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JE 34.

Mittwoch, 11. Februar 1920.

Fuldaer Heilung

^0 Druck der Fuldaer Aetieudruckcrei Ur goto*

-richt Linksschwenkung, sondern Politik des gesunden Menschenverstandes.

■ 5n den Rechtsparteien stellt man fortgesetzt himmtr- ^>lle Betrachtungen an über die Wandelbarkeit des Zentrums und man weint dort blutige Tränen den Acundsätzen nach, die das Zentrum angeblich geopfert hat.

Das Zentrum, so sagen diese betrübten Seelen und Lhütteln ihr weises Haupt, das Zentrum ist nach links geschwenkt und ein anderes geworden als es das 3en= jrum Windthorsts und Reichenspergers war, es tut den Sozialdemokraten zu lieb manches, was es früher nicht getan haben würde, verliert dagegen immer mehr den Difchluß nach rechts, durch den allein ein erfolgreiches Antreten für Kirche und Schule mögüch sei.

Das Albdrücken, das den Deutschnationalen der Slnksabmarsch" des Zentrums bereitet, ist freilich nicht Afchuldct durch die Sorge, die sie etwa um die Zu- Wlft des Zentrums hegen. Ach, nein, dann würden fie ihren Gram im Busen still verschließen, statt die an­geblichen Sünden des Zentrums an den Pranger zu stel­len und alle Welt auf die „Schlechtigkeit" dieser Partei aufmerksam zu machen. Was dahinter steckt, ist D a h l m a ch e, nichts anderes. Da in eigenen Jagd­gründen nicht viel zu holen ist, möchte man über die Grenze hinüber tn den Revieren des Zentrums auf die Jagd gehen und sich möglichst viele Zentrumshasen in die eigene Küche treiben. Bei den nächsten Wahlen auf Kosten des Zentrums Mandate zu ergat­tern, das ist der Zweck der Uebung. Es dürste an­gebracht fein, die Sonntagsjäger im Auge zu behalten, um ihr Treiben unschädlich zu machen.

Was ist denn an der Behauptung von der L i n k s- jchwenkung des Zentrums wahres? Wenn wir im gegenwärtigen Zeitpunkt zu dieser Frage Stel­lung nehmen, dann haben wir festen Boden unter den Füßen, denn der Neichsparteitag des Zen- 1 r u m s hat sich eingehend damit beschäftigt und ist zu toter Verständigung gekommen. Somit hat die höchste Parteiinstanz, die auf völlig de­mokratischer Grundlage errichtet ist, so Stellung genom­men, daß Zweifel über die offizielle Parteimemung Acht mehr bestehen.

Diese höchste Parteiinstanz hat nicht etwa mit einer Mehrheit gegen eine Minderheit, sondern einstim­mig die Politik der Fraktion gutgeheißen, also auch Has, was man die Linksschwenkung nennt. Kann denn auch wohl jemand glauben, daß ein Parteiveteran und Führer des Zentrums wie Exzellenz Spahn sich m feinen alten Tagen auf einmal zum Radikalismus und zum Gefolgsmann des Sozialismus bekehrt habe, wie es der Fall fein müßte, wenn die Behauptung von der viel zu weit gehenden Linksschwenkung richtig wäre? In der Tat hat ja Spahn die gesamte politische Ent­wicklung feit dem 9. November 1918 im Zentrum mit- gemachl und wie der Parteitag in Berlin zeigte, auch gebilligt. Und Spahn ist wie auch seine kurze Stel­lungnahme in der Diskussion am Schluß des Partei­tages bewies, gewohnt, seine politische Stellungnahme nach den ewigen Grundsätzen des Christentums einzu­richten und sein Gewissen stets mitsprechen zu lasien. Und von diesem Standpunkt aus hat Spahn eine Mah­nung an alle Kritiker der Zentrumspolitik im eigenen Lager gerichtet. Er hat als Katholik und Zentrums- mcmn etwa folgendes auegeführt:

