47. Zahrg
Montag, 19. Januar 1920. -
Nr. 14
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Än,eiaenvre.s: DieKieinzeile (nachColonelschrist) SOPfg., die R e k l a m e z e il e (Textbreile) 1 Alk., bei Wiederholung Rabatt.
Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Karl Schütte, :: für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. ::
Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung
Der Ruf «ach der Kino;ensnr.
Gon Generalsekretär Wilh. C. G erst-Frankfurt a. M, Die jüngsten Vorgänge in Fulda haben der Oeffentlichkeib die Notwendigkeit einer durchgreifenden Reform deS Kinowesens erniut vor Augen gestellt. 6$ ist erfreulich, daß auch hier wie in zahlreichen anderen Städten die Jugend sich aufiehntc und gegen die Exzesse der Kinoleute protestierte. Die „Kinobesucher", die sich in dienstbereiten Zeitungen darüber entrüsten und sich das Recht auf ihren schlechten Geschmack nicht nehmen lassen wollen, werden von dieser Jugend be. schämt. Der Geschmack der älteren Generation scheint rettungslos verkitscht zu sein. Hoffen wir auf das gesunde Empfiüden und Verlangen nach der Tat unserer Jugend. ?
Viele Leute sehen das Mittel zur Besserung der Kinoverhältnisse in der Wiedereinführung der Filmzensur. Diese wird auch in den nächsten Wochen wieder eingeführt werden. Der kürzlich bekanntgegebene Doreutwurf über ein Gesetz zur Einführung der Film- zensur bestimmt in § 1, daß die Zulassung eines Bild- streifens (Film)'zu versagen ist, wenn feine Vorführung geeignet ist, die öffentliche Sicherheit oser Ordnung zu gefährden oder das religiöse oder sittliche Empfinden der Zuschauer zu verletzen oder verrohend zu wirken.
Im § 2 wird de» Schutz der Jugendlichen unter 17 Jahren angestrebt. Jugendliche dürfen nur Jugendvorstellungen besuchen, die darin vorgeführten Bildstreifen bedürfen besonderer Genehmigung. Gegen diese Bestimmung haben die Vertreter sämtlicher Jugendorganisationen Deutschlands eine Eingabe an die Nationalversammlung gerichtet. Sie verlangen eine Verschärfung der Schutzbestimmungen und Heraufsetzung des Schutzalters auf 18 Jahre.
Die folgenden Paragraphen des Entwurfes bestimmen dann die Handhabung der Zensur. Die Bildstreifen sollen zunächst von einer Prüfungsstelle, bestehend aus einem Beamten und Sachverständigen, zensiert werden. Auch die Reklame des Kinowesens soll von der Zensur erfaßt werden. Der § 4 des Gesetzentwurfes, der unterdeffen mit einigen unbedeutenden Abänderungen im ReichSrat verabschiedet worden ist, bestimmt, daS bei außergewöhnlichen Verhältnissen die örtlichen Polizeibehörden ein Einspruchsrecht gegen zensurierte Filme haben sollen. Die Ausführungsbestimmungen sollen dieser Recht sehr eng umgrenzen. Trotzdem läuft die ganze Kinoindustrie gegen diese Bestimmung Sturm und verlangt die absolute Freizügigkeit für die einmal zensurierten Filme. Mit allerlei Schlichen,Manövern und großen Geldmitteln suchen diese Interessenten das ganze Gesetz möglichst wirkungslos und für sie ungefährlich zu machen.
Wir, die wir uns für die kulturelle Zukunft deS deutschen Volkes mitverantwortlich fühlen und deshalb die Geschmacksveredelung im Kinowesen für eine äußerst dringliche Aufgabe halten, hinter der jedes geschäftliche Interesse zurückzutreten hat, müssen uns angesichts des Gesetzentwurfes der Regierung die Frage vorlegen: „Bietet die geplante Zensur eine geeignete Handhabe, um an der Geschmackveredelung zu arbeiten" und weiterhin „kann eine Zensur diese, Aufgabe überhaupt erfüllen?"
