Einzelbild herunterladen
 

Nr. 21.

Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Karl Schütte, n für die Anzeigen: I. Parze Iler-Fulda. :: Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresfe: Fuldaer Zeitung

Dienstag, 27. Januar 1920.

47. Zahrg

Bezugspreis: Monatlich 1,30 Mk. ohne Zustellungsgebühr. " In Fulda bei uns abgeholt 1,40 M. ::

Anzeigenpreis: DieKleinzeile (nachColonelchrist) 50pfg., die Reklamezeile (Textbreite) 1M., bei Wiederholung Rabatt.

CL;r Revolveranschlag auf Erzberger.

Die maßlose Hetze, die seit Jahr und Tag von den Blättern der Rechten gegen den Reichsminister Erzüerger geführt wird, hat schon manchen Menschen um sein ruhiges Urteil gebracht. Jetzt hat sie einen unreifen Burschen zu einer verruchten Tat, zu einem Revolverattentat auf Erzberger Mut gemacht. Amtlich wird gemeldet:

wtb Berlin, 25. Jan. Als heute nachmittag gegen halb drei , Uhr Reichsminister Erzberger das Kriminalgerichtsgebäude in Moabit durch den Ausaang in der Rathenowstraße verlasien und bereits den Wagen bestiegen hatte, drängte sich ein junger Mensch an den Wagen und fragte, ob Minister Erz­berger im Wagen sei. Auf die bejahende Antwort gab er mehrere Schüsse auf ihn ab. Ein Es- schoß prallte an der Uh; kette des Ministers ab. Durch den zweiten, von außen her durch die Wagen­scheibe abgegebenen Schuß wurde der Minister in der Gegend der rechten Schulter verletzt. Einem sofort zugreifenden Polizeibeamten gelang es, den Attentäter festzunehmen. Der zwanzigjährige junge Mensch, der den Eindruck eines sechzehnjährigen machch ist der frühere Fähnrich und jetzige Schüler Oltwig von Hirschfeld aus Berlin. Diese Ueberzeugung habe sich heute durch das Anhören der heutigen Gerichtsverhandlung in ihm gestärkt. Er sei deshalb zur Ausführung der Tat geschritten. Er stellt in Abrede, den Plan des Attentats «uf Erz­berger mit irgend jemand besprochen oder unter der Einwirkung anderer gehandelt zu haben. — Der Minister begab sich nach dem Attentat sofort zu einem Arzt, der eine genaue Untersuchung der Wunde und eine Durchleuchtung mit Röntgenstrahlen vor­nahm, die ergab, daß die Kugel in der rechten Schulter steckt. Die Verletzung gibt zu irgend welchen Besorgnissen keine Veranlassung.

Von Augenzeugen werden noch folgende Einzel­heiten berichtet: Der Chauffeur hatte gerade die Hand an die Kurbel gelegt, um abzufahren, als ein zwanzig­jähriger Mensch auf drei Schritte Entfernung an das Auto heransprang und rasch aufeinanderfolgende zwei Schüsse in das Innere des Autos gegen Erzberaer ab­feuerte. Der Begleiter Erzbergers rief dem Chauffeur zu, abzufahren, worauf das Auto schnell davonsuhr. Erzberger wurde von den Schüssen in der Brustgegend getroffen. Sofort hinzuspringende Augenzeugen entrissen dem Attentäter den Revolver und verprügelten ihn. Hierauf brachten ihn Beamte des Kriminalgerichts nach der SicherheitZwache im Gerichtsgebäude.

Nachdem der Attentäter den ersten Verband in der llnfallstation itn Gerichtsgebäude erhalten hatte, wurde er der im neuen Kriminalgericht befindlichen Wache der Sicherheitswehr zur Vernehmung vorgeführt. Er bezeichnete fern Attentat als eine „patriotische Wie er aussagt, wollte er durch diese Tat erreichen, daß Erzberger endgültig aus der Regierung ausscheide.

