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Derantwortlich für den redaltionellen Teil: Karl Schütte, " für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. :: Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung
Samstag, 17. Januar 1920.
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41. Zahrg.
Die Wiederbesetzung
des Kölner Erzstuhles.
Mit besonderer Freude dürfen wir die Erwählung des Bischofs Karl Joseph Schulte von Paderborn zum Erzbischof von Köln begrüßen aus folgenden Gründen:
1. Die Wiederbesetzung ist außerordentlich schnell erfolgt, schon zwei Monate nach der Verwaisung der Erzdiözese, so daß ein längeres Interregnum mit der unvermeidlichen Unsicherheit vermieden wird.
2. Die Wiederbesetzung ist glatt vor sich gegangen ohne alle rechtlichen und persönlichen Reibungen, obschon die Revolution in Deutschland u. die Okkupation im Rheinland außerordentliche Verhältnisse geschaffen hatten, die leicht zu Zweifeln und Schwierigkeiten hätten sichren können. Die erforderliche Klärung der Rechtsfragen war bekanntlich durch die Reise des päpstlichen Nuntius nach Berlin und Köln gesichert worden, und die Okkupationsmächte haben sich nach den bisherigen Nachrichten und nach dem Ergebnis zu urteilen, jeden Eingriffes in diese kirchliche und rein deutsche Angelegenheit enthalten.
3. Zur Leitung dieses ältesten und gewichtigsten Erzbistums ist ein Mann berufe» worden, der schon durch seine zehnjährige gesegnete Wirksamkeit in der gwßen Diözese Paderborn eine hervorragende Befähigung für die bischöfliche AmtstätigkAh sowohl für die Regierung wie für die Seelsorge glänzend erwiesen hat.
4- Erzdiözese wird einem verhältnismäßig jungen Mann anvertraut, der noch in der Vollkraft steh: (kaum 48 Jahre alt), so daß nach menschlichem Ermessen die neue Regierung außer der frischen Energie auch die Stetigkeit auf längere Frist erhoffen läßt.
Das A u f r ü ck e n der Bischöfe von ihrer Heimat- diözese ist in Deutschland schon länger üblich geworden. Z. B. wurde der verewigte Kardinal Kopp von F u l d a na.h Breslau berufen, ebenso ist sein Nachfolger Bertram nach Breslau von Hildesheim gekommen und der zweüe Nachfolger Kopps in Fulda, Bischof Komp, als Erzbischof nach Freiburg berufen worden; ferner der verewigte Kardinal v. Hartmann aus Münster nach Köln und dessen Vorgänger Simar von Paderborn nach Köln. Dieses Auftücken führt zu einer Verschiebung oder sozusagen Verdoppelung der Wahlsorgen, da die Diözese des scheidenden Obcrhirten sich um einen Nachfolger bemühen muß. Dagegen ist aber nichts zu sagen; denn es entspricht der natürlichsten Entwicklung, daß für die größeren und wichtigeren Diözesen die Oberhirten aus dem weiteren Umkreis unter den bereits bekannten und bewährten Männern gesucht werden, während in den anderen Diözesen die Wahl neue Kräfte heranzieht, in der Regel aus dem heimischen Bestände.
Bei diesem Aufrücken kann sich nur die Gefahr -ergeben, daß an die Spitze der größten und auch schwierigsten Diözesen vorwiegend Männer von höherem Lebensalter berufen werden. So hoch die Erfahrung zu schätzen ist, die sie aus ihrer langen Praxis mitbringen, so bringt doch die Kürze der menschlichen Lebenefrist eine häufige Erneuerung der Wahl mit sich. Wenn der bejahrte Oberhirt sich in die neuen Verhältnisse eifrig eingearbeitct hat, ist nur zu schnell der Rest seiner Lebenskraft erschöpft. Daher erklärt es sich, daß der Wunsch sich geltend machte, an die Spitze der wichtigsten Diözese möchten Männer berufen werden, die noch in voller Lebenskraft stehen nud auf eine längere Dauer ihrer Wirksamkeit rechen dürfen.
