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47. Zahrg

'Nr. 12

Zteitag, 16. Januar 1920

Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Karl Schütte. :: für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. u

Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: FuldaerZeitung.

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Anzeigenpreis: Di« K le inzeile,(nach Colonellchrift) 50pfg., dieRrklamezeile (Textbreite) 1 Btt., bei Wiederholung Rabatt.

Die Beratung des BetriebsrätegesetzeS.

Sitzung der Nationalversammlung.

Die Nationalversammlung begann am Donnerstag die.Einzelberatung. Sie Opposition von rechts und links setzte alsbald mit einem Ansturm von A b- önderungsanträgen ein. G: t Antrag Dr. Heintze <D- Dpt.) zum grundlegenden § 1 will die Vorlage dem kommenden Reichswirtschaftsrat überweisen und eS die. sem überlassen, Richtlinien für eine Eingliederung der Betriebsräte in die Wirtschaftsorganisationen feftzu. pellen, das heißt praktisch eine Vertagung der gan­gen Angelegenheit. Der Antrag wird gegen die Stim­men der Rechten abgelehnt; ebenso gegen die Stimmen der äußersten Linken das Verlangen der Unabhängigen, in allen Pctrieben mit mindestens zehn Arbeitern Be­triebsräte zur Ueberführung der kapitalistischen Wirt- schaitSordnung in die sozialistische zu errichten.

§ 1 wird in der AuSschuhfaffung angenommen. Die Einführung der Betriebsräte nach dem Wunsche der Mehrheitsparteien ist damit auch in zweiter Lesung festgelegt. Die Opposition wendet sich daher den Ein- adretten zu. Schon beim folgenden § 2 bringt sie eine Reihe von Abänderungsanträgen ein, die das HauS in­des nicht lange aufhaiten und trotz der von den Abgg. Bienet (Dnat. Dpt.), Dr. Most (D. Dpt.) und Können tUnabh.) gegebenen Begründung abgel ehnt wurden. 65 bleibt auch hier bei der Meinung de» Ausschusses. DaS gleiche Schauspiel wiederholt sich bei "dem nächsten Paragraphen. Beim § 6, der für die Wahrnehmung der besonderen wirtschaftlichen Interessen von Arbeitern und Angestellten besondere Räte dieser beiden Kate­gorien vorsieht, entfesselt der unabh. Abg. Konen eine umfangreiche Hin- und Herrede mit dem Arbeitsmini» Eer Schlicke und den mehrheitSsozialistischen Abgg. ®ie- el und Sender; man erhält fast den Eindruck, als ob eine Obstruktion von den Unabhängigen beabsichtigt fei.

In der Nachmittagssitzung fahren die Unabhängi­gen fort, Abänüerungsanträge zu den einzelnen Para­graphen einzubringen und in langen Reden zu begrün, den. Sie verbrauchen ungeheure Lungenkrast, obwohl fte in der Kommission jede Mitarbeit verweigert hatten. Auch die Deutsche Volkspartei setzt ihre Opposition durch Einbringung von aussichtslosen Anträgen fort. Die Beratung gedieh bis zum § 27.

Freitag: Weiterberatung.

ez Berlin, 16. Januar. (Tel.) Wie man annimmt, wird die Taktik der Unabhängigen eine HinauSziehung der Verhandlungen über daS Betriebsrätegesetz bis Montag zur Folge haben.

Ruhe nach dem Sturm.

Nach den Vorgängen vom DienSlag war in Berlin von den Kommunisten und Unabhängigen «ege Propaganda für einen 24 stündigen General- streik getrieben worden. Der Erfolg war da sehr gering. Ein Generalstreik kam nicht zustande. In einigen Betrieben, die von jeher 'die Kommunisten flefteHt haben, wurde gestern zwar gestreikt, in den meisten Betrieben jedoch vollständig gearbeitet, oder es war nur ein Teil der Arbeiter in den Ausstand getreten. In einigen Betrieben haben sich die Mehrheitssozialisten der Streikparole entschieden und erfolgreich widersetzt, in anderen erst nach starkem terroristischen Druck die Arbeit niedergelegt. Bemer­kenswert ist, daß gerade unter den Angehörigen der Großbetriebe, wo sonst die Streikluft besonders groß war, die Propaganda diesmal versagt hat.

