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Nr. II.

Verantwortlich für den redattionellen Test: Karl Schütte, :: für di, Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. r.

Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung

Donnerstag» t5. Januar 1920.

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47. Zahrg.

)as Blutbad vom 13. Ian. im Parlament.

Das Reichstagsgebäude war gestern von den -ühen Morgenstunden an in weitem Umkreis durch »iannschaften der Sicherheilswehr abgejperrt. Jr- rnd ein Anlaß zum Einschreiten war aber nicht »geben. Berlin ist völlig ruhig. Der Aus- ahmezustand zeigt seine Wirkungen. In allen Be­lieben wird gearbeitet.

Daß die blutigen Vorgänge ein Nachspiel in der kationalversammlung haben würden, war zu erwarten. Reichskanzler Baier stellte unverblümt die Blutschuld er unabhängigen Aufwiegler und Volksverführer fest. >as Kainsmal, so sagte er in seiner vom tosenden Lärm er Unabhängigen umbrandeten Rede, steht für immer of chrer Stirn. „Der Ehrgeiz von ein paar Führern pt die urteilslosen Opfer bald vor den Reichstag ge­geben und schließlich in den Tod gehetzt." Sie selbst her haben sich feige im Hintergründe gehalten. Der fistende Spektakel, den die Unabhängigen bei dieser iseststellung machten, kann die Wahrheit nicht Hinweg- Äschen. Je mehr Augenzeugen sich zum Worte mel- en, desto infamer erscheinen die Ausschreitungen, die «m entfesselten Mobhelden gegen die Mannschaften der Oicherheitswehr verübt wurden, und desto mehr muh man das ruhige, übergeduldige Verhalten dieser Sicher­heitswehr anerkennen. Verschiedene Zeugen haben kon­statiert, daß die Offiziere selbst noch jede Anwendung der Schußwaffe verhinderten, als der Pöbel sich auf die Mannschaften stürzte, ihnen Gewehre und Mützen ent­riß, sie sch ug und unflätig beschimpfte. Eine Arbeiterin berichtet dem „Vorwärts", wie am Brandenburger Tor «in Offizier geschlagen, ihm die Mütze abgerissen wurde, nnö Dr. Trier, Sekretär des zweiten Unleffuchungsaus- schufses, erklärt .daß ein Stabsoffizier der Sicherheits- wchr noch, als die mißhandelten Beamten schon blut- Sberströmt in das Reichstagsgebäude gebracht wurden, bestimmte Anweisungen gab, unter keinen Umständen zu schießen. Die Unabhängigen können nicht sagen, diese Gemeinheiten seien von einzelnen Individuen in der Menge verübt worden, die ihnen fernständen; es ist dar­getan, daß der Sturm auf das Reichstags- gebäude von „unabhängigen" Führern gewollt worden ist. Der preußische Minister des Innern, Heine, brachte in der Nationalversammlung die Be­weise dafür, daß es sich um einen im Einverständ­nis mit diesen sogenannten Führern unternommenen Putsch gegen das Reichstagsgebäude gehandelt hat. In der Berliner Presie wird heute nachdrücklich betont, es könne kein Zweifel darüber bestehen: Wenn die Zu­gänge zum Reichstag nicht abgesperrt gewesen wären, die Massen wären cingebnmgcn und hätten das Par­lament auseinandergetrieben. Unter dem Druck der Straße können und dürfen aber polittsche Entscheidungen nicht gefällt werden, das Parlament muß in seinen Entschließungen frei sein.

Werden die gefallenen Opfer abschreckend auf die (Gefolgschaft der Umstürzler wirken? Oder wird es den Hetzern gelingen, sie zu weiterer Auspeitschung der Lei­denschaften auszunützen? Es bleibt zu beachten, daß schon vorher weitere „Demonstrationen" angekün­digt waren, zunächst zum 15. Januar, als dem Jahres­tage der Ermordung von Liebknecht und Rosa Luxem- bürg. In Wort und Schrift war der Putsch vom 13. Januar als Dorprobe, als Einleitung zum „Entschei- dungskampfe" angekündigt worden. Die Regierung, das Parlament und das ordnungsliebende Volk müssen auf der Wacht sein, daß das grausige Spiel nicht fort« geführt wird.

i Die Zahl der Opfer.

