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Samstag, 7. Februar 1920.
Fuldaer Zeitung *$+ Druck der Fuldaer Aetieadruckerei in Fulda
feit zur Unterscheidung von großen und kleinen Sorgen, von Notwendigkeit und Luxus.
Dis Minister sagen und wiederholen mit vollem Recht, daß nur Arbeit, fleißige und schaffende Arbeit uns vor dem Uni errang retten farm. Die Spielerei mit lau (treue*1 Rechtschreibung oder ähnlichen Nebendingen ist keine solcke Arbeit, sondern eine Vergeudung an Zeit und Kraft.
Eln Ruhmesblatt aus der Fuldaer
Geschichte des vorigen Jahrhunderts.
Dieser Tage ist der erste Band der „Geschichte der deutschen Katholikentage" von Dr. Kißling erschienen. In den ersten Kapiteln behandelt er die Vorbereitung uni) Entstehung der Organisation der Katholiken Deutschlands im 19. Jahrhundert, das Erwachen des kathol. Bewußtseins in Bayern, Preußen und den Staaten der oberrheinischen Kirchenprovinz, zu der bekanntlich auch das Kurfürstentum Hessen gehörte. Die Diözese Fulda und vor allem auch die Stadt Fulda erhalten darin eine sehr gute Note. Was Kardmal Ferrari einst in Essen auf der Katholikenversammlung den deutschen Katholiken begeistert zurief: „Germania docet", — das kathol. Deutschland ist ein Lehrer und Vorbild für die ganze katholische Welt — konnte :.ian damals von Fulda sagen. Fulda docet. Kißling weist hin auf den mannhaften Widerstand, den Bischof Rieger der „Landesherrlichen Verordnung betreffend die Ausübung des landesherrlichen Schutz- und Äufsichtsrechts über die katholische Kirche in . rr- heffen" gegenübersetzte. Diese Verordnung ..nettem neu, so schrieb er an den Erzbischof Boll-Freiburg, dulde weder,sein Gewissen noch die Pflicht gegen die ko- tholische Kirche, mit der das Bistum nach i Jen Forderungen der Regierung nur noch ganz oje vereinigt feien, „gleichsam wie vom römischen Stuhl abgerissen dastehen solle" ... „Z u s a m m e n st e h e n, Zusammenhalten und in Gemeinst.) ast handeln, wenn etwas erwirkt werden lall, wird wohl unumgänglich notwendig fein". In einem in den entschiedensten Worten gehaltenen Protest an die Regierung verwahrte er sich, wenn auch zunacbst ohne Erfolg, gegen die Verordnuna, die die landesherrliche Aufsicht in eine förmliche Kirchenregierung, das Schutzrecht in eine Unterjochung ver- wandele.
Noch energischer war der Protest gegen die neue Derfaflungsurkunde vom 8. Januar 1831, Lie die drückendsten Behinderungen der bsschöfl. Jurisdiktion enthielt. § 156 verlangte, daß alle Staats- diener geistlichen wie weltlichen "Standes, sowie alle über 18 Jahre alten männlichen Untertanen den Eid auf eine Konstitution schwören sollten, die so wider- kirchliche und unfreiheitliche Bestimmungen enthielt, wie den Rekurs an die Staatsgewalt, das Plazet für alle kirchlichen Erlasse, „welche nicht reine Glaubens- s Und kirchliche Lehrsachen be'refren", Beaufsichtigung der Korrespondenz mit dem Papst u. a. Nicht allein Bischof, Domkapitel und Klerus verweigerten die Ab-
Die Wahl der Betriebsräte.
Das Betriebsrätegesetz erstreckt sich auf alle nicht- lamdlvrrtsckaftlichrn Betriebe, in denen 6 Arbeitnehmer beschäftigt sind, imb auf alle landwirtschaftlichen Betriebe, in denen 10 ständige Arbeitnehmer tätig sind. Es findet, also unter anderem auch Anwendung auf kaufmännische Betriebe, im Handwerk, auf Gastwirt!, schäften und Gasthäuser, und auf DureauS. In Be. trieben, die mindestens 20 Hausgewerbetreibende beschäftigen welche in der Hauptsache in demselben Betrieb arbeiten und selbst keine Arbeitnehmer beschäf. tigen, muß für sie ein besonderer Betriebsrat geschas. fen werden.
