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Montag, 9. Februar t920
Nr. 32
Verantwortlich für den redattionellen TeU: Karl Schütte, :: für die Anzeigen: I. -Par zell er-Fulda. n
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47. Zahrg.
Die Auslieferungsnote in Berlin übergeben.
Der französische Geschäftsträger Marcilly hat am Samstag in später Abendstunde dem Reichskanzler Kauer die Auslieserungsnote und die dazu gehörigen AuslieferungSlisten überreicht. Diesen beiden Schriftstücken waren noch beigefügt ein besonderes Begleitschreiben an den Reichskanzler. Die Auslieserungsnote ist vom 3. Februar datiert, das Kegleitschreiben vom 7. Februar. Hervorzuheben ist, daß die Auslieferungsnote in ihrem ursprünglichen Text nicht geändert worden ist.
Die Auslieserungsnote lautet:
In Ausführung des § 3 des am 28. Ium 1919 unterzeichneten Protokolls beehre ich mich. Ihnen anbei im Namen der alliierten Mächte ein Exemplar der von der br,tischen, französischen, italienischen, belgischen, ru- manischen und serdisch.kroatisch.slowenischen Regierung gemätz Artikel 228 Absatz 2 des Versailler Vertrages aufgestellten Listen zu überreichen.
In die Aufstellung dieser Listen find nicht alle die einbegriffen, welche sich der im Laufe des Krieges von deutschen ReichSangehSrtgen begangenen zahllosen Bcr- brechen schuldig gemacht haben. Die oben bezeichneten Regierungen haben geglaubt, schicklicher Weise darin nur Personen aufführen zu sollen, die anscheinend die schwerste Verantwortung trifft. Die so aufgeführte Zahl der Schuldi ien bleibt wert zurück hin. ter derjenigen der von deutschen Staatsangehörigen in Verletzung der Gesetze und Gebräuche des Krieges begangenen Rechtswidrigkeiten.
ES liegt nicht in der Absicht der genannten Regierungen, die Verbrechen derjenigen zu amnestieren, die in die beigefügten Listen nicht einbegriffen sind. Die vorliegenden Mitteilungen berühren in keiner Werse daS Recht der Staaten, sie innerhalb ihres Gebiete- zu verfolgen.
Gemäß Artikel 228 deS Friedensvertrages sind die auf den besagten Listen aufgeführten Schuldigen, sei eS dem Namen nach, sei eS nach dem Grade der Amts- auSübung oder Amtsverwendung, zu der sie von den deutschen Behörden herangezogen waren, bezeichnet.
1 Die oben bezeichneten Regierungen behalten sich vor, von der deutschen Regierung, so wie dies rn Artikel 2i0 deS Vertrages vorgesehen ist, .Urkunden und Auskünfte jeder Art zu verlangen, deren Beschaffung zur vollständigen Aufklärung der strafbaren Handlungen, zur Ermittlung der Schuldigen und zur henauen Abschätzung der Verantwortlichkeit für erforderlich erachtet werden sollte.'
Eine weitere Mitteilung wird Sie in Be, anlwortung Ihres Schreibens Nr. 88 (gemeint ist die Note des Herrn v. LerSner in der AuSlieserungSfrage vom 25. Januar) die Umstände wiffen laffen, unter denen die alliierten Mächte Die Bestimmungen des Frie- denSvertrageS über diesen Punkt auSgeführt zu sehen wünschen.
Das Begleitschreiben an den Reichskanzler betont, die @nientemäd)ie zweifelten nicht, daß die Handlung deS Herrn d. Lersner eine persönliche Kundgebung war, für die die deutsche Regierung keine Verantwortung trage. Sie fönnien in der Tat nicht annehmen, daß diese Regierung sich nach weniger alS einem Monat nach Inkrafttreten deS Vertrages vorsätzlich weigere, eine wesentliche Bestimmung des Vertrages zu erfüllen.
