den Vor­behalt, daß die Entente erst noch entscheiden will, ob sie die Urteilssprüche des höchsten deutschen Gerichts­hofes anerkennen will oder nicht. Der schwere Druck der Ungewißheit würde also weiter auf dem deutschen Volke lasten. Um klar zu sehen, muß man erst den Wortlaut der Note abwarten. In­zwischen wollen wir uns nicht verhehlen, daß die Sache auch dann noch, werm das Verfahren vor das Reichsgericht kommen sollte, sehr schwierig und dornig sein wird. Es würde uns fteilich nicht mehr zugemu- tet, die angeschuldigten Mitbürger in Feindeshand aus- Mefern; aber welch einen kolossalen Apparat von Richtern, Hilfskräften, Urkunden und Zeugen müßten wir in Tätigkeft setzen, wenn ein regelrechtes Ver­fahren gegen ein paar Tausend von deutschen Offi­zieren und Staatsmännern in absehbarer Zeit durch­geführt werden soll! Die Anklageliste hat sich so in das Massenhafte verstiegen, und auf so elendes Be­weismaterial zurückgegriffen, daß unbedingt erst eine Voruntersuchung sichten müßte, um dieSpreu vom Weizen zu sondern". Wenn nun aber die Entente sich die Bestätigung der Urtelle Vorbehalt, so haben die Vertrauensmänner Frankreichs, wenn dort der Geist Clemenceaus weller maßgebend bleibt, ein Recht, in einemfort Krisen hervorzurufen, indem sie Ersatz­forderungen zustellen oder die Auslieferung verlangen. So könnte auch das Verfahren vor dem deutschen Ge­richt zu einer stetigen Quelle von Zwistigkeiten und Äergernisien werden.

Also rosig ist der Ausblick noch keineswegs. Nur bie a tute Krisis, in der wir jetzt stehen, würde durch die angekündigte Verschiebung des Gerichtsverfahrens überwunden werden. Aus der chronischen Kri­sis kommen wir erst heraus, wenn Frankreich nicht bloß in einem Punkte und nicht bloß widerwillig nachgibt, sondern sich ehrlich zu der Gesamtpolitik der Versöhnung bekennt, irie m Italien und England bereits angebahnt ist.

Die Revision des Versailler Vertrages, die Lord Curzon als möglich bezeichnete, wird wohl auch noch geraume Zell auf sich warten lassen, sowell es sich um den Wortlaut handell. Vorher muß der Geist revidiert und gebessert werden, aus dem das grau­same Machwerk hervorgegangen ist.

Hoffen wir, daß mit der entsetzlichen Massenliste die unglückselige Polifik des wilden Haffes den Höhe- pmikt überschritten hat.

Der Kern des Nebels.

Auch eine Aschermittwochsbelrachlung.

Woran fehlts? Welches ist die Ursache unseres Wirtschaftsclcnds?

Ganz unzweifelhaft sind Arbeitswille und Arbeits­lust im Volke wteber im Steigen. Strömungen, die diese Regungen bekämpfen wollten, sind ni^ergehalten worden, zum großen Teil mit Hilfe der Arbeiterschaft selbst, vorab der älteren Arbeiter. Die Wiedereinfüh­rung der Akkordarbeit beispielsweise ist ganz glatt vor sich gegangen, zur Ueberraschung vieler von uns!

Und ttotz allem kommen wir nicht in die Höhe! Der Gedanke ist niederschmetternd mid diese Erkenntnis ist furchtbar: wir arbellen und schaffen, wir haben einen riesigen Geldumlauf, wir quälen und plagen uns ab, um alles wieder ins Lot zu bringen und es wird nicht besser! Wir sehen keinen Aufstieg, nur Niedergang, keine Preissenkungen, nur Preissteigerung. Die Lohn­forderungen steigen fortdauernd. Was nützt einem Be­amten ober Arbeiter ein hohes Gehalt, wenn er mit 100 Mk. heute nicht mehr als früher mit 10 Mk. an­fangen kann! Mit dem vielen Geld betrügen wir uns selber!