Die Zentrumspartei kann irren rote jede Partei; aber sie hat das vor anderen Parteien voraus, daß sie sich stets wieder am Sternenhimmel der christlichen Welt­anschauung ontniieten und den richtigen Weg zuruckfiltten kann. Der Totentanz der Revolution hat Throne und Kronen gestürzt, und diese Tatsache müssen wir zur Grund­lage unserer weiteren Politik machen. Aber unbeirrt steht unsere Kirche. Die Freiheit unserer Kirche wird sich vergrößern, und ihre Wirksamkeit ist freier geworden. Wie weit sie in der Lage ist, sich auswirken zu können, ist eine Frage, die Gottes Vorsehung überlassen bleibt. Wir können unsererseits nur die Pflicht erfüllen, daß wir auf politischem Gebiete alles tun, um die Auswirkung der Kirche und ihrer Kräfte zu ermöglichen und zu stärken. Des­halb rufe ich ollen jenen zu, die an der Haltung der Frak- Üon etwas auszusetzen haben: die Stärkung aller kirchlichen und persönlichen Freiheit auf­rechtzuerhalten, ist unser gemeinsames Ziel. In dieser Be­ziehung bleiben wir die stärkste Partei, gleichgültig, ob wir ht politischer Beziehung verschiedener Meinung sind. Es sind uns vielfach Vorhaltungen wegen unserer Zusammen­arbeit mit der Sozialdemokratie gemacht worden. Die vorhin entwickelten Grundsätze sind maßgebend für unser Derhalten gegenüber der Mehrheitssozioldemokratie. Die Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie ist eine Not­wendigkeit der gegenwärtigen politischen Loge.

Die Abstimmung iu Nordschleswig.

Am gestrigen Dienstag ist bekanntlich die erste Zone les Abstimmungsgebiets zur Volksabstimmung geschrit­ten, darüber, ob dieses Gebiet, das an feiner südlichen Grenze einerseits bis Tendern, andererseits bis Flens­burg reicht, beim Deutschen Reiche verbleiben oder an Dänemark fallen soll. In das Gebiet fallen auch Son- drrburg und die Insel Affen, auf der die Düppler Schanzm, bekannt durch den heldenmütigen Angriff preußischer Truppen im Jahre 1864, liegen. Aus Deutschland haben sich etwa 35 000 abstimmungsberech­tigte Nordfchleswiger nach ihrer Heimat begeben, um ihrer Pflicht als Deutsche nachzukommen. Die Abstim­mung findet für das ganze Gebiet statt, während spä­ter in der zweiten Zone nach einzelnen Ortschaften ab« gestimmt wird.

Nordschleswig ist altdeutsches Land. Die Herzog- Emer Schleswig und Holstein waren allerdings Jahr­hunderte lang während der Zeit der größten Zerrissen­heit Deutschlands durch Personalunion mit Dänemark verbunden, gehörten aber zum Deutschen Reich. So ergab sich die staatsrechtliche Eigentümlichkeit, daß ein ausländischer Fürst, der König von Dänemark, den alten deutschen Reichstag beschickte und nach der Auf­lösung des alten Reiches dem 1815 gegründeten Deut­schen Bunde angehörtc. Erst zu dieser Zeit setzten ernst­hafte Bestrebungen Dänemarks ein, die deutschen Her­zogtümer Schleswig und Holstein gänzlich von Deutschland zu trennen und zu dänischen Provinzen zu machen. Hiergegen empörten sich die Herzogtümer. 10 Jahre, von 1848—1859 kämpften sie heldenmütig, ober vom Deutschen Bunde kaum unterstützt, gegen hie Dänen und wurden schließlich besiegt. Erst 1864 rafften sich Preußen und Oesterreich auf und jagten die Dänen in einem kurzen, siegreichen Feldzuge aus dem Londe. Die Streitigkeiten, die sich nun über die wei­tere staatliche Zugehörigkeit der Herzogtümer ergaben, wurden durch den Krieg von 1866 zwischen Preußen Und Oesterreich endgiltig dahin entschieden, daß Schles­wig-Holstein an Preußen kam. Der einzige Anspruch Dänemarks auf diese Länder beruht also nur darauf, daß einst die Stände dieses Landes den König von Dänemark zu ihrem erblichen Herzog gewählt hatten zu einer Zeit, da es wohl Deutsche, aber kein Deutsches Reich, sondern eine Anzahl Länder und Ländchen deut­schen Stammes gab. Während der langen Zeit inniger Berührung mit Dänemark hat sich allerdings an der schleswig-dänischen Grenze eine ziemlich zahlreiche

