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Januar 1920*

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47. Zahrg.

Nr. 22.

Die richtige Zerrtrurnspolitik.

Der Verlauf des PorteUages der deutschen Zen- truinspartci berechtigt zu der Hoffnung, daß er der Ausgangspunkt einer neuen und schönen Blüte der Zen­trumspartei n)irb: die Grundlage einer Entwicklung, die allen Stürmen der konlmenden Kämpfe siegreich die Stirne bieten kann.

Es ist ja nur selbstverständlich, daß die grund- stürzsnde Wandlung der Dinge, die die Revolution ge­bracht hat, und die Stellungnahme des Zentrums zu ihnen, die Geister stark aufgewühlt hat. Es wäre merk­würdig gewesen, wenn noch der riesigen politischen Um­wälzung, wie man sie vordem für unmöglich gehalten hätte, sich sofort von selbst eine einheitliche Meinung herausgebiidek hätte.

Ueber die Frage der Republik, über das Zusammen- gehen mit der Sozialdemokratie, über die Politik der Zentrumsfraktion in der Nationalversammlung, die vor ganz neue Tatsachen gestellt war, hat es durchaus be­greifliche Gegensätze gegeben. Man hätte da auf dem Parteitage scharfe Auseinandersetzungen erwarten dür­fen. Um so erfreulicher ist es, daß, wie sich heraus- stelltc, die .Meinungsverschiedenheiten^ in Wirklichkeit gar nicht so groß waren und durchaus nicht von der Tragweite waren, wie die Gegner es vermutet hatten und wie man bei uns hier und da befürchtet hatte. Man bet:: sich durch die Reden, vor allem des Abg. Trim- born, des Abg. Siegerwald, des Abg. Ehrhardt, des Abg. Herold und des Abg. Dr. Brauns, sowie der ver­schiedenen anderen Referenten überzeugen lassen müs­sen, daß die Partei bei der geschaffenen Lage nur s o handeln konnte, wie sie gehandelt hat. Man not sich auch weiter überzeugen müssen, daß die Zsn- uumssraktion alles, was in ihren Kräften stand, daran gesetzt hat, um die berechtigten Interessen der Partei, 'ei es in politischen, in sozialen, in wirtschaftlichen oder in kulturellen Fragen zu wahren. Eine ganze Reihe von Sprechern, welche aus ihren Bedenken zu der einen oder anderen Angelegenheit keinen Hehl mach­ten, haben schließlich biefe Anerkennung der Zentrums­partei und den Abgeordneten nicht vorzuenthalten ver­mocht. Die Anpassung an die freilich ungewöhnliche Lage mußte vollzogen werden, wenn nicht alles in Trümmer gehen sollte. Klar und unzweideritig wurde wiederholt und namentlich auch durch den Mund des Abg. Trimborn zum Ausdruck gebracht, daß das Zen­trum sich volle Bewegungs- und Handlungs­freiheit gewahrt und auch für ote Zukunft vor­behalten hat. Wir sind nicht ein- für allemal mit einer demokratisch-sozialdemokratischen Koalition ver­bunden, wie wir künftig handeln und arbeiten werden, wenn die Lage vielleicht eine andere ist, das werden wir pflichtgemäß ermessen und uns danach einrichten.

Der Parteitag hat das feinige getan. Jetzt kommt es darauf an, daß das Gold des Parteitages in volks­tümliche Münze ausgeprägt und alsbald in Umlauf ge­setzt wird. Die Fülle von politischer Erbweisheit und von idealer Begeisterung, die auf dem Parteitag sich so schön bekundet hat, muß in das ganze Volk' aus­strahlen. Wo im Drang der Zeit und unter feindlicher Agitation sich die Ansichten verwirrt haben, da muß die Wahrheit über die richtige Zen­trumspolitik roiebet zum Durchbruch gebracht werden, wo die Herzen erschlaffen wollten, da muß der alte Zentrumsgeist aus den glorreichen Jahren von Mallinckrodt, Windthorst usw. wieder geweckt werden.

Dazu kann jeder wackere Zentrumsmann beitra­gen, indem er in seinen Kreisen nach seinen Kräften das vertritt und verficht, was der Parteitag gelehrt und angeregt hat. Alle muffen ihre Schuldigkeit tun; bann wird der Parteitag von 1920 das Zentrum zu neuem Ruhm, zu neuen Erfolgen führen und zur Ret­tung des Vaterlandes wesentlich beitragen .