Die Zahl der bei dem Zusanunenstoß vor dem Reichs. tagsgebSuüe getöteten Personen ist, wie uns ein Telegramm aus Berlin meldet, auf 44 gestiegen. Außerdem werden 105 Verletzte gezählt.

Don den beiden nach den Unruhen vermißten Si­cherheitsbeamten hat der eine den Tod gefunden.

Der Sänfedoktor.

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»Es ist eh* lange Geschichte unfi ich will Sie Somit Ächt aufhalten", wehrt« Kienholz ab. »Genug, ich kann Ihn nicht kommen lasten." Liebhardt wiegt« nachdenklich feinen Kopf.

„Aber die Srztkche Hilfe darf nichts von Feindschaft wissen", meinte er; „am Krankenlager hört für den Arzt alles auf."

„Ach ja. Dorn'» was Gefährliches wäre, nähme ich wich keinen Anstand; aber so, wegen Weibeckumw sich demütigen, nein, das tat der Kienholz nicht. Und da wollte ich Sie bitten, die Rolle des Doktors zu spielen."

Liebhardt, der sonst allzu rasche Bewegungen nicht liebte, sprang aus, als ob er sich auf ein Nadelkissen ge­setzt hätte. „Aber Herr Kinholz", rief er entrüstet. Jus geht doch nicht, das Iäf$t mein Gewissen nicht zu, wo denken Sie hin?"

„Pst, pst", flüstert« Menholz, entsetzt über die laute Stimme seines Gegenübers, und zappelte wie ein Ham­pelmann mit Händen und Füßen.

Gedämpft fuhr Liebhardt fort: „Und wenn der auch noch so ’ne Kleinigkeit fehlt, etwas, wofür ihr das nächst­beste alle Weib einen Tse an raten kann, ich ta*s nicht, ich karm's nicht tun. So gern ich Ihnen einen Gefallen täte, das geht nicht."

„Es fehlt ihr aber nichts, rein gar nichts", versicherte Kienholz, „bloße Laune tft’s.“

„Trotz alledem", begann Liebhardt, da öffnete sich die Türe und Amalie trat mtt Edith ein.

, „Da sind sie", flüsterte Kienholz 4>em andern zu, hier­auf trat er Amalie entgegen.

„Hier ist Herr Dotier Liebhardt, der unserer blaffen Lilie zu roten Wangen verhelfen soll", sagte er, sein un­glückliches Opfer verstellend, dann fügte er, zu diesem ge­wendet, hinzu: „Also hm Sie Ihr möglichstes, lieber Doktor!" Damit verließ er so rasch das Zimmer, daß keiner der Anwesenden Zeit hatte finden können, auch nur «n Wort zu erwidern. ,

Noch ehe der überrumpelte Liebhardt zur Besimn^g gelangt war, hatte Amalie feine Hände erfaßt.

„O, Herr Doktor, ich beschwöre Sie, retten Sie mein Kind!" rief sie. „Was nützt mir olles Gold der Erde, wenn mein Kind leidet oder wenn ich es gar verlieren W ■ -

Der andere wurde an der Freitreppe des Rerichstags von halbwüchsigen Burschen, die Matrosenuniform trugen imd einem Mann, der ein Ausländer zu fein schien, entwaffnet und fortgeschleppt. Die Burschen bedrohten den Polizisten mit Dolchen und erklärten ihm, daß sie ihn niederstechen würden, wenn er zu fliehen versuche. Er wurde nach Moabit in einen Keller verschleppt, wo man den Beamten buchstäblich bis aufs letzte ausplün- derie und ihn bann, nur dürftig bekleidet, nachts laufen ließ. Die Tatsache, daß gestern nacht zwei Wachtmeister der Sicherheitswehr von der Straßenbahn hsruntergeholt und der eine getötet, der andere halb totgeschlagen wurde, zeugen von der Erregung, die noch herrscht.