Rach dem Berichte des Polizeipräsidenten behauptete ter Täter bei seiner ersten Vernehmung, er sei zu der Ueberzeugung gekommen, daß der Reichsfinanzminister Erzberger ein Schädling sei, der im vaterländischen Interesse beseitigt werden müsse. Um sich ein klares Bild von der Tätigkeit des Ministers machen zu können, habe er der Verhandlung des Beleidigungsprozeffes Erzberger gegen Helfferich beigewohnt und sei durch das Gehörte in der Ueberzeugung bestärkt worden, daß Erzberaer eigensüchtige Ziele verfolge und die Interessen dcs Reiches hintanfetze. Aus diesem Grunde habe er sich zur Ausführung seines schon vorher erwogenen Planes, den Reichsfinanzminister unschädlich zu machen, entschlossen, damit der Minister aus dem politischen Leben ausscheiden müsse. Der Gedanke, den Minister unschädlich zu machen, sei ihm durch die Nachrichten gekommen, die er täglich in der Presse gelesen habe. Er habe den von seinen Eltern gehaltenen .Berliner Lokal-Anzeiger' gelesen und sich außerdem täglich mehrere Tageszeitungen gekauft. Die Tat selbst habe er mit niemanden vorher besprochen.

In den letzten Wochen hatte der Kampf der alldeutschen Presse und ihres Anhangs gegen Erz­

berger geradezu tolle Formen angenommen. Anläß­lich des Prozesses des Staatsministers Erzberger gegen den früheren Staatssekretär Dr. Helfferich hatte die alldeutsche Presse mit den Mitteln der wüstesten Agitation Stimmung gegen Erzberger zu machen gesucht. Die Berichte dieser Presse über die Gerichtsverhandlungen sind ganz einseitig zu Gunsten des Angeklagten gefärbt, und die Erörterungen, die die alldeutsche Presse im Gegensatz zu den bisherigen Gepflogenheiten der deutschen Presse bereits jetzt an den Prozeß knüpft, verzerren das Bild der Verhand­lungen noch mehr. In erstric Linie ist es der ,Berl. Lok.-Anz/, dessen Berichterstattung über den Prozeß jeder Objektivität bar ist. Auch .Deutsche Zeitung', ,Tägliche Rundschau", »Deutsche Tageszeitung" bemühen sich blindwütig, den politischen Fanatismus aufzu­stacheln. Man muß sich eigentlich wundern, daß diese verhetzende Propaganda nicht schon blutige Folge gehabt hat. Jetzt ist es so weit. Die Schüsse in Moabit sind das Echo der alldeutschen Preßhetze: an den Urhebern dieser Hetze bleibt die sinnlose" Tat des verblendeten Burschen hängen. Der Attentäter ist ein grüner Mensch; der noch das Gymnasium besucht. Ein eigenes Urteil über poli­tische Dinge kann er nicht haben, die aber diese Hetze ins Werk setzten sind gereifte Leute, die wissen mußten, wie politischer Fanatismus sich in unreifen Köpfen auswirkt. Wenn unser irmerpolitisches Leben nicht allgemein in Di erd und Todschlag endigen soll, dann ist es wirklich an der Zeit, baß sich die Parteien besinnen, daß der Verwilderung des politischen Lebens, die bei uns eingeriflsn ist, Einhalt geboten werden muß, daß die persönlichen Gehässigkeiten aus dem öfsent- lichen Kampf verschwinden müssen rmd daß wir wieder zurückkehrcn müssen zu der Gepflogenheit, den politisch Andersdenkenden nur mir sachlich erlaubten Mitteln zu bekämpsen, nie aber ihm die persönliche Achtung zu versagen, auf die er Anspruch hat. In diesem Sinne ist auch ein Aufrrrf gehalten, den die Reichsregierung aus Anlaß des Attentate: erlassen hat. Es wird darüber gemeldet:

Die Haltung des Reichskabinetts.

Tas Reichskabinett ist Montag nachmittag sofort zusammengetreten, um zu dem Attentat Stel­lung zu nehmen. Es wurde ein Aufruf erlassen, worin es u. a. heißt, die Regierung habe mit Ab- schen Kenntnis genommen von dem Attentat aus den Reichsfinanzminister Erzberger. Sie hänge den Attentäter nicht an die Rockschöße irgend einer Partei, müsse aber feststellen, daß die Tat unmöglich ge­wesen w är e ohn e die unverantwortliche Hetze, die gegen Erzberger in letzter Zeit, beson­ders während des Prozesses Erzbergers - Helfferich von gewisser Sette getrieben worden sei. Sie werde ihre Mitglieder auch fernerhin gegen Vergewaltigungen schützen und ruft das ganze Volk auf, daß eS sich endlich aus der üblen Geistesverfassung ansrüttle.