Verschlimmerung im Befinden Erzbergers.

Im Befinden Erbergers ist gestern eine wesent­liche Verschlimmerung eingetreten. Er wurde

Der Sänsedoktsr.

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„Der ist nicht häßlich genug", pflegte er meist zur Antwort zu bekommen; er nahm diese Antwort stets ernst und ahnte nicht, daß sie auch ein anderer ernst nahm, an den sie gar nicht gerichtet war.

„Du, Tante", sagt« eines Tages Fritzchen zu Frau Amalie: „baff Du wirklich so gern häßliche Leute zum -Kartenspielen?"

.Warum?" fragte ste erstaunt.

„Nun, weil Papa immer, wenn er von einem Herrn spricht, der einen kahlen Kopf oder eine blaue Nase oder krumme Beine hat, dann sagt, der wäre was für Deine Kartenpartie."

Frau Amalie hatte aufmerksam zuAehört, dabei die Augenbrauen hochgezogen und sagte nun mit pfiffigem Lächeln: „Ja mm freilich, Fritzchen, hab' ich die gerne; »eißt Du, die Herren, die nicht viel in den Spiegel 'chauen, die spielen gut Karten."

„Ach so", meinte Fritz verständnisvoll, „na ja bann!"

Als Fritz das Zimmer verlassen hatte, trat sie vor den Spiegel und nickte sich selber vergnüglich zu: „Na, Mol­chen, dem guten Detter Ferdinand bist Du doch über, wenn er auch ein schlaues Männchen ist! Also verekeln will mir das Betterchen die Kartenpartie? Na warte nur! Du sollst Blut schwitzen bei der ersten Partie! Schöne Augen will ich den Herren machen und wenn sie Beine hätten so krumm wie Radreifen, Nasen, so dunkel wie Stie­felwichse, und Köpfe so kahl wie Billardkugeln." — Sie rieb sich die Hände vor Vergnügen. „Das Leben ist doch schön", zitierte sie spottend, „wenn man einen Menschen ärgern kann, der uns schaden will."

Sie zog nun Fritzchen an sich und brachte durch ge­schickt« Fragen aus fernem kindlichen Geplauder manches heraus, was sie über die Verhältnisse und Eigenschaften ber zu erwartenden Kartenherren wissen wollte. Sehr verlockend war das alles gerade nicht, aber es war immer­hin lohnend, die Herren zu gewinnen, weil man durch ffe wieder zu andern Bekanntschaften gelangen konnte. Sie "rußte hier Anker werfen, dos stand nun einmal für sie fest und daran sollte ste das Kienhölzchen nicht hindern. ,

So machten sie chre Pläne, Frau Amalie und Herr und eins dachte das andere schlau herumzukije- i

Mittwoch, 28.

am Vormittag von einer Herzschwäche befallen, die zu einem Ohnmachtsanfall führte. Ueber den Zu­stand Erzbergers berichtet der „Abend" noch des näheren: Die Röntgen-Photographie der verletzten rechten Schulter des Ministers ergab, daß die Ku­gel im Schulterblatt steckt und Teile des Schulter­knochens zersplittert hat. Innere Organe sind durch den Schuß nicht verletzt worden, dagegen hat ein er­heblicher innerer Bluterguß stattgefunden, der eine Geschwulst hervorgerufen hat. Eine sofortige (Ent­fernung der Kugel erwies sich als unmöglich; der operative Eingriff muß auf einen späteren Termin verschoben werden, bis das Allgemeinbefinden des Patienten einen solchen Eingriff zuläßt.

Bei der ärztlichen Untersuchung wurden dann auch noch bisher unbekannt gebliebene Einzelheiten über dte beiden Schüsse festgeüellt: Während die erste Kugel des Attentäters bekanntlich an der U h r k e 11 e des Ministers abprallte, die Kleidung durchlöcherte und später im Westenfutter gefunden wurde, trug Erzber­ger durch einen weiteren Schuß eine leichte Verletzung der Kopfhaut davon. Merkwürdigerweise war der Hut des Ministers mehrfach durchlöchert. Die Er­mittlungen haben nun ergeben, daß der zweite Schuß, deraufdenKopf des Ministers gerichtet war, die dicke Fensterscheibe des Autos durchschlagen und den Schädel Erzbergers gestreift hatte; die Glassplitter der Fensterscheibe haben dann den Hut durchlöchert. Hätte der Minister nach dem ersten Schuß sich nicht unwillkürlich nach vorn gebeugt, so hätte die zweite Kugel tödlich sein müssen.