Die von Unabhängigen und Kommunisten für gestern beabsichtigten Versammlungen, die Liebknecht und Rosa Luxemburg gewidmet sein sollten, wurden von der Sicherheitspolizei vereitelt. Danach sollen geheime Versammlungen in einzelnen Häusern stattgefunden haben, wo zur Fortsetzung des Kampfes gegen die Regierung aufgesordert worden sei.

46 Tote.

eg. Berlin, 16. Jan. (Tel.) Bonden in den öffentlichen Krankenhäusern eingelieferten schwer verwundeten Opfern der DienstagSkämpfe vor dem Reichstagsgebäude find noch zwei gestorben. Die Zahl der Toten ist damit auf 46 gestiegen.

Die Streikbewegung.

Der Eisenbahnerstreik geht wie im Westen auch in Schlesien und Sachsen seinem Ende entgegen. Der Versuch der Kommunisten zur Durchführung ihrer politischen Forderungen nnd der Einführung der Sechsstundenschicht einen allgemeinen Be rgarbet- terauSstand herbeizuführen, ist vorläufig als voll­kommen gescheitert zu betrachten.

Zum Rücktritt deS Reichsschatzminifters Dr. Mayer

wird der „T.P.C." aus parkameniarischen Kreisen ge­schrieben: Der unglückliche Beschluß des Parteitages der bayerischen Volkspartei, die Verbindung mit dem Zentrum zu (Öfen, zeitigt bereits feine nachteiligen Wirkungen für Bayern. Der Beschluß hatte zur Folge, daß für den R e i ch s s ch a st m i n i st e r Dr. Maytr die Frage entstand, ob er al« Vertrauensmann des Zentrums noch im Kabinett bleiben könne, wenn die Arbeitsgemeinschaft zwischen Zentrum und bayerischer Volkspartei gelöst wäre. Mit rechtem Empfinden hatte sich Dr. Mayer nach Dekannlwerden des Beschlusses so­fort an den Landrrvorsitzenden der Dayr. Volkspartei, Finanzminister Speck, gewandt mit der Frage, ob mit dem Austritt der bayr. Volkspartei aus der Zentrums- frottion sich ein Austritt aus der Koalitionspoliiik ver­bunden sein solle. Herr ispeck antwortet telegraphisch, die Koalitionspokitik (Zusammengehen mit Zentrum, Demokraten und Sozialdemokraten) solle nichtfortgesetztwerden, was um so auffälliger ist, als die Parteileitung der bayr. Volkspartei sich nicht dadurch hindern läßt, ihrerseits in Bayern diese Koalitionspolitik weiter zu trei­ben und im Ministerium zu bleiben. Daraufhin hat Dr. Maycr fein Entlass ungsgesuch als Minister eingereicht.

Das bedeutet einen schweren Schlag für die Sache Bayerns im Reich. Dr. Mayer hat es verstanden, durch feine überragenden Kenntnific des großen wirt­schaftlichen Lebens, durch fein entgegenkommendes We­sen und sein politisches Verständnis sich im Kabinett nicht nur einen hervorragenden Einfluß zu sichern, son­dern auch im Jnteresie Bayerns zu wirken. Ein hoher Ministerialbeamter, der seit Monaten in Berlin tätig ist und durch seine besondere Stellung und Aufgabe einen tiefen Einblick in die Verhältnisse hat, sagte zu dem Schreiber dieser Zeilen: „Das Ausscheiden Dr. Mayers aus dem Ministerium kann im Jnteresie. Bayerns nicht tief und schmerzlich genug bedauert wer­den. Er bedeutet für Bayern einen unersetzlichen Ver­lust." Der Mann ist weder Anhänger der bayr. Dolls­partei noch des Zentrums. Es ist bedauerlich und für Dr. Mayer um so schmerzlicher, daß es seine eigenen Parteian^ehörigen sind, Me ihm das Verhi'ei- ben auf seinem Posten unmöglich gemacht haben. Auch seine eigenen Wähler haben ihm, was für ihn das Bitterste ist, im Stich gelasien. Während am 2. Ian. in Augsburg noch die ganze Kreisorrsammlung der bayr. Volkspartei sich einstimmig gegen die Trennung vom Zentrum aussprach, stimmten auch viele Schwaben, na­mentlich Algäuer, unter der Führung des Iustizrat Deisert, der noch am 2. Januar eine Lobrede aus das Zentrum gehalten hatte, an; 9. Januar in München für die Trennung und damit für den Rücktritt Dr. Mayers. Mag wer immer der Nachfolger Dr. Mayers werden, ein Bayer wird es sicher nicht sein und namentlich nicht ein Mann, der mit solcher Umsicht und Küigheit, mit solchem Eifer und Erfolg für die In- teresien Bayerns eintritt. Es wird die Zeit kommen, und wir fürchten bald, wo man es in dm weitesten Kreisen Bayerns und der bayr. Volkspartei einsehen wird, wie verhängnisvoll der Beschluß vom 9. Januar gewesen ist.