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Die Unklarheit und Unsicherheit der Lage beginnt zu weichen. Wir wissen zwar auch nach der Ueber- reichung der AuSlieferungSliste mit Zubehör noch nicht endgiltig, woran wir sind, aber es scheint doch, daß die Entente die Möglichkeit zu weiteren Verhandlungen nicht ausschließen will. Sie stellt in Aussicht, daß noch eine weitere Nachricht erfolgen soll, in der die Bedingungen bekannt gegeben werden, unter denen die Mächte die Durch-
Der Sänsedoktor.
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„Papa!" schrie dieser verzweifelt, „sch will Euch doch nur retten!" Kienholz hiell inne, und Fritz benützte die Pause, sich aus dieser unangenehmsten aller Lebenslagen zu befreien.
»Wen willst Du retten und wovor?* herrschte ihn der Later an.
.Euch aHe*, sagte Fritz halb weinerlich, halb stolz. „Wenn die Räuber heute in der Nacht kommen, dann werde ich sie alle mnbringen."
Peinlich berührt schwieg Kienholz; dadurch ermutigt, erzählte Fritz weiter. »Ihren Pferden werf' ich das Lasso tun die Füße, den Reitern streu' ich Sand in die Augen, dann könne« wir sie schlachten wie die Schweine."
»Du Esel Du", brach nun Kienholz los, »wer hat dum Dir nur solche Sachen in Deinen Dummkopf gefetzt? Deswegen, weil uns ein Schrankschlüffel fehlt, muffen gleich Räuber zu Pferd kommen? Wer hat Dir denn dos gesagt?"
Fritz richtet sich stolz emor. „D Du Papa, ich bin kein Esel, ich weiß alles, was Du verheimlicht hast; ich hob's im Stall gehört, wie de rIörg der Dore gesagt hat von dem Prinzen, der die Tante Amalie heute in der Rächt auf seinem Pferd davontragen wird."
»Daß sie doch der Teufel holte!" brummte Kienholz vor sich hm.
»Und seine Ritter wollen «ns alle umbringen und dann alles stehlen; dos ganze Einmachobst werden sie elfen und die Würste und Schinken, aber dos sollen sie «ücht, denn ich roerbe Euch retten."
»Du rette Dich vor Deiner eigenen Dummheit", polierte Kienholz, aber das Poltem war nur äußerlich; innerlich war er entsetzt über die Ausdehnung, die die dumme RäubergesOchte schon angenommen hatte. „Jetzt troll Dich sofort ins Haus und fei froh, daß ich Dich nicht haue; vielleicht kriegt der Jörg di« Prügel, die ich Dir geschenkt Habs." Er gab dem Jungen einen Schlag auf die Schulter und ging davon.
Fritzen fiel es natürlich gar nicht ein, sich ins -aus zu trollen, sondern er spähte dem Vater nach; gar zu Bern hätte er gesehen, wie dieser dem Jörg die versprochene« Prügel verabsolgte. Aber der Vater ging, naß und schmutzig, wie er von dem Stur- m die Wasserlache war,
sührung der Vertragsbestimmungen über die Auslieferung in Aussicht nehmen. Es soll das in der für i später angekündigten Beantwortung der deutschen Note ' vom 25. Ian. geschehen. In dieser Note hatte die ! Reichsregierung ein Prozeßverfahren vor dem Reichs- 1 geriet)! unter Teilnahme feindlicher Anklagevertreter vorgeschlagen. Der hier von Deutschland gezeigte Ausweg, der weites Entgegenkommen und besten Willen zeigt, auch die härtesten Friedensbedingungen bis an die Grenze nationaler Ehre zu tragen, muß die Grundlage der Verhandlungen mit den Verbandsmächten und den Prüfstein ihrer Gesinnung unserer Friedenswilligkeit gegenüber abgeben. Die Beantwortung des deuffchen Vorschlags war bisher noch nicht erfolgt, weil sich die Entente wieder einmal nicht einig war, und es ist wahrscheinlich, daß die Mächte, die weniger geneigt sind, die Dinge auf die Spitze zu treiben, also England und Italien, eine voreilige Festlegung verhindert haben. Nach offlziösen Ankündigungen sollen die drei Premierminister erst morgen in London einen endgültigen Beschluß fassen.
