Nr. 10
Mittwoch, 14. Januar 1920
47. Zahrg
Lin blutiger Tag
e
Waldemar
di« Narbe
i
gestoßen Hai."
.Na, siehst Du's denn nicht? Er hat noch
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»Du magst Deine Weisheit dorther beziehen", wandte pch Waldemar ärgerlich an den Detter, „ich aber nicht."
.Wenn Du das alles im Kopf host, dann sage mir, »as morgen ist", sagte Gustav gemütlich.
Waldemar errötete.
.Morgen", meinte er verlegen, „morgen, morgen — P — der neunte Juni."
Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Karl Schütte r für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. r. Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung
Wir sollen nicht zur Ruhe kommen! Immer wieder Zuckungen und Unruhen und Nöten. Bedrängt von außen, gequält und geängstigt von innen, — so muß die arme Nation sich am Rande des Abgrundes entlang winden in steter Todesangst. Wir wissen im Jammer unserer wirtschaftlichen Lage nicht aus noch ein und doch wurden wieder Streiks in Gang gebracht, hinter denen nicht bloß wirtschaftliche Schäden, sondern auch politische Absichten lauern. Das De- triebsrätegesetz bot den Radikalen Anlaß zu neuer Erregung der Arbeiterschaft. Am Dienstag nachmittag sollte die Schlußberatung begonnen werden. Dies Detriebsrätegesetz in der Ausschußfassung ist ein Kind des Ausgleichs der Gegensätze, wie fast alle Gesetze der Revolutionszeit, und. wie überhaupt alle menschlichen Gesetze, es sei denn, daß sie durch den Willen eines unbeschränkten Gewalthabers verordnet wurden. So lange die Menschen verschiedener Meinung sind — und sie werden es immer sein — -so lange müssen sie den Versuch machen, einander zu verstehen und einander nachzugeben. Nur dadurch ist es möglich, zu einer Ordnung zu kommen, in die sich jeder zu schicken vermag, auch wenn seine anfänglichen Wünsche weit über das erreichte Ziel hinansgingen. Das Betriebsrätegesetz sst in der Form, die es nach langwierigen Beratungen erhalten hat, nicht besser und nicht schlechter als alle Gesetze, die auf dem einzig möglichen Wege zustandegekommen sind. Die Kommunisten aber wollen nicht ein Gesetz, das die Mitte hält, sie wollen der Nation ein Gesetz ganz nach ihren revolutionären Forderungen aufzwingen. Sie riefen in Berlin die Massen auf die Straße, damit sie sich „im Kampf ihr Recht erringen". Die Parole hat verhängnisvolle Folgen gezeitigt. Es ist wieder Blut geflossen, deutsches Blut, Bruderblut. Tief erschüttert stehen wir vor dem Erlebnis des gestrigen Tages. Schuld für die Blutopfer der Verhetzung trifft die Führer, die die Massen als politisches Werk- zeug auf die Straße getrieben hoben. Sie haben es ja auch erreicht, daß das Betriebsrätegesetz am gestrigen Tage nicht beraten werden konnte. Welche weiteren Folgen der verhängnisvolle Zwischenfall haben wird, ist noch nicht abzusehen.
vie in sprachloser Ueberroschung in einen Sessel fallen, ^nnt, als er sich einigermaßen gefaßt hatte, fragte er wei- *eT: .Und was geschah an sämtlichen 9. Iums seit Adam vnd Eva?"
Waldemar drehte verlegen die schattenhafte Ahnmig ^wes Schnurrbartes. „Am neunten Juni — ja, wartet laßt mich Nachdenken! Da ist sehr viel geschehen, aber
8®r fällt's momentan nicht ein."
.Golt sei Dank, sonst könnte ich wieder die ganze Li- tanei genießen", rief Edith erleichtert. Darm glitt über Jfre Züge plötzlich ein schelmisches Lächeln, das ihr ernstes Masses Gesicht seltsam verschönte.
.Ich weiß etwas, was Ihr beide nicht wißt", sagte ** heiter.
