Nr. 38
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Montag, tb. Zedruar 1920
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47. Zahrg.
Die Revision des Friedensvertrags.
Man darf nicht zu viel darauf geben, aber Tatsache » es doch, daß inan in den Ententeländern beginnt, sich nut der AbänderuiigsfähigkeU des Friedensoertrages vertraut zu machen. In Italien ist schon seit langem die Erkenntnis gereift, daß de: Vertrag in seiner Ausführung mif unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen müsse, allmählich bricht sich diese Erkenntnis jetzt langsam auch in E n g l a n d und Amerika Bahn, Frankreich freilich, das alle Hoffnungen auf diesen Frieden gefetzt hat, will sich nur schwer überzeugen lassen und befürchtet aus jeder Aendervng seiner Bestimmungen gleich den Zusammenbruch kes ganzen Vertrages.
Ein scharfes Streiflicht füllt auf die Lage durch die Rede des englischen Auslanosministers Lord Curzon, deren Kernpunkt dahin ging, der Friedensvertrag sei nicht etwas Unantastbares, Meles davon werde mit der Zeit revidiert werden müssen. Das ist freilich eine ganz allgemeine Bemerkung und enthält keine bestimmte Zusage, aber es ist doch immerhin nicht ganz ohne Bedeutung, daß einmal von amtlicher Stelle die Revision des Versailler Vertrages in Aussicht gestellt wird. Nun wird freilich weiter berichtet, daß Lloyd George, der Oberleiter der englischen Politik, noch nicht auf dem Standpunkt seines Kollegen Curzon angelangt sei. Doch zeigen die jüngsten Zwischenfälle, daß auch der robuste Lloyd George schon viel Wasier in seinen Kampfwein gegossen hat. Ob sein Temperament sich gewandelt hat oder ob er als praktischer Staatsmann dem beginnenden Umschwung der öffentlichen Meinung in England Rechnung trägt, braucht ja nicht weller untersucht zu werden. Tatsache ist, daß in England die Stimme der Vernunft doch wieder laut werden darf. Im englischen Parlament konnten bereits die Liberalen einen Antrag auf Abänderung des Friedensoertrages Einbringen. Der Antrag wurde zwar angelernt, aber die Ablehnung eines Antrages der Opposition durch ir-te Regierung»- Mehrheit beweist noch nicht, daß das letzte Wort über die Sache gesprochen ist: parlamentarische Mehrheiten Beben es gewöhnlich nicht, sich die Linie der Polttik durch Minderheiten vorschreiben zu lasten, bemerkenswert ist aber, daß auch Mitglieder der Regierung es für nötig fanden, stark einzulenken. So sagte Lord Cecil, der Vertrag könne wohl augenblicklich nicht abgeändert werden, früher oder später müßten aber zweifellos eitrige Artikel geändert werden.
Verdrießlich ist man über die Entwicklung des Revisionsgedankens in Frankreich. Die Franzosen smd nicht bloß wegen der „Schwächlichkeit" der Engländer gegenüber Deutschland ergrimmt, sondern auch wegen der Annäherung Englands an das bolschewistische Rußland. In London Hut man aus den militärischen Erfolgen der Moskauer Regierung die Nutzanwendung gezogen, daß es nicht möglich fei, deren Macht durch Gewalt zu brechen. Was man nicht stürzen könne, mit dem müsse man rechnen und sich absinden. Also in diesem Fall die wirtschaftlichen Beziehungen mit Sowjet-Rußland wieder aufnehmen, wobei England für feinen Handel Vorteil hat im Austausch von Rohstoffen und Fabrikaten, so daß es die innere Entwicklung von Rußland in Ruhe abwarten kann. Demgegenüber will die französische Kriegspartei den weiteren Kampf gegen den Bolschewismus, nicht bloß aus eigenem Tatendrang, sondern auch in Rücksicht auf >ie bedrohten polnischen Schützlinge. Wenn die ge- pannte Lage im Osten ron Deutschland sich weiter zu- pitzt, so kann sich dort ein Feuerherd bilden, der noch höhere Flammen auflodern läßt, als die deutsche Frage, und den Zwiespalt unter den „Siegern" zum offenen Bruch treibt.
