Fuldaer Zeitung
Druck der Fuldaer Aetieudruckerei i« Fulda.
Samstag, 14. Februar 1920.
Aufrechnung!
Der deutsche Außenminister Müller hat dieser Tage, wie wir schon berichteten, dem Berliner Dertre- ter eines amerikanischen Blattes Aufklärungen über die gon Deutschland bisher zur Erfüllung des Friedens- yertrages ausgeführtcn Leistungen gegeben. Eine derartige Aufklärung war notwendig, da immer und im- mer wieder in der ausländischen Presse, wie jetzt in der .Wllerandschen Note die Bchauptung auftaucht, Deutschland entziehe sich seinen Verpflichtungen oder komme ihnen doch nicht entsprechend den Bedingungen des Fciedensoertrages nach. Es war gut, daß nun endlich 8nmol, — viel zu spät — der deutschen Oeffentlichkeit wie der ganzen Welt gezeigt worden ist, was Deutschland an Leistungen bisher bewirkt hat.
Es lohnt sich die Aufrechnung noch einmal zu überblicken. Man kommt auf eine Summe von beinahe 41) Milliarden Mark! Den Hauptbestandteil bilden die Werte für das Reichs- und Staatseigentum in den abgetretenen Gebieten mit annähernd 7 Milliarden Mark, die Werte der Liquidationen deutscher Unternehmungen im Auslandc mit nicht weniger als 12 Milliarden, die Handelsflotte mit 8% Milliarden, das zurückgelaffene Staats- und Heereseigentum, soweit es nicht z>mi Slampf benutz! und als Kriegsbeute anzusehen ist, mit 7 Milliarden Mark usw. Die Natural- Leistungcn, die bisher von Deutschland aufgebracht worben sind, beziffern sich mit 240 Millionen Mark für stöhlen, 150 Millionen Mark für Maschinen, 750 Mill. Mark für Eisenbahnmaterial und 70 Millionen Mark für Kabel. Die bisherigen Besetzungskosten beliefen sich imf annähernd 700 Millionen Mk. In diese Summen ist noch nicht mit eingerechnet die bereits zurück- zegebenen belgischen Papiere und belgisches Bargeld in Höhe von annähernd 5 Milliarden Mark sowie der Wert der bereits begonnenen Liefemngen von Bieh, Farbstoffen usw.
Diese riesigen Lieferungen lassen doch wohl erkennen, daß Deutschland seine Kräftebiszum aller- letzten a n i p a n n t, um den chm durch den Friedensvertrag auserlegten Verpflichtungen nachzukommen. Dir Summen stellen eine Aufrechnung dar, die nicht genug in unserm eigenen Volke sowohl, als auch in der Außenwelt beachtet werden kann. Sie geben einen Begriff, von dem Willen zur Vertragstreue, der Deutschland beseelt, von dem Willen zur Abtragung auferlegter Verpflichtungen und von einer Leistungskraft, die niemand bei uns und wohl auch kein Außenstehender für möglich gehalten hätte. Wenn man bedenkt, daß das deutsche Volk 6 furchtbare Leidensjahre hinter sich hat, daß in diesen Jahren kein anderes Ziel als das des Krieges und seiner Notwendigkeiten galt, daß alles und jedes in unserer Volks- wie in unserer Einzelwirtschaft aus die Lasten, Mühen und Sorgen dieses Krieges und feines Bestehens eingestellt war, dann wird man doch wohl mit Staunen und Bewunderung vor einer so ungeheuerlichen Leistung stehen, die ein leidgeprüftes Volk in einem, aufs Höchste angespannten Lande vollbracht hat
40 Milliarden innerhalb eines Zeitraumes von VA wahren aus der Volkswirtschaft eines Landes, das den Krieg verloren hat, herauszuwirtschaften, bedeutet in der Geschichte aller Völker etwas so Unerhörtes, daß doch wohl auch die ärgsten Hafter Deutschlands an die- fer Tatsache nicht vorübergehen können.
Englisch-französische Kriegstaten.