Gestern nachmittag war das Befinden des Verletz­ten unverändert. Es hatte sich leichtes Fieber ein­gestellt; der Puls ist ziemlich hoch, die große Schwäche hält an. Wenn auch unmittelbare Lebensgefahr nicht vorhanden ist, so steht doch zu befürchten, daß durch das Eindringen von Stoffresten in die Wunde eine Infektion erfolgt fein könnte, die die Heilung erschwe­ren würde. Nach dem ärztlichen Befunde ist der Ver­letzte außerordentlich schonungsbedürftig und es dürfte sehr lange Zeit dauern, ehe der Minister wiederher­gestellt sein wird.

Wenn auch hoffentlich der Mordanfall keine lebens» gefährliche Folgen für den Minister haben wird, so verliert doch die Freveltat nichts von ihrer schlimmen Bedeutung für den Tiefstand des moralischen und po­litischen Lebens in Deutschland.

Der Verbrecher gehört gesellschaftlich und politisch zu den konservativen Kreisen, in denen doch so­wohl christliche Gesinnung als auch Ritterlichkeit herrschen sollen. Trotzdem hält er sich für befugt, den Manu zu töten, den man ihm wie er selbst be­kundete, als einen „Reichsschädling" geschildert hat, und er verschmäht nicht den Weg eines heimtücki­schen Meuchelmordes.

Als vor zwei Monaten das Attentat gegen den unabhängigen Abg. Haase verübt wurde, stellte sich sofort heraus, daß es nur dem persönlichen Haß eines Geisteskranken entsprungen sei. Im vor­liegenden Fall ist das Verbrechen nur aus politi­schen Gründen hervorgegangen, und der Verbrecher ist, wenn er auch noch im jugendlichen Alter von 20 Ja ren steht, doch im vollen Besitz seiner Geisteskräfte. Als gewesener Fahnenjunker und jetziger Gymnasiast hat er auch die Reife, die seine moralische Verantwort­lichkeit begründet. Das sofortige offene Geständnis der Mordabsicht zur Beseitigung des „Reichsschäd- lingk" zeigt ganz klar, daß die Freveltal dem Po ti­schen Fanatismus entsprungen ist.

Ter „Berliner Lokalanzeiger", der die Hetze ge­gen Erzberger rücksichtslos betrieben und auch die jüngsten Prozeßberichte stets tendenziös zugestutzt und hämisch glossiert hat, sagt jetzt, die Tat "werde von allen aufs schärfste verurteilt werden, und die Politik der Straße sei immer und überall ein Ver­brechen an der Allgemeinheit. Der „Lokalanzeiger" sollte sich aber auch die Frage vorlegen, wer denn

gen; teins ahnt«, daß da ein Mann war, der alle ihre Pläne über den Haufen werfen sollte, ein Mann, den sie alle kannten und ar. dem niemand dachte.

4.

Edith hatte jetzt ein leichtes und ruhiges Latrn; die Mutter strebte in dem sicheren Bewußtsein, daß das Mäd­chen mit Waldemar so gut wie verlobt sei, ihrem Ser« gnügen oder vielmehr ihrer Versorgung zu; Waldemar war, seit Gustav sich weniger um Edith kümmerte, ruhig, freundschaftlich, denn ihn hatte nur die vermeintliche Ne­benbuhlerschaft des Detters zu lebhafteren Bemühungen angestachelt — und so war Edith von keiner Seite ge­quält oder zu einem Entschluss« getrieben.

Trotz alledem war ihr merkwürdig weh zumute, sie wußte nicht warum; auch die Srunnenpromena&e brachte ihr keinen Trost, im Gegenteil, gerade diese machte ihr viel zu schaffen, den sie war danach nie mit sich zufrieden. Früher roar’s anders gewesen; da hatte sie mit Liebhardt über alles geplaudert,, was ihr am Herzen lag, jetzt konnte sie nicht mehr; sie wußte nicht, woher ihr die Vefangen- hett in feiner Gegenwart kam, sie war immer in jo sonderbarer Erregung.