Beschäftigt ein Betrieb weniger als 20 Arbeitnehmer, so braucht nur ein Betriebsobmann aß. wählt zu werden, aber wenn in dem Betriebe fiin wahlberechtigte Arbeiter und fünf wahlberechtigte An. gestellte beschäftigt werden, so muß, wenn Arbeiter und Angestellte sich nicht einigen für Arbeiter und Singe. I, stellte je ein besonderer Betriebsobmann gewählt wev- den. Ein B"triebsobmann hat genau dieselben Rechte wie ein Betriebsrat.
, Der Betriebsrat wird gewählt, wenn der Be. trieb in der Rael mindestens 20 Arbeitnehmer be» "chäftigt. Innerhalb der Betriebsräte werden zur Wahrnehmung der besonderen wirtschaftlichen Inter» essen der Arbeiter und der Angestellten Arbeiter, rate und Angestelltenrate errichtet. Der Be>- triebSrat besteht bei 20—19 Arbeitnehmern aus 3 bei 60 bis 99 aus 5, bei 100—199 aus 6 Mitgliedern Bei größeren Betrieben erhöht sich die Mitglieder-ahl um je ein Mitalied bis 999 Arbeitnehmer für je weitere 200, bis 6999 für je weitere 500 und bei mehr als 6000 Arbeitnehmern für je weitere 1000 Arbeitnehmer bis zur Höchstrahl von 30. Die Arbeitermitglieder und die Angestelltenmitglieder des Betriebsrates bilden unter sich den Arbeiterrat und den Angestelltenrat.
Wahlberechtigt sind alle mindestens 18 Hahre alten männlichen und weiblichen Arbeitnehmer, die sich im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte befinden. Es kommt hierfür nicht auf die Reichsangehöriokeit an. Dagegen sind wählbar nur Reichsannehörige, die mindestens 24 Jahre alt nicht mehr in BerufsauSb-l. düng und am Wahltag mindest-ms sechs Monate in dem Betrieb und mindestens drei Jahre in dem Gewerbe- atoeig tätig sind. Kein Arbeitnehmer ist in mehr alS in einem Betriebe wählbar.
Die Amtsdauer der Betriebsräte ist ein Jahr.
Der P f l i ch t k r e is d-s Betriebsrates (BetriebS- obmannS) ist ein sehr großer; zu seinen hauptsächlichsten Ausgaben gehört, daß er bei Festsetzung der Akkord- und Stücklohnsätze bei der Einführung neuer Löbmmosmethoden, bei der Festsetzung der Arbeitszeit, insbesondere bei Verlängerungen und Verkürzungen der regelmäßigen Arbeitszeit bei der Regelung des llr. laubs d'r Arbeitnehmer und bei Erlediming von Be- schwerden über die Ausbildung und Behandlung der Lehrlinge im Betriebe mitzuwirken hat; er hat die Arbeitso.dnung mit dem Arbeitgeber zu vereinbaren, er bat Beschwerden -m untersuchen und ihre Abst'llimg zu veranlassen, er wirkt an d-r Verwaltung von Pen- sionskassen und aller BetriebSwohlsahrtseinrichtungen mit er hat 4- bei gewissen Voraussetzungen — auf Anruf die Berechtigung einer Kündigung zu untersuchen und kann über sie die Entscheidung des Schlichtungsausschusses veranlassen. In Unternehmungen, für die ein Aufsichtsrat b-steht, können ein oder zwei Betriebsmitglieder in den Aussichtsrat entsandt werden, sie haben in allen seinen Sitzungen Sitz und Stimme; in Betrieben, irren Unternehmer zur Führung von Handelsbüchern vervslichtet sind, und die in der Regel mindestens 300 Arbeitnehmer ober 50 Angestellte im Betriebe beschäftigen, können die Betriebsräte verlangen daß ihnen eine Betriebsbilanz und eine Betriebs.Gewinn- und Verlustrechnung alljährlich vorgelegt und erräut'rt wird. Außerdem soll der Betriebsrat in Betrieben mit wirtschaftlichen Zwecken an der Einführung neuer rbeitsmethoden fördernd Mitarbeiten und die Betriebsleitung durch Rat imterstützen, um für möglichste Wirtschaftlichkeit der Betriebsleistungen zu sorgen.