Die Meldung des „Berl. Lok.-Anz.", das Reichs» kabinett habe das Mcktrittsgefuch des Reichsschatzmi- .....................................■iiiimi ..........nun..........im m

nister Mayer bereits genehmigt, ist n n z u t r e f° f end. — In der Fraktionssitzung der B. Dolks- pariei, in der über die Forderung des Parteitages auf Trennung von der Zentrumsfraktion verhandelt wurde, waren, wie uns noch berichtet wird, von 18 Mitgliedern 12 anwesend. Don diesen stimmten 11 für das Ausscheiden aus der Zentrumsfraktion, während einer für das Verbleiben bei der Zentrumsstaktion stimmte. Der Abg. Hebel hat infolge dieses Be­schlusses sein Mandat niedergelegt. Einige weitere Mitglieder der Bayerischen Volkspartei dürften die­sem Beispiel folgen, darunter auch der Abg. Leicht.

Holland lehnt die '

Auslieferung des Kaisers ad.

Die holländische Regierung bat die Vertretung der Eniente in Paris in freundschaftlicher Art und inoffiziell benachrichtigt, daß ihr eine Anfrage über ihren Standpunkt in der Kaiserfrage unangenehm wäre. Holland sehe in dem früheren Kaiser und seinem Sohn politische Flüchtlinge, denen eS Achsrecht gewähren müsse. Dieser inoffizielle Schritt soll unternommen worden sein, nm zu verhindern, daß Holland bei einer offiziellen Anfrage mit einer direkten Weigerung antworten muffe.

Die adriatische Frage.

Einer Rentermeldung zufolge berichtet »Daily Ebroniet" ou8 Paris, daß die adriatische Frage ge­lost worden.ist. Fiume bleibt bei Italien, der Hafen wird jedoch internotionaüfiert. Er wird dem Völkerbünde unterstellt. Das Hinterland kommt zu Jnaoslavien. Italien wird jedoch die Be­nutzung der Bahnen garantieren. Die gesamte dal- ma t i f ch e K u st e mit Ausnahme vvn Zara und einer oder 2 Inseln fällt an Zugoslavien.

AuS dem besetzten Gebiet.

* zurnzSsische» zriedenkfrst. Aus Mainz wird gemeldet: Die Franzosen haben die Unterzeichnung deS Friedens mit großem äußeren Aufwand gefeiert. Große Truppenumzüge, Aufzüge vor dem Schloß, Zapfen­streich, zwei Festbeleuchtungen von Schloß, Brücke und den militärischen und militärisch benützten Gebäuden, die in krassem Gegensatz zu der furchtbaren Kohlen» und Lichtnot stehen, deretwegen eben am Tag zuvor die bereits gekürzte Arbeitszeit in Geschäften und Büros weiter vermindert werden mußte. Natürlich gehen alle diese pompösen französischen Feierlichkeiten auf Kosten deS noch nicht genügend verelendeten deutschen BelteS.