Das Befinden Erzbergers.

Nach einer Mitteilung des Erzberger behandelnden Arztes, Universitätsprofeffors Plesch kann an eine Ent­fernung der Kugel zur Zeit nicht gedacht werden. Der Zustand des Patienten erheischt für die nächsten Tage die größte Schonung, wenn auch eine unmittelbare Lebensgefahr nicht besteht. Nach Anlegung des Verbandes wurde Erzberger nach feiner Wohnung ge­bracht. ___

Die nerrsn Wahlgefetzerrtwürfe

Ter Vorentwurf eines Reichswahlgesetzes, der jetzt von der Regierung zur Erörterung gestellt ist, lehnt sich an die Verordnung für die Wahlen zur Nationalversammlung an. Immerhin ist eine Reihe von Neuerungen oder Erweiterungen vorgenommen, die man begrüßen kann.

An dem Prinzip der Verhältniswahl, die ja in der Verfassung festgelegt, wird nicht gerüttelt;

aber es wird sinngemäß erweiterr, um die Wäh­lerstimmen für die Wahl der Abgeordneten noch mehr, gewissermaßen bis zur letzten Stimme, für die Berechnung der Mandate zu erfassen. Der Vor­entwurf macht hier drei Vorschläge und über­läßt es den Abgeordneten, sich für einen von den dreien zn entscheiden. Der gemeinsame Grundzug ist, daß man die Riesenwahlkreise vom vorigen Jahre verkleinern will. Unser Wahlkreis Hessen-Nassau zählte 15 Abgeordnete, im Durchschnitt entfielen auf ei­nen Wahlkreis 11 Abgeordnete. Künftig sollen die Wahlkreise aus 4—6 Abgeordnete zugeschmtten werden. Damit wird der Zusammenhang zwische»! dem Abge­ordneten mrd den Einwohnern seines Wahlkreises cmf- gebessert. Nun will man zugleich die Verbindung von Wählerlisten beseitigen, aber doch den Minderstimmen, die in ihrem Bezirk ausgefallen sind (Reststimmen) zur Geltung verhelfen. Daher der Vorschlag, außer den öttll., bodenständigen Volksvertretern livch Abgeord­nete aus weiterem Umkreis wählen zu lassen. Nach dein Entwurf A soll das ganze Reich einen U e b e r = Wahlkreis zur Ergänzung und jur Vertretung von Neftstimmen bilden. Die Entwürfe B und C wollen von der Bodenständigkeit noch etwas retten, indem sie Vorschlägen, daß mindestens drei Wahlkreise zu einem Verbands Wahlkreise zusammengelegt werden. Die Reststimmen in einem Wahlkreise werben zunächst in­nerhalb der Verbandswahlkreise auf die einzelnen Vor­schläge verrechnet, die dann noch verbleibenden Rest­stimmen werden auf die Reichsvorschlagsliften nerteilt. Der Entwurf C will sogar den Parteien und Gruppen, die sich im örtlichen Wahlkreis als „geborene Minder­heit" fühlen, die Möglichkeit geben, sich sofort mit Ge­sinnungsgenossen der benachbarten Kreise zu 58er« bandswahlvorschlägen zu verbinden.

Das Verfahren ist etwas verwickelt, aber die Ziele, die es anfttebt, kann man nicht tadeln, wenn auch über die Mittel und Wege noch viel zu streiten sein wird. Was mir noch vermissen, ist die bessere Rege­lung des Ersatzes für einen verstorbenen oder zu- rückgetretenen Abgeordneten. Die bisherige Vorschrift, daß in der Reihenfolge der Kandidatenliste die nächste Nummer zum Ersatz einzuberufen ist, erscheint nicht ganz besriedigend. Auf den Listen stehen die besten Kandidaten vorn an; wenn das Mandat mehrmals verschoben werden muß, so farm dadurch die Tüch­tigkeit oder das Ansehen ber Körperschaft leiden. Ge- «wichtiger aber ist noch der Umstand, daß es durch dieses Nachrücken von unten nach oben unmöglich ge­macht wird, während der ganzen Wahlperiode einen neuen Mann ins Parlament zu bringen. Das ist aber unter Umständen sehr wünschenswert. Mancher ttesfliche Mann ist im Augenblick der Wahl behindert, ein Mandat anzunehmen, wird aber bald darauf fähig dazu. Ein anderer offenbart erst im Laufe der Wahl­periode seine Tüchtigkeit; ihm kann aber seine Partei beim besten Willen Mn Mandat verschaffen. Oder es kommt im Saufe der Zeit eine neue Aufgabe auf die Tagesordnung, zu deren Erledigung man diesen oder jenen Fachmann gern heranziehen möchte. Auch der freiwillige !8erzicht eines Abgeordneten kann in solchen Fällen nichts nützen, da nur diejenigen reif sind fürs Parlament, die schon auf der Wahlliste ge­nannt werden. Es wäre zu prüfen, ob sich nicht auf irgend eine Weife Ersatzwahlen ennögllchen lassen. Dem demokratischen Zuge der Zeit entspricht es durch­aus, da hierbei der Wandel in der Dolksstimmung nach und nach zu Tage tritt.