Der 2 bersteRat der Alliierten tagt nun in L on- d o n, um die Risse zu flicken oder wenigstens zu über« kleistern. Eine Reutermeldung besagt, daß „volle Ueberemftimmung erzielt wurde hinsichtlich der weiteren Vorstellungen Deutschland gegenüber". Der Worllaut der zwei Note,: in der Sluslieferungsfrage (eine an
Der Sänsedoktor.
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„Das ist em Feuerwerk", belehrte Gustav, „bas barfft ®u später im Garten anzünden. Das bünne Ende von tem Ding klemmst Du in eine Zange, damit Du Dir bie »inger nicht verbrennst und bas dicke zündest Du mit einem Streichhölzchen am. Aber nicht gleich, sondern erst, bis ich Dir's sage."
Fritz nickte erfreut und ging davon, um eine Zange J« holen, die er sofort zu sich steckte; fein Groll gegen Gustav war vergessen. Nun kam auch Liebhardt an; er P>cr in tadelloser Toilette und sah trotz der leichten Rundung feiner Gestatt sehr vornehm aus. Er brachte ebenfalls Blumen in Hülle und Fülle. Frau Amalie war «m überschwenMcher Liebenswürdigkeit gegen ihrem künftigen Schwiegersohn; Frau Betti tonnte es nicht unterlassen, ihrem Gemahl die Bemerkung zuzuflüstem, .Wie die ftoh stt, daß sie einen kriegt, der mit ihrem »egen und einem Dutzend Handtüchern zuftieden ist!"
Als alle beisammen waren, wurden die Türen zum Nebenzimmer geöffnet und man trat ein. Das «Braut«
pncn und Frau Amalie hemmten unwillkürlich ben Schritt, sie den schön geschmückten Raum übersahen.
„Das -ist prachtvoll, wunderschön!" rief Liebhardt be- wtnbemb, und nun fanden auch Edith und ihre Mutter Worte der Bewunderung. Jede Einzelheit wurde gewür- bigt und es regnete Lobsprüche auf Gustav und Dankes- worte auf den Hausherrn und die Hausfrau herab. Be- janbers die Braut war Hef gerührt und hätte nicht auf, ntte Freude über all das Gebotene auszubrücken.
Man war schnell in jene froh bewegte Stimmung gekommen, in der eins dem andern alles zulieb tun möchte; Reffen waren bie Vorfälle des Tages, vergesten der «3wf, bie Duellfurcht, alles Unangenehme war vergesten; ?<tn hätte glauben können, daß diese Verlobung von allen '®*9ft erwartet und ersehnt worden sei.
Endlich erhob sich Kienholz und klopfte an fein Glas; "e lebhafte Unterhaltung verstummte, olles schaute er« ®®rtung5Dott auf den Redner. Dieser nickte lächelnd der "Mut und deren Mutter zu und begann:
»Als vor mehreren Wochen meine liebe Verwandte in ^ein Haus kam mit der Hoffnung, daß ihr Kind hier "efmidhett und Frohsinn wieder finden möge, da war mein innigster Wunsch und mein heißes Stteben, diese Hoffnung zu erfüllen. Und sie hat sich erfüllt, aber frei
Deutschland und eine an Holland) soll aber erst noch festgestellt werden. Warten wir unsere Note in Ruhe ab und nehmen vorläufig Kenntnis von der weiteren Meldung Reuters, daß die Beratungen^ in London „langsamer" vonstatten gehen, als die früheren Beratungen in Paris, und voraussichtlich zwei Wochen dauern werden.