Ausländer als Hausherren. Wie Ausländer als Hausherrn im besetzten Gebiet verfahren, zeigt folgend« Mitteilung aus Wiesbaden: »Unser jetziger Hauswirt, ein Luxemburger, der das Haus vor wenigen Wochen gekauft hat, hat uns riesig gesteigert ufld"droht, EdM wir nicht zahlen, das Haus der französischen Behörde zur Verfügung zu stellen. Diese sitzt einen in Zeit von 14 Tagen einfach vor die Tür. Was bleibt einem da anders übrig, als vorläufig das Geforderte zu zahlen. . ."

* Zugeinstellitng in Bayern. Da der Kohlenvor­rat zu Ende geht, wird vom 15. Januar an der ge­samte Güterzugverkehr eingestellt bis auf di« Beförderung von Lebensmitteln und Brennstoffen. Die Zulassung deS Personenverkehrs zu den noch verbleibenden Zügen istvollständig ausgeschlossen. Der Nahzugsverkehr wird gleichfalls eingeschränkt.

* Die Liste der deutschen „Schuldigen". AuS Paris wird gemeldet: Die Liste mit den Namen d2c deutschen Schuldigen wird in der ganzen Welt verbleitet werden. Bei jedem Namen wird die Art der begangenen Verbrechen stehen.

* Der russische Kommnnist Radek ist nun endlich auS Berlin entfernt worden. Nachdem die Zustim­mung der polnischen Regierung zu seiner Durchreise nach Rußland eingetroffen war, ist er an die, pol­nische Grenze gebracht worden.

* Prozeßbegiim gegen den Grafen Arco. In München begann gestern die Verhandlung in dem Mordprozeß gegen den Studenten Arco-Valley, der das Revolverattentat auf den damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Kurt (Eigner verübt batte.

* Kanadas Hilfe für Europa. Tie.britische Reichsregierung hat Kanada gestattet, an der Unter­stützung Europas mitzuwirken. Es ist bereits ver­einbart worden, daß Kanada Weizen nach Europa sendet und einen Anteil an dem Kredit, den Oester­reich erhält, um Lebensmittel zu kaufen, übernehmen wird.

* „Dir grüßen nicht!" Ter Außenhafen von Flensburg, der zum schleswigschen Abstimmungs­gebiet gehört^ hat — so wird von dort unterm 14. d. M. berichtet — neue Gäste erhalten. Außer dem englischrn Zerstörer „B 94", 6er schon am Morgen anlangte, kam am Mittag ein französischer Zer­störer und mit ihm der Generalsekretär der inter» nationalen Kommission. Später lief das deutsche Torpedoboot „D 116", von Kiel kommend, ein. Es soll Marinemannschaften abholen. Bei seinem Er­scheinen signalisierte der englische Kreuzer, auf dem sich der Admiral Ehephard befindet, den übrigen Schiffen: „Wir grüßen nicht!" Das deutsche Tor­pedoboot fuhr infolgedessen ohne 'Gruß unter den Klängen „Deutschland, Deutschland über alles" mit wehender Kriegsflagge vorbei.

Deutsches Reich.

* Tie Teuerungszulagen. Im Haushaltsausschuß her Nationalversammlung stand am Donnerstag die 150pro;entige Erhöhung der laufender Teuerungszulagen für die Beamten zur Beratung. Reichsfinonzminister Erzberger wollte die Zustimmung deS HauSbaltSausschnsieS in dieser Frage herbei führen, ohne den Weg eines Nachtragshaushalts plane» zu beschreiten. Der Ausschuß beschloß jedoch die Zulagen vordasPlenumzu bringen. Diesem wird daher ein besonderer Gesetzentwurf zugehen, der bereits heute verabschiedet werden fall.

e D«S Reichsgencralsekretariat ter deutschen Zen- teumSpartei gibt Mitteilungen heraus, welche politische Informationen enthalten. Es ist beabsichtigt, wöchentlich eine Nummer erscheinen zu lassen gurrt Preise von Mk. 1 einschließlich Porto. DaS Abonnement für ein Vierteljahr beträgt Mk. 10 einschließlich Porto, Nr. 1 behandelt die Frage: „Die Tätigkeit des Zentrums in der Nationalversammlung für die Landivrrtichaft" Anmeldungen werden erbeten an dar Reichsgeneral, sekretariat der deutschen Zentrumspartei, Berlin W 8, Französische Straße 62 II.