Die Wurzel des Uebels liegt ganz einfach darin, daß mehr verzehrt als geschaffen wird! Uiid zwar mehr verzehrt zur Befriedigung unserer Le­benshaltung, unserer persönlichen Bedürfnisse, als auch zur Fortführung von Industrie, Handel, Gewerbe und Technik. Es wird weniger geschaffen, als wir ver­zehren und verbrauchen. Das ist der Sern!

Mit mathematischer Sicherheit muß eines Tages die Stunde kommen, da wir sagen müssen: jetzt geht es nicht mehr, jetzt sind unsere Vorräte erschöpft, unsere Vorräte an geistiger, sittlicher, moralischer Kraft, eben­so wie die an Arbells- und Wirtschaftskraft und wie die an materiellen Dingen, die wir brauchen, um ar­beiten und existteren zu können.

Wir verzehren mehr als wir schaffen, wohin wir auch blicken. Früher war das anders. Wir waren vor dem Kriege ein Ausfuhrland. Wir lieferten dem Aus­lande Waren, deren Wert Milliarden betrug. In­folgedessen standen uns große Auslandskredite zur Ver­fügung, unsere Stellung im Auslande war gefestigt und der deuffche Name stand an vorderster Stelle auf dem Weltmärkte.

Was sehen wir jetzt im Innern unseres Landes? Unendliche Gleichgültigkeit gegenüber der All­gemeinheit. Der eine sagt, mit kann nichts passieren; der andere meint, es wird schon wieder bester werden, so schlimm wie es jetzt hingestellt wird, kommts ja doch nicht!' Was kümmert uns die Valuta, wenn wir noch tanzen könne», wenn cs noch Maskenbälle gibt, solange wir noch Gänse zu 100 Mark das Stück kaufen können! Eine Stimme der Verantwortungslosigkell greift immer mehr Platz, jene Stimmung, die da sagt: Was soll ich mich an all dem stören, die Verantwortung für alles, was kommt, tragen die anderen!

Dabei wird es immer schlimmer mit allen unseren Zuständen. Alles geht abwärts. Unsere Eisenbah­nen verlottern, um fehl ärgeres Wort zu gebrauchen. In drei Jahren wird das deutsche Eisenbahnwesen, einst das beste des ganzen Kontinents, soweit heruntergekom­men fein wie m Rußland, wie in Sibirien, alles ver­dreckt, man findet schon keinen anderen Ausdruck mehr, überall zeigen sich Verfallserscheinungen, Er­scheinungen des furchtbarsten Zusammenbruchs. Es ist keine Frage mehr, daß bas Verkehrswesen zugnmde- geht, wenn so weiter gehaust wird.

Die Hauptstützen unseres wirffchastlichen Lebens, Landwirtschaft und Bergbau drohen zu versagen. Im Kriege sind die ertrage der deutschen Landwirt­schaft dauernd gesunken. Es fehlte das vom Aus­lande eingeführte Kraftfutter. Die Diehzahl nahm ab, der Stalldünger verschlechterte und verminderte sich. Die Arbeitskräfte fehlten, der Boden konnte nicht mehr, so bebaut werden wie ftüher. Künstliche Düngemittel

tonnten nicht in hinreichendem Maß beschafft werden, das alles mußte eine starke Minderung der Erträge nach sich ziehen. Die deutsche Landwirtschaft muß noch für längere Zeit mit der Verminderung des Stalldüngers rechnen. Umsomehr wäre es notwendig gewesen, die deutsche Landwirtschaft mit künstlichem Dünger zu ver­sorgen. Von 200 Kaliwerken lagen 80 still, die übrigen 120 haben mit Unterbrechungen gearbeitet. Sie hatten keine Kohlen. Auch vorn Stickstoff ist nur em Viertel erzeugt worden, den man hätte erzeugen können. Als Grund auch hier Biangel an Kohlen. Man schätzt, daß der Ausfall an Stickstoff etwa drei Millionen Tonnen Getreide bedeutet. Aehnlich lagen die Verhältnisse mit den anderen künstlichen Düngemitteln. Im letzten Herbst sind die Kartoffeln verfault, heute hungern die Men­schen. Im September und Oktober wurden Hunderttau­senden Unterstützungen gezahlt, aber die Kartoffeln in den Kartoffelngebieten konnten nicht geerntet werden, well sich nicht genügend Arbeiter fanden.