Wenn sie zum Duell kam und er stand schon dort, schrack sie zusammen; war er nicht dort, so befiel sie eine merkwürdige Unruhe und sie fragte sich hundertmal, ob sie ihn denn nicht etwa tags vorher beleidigt oder gekränkt habe. Sie quält sich überhaupt den ganzen Tag mit der Erinnerung an die Morgenstunde. Hatte er zu dem, was ste gesprochen, ein ernstes Gesicht gemacht, so fragte sie sich, ob ihm das nicht etwa mißfallen habe; hatte er gelächelt, so fürchtete sie, eine Dummheit gesagt zu haben.

Immer und immer flatterten ihre Gedanken um ihn, und bei allem, was sie tat oder sagte, dachte sie daran, was er wohl dazu meinen würde; wenn sie mit ihm sprach, dann sah ste nicht das dicke, rosige Gesicht, sah die bequem« Kleidung nicht, sah all das nicht, was ste einff lächeln ließ, als er sie gefragt hatte, ob er denn so gar nicht gefährlich sei. Sie sah nur das eine, was sie schon damals gesehen hatte: daß er gut sei. Und sie sah so gerne in seine guten, hellgrauen Augen, die keine Funken sprühten, in denen aber «in stilles, gleichbleibendes Licht brannte

diese „Politik der Straße" oder die Verirrung eines Brausekopfes in Gang gebracht hat.

In dreser Hinsicht ist es bezeichnend, daß der „Lolalanzeiger" seinen Artikel einleitet mit den Wor­ten: „Schüsse, die nichts beweisen. Weder für noch gegen Erzberger." In den Schüßen liegt doch eine Beweiskraft, "und zwar gegen die Hetzer. Es hat sich gezeigt, daß das Kesseltreiben auf diese ein­zelne Persönlichkeit in seiner maßlosen Heftigkeit und Zähigteit schließlich in dem einen oder anderen Kopse einen Gewaliplan auslö en mußte. Wenn man Tag für Tag auf den „Reichsschädling", den „Reichsverrmer', den „Reichsverderbe>" herumhackt, den Glauben erweckt, daß alles Unglück, das uns betrifft, von der gehaßten Per önlichkeit her-sichre, dann entwickelt sich von selbst der Irrwahn, daß durch die Beseitigung dieser Per on ein großes Heil zu erwarten lei.

Die moralische Verantwortlichkeit der leidenschaft­lichen Hetzer läßt sich nicht bestreiten. Möchte nur die traurige Wirkung dieses Treibens zur Besinnung führen und dazu Mitwirken, daß in den politischen Auseinandersetzungen wieder den sachlichen Ge­sichtspunkt und dte anständige Tonart in ihr Recht treten,

Im Erzberger Prozeß

beschloß in der gestrigen Sitzung das Gericht nach lüL^rcr Beratung über die weitere Verhandlungsmöglichkeit, zu­nächst die Verhandlungen auf Freitag vormittag zu ver­tagen. Voraussichtlich wird der Vertagung der Ab­bruch des Prozesses folgen, da tieWiederaufnahme der Verhandlungen in der gesetzlich oorgeschriebenen Frist nicht möglich sein wird. In den beiden letzten Verhandlungs­tagen war es Helsferich ebensowenig wie in den vorher­gehenden gelungen, für die Behauptungen, die er in seiner großen Anklagerede ausgestellt hatte, wonach Erzberger seine politische" Stellung zu privaten Zwecken ausgenutzt haben soll, einen Beweis zu erbringen. Bei der Zeugen­vernehmung haben der junge Thyssen, ebenso wie der Generaldirektor der Thyssenworke Aussagen gemacht, die Helfferichs Behauptungen völlig in sich zusammen fallen lassen. Auch in der Frage der Einsich: zolle ist festgestellt, baß Erzberger durchaus nicht die Motive hatte, welche ihm von Helsferich unterstellt wurden. Selbst der Unter* ffaatsfefretär Müller mußte zugeben, daß er keinen Grund hatte, irgendwie an Erzbergers guten Motiven für seine Stellungnahme zu zweifeln, wenngleich er diese Stel­lungnahme nicht für gerechtfertigt fand. FeffgeffM ist worden, daß in keinem der bisher besprochenen Fäll- Erz­berger einen persönlichen Vorteil hatte.