Bemerkenswert ist, daß das Wort „Auslieferung" in der Note nicht vorkommt, es ist immer nur von den betreffenden Bestimmungen des Friedens- Vertrags die Rede. Das erscheint immerhin beachtens- wert, wenn es auch verfehlt wäre, all'u große Hoffnungen daran zu knüpfen. Es fragt sich, ob in der Namensliste von „auszuliefernden" Personen die Rede ist. Darüber liegt noch keine Nachricht vor.
Hervorzuheben ist noch die Erklärung der Entente, sie behalte sich das Recht vor, Verfolgungen gegen andere Schuldige einzuleiten. Da aber die Auslieferungsliste nach dem Friedensvertrag innerhalb eines Monats (also bis zum 10. Febr.) überreicht sein soll, muß sich die Verfolgung aus das eigene Gebiet des betreffenden Ententestaates beschränken. Don einer Auslieferung kann keine Rede mehr fein.
Eine Reihe von Meldungen, die Dort verschiedenen Orten kommen, besagen ziemlich einstimmig, daß Lloyd George in der Haltung der Äusliefe-' rung eine versöhnliche Haltung einnehmen wolle und den französischen Standpunkt bekämpfe. Das ist offenbar geschehen unter dem Druck der öffentlichen Meinung, denn es unterliegt keinem Zweifel, daß in England diejenigen liberalen und demokratischen Kreise, die dem von Frankreich gewünschten Gewaltakt mit Abneigung gegenüberstehen, mehr Einfluß gewonnen haben, und daß auch die allgemeine Stimmung dort dem Auslieserungsverlangen nicht allzu günstig ist. Auch italienische Stimmen dämpfen. Die Zeitungen dort mahnen Frankreich, sich endlich zufrieden zu geben und Deutschland einen auftichtigen Frieden zu gönnen. Die Pariser Presse scheint, wenn auch mit Bedauern, bereits zur Erkenntnis gekommen zu sein, daß die Aus- lieserungssrage nicht durch ein Ultimatum im Stile Clemenceaus gelöst werden kann. Sie gibt zu, daß die öffentliche Meinung in Deutschland einmütig die Auslieferung ablehnt, daß aber die Regierungen der Entente nicht einig sind in Bezug auf die gegenüber Deutschland anzuwendenden Zwangsmittel. Nach den Andeutungen der französischen Blätter hat die französische Regierung gegenüber den Bedenken Englands zugestanden, daß der Prozeß gegen die sogen. Kriegsschuldigen nicht sofort zu einer entscheidenden Gerichtsverhandlung führen soll, sondern zu einem vorläuf. Untersuchungs- verfahren, von dessen Ergebnis erst die Verweisung vor das entscheidende Gericht abhängen würde. Die Frage der Auslieferung selbst soll erst nach dem Abschluß des Untersuchungsverfahrens gelöst werden.
Asquith gegen den Vertrag von Versailles.
In einer Wählerversammlung erklärte der frühere englisch» Ministerpräsident ASquith? Nach meiner Ansicht kann Deuts chland die ein e -an 'enen Beruflich, hingen nicht erfüllen. Dieser Friede ist nicht der
weiter hinaus in die FÄder, wahrfcheinlich» um zu sehen, ob das Gewitter keinen Schaden angerichtet habe.
Dem Papa Kienholz lag freilich alles näher als die Bestrafung Jörgs.. „Gott weiß", murmelte er vor sich hin, „mir wäre leichter zumute, dessen Ueberfall ich zu erwarten hätte, als ein anständiger Mensch, der mir eine unauslöschliche Blamage zufügen wird."