Beide Fragen sind zu verneinen. Gewiß ist eine Reichsfilmzensur angesichts der Schmutzflut, die der Geschäftssinn, der heute sich so „ästhetisch" und „ethisch" geberüenden Fllmschieber aller Garnituren über uns gebracht hat, unbedingt nötig. Aber diese Zensur kann doch nur die gröbsten unsittlichen Exzesse unterbinden, der Kitsch wird weiterhin florieren. Ihm ist mit den Bestimmungen des Gesetzentwurfes nicht beizukommen. Außerdem haben wir allen Grund zu befürchten, daß auch die Handhabung der Zensu» in sittlicher Beziehung lax und der sittlichen Auffassung der christlichen Kreise entgegengesetzt wird.Es werden ja dieBerliner Kunft- treise sein, die die Mehrheit in dem Zensurenkollegium haben. Welche Auffassungen dprt herrschen, lehrte die Aeuherung eines Vertreters der Filmkünstler auf der Konferenz. Er sagte: „Erst daS Christentum hat auf das Geschlechtliche Schmutz geworfen."
Das Wenigste was bei der Beratung des Gesetzes in der Nationalversammlung erreicht werden mutz, ist die Erweiterung deS Einspruchsrechtes der örtlichen Interessen» Wir in der „Provinz" lassen uns die
Der Sänsedoktor.
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„Du gehörst vielleicht darunter?" höhnte Friß. „Ehe hie Tante gekommen ist, hast Du Deine Puppen aus der Stube geräumt, damit sie die Tanke nicht sieht. Und jetzt spielst Du Dich auf das große Fräulein, v, ich weiß fchon warum!"
Mariechen errötete bis in den Nocken. „Du, Du, Du ganz dummer Junge!" rief sie zornig und pufft# ihn. Er puffte zurück, da faßte ihn Waldemar beim Kragen und beförderte ihn hinaus. An der Tür aber drehte sich Fritz um und reckte die Zunge, so weit er tonnte, heraus. Die Mutter sah es und ihr Blick glitt rasch zu Amafim hinüber; richtig, gerade die hatte es auch gesehen und lächelte überlegen. Frau Bett! wurde rot vor Aerger und war sich im ersten Augenblick nicht recht klar darüber, wen sie jetzt eigentlich zu prügeln Lust hätte:, ihren Sohn oder die imbequeme Beobachterin. In der nächsten Sekunde entschied sie sich für die letztere und dp das Prügeln doch wohl nicht anging, so begnügte sie sich mit entern feindseligen Blick. Der aber stachelle wieder die andere auf und fie sagte spottend:
„Der Doktor hat meiner Edith sttlles Familienleben verordnet; Deine Kinder, liebe Betti . . ."
„Meine Kinder, liebe Amalie", fuhr die Angeredete gereizt dazwischen, „sind eben gesunde, natürliche Geschöpfe, keine Puppen, die vor lauter Verzärtelung schwindsüchtig werden."
„Soll das heißen, daß meine Edith . . .*
„Das soll gar nichts heißen," fiel jetzt Kienholz, der mit steigender Angst die beiden Frauen beobacht» hatte, polternd ein, „als daß durchaus eine Entschuldigung für die Ungezogenheit unserer Kinder gefunden werden soll."
„Das ist ja recht hübsch, versetzte Frau Betti. „Du gibst also zu, Deine Kinder schlecht erzogen zu haben."
„Ich gebe alles zu."
Waldemar verbeugte sich. „Danke, Papa", sagte er mit gutmütigem Spott in dem Bestreben, die Situation ettvas behaglicher zu gestalten.
„Na, Dich geht doch das gar nichts an", lenkte der Papa rasch ein; „Du warst schon als Kind ein Ideal und bist es noch heute."
„Na, weißt Du, Papa . . .", begann Waldemar.
„Still, still!" wehrte der Papa ab.
„Nm nicht bescheiden sein", mahnte Tante Amalie; .Bescheidenheit ist ein Laster, bescheiden war ich nie."
„Das glaub' ich aufs Wort", warf Mama Kienholz ein.