Andererseits wäre es gewagt, zu junge Persönlichkeiten auf die Posten von der höchsten Würde und Verantwortlichkeit zu berufen. Die stärkere Initiative, die m der Jugend liegt, muß gepaart sein mit der Besonnenheit und der Erfahrungsweisheit, die aus der vor- ausgegangenen Tätigkeit geschöpft sind. Wir haben sicherlich nicht zu befürchten, daß die „Verjüngung" zu einem bedenklichen Extrem führt. Davon schützt u. a. schon die erwähnte Hebung, daß man nn die Spitze der größten Diözesen fBlänner beruft, die sich bereits als
Der 6änfeboktor.
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„Das ist die alte Siebend), die unter dem früheren sicher des Gutes immer im Sommer hier gewohnt hat und in ihrem Testament der Gemeinde eine Menge Geld vermacht hat. Ich hab' sie mich nicht gekamü, aber der Notar in Grünlinde hat ja ihr Bild in seiner Kanzlei hangen, ganz dasselbe Bild, dort hab' ich's gesehen."
„Aber das ist ja doch die neue alte Großtante," erklärte Fritz.
„Ja, jawohl," bestätigte Kienholz schüchtern, lieber Frau Amaliens Gesicht flog etwas wie Spott, aber sie sagte doch mit einem tiefen Seufzer: „Ja, das soll meine liebe Mama fein, aber sie ist sehr schlecht getroffen. Sie war eine Schönheit, nicht wahr, Ferdinand?"
„Eine Schönheit," rief dieser begeistert, „gewiß eine wahre Venus! Ganz wie ..."
„Ferdinand!" rief Frau Beiti, zwar nicht laut, aber drohend; Kienholz knickte förmlich ein.
„Nun ja, ja," wiederholte er bescheiden, „ganz wie . . ., ja, ganz wie die Venus."
Liebhardt sah zu Edith hinüber und da traf ihn ein bittender Blick.
„Ach ja," sagte er gleichgültig, „nun entsinne ich mich: die alte Dieberich auf dem Bild beim Notar hat 'ne gelbe Haube."
„5a, natürlich eine gelbe!" rief Kienholz mit einer für den unbefangenen Beobachter gänzlich unbegründeten Freude; „bie alte Bieberich hat pi immer eine gelbe Haube getragen, das heißt, ich. . man hat mir erzählt, daß sie . . . ja, sie soll ordentlich berühmt gewesen (rin durch diese gelbe Haube. Nicht wahr, Betti, so hat man uns erzählt?"
„Mag wohl fern," versetzte die An geredete kühl, „man Gedächtnis ist nicht so treu."
„Ah, da kommt ja Tante Emma!" Kienholz sprang der Eintretenden mit einer Lebhaftigkeit entgegen, die diese an ihm nicht gewohnt war.
„Gestatte, liebe Emma: Herr Doktor Liebhardt — 5rau Emma Riedel, Kusine meiner Frau. Aber jetzt wollen wir uns zum Frühstück sehen. Wo ist denn Gustav?"
Er sprudelte das alles in einem Atemzug heraus.
„Gustav macht eine Radpartie," entgegnete Frau Trum, nachdem sie die Anwesenden begrüßt hatte
Ausüber ihrer oberhirtlichen Befähigung und Tugend offensichtlich bewährt haben. Im vorliegenden Falle ist ja auch der Nachfolger des Kardinals o. Hartmann kein jugendsicher Stürmer unt Dränger, sondern ein ausgereifter Mann, und obendrein ein glänzend bewährter kirchlicher Regent, der Tatkraft und Besonnenheit in fruchtbarer Mischung bekundet hat. Vor allem hat er in seiner ganzen bisherigen Tätigkeit ein tiefes Verständnis für die Verhältnisse und Bedürfnisse der modernen Zeit bewiesen.
So darf man dem Erwählten herzlich Glück wünschen, und auch der Erzdiözese Köln sowie dem ganzen katholischen Deutschland.
Deutschlands Pariser Vertreter.
Der bisherige Reichsschatzminister Dr. Mayer, der infolge des Beschlusses des Parteitages der Bayerischen Volkspartei seinen Abschied nehmen mußte, ist auf den Posten eines deutschen Geschäftsträgers in Paris berufen worden.'