Unsere ganze Industrie geht den Krebsgang. Immer neue Mitteilungen kommen, daß große Fabriken stillgelegt werden müffen wegen Mangels an Kohlen. Unsere Kohlenförderung betrug 1919 116,5 Millionen Tonnen. In Friedenszeiten dagegen wurden 192 Mill. Tonnen Kohlen gefördert. Es bedarf keines Nachden­kens, um einzusehen, daß eine Volkswirtschaft, die au: einen derartigen Bedarf an Kohlen eingestellt ist, zu- sammenbrechen muß, wenn ihr nur noch nicht einmal zwei Drittel der früheren Kohlenmengen zugewiesen werden können.

Was uns retten kann, ist allein die Erhöhung der Produktion. Keine Weltanleihe, kein Kre­dit eines neutralen Landes können uns wirksam hel­fen! Das sind Pflästerchen, die neben die Wunde gefetzt werden. Der Heilungsprozeß muß an den Neb ven und an dem Marke des Volkes begonnen werden. Mehr arbeiten, mehr schaffen, mehr Quellen dem Wirffchaftskörper zuführen, damit er mehr produzieren kann! Statt Kräfteabfluß muß Kräftezufuhr be­ttieben werden! Wir geraten immer tiefer in den Sumpf, wenn es so weiter geht wie bisher. Arbeiten wir nicht, so bekommen wir nichts zu essen und wenn wir ganze Säcke mit Papiergeld bei jeder Lohnzahlung ausbezahlt bekommen. Wtt werden erst dann mehr und besser zu essen haben, wenn wir mehr arbei­ten als bisher. So ist der Kreislauf der Dinge in Wahrheit!

Man muß den Mut anerkennen, mit dem eine Zuschrift an dieGermania" aus Arbeiterkrei­se n den Finger auf die Wunde [egt. Der Achtstunden­tag, einer der bedeutungsvollsten sozialdemokratischen Programmpunkte, ist ja ein Kräutchen Rühr mich nicht an, aber die erwähnte Zuschrift scheut sich nicht zu sagen:

Man verschließt die Augen und will nicht sehen, daß die Katastrophe in ganz kurzer Zeit kommen nurh. Schuld daran ist die achtstündige Arbeits­zeit als Maximalarbeitstay. Es ist ganz selbstve-r. stündlich, daß, wenn schon für jede leichte Arbeit nur acht Stunden vorgesehen find, die Berufe mit schweren Anstrengungen Anspruch auf eine weitere Verkür­zung unter acht Stunden haben. Was notwendig ist, ist eine Regelung der Arbeitszeit nicht nach einer grauen Theorie, sondern nach wirtschaftlichen und ge* sundheitlichen Gesichtspunkten.

Eine allgemeine Erhöhung der Arbeitszeit Hätte im Augenblick wenig Sinn, sie ist nicht durch­führbar, da wir noch in der wirtschaftlichen Umwäl- zung stehen und gar nicht allen, die arbeiten wollen, Beschäftigung geben können. Was zu tun ist, führt die erwähnte Zuschrift in folgendem aus:

'Honte braudien wir eine längere Arbeits. zeit im Bergbau, im Verkehrswesen und in der Landwirtschaft (wobei zu bemerken ist, daß der selbst­ständige Bauer schon' aus eigenem Interesse die Ar. beitszeit voll ausnutzt), um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Es muß allen diesen Arbeitern klar gemacht werden, daß der Zusammenbruch unver- meidlich ist, wenn nicht die Arbeitsleistungen mit allen