Als der Vater außer Schwelt« war, wandte sich Fritz wieder feinem Lasso zu. Es ist ja doch wahr, was der Jörg gesagt hat, dachte Fritz künnpierend, sonst hätte er mich gewiß gchauen. Und so fing er wieder an, mit dem Lasso zu werfen. Aber das Seil zeigte, gleich dem be- kamtten Pfeil, ein heftiges Bestreben, zu seinem Schützen zurückzukehren. Es schlang sich um Fritzens Beine, seinen Körperf seinen Kopf, nur nicht um den Pflock, den es einfangen sollte; es schlug Striemen ht Fritzens Gesicht, in Brust und Schultern, aber unverletzt blieb der Pflock. Da gab Fritz die Arbett aus; so hätten ihn keine väterlichen Pttigel zugerichtet wie dieses elende Lasso; nicht genug, daß er voll Striemen war, noch dazu war er über und über beschmutzt, weil dieser dumme Strick hundertmal in Wasser geplantscht war.
„Diese Indianer müssen doch schrecklich geschickte Leute fein", sagte er seufzend zu sich selber, bann ging er, das ungehorsame Lasso an seinen Platz zu bringen und seine Pfeile zu suchen.
„Zum Fechten braucht man erst recht einen flut," meinte Gustav; „und in der Toilette schauen Sie aus, wie ein entsprungener Sträfling, der nächste Gendarm greift Sie aus."
Graf sah bekümmert an sich herab; just seine Gala- kleidung hatte ihm der Wirt auch nicht geliehen. „Meine Kleider werden schon wieder trocknen," sagte er, sich selber tröstend.
„Mit dem Davonrennen haben Sie einen großen Schnitzer gemacht," versicherte Frau Emma in tiefstem Ernst. „Was glauben Sie denn, daß mein Kusin von Ihnen denkt?"
„Das ist mir Wurst," erklärte Graf hitzig; „man sperrt einen Menschen, der zum erstenmal ins Haus kommt, nicht mit einer Irrsinnigen zusammen."
„Sie ist ja gar nicht irrsinnig," sagte Frau Emma lächelnd.
Graf sah sie erstaunt ass.
,5a, aber der flea hat mir doch selber gesagt . , j
Friede, len wir verlangt haben. Wir werden nie mehr als 2 Milliarden Pfund Sterling von Deutschland erhalten. Wir sollten jetzt den Betrag der Entschädigung festsetzen, den uns Deutschland und Oesterreich zahlen müssen. Die Wiedergutmachungskonnnission sollte dem Völkerbund rmterstellt werden, und es sollten darin auch die befreiten unt neutralen Länder vertreten sein.
* Der Kaiser und Krupp. Krupp veröffentlicht eine Erklärung,, daß der ehemalige Kaiser weder bei der Firma gegenwärtig beteiligt, noch jemals beteiligt gewesen sei.
* Die Zwangsvollstreckung gegen Helfferich, die ihm durch das Amtsgericht angedroht war, wegen der vom parlamentarischen Untersuchungsausschuß Über ihn verhängten Geldstrafe von 300 Mark ist vom Landgericht I Berlin für unzulässig erklärt worden.
* Die Röchlmgschen Werke im Saargebiet wurden von der französischen Verwaltuyg der französischlothringischen Minengesellschaft für 33 Millionen zugeschlagen. . „ m r
♦ Die ersten Schleswig-Züge. Vom Hamburger Hauptbahnhof sind am Samstag die erneu Sonder- züge mit Stimmberechtigten nach Nordschllswig abgefahren. Die vorgesehenen zwei Züge genügten bei weitem nicht, um die Abstimmenden aufzunehmen. Es mußte ein dritter Sonderzug eingelegt werden. Tie Stimmberechtigten fuhren in zuversichtlicher Stimmung und unter Absingung vaterländischer Lieder ab.
* Admiral Kolischak, der nach einem Funktpruch aus Moskau nicht tot, sondern in den Händen der Bolschewisten ist, wird nach Moskau gebrach' und dort von einem RevotutionSgericht abgeurteilt werden.
Der Wirtschaftsausschuß zur Frage der Förderung der landwirtschaftl. Produktton.