Tie Uebertraguktg dieses wichtigsten Postens unserer diplomatischen Vertretung im Auslande an einen Parlamentarier zeigt die gewaltige Wandlung in den Anschauungen über die diplomatische Geschäftsführung im neuen Deutschland. Seither galt c5 als Selbstverständlichkeit, daß nur ein Adliger einen solchen diplomatischen Außenposten bekleiden könnte. Wie sehr die Rücksichtnahme auf das blaue Blut und einen großen, zur entsprechenden Repräsentation ausreichenden Geldbeutel vielfach auf Kosten der Fähigkeiten und Kenntnisse eines solchen Diplomaten geübt wurden, haben wir leider ja zu unserem eigenen Schaden in der betrüblichsten Weise erfahren.
Nicht beschwert mit längst überwundenen Heber» lieferungen und daher auch nicht belastet mit dem Mißtrauen, das auf dem alten System drinnen und draußen lag, wird Dr. Mayer fein Amt übernehmen können. Wir haben es mit einem klugen und geschickten Sachberwalter zu tun, mit einem ausgezeichneten Kenner und Beobachter nicht nur des deutschen, sondern auch des sranzösischen Wirtschafts, lebens, mit seinem trefflichen Beurteiler der engen wirtschaftlichen Zusammenhänge der beiden Länder. Dr. Mayer beherrscht die französische Sprache und hat lange Zeit im sranzösischen Sprachgebiet gewirkt. Seine geschäftliche Tätigkeit brachte ihn in engste Verbindung mit Frankreichs Wirtschaftsleben und dessen berufene Faktoren hatten sich wiederholt des wertvollen RateS Dr. Mayers irt den wichtigsten Fragen deS französifchen Wirtschaftslebens, ja selbst in Fragen von internationalen Rahmen bedient. Man darf daran erinnern, daß Dr. Mayer als hervorragender Sachverständiger bei den durch die Marokkoangelegenhcit aufgeworfenen französischen und internationalen Wirtfchaftsfragen tätig war.
In diesen Zusammenhängen erblicken wir auch die außenpolitischeBedeutung dieser politisch hochinteressanten AmtSüberftagung. Das seitherige Schaffen Dr. Mayers gibt die Gewähr dafür, daß er in den durch den verlorenen Krieg und ben 23er» sailler Ftkedeusvertrag aufgeworfenen lebenswichtigen Problemen, die unser armes Land und Volk betreffen, alles an Kraft und Erfahrung, an Kenntnissen und Fähigkeiten daran fetzen wird, um nicht nur dem deutschen Volke, sondern auch den andern Völkern, die an der Schaffung einer ruhigen Fortentwicklung ein Interesse haben, dienstbar zu fein. Dr. Mayer hat feinen Rat schon bei der Regelung der Skapa- Flow-Angelegenheit betätigen können. Er war damals ernstlich als der Sachverwalter der deutschen Interessen beim Obersten Rat in Paris in Aussicht genommen. Man erinnert sich auch, daß Dr. Mayer als Minister für den Wiederaufbau die meisten Aussichten hatte. Die Srnmgung aber, daß eine solche vorzügliche Kraft in einer der wichtigsten Positionen, dem ReichsschatzministerEum, nicht entbehrt werden
„So, so, nun also! Nun nehmen Sie Platz, Doktor- chen!"
Auch Waldemar und Mariechsn waren eingetreten und nahmen ihre Plötze ein.
„Fritz, Du sitzest neben mir!“ gebot der Papa und drückte den ängstlich Zurückweichendui auf den Scfftl; dann goß er den Wein in die Gläser.
„Prosit Kinder!" rief er aufgeregt. „Auf das Wohl unserer Patientin! Rote Backen soll sie bei uns bekommen und frohe Laime!" Eifrig stoßen alle an und jedes dachte dabei etwas anderes. Die ehren waren froh, ihre Verlegenheit unter dem Glässrklirren verbergen zu können, Frau 21 malte kam sich vor wie eine Königin, der man huldigt, Mariechsn beklagte im Stillen, daß Gustav nicht da sei und weihte ihm das Glas, Fritz war selig in dem Bewußtsein, daß er zunächst in der großen Gesellschaft vor Prügeln geschützt sei mid gab sich vergnügt dem ungewohnten Weingenusse hin. Mit übereinstimmenden Gefühlen stießen nur zweie an: Liebhardt und Edith, die ehren bedeutsamen Blick wechselten.