„Was für ein Tag ist der 4. Just? Nehmt alle Eure ^rschichtskenntnisse zusammen!" '
Edith war bleich geworden und hielt eine Sekunde lang die Hände vor die Augen.
»Was hast Du denn, Ditha?" fragte Fritzchen, der dir andern verständnislos anschaute.
„Ich habe plötzlich so heftige Kopfschmerzen", sagte sie leise: „ich muß aus mein Zimmer.? Sie wandte sich zum Gehen, Waldemar sprang auf und begleitete sie.
Gustav blickte seinen kleinen Detter ernsthaft an.
.Weißt Du, Fritz, wenn ich Dein Papa wäre, ich schickte Dich auf einige Wochen fort", sagte er.
„Warum denn?" fragte der Kleine verwundert.
„Du brauchst notwendig Luftveränderung."
„Ich bin aber doch gar nicht krank", meinte Fritz.
„Das nicht, aber der Papa könnt« einmal einen Schlaganfall bekommen," erklärte Gustav.
Der Knabe sah ihn erstaunt an. „Einen Schlaganfall?" ragte er.
„3a, weißt Du, so einen", und er machte die Bewegung des Prügelns.
„Aha", nickte Fritz verständnisimiig, dann fügt« er nachdenklich hinzu: „Aber ich stell« doch eigentlich gar nichts an."
„Eigentlich nichts, das sst wahr", bestätigte Gustav. „Also jetzt laß uns einmal nach dem Rosenbäumchen sehen, vielleicht läßt sich etwas machen."
„Ich glaube nicfjt*, versetzte Fritz bekümmert, folgte aber dem Detter doch in den ©arten. Ein paarmal erblickte Papa Kienholz seinen Sprößling, aber nie gelang es ihm, seiner habhaft zu werden: di« Bemerkung Gustavs von dem Schlaganfall hatte ihm zu denken gegeben und er fand es für nützlich, dem Vater tunlichst auszn- weichen. Als zwei Stunden später der Tierarzt erschien, hatte der unglückliche Vater seinen gefürchteten Jüngsten noch immer nicht erwischt, um ihm die notwendigen Weisungen zu geben.
Der alt« Christian schob den Doktor in das Empfangszimmer, worüber dieser etwas verwundert war: er war lehr gesucht, hatte nicht viel Zeit und lieh sich in der j Regel sofort zu den „Pattenten" fuhren, die zunächst \ Stallbewohner waren.
„Wozu denn die Umstände heute, Christtan?" fragte der dicke Herr: „führen Sie mich doch gleich in den Stall." ‘
»Ist nichts trank bei uns, der Herr will bloß mit Ihnen reden", erklärte Christian.
„Ach fo, dann rufen Sie ihn!" Er ließ sich nietet und schüttelte den Kopf. „Was mag er tenn wollen?" sagte
abgegeben, das noch die Spuren davon zeigt. Daraufhin gab die Truppe erst blinde Schüsse ab und, als diese nichts nützten, eröffnete sie das Feuer.
Ws zur späten Nachtstunde wurden über 30 Tote und eine außerordentlich große Zahl von Verwundeten festgestellt. Allein von Beamten der Sicherheitspolizei und der Ordnungs- polizoi wurden, wie bisher festgestellt, über 16 zum Teil schwer verwundet, einer getötet. Die Zahl der Demonstranten, die verwundet wurden, wird auf meit über 400 geschätzt, die zum Teil in Krankenhäusern und Kliniken, zum Teil in Privatwohnungen Unterkunft gefunden haben.
Inzwischen hatte drinnen im Saale die Sitzung begonnen, von den Unabhängigen sofort mit Obstruk- tionsvcrsuchen eingeleitet und durch ungeheuren Tumult gestört.
Die Sitzung der Nationalversammlung.
Gegen 3,15 Uhr eröffnet Präsident Fehrenbach die Sitzung. Am Ministertisch waren fast sämtliche Reichs, minrster erschienen.