Dem Zwang der Verhältnisse gegenüber hat das Zentrum seine ewigen sittlichen Richtpunkte nicht aus dem Auge gelassen, ist auch nicht seiner von jeher vertretenen Politik untreu geworden. Wir möchten denn doch nicht bezweifeln lasien, daß der hoch­verdiente und allgemein geachtete Parteiführer, der heute 74 Jahre alt ist, und noch die Zeit der großen Führer im Parlament mitgemacht hat, berufen ist, ein solches Urteil auszusprechen. Das Zentrum mußte mit Verhältnissen rechnen, die zu ändern, außerhalb sei­ner Macht lag; deshalb hat es sich darauf beschränken muffen, Schlimmeres zu verhüten und im übrigen f s i- nem Standpunkte so weit wie möglich Beachtung zu verschaffen.

Das ist das Urteil von allen, die sich mit den politi­schen Dingen im Zentrum seit Ausbruch der Revolu­tion beschäftigen mußten. Anders urteilten allerdings manche von denen, die fern von den politischen Geschäf­ten wohl die Grundsätze konnten, aber den Druck der Verhältnisie nicht spürten und nicht nötig hatten, ver­antwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Unter ihnen sitzen in der Hauptsache' die Kritiker. Hätten sie an verantwortungsvoller Stelle gestanden, wären sie zweifellos zeitiger forsch in der Kritik, weil es in der praktischen Politik in entscheidungsvollen Augenblicken, an denen die seit 1918 vergangene Zeit überreich war, zu handeln und nicht lange zu zaudern galt.

Ueberzeugend tritt das aus dem vortrefflichen Re­ferat hervor, das Abg. T r i tn b o r n, der Vorsitzende der Zentrumspartei, auf dem Parteitag gehalten hat. Er behandelte alle die einzelnen kritischen Fragen. So z. B. die Stellung des Zentrums zur Revolution:

Daß mir die Tat des 9. November, die Revolution, vom Standpunkt unserer christlichen Weltaufsasiung aus verrorr- fen, bedarf keiner Ausführung. Wir verurteilen und be­klagen sie ober auch, weil sie tatsächlich viel Unheil über Deutschland gebracht hat; sie hat den Abschluß des Waf­fenstillstandes ebenso wie die Friedensverhandlungen aus das ungünstigste beeinflußt. Gewiß sind die chaotischen Zustände im Innern, unter denen mir so schwer gelitten haben und noch leiden, zu einem großen Teil durch den Verlust des Krieges verursacht worden, aber die Revolu­tion, die die letzten Bande von Ordnung rmd Disziplin löste hat die Leiden wesentlich vermehrt und verschärft. Um der Volksfreiheit eine Gaste zu brechen, war die Re­volution nicht notwendig.

Rach weiteren Ausfuhnrngen darüber, daß die sogenannten „Errungenschaften der Revolution" in Wirklichkeit schon vor der Revolution und ohne sie erreicht waren, nennt er die Revolution „eine verhäng­nisvolle und beklagenswerte Tat."

lieber das Zusammengehen mit der Sozialde­mokratie führte der Redner aus:

