Einzelbild herunterladen
 

Fuld a er Z eitung

Nr. b.

Verantwortlich für den rebauionclkn Teilt Kari Schütte, für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. u Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Acttendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung

Freitag, 9. Januar 192O>

Lezugspre.s: Monatlich 1,30 Mk. ohne Zuftellungsgebühr. :: In Fu da bei uns abgehoil 1,40 Alk. u

Anzeigenpte s: Die K l e i n z e i l e (nach Colonel christ) 50 JJfg., die Reklamezeile (Textbreiie) 1 Mt., bei Wiederholung Rabatt.

47. Zahrg.

Zentrum und Landwirtschaft

in der Nationalversammlung, b) Anfragen und Anträge im Plenum der National­versammlung.

Das Zcntruni stand von jeher und namentlich wäh­rend des ganzen Krieges auf dem Standpunkt, die E r- z e u g u n g von Nahrungsmitteln [ei die Hauptsache, nicht die Verteilung ^rielbcn. Zuerst must man etwas haben; dann erst kann man verteile, > zuweisen. Hatten Regie.nug und Ernährungsbeirat auch von Anfang an, während des Krieges und nach dem Kriege diesen Standpunkt eingenommen, dann wäre uns viel Unangenehmes erspart geblieben, dann hätte man viele der Maßregeln, die den Bauer nur ver­bitterten und dem Städter nichts nützten, nicht ange­ordnet. Und so stand das Zentrum auch in der Na­tionalversammlung aus dem Starrdpunkt, es müste vor allem und mit allen Mitteln die Erzeugung ge­hoben und gefordert werden.

Diesem Zwecke dienten zunächst eine Reihe von An- Sagen und Anträgen des Zentrums bezw. einzelner Utglieder der Zcntrumsparlei an die Reichsregierung. So stellten die Abgg. Irl (Oberbayern) und Stapfer die Anfrage Nr. 40 vom 6. März 1919:

»Ist der NeichZregi-erung bekannt, daß den Land­wirten anstatt Benzin und Benzol für ungewöhnlich hohe Preise unbrauchbare Stoffe geliefert und dadurch der Ausdrusch von Getreide und das Schneiden von Kutter behindert wird?

Ast der Reichsregierung ferner bekannt, daß ein großer Teil von Benzin und Benzol für Zwecke ver­wendet wird, die weit weniger wichtig sind als die Er. uährung des Volkes?

Was gedenkt die Reichsregierung zu tun. um diesen Mißständen abzuhelfen ?'

In derselben Sache stellten die gleichen beiden Ab­geordneten am 20. August 1919 unter Nr. 334 folgende Anfrage:

»Wegen Mangels au Betriebsstoff können die Mv- wr.Drefchmaschinen nicht verwendet werden. Das er. schwert die dringende Arbeit und verhindert die not», wendige Ablieferung des Getreides.

Ist die Reichsregierung bereit, durch Einschränkung des vielfach übertriebenen luxuriösen Automobil, und Kraftfahrzeugverkchrs die Verschwendung von Betrieb?. Reffen zu verhindern und die eingesparten Mengen so- lange der Landwirtschaft zuzuführen, bis die Abliefe, rüg des Getreides vollzogen ist?"

Besondere Beachtung wurde der Beschaffung von Kunstdünger und Ersatzmitteln für denselben zu­gewendet. Abg. Stapfer verlangte in dieser Hinsicht schon am 8. März 1919, dast T o r sm u l l und St re u der Landwirtschaft zu anständigen Preisen wieder zu- gänglich zu machen seien. Besonders aber diente die­sem Zwecke ein Antrag der gesamten Fraktion (Druck- fache Nr. 1657, unter den Namen Trimdorn, Herold, Gilsing und Irl [Oberbayernf):

„für die Herstellung der für eine erheblich zu stei­gernde Anwendung ausreichend« Menge von künstlichen ..Düngemitteln (Stickstoff, Kali, Phosphorsäure) Sorge zu tragen namentlich durch genügende Beliefe, rung der betreffenden Werke mit Kohlen."