Es ist von besonderem Interesse, den Anklagen, idelche die Entente gegen deutsche Heerführer erheben will, Tatsachen aus dern letzten Jahrhundert der Kriegsgeschichte gegenüberzustellen, die in England und Frankreich als ruhmvolle Kriegstaten gefeiert wurden, die aber weit über das hinausgehen, was man der deutschen Kriegführung jetzt als Verbrechen anrechnet. Es soll unterlassen werden, auf Vorgänge vor 1800 zurückzugreifen, denn die Zahl der unzulässigen Kriegstaten, die auf dem französischen und englischen Schuldkonto zu buchen sind, würde dann zu viel Platz in Anspruch nehmen. Erinnert mag aus der früheren Zeit aber m die Verwüstung der Pfalz durch die Franzosen und <m den barbarisch geführten englisch-amerikanischen Krieg sein, der zur Losreißung der nordamerikanischen Freistaaten von Großbritannien führte.
Die Zerstörung der d ä n i s ch. F l o t t e, das Bom- bardement von Kopenhagen durch die Engländer Ml Dezember 1807 war ein Gewaltakt im tiefen Frieden, der unternommen wurde, weil er England nützlich war. Auch die Zerstörung der klassischen Alter- 'umer von Athen zwanzig Jahre später durch die «nten war ein Kricgsakt, der keineswegs durch die
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Unpolitische Zeitläufe.
Von Fritz Nienkemper.
N. Berlin, 10. Februar 1920.
Stte Welt spricht jetzt von der Auslieferung oder «reimehr N i ch t auslieferung. Wenn ich nun vom
-N I ch re -b e n rede, wie hängt das mit der polt- MchM Tagesordnung zusammen?
Die, Franzosen wollen in ihrer Verfolgungsliste auch --Beweise" für die Anklage gegen ihre Opfer beibrin« und dazu haben sie vielfach aufgefangene Briefe swd Postkarten benutzt. So z. B. hat eine deutsche cwau während des Krieges an einen Offizier geschrie.
«Wir Frauen wären glücklich ntti Euch kämpfen 3u können; wir würden keine Gefangenen machen, die uns nur unser und unserer Kinder Brot weg. Epen."
. .Dieser Stoßseufzer einer Frau soll nun als «Be- dafür dienen, daß der Empfänger des Briefes ?Efohken habe, keine Gefangenen zu machen sondern die Eer!rältigt?n Feinde zu töten. Ein bösartiger Unsinn, y^nn der Mann ist doch nicht verantwortlich für das, die erregte Frau, vielleicht unter dem Druck der ^ahrungsforaen. unbedachterweise zu Papier bringt -sian sieht aber aus diesem Beispiel, daß beim Brief- schreiben Vorsicht geboten ist.
Während des Krieges haben die Zeitungen häufig ^iahnungen in dieser Hinsicht erlassen. Auch der un. nolitischx. Dnkel hat an dieser Stelle wiederholt gesagt: /^Schreibt keine Jammerbriefe, die den Soldaten an ?er Front das Herz noch schwerer machen, und 2. schreibt nichts in den Briefen, was dem Feinde nützlich ’ein könnte, weil man nicht wissen kamt, ob der Brief nicht in feindliche Hände gerät. Mit der Niederlage Und den AuS.'ieferungsparagravhen haben wir freilich iwnals noch nicht gerechnet. Die traurige Erfahrung ehrt aber, daß man aut das Allerschlimmste gefaßt sein «wß
Schicksale wechseln wie Aprilwetter; doch ein pEschriebenes Blatt Papier hat oft ein wunderbare Le» smszahigkeit. Es kommt gelegentlich wieder, zum $or» J^e'n wenn man cs längst vergessen hat, und kann ^kft'chc Wirkungen auslösen, cm die niemand gedacht ..Auch in den aufregenden Prozessen» mit denen wir fE'der reichlich gesegnet sind, kommen gelegentlich Briefe ^nt Vorschein, di" ganz natürlich gedacht und nur für Tagesgebrauch bestimmt waren. «Was man schreibt, bleibt", sagen die Bauern in meiner Heimat und F’pten demgemäß sehr vorsichtig, wenn ihnen eine Fg- 861 in die Hand gedrückt wurde.