Ein Ausruf der sozialdemokratischen Darlei.

Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei Deutsch­lands richtet im „Vorwärts" einen Aufruf an die Ar­beiter und Parteigenoffen, der sagt, daß die Unabhängigen und Kommunisten eine furchtbar schwere Schuld auf sich geladen hätten durch den Putsch vor dem Reichstag. Die Demonstration sei ein gewissenloses Spiel mit Menschenleben gewesen. Der Aufruf wendet sich an das Rechtsgefühl der Arbeiterschaft und fragt: Ist es recht, wenn Abgeordnete auf dem Wege zur Sitzung an- gehalten und bespieen werden, wenn die Volksvertretung unter den Druck des Terrors gestellt wird, wenn Organe der republikanischen Staatsgewalt beschimpft und miß­handelt werden? Schließlich werden die Arbeiter aufge« fordert, sich nicht durch erlogene Darstellungen in neue Torheiten Heinern Hetzen zu lasten.

Die Sitzung der Nationalversammlung.

Auf der Tagesordnung sieht die zweite Lesung des vetriebrräteaestzer.

Reichskanzler v-uer: Auf diese Tagung der Hauses, die sich mit einem für die Angestellten und Arbeiter besonders wichtigen Gesetz zu beschäftigen hat, ist ein schmählicher Angriff erfolgt, tote er bisher in der Parlamentsgeschichte noch nicht zu verzeichnen ist. Den traurigen Mut zu diesem Angriff hat die unabhän- gige Sozialdemokratie bekundet. (Lärm bei den Unabhängigen. Rufe: Verleumdung!) Sie haben das Parlament belagern laffen, weil ein Beschluß gefaßt werden sollte, der ihnen nicht paßte. Zum ersten Male ist ein Parlament, hervorgegangen aus dem freiesten Wahlrecht, unter die Diktatur der Straße ge­stellt worden. (Lebh. Zustimmung.^ Dies verdankt die deutsche Republik nur der unabhängigen Sozialdemo­kratie. (Großer Lärm bei den Unabhängigen.) Auf die uno bhäng i gen So zrald emo k raten fällt das Blut der armen Verführten und Ver­hetzten. (Erneuter Lärm bei den Unabhängigen.) Sie werden das Kainszeichen dieser Blutschuld nicht abwasck en können. (Anhaltender Lärm bei den Unabhängi"en.) Die „Freiheit" enthielt ja den Aufruf, vor dem H«u§ in Masten zu demonstrieren. Die Verführer aber haben sich wohlweislrch im Hintergrund gehalten. Sie wußten ja rm voran», daß Zusammenstöße unver­meidlich waren. Dte Sichercheitswehr hat sich anls äußerste zurückgehalten. Erst tn größter Not hat sie von der Waffe Gebrauch gemacht. (Widerspruch der Un­abhängigen.) Das werden zahlreiche Mitglieder des Hauses und zahlreiche Journalisten bestätigen können. Im Namen derer, denen der Bürgerkrieg der schreck­lichste der Schrecken ist, spreche ich der Sicherheitswehr Dank und volle Anerkennung aus. (Großer Beifall.) Geschlagen, mit Füßen getreten, lebensgefährlich bedroht und mit den eigenen Waffen getötet wurden Beamten der Sicherheitswehr. Sie waren ja nur eine Handvoll gegen1 die anstürmenden Massen. ES wurde spät, fast zu spät von der Waffe Gebrauch ge­macht. ES haben sich Zeugen gemeldet, die behaupten, gesehen zu haben, wie von Mitgliedern der Unabhän­gigen Partei durch Tücherschwenken Zeichen zum Sturm auf das Hau» gegeben wurden. (Tu­mult bei den Unabhängigen, fortdauernde Rufe: Ver­leumdung l) Alle, die hier im Hause sind, verdanken der tapferen Sicher hei tswehr ihr Leben. (Lebhafte Zu­stimmung.) Zwei Tote hat die Sicherheitswehr zu be­klagen, zehn Mann verletzt. Auf der Gegenseite betra­gen die Verluste 20 Tote und 60 bis 60 SBertouni ete. Wir gedenken auch ihrer mit Bedauern darüber, daß sie und nicht nie Verführer geopfert wurden. Jetzt wird hoffentlich die Gemeingefährlichkeit der „Partei der Diktatur des Proletariats" dem Volke