Die Ernüchterung marschiert. Sogar in Paris. Die Zeitung „Temps", die bis in die letzten Tage hinein in Haß- und Racheartikeln geschwelgt hatte, bringt jetzt einen Lestartikel, der Aufsehen erregen muß. Sie beschäftigt sich mit der Auslieferungsfrage und schlägt vor, man solle die Kriegsschuld'gen in Abw> eichest vernr- tellen. Schließlich kommt das Blatt zur der Schlußfolgerung, daß es eigentlich wichtigere Dinge gäbe. Frankreich als Deutschlands Hauptgläubiger habe ein Interesse daran, daß Deutschland zahlungsfähig werde, und das werde es, wenn cs viel arbeite. Dazu brauche es aber Lebensmittel und Rohstofse. Wie die Alliierten über eine Kredit Hilfe für D-v. schland dächten, fo wie es Holland getan habe? Man solle sich von absuro-n Fo'- derungen fern halten und schon jetzt die S t i m m e b e r Vernunft hören lassen.
Aus einen baldigen völligen Umschwung der öffent- llchen Meinung in die feindlichen Ländern darf man nicht hoffen. Davor muß eindringlich gewarnt werden. Wir müssen in diese nDingen die Zeit wirken lasten! Sie wird den „Neuen Kurs" berbeiführen durch die unerbittliche Folgerichtigkeit der unbarmherzigen Tatsachen, die nicht nicht nur die Besiegten, sondern auch die Sieger in den Abgrund zu reißen drohen.
Verzicht auf die Auslieferung?
Aus italienischen Kreisen wird der Pariser Agentur Havas gemeldet, daß die Londoner Konferenz beschlossen habe, die Schuldigen unter Kontrolle der Alliierten in Leipzig aburteilen zu lasten. Die Feinde würden auf die Auslieferung verzichten und den von den Deutschen am 25. Februar gemachten Vorschlag mit einigen Abänderungen annehmen.
Während hier von einem Auslieferungsverzicht im allgemeinen gesprochen wird, geben andere Meldungen der Pariser Presse zwar ebenfalls eine gewisse Annäherung an den deutschen Standpunkt zu, betonen aber, daß auf der Auslieferung der wirklich „Schuldigen" beharrt werde.
Es wird jedenfalls gut fein, die französische Note abzuwarten. Es war von vornherein unglaublich, daß der Hohe Rat an seinen Forderungen schroff festhalten werde. Aber auch die Abänderungen, die er vielleicht zu dem von Deutschland angebotenen Verfahren vorschlägt, müssen sorgfältig geprüft werden. Es ist uns in diesem Falle nicht um die Personen, sondern um die Sache zu tun, die nichts geringeres ist, als die bedrohte Souveränität Deutschlands und das Recht jedes seiner Bürger.
Vrilische Heerführer gegen bk Auslieferung.
Die meisten Mitglieder des englstchen Generalstabes sowie die britischen Heerführer während des Krieges, darunter Marschall Haig und Marschall French, haben sich gegen die verlangte Auslieferung der deutschen Armeeführer ausgesprochen, da sie ein solches Ansuchen mit der soldatischen Ehre für unvereinbar hielten.
Die neue Kaisernote.
Der Oberste Rat beriet die Antwort an die holländische Regierung bezüglich der Forderung auf Auslieferung des vormaligen Kaisers. Es verlautet, daß die Antwort erklären werde, abgesehen von anderen Erwägungen sei es nicht ratsam, daß der Friede Europas dadurch gestört würde, daß dem Kaiser erlaubt werde, an seinem gegenwärtigen Aufenthaltsorte zu verbleiben. Im Jntereste Hollands wie in dem der übrigen europäischen Länder müsse dieser Standpunkt in Erwägung gezogen werden.
lich nicht durch mein Bemühen; ein Höherer hat es so gelenkt, daß dies teure Sorgenkind nicht nur Gesundheit und Frohsinn, sondern auch jenes höchste Glück erlangt hat, das entern Mädchen blühen kann. Aber wenn ich auch nichts dazu getan, fo erfüllt es mich dennoch mit Freude, daß dies gerade in meinem Haufe sich ereignet hat und daß durch den Mann, ben wir alle längst als Freund unserer Familie schätzen, die aus so weiter Ferne gekommene Richte nun für Lebenszeit in unserer Nähe festgehalten wird. Möge es Dtt, Lebe Edith, noch als ein besonders glückliches Zeichen erscheinen, daß Du hier unter den Augen Deiner Großmutter, die Du freilich nicht gekannt hast, dieses schöne Fest feierst."