Kräften gesteigert werden können. Dann aber sollten wir die schematische Regelung der Arbeitszeit ruhig aufgeben und den Standpunkt vertreten, daß entspre­chend den wirtschaftlichen Verhältnissen im Gewerbe di «Arbeitszeit durch tarifliche Verein, barung fest gelegt werde. Statt des achtstün­digen Maximalarbeitstaops wird man auf den 'lüstündi ge'n Maximalarbeitstag zu. rückkommen müssen. Auch dann kann eine Regelung der Arbeitszeit erfolgen, wodurch niemand in seiner Gesundheit beeinträchtigt zu werden braucht. Wir haben heute die Wahl, entweder die Arbeitszeit zu verlängern und die Arbeisleistung zu erhöhen oder wir hungern, haben feine Schuhe an den Füßen, kein Hemd auf dem Leibe und nichts anzuziehen. Das sind gewiß bittere Wahrheiten, die man aber aussprechen muß. Die falsche Beurteilung ..bei Wirklichkeit im Kriege hat sich ja so grausam gerächt. Es ist deshalb bester, beizeiten darauf hinzuweisen, was unweiger­lich kommen wird und kommen muß. Gewiste Kreise gogen aus, um die Kapitalisten totzüschlagen, sie woll­ten die Wirtschaft vernichten und schafften doch nur Warenmangel. Wucher- und Schiebertum und bewirk­ten eine Verarmung des gesamten Volkes. Noch nie haben sich falsche Theorien so furchtbar ausgelebt wie die liberale und sozialistische Ideenwelt. Es ist Zsi, die Dinge nüchtern anzusehen und den Masten die Wahrheit zu sagen, um ihnen die Augen zu öffnen.

Die Wahrheit ist furchtbar, aber es genügt nicht, sie den Masten zu sagen, es müssen auch die Folge­rungen, die sich aus ihr ergeben, gezogen werden. Ohne Rücksicht auf den Geist der Masten muß schleu­nigst das getan werden, was zu tun ist, um die deut­sche Volkswirtschaft zu retten. Wir dürfen nicht auf­hören, die Lösung der wirtschaftlichen Probleme als ersten, aller politischen Gedanken zu verfolgen. Wlich tiger als alle Fragen, über die die Zeitungen berich­ten, wichtiger als Erzberger-Prozeß und Reichstags- wahlrecht ist jetzt das deutsche W i r t s ch a f t s. Problem! Und dieses umschreibt sich in der Frage: Wie schaffen wir mehr, als wir verzeh­ren? Nur wenn diese Frage in dem Sinne gelöst wird, daß Mittel und Wege gefunden werden, um die Mehrleistung tatsächlich zu sichern, nur dann wer­den wir uns erholen. Das muß aber schnell geschehen, in Wochen, ja in Tagen kann es schon zu fvät sein!

Die Kohleimot.

Der Drehpunkt unseres ganzen Wiederaufbaues ist die Kohlenförderung, ihre Erhöhung ist füi das wirtschaftliche Schicksal Deutschlands von end scheidender Bedeutung. Ganz im Sinne der Gedanken die in dem obenstehenden Artikel bargelegt find sucht jetzt die Regierung eine größere Arbeitsleistung im Bergbau durch Verhandlungen mit den Bergleuten zu erreichen. Die Reise, die der Re ichskan zler begleitet vom Eisenbahn- und vom Arbeitsminister in das Ruhrgebiet angetreten hat, gilt diese« Zweck. Der Reichskanzler will den Bergleuten klar machen, daß die Rettung des Vaterlandes vor der Katasttophe nur möglich ist, wenn alle Teile bereif sind, über das heutige Maß hinausArbeik zu leisten und Kohlen zu fördern. Hebet- stunden müffen im Wege bet Vereinbarung zwischen den beteiligten Verbänden gefahren werden, sonst sind wir verloren. Es darf als ein erfreuliches Zeichen der moralischen Gesundung unserer Arbei­terschaft angesprochen werden, daß an vielen Orten die Arbeiterschaft sich bereits zu Ueberstunden bereit gefunden bat, um notleidende lebenswichtige Indu­strien mit Brennstoff zu versorgen. Dafür "verdienen die Bergarbeiter Anerkennung. Sie haben einen besonders harten und lebensgefährlichen Beruf, und ihre Forderung ist berechtigt, daß ihnen dafür eint materielle Gegenleistung gewährt werden muß. Aus dieser Bereitwilligkeit spricht aber andererseits auch ein hohes Verantwortlichkeitsgefuhl gegenüber der Allgemeinheit. Denn wenn es zutreffen sollte, daß die französische Kommission in Oberschlesien eine Verfügung über die oberschlesische Kohle ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse Deutschlands plane,