„Ach, so schlimm wird es doch wohl nicht werden", stammeüe Liebhardt, den das Benehmen der Dame noch verwirrter machte, verlesen. „Wenn man noch so jung ist ...

Amalie warf plötzlich Vie Schleppe ihres Schlafrocks zmück, erfaßte mit den Fingerspitzen der linken Hand chte der herabhängenden Bandschleifen und spannte sie nach abwärts, während sie die rechte Hand wagrecht vor sich hielt, dann schloß sie die Augen und deklamierte laut und langsam: n '

Wenn die BW 3 fallen in des Jahres Kreist, Wem» zum Otuoe wallen entnervte Greise, Da gehorcht die Natur

Ruhig nur

Ihrem aßen Gesetze, ihrem ewigen Brrrch;

Aber da» Ungeheure auch

, Seme erwarten im irdischen Lebe::: In sein stygische» Boot

Raffel der Tod

Luch der Jugend blühendes Leben.

WB>rond dies« Deklamation gewann Liebhardt seine Fassung wieder. 3m ersten Augenblick war er empört über Kienholz gewesen, der ihn in eine so peinliche Lage gebracht hatte, jetzt fing er an, ihn zu entschuldigen. Die Dame da war so sichtlich «ne Komödiantin, daß Kien­holzens Sorglosigkeit wohl begreiflich war; ebenso be- gveifsich, daß er, wenn er rmrklich mit dem Arzt verfeindet war, sich wegen einer Laune dieser Dame mcht demütigen wollte. Keinesfalls hatte Liebhardt ein Menschenleben auf dem Gewissen, wenn er die ihm zugedachte Rolle vor­läufig roeiterfpieüe und überdies würde er sie bald ab­schütteln, das schwor er sich zu. Er fragte also nach be- enöeter Deklamation mit großer Ruhe:

„Daff ich fragen, wo es dem Fräulein fehlt?"

Die Mutter rang die Hände. „Das stt es ja eben, was sich nicht ergründen läßt, was die berühmtesten Pro- festoron der Well nicht gefunden haben. Meine arme süße Blume läßt matt das Köpfchen hängen, niemand weiß warum."

„Vielleicht Seebäder", sagte er trocken.

„Wir haben in allen Meeren der Alten und Renen Welt cebabet", rief Amalie. /

„Also vielleicht Höhenluft?" rief er gleichgültig.

„Du lieber Himmel, wir -waren auf dem höchsten Berg der Erde", rief sie fast entrüstet, „wie heißt er doch gleich?"

„Der Chimborchso?" fragte er mit leichtem Spott. „Ja richttg!" bestätigte Amalie ganz ernsthaft.

Llber Mama!" rief Edith fast flehend. - .