Bevormundung durch die Berliner „Kunstmacher" nicht gefallen. Unser Mißtrauen, daß sie mit dem Film- kapttal in engen Beziehungen stehen, ist zu groß. Wtr müssen die Möglichkeit durch Reichsgesetz erhalten, daß in jeder Stadt die tünstlerisch und kulturell schaf- senden Kräfte einen positiven fördernden Einfluß auf da? gesamte Kinowesen auSüben können. Deshalb ver- lan.ien wir außer der Verbesserung deS Gesetzentwuris mit stärkstem Nachdruck, daß möglichst bald die Verleihung deS Filmvorführungs-Monopols an die Gemeinden Gesetz wird. Der nächste Schritt mutz dann in möglichst vielen deutschen Städten die Herstellung einer Interessengemeinschaft, zwischen Stadtverwaltung und Kinobesitzern fein, wie sie der Bühnen- volkSbund als einzigeSMittel einer wirklichenGeschmacks- veredelung im Lichtbildwesen anzustreben vorschlägt. Der Bühenvolkkbund. tritt in diesen Tagen mit einer entsprechenden Eingabe an die Nationalversammlung heran. Diese Form der Halbkommunalisiervng legt den Kommunen keine nennenswerte Opfer auf und bringt keinen einzigen Angehörigen der Kinobranche um seine Eristenz, aber et beschneidet daS AnStoben des wildesten Geschäftsgeistes, beschränkt die Riesengewinne der reichgewordenen Kinobesitzer und gibt den Künstlern und Volksbildnern die Möglichkeit, das Kino unter voller Wahrung seiner Volkstümlichkeit als lln- terhaltungSstätte künstlerisch und kulturell zu heben. Wir wissen, daß daS Kinokapital mit allen Mitteln, er- laubten und bedenklichen, gegen die Verwirklichung unserer Vorschläge Sturm läuft und vor allen DingM die Gemeinden mit dem Hinweis auf große SteuerauS- fälle abzuschrecken sucht. DaS find alles Milchmädchen- Rechnungen, am Kino werden so unanständig große Summen verdient, daß bei einem geschickten Vorgehen eher noch eine neue Einnahmequelle für die Kommunen erschlossen werden kann. Aber selbst wenn dies nicht der Fall wäre, die geistigen Interessen des deutschen Volkes stehen uns höher als die GeschäftZinteres- sen der Kinobesiher, denen es nach eigenem Ausspruch „egal ist womit sie ihr Geld verdienen." Aber viel Geld mutz es sein!
In allen Gemeindn müssen sich die christlichen Vereine immer wieder mit der Kinofrage beschäftigen und unseren Vorschlägen Gehör verschaffen. Der Plan der Sinointereffenten mit ihrer Zustimmung zum Zensurge- setz sich die unbequemen Kinoreformer vom Halse zu schaffen, muß vereitelt werden Die Kinofrage darf nicht eher zur Ruhe kommen, bis eine Lösung gesunden ist, die uns in kultureller Hinsicht zufriedenstellt und den Weg für eine künstlerische Entwicklung frei macht. Mit Protesten, so notwendig imd heilsam sie in ihrer Svonmiestät fein können, ist da eine dauernde Besserung nicht zu erzielen. Der wirksamste Protest ist der Beitritt zum Dühnenvolksbund, der mit Erfolg den Kampf gegen die Mißstände im Theater und Kino aufgenommen und durch seine positive Arbeit bereits große Erfolge errungen hat. Es sollte auch in Fulda keinen christlichen Verein mehr geben, der dem Ortsausschuß nicht angehört und keinen Bürger, der ihn nicht mit feinem Beitrag unterstützt. Anmeldungen an Herrn Redakeur Schütte der Fuldaer Zeitung.
Die Heimkehr der Kriegsgefangenen.
Heute und morgen laufen vier deutsche Dampfer nach französischen Häfen aus zur Abholung von Kriegsgefangenen.
cg. Berlin, 19. Jan. (Tel.). Am Dienstag mittag wird das Eintreffen der ersten Gefangenen aus Frankreich auf deutschem Reichsboden erwartet.
Einspruch gegen die
Rheinland-Derorvnungen.
Den Vertretern der Entente-Mächte ist eine Note übergeben worden, über die Verordnungsentwürfe der Rheinlandkommission, in der die Befugnisse der Besatzungsbehörden zusammengestellt sind. Die Note stellt fest, daß hier Bestimmungen geschaffen sind, die mit dem Wortlaut des vertraglich vereinbarten Rheinlandabkommens und den wiederholten Zusicherungen
„Waldemar, Du bsst auf diese Art ein. lasterhafter Mensch", meinte Tante Emma, „Du solltest in eine Bes- fermigsansialt kommen."