Der Gänfefcoktor,

37] --------

Nichtsdestoweniger bin ich in tiefster Seele gerühtt > erfreut über die Herzlichkeit Deiner Derwandten, ich werde deren stets gedenken."

Wie alles auf Erden, so nahm auch diese Derloknmgs- stier ein Ende, aber man trennte sich trotz der späten Stunde mit Bedauern; jedes erklärte, diesen schönen Tag vergessen zu können. Selten läßt uns das Schicksal ein paar Stunden rem gemeßen, wtt müffen fast immer <wige Tropfen Wermut m einem Freudenbecher hin- »chmen, aber dieser Abend war nn Hause Kienholz ein vollkommen ungetrübte gewesen, weÄeichl deshalb, weil bos Bittere schon reichlich vorher geschluckt worden mar.

Die fröhliche Stimmung im Hause hielt an. Edith ®u&te recht gut, daß es das Gespenst der amerikanischen Millionen gewesen war, das den Unfrieden dis Haus ge- macht hatte und sie freute sich, daß sie es mit ihrer ver­daulichen Mitteilung an Tante Betti verscheucht hatte. Sie Herzlichkeit, mit der man ihr jetzt entgegenkam, tat V wohl, denn sie wußte, daß diese echt war.

Edith war fetzt sehr viel um Tante Betti; sie wollte "W landesüblichen Speisen kochen fernen und sich über» 9W mit den Verhältnissen der Gegend »ertraut machen. Selbstverständlich wurde dabei von Zukünftigem und 23er» Songenem geplaudert und einmal kam die Sprache auch M Ediths Großvater, welcher der vermeintlichen Millio- Narin seinen Fluch nachgeschleudert hatte, weil sie ihm "Hi helfen wollte. Nun Härle Edith die Tonte auf:

»Der Großvater war zu jener Zeit, als die Mutter Bühne ging, schon sehr im Abwättsrollen mit seinem Geschäft und er spielte die Entrüstungskomödie über das ^rmeintliche Durchgehen feiner Tochter nur, um sein 5nHen zu wahren. In Wirklichkeit kannte er den Schauspieler Stropp sehr gut als Ehrenmann und ver-

ihm fein Kind ohne Sorge an. Die Geschichte von <*_ Millionen heirat in Amerika erfand er später selbst, er hoffte, dadurch noch einmal Kredit zu erlangen^ . ® mat nicht der Fall, aber um sich nicht zu blamieren, Meuderte er den bewußten Fluch auf die Tochter, doch !

daß

Ver­eine Der- t

3um Schein. In Wirklichkeit wußte er recht gut, Schwiegersohn als Koch zwar in angenehmen wttniflen lcvte, aber keineswegs in der Lage war, umme, wie sie der Schwiegervater brauchte, zur

fügung zu stillen; er hatte das auch nie verlangt, sondern war froh gewesen, daß die Tochter versorgt war."

Edith bat natürlich inständig, but Mama nich's von dieser Mitte lung zu jagen.