„Herr Liebhardt, was ist's denn mit Knickens Gänsen?" fragte der stets neugierige Fritz „Der Christian hat mir gesagt . . ."
„Aber Fritz, Du host ja keinen Zwieback," unterbrach ihn der Papa. „so iß doch!" Dabei stopfte er ihm ein Stück Zwieback in ben Mund, was sich der Junge erstaunt, aber gutmütig gefallen ließ.
„Sie kümmern sich auch um Gänse., Herr Dollar?" fragte Frau Emma.
Jetzt war die Reihe des Berlegenro erbens an Lieb- Hordt.
„3a, ich . . . ich wollte nämlich . . . eine kaufen für . . . für meins Großmutter," stammelte er.
.„Haben Sie denn eine? Das hab' ich gar nicht gewußt," sagte Fritz.
„Sa, freilich, sie ist aber nicht hier; drum wollt' ich ihr eine schicken."
.Aber sie sind ja krank", erklärte der Knabe.
„Sdj?* fragte Liebhardt.
• „Nein, Knickens ■ Gänse. Können Sie ihnen nicht • helfen." f
. „Der gute Junge!" sagte Amalie lächelnd. „Er meint, der Herr Doktor könne auch den Gänsen belfen.“
„Muß er doch, .wozu ist er denn
Kienholz, der wie auf Nadeln gesessen war, sprang jetzt auf und ergriff fein Glos. " j
konnte, hat damals das Kabinett veranlaßt, Dr. Mayer in feinem Amte zu belassen. Nachdem nunmehr durch die Trennung der bayerischen Volkspartei vom Zentrum die unter den parlamentarischen Verhältnissen nun einmal gegebene Notwendigkeit des Ausscheidens Dr. Mayers aus dem Ministerium vorlag, hat das Kabinett Mittel und Wege gesucht, um ihn dem Dienste des Reiches zu erhalten.
So ist auch parteipolitisch Dr. Mayers Berufung nach Paris von größter Beiteutung. Die Zentrumspartei kann stolz darauf fein, daß eines ihrer hervorragendsten Mitglieder diesen schwersten und hervorragendsten Außenpoften des Reiches bekommt. Nicht, nur Frankreich, sondern die ganze Welt blickt mit größter Spannung auf die Persönlichkeit und das Wirken des ersten deutschen Pariser Geschäftsträgers nach diesem Weltkriege. Aber auch die deutschen Katholiken haben Anlaß, mit Genugtuung von Dr. Mayers Berufung nach Paris Kenntnis zu nehmen. Ein edler Borkämpfer für die deutsche katholische Sache, ein beredter und geschickter Anwalt der Kulttiraufgaben des Katholizismus kommt in ein Land, in welchem die weitesten Kreise es nicht als gleichgültig betrachten, welcher Geistesrichtung und parteipolitischen Auffassung derjenige Vertreter ist, den das neue Deutschland ihnen sendet.
Möge so Dr.M ayers Pariser Schaffen bahnbrechend für die wahre Kulturgemeinschost der Völker werden.
Die Heimkehr der Kriegsgefangenen.