Sieg der Vernunft bei der Entente?

Der „Westminister Gazette" erklärt, Lloyd George sei ans Paris zurückgekommen mit neuen Auffassungen. Er fei sich darüber tm Klaren, daß die Srrafbestkmmttngen des Friedensvertrages unbeachtet bleiben müßten, und sei überzeugt, daß Mitteleuropa dem freien Handel wieder geöffnet werd-n muffe. Er sehe ein, kwß dies nur möglich fei, wenn der Kredit Deutschlands w ied er­st e r g e st e l l t werde Der erste Schritt werde viel­leicht eine große Anleihe an Deutschland sein. Die „Westminster Gazette" meint, daß diese Neu­orientierung auch Aenderungen an den Bestimmungen über die Wiedergutmachung nach sich ziehen könne.

Die Scchsstundenschicht.

Wie am Samstag der alte < sozialdemokratische) Verg- arbeiterverband hat am Montag auch die von 700 Ver­trauensleuten besuchte Konferenz des Gewerkvereins christlicher Bergarbeiter sich mit der Sechsstun­denschicht beschäftigt. Der Vertreter des preußischen Handelsministeriums Vogelsang, früher erster Vorsitzen­der des Gewerlvereins, war ei schienen. Das Reichsar­beitsministenum hatte den Re ierun srat Dr. Boden­stein als Vertreter entsandt. Dr. Bodenstein schilderte die wirtschaftliche Lage Deutschlands und erklärte na- mens der Retchsregiemng, eine weite, e Abkürzung der Schichtzeit sei zur Zeit unmöglich. Nach längerer Dis­kussion nahm die Versammlung eine Resolution an, daß

Und manchmal war es eben dies stille, gleichbleibende Licht, das sie beunruhigte, ja, das ihr weh tat; sie selbst fühlte, daß sie ungleichmäßig in ihrem Benehmen war, ost weicher, oft schroffer als sie eigentlich wollte; sie tonnte sich diese Unsicherheit ihm gegenüber nicht erklären und sie wußte faiun, war es Freude oder Sorge, womit sie jeden Tag der nächsten Morgenpromenade entgegen- sah; misten aber mochte sie dieselbe nie.

Cs war merkwürdig schön heute; so kristallklar war Me Luft sonst nicht in dieser frühen Morgenstunde und es mochte das wohl für den Tag nichts.befonders Gittes bedeuten, aber für den Augenblick war es schön und so still war es und warm. Edith war fast erschöpft, als sie bei der Wald quelle ankam; sie fetzte sich auf die Bank und überließ sich einem müden Träumen. Plötzlich schreckte ffe daraus empor, es war ihr, als hätte sie stundenlang geträumt. Liebhardt war noch immer nicht da — was war denn das? Sollte er krank oder sonst verhindert sein?

Es war ihr namenlos bang zumute, die stille, warme Luft bedrückte sie und das liebliche, lauschige Plätzchen an der Quelle erschien ihr wie eine Wildnis, in der tausend Gefahren lauerten. Sie fühlte sich schutzlos, so allein, sie wünschte sich weit, weit weg von hier; aber wohin?

Und da ward ihr mit einem Male klar, daß sie sich überall einsam und schutzlos fühlen würde, wo er nicht war; sie erschrack über diese Entdeckung. Großer Gott, was sollte denn das werden? Er fühlte nur Freundschaft für sie, denn er blieb sich immer gleich, er war immer gleichmäßig Heb und freundlich mit ihr, er wollte nichts als der Seelenarzt fein, der ihre Melancholie heilte. Und nun war die Arznei zum Gift geworden; die Melancho­lie, die sie jetzt befiel, war unheilbar.

Was waren die Heiratspläne der Mutter, was waren alle die kleinlichen Unannehmlichkeiten ihres Daseins gegen das eine trostlose, demütigende Gefühl: zu lieben, offne wieder geliebt zu werden! Ein grenzenloses Mitleid mit sich selber überkam sie; die Tränen fliegen ihr in die Augen und rafften ihr über die Wangen, immer rascher folgte eine der andern und schließlich schlug sie die Hände vars Gesicht und weinte so recht aus vollem Herzen.