Besetzung der Akropolis durch die Türken gerechtfertigt wurde. Lord Byron, der berühmte englische Dichter, hat diese Tat seiner Landsleute schonungslos kritisiert. Die gemeinsam mit den Franzosen 1859 veranstaltete Ausraubung des kaiserlichen Sommerpalastes bei Peking bildet weiterhin ein sehr dunkles Blatt in den Annalen der Kriegsgeschichte und ebenso die Beschießung von Alexandrien 1880, die vielen Europäem das Leben kostete. Sie war zugleich ein schwerer Neutralitätsbruch. Die brittschen Kolonialkriege in Indien und Afrika sind reich an Tatsachen, die sich nicht rechtfertigen lassen, besonders das Vorgehen der Engländer während des Burenfeldzuges. Ein böser Neutralltätsbruch war auch die Erbauung des Kreuzers „Alabama" in einem englischen Hasen, der sich als Piratenschiff einen berühmten Namen erwarb, während des nordamerikanischen Sezessionskrieges von 1863 bis 1865, ein Fall, der fast zu einem englisch-amerikanischen Kriege geführt hätte.
Der erste französische Kaiser Napoleon verdankt den Feldzug von 1805 gegen Rußland und Oesterreich, den erfolgreichsten seines ganzen Lebens, der mit der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz endete, einem offenbaren Neutralitätsbruch, denn er marschierte mittendurch die n e u t r a l en deutschen Staaten aus Wien, lieber die brutale Art der späteren Kriegführung der französischen Marschälle in Deutschland sind ganze Bände ^schrieben worden ,und sie ragt turmhoch über das hinaus, was die deutschen Generale sich im Weltkrieg haben zuschulden kommen lassen sollen. Ebenso verzeichnet Frankreichs Kriegsführung bei der Eroberung von Algerien in Nordafrika Taten der bedenklichsten Art. Auf demselber, Register sicht der französische Krieg in Mexiko und die Reihe der kolonialen Expeditionen. 1870 war uns durch Turkos und Z u a v en das schwerste zugedacht worden, die schnellen und großen deutschen Siege verhinderten, daß es zur Verwirklichung kam.
Eine Spezialisierung aller dieser Vorkommnisse würde zu weit führen, genug, sie waren da. Aber so sehr sie auch zu Klagen Anlaß gaben, weder die Sieger noch die Besiegten haben ihre Stimme erhoben, um ein Gerichtsverfahren zu fordern. „Es ist der Krieg ein rauh', gewaltsam Handwerk", so hieß es stets, und aus dieser Erkenntnis ist mit die starke Friedensbewegung hervmgewachsen ,die sich im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts geltend machte, und ’m deren Dienst sich auch Zar Nikolaus von Rußland mit einem Schiedsgerichts- und Abrüftungspro- gramm stellte, was ihn aber nicht hinderte, zehn Jahre später in den Krieg mit Japan zu verfallen, der sich recht gut hätte vermeiden lassen, und der insofern für Deutschland verhängnisvoll wurde, als er die Chauvinisten in Petersburg zu dem Versuch reizte, von der Türkei, Deutschland und Oesterreich-Ungarn wieder zu gemimten, was das Zarenreich im fernen Osten verloren halte.
Die erste Vorbedingung für einen gedeihlichen Völkerbund und für eine künftige Verträglichkeit ist ein aufrichtiges und allgemeines Vergessen. Dies Vergessen wird für Deutschland durch die harten Bedingun- gm des Friedensvertrages schon schwer genug, durch die Schmachforderung der Auslieferung würde es aber ganz unmöglich.
Engländer Wer die deutsche Industrie.
Die Londoner „Times" gibt einen Auszua aus einem Bericht, den eine Abordnung englischer Chemiker erstattet hat, die in den letzten Monaten die chemischen Fabriken des besetzten Gebietes besucht hat.
Das^Ergenis der Untersuchungen kann nach der „Times in den einen Satz zufammenaefaßt werden:
Dre deutsche chemische Industrie stellt eine un« & 9 u X e Organisation dar mit dem einen Ziele, dte Anwendung der Wissenschaft auf die An. dust.rt e zu ermöglichen und zu fördern, In allen nabrckn herrscht sozusagen eine wissenschaftliche Lust ueberall stehen hervorragende Fachleute an der Spitze «r einzelnen Abteilungen. Für Laboratorien Biblio.
und technische Mitarbeiter steht immer Geld zur Verfügung. In Leverkusen werden die wissenschaftli- chen Forschungen in einem palastarttaLn Gebäude vorgenommen, wie es die englischen Universitäten auch schöner aufweisen. Die dortige Bibliothek enthalt zwichen 50 000 und 60 000 Bände, wozu noch 60 000 bis 70 000 Dissertationen kommen.