Die Mitteilung des Pariser ,Matin', daß die ersten deutschen Gefanaenenzüge bereits die deutsch- französische Grenze passiert hätten, bestätigt sich nicht. Vielmehr sind die mit den Franzosen über die Heimführung der deutschen Kriegsgefangenen getroffenen Abmachungen bis jetzt noch nicht in Kraft getreten. Die Franzose» hatten sich verpflichtet, 24 Stunden nach der Ratifikation die ersten Transporte in Deutschland abzuliefern. Jetzt sind schon mehrere Tage vergangen, und es ist noch immer kein Heimkehrerzug über die Grenze gekommen. Die Franzosen sind anscheinend doch noch nicht so weit mit den Vorbereitungen zum Abtransport gewesen, wie sie in den Verhandlungen angaben. — Die deutsche Regierung hat alles getan, was in ihren Kräften stand, um den schnellen Rücktransport zu ermöglichen. Zahlreiche deutsche Leerzüge warten an der Grenze, um die Gefangenen heimzuholen. Trotz des Streiks hat man es ermöglicht, genügend Züge bereitzustellen. Es sind aber erst am Mitwoch ein Teil, dieser Züge von Frankreich angefordert und nach den Gefangenenlagern abgegangen. Der Grund für die Verzögerung 'wird in dem bei den Franzosen sattsam bekannten Mangel an Organisationsfähigkeit zu suchen sein.
Czernin und die Sixtusbriefe.
Von besonderem Interesse ist es nach den jüngsten Enthüllungen über die Sonderfriedensversuche des Kaisers Karl vvn Oesterreich, zu prüfen, wie sich der damalige Minister des Aeußern Graf Czernin in dieser Frage verhalten hat. In seinen Memoiren batte er sich als unbedingter Verfechter des deutsch- österreichischen Bündnisses bekannt und auch jetzt versichert er, daß die österreichisch-ungarische Regierung niemals die Absicht gehabt habe, Deutschland zu verraten, sondern mit größerer Entschiedenheit für einen allgemeinen Frieden habe wirken wollen. Die jetzt veröffentlichten Kaiserbriefe seien alleohneWissen der verantwortlichen Regierung abgesandt worden. Graf Czernin läßt durchblicken, die Aktion des Kaisers Karl von Oesterreich sei darauf ausgegangen, ein Entgegenkommen der Entente herbeizuführen. Es ist sehr Wohl möglich, daß man in Wien solche Hoffnungen gehegt hat, man mußte sich aber
„Dem Spezielles, liebe Amelie!" rief er. Amalie hielt ihr Glas entgegen. >
„Der Erinnerung an bie schönen, unvergeßlichen Su= gendtage, lieber Ferdinand!" sagte sie mit schwärmerischem Blick. „O, bah sie ewig grün bliebe.“
Frau Britt, bie auch ihr Glas erhoben hatte, stellte es wieder zurück. „Ach, Pardon, da barf man nicht mit anstvßen," meinte sie spitz.
„O bitte, bitte, nur immer mit! Ueberhaupt nur trinken!" rief Kienholz aufgeregt. „Jetzt Dein Spezielles, liebe Betti, und die Erinnerung an die schönen . . ."
„D, banke, danke!“ wehrte ste ab. „Diese Erinnerungen sind für Dich vielleicht . . ."
Frau Emma, stets daraus beacht, Explosionen vorzubeugen, unterbrach hastig ihre Cousine. „Liebe Betti, Du hast mich gestern wegen des Risotto gefragt; nun fällt mir eben ein, daß ich vergessen habe, Dir zu sagen .."
„Ach laß, laß!" dankte Frau Betti; „ich muß doch erst fragen, ob Amalie überhaupt Risotto ißt."
„Stenn er gut ist, gewiß", entgegnete Amalie würdevoll. „Unser Koch verstand ihn vorzüglich zu bereiten; nicht wahr, Ditha?“
„Ja, Maina", sagte Ditha automattsch wie immer.
„Ah, ba komm! ja bet Gustel!" rief Emma ihrem rintrelenden Sohne entgegen.
„Guten Morgen und guten Appetit!" rief Gustav ftöhlich.
„Du bist schon wieder zurück?" fragte Waldemar.
„3a, ich bin mit meinem Pferd gestürzt", nun ist es momentan unbrauchbar."
3n Liebhardt regte sich sein Berus. „Wo ist es denn vorletzt?" fragte er rasch. Kienholz sprang aus.
„Pardon, ich habe ganz vergessen: Mein Nesse Gustav Riebet — Herr Doktor Liebharbt", sagt« er oorstellenb.
>.2lh, freut mich, habe 3hren Namen übrigens heute schon gelesen", Jagte Gustav. Sie haben wohl einen Bruder, ber Tierarzt im Städtchen ist?"