Abg. Dr. Heim verlangte in einer Anfrage vom 12. Juni 1919 Schutz der Landwirtschaft vor Schwin­deleien mit Kleefarnen (damals gehörte er der Fraktion noch an), die Gesamtfraktion aber in dem oben genannten Antrag Nr. 1657 o. 5. Dez. 1919, daß

„den Landwirten für einen ausgedehnten Anbau von Kartoffeln, Getreide und Hülsenfrüchten in hin. reichendem Maße Saatgut zu belassen und die Be­dingungen für den Ankauf von Saatgut unter entspre­chender Kontrolle für die Verwendung zu erleichtern seien."

Für Fütterungszwecke verlangte der Abg. Stapfer, daß es der Landwirtschaft wieder möglich ge­macht werden solle, Melasse zu mäßigen Preisen zu erlangen.

Auf die Hebung der Produktion der Landwirtschaft tm allgemeinen zielten folgende Bestrebungen der Zentrumsfraktion ab:

1. Der Antrag (Nr. 1358, unter dem Namen Alle- kotte), eine eigene Abteilung für Landwirt« ' Berat. Dir. 4.

schäft beim Reichswirtschaftsministerium zu errichten, der inzwischen auch bereits Erfolg gehabt durch Beru­fung eines Ministerialdirektors für Landwirtschaft.

2. Die Interpellation (Nr. 1537, Trimdorn und Ge­nosten) vom 25. November 1919, welche auf das be­drohliche Sinken der landwirtschaftlichen Produktion der deutschen Landwirtschaft, aus die Gefahr des Ueberganges zur extensiven Wirtschaft zum Schaden der gesamten Lolkswirtschaft und besonders zum Schaden unserer Dolksernährung himoeist und bann die Regierung fragt, was sie zu tun gedenke zur Förderung und Steigerung der landwirtschaftlichen Er­zeugung. In der Begründung der Interpellation im Plenum der Nationalversammlung hat der Abg. Herold auf die bestehende Gefahr, aber auch auf die Mittel zur Abhilfe in einer längeren gediegenen Rede hinge­wiesen. Auch der bayerische Abg. Stapfer kam dabei ausgiebig zum Wort, wie ich schon erwähnt habe.

Speziell sei hier zum Schluß noch erwähnt die An­frage des Abg. Dr. Heim (Nr. 556 vom 12. Juli 1919), betreffend Freigabe von Truppenübungs­plätzen, F l u g p l ä tze n unb anderem militärischem Areal, das für militärische Zwecke nicht mehr benötigt wird und mehr als 100 000 Hektar aus nacht, für land- wirlfchaftliche Bewirtschastung: ebenso ein Sammel­antrag Blum und Genossen (Nr. 1463 vom 20. No­vember 1919), der hauptsächlich zum Zweck hatte, die Schäden abzuwenden und zu mildern, welche durch den scharfen und frühzeitigen Frost den Hackfrüchten, Kar­toffeln, Zuckerrüben, Futterrüben und Wracken ent­standen waren. Blum verlangte da eine Reihe von Maßnahmen, die ich hier im einzelnen nicht aufzählen kann und will.

Hierher, d. h. zu den Maßnahmen zur Förde­rung der Produktion, gehört auch noch eine Anfrage des Abg. Irl (Oberbayern) (Drucksache Nr. 401 vom 22. Juni 1919), welche Abhilfe verlangte ge­genüber den Mißständen, welche auf dem Lande ent­stehen durch die Einführung der achtstündigen Arbeitszeit bei Handwerksmeistern, bei Schmie­den, Stellmachern, Schlossern usw., die sich mit der Reparatur von landwirtschaftlichen Maschinen und Ge­räten befassen; es können durch Aufschub solcher Repa­raturen dringliche Arbeiten der Landwirtschaft verzögert und verhindert und so der Produktion ein großer o., den zugefügt werden.

Ebenso wichtig wie die Frage der E rz e u g u n g Ist die Preisfrage für die Landwirtschaft und die da­mit zusammenhängende Frage der Zwangswirt, schäft. In dieser Hinsicht hat die Zentrumsfraktion folgendes unternommen:

Zunächst ist sie durch ihre Vertreter und Redner immer für Preise der landwirtschaftlichen Erzeugniste eingetreten, welche den gesteigerten Produktionskosten einigermaßen entsprechen. Zu diesem Zwecke vertan ot-- sie einerfeits ErhöhungderPreiseund anderer­seits Abbau der Zwangswirtschaft, sobald und soweit das nur immer möglich ist. Das kam wiederholt klar und entschieden zum Ausdruck in den Reden, auf welche ich oben ausführlich hingewiesen habe.