Augsanö.

ckskthrckiM-^nMrrr-für Mittcleurspa Dem Aufruf des Pa.pfte5 zugunsten der hungern- den Kinder Deutschlands und Oesterreichs nachkommend, hat in Spanien die Sammlung von Liebesgaben in großem Maßstab begonnen. In allen Kirchen des Landes sind besondere Opferstöcke eingerichtet, denen fortwährend reichliche Almosen zugeben, wobei sowohl dar untere Volk, trotz der herrschenden Teuerung, wie die wohlhabenden Klaffen bereitwillig ihr Scherflein spenden. Unter dem Vor­sitz deS Bischofs von Madrid, $ifgr. Melo, hat sich ein Ausschuß gebildet, der die Zentralisierung des gedachten Liebeswerkes übernommen und eine Reihe von Veranstaltungen, wie Theatervorstellungen, Kunstausstellungen, Sportfeste ujw. in§ Auge ge­faßt hat, bereit Erlös der Sammlung zugetvendet wird. Unter der Leitung von Künstlern und Kunst­kritikern wurde ein Panorama mit Darstellungen von Auftritten aus dem Ltben Jesu eingerichtet, daS ungeheueren Zulauf hat und dessen Erlös den Fonds der hungernden Kinder erheblich vermehren werden.

Bei den Senatswahlcn, die am vergangenen Sonntag in Frankreich stattfanden, ist, Ivie das jetzt ................. miassmi

Der Siinsedoktor.

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„Ein Tierarzt?" fragt« Edith erfttmirt. „2a eSer . .* „Was suchen Sie bann bei mir?" ergänzte er. „Das > wollen Sie wohl sagen. Ja, Fräulein, ich spiele eben «ine falsche Rolle, die mk aufgezwungen wurde. Ich sollte es eigentlich nicht sagen, aber nachdem ich nun ein­mal den Doktor spielen muß und ich erkannt habe, daß Wahrheit dsi Midtzin ist, die Ihnen hllst, so muß ich sie eben amvenden. Also: Ihre Frau Mama hat einen Arzt für <5ie gewünscht uni) Ihr Herr Oheim, .der ihr offenbar nichts abschlagen will und der mit dem Dezirksarzt irgend­wie verfeindet fein soll — was mir übrigens ganz neu ist — hat mich gebeten, den Doktor zu spsisin. Eh« ich mich noch weigern konnte, waren Ssi schon hier und da sah ich in der Falle."

Gespannt hatte ihm Edith zugehört.- Ihr Gesicht schien noch schmäler, ihre Augen schienen noch grötzer zu worden.

„Verzeihen Sie, was ist der Bezirksarzt für ein Mann?" fragte sie.

„Ein eleganter, schöner, junger Mann, der Abgott oller Mädchen", berichtete er wahrheitsgetreu.

„Verheiratet?" fragte sie fast atemlos weiter.

„Nein, nicht einmal verlobt", erwiderte er und sah sie erstaunt an; dann fuhr er fort: „Der Advokat gibt sich nicht billig her und hier in der Gegend sind Millionen schwer zu haben."

Um Ediths Mund hatte sich wieder der scharsi, bittere Letdrnszug gelegt, der sie stets um Jahre älter erscheinen ließ. „Wieder die Lüge, die tausend andere Lügen er­zeugt, die Lüg«, unter der ich zusammenbreche, di« mich täten wird. Wieder dasselbe, immer dasselbe Spiel!" Sie brach tn Tränen aus.

„Fräulein, bitte, nicht weinen!" bat er erregt. „Er­klären Sie mir . . ."