Vor Eintritt in die Tagesordnung erklärte der Abg. Geyer (Unabh.) im Namen seiner Fraktion, daS HauS fei von Militär undmitMaschinengewehren besetzt. (Hört, hört! bei den 11. Soz.). ES sei deS Parlaments unwürdig, unter diesen Umständen zu tagen. (Gelächter.) Diese Maßnahmen sind der Auefluß einer neuen Militärhrrrschast. ES sei ein Hohn auf die angeblich freieste Verfassung der Welt. Seine Fraktion protestiere dagegen und fordere die Beseitigung des Militärs aus dem Hause.
Präsident Fehrenbach erwiderte, er habe weder daS Recht noch Veranlassung gegenüber den von der Regierung getroffenen Maßnahmen einzugreifen. Aufgabe der Regierung sei eS, die Abgeordneten zu schützen.
Abg. Henk» fUnabh.) erklärte die Regierung für nicht befugt, in bas Haus eine bewaffnete Macht zu verlegen. Hier habe der Präsident daS HauSrecht.
Präsident Fehrenbach entgegnete dem Vorredner nochmals, daß er keinen Anlaß habe, einzuschreiten, wenn die Regierung der Meinung war, daß ein besonderer Schutz nötig fei.
Das HauS versucht dann die 2. Lesung des Detrieb?- rStegesetzes aufzunehmen. Plötzlich erscheinen die Un- abhängigen unter Führung von Luise Zietz im Saal und erklären, daß draußen geschossen worden sei und daß es Tote und Verwundete gegeben habe.
Nach andauernden Lärmszenen der Unabhängigen und einer langen Geschäftsordnungsdebatte vertagt sich das HauS.
Um 41/« Uhr wird die Sitzung wieder aufgenommen, Präsident Fehrenbach eröffnet die Sitzung mit folgender Ansprache: Mit schmerzlichem Bedauern haben wir vernommen, daß infolge der Unruhen vor dem Hause Verwundungen vorgekommen find. Nähere» darüber wissen wir noch nicht. ES wird wohl aber dem Empfinden aller Abgeordneten entsprechen, wenn ich den Opfern unsere berzl. Teilnahme und unser Bedauern auS- spreche. Im übrigen bin ich der Meinung, daß jetzt alles darauf ankommt wegen des Eindrucks in der Reichshauptstadt, im Reich und im Auslande, Ruhe zu uewahren. (Beifall.) Der Eindruck wird am meisten gestärkt werden, wenn wir jetzt in Ruhe in un- fete Verhandlungen fortfahren. (Lebhafte Unruhe bei d. Unabh.) Ein Abbruch der Verhandlungen würde gewiß eine DedauernSkundgÄbung fein, aber wichtiger als eine solche ist eine Kundgebung der Ruhe. Darum ist es richtig, wenn die Nationalversammlung ihre Verhandlungen jetzt fortsetzt.
Abg. Henke (Unabh.) beantragt Vertagung. ES ivivd im Aukland den besten Eindruck machen, wenn die ruhige Vernunft siegt. (Gelächter.) ES würde dem Wesen der Temokratte nicht entsprechen, wenn wir jetzt 'Weitertagen würden. AuS Achtung vor den Verwun- deten müssen wir die Verhandlungen jetzt abbrechen.
Präsident Fehrenbach: Zum Wesen der Demokratie gehört eS, daß sich die Minderheit der Mehrheit fügt.
Abg. Gener-Leipzig (Unabh.): Diese Kaltherzigkeit kann keinen guten Eindruck machen. Draußen wird man von einer Rohheit de; Gemütes sprechen. Gegen
„Das asso ist die Dame, deren Name nicht genannt werden darf?" tief Edith. Der arme Waldemar war in peinlichster Verlegenheit.
„Das, das mit der Kuh, das war ja später imd zufällig aus derselben Stell«', stotterte er.
„Na, na, laß gut sein, Alter", wehrt« Gustav gutmütig ab; „ist ja nichts Neues, daß man einer jungen Dame gegenüber ein wenig renommiert, hab's ja auch öfter getan."