Siehst Du, Tante, das bischen eingebildeter Glanz ist ihre einzige Freude," meinte Edith;die kann man fljr wohl gönnen, da sie doch sonst eine herzensgute Frau unt> liebevolle Mutter ist. Ich habe die ganze Sache nur deshalb erzählt, damit Du und Onkel, in Euren ersten Voraussetzungen getäuscht, nicht etwa direkt in die gegen­teiligen verfallen und uns für Abenteuerinnen halten sollt. Franz hat auf jede Mitgift verzichtet unb fo bleibt unser Vermögen Mama allein; sie tarnt damit, besonders hier, glänzend auskommen; Du darfst es glauben, Tante, wtt find sehr solide Leute, wenn wir auch keine Krösus sind."

Frau Kienholz versichette natürlich mit großem Eifer, daß sie nie an der Solidarität der Berwandten gezweifelt habe und versprach, die Mitteilungen als Familiengeheim­nis zu bewahren. Kaum jedoch hatte Edith das Zimmer verlaffen, eilte Frau Kienholz zu Emma, da im Augen­blick sonst niemand do war, dem sie ihre Neuigkeit am vertrauen konnte.

Denke Dtt nur, Emma," rief sie schon im Eintreten, der selige Sttopping hat Sttopp geheißen und war Koch in Amerika?"

Wer hat das gesagt?" fragte Emma.

Ditha selbst," entgegnete Frau Betti triumphierend. Ich habe es ja immer gesagt, aber mein Mann wollt's nicht glauben, daß das alles bloß Humbug ist; na, vor dem werd' ich heut' abends meine Weisheit leuchten lassen."

Tu das nicht, Betti!* bat Emma.Schau, Dein Mmm kann alles vertragen, nur nicht, daß jemand geschei­ter ist als er."

Setti schaute sie Überascht an.Ja, da hast Du recht," gab sie nachdenklich zu.Soviel ich mich erinnern (amt, war Ferdinand nie so böse, als wenn eine Prophezeiung von mit eintraf, während er das Gegenteil prophezeit hatte."

Nun siehst Du!" entgegnete Emma.Darum meine ich- daß Du ihm heul' abends die Geschichte nur so neben» her und ohne Triumph erzählst, er wird sich feinen Vers schvn selber darauf machen."

^Frau Betti befolgte Emmas klazen Rai und fie hatte gai daran getan. Papa Kienholz mackste sich in ter Tal i jetten Vers selbst darauf und der l-estarid darin daß er 1

Amelien gegenüber ein gönnerhaft wohlwollendes Wesen zur Schau trug, das aber, weil doch wirklich: Herzensgüle dabei war, nicht unangenehm wirtte. Gegen feine Gattin aber war er von besonderer Zärtlichkeit und diese freute sich im stillen, daß sie sich den kleinen Triumph des Recht­habens versagt hatte.

Diese bedeutendste Aenderung jedoch trat in fernem Be­nehmen Emma und Gustav gegenüber em. Er hatte selbst­verständlich immer die Pflichten der Gastfreundschaft gegen fte geübt, aber er hatte es nur notgedrungen getan, um fpine Frau zu dem Gleichen Amalien gegenüber zu ver­pflichten; aber jetzt schien es, als ob er an triefen Verwand­ten alles Unrecht gutmachen wolle, das er in Gedanken an ihnen verübt. Besonders Gustav stand hoch in seiner Gunst; er machte sich innerlich Bornrirrfe, daß er sich nicht früher dem jungen Mann genähett hatte und er empfahl Walde­mar täglich, Gustavs Freundschaft zu suchen. Das roair eigentlich nicht nötig, denn Waldemar hatte den Detter ohnedies sehr gern, nur war er von stiller Att und nicht sehr anschlußbedürstig. Kienholz schwärmte geradezu von Gustav. Das war ja ein prächtiger Mensch, ernst und ver­ständig, wo Ernst und Verstand hingehörle, sicher in sei­nem Urteil und dabei von einem Frohsinn, der, trotzdem er ffch manchmal übermütig gab, anders war als bei gewöhn» iichen Menschen. Das war die Künstlernatur, die gerade bei diesem jungen Manne ein so schönes Maß enthielt. Nicht wild, nicht stürmisch, daß sie zur Geltung drängte und doch stark genug, daß sie fein ganzes Wesen durch­leuchtete; Gustav war einer der seltenen, ganz glücklichen Menschen.