Sie richtete sich plötzlich auf. „Ja, das will ich", sagte sie energisch und trocknete ihre Tränen. „Ich will nicht mchc weiterlügen, einem Menschen gegenüber will ich rot« te^-rns frei und wahr sein. Also hören Sie: Dir sind Besitzer eines äußerst bescheidenen Vermögens, Mama und «der vor langer Zeit Hot sich einmal das Gerücht ver­breitet, Mama habe einen amerikanischen Millionär ge­heiratet und von diesen erdichteten Millionen leben wir. Mein Vater war ein kleiner Schauspieler und da er es nichts bringen konnte, ging er mit meiner Blutte-

noch Amerika und dort wurde ihm ein« Kunst, die er bis­her aus Liebhaberei getrieben hatte, zum Seyen. Er kocht« nämlich sehr gut und je fort» < bald einen Poften eis Koch. Ss ging mw sehr gut h Stewyork m* fie mein Vater starb, hinterlteß er «kn kleines Kapital, van dem wir zwar bescheiden, aber doch ganz nett leben konn­ten. Wir zogen nach Deutschland und lebten in eilt em kleinen Städtchen ganz ruhig und hübsch. Sber vor ein paar Jahren siel «s der Mama ein, dos Gerücht zu be- niitzen, von dem sie durch ihren verstorbenen Vater ge- hört hatte, und so zogen wir von einem Orte zum andern, alle auffindbaren Verwandten befuchend, weil die Mama hoffte, daß ich auf dies« Art . . ." Sie hatte heftig und erregt gesprochen, mm hielt sie auf einmal erschrockrn inne. „Nein, das kann ich nicht sagen", flüsterte st« und waüdte sich ab.

„Dann fafl’s Ich", entgegnete Liebhardt, der ihr ge» fpaimt zugehört hatte. „Die Mama hofft«, daß Sie auf diese Art eine glänzende Partie machen würden. Annes Kind!"

Sie war bleich geworden, als er das in so klaren Warten sagt«, dann schoß chr das Blut ins Gesicht.

„O, wenn Sie wußten", rief sie leidenschaftlich, „wie mich das empört, angewidert, gedemütigt hat vor mir selber, wie oft ich Mama auf den Knien gebeten habe, heimzukehren in unser friedliches Nest! Aber so lieb fit mich hat, darin gibt sie nicht nach. Und ich muß weiter» lebeit so als Betrügerin!"

„Aber, liebes Fräulein!" sagte er tröstend.

„Ja doch!" beharrte sie. „Ist es etwas anderes als Betrug, wenn man andere täuscht, in ihnen Hoffnung er­weckt, die man nicht erfüllen kann? Und dabei noch das widrig« Schauspiel, diejenigen, di« man betrügen will und soll, selbst als Betrüger zu sehen; o, wie schrecklich es doch zugeht auf der Welt! Sehen Sie, wohin wir auch kommen, immer war ein Sohn, Neffe oder Vetter da, der mit mir oder vielmehr mit meinen Millionen beglückt werden sollt« und der mir aus eigenem oder fremdem Antrieb auf Leben und Tod den Hof macht«; alle übrigen Herren aber wurden sorgsam ferngehakten. Und nun auch hier, auch hier dasselbe Spiel, dasselbe gegenseitige Be­trügen!"

„Nehmen Sie’s nicht so tragisch,. Fräulein", sagte ei m beruhigendem Tone, „und trösten Sie sich, jetzt mit dem Bewußtsein, daß es wenigstens einen Menschen gibt, der di« Wahrheit keimt."

„Das ist mir auch ein« Wohltat", entgegnete sie mit einem tiefen Seufz ec der Erleichterung.

„Und darf ich wtederkornmen, «ach dem Befinden meiner Bafttirtfat fB fragen?" bat er und hielt ihr seine btibm Hände hin.

Nasch mtb freudig legte sie ihr« Hände in die seinen «nd enniberie herzlich: „Gewiß und zwar recht ast; ich werde dann alles wieder leichter tragen, meine Betrüger- rette und den Anblick der anderen, denen ich unter di« Maske gtjtfjttut."

Er hielt ihre Hand« fest, und einige Sekunden fang sahen sie einander in die Augen; aus ihrem Blick sprach inniges Vertrauen, aus dem seinen wärmste Teilnahme und Freude über das gewonnen« Bertrauen. Plötzlich spielte ein gutmütigspottender Zug um seinen Mund.

„Sagen Sie, verehrtes Fräulein, fällt Ihnen nichts auf bei der Geschichte?" fragte er.

„Was sollte mir denn auffallen?" fragte sie erstaunt.

„Na sehen Sie, ich bin statt des gefährlichen Doktors hier und bin doch auch nicht älter als er und bin auch Junggeselle — zu deutsch Garcon —; sagen Sie, bin ich denn so gar nicht gefährlich?"