Nach der Revolution kam es vor allen Dingen daraus an, eine geordnete, als oerhandlungssähig aner­kannte Regierung zu schaffen, die den Frieden herbei« führen konnte und einigermaßen für Ordnung und Sicher­heit sorgte. Geschah das nicht, so war völlige Anarchie die unausbleibliche Folge. Nun ist zwar in der Nationalversammlung eine bürgerliche Mehr­heit vorhanden. Aber aus ihr allein eine Regierung zu bilden, erwies sich als unmöglich; man denke nur an die scharfen Gegensätze, wie sie zwischen Deutschnationalen und Demokraten gegeben sind. — Die deutschnationale Partei zählt ca. 45, die Deutsche Volkspartei ca. 20 Man­date, das Zentrum rund 90, macht zusammen 155; zur Mehrheit gehören mindestens 215, es fehlen also daran 60 Stimmen. Cs war und ist ganz ausgeschlossen, daß unter den 75 Demokraten 60 bereit gewesen mären oder heute bereit wären, in eine Koalition einzutreten, die auch die Deutschnationalen umfaßte und ihre Spitze gegen eine geschlossene Linke richtete. Für jeden politischen Kopf ist ohne weiteres klar, daß damals eine Regierung ohne die Sozialdemokratie unmöglich war und das gilt auch noch für die gegenwärtige Lage. Des­halb haben wir auch bei der Krisis aus Anlaß der Annahme des Friedens, die die Demok:atie zeitweilig aus der Re­gierung austreten ließ, an der Koalition festgehalten. Da­mals war die schwerste Stunde des Reiches. Wir forderten die Parteien, die den Frieden ablehnen wollten, auf, ihrer­seits eine Regierung zu bilden. Es zeigte sich sofort, daß sie dazu gar nicht imstande waren. Durch den Eintritt m die Koalition haben wir die sozialistische Re­publik der ersten Wochen beseitigt und der demokratischen den Weg gebahnt.

Trotzdem kann von • einem Bündnis mit der Sozialdemokratie keine Rede sein.

Unser Eintritt und Verbleiben in der Koalition be­deutet kein Bündnis mit der Sozialdemokratie; es han­delt sich um nichts mehr und nichts weniger als um eine Weggenossenschaft, um dem Vaterlande die nackte Existenz zu retten. Wir sind uns nach wie vor klar bewußt, wie tief d ie Kluft der Ideen ist, die Zentrum und Soziald nnokratie trennt. Wir im Zentrum fußen auf der christlichen Welt.

rein dänische Bevölkerung angefiedelt, die schsießlich so weit anwuchs, daß in den letzten Jahren sogar aus dem nordfchleswiger Wahlkreis Hadersleben ein dänischer Abgeordneter in den deutschen Reichstag entsandt wer­den konnte.

Trotzdem bietet es den Dänen noch keinen Grund, dies deutsche Land, das sich in langen blutigen Käm­pfen erst vor einem halben Jahrhundert gegen die dä­nische Herrschaft verzweifelt gewehrt hat, als dänisches einzustecken. Das mußte selbst die „Friedenkonferenz" in Versailles einsehen, die doch von Deutschland alles, was irgendwie anging, ohne weiteres abtrennte. Sie glaubte, für Schleswig Holstein die Volksabstimmung festfetzen zu muffen. Man solle sich nun gar nicht ein« bilden, daß die groß? Mehrheit in Dänemark großes Interesse daran hätte, Sudjüttanü, wie die Dänen Schleswig nennen, zu einer dänischen Provinz zu ma­chen. Die Siernünfügen sehen ein, daß sie sich nur eine ewig unzufriedene Provinz schaffen würden, die bei der Kleinheit ihres Staates sehr ins Gewicht fallen würde. Außerdem müßte der dänische Staat das gesamte deut­sche Staatseigentum einlösen, den neu hinzukommenden Bürgern die Valutadisfetenz ausgleichen u. v. a. Mcn hat ausgerechnet, daß Dänemark jeder einzelne Bürger des neu hmzutretenden Gebietes — wenn die Abstim­mung gegen Deutschland ausfallen sollte — über 8000 Kronen kosten würde. Eine Summe, die dies kleine Land nur heutzutage infolge der günstigen Sage, in der es sich letzt als neutraler Agrarstaat befindet, ertragen kann und auch jetzt ist es sehr viel. Hoffen wir, daß sich die Schleswiger, die zur Urne schreiten, an die Kämpfe von 1848, 49 und 50 erinnern werden, und daß die Abstimmung ein derart starkes Bekenntnis zum Deutschtum ergeben wird, daß alle Deutelungen und Verdrehungskünste der „interalliierten Kommission" kein Votum für Dänemark daraus konstruieren können.