klar sein. '(Lärm bei den Unabhängigen.) Wir stehen jetzt vor Angriffen der Unabhängigen und Kommuni­sten, die unser ganzes Wtzrischaftsleben bedrohen. Das Wort, „die Eisenbahner haben die Hand an der Gurgel des Staates", stammt von den Unabhängigen. Die Kohlcnzuführcn werden abgeschnit. len die Betriebe müssen stillgelegt werden, Zhe ttssu der Arbeitslosen wächst in? Ungeheure, die LebenSmit- telzufuhr wird unterbunden, der Hunger ergreift die- Massen, die Milchzufuhr wird unterbunden, die Säug, ringe sterben in Massen dahin. Es gibt kaum ein törich­teres und verbrecherisches Unterfangen als diese Art polittscher Betätigung. (Lebhafte Zustinnnung.) Jetzt, wo wir vor der Durchführung des Friedensvertrages stehen und aufs äußerste gefährdet sind, wenn wir den Vertrag nicht erfüllen, jetzt, wo 400 0Ö0 Kriegsgefan­gene, die jahrelange Leiden hinter sich haben, mit Schmerz auf die Stunde warten, wo sie mit ihren Lie­ben wieder zusammen find, jetzt kommen ,diese von ver­brecherischem Wakm misgepeitschten Eisenbahner und legen den Verkehr lahm. Mit den schärfsten Maßnah­men muß gegen diese Treibereien vorgegangen werden. (Zischen bei den Unabhängigen.) Die Regierung kann nicht eine verschwindende Minderheit' gewähren lassen, die gegen das Leben des gesamten Volkes wütet und ein Trümmerfeld schaffen will. (Zustimmung.) Wir wer. den darin der Unterstützung dieses Hauses sicher sein und auch die ganze öffentlich« Meinung hinter uns haben (Stürmischer Widerspruch und Lärm bet den Unabhängigen.) Wir werden diejenigen hinter Schloß und Riegel bringen, die unser Volk vollständtg in den Abgrund stürzen wollen. .(Lebhafter Beifall. Zischen bei den Unalchängigen.)

Nachdem Berichterstatter Schneider-Sachsen (Dem.) seinen gestern begonnenen Bericht über die A u s s ch uß° Verhandlungen unter großem Lärm der Unab­hängigen beendet hatte, führt

Abg. Henke (Unabh.) aus: Das Recht auf D-mon- stmtionen ist auf das engste verbunden mit allen demo­kratischen Rechten. Diejenigen, die an den Eingängen zum Reichstagsgebäude Maschinengewehre aufstellten, brachten das Blut der Arbeiterklasse erst in Wallung. Wäre kein Maschinengewehr aufgestellt worden, wäre auch nichts passiert. (Stürmischer Widerspruch. Zu. ruf: Heuchler!) Es ist eine falsche Behauptung, daß durch solche Demonstrationen an sich schon eine Gefahr heraufbes^voren wird. All die lückenhaften Darstel­lungen des Reichskanzlers die darauf hinauSgehen, meiner Partei die Blutschuld an den Vorgängen zuzu­schieben, waren falsch. (Stürmische Zurufe. Der Red­ner wird zur Ordnung gerufen.) Wir wessen jebe Blutschuld von uns. Gegen die gegenwärtige Regie- rung müssen die Arbeiter aus ihren ureigensten Lebens- Interessen heraus von allen ihren politischen Rechten Gebrauch machen, Inobei es für sie um Sieg'oder Tod gebt. (Stürmische Zurufe, große Erregung.) Wir p f eifen auf d i e Maßnahmen der Regie, rung und den Belagerungszustand. (Reichs weh rni i n i st e r NoSke ruft: Kommen Sie nur raus aus dem Hause. Stärkster Beifall bei der Mehrheit.) Wir Werben auch weiterhin zu der Politik des Klassenkamvfes gezwungen fern. (Lebhafter Beifall bei den Unabhängigen.)

preußischer Minister Heine: Es war nicht nur mein Reast, sondern auch meine Pflicht, dafür zu sorgen, daß die Abgeordneten ungehindert das Haus betreten konnten. Die Sicherheitsbeamten haben mit unglaublicher Milde und Geduld ihres Amtes gewaltet. (Sehr richtig.) Sie hatten Auftrag, von der Waffe nicht eher Gebrauch zu machen, bis das HauS selbst in Gefahr käme. Die Ma- schinengewehre waren nicht sichtbar aufgestellt, um jeden Vorwurf der Provokation zu unterbinden. Der erste Scbutz fiel von außen und verwundete einen Soldaten. Mit dem Märchen vom zufälligen LoSgehen eines Ge­wehrs kommen Sie uns nicht. Ein Sturm der Empörung durchbraust das Haus, als Hetne feststellt, daß am Por­tal zwei, wo es am blutigsten berging, der unabhängige Abg. Z u b e i l imd die Fron ZietzdieMassenzum Sturm auf bas Reichstagsgebäude auf- forderte mit dem Zuruf: „DaO Gebäude gehört dem Volk, Ihr wißt, was Ihr zu nm habt." (Minutenlange „Pfui"nife dröhnen durch das Haus.) Die Abgeordneten find ron ihren Plätzen aufgesprungen und besonders hef­tig geht es zwischen den Mehrheitssozialisten und den Un» abhängigen her. Große Gruppen von Abgeordneten der