„3a ... bas heißt . . . eigentlich is! er mein Vetter", stotterte Liebhardt.
„Aber Sie sind.... begann Frihchen; ba trat plötzlich Edith mit einem Teller voll Erdbeeren zu ihm.'
„Fritz, magstDu noch Erdbeeren?" fragte sie zärttich.
„Bitte, ich will immer", entgegnete Fritz erfreut.
„Woher weiß! Du denn, baß es im Städtchen einen Tierarzt dieses Namens gibt?" wagte Kienholz zu fragen, da er jetzt.seinen Jüngsten vollauf mit den Erdbeeren beschäftigt sah.
selbst sagen, daß die Entente die ganze Hand nehmen würde, wenn ihr der kleine Finger gereicht wurde. Die Entente brauchte sich aber nicht mehr zu bemühen, nachdem ihr die Schwäche der Position Oesterreich-Ungarns klar geworden war.
Der Kamps um das BeLriebsrätegesetz. 2
In der Nationalversammlung ging am Freitag der Weiterberatung des Betriebsrätegesetzes die Erledigung kleiner Anfragen vorauf. Die mannigfaltigsten kleinen Sorgen, die die Herzen drücken, bilden ebenso Gegenstand der Fragen wie nationale, mit dem Frie- bensvertrag in Zusammenhang stehende Angelegenheiten, der Aerger über die Kraftdroschken in Berlin ebenso wie die Unzulänglichkeit der vom offiziösen Telegrapben- büro herausgegebenen Parlamentsberichte und der Zustände im besetzten Gebiet. Auf die Anfrage nach den Maßnahmen, bie die Regierung getroffen hat, um den Scapa Flow-Leuten die Freiheit zu verschaffen, läßt sie mitteilen, daß sie von einer neuen Verhandlung über die Rechtslage absehen zu können glaube, da feste Versprechungen der Alliierten die Heimkehr der internierten Flöttenbefahung in kürzester Zeit erwarten ließen. Ünterstaatssekrctär Dewald stellt auf eine An- frage fest, daß bet manchen Ministerien und Verwal- tungSbehörben noch Reste der Arbeiter- und Solbaten- rätc in der Form von Beiräten bestehen, die ansehnliche Gehälter beziehen. Weiter wirb mit geteilt, daß die Abgabe der in den Harburger Oclfabriken vorhandenen Mengen von Oelkuchen an die Landwirtschaft in die Wege geleitet ist, sie stockt aber infolge der durch '.die teuren Rohstoffe bedenklich hohen Preise.
Hierauf nimmt die Beratung bcS Betriebsräte- gesetzes ihren Fortgang. Auch heute wieder machen die Unabhängigen die Beratung durch möglichst lange Reden zum Tummelplatz ihrer Agitation. Es ist ganz klar, daß da? nur der Obstruktion wegen geschieht. Im Ausschuß, wo reichlich Gelegenheit gewesen wäre, auf eine Umgestaltung des Gesetzes zu drängen, haben die Unabhängigen fich an der Arbeit gar nicht beteiligt, ja meistens den Sitzungen überhaupt nicht betgewohnt. Nicht einen einzigen Antrag haben sie während der Wochen dauernden Ausschutzberatungen gestellt, jetzt aber kommen sie bei jedem Paragraphen mit Abänderungsanträgcn. Die Mehrheitsparteien beteiligen sich an der Debatte nut ganz vereinzelt. Diefe Haltung beruht auf einer Vereinbarung der Mehrheitsparteien mit der Regierung dahingehend, an der Fassung des Ausschusses nur noch redaktionelle, aber keine sachlichen Aenderungen mehr vorzunehmen. Bei der Abstimmung werden denn auch die Komprontttzbe- schlüsse des Ausschusses fast unverändert angenommen. Die Deutsch-Nationalen greifen nur noch gelegentlich in die Debatte ein. Es ist ihnen offenbar doch nicht recht geheuer in der engen Gemeinschaft mit den Un. abhängigen.