Eine grundlegende Neuerung betreutet auch die Ein­führung eines Wahlrechts für die Ausländs­deutschen. Die Stimmzettel übergeben die Aus­ländsdeutschen dem zuständigen deutschen Konsul. Die­ser kühne Versuch, den deusschen Pionieren im Aus­land ein Mitbestimmungsrecht an den nationalen Ent­scheidungen zu geben, wird ergänzt durch neue Vor­schläge, die es solchen Deutschen, die am Tage der

Wahl nicht in ihrer Heimat wählen können, ermög­licht, von ihrem Stimmrecht Gebrauch zu machen. Ge­dacht ist habet an Postbeamte, Eisenbahner usw. Diese sollen Wahlscheine erhalten, die sie berechtigen, ihre Stimme in jedem beliebigen Wahlbezirk abzugeben.

Das neue Wahlgesetz erfordert noch mel_ Kopf- zerbrechen und Arbeit. Doch möchten wir wünschen, daß man sich nicht allzulange bei den Einzelheiten aufhält, da das Volk lebhaft die Beschleunigung der Wahlen wünscht. Etwas ganz Vollkommenes und -Endgültiges wird ja auch beim größten Eifer nicht zu erzielen fein.

Die Heimkehr unserer Gefangenen.

Die Reichszeulralst - für Kriegs- und Zivilge­fangene teilt mit: Am 27. Januar wird der Land­abtransport der linksrtzc misch beheimateten deutschen Gefangenen, die in der französischen Karnpfzom untergebracht waren, beendet fein. Der Abtransport der Gefangenen, die im unbesetzten Deutschland zu Hause sind, hat am 25. Januar auf Linie 1 (Aachen—Köln—Düsseldorf) mit täglich drei Zü­gen bereits eingesetzt. Im ganzen waren 28 Züge erforderlich, um die linksrheinischen Gefangenen in ihre Heimat zu bringen. Davon sind 15 in der Zeit vom 20. bis 24. Januar auf Linie 1 abgelassen worden, wahrend 13 Züge den südlichen drei Eisen­bahnlinien zufielen. Der Dampfer „Rügen"", der am 23. Januar Rouen mit 550 Kriegsgefangenen verlassen hat, ist in Cuxhaven eingetroffen. Von französischer Seite scheint alles zu geschehen, um dev Abtransdortplan ohne Stockung vnrchzuführen.

* Stillegung der Schichau-Werke. Die unter dem Namen Schichau-Werke bekannten großen Werften in Elbing hoben wegen unzureichender Arbeit eines Teiles der Arbeiter ihren Betrieb stillgelegt.

* Die Schleifung der Helgoländer Werke. Die Pfriziere der interalliierten Marinekommission, die jetzt ihre Besichtigung Helgolands beendet haben, berichten, daß das Becteivigunaswerk auf der Insel bereits völlig in Trümmern liege.

ÄMwAd. .

* Schn «streik in Böhmen. Die neueste Nummer der ,Salzburger Kirchenztg." berichtet, daß die katho­lischen Eltern von Beneschau und Umgebung ihre Kinder seit dem 22. November 1919 nich« mehr zur Schule schicken, weil ihr Lehre, konfessionslos wurde und das Kreuz aus dem Schulzimmer entfernt hatte. „Weder Schulbe­hörden noch Polizisten vermögen die Eltern zu zwingen, ihre Kinder in die Schule zu schicken, so- lange der Lehrer bteibt ,itnb das Kreuz fehlt. Sie haben die Lage nur noch verschltmmert, weil die Eltern infolge ihres Einschreitens energischen Pro­test in einem gediegenen Memorandum an den Präsidenten der Republik einreichten"".