Jetzt erst wurde Liebhardt so rocht eigenüich auf seine „Patientin" aufmerksam und er bereute fernen spöttischen Ton sofort, als er das junge Mädchen fah, dessen blasse Wangen die Berlegsnhett mit einer flüchtigen Röte Über­zogen hatte. Die Mama schien dies indessen nicht zu be­merken, denn sie fragte ganz -naiv: „Hieß er anders? Mein Eott, ich habe ein so schlechtes Namensgedächtnis."

„Versuchen Sie es mit dem Süden", fuhr Liebhardt fort; „vielleicht Abbazia, Nizza?"

„Als ob wir nicht schon werter gewesen wären!" rief j Amalie und verdrehte trostlos die Augen. „Wir waren 1 in Aegypten, an den Stätten, wo Kleopatra geherffchi."

„Ja, wo waren Sie berat noch nicht?" fragte er ärger­lich. „Eine Reise in den Mond kamt ich Ihnen nicht an- raten, well ich feine Verkehrsmittel dorthin kenne."

Ihm war plötzlich eingefallen, daß er sich am besten aus bet Sache ziehen körnte, wenn er bett Geärgerten spiele, weil alle seine Ratschläge ab gewiesen wurden. Er war eben im Begriffe gewesen, feinen Hut zu ttehnmt und sich zu empfehlen, als das rote Gesicht Trmens im Türspalt sichtbar wurde. Ohne Umstände schrie diese her­ein: „Ich kann mtt der verwünschten Krause mcht zurecht- kommen, wie soll ich denn das Zeug plätten?"

„@ott was die Leute unbeholfen sind", seufzte Frau Amalie, „ich bereue cs tief, meine Zofe nicht mitgenommen zu haben."

Sie verließ das Zimmer und Liebhardt fand sich plötz­lich mit seiner Patientin allein. Schweigend, mit gesenk­tem Kopf, faß sie da und ebenfalls schweigend betrachtete er sie. Und da effaßte ihn auf einmal ein tiefes Mitleid mit dem zarten Geschöpf, für das er sich eigentlich keine Rechenschaft geben konnte; nach den Reden der Mutter zu urteilen, war sie doch em ängstlich behütetes und zärilich gepflegtes Kind; wenn auch die Mutter ein wenig affek­tiert war, die Tochter merkte bas wohl kaum imb mußte daher doch wohl ganz glücklich fern; das Mitleid war da­her ganz tmgerechsserttgt. Aber er schämte sich feiner Rolle cor dem Mädchen weit mehr als vor der Mutter; oorläufig mußte er sie wohl weiteffpielen.

„Erlauben Sie, baß ich Ihren Puls fühle," sagte er schüchtern.

Sie schüttette müde bas Haupt.

.Lassen Eie es, Herr Doktor, es hat keinen Zweck; Sie werben mir nicht helfen."

Er fah sie verwundert an. ,ss)aben Sie so wenig Vertrauen zu ... zu der ärztlichen Kunst?" fragte er.

,Ich weiß am besten, was mir fehlt," entgeanete sie ' ruhig.