Spätestens s"chs Wochen nach der Verkündung des Gesetzes haben d--r Arbeiter- und Angestellt-nansschuß in gemeinsamer Sitzung einen aus 3 Wahlberechtigten bestehenden Wahlvorstand und einen der Ge. wählten zum Vorsitzenden zu wählen. Sind solche AuS-
legung des Verfassungseides, auch der Magistrat von Fulda und 3 Kammerabgeordnete, der Obergerichtsdirektor v. Warnsdorf, der Regierungsrat Tho- mas und der Finanzrat Keitz verweigerten ihn, — für alle „Aufgeklärten" im Lande ein unerhörtes Ereignis. Magistrat und Bürgerschaft von Fulda protestierten bei der Kammer wider ienes „gehässige Befchränkunosfvstem, zu dem sie in Wider- । fpruch mit der bundesgesetzlich garantierten freien Religionsübung verdammt fein sollten". Sie verlangten Zurücknahme der Bestimmungen oder wenigstens die Versicherung, daß die Beschwerden der Katholiken einer gründlichen Prüfung unterworfen oder nachträglich durch ein besonderes Gesetz befriedigend reguliert werden sollten. Die Regierung zeigte zunächst kein Entgegenkommen, ja die Kammer beantragte selbst mit Zwangsmitteln, die Katholiken zur Ablegung des Berfassungseides zu nötigen. Während daraufhin die drei erwähnten Deputierten den Eid — allerdings mit einem Vorbehalt bezügl. der kirchl. Rechte — leisteten, verharrte der Magistrat von Fulda entschieden bei seiner Weigerung. Schließlich gaben Regierung und Kammer doch nach, es wurde den kathol. Landesbewohnern feierlich erklärt, eine Aenderung der kirchlichen Rechtslage habe durch die Verfassungsurkunde nicht herbeigeführt werden sollen und überhaupt „werde von den Derfassungsbestim- mungen niemals durch die Siaatsregierung ein Gebrauch gemacht oder zugelassen werden, welcher Anlaß zu begründeter Beschwerde über Beeinträchtigung der Rechte der kathol. Kirche geben könnte." Damit war der Streit beioelegt und es herrschte in Kurhessen seitdem ein erträglicher modus vivendi zwischen Staat und Kirche, zumal auch in der Marburger Universitätsfrage die Reoieruna einen rollen Rück'ug antrat. Ohne die geringste Rücksprache mit dem Bischof, hatte nämlich die Regierung, die den theo- log. Unterricht als reine Staatsangelegenheit betrachtete, zusammen mit Nassau in dem protestantischen Marburg eine kathol. theolog. Fakultät errichtet und den fuldaischen Priesteramtskandidaten ihren Besuch vorgeschrieben. Angeblich sollte das im Interesse der „Duldsamkeit" geschehen; die Gründung dieser neuen Fakultät sollte „ein neuer Schritt sein zur Be'e'tigung der Duldsamkeit, für welche die Religion weniger in Meinungen als in Gesinnungen besteht und för die cs nur ein Christentum gibt, wenngleich die Kirchen cs in Derf*ie6enen Formen darstellen und ihm durch mehr oder minder zahlreiche, ehrwürdige Gebräuche die Herzen zu gewinnen trachten". Mit diesen vielsagenden, die damaligen Zustände charakterisierenden
Revolution der Rechtschreibung.
Zu den Zeichen dieser absonderlichen Zeit gehört es auch, daß jetzt ein fachmännischer Ausschuß im Reichsministerium de- Innern beraten und beschlossen hat über eine „durchgreifende Neuordnung der deutschen Rechtschreibung".