** Die Republik Irland. Ans Newyork Wirt gemeldet, daß dort der Präsident der irischen Repu­blik de Valera zum Ehrenbürger der Stadt New York ernannt und feierlich vom Stadtoberhaupre als solcher begrüßt und empfangen worden ist. Das bedeutet die Anerkennung der Republik Irland in den Vereinigten Staaten durch die Stadt Newyor) und damit ein Ereignis von politisch großer Be- beittung. Außerdem ist es ein laut sprechendes Symp­tom für die allgemeine Stimmung in Amerika dessen Bedeutung'nicht unterschätzt werden darf. Jv land hat sich zur^RePublik erklärt und hat seiner Präsidenten gewählt, der nur deshalb seine Stellung tatsächlich nicht antreten und seine Funktionen nich an Ort und Stelle ausüben kann, weil die ber brecherische britische Gewaltherrschast Irland bedruckt und das irische Volk von einem Blutbade in das andere stürzt.

Der Eimsedoktsr.

20] ---------

Ferner kostete bas Leben, bas sie führten, Geld; wenn sie auch die Rolle ber geizigen Millionärin ziemlich ge- schickt spielte, so gehörte es doch eben gerade zu diesem ge­schickten Spiel, daß sie zuweilen die verwöhnte Dame durchleuchten ließ. Ihre Wäsche mußte kostbar sein, ihre Toiletten ebenfalls; wenn sie auch bei ihren eigenen Sa­chen einem etwas itmnobernen Kleide durch eine exzen- trilch angebrachte ober besonders bunte Schleife den Schimmer der Originalität verlieh rmd dadurch die Leute glauben machte, dergleichen sei eben ihr spezieller Ge­schmack, so durste sie bei der Tochter dasselbe -Manöver nicht versuchen. Das Hin- und Herreisen, die Trinkgelder für die Dienstleute und zahllose Slehrigteiten gingen eben über ihre Verhältnisse.

Frau Amalie war also settenftoh, daß Ihr Mth btes- n»l keinen Strich durch di« Rechnung zog; sie schien Waldemar gern zu sehen, blühte sichtlich auf, also war alles in Ordnung. Die Tochter war gesichert, was aber geschah mit ihr? Sie begann, sich Sorgen für die eigene Zukunft zu machen, und bas Resultat ihres Nachdenkens war der Entschluß, sich, wenn möglich, wieder zu ver­heiraten. Kaum war dieser Entschluß gefaßt, so tat sie auch schon Schritte zu feiner Ausführung.

Es bot sich gerade eine hübsche Gelegenheit, als Amalie •frtes Tages mit Kienholz allein auf einer Gartenbank faß, von ber aus man den großen Spielplatz sah, ben Kienholz für seine Kinder hatte Herrichten laßen. Di« jungen Leut« tollten bart umher unb ihr lautes Lachen drang bis an ben stillen Plauderwinkel. Frau Amalie seufzte intensiv.

Kienholz fragte sofort teilnehmend, was ihr fehle. Sie seufzte abermals nachdrücklich, dann sagte sie leise: -,?lch Ferdinand, wenn ich die Jugend so vergnügt sehe, f° fällt mir merie eigene Einsamkeit schwer aufs Herz."

„Du fühlst Dich einsam hier?" fragte er erschrocken. »Du sagtest doch, daß Dir das stille Leben bei uns so wohl tue; und sieh doch nur Deine Tochter an, sie blüht ®ie eine Rose."

„Ach ja, mein liebes Kind! Dem Kind zuliebe habe ich eben das Opfer gehn cht und damals ist es mir auch vicht als Opfer erschienen. Aber jetzt, da die Sorge um weinen Liebling schwindet, kommt wieder meine eigene' Sehnsucht zu ihrem Keeje.“

„Du sehnst Dich fort von hier, wieder zurück in das Leben, bas Du selbst als hohl und inhaltlos bezeichnet hast?" fragte er vorwurfsvoll.

Sie zuckt« die Achseln.