Bon besonderer Deden simg aber ist in dieser Hinsicht der Antrag Trimdorn, Herold, Gilsing, Irl (Ober­bayern) und des ganzen Zentrums (Nr. 1657 vom 5. Dezember 1919), welcher verlangt:

„Es sind., infotpeit die Aufhebung der Zwangswirt­schaft noch nicht angängig erscheint, für Getreide, Kar­toffeln und. Zuckerrüben schon jetzt, entsprechend den er. heblich gestiegenen und andauernd stark wachsenden Er. zeugnngskostten, die Prelise für die nächste Ernte festzusehen. welche dem Erzeuger mindestens zu bewilligen find."

Nur sehr ungern batten die Vertreter des Zentrums im Wirtschaftsausschuß der Freigabe der L e d e r w i rt- schuft zugestimmt. Wie recht sie mit ihrem Beden­keri hatten, zeigte das wüste Preistreiben, das in der Lederbewirtschastung sofort nach der Freigabe einsehte. Es stellen daher die Abg. Blum unh Genosien beim Etat des Reichswirtschaftsministeriums folgenden An­trag (Nr. 1403 vom 29. Oktober 1919):

Der Simfedoktor.

8-] ------------

Uebrigens kam bald etwas, was Fritzchen zlemllch in Anspruch nahm, nämlich die Kisten aus Men. Sie ent­hielten reiche Geschenke für alle, aber für Ihn kam nur eins m Betracht: das Rad. Den ganzen Tag faß er dar­auf, das heißt, er lag auch sehr häufig danebm oder darunter, aber er war mit dem Rad beschäftigt. Mit Stolz zeigte er di« Flecken auf feinem Körper; alle Far­ben vom hellsten Grün bis zum dunkelsten Dialett, vom zartesten Blau bis zum tiefsten Drange waren daraus ver­treten.

Amalle war sehr verstimmt. Die reichen Geschenke Emmas ärgerten sie teils und machten sie teils stutzig; vielleicht war diese Emma doch bester gestellt al» man an­nahm. Sie beruhigt« sich erst, als Detter Ferdinand die Befürchtung aussprach, die liebe Derwandte sei di« Ge­schenke schuldig geblieben und er werde zu gelegener Zeit die Rechnung dafür bekommen.

Edith machte ihr schwere Sorge; sie setzte ihren Plä­nen keinen offenen Widerstand entgegen, förderte die­selben aber auch nicht; mit Recht fürchtet« die Mutter, Waldemar könne des Werbens überdrüstig werden. Dem mußte vorgebeugt werden und sie beschloß, Ediths ge­drücktes Wesen auf ein Unwohlsein zu schieben.

Selbst Kienholz, der wahrlich kein scharfer Beobachter oder Seelensorscher war, merkte den Zwang, der in dem Verkehr der beiden Menschenkinder lag, deren Vereinigung « wünschte.

„Du kommst nicht von der Stelle, Waldemar," sagte er eines Morgens grollend zu seinem Sohne. „Edith macht sich nichts aus Dir, Du verstehst Dich nicht ins rechte Licht zu setzen. Ein wahres Gluck, daß Gustav sich so wenig um sie kümmert; aber wenn er es einmal tut, dann sticht er Dich aus, das1 ist gewiß."

,',Nein, Papa," entgegnete Waldemar, .Mich der nicht, trotzdem er ein kecker Draufgänger zu fein scheint. Diese Ditha ist ein trostloses Geschöpf. Siehst Du, ich hab« ja in der Tanzschule und sonst auch allerlei Mädchen kennen gelernt, kluge, und dumme, sentimentale und übermütige, schüchterne und kokette, aber so was wie diese Edith ist

mir noch nicht vorgekommen. Das geht immer herum wie 'ne geknickte Lili«, was soll man damit machen? Va­ter, das Mädchen ist krank oder trägt irgend einen im Herzen."

„Dann mußt Du ihn rausstechen, rausstechen um jeden Preis," rief Kienholz energisch, „’s ist Ehrensache für Dich, verstehst Du?"