„Aber ich hab' es ja gar nicht getan, das hat mein SJater gesagt, dem werdet Ihr es wohl glauben", rief Waldemar halb zornig, halb weinerlich. Gustav wurde plötzlich ernst: mit einer Art zärtlichen Mitleids legte er den Arm um di« Schultern Waldemars.
„Ach ja, Du hast rech' Dein Vater hat's gesagt, sagte er ruhig.
' auf der Stirn." Damit trat er zu dem Bruder und zeigte . aus eine kleine Narbe über dem Auge; zornig schleutene - m , I Waldemar die Hand des Kindes von sich, während die
Du brst ein Wunderkind", rief Gustav und lieh sich ! beiden in Helles Lachen ausbrachen.
Ausnahmezustand.
Auf Grund des Artikels 48 Absatz 2 der Reichs- verfassung betr. die zur Wiederherstellung der öffent lichen Sicherheit und Ordnung nötigen Maßnahmen hat der Reichspräsident für das Reichsgebiet mit Ausnahme von Bayern, Sachsen, Würt'emberg und Baden und die von ihnen umschlossenen Gebiete den Ausnahmezustand verhängt. Auf Grund des Ausnahmezustandes übernahm Reichswehrminister Noske persönlich die vollziehende Gewalt für Berlin und die Mark Brandenburg. Als Zioilkommtssar wurde der Berliner Polizeipräsident Ernst bestellt. Umzüge und Versammlungen unter freiem Himmel werden verboten. Erneute Versuche, die Tagung der Nationalverrammlung zu stören, werden mit rücksichtsloser Waffenanwendung verhindert werden. *
Die Eisenbahnerbewegung.
Abbruch des Streiks?
Die Zentralstreikleitung in Elberfeld hat Mon tag in später Abendstunde die Parole ausgegeben: Nachdem die Regierung hinsichtlich der Forderungen der Arbeiter bestimmte Garantien gegeben hat, wird den Arbeitern empfohlen, die Arbeit wieder aufzunehmen. — Bon heute ab verkehren wieder die D-Züge zwischen Frankfurt a. M. und Oberhausen und zwischen Frankfurt a. Ri. und Duisburg.
Ein allgemeines Streik-Ende kann aber noch nicht festgestellt werden. Auffallend ist, daß die Streikenden im Industriegebiet die Enteniezüge durchlassen, die Milch- und Lebensmittelbezüge jedoch festhalten. Im Essener Bezirk liegen mehr als eine halbe Million Tonnen Kohlen, die nicht abgefahren werden können, weil die Streikenden es nicht dulden.
Die Lage in Schlesien wird als ernst geschildert.
Unruhen im Ruhrgebiet.
In Hamborn kam es am Montag zu großen Plünderungen. Die Plünderer stürmten das Rathaus, bemächtigten sich der Akten, warfen sie auf die Straße und räumten dann die Geschäfte der
„Du, di« Milch mußt Du mit Andacht trinfen", rief der Kleine: „die ist von ter Kuh, die unfern
diese Unmenschlichkeit protestieren !vir.
Abg. Henke (Unabh.): Hier hantelt es sich um Grundsätze der Menschlichkeit. (Zurufe: Henke in Bremen!) Wir werden die Fortsetzung der Verhand. hingen mit dien Mitteln verhindern!
Abg. Schneiter-Sachfen (Dem.) versucht, seinen Bericht fortzusetzen. Die Unabhängigen lärmen fortdauernd durch Schlußrufe und heftiges Auf- schlagen mit Büchern auf die Tische.
Präsident Fehrenbach: Ist das Ihre Achtung vor den Opfern? (Stürmische Zustimmung. Die Unabhängigen setzen ihre Obstruktion fort.) Nach der Geschäftsordnung steht dem Präsidenten das Recht zu, Ruhestörer aus dem Saal zu entfernen! (Großer Lärm bei den Unabhängigen. Bravo und Händeklatschen.) '
Der Berichterstatter spricht toeiter. bleibt aber völlig unverständlich.