„Weißt was, Waldi", sagte Gustav, feine Hand auf die Schuller des Detters legend, „um die < Ehre der Familie Kienholz zu retten und gleichzeitig der Tante Amalie ®enugtimng zu geben, hauen wir gemeinschaftlich den Fritzel durch."
„N-ein, um Himmels willen, was fällt Euch em!“ rief Amalie, der es ja doch eigentlich um einen Verdruß keineswegs zu tun war und deren Rachgelüste die eifersüchtige Hausfrau durch den kleinen Ausfall von vorhin vollständig befriedigt waren. „Ihr versteht doch alle Feinen Spaß! Der Junge ist doch em vergnüglicher Hanswurst, der viel zm Belebung der Gesellschaft beitrogt!"
„Dann schlage ich vor, ein Glas auf sein Wohl zu trinken", rief Gustav. „Hoch soll er leben!"
,Alle stießen fröhlich an, die gereizte Stimmung war verflogen. Betti, impulsiv wie sie war, hätte am liebsten Amalie um Verzeihung gebeten; sie bereute das Wort „schwindsüchtig", das sie gebraucht hatte. Wenn Edith das gehört hätte, die arme, blasse Gbitf), die sie doch so gern hatte! Wenn sie es doch wieder gutmachen könnte!
Und ebenda kam Edtth herein und sah gar nicht so blaß und müde aus wie. sonst; ihre Wangen waren rosig angehaucht und sie lächelte heiter. Sie trug einen Strauß von Rosen in der Hand, den sie jetzt Kienholz vor die Augen hielt.
„Onkel, hab' ich Deine Stöcke zu sehr geplündert?" fragte sie.
„I, Gott bewahre, die Rosen find doch zum Gepflückt- werden da", entgegnete er freundlich.
„Ich möchte nämlich dem Henn Doktor einige schenken", bat sie, „Du erlaubst doch?"
„Nur immer zu, mein Kind!"
Sie trat mit schelmischem Lächeln auf Liebhardt zu und reichte ihm einige der schönsten Rosen. „Aber die dürfen Sie nicht etwa einer anderen Patientin schenken", sagte sie scherzend.
Wäre Kienholz ein besserer Beobachter gewesen, so hätte ihm das mutwillige Blitzen in Ediths Augen und das verschmitzt-vergnügliche Lächeln Liebhardts auffallen müssen. Aber er bemerkte das nicht; dafür spielte ihm seine Phantasie einen S.reich. Er sah plötzlich d.n Dal- tor vor einer „anderen Patientin" stehen, einer feisten Kuh, die er untersuchte, während ihre Siallnachbayin mit träger Kopfwendung die Rosen aus seinem Knopfloch nahm, die Emths schmale, weihe Hände gepflückt hatten. Bei dieser Vorstellung.fingen feine Mundwinkel zu zucken
der alliierten Mächte in schroffem Widerspruch stünden und sich als Eingriffe schwerster Art in die Ber- ivaltungs- und Justizhoheit des Deutschen Reiches sowie in die staatsbürgerlichen Rechte der Bewohner des besetzten Gebiets darstellten. Die deutsche Regierung erhebt feierliche Verwahrung gegen die geplanten Verordnungen und schlägt mündliche Verhandlungen zwischen Bevollmächtigten der beteiligten Regierungen vor. ' _________' ______________
Die Abstimmung in Schleswig.
Die Verordnung für die Volksabstimmung in Schleswig wird soeben veröffentlicht. Es heißt darin: „Die Abstimmung in der ersten Zone findet am 10. Februar statt. Der Termin für die zweite Zone wird erst später bekannt gegeben. Abgestimmt wird von 9 Uhr vormtttags bis 8 Uhr abends. Die Abstimmung erfolgt mit Zetteln, die die interalliierte Kommission zur Verfügung gestellt hat. Sie tragen die Aufschrift „Deutschland" oder „Dänemark".
Deschanel Frankreichs Präsident.
Bei der Piäsidentenwahl tn Frankreich wurde am Samstag Paul Des chanel rm ersten, Wahlgang mit 734 von 889 Stimmen zum Präsidenten der Republik gewählt. Joruiart erhielt 66, Cle- menceau 56 Stimmen.