Im Reichswirtschastsministerium schweben zur Zeit sehr wichtige Verhandlungen über die Frage der Förderung unserer landwirtschaftlichen Güter- erzeuzunq Es handelt sich dabei um eine der wichtigsten Fragen unserer Wirtschaftspolitik und des wittichaflichen Wiederaufbaues. In ernste E>Wägung wird ein weiterer Abbau der Zwangswirtschaft gezogen, soweit ein solcher nur irgendwie mögsich und ratsam erscheint. AlS feststehend kann ferner heute febon gelten, daß hinsichlich dr in Zwangswirtschaft verbleibenden landwirtschaftlichen Piodukte eine andere Preispolitik ein ze'chlagen wird. Darüber scheint nach und nach auch unter den Parteien der Naiionalversamm ung fa t Einstimmigkeit zu herrschen. ES ist nicht zuletzt das Verdienst des Zentrums, daß die Regierung zur Zeit energische Schritte in der bezeichneten Richtung tut. Sowohl in den einzelnen Landtagen wie vor allem in der deutschen Nationalversammlung haben die Redner der Zentrumsfraktion seit Monaten eine bessere PiodukiionSförderung in der Landwirt chaft veilangt und insbesondere auch auf d e Notwendigkeit etner anderen Preispolitik hingewiesen.
Der Reichsparteitag der ZenirumSpartei hat diese Forderungen unterstrichen. Im Aufruf der Partei wird klar und bestimmt getagt: Gute Produ- zeutenpolitik ist heute auch die beste Konsumentenpolitik." Für den Augenblick wichtiger war em weiterer Beschluß. Auf Antrag der Zenirumsabg. Allekoitte, Blum, Dr., Brauns, Irl beschloß der WirtschaftSausichauß wie folgt:
„Die Nationalversammlung wolle die Reichsregierung auffordern, auf eine möglichste Vermehrung der Düngemittelproduktion deS Reichs-Stick- stoffSsyndikatS tote auf eine bessere und auS ileichcndere Verlegung der Düngemittel an die landwirtschaftlichen Verbände nachdrücklichst htnzuwirken. Gleichzeitig wolle sie auch für eine stren e Jnneh.lltung der festgesetzten Höchstpreise eintreten und das immer mehr sich aus-
»Ach was, eine Närrin ist sie freilich," unterbrach sie ihn, „aber jeden, den man einen Narren heißt, ist doch deswegen kein wirklicher Irrsinniger, flöten Sie jetzt einmal gut zu: die Dame ist nämlich heiratslustig, hat aber selber eine heiratsfähige Tochter; selbstverständlich setzten die Verwandten dem Mädel zulieb alles daran, einen dummen Streich der Mutter zu verhindem. Sie hat zwar nicht viel, aber um die paar Knöpfe wär's zu schad, wenn sie 's einem Glücksritter, di« sich ja überall finden, in den Schoß würfe. Da hat Sie mm mein Detter Kien- Holz für einen Heiratsschwindler gehalten und Ihnen den Bären anfgebunden."
„Mich für einen fleiratsschwindler?" fuhr Graf entrüstet auf, „sehe ich baut so aus?"
Frau Emma wiegte nachdenklich das Haupt, während Gustav, der nicht imstande war, das Lachen zu verbeißen, schnell ans Fenster trat und angelegentlich hinausschaute.
»Ja, twissen Sie, wenn man sich als Graf melden läßt, was Sie naiüttich getan haben werden," sagte sie zögernd Das traf. Der ehrliche Mann da kam sich plötzlich selbst wie ein gemeiner Schwindler vor; Dienstleuten gegenüber war feine Gräflichkeil eine harmlose Schwäche, aber Gleichgestellten gegenüber eine Unehrkchkett, wie er sich in tiefster Zerknirschung eingestand.
„Man hat mir ja keine Zeit gelassen, den Irrtum auf- zullären," entschuldigte er sich schnell.
„Ich mache Ihnen auch keinen Dorwurf," entgegnete sie, „ich erkläre Ihnen nur das Vorgehen meines Kusins. Kurz und gut, Sie müssen wieder hin und die Sache ins Geleise bringen."
„Liebe, gnädige Frau, könnten denn nicht Sie das tun?" flehte Graf.