Haben wir denn noch nicht genug Neuerungen und verwirrende Umwälzungen?
Haben wir noch nicht genug Nöte an allen Ecken und Enden? Sehen wir nicht alle Tage mit steigendem Schrecken, daß die Dolkskraft nicht ausreicht, um die Unmasse von politischen und wirtschaftlichen Aufgaben zu bewältigen und die schweren Gefahren für Leib und Seele zu beschwören?
Wenn das Hochwasser im Erdgeschoß steht und der rote Hahn auf dem Dache kräht, so laden uns diese Fachmänner mit feierlichem Ernst ein, gefälligst einen Familienrat abzuhalten über die wichtige Frage, ob nicht die dunkelblauen Tapeten durch eine hellblaue ersetzt werden müssen!
Du lieber Himmel, was macht das denn aus, ob unsere Klagelieder und Verzweiflungsausbrüche in alter oder neuer Orthographie geschrieben und gedruckt werden?
Das neue Jahrhundert hatte uns ja noch eine neue Rechtschreibung nach den Vorschriften Dudens gebracht. In diese Jacke sind wir eben erst hineingewachsen. Sie reicht noch ganz leidlich aus für den Hausbedarf der deittschen Sprache. Schönheitsfehler hat sie natürlich, wie alles irdische. Aber Lehrer und Schüler, Schreiber und Leser. Drucker und ihre Kunden finden sich dabei zurecht. Wer daran immer wieder heruin- nörgelt, ist mehr der Rechthaberei, als der vernünftigen Liebe zur Rechtschreibung verdächtig.
Zum mindesten muß man von jedem Reformer verlangen, daß er etwas wirklich Desseres vorschlägt, was die Arbeit und die Umwälzung lohnen würde. Was bisher über die Pläne der „durchgreifenden" Mehrheit des fraglichen Ausschusses verlautet, ist aber wahrlich nicht verlockend. Es heißt, sie wolle den Grundsatz durchführen: Schreib, wie man spricht! Also die lauttreue Schreibweise. Einige Buchstaben in den Wörtern würden dabei entbehrlich werden, und vor den Hauptwörtern könnten wir statt des großen Anfangsbuchstaben einen kleinen fetzen. Wenn das durchginge, so wäre damit verzweifelt wenig gewonnen; aber es ginge viel verloren bei dieser Umwälzung, mchst bloß an Arbeit, sondern auch an Geld, was wir beides jetzt zu höheren Zwecken notwendig gebrauchen, und obendrein an Kulturwerten, denn die gegenwärtige Generation würde weniger Bücher und Zeitungen lesen und kaufen, weil ihr die ungewohnte Schreibweise die Freude am Lesen vergällen müßte.
Uebrigens: lauttreu sollen wir schreiben. Wie macht man denn das? Der Hannoveraner, der nach Fulda kommt, „ßwört" „Sstein" und Bein, wir sagten „bereiten" statt begleiten und klagten über „Schienen" statt über „Steuern", während der „Siddaitsche" sich über den Mann aus „Königsbarg" wundert, der im Wirtshaus eine „SButerbamme" verlangt, während dort der Sachse seinen „Gaffee" trinkt und der Sauerländer ein „Schchinkenbrot" verzehrt.
Nein, der Grundsatz der Uebereinst'mnnung von Schrift u. Aussprache kann uns nicht zu einer befriedigenden und haltbaren Rechtschreibung verhelfen. Das Deutsche wird nicht überall gleich ausgesprochen, und wie es wirklich gesprochen wird, das läßt sich mit 25 Buchstaben keineswegs genau wiedergeben. Die Sprache entwickelt sich fortwährend wie eine wachsende Pflanze: mit ihr bleibt die Aussprache im Fluß. Die Rechtschreibung müßte also in einemfort geändert wre- den, wenn sie nach dem erwähnten Grundsätze stets „auf dem Lausenden bleiben" soll.