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Dieses Ergebnis war ncch dem am Samstag gemeldeten Ausgang der Borabsiirnmung bestimmt zu erwarten. Vorher schien es ziemlich sicher, daß der alte C l e m e n c e a u, der Ministerpräsident, gewählt werden würde, und er selbst schien nicht zu zweifeln, daß ihn die Verdienste, die er, der maßlose Hasser Deutschlands, sich um sein Vaterland während des Krieges und bei dessen Ausgang erworben, des erstens Postens im Staate würdig machen würden. Hatte der alte Herr sich doch selbst dazu verstanden, in seinem hohen Alter noch zu freien, um dem Elysee eine junge Herrin zu geben. Und nun ist alles umsonst. Nicht der „Sieger" Clamenceau, sondern der bisherige Kammerpräsident Deschanel wurde gewählt.
Die Niederlage bes „Tigers" macht den Wahlakt auch für uns zu einem auffälligen Ereignis. Nicht als ob wir den künftigen Präsidenten der französischen Republik für deulschsreundlich oder für einen Pionier des Wilsonschen „Weltfriedens" hielten. Was uns an Eiemeneeau besonders verdrossen hat, war die rücksichtslose Brutalität in seinem Verhalten gegenüber Deutschland. Dechanei wird statt der Fausthandschuhe Glaeees anlegen, aber sein Ziel wird dasselbe sein.
Immerhin, wenn die fianzösische Nationalversammlung den „Sieger" auf den republikanischen Thron erhoben hätte, so wäre das eine Krönung des verkörperten Hoß- uttd Rachegedaulens gewesen. Jetzt hat die Mehrheit sich dieser angeblichen Dankespflicht entschla- gen und damit bekundet, daß sie doch noch andere Sorgen und Ziele hat, als Drangsalierung Deutschlands und daß sie die innere Politik nach der Rachepolitik zur Geltung kommen lassen will.
Der Präsident der Republik soll eigentlich nur der Repräsentant sein. Clemenceau würde sich damit wohl' nicht begnügt haben, sondern seinem Charakter und seiner Vergangenheit nach seiner Würde im autokratischen Geiste verwaltet haben. Die Mehrheit «der will keinen Diktator, sondern einen Repräscfttantsn und dazu ist der geschmeidige und elegante Deschanel der geeigneteste Mann. Die Folge wird sein, daß unter der neuen Präsidentschaft das Ministerium und vor allem dessen Vorsitzenden die Leitung der Geschäfte in viel höherem Maße in der Hand haben, als es unter dem herrschgewaltigen Cirmmceon gewesen wäre. So bezeichnet im Grunde g^mmpnen die Wahl in Veriail- les eine Abwendung nun der einseitigen Rachepoütik zur Berücksichtigung der inneren Aufgaben.
und frine Nasenflügel zu beben an, und er griff nach dem Glase, um zu trinken; aber der Wein schien ihm in die Eonntagskehle gekommen zu fein, denn er pustete und schnaubte, daß er ganz blau im Gesicht ward.
Mariechen war eine Haselnuß zur Erde gefallen, und sie suchte sehr lang unter dem Tische danach. Für Waldemar, dessen. Phantasie ähnlich wie die seines Daters arbeitete, war es ein Glück, daß Fritz wieder hereinkam; unter dem Donna nd, ihn wieder hinauszubefördem, konnte er sich von der Gesellschaft entfernen und seiner Heiterkeit freien Lauf lassen.
Liebhardt empfahl sich jetzt, und das gefährliche Frühstück, bei dem die meisten Teilnehmer wie auf einem Pulverfaß gesessen waren, war beendigt.
3.
Ganz früh am nächster» Morgen war's, als Frau Amalie von einem ungewohnten Geräusch geweckt wurde. Erschrocken schlug sie die Augen auf und sah ihre Tochter im grauen Wettermantel vor dem Spiegel stehen und einen weißen Spitzenschat um ihren Kopf schlingen.
„Edith, wohin gehst Du denn?" rief sie erstaunt.
„Aber Du weißt doch, Mama, ich habe Diris doch gestern abend gesagt: zur Lmsenquelle; der Doktor hat mir die Brunnenkur verordnet."
„Ach so, rlchttg! Ja, aber Kind, wer begleitet Dich denn?" fragte die Mama. „Waldemar könnte doch ..."
„Nein, nein, Mama, ich bitte Dich," wehrte Edith ängstlich ab. „Sieh mich doch an, ich habe nur den Wettermantel über mein Morgenkleid geworfen,und mein Haar ist auch nicht ganz geordnet; ich bin froh, venn mich niemand sieht."