„Nein, das geht nicht," erklärte sie. „Auch Herr Kienholz wird das Verlangen haben, sich Ihnen gegenüber zu rechtfertigen; dieses Auskneifen sähe eisfach dumm aus."
„Aber wie rechtferttge ich mich der Dame gegenüber?" fragte er verzweifel. Frau Emma dachte nach.
„Na, das ist sehr einfach," meinte sie dann mit vergnügter Stimme. „Da sagen Sie, ihr glänzendes Spiel habe Sie so ergriffen, daß Sie wirklich geglaubt hätten, es mit einer Irren zu tun zu haben. Das wird ihr furchtbar fchmeicheln."
„In Gottesnamen, wenn's schon nicht anbers geht," seufzte Gras und fügte dann hinzu: „Aber in dem Aufzug geh' ich nicht, da wart' ich, bis meine Kleider trocken find."
breitende Schiebertum auf dem Düngermarkte nach drücklichst bekämpfen." -
In wesentlich neue Bahnen sollte ein weiterer Antrag der genannten Zentrumsabgeordneten unsere Wirtschaft lenken, der Reichs mittel bis zu ll/t Milliarden Mark für das beginnende Erntejahr zur Förderung der deutschen landwirtschaftlichen Erze«, gung, insbesondere durch beschleunigte Einfuhr ausländischer Rohstoffe für die Dungmittelher« stellung, und eiweißhaltiger Futtermittel zur Verfügung stellen will.
Wenn auch der Wirtschaftsausschuß aus formalen Gründen nicht sofort in diesem Sinne beschloß, so erklärten doch alle Parteien ihre grundsätzliche Zustimmung zu dem Antrag. Es besteht^ kein Zweifel, daß demnächst, wenn über die künftige Preispolikik beschlossen werden wird, auch dieser Antrag Annahme finden wird. Es handelt sich dabei in erster Linie um eine möglichst ichnelle und möglichst umfangreiche Beschaffung von Rohphosphaten, "ferner um die Einfuhr eiweißreicher Kraftfuitermittel wie Oelkuchen und dergl. mehr. Auf diesem Wege würden w r un ere landwirtschaftliche Eigenpio uktion bald berrächtlich fiel« gern und vor allem unsere Viehzucht einer Gesundung entgegenführen können ohne ungesunde Inanspruchnahme von menschlichen Lebensrnitteln zur Dersütterung an die Tiere.
Haben wir erst wieder mehr Dungmittel zur Verfügung und können wir unsere Schweinezucht und unsere Viehwirtschaft wieder hochbringen, dann wird es bald um die Ernährung unserer Bevölkerung besser bestellt sein Somit liegt diese Politik sowohl im Interesse der Verbraucher wie der Erzeuger. Besser, wir bringen auf diesem Wege unsere eigene Landwirtschaft wieder hoch, als daß wir hochwertige ausländische Lebensmittel zu unerschwinglich hohen Preisen einführen müssen.________________ _ _______________
Deutsches Reiche -
** Berlin, 8 F?br. Der bayerische Ministerpräsident hat dem Reichskanzler telegraphisch eine Konferenz der deutschen Ernährungsminister vorgeschlagen. — Die am 13. Januar für das Reich mit Ausnahme von Boyern, Sachsen, Württemberg und Baden erlassene Berordnnng über den Aus« nahmezustand ist inzwi chen tm Einverständnis mit der sächsischen Regierung auch auf das Gebiet des Freistaates Sachsen ausgedehnt worden.