Die wunderliche Suppe, die in Berlin gekocht wird, wird wohl vorläusig nicht gegessen werden. Aber bezeichnend ist es doch für die gegenwärtige Geistesverfassung in Deutschland, daß Fachmänner in dieser kritischen Zeit zur Rettung des armen Vaterlandes nichts besseres zu tun wissen, als an der „Rechtschreibung" hermnzudocktern, und daß im Reichsministerium des Innern für solche Mückenseiher« Raum geboten werde, während doch alle Reichsminister nicht fähig sind, uns die nötigen Kohlen, Rartoffeln und die sonstigen Unent- Srlichketten zu verschaffen. Das ist ein Mangel an arischem Sinn und zugleich eine schreiende Unfähig-
schaffe nicht vorhanden ober kommen sie ihrer Verpflich- tung nicht nach, so hat der Arbeitgeber einen aus den drei ältesten wahlberechtigten Arbeitnehmern bestehen, den Wahlvorstand zu bestellen der selbst seinen Vor. sitzenden bestimmt. Bei den Kleinbetrieben bis zu 20 Arbeitnehmern hat der Arbeitgeber den ältesten wähl, berechtigten Arbeitnehmer zmn Wahlleiter für die erste Wahl des DetriebsebmanneS zu bestellen In den sväteren Fällen wird der Wahlvorstand spätestes 4 Wochen vor Ablauf der Wahlzeit des alten Betriebsrates durch diesen selbst gewählt, und der Drbeitneh. mer tritt nur ein, sobald der Betriebsrat seiner Ver- Pflichtung nicht nachkommt.
Tie Arbeitermitglieder des Betriebsrates werde" von den Arbeitern die Angestelltenmitgliedcr von den Angestellten des Betriebs, sämtlich in einer Wahl ans ihrer Mitte mit unmittelbarer und geheimer Wahl nach den Grundsätzen der Verhältniswahl gewählt. Die Versäumnis von Arbeitszeit infolge Ausübung des Wahlrechts oder Betätigung im Wahlvorstand darf keine Lobnverkürzrmg nach sich ziehen.
Im Verlaufe des Wahljahres erlischt die Mit. gliedschast eines Vertreter? im Betriebsrat durch Nie- berlegitngv durch Beendigung des Arbeitsvertrages, durch Verlust der Wählbarkeit und auf Antrag des Arbeitgebers oder von mind stenS V* der wahlberechtigten Arbeitnehmer durch Beschluß des Dezirkswirtschasts- rateS wegen gröblicher Verletzung der gesetzlichen Pflichten. Für ein ausscheidendes Mitglied tritt ein Ersatz- Mitglied ein. Es kann mich der ganze Betriebsrat durch einen solchen Beschluß wegen gröblicher Pflichtverletzung aufgelöst werden. Solange ein Betriebs- Wirtschaftsrat noch nicht vorhanden ist, tritt an seine Stelle der Schlichtungsausschuß.
Was geht im Osten vor?
Dieser Tage kam die Nachricht aus dem Osten, daß zwischen E st h l a n d und dem bolschewistischen Rußland Frieden geschlossen wurde. Hott man hierzu noch die weitere Meldung, daß durch Rußland an Polen ein Friedensangebot erfolgt ist, so erkennt man, daß im Osten Europas Dinge in der Entwicklung begriffen sind, auf die zu achten unsere politische Führung größtes Interesse hat. Diese Entwicklung im bolschewistischen Rußland geht dahin, daß das militärisch vorzüglich dastehende Rußland sich auch wirtschaftlich und politisch zu befestigen sucht, um feine imperialistisch bolschewistischen Pläne an seiner Westgrenze und damit an Deutschlands Ostgrenze zu tragen. Mehr beim je herrscht heute in Rußland die Hoffnung, daß es gelingen werde, über Deutschland den Bol- schewisrnws in der Welt zu verbreiten.