Mehrhellssozialisten imb Demokraten bringen gegen die Bänke der Unabhängigen vor. Mit gebauten Fäusten! sprechen einige namentlich auf den immer noch ein höh- nifches Grinsen zur Schau tragenden Abg. Braß ein. i Es hat den Anschein, als roenn es zum Handgemenge' kommen sollte. Einige Zentrumsabgeordnete eilen herbei und suchen zu beruhigen. Der Präsident greift energisch ein und fordert alle Abgeordneten auf, unverzüglich ihre Plätze einzunehmen. Wie Minister Heine weiter mittellt, hat die inzwischen beschlagnahmte „Freiheit" selbst ge- schriebM, daß Gewehre und Handgranaten den Sicher- hellsmannschaften abgenommen worden seien, daß sie von Matrosen entfernt und zerschlagen wurden, baß Sol­daten ins Gedränge geraten seien, baß ein Matrose aus einem erbeuteten Karabiner einen Schuß abgegeben habe. Heine findet den lebhaften Beifall der Mehrheit, als er erklärt, daß die Unabhängigen die Henkefche Parole „Sieg ober lob" allerdings dadurch wahrmachten, daß sie bmch den Tob, durch das Blut und über die Leichen anderer zur Macht kommen wollten.

Abg. henke (Unavh.) erhält unter lebhaftem Wider­spruch der Rechten abermals das Wort. Er führt aus daß Minister Heine die ganze Sache gemacht habe, um Zwangsmaßnahmen gegen das Volk zu begründen.

Abg. Bender (Soz.) bittet, dem Betriebsrätegesetz eine solche Fassung zu geben, die dem Arbeiter eine neue Stellung in unserem Wirtschaftsleben einräumt. > Die Unabhängigen hätten im Ausschuß die Annahme mancher von uns bedauerten Anträge verhindern können, aber sie fehlten bei den meisten Sitzungen.

Abg. Schwarzer (Z): Wir sind von tiefstem Bedauern für die Opfer des gestrigen Tages erfüllt. Alle der­artigen Demonstrationen, die zurLeeinflussung politischer Aktionen beitragen sollen, müssen ihren Zweck vollständig verfehlen. Das Betrtebsrätegesetz stände nicht zur Be­ratung, wenn den berechtigten Forderungen der Arbeiter­bewegung z. B. auf Ausbau der Arbeitskammern schon.! in früheren Jahren stattgegeben worden wäre. Der! Redner bespricht in ausführlichen Darlegungen dies einzelnen Bestimmungen deS Gesetzes. Schwere Bedenken' bestehen gegen die Herabsetzung des Wahlalters auft 18 Jahre. Viele Befürchtungen hat auch die Beteiligung^ der Arbeiter am Aufsichtsrat hervoraerufen. Aber gerade^ Direktionsmitglieder bedeutender Betriebe halten diese' Befürchtung für übertrieben und versprechen sich sogar Gutes von der Mitwirkung der Arbeiter im AufsichtS- rat, vor allem ein Verständnis für Betriebs res erven j und Ueberschüsse. Verabschieden wir das Gesetz rasch und sachlich. (Beifall im Zentrum.) , ,

Abg. W-inhausen (Dem.) bedauert, daß die Regie-, rung ihr Versprechen, noch vor Weshnachten ein Gesetz über die obligatorischen Schiedsgerichte einzubrmgen, nicht gehalten hat. s

Abg. Schiele (Dnat. Vp.): DaS Betriebsrätegesetz wird die Politisierung der Betriebe im ©tnne_ der , Kommunisten zur Folge haben; das zu unterstützen- haben wir keinen Anlaß. . _ s

Reichrarbeitrministrr Schlicke: Das Gesetz über die! obligatorischen Schiedsgerichte konnte nicht borge»[ legt werden, weit es reifliche Durchberatung erfordert ! und olle Erfahrungen berücksichtigt werden müssen. 1 Abg. vöglet (D. Vp.): Wir müssen damit rechnen, daß 80 Prozent unseres Kohtenbedarf S in Zu-s fünft ungedeckt bleiben. (Hört, hört!) Wo soll da bie; Wicdererstarkung unseres Wirtschaftslebens Herkommen.^ Das Betriebsrätegesetz wirb neuen Zündstoff in die Be-> triebe hineintzagen. . . j

Nach weiteren belanglosen Debatten folgen eine Reihet persönlicher Bemerkungen in denen sich die Abg. Zuveil,- Srah und Frau Zietz gegen die Behauptung verwahren,' aufreizende Reden an die Demonstranten gehalten zu^ haben. Abg. Skah (U.) gibt dabei eiste eingehende- Schilderung der Vorgänge nach seiner Wahrnehmung.! Minister hemr bezeichnet diese Darstellung als eine- agitatorische Unwahrheit,

Donnerstag: Weiterberatung.