— Schaumk-utfchuk — eine frohe Botschaft für Rabfabrer. Die Kriegsjahre haben aus Mangel an Gummibereifungen, die zumeist beschlagnahmt wurden und als Opfer fürs Vaterland abgelrei.'rt werden muß. ten, Millionen von Fahrrädern „außer Betrieb" ge­bracht. Zahlreiche Ersatzbereifungen tauchten auf, aber keine derselben befriedigte. Gummi ist eben doch das beste Mittel zum VorwärtSkommen. Freilich haben auch die Gummischläuch' ihre Tücken was besonders jetzt bedauerlich ist, wo die Preise auch der Luftschläuche so enorm in die Höhe stiegen und selbst kleine Repa> taturen nicht billig sind. Die Reparaturen l Jeder Radfahrer weiß ein Lied davon zu singen; sobald ein

anschauung die Sozialdemokratie auf der mate­rialistischen Geschichtsauffassung. Die, Sozialdemo-' kratie proklamiert den Klassenkampf, wir den Aus. gleich der Interessen zwischen allen Ständen und Berufen. Wir halten fest am Privatrecht, .dem Erbrecht und am Privatbetrieb als die regelmäßige Form das Wirtschaftslebens. Die Sozialdemokratie will Vergesellschaftung der Produktionsmittel tmb ra­dikale Sozialisierung. Auf dem für die zeitigen und ewigen Geschicke des Enzelnen wie für die Zukunft von Volk und Vaterland so überaus bedeutsamen Gebiete der Schule erstrebt die Sozialdemokratie die staat­liche, religionslose Zroangsschule. Wir proklamierten das Bestimmungsrecht der Eltern und Erziehungsbe. rechtigten. Kann es größere Gegensätze b e n? Ist da ein dauerndes Bündnis mögli ch? Müssen nicht die Gegensätze heute oder morgen doch wieder zum alten Kampfe fuhren? Niemand in den Zentrumsfraktionen ist sich über diese Fragen im un­klaren . ।

Auch die demokratische Verfassung wird von manchen beanstandet und die Zustimmung des Zen- trums bekrittelt. Dazu sagte Trimborn:

Manchen unserer Anhänger, die bisher mehr rechts gestanden, ist die ganze Entwick.ung in der Richtung der Demokratie unsympathisch. Ihnen kann nur klar und deutlich gesagt werden, daß die politische Klugheit erfordert, sich mit der Entwicklung abzufinden — wie es ihre Väter getan, als der Absolutismus der Fürsten durch den Verfaffungsstaat abgelöst wurde, und wie es bte entthronten Fürsten, wenn sie je wieder zurückkehrten, ganz gewiß auch tun würden. Es ist ein törichtes Be­ginnen, derartige Entwickelungen rückgängig machen zu wollen. Solche Bahnen darf und wird die deutsche Zentrumspartei, die immer für die Rechte des Volkes eingetreten ist, niemals betreten.

Diese Ausführungen Trirnborns über die Haltung des Zentrums verfehlten ihren Eindruck nicht. Das machte sich In der Diskussion alsbald bemerkbar. Mit Recht wurde die Politik der Fraktion geradezu als die Politik des gesunden Menschenver­standes bezeichnet, da jede andere die Unord­nung und das Chaos vermehrt hätte. Auch die weni­gen, die man als Redner der rechtsstehenden Gruppe bezeichnen konnte, verschlosien sich dieser Einsicht nicht und billigten mit allen übrigen, nachdem sie auch für ihre Stellungnahme Verständnis gefunden hatten, die Linie, die von der Fraktion in der praktischen Politik eingehalten worden ist.

Von einer Linksschwenkung des Zentrums kann in Wirklichkeit nicht die Rede sein. Das Zentrum ist geblieben, was es von jeher war und hat feine Grundsätze peinlich gewahrt: links g e - fchwenkt aber ist ohne Zutun des Zen­trums der ganze politische Zustand des Reiches und der Staaten infolge des Krieges und unserer Niederlage. Daran ist mit allem guten Willen nichts zu ändern und eine Partei, die sich damit nicht abfindet und damit nicht rechnet, wird unfähig, praktische Politik zu treiben und alles gehen lasien/ wie es geht. Dazu mögen sich die Deutschnationalen ver­stehen, nicht aber kann das Zentrum, das wahrhaftig im Reich und in den Staaten die kostbarsten Guter gefährdet, sobald es sich bei Seite stellt und untätig bleibt. Nur Jllusionspolitiker können eine Politik des bloßen Zusehens empfehlen und dabei das Ganze zu­grunde gehen lasien. Und nur politische Wolkensegler können übersehen, daß das Zentrum in der Koalition, so gut wie die stärkere Sozialdemokratie und die Demo­kratie, eben nur mit Kompromissen seinen Standpunkt wahren kann.