„Aber um Himmels willen, was ist Ihnen denn?" fragte eine tiefe, weiche Stimme neben ihr. Sie sprang auf und schaute erschrocken in Liebhardts Gesicht, das in , diesem Augenblicke tief betrübt aussah.

(Fortseüuno folat 1 *

bis zu einer internationalen Regelung sie grundsätzlich an der Forderung der Sechssinndensaffcht festhalte, daß jedoch der Gewerkverein christlicher Bergarbeiter in fei. ner Gesamtheit die Siebenstundenschich t weiter verfahren werde, damit die unser Volk und unser Wirtschaftsleben schwer gefährdende Kohlennot baldigst beseitigt wird.

Dre Einführung der Sechsstundenschicht im Bergbau ist durch die Beschlußfassung der Bergarbeiterberbände einstweilen abgewenüet, ob auf die Dauer, das ist eine Frage, die wir im Augenblick nicht entscheiden wollen. Immerhin aber dürfte es zweckmäßig fein, trotz der abgewendeten Gefahr auf die verhängnisvollen Wirkun­gen einer Einführung der Sechsstundenschicht im Koh­lenbergbau für das gesamte deutsche WirHchaftsleben hinzuweisen. Wir beschränken uns auf kurze, zahlen­mäßige Angaben. Die Verkürzung der Arbeitszeit im Bergbau auf 6 Stunden würde einen monatlichen Aus­fall an Kohlen von 1437000 Tonnen bedeuten. Was das für daS gesamte deutsche Wirtschaftsleben zu bedeuten hat, ergibt eine kurze Zusammenstellung des Bedarfs der deutschen Industrie. Der monatliche Ge­samtbedarf im November v. I. betrug 3 032 000 Ton? nen. Nach dem angegebenen Ausfall würden also nur 1595000 Tonnen für die gesamte deutsche Industrie verfügbar sein Dabei ist zu berücksichtigen, daß der eigentliche Kohlenverbrauch der deutschen Industrie weit höher ist, wie der tatsächlich eingetrete e Bedarf. Der eigentliche Gcsamtkohlenbedarf der deutschen In­dustrie würde rund 6V- Millionen nennen betragen. Eine Verkürzung der Arbeitszeit im Bergbau auf 6 Stunden würde also zur Folge haben, daß die deutsche Jnouftrie noch nicht einmal '/« ihres Gesamtkohlen­bedarfs erhalten würde. Der Einwand, daß die In­dustrie mehr Kohle fordert, als sie braucht, ist unzu­treffend. So verbrauchte die Zementlnbuftne im Frie­den monatlich 300 000 Tonnen, sie erhält jetzt monatlich etwa 65 000 To:.nen. Die Kallindüstrie verbrauchte im Frieden monatlich 250 000 Tonnen und erhält jetzt 70 000 Tonnen. Die Pozellaninvustrie verbrauchte mo­natlich 60 000 Tonnen und erhalt jetzt 25 000 Tonnen. Wir tonnten diese Liste noch erheblich erweitern, sehen aber davon ab, da diese wenigen Beispiele vollauf ge­nügen, um dre große Gcsahr einer Arbeitsveikürzung im Bergbau darzutun.

* Tie Räumung der abzutretenden Gebiete in Weüpieußen, Ostpreußen, Oberschlesien, Memel und Danzig tjt um a ch t Tage verschoben worden. Die Räumung der Zone von Allenstein beginnt da­her erst am 30. Januar, der Abslimmungsbezirke Marienwerder und Ober'chlesien erst am 31. Januar. Der Vormarsch der Polen in Westpreußen kommt hierdurch am 31. Januar auf der Linie hart südlich Berent zum Stehen. Bis zum Eintreffen der Ententetruppen, das ist bis zum 9. Februar, ver­bleiben kleine Abteilungen Reichswehriruppen zu» Unterstützung der Stcherheiispolizei tm Freistaat gebiet.

* Die erste Völkerbundssitzung mit Deutschen. Wie aus London gemeldet raub, begann der Völler bund Montag seine praktische Arbeit. Zum erste» Male nahmen beut।effe Delegierte an den Be­ratungen teil.