Der Eisenbahnerstrett beendet.

Der Eisenbahnerstreik im rheinisch-westfälischew Jndustriebezirk kann als beendet gelten. Wie tut; Bezirk Elberfeld haben auch die Eisenbahner tat Eisenbahndirektionsbezirk Essen, von Duisburg bis Dortmund, die Arbeit wieder ausgenommen. Im

„Aber warum sagen Sie's denn dann nicht?" meinte1 er treuherzig. „Sehen Sie, Fräulein, dann könnte man Ihnen so leicht helfen."

„Mir HUft fein Arzt," sagte sie leise.

„Reto Arzt?" fragte er lebhaft. „Aber ein Mensch, eht gewöhnlicher Mensch, ja? Schauen Sie, ich bin sozu» fägeh auch rin Mensch, aufrichtig gestanden, mehr Mensch als Arzt, probieren Sie's mal mit mir."

„Ich tarnt nicht, Herr Dottor," erwiderte sie und schüt- feite traurig den Kopf.

Ihre Traurigkeit griff ihm ans Herz. „Ditte sagen Sie nicht Herr Dottor!" bat er. ,/Dabei denkt man immer an Tee und Pillen und das stört. Schenken Sie mir Ihr Vertrauen, ich mochte Ihnen so gerne helfen, well Sie so traurig aussehen. Denken Sie also, ich fei ein Blatt Papier!"

Sie blickte z» ihm hinüber und mußte trotz ihrer melan­cholischen Stimmung lächeln. Der wohlgenährte Herr mit dem rosigen Gesicht ein Blatt Papier!

„Dazu gehört viel Phantasie," sagte sie lächelnd, aber ohne Spott.

Jtot Sie ohne Zweifel hoben," fügte er freundlich hin- zu. „Also wenn ich zum Beispiel Ihr Tagebuch märe, was würben Sie hdsschreiben?"

„Gar nichts, ich führ« kein Tagebuch," entgegnete sie.

„Aber Fräulein," sagt« er fast vorwurfsvoll, Irgend­wo muß man sein Herz doch ausschütten, sonst erdrückt's einen ja. Sehm Sie, fo groß kamt fein <eib sein, daß es nicht flehtet würde, wenn man es mitteilt; und ein fürchterliches, düsteres Geheimnis nrirb’s ja doch auch nicht fein, was Ihr Leben beschattet."

„Wie man's nimmt; nicht jeder fegt den gleichen Maß­stab an die Dinge."

„Da muß man eben vergleichen. Also sprechen Sie sich mal offen aus, liebes Fräulein, ich werde stumm sein wie zwei Gräber und ein Fisch," sagte er scherzend. Dann, als er ihre traurige Miene sah, fügte er ernst uab herzlich hinzu: „Ganz im Ernst, Fräulein, ich" habe das Gefühl, als ob ich Ihnen helfen tonnte, und den guten Willen, es zu tun, habe ich auch und zwar will ich Ihnen nicht mit Lebertran ober ähnlichem, sondern mit einem gut« gemeinten Freundeswort helfen."

In den herzlichen Worten sowohl als auch in der Stimme des Mannes lag etwas, was das Mädcheih wohl­tuend berührte, und ein Gefühl wallte in ihr auf, bas ihr bisher faum recht zum Bewußtsein gekommen war oder das sie mindestens immer hatte Niederkämpfen müf- jen: die Sehnsucht, sich mttzuteilen. Di« Wüster, die

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