Das erkennt jeder, der Dernfinftigen Gründen zu­gänglich ist. Wer etwas erreichen will, muß bei der Hand sein und muß handeln. Darum handeln wir. Wir sind uns unserer politischen Verantwortung bewußt und lasien uns von unserer Pflicht nicht ab­bringen; Pflicht aber ist es heute, praktische poli­tische Arbeit zu leisten.

vermischter.

* Berliner Bilder. In einem Weinrestaurant in der Charlottenburger Kanlstraße ist zu lesen: „So­lange der Verband auf der Auslieferung deutscher Männer besteht, um sie vor ihre Gerichte zu stellen, werden in diesem Lokal keine Speisen und Getränke an Angehörige der Verbandsstaaten abgegeben." Die feindlichen Besatzungen in der Reichshauptstadt find be­reits hellhörig geworden Ihre frechen Lümmeleien, auf den Straßen, durch die ihre Autos jagten, als ob es auf ein paar Menschenleben mchr ober weniger nicht ankäme, haben aufgehört. Jrn vorgeschriebenen solches Uebel sich einstellte, war das Velsikek gebrauchs- unfähiH. Das soll nun anders toerb'n, nachdem es einem Herrn Fritz Pfleumer gelungen ist, sogenannten Schaumkauckschuk zu erfinden. Cs ist dies eine poröse Masse, ein phhsikalisches Gemisch von vulkanisiertem .Kautschuk und Stickstoff, bei dem letzterer, ähnlich wie tie Luft in den Seifenblasen, von ganz dünnen Kaut­schukwänden eingeschlosien wird. Das Stickstoffgas dehnt die Kautschukblafen auf etwa das Fünffache ihres eigentlichen Umfanges aus. Da sie ganz klein sind, entsteht so eine äußerst elasfische Masse, die sich leicht zufammenpreffen läßt und sich dann von selber wieder ausdehnt, so daß man genau so angenehm fährt wie auf „Lust". Mit dieser „schaumigen" Kautschukmasse nun werden die Luftschläuche gefüllt. Das Einpmnpen mit Nachpumpen von Luft fällt chlso gänzlich fort. Platzt einmal ein Reifen oder wird er sonstwie beschädig, so schadet das durchaus nichts, weil eben keine Lust entwichen kann. Man kann ruhig und sicher weitev- fahren und daheim ohne viel Umstände durch Ankleben eines Pflasters die Wunde heilen. Der Schaumkaut­schuk eignet sich natürlich auch zur Füllung von Auto­reifen, Reifen an Kinderwagen, Kisten, Matratzen, Schwimmgürteln usw. Er hat dabei den Vorteil groß, ter Leichttgkeit und wirk auch von Wasstr nicht ange. griffen. Wie sich der Preis stellt, ist ne b unbestimmt, denn die Erfindung kann erst industriell in großem Maßstab vertverter werden, wenn erst wieder genügend Rohmaterial hereinkommt. as.