Sie betrachtete ihn lächelnd.

„So sagen Sie’s, Fräulein, aber aufrichtig", bat er.

„Gefährlich nicht, aber herzensgut", erwiderte sie und drückte noch einmal feine Hände. •

„Also bloß gut! Na, ist auch etwas, wenn auch nicht viel", sagte er mit einem komischen Seufzer; bei ihrem Händedruck aber ward ihm so merkwürdig warm ums Herz wie noch nie; er hob die beiden blassen Hände em­por unj küßte sie.

In dem Augenblick trat Fritz ein.

„Ah, guten Morgen, Herr Liebhardt, was machen denn Sie da?" rief er. „Ist was krank bei uns? Etwa gar der Schimmel?"

„Nein, ein Täubchen diesmal", antwortete Liebhardt rasch gefaßt.

! „Ach gehen Sie doch!" meinte Fritz ungläubig. „Wegen s einer Taube hat sie Papa gewiß nicht gerufen."

„Darum zweifelst Du daran?" fragte Edith heiter.

„Aber das »ire doch gar zu dumm: die BtfjanMung te'tet doch Ttj: »’s zehn gesunde Tauben", mein:« er

„D"t I:: ökonomisch!" , sagte Liebhardt bewun-

, dcrnü. „Wenn man aber nun die Leiden der kranken I Taube lindern will ' "

.2, da dreht man ihr einfach den Hals um, das ist das kürzeste", meinte Fritz.

Ltebhordts Blick flog zu Edith hinüber, die ihn trau« ritz erwiderte. „Denn man es doch getan hatte!" tagte sie seufzend.

„Ach, Du hast eine kranke Taube, Ditha!" fragte Fritz. „Ja, wo beim?“

„Zu Hause, Fritz", entgegnete sie.

„0 weh, wenn die nicht von selber gesund geworden fft, muß sie langst lot sein, bis Dein Brief mit einem Rezept kommt", meinte der Knabe mit verächtlichem Nase- rümpfen. „Ihr Mädel seid ja fo dumm."

„Fritz! Fritz!“ erschallte Ktenholzans Stimme aus dem Garten.

Fritz, der soeben verächtlich von der Durnmhett bet Mädchen gesprochen hatte, verschmähte es durchaus nicht, Schutz bei einem solchen zu suchen.

„Laß mir nichts tun, Ditha!" bat et und erfaßte die Rockfalten Ediths. Kienholz bat ein.

„Ah, da ist er ja", rief er, Fritz bemerkend.

„Laß ihn doch, Onkel!" bat Edith.

,Zch tue ihm ja nichts, was hast Du denn?" fragt:, et erstaunt und näherte sich seinem Sprößling, der trotz dieser Versicherung eben zu einem Gebrüll sich anschickte; in dem Augenblick aber trat Tante Amalie ein und Kien­holz gab die Verfolgung seines Sohnes auf.

„Nun, was raten Sie mir für meinen süßen Lieb­ling, Herr Doktor?" wandte sich Frau Amali« an Lied- Hardt. „Sprechen Sie es aus, Sie können jedes Opfer verlangen! Soll ich nach dem Nordpol mit ihr oder? . ."

„Nein, nein. Sie sollen ruhig hier bleiben," unter­brach sie Liebhardt. „Das Fräulein braucht Ruhr und ein freundliches Familienleben und das findet sie bitt am besten."

„Findet sie, findet sie!" rief Kienholz erfreut. „Sie sind ein Prachtmensch, liebster Doktor, hab’s tmmex ge­sagt. Wenn ich um meine Meinung gefragt würbe, wären Sie längst zum Professor ernannt."

„Sieber Herr Doktor," rief nun auch Frau Amalie begeistert, „wenn Sie mir mein Kind gesund machen, bann sollen Sie sehen, was ich für Sie tue. Wenn ich wieder zurückkehre aus meiner Zurückgezogenheit in die Streife, m denen ich gewohnt bin zu verkehren, dann sind Sie, ehe Sie daran denken, an irgend eine Uni- v«Wt berufen." ‘