Waldemar zuckte di« Achseln. „Gib mir nur dar Rezept, Papa, ich will gehorsamst danach verfahren."

„Rezept, Rezept!" stieß Kienholz heraus. „Den Zeit, fei auch! Mach Dich tute restant, Frauenzimmer ist Frauen- zimmer, ein Eiszapfen wird diese Edith auch nicht fein."

Da pochte es an die Türe, die beiden fuhren herum und riefen: „Herein!" Amalie trat ein, Kienholz eilte ihr entgegen.

„Guten Morgen, liebe Amalle! Gut geschlafen? Was führt Dich fo früh zu mir?"

„Die Sorge, lieber Ferdinand," entgegnete sie seuf­zend und ließ sich in einen Stuhl sollen, „der Kummer, der mich nicht schlafen ließ."

„Kummer, liebe Kusine?" fragte Kienholz teilnehmend; „ja, was ist denn?"

„Dstha macht mir Sarge, sie ist wieder so blaß. Ich weiß nicht, tut ihr di« Lust nicht gut oder das Master ober was sonst; ich möchte gern einen Arzt fragen und da wollte ich Dich bitten, nach ihm zu schicken."

'„Natürlich sofort," sagte Kienholz eifrig. ,Zst Edith noch zu Bett?"

„Ach, schon lange nicht mehr; sie sitzt bei einem Buche, blickt aber träumend darüber hinaus."

„Wer weiß, was für ein sentimentaler Kram das wieder ist," polterte Kienholz, „man darf es ihr nicht las. sen. Waldemar, geh hinein und heitere Deine Kusine ein wenig auf. Es ist doch erlaubt?" wandte er sich fragend an Amalie.

„Gewiß, gewiß," entgegnete diese, „ich bin sehr er­freut darüber. Also Du schickst nach dem Arzte?"

„Unverzüglich, meine Teure."

„Dann gehe ich ein wenig Toilette machen," sagte Amalie sichtlich beruhigt und ging zur Türe hinaus, die Schleppe ihres Schlafrockes graziös auF^-nb. Walde­mar folgte ihr.

„Es ist die Reichsregierung zu ersuchen, unter Abänderung der Verordnung über die Verwen. düng des Mehrerlöses ans den Häuten von Schlacht­vieh und Schlachtpserden vom 23. Seprcmber^zu bestim­men. daß die Mehrerlöse, die sich aus der «reigerung der Preise für rohe Häute und Felle von Schlacht- ticren gegenüber den durch die Bekanntmachungen vom 1. Mai 1919 festgesetzten Höchstpreisen ergeben, zu sechs Zebniel auf den Tierhalter und zu vier Zehntel auf den Kommunalverband verteilt werden."

Als nach mehreren Wochen eine dementsprechende Anweisung an die Kcmmunalverbände nicht ergangen war, stellten die Abgg. Iaud und Leicht vom Zentrum folgende Anfrage (Nr. 1520 vom 20. November 1919) an die Regierung:

„In der Sitzuna vom 30. Oktober 1919 wurde eine Entschließung — Nr. 1403 der Drucksachen — ange­nommen. welche bestimm!, daß der durch die Pre.sstei, , na dervorgerufcnc Mehrerlös für rohe Häute von Schlachtvieh und Schlachtpferden zu sechs Zehntel dem Tierhalter und zu vier Zehntel dem Kommunalverband gehören sollen.

Obwohl der Beschluß bereit* am 30. Oktober gefaßt wurde, ist bis cheute eine diesbezgl. Anweisung an die Kommunalverbände noch nicht ergangen.

Ich frage an: Ist die Negierung bereit, sofort eine Verordnung zu erlassen, um eine noch weitere Schä­digung der Landwirtschaft zu verhindern?"

Das wirkte, und die verlangte Verordnung erging und trat am 1. Dezember vorigen Jahres in Kraft.