Er wandte sich zu dem Bilde, um es zu apostrophieren, aber da erhob sich Mötzlich Frau Amalie, die feinem Blick gefolgt war und fiel ihm in die Rede:
„Lieber Ferdinand, ich danke Dir tausendmal für Deine lieben und schönen Worte, wie überhaupt für die Freuden dieses Abends und alles, was ich in Deinem Haus genieße, aber die alte Frau ba oben laß aus dem Spiel! Ich wollte Dich nicht kränken und herum habe ich nicht widersprochen, als Du dies Bild für das meiner Mutter hieltest, aber sie ist es nicht. Und ich will nicht ben Geist einer fremden Frau, so ehrenwett sie auch gewesen fein mag, heraufbeschwöven, um mein Kind zu segnen, an dem sie doch kein Jntereste haben kann."
Eine peinliche Pause entstand; jetzt erst fiel es Kienholz ein, daß die alte Dame von Liebhardt einmal als Frau Lieberich agnosziett worden war und er wandte sich mit hilflosem Ausdruck im Gesicht Gustav zu. Aber ehe sich ttgeudwer aus der Gesellschaft gefaßt hatte, vernahm man ein sonderbares Knistern und Puffen und plötzlich leuchteten blendende Sterne auf, die flimmerten, zuckten und funkelten, daß es eine Pracht war.
„Ach, das ist eine hübsche Ueberraschung!" rief Liebhardt, sroh, daß sich eine Gelegenheit ergab, der peinlichen Situation ein Ende zu machen. Den süßen Fritz hatte Papas Rede gelangweilt und bas Feuerwerk in feiner Tasche hatte ihn gejuckt; es war ihm nicht gelungen, sich aus dem Zimmer zu schleichen, so hatte er sich bloß in einen Winkel geduckt und gehofft, unbemerkt zu bleiben. Erschreckt von dem plötzlichen Schweigen, war er schon im Begriff gewesen, die Flucht zu ergreifen, als er ganz un- verhasst Lob statt Strafe erntete; er ließ sich das Lob, das m Anbetracht der allgemeinen Derlegenhett äußerst wort- reich ausfiel, gern gefallen. Nachdem die selige Großmutter einioermafjen vergessen war, entschloß sich Kien- ,
Die neue Note über die
Auslieferung der Schiffe.
Es bestätigt sich, daß die Wiedergutmachungskommission Deutschland eine umfassende Note hat zugehen lassen, um die Ausführung der Anlage 3 zu Artikel 236 des Friedensvertrages in die Wege zu leiten. In dieser find die Bestimmungen über die Auslieferung der Handels-, Fischer- u. Binnenschisfahrtsflotte unb die Pflichtneubauten enthalten, lieber die zahlreichen Vorschriften, welche die Wiedergutmachungskommisston in ihrer Note macht, sind Beratungen im Gange. In kürzester Frist wird eine besonders zu diesem Zweck entsandte deutsche Kommission mit den Alliierten über die Angelegenheit verhandeln. Bei den Verhandlungen wird es sich hauptsächlich darum handeln, die praktische Durchführung der Vorschriften in wirtschaftlich erträglicher Form zu er« möglichen.
Die Schiffe, die die Entente jetzt noch anfordert, sind diejenigen mit einem Bruttotmmengehalt zwischen 1000 und 1600 Tonnen. Von diesen muß Deutschland nach dem Friedensoertrage die H ä l f t e abgeben, und zwar innerhalb von zwei Monaten nach Inkrafttreten des Vertrages. Die Note der Alliierten, die die näheren Bestimmungen über die Auslieferung trifft, zerstört auch die letzten Hoffnungen, die in deutsch. Reederkreism noch gehegt wurden, daß uns diese Schiffe gelassen werden. Es waren die letzten, mit dcnen man noch wenigstens teilweise aus Schweden Eisenerze transportieren konnte.
Die Vorbereitung zum Raub!