„Mein Gott, man wirst die Gewohnheiten vieler Jahr« nicht so leicht von sich wie ein Kleid; und selbst ein Kleid, dessen Unbequemlichkeit man zuweilen fühlt, zieht man schließ! ch doch immer wieder an und läßt sich davon quälen. Wmn Du abends müde bist, schlüpfst Du gern in Deinen Schlafrock und sagst voll Behagen: Jetzt fühle ich mich recht wohl! Aber am Morgen, wenn Du aus- geruht und bei Kräften bist, bann ist Dir Dein Loden- rock lieber und Du gehst mich Heber in Deinen Schaft­stiefeln hinaus in Regen und Wind, als bah Du tot Pan­toffel« hinter dem Ofen säßest. Run, und siehst Du, so geht es auch mir; ich habe mich «hott tum der Sorge und Angst um Dttha, mm sehne ich mich auch wieder nach ein wenig Gesellschaft unb Abwechslung, wenn mir das «uh einige Unbequemlichkeit bringt."

Kienholz hatte ganz geknickt zugchört. „aber," warf er nun ein, .Ffftha wird in dem Gefellschaftsleben ihr« Gesundheit wieder ein büßen unb die Trennung von uns wird sie auch schmerzen; ich schmeichle mir wenigstens mit dem Bewußtsein, baß sich Dttha bei uns wohl fühlt."

„Aber ich denke ja doch nicht daran, fi« von hier fott- zubringen," rief Frau Amalie; „nur möchte ich für mich auch etwas haben. Ist denn hier gor nichts zu machen? Weißt Du nicht wenigstens einige Hervem, mit denen man ein Spielchen machen tarnt?"

„Ein Spielchen?" fragte Kienholz ängstlich. ,Ha rveißi Du, liebe Amalie, bas fft nun so ’ne Sache; Du hast's nun eben, und Ihr drüben in Amerika, Ihr seid ja das Hazardspielen gewohnt, aber bei uns hier sind kleine Verhältnisse und spießbürgerlich« Ansichten, da wird sich's nicht machen mit dem Spielen."

Sie lachte. „Nun. mm, ich bringe sie nicht um, Deine Spießbürger," sagte sie gemütlich; es muß ja nicht ha- zardiert sein, ich weiß mich schon in die Verhältnisse zu schicken und überdies, Du weißt ja, ich bin geizig. Die Aufregungen des Zufallsspiels haben für mich niemals einen Reiz gehabt und eine stille Whistpattie fft mir immer recht lieb gewesen. Also denke 'mal nach, ob Du entsprechende Leute dafür findest. Ntrr keine solchen, die ihre Ehehälften mitbringen, von denen sie kontrolliett und Zit" lufbruch gemahnt rqerben, ober gar Kinder, die mit ri -hnem einschlafen. Ueberhoupt, am liebsten Jung­

gesellen in gesetztem Alter ober Witwer; mit denen ver­kehrt sich's am besten."

„Ich werde suchen, Deinen Wunsch zu erfüllen," ver- . setzte Kienholz gedrückt und trotfneie die Schweißperlen auf seiner Stirne. Dieser Einfall seiner Kusine machte dem wackeren Manne gründliches Kopfzerbrechen; feine Phantasie zauberte ihm wieder alle Möglichkeiten von, die aus einem lebhafteren Verkehr entspringen konnten.

„Es ist furchtbar", klagte er am Abend feiner Gattin; „man kann nie zur Ruhe kommen. Kaum freut man sich, daß das Mädel sich akklinuttisiert, fängt dis Alte mit allen Sehnfuchtsfchmerzen an."

„Na, laß sie doch", meinte Frau Netti gleichgültig; „wenn Edith unfern Waldemar Heb hat, bann hast Du ja Dein Ziel erreicht, was geht Dich die Wte mit ihren Schmerzen an?"

„So?" fragte er höhnend zurück, „und wenn sie mm etwa selber heiraten möchte?"

„Nanu? Mag ste doch! Wenigstens hat Waldemarchen bie Schwiegermama vom Hals."