In anfälligem Gegensatz zu diesen vortrefflichen Einrichtungen standen zur Zeit, wo die Abordnung die Werke besuchte, die A r b e i t e r v e r h ä lt n i s s e ©er Stundenlohn war zwar mehr als zweieinhalbmal über den Friedenslohn gestiegen, aber die Arbeitslei. stung war auf die Hälfte der Stundenleistung vor dem Krieg gefallen. Auch die Güte der Arbeit steht
Nun habe ich vor einigen Wochen hier gesagt: wenn man bei der gegenwärtigen Reisenot keine Familien, und Freundschaftsbesuche machet könne so solle man um so eifriger gemütliche Briefe schreiben. Stimm« denn das miteinander? O ja Wenn du z B die Straße entlang wandelst, so gehst du frisch, .frei und flott deines Weges obschon du zugleich di« nötige Vor. sicht betoahren mußt, um nicht unter die Räder zu ge- raten oder andere Leute anzurempeln oder über ein Hindernis zu stolpern. Vorsicht müssen wir bei Men Dingen üben, vom Veflassen des Bettes bis zmn Aufsetzen der Nachtmütze; das ist aber für einen gesunden Menschen kein Hindernis und kein Schrecken.
Beim Briefschreiben ist ja schließlich nur die eine Regel zu beachten: Schreibe nichts, was dir und dem Empfänger Schaden bringen könnte, wenn das Papier in unrechte Hände geraten sollte. Also nur eine Warnung vor unangenehmen Inhalt. Was du An. genehmes zu melden oder zu betennen hast, das laß munter aus der Feder fließen.
In unrechte Hände fallen? Kommt denn das so häufig vor? Freilich. Der Brief kann falsch bestellt werden. Er kann von einem Dritten fahrlässig ober absichtlich erbrochen und gelesen werden. Der richtige Empfänger kann ihn offen liegen lassen, kamt ihn no. fieren usw. Mir selbst ist es passiert, daß ick einen sehr vertraulichen Brief, den ich wegen eines Kinder, flandckls an einen Herrn in der Nachbarschaft geschrieben batte, auf offener Straße wiedrefand. Es ist eine alte Geschichte, daß gerade diejenigen Briefe die von rechtswegen sofort nach Eingang vernichtet werden sollten, aufgehoben werden und daun in Verschick geraten.
Also kann dir beim Briefichreiben das Gefühl der Verantwortlichkeit nich erspart werden. Du ' mußt imstande sein, das Geschriebene auch vor anderen Leu. ten zu vertreten.
Ist das nicht ein schlimmes Hindernis für die Zärtlichkeits -Ergüsse? Ich glaube, Braut und Bräutigam lassen sich durch solche Erwägungen in ihrem rosigen Briefstil nicht irre machen. Warum mich? Wenn e5 ein redliches und sittliches Verhältnis ist, so braucht sich kein Teil zu scheuen, feine Gefühle in anständiger Weise zum Ausdruck zu brngen. Wer in die Gefahr kommt, sich über die gute Sitte hinwegzusetzen. für den ist es sehr heilsam, wenn er beim Eintunken ins Tintenfaß jedesmal denkt: Wenn das nun ein anderer zu lesen kriegt. . . .!