Es folgen zahlreiche, oft dreimal wiederholte O rd. nungsrufe. Als der Lärm fortdauert, erklärt Präsident Fehrenbach; Ich unterbreche die Sitzung um eine Viertelstunde und untersage den Abgg. Laukant, Düwell und Geyer, an der nächsten Sitzung teilzuneh. men.
Präsident Fehrenbach eröffnet die Sitzung wieder um 6 Uhr 10 (Die Abgg. Laukant, Düwell und Geyer sind im Saale anwesend.) mit folgenden Worten: Als ich vorhin über die bedauerlichen Vorgänge sprach, konnte ich nur erwähnen, daß Verwundungen, vielleicht sogar tödliche, vorgekornmen seien. . Jetzt steht aber die betrübliche Tatsache fest, daß vielleicht zehn Tote zu beklagen sind. Das ändert die Sachlage. Die Toten sind zum Teil in unser Haus gekommen. Angesichts dessen schlage ich jetzt selbst vor, sich zu vertagen. Für die Opfer haben wir das schmerzlichste Bedauern und sprechen den Angehörigen das tiefste Miigefühl aus. (Die Mitglieder hören stehend die Ansprache cn„)
Mittwoch: Betriebsrätegesetz.
I er zu sich selbst. „Sollte ich die Kuh neulich unrichtig I behandelt haben? Ich würde mich wundern, der Fall war doch ganz klar."
Kienholz trat ein. „'n Morgen, Herr Liebhardt!" tief er und streckte dem Tierarzt beite Hände entgegen.
„'n Morgen, Herr Kienholz! Sie haben mich rufen lassen?"
„3a, um Sie um einen Dienst zu bitten, ben Sie mit hoffentlich erweisen werten", sagte Kienholz und drückte Liebhardt auf seinen Sitz. nietet.
„Wenn es in mehrer Macht steht, mit Vergnügen", I entgegnete dieser verbindlich.
„Sehr liebenswürdig, also hören Sie zu: Ich habe nämlich Besuch . . *
„Ach. die Damen aus Amerika", unterbrach ihn Lieb- Hardt, „ich habe schon davon gehört."
„Sie — Sie haben schon davon gehört?" fragte Kienholz unangenehm überrascht.
„Ja, auf den Höfen hier herum und auch im Städtchen."
„Aber woher weiß man denn? Das ist ja einfach schrecklich!" jammerte Kienholz.
„3a, wollen sich die Damen hier verbergen?" fragte Liebhardt.
Kienholz sah ein, daß er feinen Schrecken zu deutlich gezeigt hatte; er lächelte gemütlich.
„Verbergen?^ Ach, was Ihnen einfällt! Das nicht, aber . . . si« sind, das heißt ... sie wollen ausruhen bei mir von den Strapazen des Gesellschaftslebens und wollen daher feine Besuche. Na, und vor den Kopf stoßen will man di« Nachbarn auch nicht, so halte ich den Besuch fieber geheim."
„Se weit man das hier tonn', warf Liebhardt trocken ein. „Aber nun bitte, zu Ihrem Wunsche, Herr Kienholz, Sie wissen, ich habe wenig Zeit."
„3a so, hm!" Kienholz räusperte sich und begann: „Wissen Sie, die jüngere Dame ist krank, das heißt, sie bildet sich ein, krank zu fein; eigentlich nicht mal' sie, sondern ihre Mutter. Die will partout einen Doktor. Nun sind wir aber mit unferm Doktor, wie soll ich denn nur gleich sagen — na, wie die Xante Emma säet — übers Kreuz."
„Was Sie nicht jagen!" rief Liebhardt erstaunt; .und »'»rum denn?" ■ • _
^F.orfixtzuna ‘
Der Siinsedoktor.
ii.] ----------
„1816 starb die Schriftstellerin George Sand an diesem Sage", fuhr bei- unerbittliche Waldemar fort. Ed!!!; streckte aburehrend die Hände von sich.