Ein rheinischer Mitarbeiter schreM uns:
Nun haben es die Franzosen doch nicht abwarten können, bis sie ihre ungezügelten Gelüste befriedigen tonnten, die Rheinlande mit stärkeren Fesseln an Frankreich zu schmieden, als das im Versailler Vertrag geschah! Frankreich wartete nicht die Entschließungen der deutschen Regternng zur Auslieferungsforderung der Entente ab. um, wie die französische Presse fortgesetzt hysterisch schreit, die Räumungs- friften für das besetzte Gebiet einzustellen! Millerand wollte sofort den Nachweis erbringen, daß er der Nachfolgerschaft eines Clemenceau würdig ist. Es genügte ihm schon ein anderer Vorwand — über die Auslieferungsfrage ist ja überhaupt noch kein deutscher Entschluß gefaßt —, um die Vorbereitung zum Raube der Rhemlande in die Wege zu leiten. Wir sollen angeblich nicht genügend Kohlen an Frankreich geliefert haben. Die ftanzösische Regierung wirft uns vor, daß wir im Laufe des letzten Dezember 10 Millionen 450 000 Tonnen Kohlen produziert hätten ,von denen die Alliierten 2 Millionen 500 000 To. beanspruchen könnten, während 600 000 Tonnen geliefert worden seien. Da wir also die Bedingungen des Vertrages „nicht getreulich erfiUIt" hätten, sollen die „Fristen für die Räumung der besetzten Gebiete noch nicht zu lausen beginnen". Es wird weiter angedroht, daß wirtschaftliche und finanzielle Sperr- und Vergeltungsmaßregeln und noch andere Zwangsmaßnahmen ergriffen würden, wenn am 1. März 1920 Deutschland an Frankreich nicht die noch rückständigen bereits fälligen, sowie das volle Februarquantum geliefert hat."
_ Frankreich weiß ebensogut wie wir, daß das eine völlige U n m c g l i di t e i t ist. Innerhalb 14 Tagen, von heute bis zum 1. März sollen wir viele Hunderttausend Tonnen Koyle n a ch und noch dazu das volle Februarquantum m i t liefern. Ebensogut könnte Frank- reich von uns verlangen, daß wir ihm den Mann im Mond ausliefern.
Noch nie haben die Franzosen nackter und brutaler ihre Absicht ausgesprochen, die Rheinlande vom deutschen Reichsgebiet los zureißen und den Rhein als ftanzösische Grenze zu betrachten. Diese Ankündigung, die Räumungsfristen nicht laufen zu
Holz zur Fortsetzung seiner Rede, beschränkte sich aber nur auf einen herzlichen Glückwunsch und schloß mit einem Hoch auf das Brautpaar und Frau Amalie.
Liebhardt erwiderte darauf in wenigen einfachen Worten. Er erklätte, daß es allzu bescheiden von dem Haus- Herm fei, sich und feiner Familie gar fein Verdienst an der Verlobung beizumessen, es fei im Gegenteil sehr groß, denn in diesem Haufe habe Edith den Zauber deutschen Familienlebens kennen gelernt und fei die Sehnsucht da- nach in ihr erwacht; er brachte fein Glas dem Wohle der Familie Kienholz.
Es herrschte eine Zeitlang gerührte Stimmung, die Gustav mit einer launigen Rede beseitigte; er feierte darin Fritzchen, den Jüngsten des Hauses, das belebende Element, das jfür Aerger und Vergnügen gleichmäßig sorge. In langer Reihe und in drolliger Art ließ er die Missetaten des kleinen Schlingels Revue passieren, was mit großer Heiterkeit auf genommen wurde. Rur dem Gefeierten war nicht ganz wohl dabei; er schielte immer ängstlich zu Papa hinüber, wenn Gustav einen ganz besonders schlimmen Streich schonungslos ans Licht zog. Er war sehr Koh, als die Rede zu Ende war und leerte mit innigem Behagen fein Glas auf das eigene Wohl. Man trank schließlich Bruderschaften und Fritz fand es ungemein hübsch, daß er nun auf einmal Du zu Herrn Liebhardt sagen durfte, und daß dieser Mama und Papa, die Tanten und alle dutzte. Diese plötzliche Veränderung in der Strrrebe gefiel ihm fo gut, daß er seinerseits Ettern urrö Geschwister mit Sie ansprach und von der Erlaubnis des Dützens Liebhardt gegenüber verschwenderischen Gebrauch machte.