— Soll man sich mit kaltem oder warmem Waffer waschen? Tie kalte Jahreszeit bringt es mit sich daß man friert und daß man sich deshalb wärmer bekleidet und seine Wohnräume heizt. Wie aber soll's mit dem Waschen früh und abends gehalten werden? Man schlüpft ans dem warmen Bett. daS Zimmer ist feit, das Waschwasser ist kalt, beides oft sehr kalt. Schroffe Temveraturwechsel haben aber bekanntlich nachteilige Einflüsse auf die Haut, andererseits fordert die natur­gemäße Gesundheitspflege, daß man sich abhärtet. Kurz gesagt: eine ganz allgemeine, für jedermann gültige Regel ob man sich kalt oder warm waschen soll, läßt sich gar _nicfrt aufstellen, denn die Antwort auf die Frage hängt vom Gesundheitszustand des Betreffen­den im großen und ganzen ab. Blutarme Menschen besitzen wenig Eigenwärme, frieren gar zu leicht, und wenn sich diese mit kaltem Waffer waschen sollten,^ wür­den sie direkte Nachteile haben. Solche und ähnlich kränkliche, auch alte Personen werden instinktiv zu war­mem Master greifen. Gesunden Pwsonen hingegen wird es Wohl nicht einfallen, vom gewohnten kalten Waschwastcr Abstand zu nehmen. Sie empfinden nach kaltem Waschen eine besondere Frische, weil die Blut­zirkulation mächtig angeregt wird. Man kann sehr wohl den Satz aufstellen daß ein Mensch, der bei kal­tem Waffer zusammenschaumch, iruendw« ttm-k oder

Tempo umfteuern sie die Ecken und Kreuzungen bet Plätze und nicht nur das: sie haben auch ihre Unifor­men abgelegt und tragen nur noch Zivil, und das gilt für alle: für die Amerikaner, die Engländer, die Fran­zosen und die Italiener.

* Ueber 33 000 Wiener Kinder wurden nach de« Auslande gebracht, eine Zahl, die auf 70000 steigen dürfte. Die Kinder bis zum vierten Jahre werden von einem englischen, die schupflichtigen von einem amerikanischen und die Jugendlichen über 14 Iah« von einem schwedischen Komitee mit Nahrung ver­sehen.

Amtliche Anzeige».

Vetr.: VetrieMoff für innütBlrtffloftiifle Motow

Die Verteilung des Betriebsstoffes pro Agnuar er­folgt diesmal in:

1. Benzin der DeuisHÄlmerikanischen Petroleum- Gesellschaft Kastel, Frankfurt a. M. und Hannover für rein landwirstchaftlicbe Betriebe einschließlich Mahlen von ®etreibe sowie Erzeugung von elektrischem Licht für eigenen Bedarf heutiger Preis pro Kilo 5,33 Mk.

2. Benzin der Mineralölwerke Rhenania in Frank­furt a. M., Jntzestraße 16 — für Bahnsendungen Ost. bahnhof — für nicht rein landwirtschaftliche Zwecke und Betriebe wie zum Beispiel Schroten von Getreide, Wagnereien. Holzzerkleinerung in Verbindung mit Landwirtschaft, Erzeugung von elektrischem Licht für Gemeinden und dergleichen, heutiger Preis pro Kilo ca. 6,10 Mk.

3. Molor-Benzol bei den Lagerhaltern des Benzol. Verbandes: Firma S. Cohen in Frankfurt a. Weißfrauenstraße 12, für den Kreis Fulda pro Kilo 3,10 Mk.

Kassel, den 28,t Januar 1920. "i

Landwirffchastskammer für dm Regiernngsbez. Stoffel, gez. v. Keudell.

An die Herren Landräte des KammerbezirkeS.

Wird veröffentlicht.

Fulda, den 3. Februar 1920.

Der Canbrat: Frhr r. Soernberg.

Die Ortspolizcibehörden des Kreises werden er­mächtigt, auf Antrag die Abhaltung öffentlicher Tanz- beluftigungen für Fastnachtsmontag und Dienstag (16, und 17. Februar d. 3s.) bis 11 Uhr nachts auf Stem­pelbogen von 5 Mark zu erteilen.

Eine Verlängerung der Polizeistunde über 11 Uhl nachts darf nicht geduldet werden.

Fulda, den 6. Februar 1920.

Der Landrei: Frhr. von Soernberg.

Rach der noch gültigen Bestimmung hn § 5 bet Kurhessischen Gesetzes vom 28. Juni 1865, betreffend die Verwertung der Forsinutzungen ist bestimmt:

„baß auf das Losholzquankum dasjenige Brenn­holz in Zurechnung zv bringen ist. welches die be­treffenden Personen als Privatwalbbesitzer in dem­selben Jahre zu beziehen haben."