„Und heut« bekommt die Erbprinzesfin von Kin-schin- sschunga Milchreis zu Mittag", rief sie. „Um Gottes »«Hat, hört doch auf mit Eurer Weisheit, man wird ja 9anj schwindlig dabei! Das ist die reinste Lizitation, einer überbietet den andern. Wie kann man sich nur das olles merken! Das phänomenale Gedächtnis scheint in ter Sontilic Deiner Mutter zu liegen, Waldemar, denn ich Hobe nicht viel davon abbekommen."
Hell und ftöhlich lachte Gustav auf.
„Weniger in ter Familie als in der Veranda", fagre * luftig und schielte schelmisch nach Waldemar hin. „Weißt, Ditherl, dort hängt nämlich efn Abreißkalender nnö da stehen bei jedem Datum die denkwürdigsten Erelg- ”*ffe dieses Tages."
„Ach fo', rief Edith lachend, .und Ihr habt mir fo fletnaltig imponiert."
lieber die Vorgänge wird berichtet:
Am gestrigen Dienstag trat die Nationalversammlung zusammen, um da? Betriebsrätegesetz zu erledigen. Diesen Tag hatten sich dir linksradikalen Hetzer ausgesucht, um gegen das Zustandekommen des Gesetzes zu demonstrieren. Leider nahmen die Kundgebungen einen folgenschweren Verlauf. Um die Mittagszeit trafen vor dem Reichstagsgebäude zahlreiche DemonstrationSzüge ein. Das Reichstagsgebäude war militärisch stark gesichert. Die mehrheitssozialistische Arbeiterschaft beteiligte sich an den Demonstativnen nicht, da ihre Parteileitung einen Gegenaufruf erlassen hatte, in dem gewarnt wurde, sich von den Unabhängigen und Kommunisten mißbrauchen zu lassen.
Um 2 Uhr rückten wieder gewaltige Züge an, die vom Schloßplatze bis zum Brandenburger Tor reichten. Im ganzen verhielt sich die Menge ruhig. Hin und wieder ertönten Hochrufe auf das revolutionäre Betriebsrätegesetz, verbunden mit Schmäh- rufen gegen die Regierung. Tie meisten Betriebe der Metallindustie hatten von mittag« ab geschlossen. Da sich auch viele Angestellte ter Straßenbahn be» teifigten, und vor allen Dingen die Arbeiter des Moabiter Kraftwerkes die Arbeit eingestellt hatten, versagte am Nachmittag der Straßenbahnverkehr zeitweilig. Sn:
| ganzen mögen es 25 000 bis 30 000 Personen gewesen I sein, die vor dem Reichstage aufgezogen waren. Gegen I 3 Uhr begannen Redner der Unabhängigen und der Kommunisten zu sprechen. Hochrufe auf die Snternatio« I nale und Niederrufe auf die Regierung wurden ausge- I bracht. Mit der Zeit wandelte sich die ruhige Haltung I der Massen. Vor dem Haupttore kam es wiederholt zu I Anrempelungen der Sicherheitswehr, die den Aufmunte- I rungen zum Angriff große Ruhe entgegenbrachte. Sie I war offenbar bemüht, ernste Zusammenstöße und Blut- I vergießen zu vermeiden. Offiziere redeten den an- I griffslustigen Zivilisten fortgesetzt begütigend zu, wur- I den aber schroff angesahren und verspottet.
1 Inzwischen hatte sich am Haupteingang des Reichs- I tagsgebäudes eine Bewegung der Massen entwickelt, I die einen Anschlag auf die Nationalversammlung et- I kennen liefe. Ein Teil der Menge drängte die Sicher- I beitswehr zurück, entriß einigen Mannschaften die I Gewehre und warf die entwaffneten Mannschaften I über die Brüstung des Ausgangs hinab. Ein Sicher- I heitswehrsoldat wurde von der Menge geschlagen und I solange mit den Füßen bearbeitet, bis er sehr schwer I verletzt und als unförmliche blutige Masse vom Platze I getragen wurde. Aus dem Gesicht quoll ihm ein I Auge heraus. Die Menge schrie und johlte und gab I durch laute Rufe zu erkennen, daß daS. Reickstagr- I gebaute erobert und die Räterepublik aus- I gerufen werten solle. Bei der Bewegung der Massen I spielten Gruppen in Matrosemmiform die Hauptrolle.