„Hat er, hat er allerdings", stieß Kienholz ärgerlich hervor, „aber bas Geld auch; rote dann, wenn sie der nur ein Nabelgeld aussetzt und ihr das Vermögen : u- -2s Erb« zukommen läßt? Hm, roas bann? Und denkst Du, wenn ein Mann auf sie Einfluß gewinnt, baß er es nicht so entrichtet? Dafür fft sie schnell zu haben, bem sie fagt’s ja selber, baß sie geizig ist."

„Wenn sie nun wirklich so reich ist und ht vornehmen Kreisen verkehrt hat, werben ihr unsere Herren nicht sehr imponieren", sagte sie kühl.

„Das kann man nie roiffen", entgegnete er eifrig. „Frauenzimmer sind unberechenbar und 21 malte besonders, bie war immer extravagant. Nun muß ich eben unsere lieben Nachbarn unb Freunde gründlich durchsieben und die gefährlichen entfernen.“

„Arm- Männer!" seufzte Frau Betti spöttisch, aber ihr (Satte ließ sich nicht beirren und smg sofort mit dem Neben an.

„Da wäre zunächst der Steiterrnfpeftor", begann er; „er ist freilich em eingefleischter Junggeselle, aber wenn « von Amaliens Reichtum hört . . ."

„Denn kommt es erst darauf an, ob sie sich für ihn mierefttert", warf sie em. „Ich bitte Dich, ber mit seiner violetten Nase!"

„Nun ja, bas ist wahr, schön ist diese Nase nicht", gab er zu. „Also toben wir den Steuerinspektor ein; tu« aber- noch?"

Sie bachte nach. „Den Verwalter auf Muglitz", sagte sie lächelnd, ihr Gatte ober schaute ganz ernsthaft drein.

„Na, ist bet etwa auch gefährlich, ber Schmutzfink?" Kienholz schüttelte den Kopf. „Hm, siehst Du wohl. Du weißt auch nichts anderes an ihm auszusetzen, als daß er ein Schmutzfink ist. Im übrigen ist er ein ganz stattlicher Mann und wenn er unter dem Einfluß ber Liebe an« finge, etwas auf sich zu halten . . ."

„Das würbe wohl sehr lange bauern, bis man bas merkte", meinte sie lachend; „wenn sich jemand das erste­mal rote em eben ausgegrabener Regenwurm präsentiert, so kommt er nicht gleich am nächsten Tage wie ein Hof- kavalier; da brauchst Du wohl keine Sorge zu haben."

„Dann bliebe noch ber pensionierte Gymnafialdirettor“, sagte er nachdenklich.

„Er schnupft und trügt eine Perücke", entgegnete noch immer scherzend Frau Betet; ihrem Gatten aber nxK gar nicht scherzhaft zumute.

„Er schnupft sehr diskret“, meinte er, „und bie Haare kann schließlich jeder 'mal verlieren; wenn er ste bann durch eine Perücke ersetzt, ist das so wenig ein Laster als etwa falsche Zähn«; ich find« bas im Gegenteil sehr rück­sichtsvoll gegen bie Mitmenschen, wenn man nicht als Vogelscheuche umhergcht. Der Gymnasialbirektor kann gerade gefährlich werben, denn er weiß Amaliens Kunst zn würdigen; diese Herren find ja allesamt Theater-

rren."

: r fuhr sich so verzweifelt durch bie Haare, baß Frau Vctti aufmettsam wurde.

„Ferdinand", sagte sie drohend, „ich werbe Dir etwas sagen: Du bist eifersüchtig. Ja, Du bist eifersüchtig auf Amalte", roieberyoHe sie nachdrücklich, da er eine ab- wehrende Bewegung machte; „deshalb ist Dir niemand häßlich genug. Leider hab« ich keine ansehnlicheren Her­ren zur Verfügung, sonst würde ich sie Dir zum Trotz einlaben; wenigstens hatte dies« '"ofette Gelegenheit, ihr« Künste an anbern als an Dir zu üben. Aber sei unbe­sorgt, ich halte die Augen offen.“

„Tue das, liebe Betti, und steck« meinethalben vier­fache Brillen auf, febenfalls aber denke an unfern Walde­mar", entgegnete er warnend. Sie zuckte verächtlich die Achfeln. Diese Geringschätzung hinderte ihn keineswegs, ihr in den nächsten Tagen alle Slugenblicke einen neuen Herrn vorzuschlaqen, ben er tot einem Sc^b fache seines Gedächtnisses entdeckt hatte.

tFvttsetzung folgt);