Nebenbei bemerkt, bin ich sehr dafür, daß die jun- gep Leute, die aus Freiersfüßen gehen,_ sich nicht mit dem mündlichen Verfahren begnügen, sondern Briefe wechseln, d. h. richtige geschlossene Briefe, nicht bloß Postkarten. Das klingt vielleicht manchem sonderbar der in der Nachbarschaft Brautschau hält und die Schveih
lange nicht mehr auf der Höhe der Vorkriegsjahre. Die Arbeiter sind nachlässig und gleichgülttg geworden und zeigen nächt mehr die Achtung vor der Autorität, die früher gerade die deuftche Arbeiterschaft kennzeich. nete. Unpünktlichkeit und Widersetzlichkeit sind allge- mein, und Männer wie Frauen beschäftigen sich mehr mit Gewerkschaftsfrayen als mit ihrer Arbeit. Die Gründe für diese gewaltige Veränderung sind vor allem die Erschöpfung durch den Krieg, namentlich infolge der Unterernährung, aber auch die Enttäuschung Über den Airsgang des Krieges. Vielfach hört man auch, daß der Ausfall der militärischen Disziplin alle Selbstbeherrschung habe schwinden lassen. Tie neuen Gedanken, die jetzt in Deutschland eine so große Rolle spielen, machen die Leute doppelt unzufrieden und werden künftig noch viel von sich reden machen.
Diese Beobachtungen der englischen Fachleute über die deutschen Arbeiterverhältmsse sollten zu denken geben. Es handelt sich hier allerdings nur um einen Ausschnitt aus der deutschen Industrie, um einen Jichustrie- zweig, in dem im .Kriege unter Hochspannung gearbeitet worden ist; ein gewisser Rückschlag ist da nicht verwunderlich. Verallgemeinern darf man das engl. Urteil nicht. Wie man überhaupt vorsichtig fein muß, die Klage über mangelnden Arbeitswillen auf die gesamte Arbeiterschaft auszudchnen. Die Freude an der Arbeit, das Pflichtbewußtfein, der Eifer, dem Stande Ehre zu machen, sich gottlob bei uns in weiten Schichten der Arbeiterschaft noch lebendig.
Deschanel und der Katholizismus.
Die katholische Presse Frankreichs, die gestern noch Clemenceau blinde Gefolgschaft leistete, huldigt heute feinem Nachfolger, an dem sie besonders seine freund- liche Haltung gegenüber der katholischen Kirche rühmt; Organe wie Croix und l'Action Francaise rühmen an Deschanel seine Vorzüge des Ausgleichens, Mäßigens und Abwägens, die Deschanel während seiner Tättgkeit als Kammerpräsident in hervorragendem Maße bewiesen habe, wo er mit vielem Takt der Schiedsrichter der Parteien gewesen sei. Seine maßvolle Haltung aber trat besonders in den religiösen Fragen an den Tag.
Bor mehr als 30 Jahren hat er zusammen mit Graf de Mun und Mallon die Ausführung einer Verordnung des Unterrichtsministers Fallieres verhindert, der eine Abordnung Studenten der Pariser Universität zum Freidenkerkongreß (1889) nach Rom senden wollte, so daß Frankreich dieser maurerifchen Demonstration zu Ehren Giordanos Brunos vor den Augen des Gefangenen im Vattkan fern blieb.
Auch hat er feine ganze Persönlichkeit dafür eingesetzt, daß die Regienmg offiziell an dem feierlichen Te- deum bei der Siegesfeier teilnehmen würde, die in Notre Dame veranstaltet werden solle. Aber Cle- mcnceau legte ein formelles Verbot dagegen ein Deschanel hatte den Mut — in Frankreich gehört schon Mut dazu —, im Institut de France und selbst in der Kammer den Namen Gottes und der göttlichen Vorsehung auszusprechen, Namen, die man lange nicht mehr bei feierlichen und öffentlichen Anreden gehört hatte. In seinem neuesten Werke über Gambetta hat er an ihm, seinem Helden, besonders wohlgefällig hervorgehoben und betont, daß es Gambettas Wunsch gewesen sei, den Kämpfen zwischen Staat und Kirche ein Ende zu machen. Er weist nach, wie Gambetta, um diesem Kriegszustand ein Ziel zu setzen, mit Rom wegen Aufhebung des Konkordats verhandelte, ohne dabei einseitig und brutal vorzugehen, sondern, indem er für Trennung von Kirche und Staat eintrat, unter Bedingungen, die auch von der Kirche hätten angenommen werden können. Man darf wohl annehmen, daß Deschanel über diesen Punkt denkt wie Gambetta, was für die kommenden Verhandlungen mit dem Vatikan von Bedeutung ist.