Nach dem ersten Dorstoße gegen das Haupttor I wurde es augenscheinlich, daß ein umfassender A n - griff auf das Reichstagsgebäude ausge- I führt werden sollte. Ein Teil ter Menge stürmte, I ohne daß die auf dem Königsplatz aufgestellte Sicher- I heitswehr Widerstand mit ter Waffe geleistet hatte, I die Simsonstraße hinab, um anscheinend vom Tore 2 I und 3 aus in den Reichstag einzudringen. Die an« I stürmende Menge stürzte sich sofort auf die Kette der | Sicherheitswehr. Als erkenntlich wurde, daß die I Menge die Entwaffnung ter Sicherheitswehr tegin- I neu wollte und bereits an einzelne Mannschaften .Hand I angelegt hatte, feuerten di- Truppen zunächst S ch ü s se I in die Luft. Als die Menge weiter stürmte und I die Kette ter Sicherheitswehr sprengen wollte, wurde I scharf geschossen. Die Wirkung war ent« I setzlich. Im Tiergarten, auf den angrenzenden I Straßen lag alsbald eine Anzahl Toter und Derwun- I teter, In wenigen Minuten war teu ganze Platz I vollständig geräumt. Ausdrücklich muß fest- gestellt werten, daß sämtliche Augenzeugen, die den entsetzlichen Vorgängen im Tiergarten von den Fenstern des Reichstages aus gefolgt waren, bekunden, daß die Sicherheitswehr die erste Salve in die Luft abfeuerte. Erst als sich die Stürmenden nicht von ihrem Vorhaben abhalten ließen, wurde in die Menge geschossen. Die Verwundeten wurden teils in Samtätskraftwagen fortgeschafft, teils im Reichstagsgebäude untergebracht. Hier wurden auch zehn Tote aufgebahrt.
Das war das Ende der'Kundgebung, die I von den Veranstaltern als friedlich angekündigt worden war, aber, wie man sehr bald sah, mit ter Erstürmung des Reichstagsgebäutes endigen sollte. Es ist festgestellt, daß die Angriffe allein aus der Menge tarnen. Die Sicherheitswehr hatte sich zurückhaltend verhalten, bis ihr« vollkommene Entwaffnung und Umzingelung drohte. Zeugen bestätigen, daß Gruppen ter Demonstranten den Versuch machten, den Soldaten die Waffen zu entreißen. In einer Anzahl von Fällen ist das auch gelungen. Mit Hilfe dieser weggenommenen Waffen wurden Schüsse auf das Portal 1
„2st's aus der Geschichte von Amerika?^ fragte Walte mar eifrig.
„3a, natürlich."
„Darin bin ich, aufrichtig geftanten, nicht sehr teschla- gen", antwortete er. „Ist es aus ter neuesten Geschichte?" „Aus ten letzten zwanzig Jahren", erklärte das Mädchen.
„Hm, hm!" machte Waldemar nachdenklich. „3ft’s «in wichtiger Tag?"
„Sehr", entgegnet« ®>itt) ernsthaft: „ich halt« ihn überhaupt für den wichtigsten."
„Gin glücklicher oder unglücklicher?" fragte Gustav. Sie zuckt« die Achseln. „Das sst schwer zu sagen." „Dein Geburtstag, Ditha", rief Gustav rasch. „Bravo, Vetter, erraten!"
„Der Herr Vetter schlägt mich heute auf allen Linien", murrte»« Waldemar geärgert. Da erschien Fritz mit einem Glas Milch.
„Ditha, dies schickt Dir die Mama", trompetete er mit feiner überlauten Stimme: „Du sollst es trinfen, das -st gut für Dich." 1
„Sehr gütig von ter Tente, ich danke", sagte Tdsth und nahm tem Knaben das Glas ans der Hand.