Frau Amalie war zwar noch sehr schläfrig, aber so weit war ihr Begrssfsvermögen doch schon klar, daß ihr Ediths Abwehr begreiflich erschien und sie gab ihr noch den Rat, recht bald zurückzukommen, daß sie von den Hausgenossen nicht in dieser Toilette gesehen werde. Dann schloß sie die Augen uni) schlief weiter; Frau Amalie schlief gern und lange.
Edtth schlüpfte aus dem Zimmer und. stieg leise die Treppe hinab; sie begegnete niemandem im Hause und ging eben auf das rückwärtige Gartenpförtchen zu, als ihr die Tante entgenkam, die int Hühnerhof gewesen war.
„Ja, wohin trenn ;n aller Morgenfrühe, Diethchen?" rief die Tante überrascht.
„Zur Lullenguelle, Tantchen," entgegnete die Gefragte ein roenia oerleg*!.
Jede derartige Schwenkung ist als Ansatz zur Des- serung zu begrüßen. Es tst für die Franzosen selbst heitsam, wenn sie ihr Auge zeitweilig bei sich zu Hause herumgehen lassen, und je mehr die wirtschaftlichen Verhältnisse ihres eigenen Landes ms Auge- gefaßt werden, desto eher werden sie zu der Erkenntnis kommen, daß Frankreich sich selbst schadet, wenn es eins unentbehrlichen Nachbarn zu vernichten sucht.
Eiöffnung des Böikerbundsrates. Die erste SitzunL des VölkerbundSrateS wurde am Freitag in Parts ab.- gehalten. Der Franzose Leon Bourgeois wurde zu»' Vorsitzenden gewählt. Dann wurden drei Mitglied« der Kommission ernannt, die mit der Festsetzung der Grenzen des Saarbeckens betraut wurden. Das vierte und fünfte Mitglied dieser Kommission werden durch Deutschland ernannt Die nächste Sitzung findet in London statt.
* Wegen der Vorgänge am Reichstagsgebäude wurden in Berlin 26 Personen verhaftet, darunter die linksradikalen Führer Rasch und Heinen.
* Graf Arco begnadigt. Dec bayerische Ministerrat beschloß, das Todesurteil gegen den Grafen Areo in lebenslängliche Festungshaft umzuwandeln. — Außer der bürgerlichen Presse Bayerns waren auch das sozialdemokratische und das unabhängige Parteiorgan für die Begnadigung ringe- treten.
Deutsche Nationalversammlung.
Beamtenteuerungszulagen. — Fall Heim. — Rhein-
. landverordnung. — Betriebsrätegesetz.
Nachdem in später Nachtstunde am Freitag daS Betriebsrätegesetz in zweiter Lesung angenommen worden war, schien es, nach der Tagesordnung, für die SamStagsitzung zu schließen, als ob die Zwischenpause zwischen der 2. und 3. Lesung den Abgeordneten durch die Behandlung kleiner Vorlagen eine gewisse Aus- spannung bringen würde. Denn auf der Tagesordnung stand zunächst der Gesetzentwurf über eine 150 Pro - genüge Erhöhung der Teuerungszulagen für Beamte, dec auf einen gemeinsamen Antrag der Parteien zurückzuführen ist, der Gesetzentwurf über die Kinozensur, der Gesetzentwurf betreffend die Gewährung von Straffreiheit an Personen aus den Abstimmungsgebieten und eine Interpellation über die Verordnung über die Rheinlande. Aber entgegen allen Erwartungen kam es schon gleich bei der Besprechung des ersten Gesetzentwurfes zu einer großen und bedeutungsvollen Aussprache, die mit der Materie des Gesetzentwurfes nichts mehr zu tun hatte.
Nachdem der Reichssinanzminister Erzberger die Notwendigkeit einer Erhöhung der Teuerungszulagen bar» gelegt hatte, um die Arbeiisfreudigkett und Tüchtigkeit der Beamtenschaft zu erhalten, nachdem er aber auch die Notwendigkeit einer Erhöhung der Arbeitsleistung und einer Verminderung der Beamtenzahl begründet hatte, fühlte sich zunächst der unabh. Abg. Seger bewogen, gegen die Politik der Regierung, die di« Gemeinden dem Abgrund zutteibe, Sturm zu laufen. Er holte sich jedoch eine glatte Abfuhr, als Reichsfinanz, tnimftfer Erzberger nachwies, daß die Gemeinden zuerst mit den Teuerungszulagen vorangegangen feien und so die Regierung zu gleichen Maßnahmen gezwungen haben.