Auch die katholische Presse Spaniens bringt einen aufsehenerregenden Artikel über den neuen Präsidenten. Deschanel ist darnach einer der seltenen französischen Politiker, der eine „reine Westze" hat. In seinem politischen wie privaten Leben steht er allgemein geachtet da. Er gilt als Muster der Würdigkeit und Vornehmheit, besonders seit er im Jahre 1900 die Toch- ter des katholischen Deputierten Brice heiratete, eines der Führer der Progressistengruppe. Es erregte da- mals ungeheures Aufsehen, daß er sich in der Kirche St. Germain, der alten Merovingergruft, mit der größten Prnnkentfaltung trauen ließ, wie man solche nicht einmal von fürstlichen Hochzeiten gewohnt war. Dieses offene Bekenntnis zur Kirche hat ihm damals viele grobe Anwürfe und einen Protestfturm der Presse vom Schlage der „Lanterne" und „Humanste" eingetragen. Aber gerade diese Stellung Deschanels als eines treuen, bekemitnissreudigen Sohnes seiner Kirche,
berer lästig findet. Aber die Sache bat doch eine ernste ■ >ozi,sahen einen psychologischen Wert. Der mundriche Gedankenaustausch bleibt viel mehr an unj) Nebendingen haften tote der schrist.
»che Verkehr. Ein eigenhändig geschriebener HerzenS- erguß gewahrt viel tieferen und sicheren Einblick in das Denken und Fühlen, in das Wollen und Können, m den ganzen Charakter der betreffenden Persönlichkeit. E,n alter Praktikus hat bekanntlich gesagt: Gib rnrr fünf Zeilen von der Hand unseres Gegners und ich werde ihn an den Galgen bringen. Ohne Bosheit wnnte man das dahin umändern: Gib mär einen Brief von ihm imb einen Brief von ihr. und ich will dir sagen, ob diese Ehe unglücklich werden würde!
, . . um auf die Hauptsache zurückzukommen, sei
bsnn Briefichreiben nicht unvorsichtig aber sei auch nicht ängstlich. Schreib freimütig, was Dir das Herz etngtbt, d. h. das g u t e Herz. Wenn Zorn oder Eger rat Herzen rumoren, so laß das Tintenfaß ge. schlossen. Ist e5 wirklich notwendig, daß Du etwas Verdrießliches schreibst, so Überlege Dir dte Sache bis morgen. Sonst laß Deine Feder nur von der Absicht dem Empfänger des Briefes recht viel Liebes urb Angenehmes zu sagen. Je tiefer Deine Feder in Nächstenliebe getaucht ist, desto leichter wirst Du Unvorsichtigkeit vermeiden.
Kürze fagt man, ist des Witzes Würze. Aber die Familienbriefe, die als Ersatz für die ausfallenden Be. iuche dtenen follen, und ebenso tie Briefe zwischen en. aen Freunden dürfen nicht gar zu kurz fein. Die Frauen haben in diefer Hinsicht einen natürlichen Takt. Sie pflegen bei herzlichen Briefen alle vier Seiten des Briefbogens voll zu, schrecken und womöglich noch art den Rändern Nachrichten anzubringen. Der Empfänger sagt vielleicht beim ersten Anblick: Schon wieder so lang! Wer das ist nicht ernst gemeint. Er empfindet es als eine Aufmerksamkeit daß die Drieffchrer- bevin ihn mit einem recht gründlichen Herzenserguß beehrt, und lieft schmunzelnd auch die Randglossen durch. Demgemäß empfehle ich für richtige Verwandt, schafts. imb Freundschaftsbriefe: Schreib das ganz« Briefblatt voll; laß nicht zum Schluß einen leeren Raum, bei dem der Empfänger tenken könnte: Na der hatte nicht viel Luft und Zeit für mich, fonft hätte er nicht so schnell abgebrochen. —
Hier geht mein Schreckpapier wirklich zu Ende und darum schließe ich mit dem Hinweis auf das Loblied des Apostels Paulus auf die Liebe, die erfinderisch und flug macht. Wer sich im Geiste ter Liebe an de» Schreibtisch setzt, wird keinen anstößigen Brief in die Welt setzen.
wie es in seinem christlichen Ehebund zum Ausdruck kommt, bringt ihn in wohltuenden Gegensatz zu seinem Vorgänger P o i n t a r e, der wohl in einer gesetzlichen, aber unkirchlichen Verbindung lebte, aus deren Nichtanerkennung sich dessen unentwegter kalter Haß gegen die Kirche erklären läßt. So erblickten die Katholiken Frankreichs in Deschanel den Mann der Vorsehung, der ihrem Lande das unschätzbare und so lange entbehrte Gut des religiösen Friedens bringen fall.