* Die Grundschule. Der Entwurf des ' Gesetzes über die Grundschule ist, nachdem er die Zustimmung deS Reichskadinetis gefunden, hat, dem Reichsrat zur Beratung zugegangen Damit ist der Entwurf für das erste Reichslchulgesetz aufge^Ot. Ter Ent« wuif bestimmt, daß die Grundschule vier Unterrichts- fahre umfassen ioll. Alle öffentlichen uns privaten Vorschulen werden aufgehoben. Die Tätigkeit der öffentlichen Voriwulen hat nach dem Einwurf mit Beginn des SchuljadreS 19-4-25, die der Privatvorschulen mit Beginn des SchmjayreS 1929=30 beendet zu lem. Privat unterweNuug einzelner Kinder oder reschlo jener Gruppen toll nur ausnahmsweise zuaelassi-n^ >m allinm.-ii m verboten fein
nS Die Erlasse über Ellernbeiräte. Sämtliche bürgerlichen FraktioncA der Landesvecscnnmlung haben einen Antrag ein gebracht, her das Ministerium ersucht» zu verfügen, daß die Wahlen zu den Elternbeiräten vorläufig ausgesetzt und die bisher ergangenen Erlasse in dieser Frage dem bcrüärften Unterrichts, ausschuß zur Prüfung unterbreitet werden. Die Patz teten stehen grundsätzlich auf dem Boden der Zulassung von Elternbeiräten m der Schulverwaltung sie glau. be« aber, daß die Lücken der Erlasse durch Beratung^' im Fachausschuß beseitigt werden müssen.
c .Mriegsoe)a;äOigteiim(oi iC. Hur Linderung der Not unter den versorgungsberechtigien Militär- perionen und bereit Hinterbliebenen haben zwischen Dem Relchsarbeltsmiiilstel inm und dem Reichsfinanz- Ministerium Verhandlungen stastiefunden. Dies»
„Na, das können wir ja beschleunigen," sagte Fran Emma und ging in die Küche, wo flerrn Grass Kleider bereits über dem Herde hingen; sie bat, daß man einen Bügelstahl ins Feuer lege und bügelte bann eigenhändig die Kleider, die zum Nachtrocknen wieder ausgehangt wurden. Als Gras sie nach einer Stunde anzog, versicherte er, sie seien wie neu. Unterdessen hatte es zu regnen aufgehört und die drei machten sich auf den Weg.
»Jetzt müssen Sie natürllch ein wirklicher Oraf bleiben," erklärte Frau Emma unterwegs, »sonst find Ei« blamiert Man braucht ja nicht einmal zu lügen, matt tut bloß, als merkte man den Irrtum nicht. Die Geschichte dauert ja nur ein paar Stunden; jetzt ist es elf Uhr und um vier fährt der Zug."
Graf seufzte nur; er seufzte überhaupt sehr viel auf diesem Wege und trabte hinter Mutter und Sohn drein, den flut de» Wittes, den er seiner Größe wegen nicht aufsetzen konnte, immer in der flanb haltend. Endlich näherte man sich dem Hause Kienholz, und all das Schreckliche der vergangenen Stunden lebte wieder in ihm auf; man schritt durch den Vorgarten und näherte sich bet Veranda, Frau Emma ging voran, ihr folgte zögernd der Graf, während Gustav zurückgeblieben war, um die Gartentüre, gegen die sich der Sand geschwemmt hatte, ordentlich zu schließen. Da plötzlich wandte sich Frau Emma zu Tode erschrocken um und auch Gustav eilte herzu.
„Hilfe! Hilfe!" hatte Herr Graf ausgeschrien und nun taumelte er auf dem Rasen umher, sich die Augen mit den Händen bedeckend.
„Was fft denn geschehen?" fragte Gustav, der den Taumelnden in seinen Armen ausfing.
„Sand, Satti) in die Augen!" schrie Graf, „ich werde blind!"
„Hurra!" erscholl es jetzt von der Veranda her, „ich hab' ihn, den Räuber!" Und Fritz stürmte herunter, einen Bogen und Pfeile ht der Hand.
5.
Frau Emma und ihr Sohn waren, als das Gewitter ausstieg, ziemlich weit von einer menschlichen Behausung gewesen; sie waren wohl rasch umgekehrt, aber es fing schon stark zu regnen an, als sie ins Dorf kamen. Dom Dorf aber bis zum Kienholzschen Hause roar's immerfort ‘ noch eine halbe Stunde, so blieben sie denn im Dorswirts hause, um das Gewitter abzumarten. Das Weiter bauert | sehr lang und sie standen schon ungeduldig am gerafta.