Diefer Mißerfolg des Unabhängigen ließ bann den Führer der bayerischen Volkspartei, den Abg. Dr. heim» nicht ruhen, auch seinerseits die Lanze gegen die Mgie- , rung und besonders gegen Erzberger einzulegen. N-rch bett Vorgängen der letzten Tage kann dieses Boraehen Dr. Heims ja nicht sonderlich überraschen. Aber bei der ganzen Art seines Vorgehens war es nur durchaus angebracht, daß ihm aus der Versammlung der Ruf entgegentönte: „Beschmutzen Sie nicht Ihr eigenes Nest!" Dr. Heim hatte sich offenbar vorgenommen, nun einmal gründlich gegen die Regierung und besonders gegen den Reichssinanzminister loszugehen, und er sucht», zu diesem Zwecke alles zusammen, was er nur gerade finden konnte. Don der Frage des Abbaus der Preise kam er zu der Transporikrisis, er sprach von der Entwertung unseres Geldes und fand schließlich in der Frage der Vcrreichlichung der Eisenbahnen einen Vorwand, zu be- ■ haupten, daß Erzberger die Derreichlichung schon zum
„Zur ßuifenqudle? Ja, was machst Du Henn dc-rt?" „Der Tottor hat mir bas Wasser verordnet, aber ich muß es frisch von her Quelle hinten, wett die Bewegung am frühen Morgen auch ntitroirten soll."
Die Tante sah sie so verblüfft an, daß .Edith rasch fortfuhr:
„Weißt Tu, Tante, der Herr Doktor hat mir gesagt, er habe die Quelle, bas heißt ihren Heilwert, erst ent- deckt und es sei eigentlich Geheimnis." ,,
Die Tonte hatte sich inzwischen von ihrer Verblüffung erholt und sagt« eifrig: „Nun, bann wünsche ich recht guten Erfolg und der Lmsenquelle seinerzeit eine große Berühmtheit. Aber, Dtthchen, m Zukunft wirb Dich Waldemar oder Mariechen begleiten, es ist ja doch ein hübsches Stück zu gehen."
„Ach nein," bat Edith. „Der Doktor meint, ich soll mit mir unb meinen Gedanken einmal ttn Tag allein sein, ich käme zu wenig dazu; und der Morgen sei am geeignetsten."
„Da mag er wohl recht haben," mehrte die Tante und sie dachte dabei an die vielschwätzende Amalie. „9ta, trenn mit Gott, Herzchen!" sagte sie innig und küßte da« Mädchen, bann ging sie dem Hause zu und Edtth verfolgte ihren Weg. Ihr war fo frei, so leicht zumute, rote schon. lange nicht. So hell, so frisch war der Mor- gen, so lustig sangen die Vögel unb so leuchtend bunt waren alle Blumen; das Leben mai eigentlich doch recht schön, unb wenn man nicht gerade direkte Ursache zmn Traurigfem hatte, war's eigentlich doch undankbar, nicht luftig zu sein. Diese Gedanken gingen Edtth durch den Kopf und sie fing an, leise vor sich hinzufingen, alle möglichen Lieder, und dann fang sie lauter unb lauter, bis sie ins Wäldchen kam. Den füllen, schmalen Pfad ging auch sie stiller dahin und lugte nach links und rechts wie ein vorsichtiges Reh. Die Lmsenquelle war ein äußerst bescheidenes Drmmlem, das die für Naturfchön- heit begeisterten Grünlindner mH einer romantischen Umgebung versehen hatten. Em« hübsche Grotte hatten sie darüber gebaut, die mH garten trautem und Efeu bewachsen war, em paar Steine hatten sie dem Ouellchen in den Weg gelegt, über die es mit leisem Plätschern hinüberhüpfte, unb hundert Schritte von der Grotte entfernt ein gänzlich überflüssiges, aber sehr zierliches Brückchen aus Birkenholz gebaut; auch einige Moosbänke standen an den Ufern des mehr idyllischen als bedeutenden Wässerchens.
„ (Fortsetzung folgt)].