Ein bemerkenswertes Urteil über den Versailler Schmachfriede».
Eine bemerkenswert scharfe Verurteilung der Versailler Friedensvertrags enthält ein Aufsatz bet von Vätern der Gesellschaft Jes« geleiteten Halte« nischen Zeitschrift .Civiltä cattolica1 1919 Nr. 1659 und 1660. Der Aufsatz ist überschrieben: „Der soziale Krieg nach dem Frieden von Versailles." Es beißt da unter anderem:
„Was von Bedeutung ist und entscheidenden Einfluß in der Geschichte der Völker haben wird, das ist bas Fehlen des Geistes, b:5 hohen und hehren Sinnes der Gerechtigkeit, der Gesittung und des christlichen Ebelmutes, dar ist ber Ausschluß Gottes mtb seines ewigen Gesetzes, das ist deshalb die unheilvolle Herzensverfassung, weit ab von jeder Wäederversöhnung, bas ist der tiefliegende In, halt jener 440 Friedensartikel die wir viel eher Kriegsartikel nennen müßten, von mehr als H 0 siegreichen Mächten gegen eine einzige besiegte gezeichnet das ist m. e. D. de ganze so berühmte Vertrag von Versailles. Und dieser wird bei einer Nachwelt, die der Leidenschaft ferner und frei in der Beurteilung ist, noch eine ganz andere De. rühmtheit erlangen, während zur Stunde wenige es wagen, seine Willkür auszudecken und feine Folgen verhängnisvoll nicht nur den Besiegten, sondern den Siegern selbst, vorherzusagen. Wir haben es sofort gesagt und wiederholen es mit erhobener Stimme: „Wär haben einen neuen Krieg beschlossen, der den Völkern unter der höhnenden Marke „Friedensvertrag" auferleot worden ist!" Wie der ganze Krieg, dieser riesige Wcltbrand nicht schuld eineS einzelnen Menschen sondern notwendige Folgerung aus der herrschenden Politik des Atheismus, der Gottent- fremdarng, des Materialismus, des nationälistffchen Egoismus war. so ist es aych dieser Friede. „Er ist" — sagt der Verfasser — „ein Weiheakt des Haffes, eine Eingebung der Rache, eine Verewigung des Krieges. Er läßt an Stelle des Waffenkrieges eine neue Form des Krieges treten, den sozialen Krieg."
Es sind ttaiienyche Je>ullen, dte das schreiben. Das möchten wir denjenigen Kreisen der Deutschnationalen ganz besonders zur Beachtung em- pfehlen, die den Augenblick gekommen glauben, den alten Klepper der Katholikenhetze wieder aus dem Stalle zu ziehen, und Rom und den Jesuiten mit unserem Zusammenbruch in Verbindung zu bringen.
Versammlungen der Zentrumspartei.
(m) Lütter (Rhön). Zu der Zentrumsversammlung, die am Dienstag den 10 Februar, in Lütter unter dem Vorsitz des Herrn Pfarrers Gün. ther stattfand, hielt Parteisekretär Müller.Mar- burg einen Vortrag über die werwollen Beschlüsse und Anregungen des Reichsparteitages in Berlin und zeigte, wie das Zentrum in der Nationalversammlung bemüht gewesen ist die Interessen der verschiedenen ©tänbe in gerechter Weise zu vertreten. In ber folgenden Diskussion sprachen die Herren Mflentün Greif und Weber aus Memlos über bie Wirkungen der Zwangswirtschaft unb Herr Lehrer Schramm über die Zen. trumSfraklion. Nach ber Wahl von Vertrauensleuten welche für die Verbreitung ber Zentrumspresse und für bie Werbung von Mtgliebern sorgen wollen, ermun- terte Herr Pfarrer Günther bie Anwesenden, dem Zentrum die Treue zu halten und schloß hierauf die erfolgreich verlaufene Versammlung.