„Du, Vetter Franz", sagte er ihm gelegentlich ins Ohr, „kaufst Du mit jetzt einen Pony wo gen?"
.W Wozu denn?" fragte Liebhardt erstaunt.
„Run, der Papa hat mir einen versprochen, wenn Waldemar die Ditha heiratet", entgegnete Fritz. „Run heiratest Du sie, also mußt Du mir ihn kaufen."
Liebhardt lachte vergnügt. „Dazu langt's rticht, Fritze", meinte er; „aber einen jungen Esel will ich Dtt wahr- hastig schenken, ich kann zufällig einen bekommen; viel- leicht kaust Dtt Papa ein Wägelchen dazu. Ist Dir das recht?"
Fritz nickte zuftieden, efr bestand nicht auf seinem Schein; er fand, daß Verlobungen eine sehr schöne Sache seien. Das fanden im Verlauft dieses Abends alle.
Auch WMemar, den diese Verlobung eigenllich Hütte sehr schmerzen sollen, war kkeuzverqnügt. Richt etwa des
lassen, ist aber, wie gesagt, nur eine Vorbereitung zum Raube. Man yat sic, angesichts der Entwicklung, welche die Entscheidung über die Auslieferungssrage zu nehmen beginnt, vom französischen Standpunkt aus gesehen, ja auch dringend notwendig. Der nächste Schrick ist nun der, daß eine Frankreich nicht enffprechende Behandlung der Auslieferungssrage den Franzosen das Recht gäbe, das ganze linke Rheinuser zum eigenen Besitz anzufvrdern. Um diesen Raub nun nicht allzu kraß werden zu lassen, brauchte man jetzt diesen Vorwand der ungenügenden Kohlenlieferung als Vorbereitung.
Dabei ist die ftanzösische Regierung, wie bereits festgestellt worden ist, überhaupt nicht zuständig Mr Ergreifung solcher Maßregeln, wie sie jetzt in der Drohnote angekündigt worben sind. Nur der Wieder- gutrnachungs-Ausschuß Hot hier zu entscheiden. Andererseits steht fest, daß Deutschland bisher zu Lieferung von Kohlenmengen, wie sie im Friedensvertrag vorgesehen sind, überhaupt vor Inkrafttreten des Friedensvertrages noch gar nicht verpflichtet war. Der Friedensoertrag ist erst am 10. Januar ratifiziert worben, während sich die französischen Beschwerden und Zwangsmaßnahmen auf die Verhältnisse stützen, die im Dezember Vorgelegen haben.
Wie uns die Gegner, insbesondere die Franzosen, in Fesseln schlagen wollen, geht aus diesen Vorgängen zur. Genüge hervor. Man braucht sich nur einmal vorzustellen, wohin wir kämen, wenn nicht nur Frankreich, sondern auch alle anderen Alliierten auf Grund irgend einer behaupteten Nichterfüllung von übrigens gänzlich unerfüllbaren Einzeibedingungen mit derartigen unge- Auerlichen Zwangsmaßregeln gegen uns vergingen. Würde sich eine derartige Situation herausbilden, dann wären wir schlimmer daran als das unfreieste Sklaoen- volk, das die Erde jemals getragen hat.
Nur einen einzigen Trost haben wir in dieser unsäglich bitteren Zeit: den Trost, den die Geschichte uns lehrt, und der lautet: IedeWillkürundjede G e- walträchtsichanihren Urhebern!
Mttermchs vrohnoke.
Millerand, der ftanzösische Ministerpräsident, hat die Vertreter der Presse empfangen und sich über die an die deutsche Regierung gesandte Kohlennote geäußert. Auf die Frage, ob die ftanzösffche Regie- rung, indem sie diese Note nach Berlin gesandt habe, mit den anderen Mächten einig gewesen fei, antwortete Millercmd: Ich habe als Chef der französischen Regierung gehandelt, aber als nicht mehr.