Auf diese Vorschrift mache ich die Herren SBürger- meister hierdurch wiederholt aufmerksam und erwarte von ihnen, daß sie bei der Verteilung des Losholzes bei der jetzigen Brennholzknappheit auf das Sorgfäl­tigste beachtet wird.

Fulda, den 28. Januar 1920.

Der Canörat: Frhr. von Doemberg.

An alle Landwirte!

Letzter Ablieferungstermin für freiwillige Ab» lieferung von Brotgetreide ist der

W 15. Februar 1920! “W

Bor der Lieferung ist dem zuständigen Stern- Missionar Mitteilung zu machen.

Nach dem 15. Februar 1920 ist alles bei den Landw irten jestgeitellte Lberschüsf ige Getreide de« Kommunalverbaud verfallen.

Die Namen der pflichtvergeffenen Landwirt« werden verSsfentiicht; gegen die Landwirt« selbst wird Anzeige erstattet.

Fulda, den 5. Februar 1920.

Der Landrat: Freiherr v Doernberg

doch wenigstens nicht ganz gesund ist, und umgekehrt. Kinder lieben sehr das warme Waschen, man sollte e8 ihnen aber nicht angewöhnen. Tie Hauptsache bleibt, daß man sich nicht einfach adtrocknet, sondern Gesicht und Hals, auch Brust und Arme, kräftig frottiert und nicht sofort ins Freie geht. Gin derartiges Verfahren, schadet überhaupt niemals. Auch kalte Waschungen am Abend sind außerordentlich vorteilhaft und schaffen einen ruhigen, gesunden Schlaf. Abends soll man diese, Waschungen, an die sich jeder gewöhnen sollte, jetzt alle» dings lieber in einem geheizten Zimmer vornehmen.

— Holzasche ist zwar ihrer vielen leicht löslichen mineralischen Bestandteile wegen ein vorzüglicher Dün. per aber sie hack als solcher unter Umständen auch Nachteile. Wie jeder Dünger verlangt sie viel Feuch­tigkeit Fehlt es hieran, so wirkt sie ätzend auf die Pflanzen, weshalb man sie ja auch gern trocken aus» ftreut, wenn es gilt. Gras, Moos und Unkraut zu zer­stören und schädliche Insekten abzuhalten. Am wirk­samsten ist Holzasche, wenn sie im zeitigen, regne­rischen Frühjahr auf rindigen, feuchten Boden gebracht wird möglichst noch vermischt mst Gips, Knochenmehl oder Kompost. Am geeignetsten ist Holzasche, die je nach ihrer Hwkunst bis zu 17 Zrozent Kali und 11 Prozent Phosphor enthält, für solche Pflanzen, die in größerer Menge des Kalis bedürfen. lg.

— Bayern ohne Bier ist fast so undenkbar wie jenes sprichwörtliche Messer ohne Griff, dem die Stfinge fehlt. Und dennoch sind wir durch den Krieg unge­fähr fo weit gekommen, wenigstens nach dem Urteil der ausgepichtesten Kenner des bayerischen Lebens­saftes, die mit unerbittlicher Strenge der Flüssigkeit, die heutzutage in den Wirtschaften verzapft wird, den Namen Bier schlankweg aberkennen. Nachsichtigere Menschen behalten allerdings mit ihrem Durst auch die Bezeichnung Bier bei, wennschon sie bei jedem Schluck über die Minderwertigkeit des Trankes schimpfen. Alte Leute versichern dagegen, von jeher hätten die Biertrinker über ifie Beschaffenheit ihres Leibgetränkes geschimpft, selbst als es noch wirklich gut war. Zum Trost für die Unzufriedenen druckte ein Münchener Blatt jüngst eine alte Urkunde ab, die den Nachweis erbringt, daß vor 600 Jahren das Herzogtum Bayern ein Jahr lang völlig ohne Bier war, ohne daß darum eine Revolution ausgebrochen oder das Dayernvolk ausgestorben wäre. 3m städtischen Archiv zu Passau liegt eine Urkunde aus dem Jahre 1311, in der die Herzöge Heinrich und Otto von Bayern für ihr ganzes Land auf ein Jahr das Brauen und Mälzen verbieten, weil damals das Getreide mißraten war und eine große Hmraersnot drohte.