Dis abends 9 Uhr ist bie Beratung noch nicht beendet. Zwecklos, enblos unb trosllos gehen die „unabhängigen" Monologen weiter. Snfolge ber Obstruktion ber Unabhängigen find die gesamte Disposittonen ber Nationalversammlung über bett Haufen geworfen. Da zwischen ber zweiten und dritten Lesung ein voller Tag liegen muß, kann die dritte Lesung nicht, wie geplant, am Samstag stattflnben, wenn man bann überhaupt nicht noch in ber 2. Lesung steckt. Arn Montag aber sollte der Zentrumsparteitag im Reichstag beginnen. Es ist daher mit der Möglichkeit einer Sonntagssitzung zu rechnen.
Die Tränet des Saargcbtels. Die Saarzeitungen widmen der Trennung des Saargebietes vom deutschen Mutterlands Abschieds- und Klageworte. In den Artikeln, dir natürlich unter strenger Zensur stehen, wird hervorgehoben, die Saarbevölkerung hoffe, daß der Völkerbund das halte, was er versprochen habe, nämlich das Recht und das Wohl des Volkes an der Saar zu garantieren.
* 20 deutsche Geiseln befinden sich noch immer, in Belgien, weil nach belgischen falschen Nachrichten noch immer belgische Gefangene widerrechtlich in Deutschland zurückgehalten würden. Die deutsche Regierung hat neuerlich alle Schritte ergriffen, um auch dies? Opfer zu befreien.
* Ein Ausruf zum Wiederaufbau. Führende Politiker und Finanzmänner von den neutraleu Ländern
„3a, lieber Onkel", erzählte Gustav, „wie ich mit meinem zerbrochenen Rab . . .“
„Ach so, rin Stahlroß!" warf Liebhardt ein.
„3a, ein Stahlroß.", bestätigte Gustav. „Also mit ich durchs Städtchen gegangen bin, kommt ein Schusterbub daher. — bie sind grab so keck wie bei uns — und jagt, ich soll mein Pferd doch gleich ba zum Tierarzt füfjren- Und ba hab' ich eben den Namen gelesen."
„2lh so, — ja, ja", sagte Kienholz erleichtert.
„Aber Du Gustav, der Herr Liebhardt . . ." begann Fritz wieder.
„Fritz, Du hast ja keinen Wein mehr", rief ber Papa schnell.
„Ich hab' buch Prosit trinken müssen", ü erteibigte sich ber Knabe.
„Na, so gib her Dein Glas, ich will . . ."
„Nein, Papa", wehrte Mariechen, „er ist ohnebies b«kneipt, er ist schon vorlaut."
„Das ist er auch im nüchternen Zustand", meinte Wolbemar, „aber er redet schon Unsinn. Seg ihn an die Lust, Papa!"
„3a, Du hast recht", sagte Kienholz zustirnmenb. „Geh, Fritz, schneide ein paar Rosen ab für unsere Edith, weißt Du, von den neuen Stöcken.“
„Ach, bie weih ich selber, Onkel", fiel Edith ein: „ich hole sie."
Liebhardt sing einen Blick Ediths auf und fragte lebhaft: „Haben Sie neue Rosenstöcke gekauft? Ach, die möchte ich wohl gerne sehen!"
„Snteressieren Sie sich für Rosen?" fragte Kienholz.
„Riesig!" versicherte Liebhardt. „Darf ich mitkommen, Fräulein?" -
„Gewiß, kommen Sie nur!"
Mit großer Erleichterung sah Kienholz die beiden hin- ausgchen. Fritz trieb unterdessen mit Eifer seine Fingerknöchel in tüt Rippen seiner Schwester, daß diese laut auffchrie.
„Warum sagst Dti denn, ich bin betrunken?" flüftctte er wütend mit zusammengepreßten Zähnen. „Der Papa hat mir noch Wein geben wollen."
„Papa Hal nicht auf Dich geachtet, er weiß gar nicht, wieviel Du getrunken hast."
„Meinst Du, ich bin so zimperlich wir Du?" prahlte Fritz. „3ch kann schon was vertragen, ich bin ein Mann."
„Ern nichtsnutziger, frecher Schlingel bist Tu", sagte sie empört, „der nicht unter erwachsene Leuce gehört."
^Fortsetzung folgt)