* In Thorn wurden die Denkmäler Friedrichs des Großen, Wilhelms I und des Gründers der Stadt, Hermann Batt, durch zahlreiche Gewehr­schüsse der sie als Zieftcheibe benutzenden polnftchen Soldaten bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

* Für beit Anschluß Oesterreichs an Deutschlani fanb in bet Volkshalle bes Wiener Rathauses am Sonntag eine Massenkundgebung statt. Ein Demon. stranonszug vor das Parlament schloß sich ber Kund­gebung an.

Preußische Landesversammlung.

Präsident Lcinert eröffnet die Sitzung vorn Diens­tag mit einer Ansprache: „Der Rei chsf i n an z m ioi» ster ist gestern einem Attentat zum Opfer ge­fallen. (Die Mitglieder erheben sich.r Er rst schwer verwundet. Wann die Wiederherstellung möglich ist, ist nicht bekannt. Ich darf im Namen aller Minister erflären, daß sie mit Abscheu von dem Attentat Kennt­nis genommen haben. Wir wünschen alle recht herzlich, daß der NeichSfinanzminister möglichst bald gesunder werde, um seine unverwüpliche Kraft toieoer dem Reicht zur Verfügung zu stellen. Ich stelle fest, daß das Haus mit großer Anteilnahme von dem Verbrechen Kenntnis genommen Hai."

Der GcsetzentwpLs wegen Bewilligung weiterer 4( Millionen Mart zur Verbesserung der Wohnungs- Verhältnisse get.ng besoldeter Staatsbeamter und Staatsarbeiter wurde in dritter Lesung angenommen.

Hierauf wurde die Erörterung der Interpellationen und Anträge über die

Ernährung-Wirtschaft fortgesetzt.

Landwirtfchaftsminister Braun: Viele Leute ver- stehen leider noch gar nicht unsere Lage. Wir stehen am Anfang des Jammerdaseins, bas uns durch den Krieg beschieden ist. Wenn ich jetzt alle Hebel in Bewegung setze, um der Landwirtschaft zu helfen, so tue ich das auch im wohlverstandenen Inreresf e bei Verbraucher. In Jahrzehnten weise die dadurch verursachte Verarmung nicht wieder wett gemacht wer­den können, und vorläufig heißt es für jeden Deutsche^ sein ganzes Leben auf eine neue Grundlage zu stellen. Für fein Papiergeld erhält Deutschland nichts mehr im Auslande. Es ist in der Hauptsache auf feine eigene Produktion angewiesen. In der Versorgung mit Kunst­dünger stehen wir heute zum Teil noch schlechter da, als im letzten Kriegsjahre. Der Bedarf un Kali konnte nicht mujeint gedeckt werden. Die Zwangswirt­schaft, so notwendig ihre Einführung war, hat doch produktionshemmend gewirkt. Die Landwirte haben im Kriege gute Geschäfte gemacht, aber jetzt kommen ffe bei der hohen Preissteigerung für alle Bedarfsarti­kel nicht auf ihre Rechnung. Dieser Zustand kann nicht auf cie Dauer ausrechteryalten bleiben. Wenn man sicher ist, daß man wieder zu normalen Verhältnissen kommen mutz, dann muß man doch auch einmal mit ter Beseitigung der Zwangswirtschaft den infang machen (Sehr richtig.) Wenn auch die Behauptung des Landwirtschaftsministers, daß bei den Xtanlroirten noch mehr als die Hälfte des Getreides im Stroh liege und wegen Mangel an Kohle nicht ausge­droschen werden könne, etwas übertrieben sein dürfte, so i®ti man seine Ueberzeugung nur teilen, daß die immer neuen Arbeiterausstande mich für die landwirt­schaftliche Produktion in höchstem Grade verhängnisvoll wirke. Zu den vorliegenden Anträgen übergehend em. pfähl ber Minister, zunächst einmal die Zwangswirt­schaft für den Zucker auf ju ff eben, der 1921 zum Vervauch komme, warnte aber davor sich auf den Preis heute schon festzulegen. Bei der Fortführung der jetzi. gen SSirtfcfjaft würden wir bald- Zucker kauten, aber lei«,

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