Militärisch fühlt sich Sowjet-Rußland heute stärker als je. Die drei großen militärischen Stoßgrup- pen, die den Bolschewismus niederwerfen sollten, sind eine nach der anderen von den Bolschewisten jammer- lich zu Boden geschlagen. K o l t s ch a k ist erledigt, Denikin restlos besiegt, Judenitsch festgenommen. Die gegen die Trotzkischen Armeen eingesetzten russischen Kräfte sind also schachmatt gesetzt: was noch gegen die Roten marschiert, geht auf den Krücken des Verbandes. Unermeßliches, von der Entente geliefertes Kriegsmaterial und vor allem enormes rollendes Material, Lokomotiven, Waggons, dazu noch Riesen- lager von sonstigem Eisenbahnmaterial aus den Werkstätten der Entente sind nun im Besitz der russischen roten Armee. Der hauptsächliche Mangel, an dem diese seither sitt, die Verkehrsmittelnot, ist beseitigt.
Dor allem aber ist der Bolschewismus innerlich erstarkt und hat die wirtschaftlichen Verhältnisse Rußlands in einer Weife zu befestigen gewußt, die vor kurzem noch fein Mensch in Westeuropa für möglich gehalten hätte. Im heutigen bolschewistischen Rußland wird mehr und intensiver gearbeitet als jein ein em Lande mit einer noch so ausgesprochenen kapitalistischen Wirtschaftsform. Der Achtstundentag gehört der Vergangenheit an und ist durch den Zwölfstundentag erschöpft. Arbeitsverwei- gerung, Streiks, passive Resistenz ober Sabotage gibt es nicht mehr. Mit drakonischen Strafen, ja selbst mit der Reitpeitsche, werden unlustige Arbeiter zur Produktion getrieben. Die ehemaligen Verheißungen bolschewistischer Revolutionäre sind zerfallen und das Merkwürdigste an dieser Entwickelung ist, daß die russischen bolschewistischen Massen sich auch diesem Gewaltregiment völlig gefügt haben. Sie taten es und
Worten erläuterte die kurhessische Regierung den Be- ruf dieser neuen Fakultät. In Fulda kümmerte man sich aber nicht um den Ukas der Regierung, ließ die Fakultät Fakultät sein und schickte die Priesteramtskandidaten nach wie vor in das bewährte Fuldaer Priesterseminar. In diesem Kampf gegen die Marburger kathol. theolog. Fakultät urb um die Erhaltung des Priesterseminars zu fftilda fand die Kirchenbehörde wiederum die nachhaltigste Unterstützung durch den Magistrat der Stadt Fulda, der diese Maßnahme mit der Freiheit und den Grundsätzen der kathol. Kirche für nicht vereinbar erklärte. Infolgedessen beschloß die Regierung den beabsichtigten Zwang hinsichtlich des Studiums der kathol. Theologie nicht durchzuführen und es blieb alles beim Alten.
Diese durch einmütiges Zusammenwirken von Geistlichkeit und Laientum erziäter Erfolge fanden überall die gebührende Beachtung und erregten im ganzen katholischen Deutschland die größte Bewunderung. Es hat sich damals schon bewahrheitet, was der selige Kol- ping später einmal auf einer Katholikenversammlung (Würzburg) sagte: „Wenn Klerus und Volk Hand in Hand gehen, können der Teufel und die Welt uns nichts anbaben". Der 1821 gegründete (heute noch bestehende) Mainzer „Katholik", damals die einzige kathol. Monatsschrift, säumte nicht, „dem Klerus und den Laien von Fulda seine tiefe Verehrung zu zollen, die sie durch ihre mutigen Kämpfe für bie wahre Freiheit des Glaubens und Gewissens in o hohem Grade verdienen". Das Auftreten der Fuldaer wurde als vorbildlichgefeiert: „Möchten doch auch in den andern Ländern, wo ähnliche Bedrückungen stattfinden, die Katholiken einmal laut und mutoo11 ihre Stimmen erheben." Von der Nachahmung des Fuldaer Vorbildes versprach man sich bie größten Wirkungen und sagte geradezu: „Würden in unserer Zeit, wo die Verteidigung der wahren Freiheit endlich iioch Anerkennung finden muß, die Reckte der Katholiken an allen Orten nach Gewissen und Pflicht behauptet werden, so müßte die systematisch organisierte Unterdrückung, die in so manchen Ländern unverkennbar gegen die kathol. Kirche hervortritt, sicherlich in ihr Nichts zerfallen."