Der Sommer neigte sich seinem Ende zu; auch die Wie- ner rüsteten zur Abreise und warteten bloß noch Ediths Hochzeit ab, die Mitte September stattfinden sollte. Nun rückte endlich Frau Emma mit ihrer Bitte heraus, Marie- chen für em Jahr mitnehmen zu dürfen; Kienholz ließ sich uich. lange bitten, sondern gab bald seine Erlaubnis, aber Frau Betti hatte viel Bedenken.

Zuerst einmal würde sie die Tochter stark vermissen und dann, meinte sie, sei das Mädchen noch zu jung, allen neuen Eindrücken so zugänglich, wer weiß, wie alles auf sie wirken würde.. Vielleicht würde sie ihre Einfachheit ver­lieren und mit einem Herzen voll Sehnsucht nach unerreich­baren Dingen zmückkommen kurz, Frau Betti machte alle jene Einwendungen, die eine liebende Mutter macht, wenn sie ihr Kind von sich geben soll.

Freilich war auch sie nicht blind gegen die Borteile, die Mimt aus dem Aufenthalt bei der Tante erwachsen wür­den; man hatte sich ja immer mit dem Gedanken getragen, sie zu irgendwelchen, in einer größeren Stadl wohnenden Verwandten zu geben, damit sie in Gesellschaft käme und etwas vom Leben kennen ferne, aber man hatte das für spätere Zett verschoben mid Emmas 2lntyg tarn Frau Kienholz verfrüht.

Aber schließlich ergab auch sie sich barem, weil sie sah, daß ihr Töchterlein gerne ging; überdies war ihr bei bat häufigen Unterredungen mit Mmi eine Ahnung davon ausgedäimnert, was in dem jungen Herzchen vorging; es erfüllte sie dies teils mit Freude, teils mit Sorge, aber sie sagte sich, daß man in solchen Dingen Gott die Führung überlassen inüffe. Sie menschliche Berechnung werde ja doch immer zuschanden, bas hatte man jetzt wieder bei Edith gesehen.

Also ward im Rate der Familie beschloffen, Mariechen ziehen zu laffeu. Dem jungen Mädchen war eigentümlich zumute; einmal war sie voll erwartender Freude wie ein Kind vor Weihnachten, dann wieder fühlte sie im voraus das Heimweh, das sie später überfallen würbe; unb weil fte es vor ihrem Angehörigen nicht zeigen wollte, so schlich sie hinaus zu Pluto und weinte in fein zottiges Fell hin- ein ober ging in den Stall und tätschelte mit ihren wei­chen, kleinen Händen die Kühe und Pferde; und einmal, als ihr beim Ordnen in ihren Schränken die liebe alte Puppe zu Gesicht kam, da küßte sie dieselbe unter Tränen, ehe sie sie behutsami m die Schachtel zurücklegte.

Die Tage bis Ediths Hochzeit und Emmas Abreise vergingen schnell, beim es gab viel Arbeit im Hause; Mimi wußte ein wenig ausgestattet werden, das ließ sich Frau Kienholz nicht nehmen, trotzdem Emma sagte, Mimis Wäsche und Kleider genügten ganz und gar und für alle Fälle gäbe es ja auch in Wim Nadeln und Zwttn.

Es ward darauf losgestichelt, als ob zwei Bräute im Haus wären unb bie zwei Mädchen schlossen sich auch so innig aneinander, als ob fie im gleichem Fall wären.

Ein wenig Aehmlichkeit war ja da, das ließ sich nicht leugnen; in beider Leben ging eine gewaltige Veränderung vor, und wenn Ediths Schritt ein fo viel größerer und ernsterer war, so war sie auch um so viel älter als die kleine Cousine und ferner war das, was Edith zur Schau tragen durfte, ja auch in Mimis Herz emporgeglüht: die Liebe.