Die Ardiafrage.
Die Regierungen von Italiett, Frankreich und England hatten sich über die Lösung her Adriafrage geeinigt. Darnach sollte Fiume selbständiger Staat werden und an Italien grenzen. Dalmatien mit eEntart sollte an Iugo-Slavien fallen. Iugo-Slacuen lehnt diese Lösung ab unb findet dabei die Unterstützung Amerikas. Präsident Wilson hat den Regierungen Frankreichs, Englands und Italiens wissen lassen, daß er dem Kompromiß in der Adriafrage nicht zu stimm en könne. Er halte an seinem Standpunkte, den er im Dezember vorigen Jahres einge» nommen habe, fest.________
Eine internationale Finanzkonferenz.
Der Völkerbund beschloß, eine international^ Konferenz zur Lösung der Finanzkrisis einzuberufeni und die Länder, die hauptsächlich von der Wäh- rungskrisis betroffen werden, hierzu einzuladen.
Rücktritt Lansings.
Aus Washington wird gemeldet, daß Staats- sekretär Lansing zurückgetreten ist.
Der Rückftitt Lansings kommt nicht überraschend. Schon seit Beginn der Friedensverhandlungen in Ser«
halb, weil ihm die Mutter gesagt hatte, daß es mit den Millionen der Tante Essig sei, sondern weil ihm diese ganze Mitgiftjägerei ein Greuel gewesen war; er hatte im Verlaufe des Abends Edtth in Gegenwart ihres Bräutigams mehr aufrichtig als galant versichert, er sei schrecklich froh, daß sie sich verlobt habe.
Er lieh ebenfalls eine Rede vom Stapel, die wieder den Wiener Gästen galt und die großen Beifall fand. Nachdem alle männlichen Glieder cher Gesellschaft gesprochen hatten, meinte Mimi, Fritz dürft nun auch nicht zurü<K>leiben; der Vorschlag wurde mit Jubel begrüßt und Fritz zum Reden aufgeftrdert. Der kecke Wicht, der übrigens schon etwas beschwipst war, ließ sich nicht lange bitten, stand auf und klopfte an fein Glas, wie er es gesehen hatte; er wich nur darin von den andern Rednern ab, daß er gleich vor Begum der Rede trank.
„Das Verloben ist sehr schön," begann er, „da bekommt man sehr gute Sachen zu essen und da darf man alles machen unb wird gelobt, wo es gar nicht wahr ist und two man sonst Prügel kriegt; und ich freue mich schon auf die Hochzeit, wo das alles noch schöner ist und wo wir ttn Wagen fahren und die Dttha einen weißen Schleier hat, das hat mir die Trine gesagt. Und dann kriegt man auch einen Esel —"
Verdutzt sahen alle einander an und Liebhardt klopfte schnell an fein Glas. „Um Irrtümern vorzubeugen," sagte er, den Redner unterbrechend, „erkläre ich, daß diese geschmackvolle Wendung in Fritzens geistsprühender Rede nicht meinem Eintritt in die Familie gilt, sondern einem Versprechen, das ich Fritz gegeben."
Man brüllte schier vor Vergnügen, was aber Fritz gar nicht aus der Fassung brachte.
„Er hat mtt's versprochen und er muß ihn mir scheu- ken," sprach er roeUer; „und überhaupt ist es schon sehr finster und wtt könnten in den Garten zum Feuerwerk gehen, was ich schon herausgekriegt habe."
Er teerte sein Glas und setzte sich. Stürmischer Beifall lohnte ihn.
Waldemar erklärte, sich ben Ausführungen des geschätzten Herrn Vorredners anzuschließen und bat die Gesellschaft, ihm in den Garten zu folgen, wo in der Tat cm Feuerwerk abgebrannt werde. Man begab sich in dm Garten und ergötzte sich an dem gebotenen Schauspiel; das Feuerwerk fiel glänzend aus-unb fand ungeteilte De- Wanderung, denn aus dem Umstand, daß einige Raketen versagten, machte sich das bontbare Publikum nicht viel.