Diese glorreiche Episode aus der Geschichte des katholischen Fulda hat gewiß auch für unsere Zeit großes Interesse. An Kämpfen hat es der katholischen Kirche nie,gefehlt, — aber diese Zeiten waren mit bie glorreichsten ihrer Geschichte und immer bat es sich
und tun es weiter, weil man es verstanden hat, durch das scheinbare Verschenken aller möglichen politischen Freiheiten die Massen am Staatsleben zu interessieren, weil man den Massen gesagt hat, daß das Ausharren auf ihrem Posten die Vorbedingung sei, um dem Bol- schewismus die Bahn zu bereiten, zu dem verheißene» großen Umsturz der Welt.
Die unzweifelhaften Erfolge, welche die bossche» .wistischen Truppen den verschiedenen Gegnern gegenüber errungen haben, festigen zweifellos auch die p o- l i t i s ch e Stellung Sowjet-Rußlands. Die Engländer haben ernsthaft mit bolschewistischer Bedrohung in ihren wichtigsten Industriegebieten dr Asien und selbst bis Indien hinein zu rechnen. Ande- rersefts beobachten wir gerade seitens Englands Rußlands gegenüber eine Politik, die darauf ausgeht, auf geschäftlichem Wege in bas politische Herz Rußlands Eingang zu sinden. An der inneren Verfassung Ruß. laubs will man in England keinen weiteren Anstoß mehr nehmen. Das bezweifelt man, denn England hat noch zu jedem Zeitpunkte feiner Geschichte Weltpolitik getrieben. Seit dem Zusammenbruch der Kolt- schakheere fühlt sich England durch den Bolschewismus in seiner Interessensphäre bedroht. Es ist daher durchaus verständlich, wenn England eine Ablenkung sucht, die Entwicklung im Norden Rußlands begünstigt, um jene im Süden aufzuhalten. In diesem Zusammenhang kann man auch den Beschluß Englands verstehen, Lebensrnittel nach Rußland zu verschiffen, die zuletzt doch der bolschewistischen Regierung zu Gute kommen. Auch die Aufhebung der Blockade gegen Rußland gewinnt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung.
Ueberaus bezeichnend für die Sage ist das Friedensangebot Rußlands an Polen. Die Bedingungen, unter denen sich Sowjetrußland zum Friedens» schloß mit Polen bereit erklärt hat, sind so weitgehender Natur, daß man sich nicht der Auffassung zu entziehen vermag, der Friede mit Polen sollte dazu dienen, auf dem Marsche gegen Deutschland eine neue Etappe zu gewinnen. Nicht ohne schreckhaftes Entsetzen muß man die Gefahr erkennen, die sich mit täglich wachsender Größe und Schnelligkeit an unserer Ostgrenze auf- türmt. Der Boden für die abenteuerlichsten Vermutungen ist bereitet. Es heißt, daß eine gewaltige b ols ch ew i st i sche Offensive bevorstehe. Was soll dann werden, wenn Me bolfchew. Heere wie Meeres» wogen über das wehrlose Deutschland sich ergießen, wenn die lächerlich geringe deutsche „Militärmacht" hinweggefegt ist, wenn Deutschland zmn Kriegsschau« platz und dann zur bolschewistischen Etappe für den weiteren Vormarsch über den Rhein nach Westen gemacht werden wird?
Hier sind die Entwicklungen gekennzeichnet, die nichts weniger als in den Bereich der Phantasie gehören, sondern die greifbar im augenblicklichen Rußland geformt und vorbereitet werden. Man braucht diese Entwicklung nur anzudeuten, um zu erkennen,. vor welch furchtbaren Gefahren das Deutsche Reich und das deutsche Volk stehen.
Der Verrat der 14 Punkte.