(-ft) Tdala«. Hatte die am 20. Januar durch Herrn Volksvereinssekretär Frank hier abgehaltene Versamm» lung den Zweck und gewünschten Erfolg, den Volksverein wieder neu zu beleben, fo wollte die Zentrums, verfarnmlung am 12. Februar die L-ebe und das Vertrauen zu der altbewährten Zentrumspartei wecken und befestigen. Dieser Aufgabe entledigte sich aufs glücklichste Herr Parteisekretär Müller aus Marburg. In einer sehr verständlichen und von guter Sachkenntnis zeugenden Rede sprach der Redner vor vollbesetztem Saale über den Parteitag und die Tätigkeit des Zen- trumS in der Nattonalversammlung. Aeußerst geschickt wußte der Redner die Mitarbeit deS Zentrums in der Regierung und seine Tätigkeit namentlich für die Landwirtschaft inS rechte Licht zu rücken. Ebenso verstand er eS, die Vorwürfe gegen das Zentrum und namentlich die Anfeindungen und Verleumdungen gegen den Reichsfinanzminister Erzberger gebührend zurückzuweisen. Daß der Redner die Zuhörer und auch zahl-
Zur Schaffung gesunder Wohnungen.
Von Architekt F. W. IunghanS.Fulda.
Das WohnungSelend mit feinen fürchterlichen Rückwirkungen auf Volksgesundheit und Sittlichkeit das schon vor dem Kriege bestand, ist durch die Wohnüngs. not der Nachkriegszeät fast unerträglich geworden. Kenner der Verhältnisse behaupten, daß auch in Fulda unter dem Druck der Wohnungsnot in einzelnen Fällen vom schlimmsten Wohnungselend gesprochen werden müsse. Eine Trennung der Schlafräume nach Geschlechtern ift vielfach nicht möglich. Die sittlichen Nachteile dieser Zustände sind leicht zu begreifen und zum Teil schon sehr ernst zu Tage getreten.
Soll das Heranwachsende neue Geschlecht zu gesun. den. kräftigen Menschen her an gebildet werden, so kann das nur geschehen, wenn eine gesunde Wohnung, bie den Existenzbedingungen des Einzelnen entspricht, bie Grundlage des Familienlebens bietet.
Hier muß die Siedelungstätigk«it Ab» Hilfe schaffen. Drei Siedelungsarten sind zu unterscheiden. _ Die ländliche Siedelung bietet ihrem Besitzer außer dem eigenen Heim gleichzeitig in der landwirtschaftlichen Betätigung den Lebensunter, halt Sie verlangt natürlich die Vorbildung des Landwirtes. Als zweite kommt die K l e i n f a r m- siedelung in Betracht die schon mehr das Inter, esse weiterer Kreise auf sich ziehen wird. Sie gibt dem Siedler Gelegenheit, auf 1—2 Morgen Land im Gartenbcnd und in der Kleintierzucht, die wohl gewisse Erfahrungen vorcmSsetzen, seinen Eigenbedarf für seine Familie zu decken unb cu5 ben Ueberschüffen den sonstigen Lebensaufwand zu bereiten. Ter geringe Um. fang seines Besitzes gestattet ihm auch das eventuell in feinem früheren Berufe geübte Handwerk zum .Haupt, oder Nebenerwerb zu machen. Ich denke hier in erster Linie an unfere Kriegsbeschädigten die infolge ihrer Leiden zur Umstellung ihrer Erwerbstätig, keit gezwungen sind. Sie hat der Staat durch das Kapitalabfinbungsgesetz auf die Siedelung hingewie- fen. Nach diesem Gesetz können Kriegsbeschädigte und Hinterbliebene, die Renten beziehen, durch Auszahlung eines Kapitales zum Erwerbe von Grundbesitz <tbgefunden werden.
Tke städtisch» Siedelung. die in erfteX Lim« für die große Gesamtheit in Frage kommt, soll an dieser Stelle eingehender behandelt werden. Sie soll und muß jedem kleinen Beamten, ja dem Arbeiter die Möglichkeit bieten, für sich und die Seinen ein blei, bendes Heim zu fchaffen. das ihm nach beendigter Berufsarbeit Ablenkung und Erholung und eine Quelle glücklichen Familienlebens bietet und die gesunde Ent,