Professor George D. H e r r o n war während der Krieges das unoffizielle Sprachrohr des Präsidenten Wilson. Es ist von ihm eine maßlose deutschfeindliche Propaganda betrieben worden. Während der Friedenskonferenz wandte er sich immer schroffer von Wilson ab. In einer Schrift: „Der Pariser Friede und die Jugend Europas" erhebt er eine feurige Anklage gegen die Papiere von Versailles und St. Germain. Die persönliche Stellung Herrons gibt seiner Herzentladung ganz besondere Bedeutung. Wir geben aus der Schrift folgenden Absatz wieder: ;
Die Sricgcnot mar noch nicht die größte aller Pla- gen. Der Frieden von Versailles — falls er nicht revidiert wird — bedeutet eine weit schlimmere Hölle, ein wett hoffnungsloseres Irrenhaus, als selbst der Krieg geschaffen hatte. Seine Paragraphen strotzen von Wildheit, Eroberungslust, Gesetzesverachtung und Ehrlosigkeiten, die ebenso grausam wie schamlos, ebenso sinnlos wie gemein sind. Das ist kein Friedensvertrag, dieser Vertrag von Versailles: er ist wetter nichts als ein mitleidloser Gcsetzesknäuel, der eine weitere miß« tärifche Verwicklung und ausbeuterische Verwaltung unserer Erde nach sich ziehen wird. Der allgemeine Schrek-
gezeigt, daß energischer und zielbewußter Widerstand gegen Willkür und Gewalt von oben oder unten schließ- lich doch nicht vergeblich war. Deshalb braucht der Katholik nicht kleinmütig zu werden, wenn die Pforten der Hölle sich in irgend einer Weise gegen die Kirche erheben, — non praevalebunt — sie werden sie nicht überwältigen. Diese göttliche Verheißung bestätigt die Gesckichte.
Von ganz besonderem Interesse ist das R u h m e s- blatt aus der Fuldaer Geschichte für die Katholiken der Sjadt und Diözese Fulda. Es möge ihnen ein Ansporn fein gerade in unfern Tagen, wo es Kämpfe ähnlicher Art auszufechten gilt, sich der Ahnen wert zu zeigen. Das Herz des kathol. Deutschland muß von warmem Herzblut katholischer Ueberzeugung durchströmt fein, das katholische Fulda sollte es als eine Ehrenpflicht betrachten, wie damals auch heute ein Bannerträger des Glaubens und des Rechtes zu fein. Was aber vorbildlich wirken soll, muß Idealem nachstreben, darf sich nicht vergraben im Mammonismus, nicht nur einzig und allein auf- gehen im Geschäft, nicht nur denken an Genuß und Vergnügen. Das gilt vor allem von der Jugend, der arbeitenden sowohl wie von der der sogen, beste- ren Stände, dieser vielleicht am meisten. Wie wollen wir die schweren Kämpfe der nächsten Zukunft bestehen, wenn es an Männern fehtt, die sich im öffentlichen Leben betätigen, wenn vor allem der Nachwuchs versagt, weil er keine höheren Ideale kennt als Sport und Spiel!
Gerade die Jugend sollte mit der Kraft, wie sie dem Mann gebührt, mtt dem Mut, wie er die Jugend auszeichnet, durch die Macht des Beispiels und durch ein offenes Glaubensbekenntnis durch furchtlose Betätigung nn öffentlichen Leben alle übrigen Schickten der Bevölkerung mit sich reißen.
Möge bei Rückblick auf eines bet vielen ehrenvollen Blätter der katholischen Vergangenheit der Bonifatius- stabt uns nicht nur mtt Stolz erfüllen auf das, was unsere Vorfahren waren ober taten, sondern auch uns zu heiligen Vorsätzen begeistern, ihnen nachzustreben. Was du ererbt hast von den Vätern — ohne dein Verdienst, — das pflege zart, das übe treu, das baue aus, das mache dir zu eigen. Beherzigen wir bas Wort des Dichterfürsten Göthe (Iphigenie):
„Wohl dem, der feiner Väter gern gedenkt. Der sroh von ihren Taten ihrer Größe Den Hörer unterhält und still sich freuend, Am Ende dieser schönen Reise sich
Geschlossen sieht . . . ." Psr. 2L