Bekanntlich wurde auch, entgegen der Anschau­ung und Forderung der landwirtschaftlichen Sachver­ständigen, der Hafer 'n der Bewirlschaftung freige­geben. Auch hier zeigten sich sofort die verheerendsten Wirkungen der Freigabe. Wiederum war es der ver­diente Abg. Blum vom Zentrum, welcher auf Abstellung der Mißstände drang. Ex fteöh am 11. Oki. 1919 folgende Anfrage (Nr. 1173 der Drucksachen):

„Die zeitige Handhabung der Haferbewirischaftung führt zu den größten Mißständen. Ter Hafer ist zwar aus der Zwcmgsbewirrscliaftung freigelassen, aber mit der Einschränkung, daß von den Verbänden diejenigen Mengen zurückgelassen werden dürfen, welche die menschliche, insbesondere für die Kin derer näbruug nötig sind. Im allgemeinen wllte diese Rücklage etwa einen Zentner pro Morgen Anbaufläche betragen. Diese Zuiuckgaltung von Hafer wird von oen Verbanden sehr ungleichmäßig gehandhabt. Wäorend ein eine Verbände einen Zentner pro Morgen zurückbehalthn, werden von anderen bi? zu vier Zentner und mehr pro Moroen beschlagnahmt. Auch find^ von verschiedenen Kreisen Ausfuhrverbote für Hafer erlassen worden, welche in Verbindung mit dem Dresckverbot für Hafer bis zum 15. Oktober einen empfindlichen Mangel an Hafer und einen dementsprechenden Preisaufschlag herbeiführten.

Was geben ft die Regierung für die Ordnung und Abstellung dieser Mißstände zu tun?"

Das dürsten die wichtigsten Reden und Aküonen der Zentrumsfraktion in der deutschen Nationalversamm­lung sein. Wenn manche ihrer Klagen ungehört verhall­ten und manche ihrer Wünsche unerfüllt blieben, so darf man nicht vergessen, daß die Verhältnisie stärker sind als der beste Wille der Menschen. Die furchtbare Zerrüttung unseres Wirtschaftslebens durch Krieg und Revolution kann nicht in wenigen Monaten wieder voll­ständig beseitigt werden imd zudem hat ja das Zen­trum allein noch nicht den o i e r t e n T e i l der Man­date in der Nationalversammlung und kann darum nur etwas errreichen in Verbindung mit anderen Parteien. Auch mit der Rechten allein (Deutschnationalen und Deutschen Volksparte!) kann es eine Mehrheit noch nicht bilden. Das darf bei gerechter Beurteilung nie aus dem Auge gelassen werden.

Die Ratifikation.

biestern meldete die französische halbamtliche Havas-Agentur, der Austau'ch der Ratifikations­urkunden' werde kaum vor Beginn der nächsten Woche stattsinden können. Heute nennt sie wieder den 10. Januar als Termin. Sie meldet:

Der Austausch der Ratifikationsurkunden wird am 10. Januar, 4 Uhr nachmittags, im Ministerium des Äeußeren ftattfinden. Zugleich wiro Herrn v. LerSner

Gedankenvoll blickte ihnen Kienholz nach und schüt­telte den Kopf: da trat Frau Belli ein.

„Was soll ich denn heute kochen, Ferbinanb? Was wirb denn ihre Hoheit heute zu speisen geruhen?" fragte sie spitzig roie gewöhnlich, wenn sie von Amalie sprach.

„Deine ewige Gereiztheit ist langweilig, Betti," ver­setzte Kienholz ärgerlich. »Was hatten wir denn geftem?"

„Rebhühner."

„Und vorgestern?"

,F)ühner unb grüne Erbsen."

„Ach (Bott, richtig!" rief er vergnügt: „davon war ja Amalie so entzückt. Also rokber Hühner und grüne Erbsen."

„Waldemar mag sie aber nicht, ich auch nicht, Fritz unb Emma auch nicht," entgegnete di« Frau.

„Aber Amalie ißt sie gern und bamit basta!" Er durchschnitt di« Luft mit der Hand als Zeichen, daß di« ; Sache für Ihn abgetan sei. „Mach« mir den Kopf nicht i voll mit Deinen Albernheiten, wir stehen vor einer neuen ; Gefahr."

Sie schürzte verächtlich die Sippen. „Ach diese Ge­fahren! Wohl wieder ein Mann im Anzuge? Ja, rich­tig, der alt« Grundmann fährt ja heut« heraus, um uns Eier abzukaufen, und wer weiß . . ." sagte sie spottend.

„Mach keine faulen Witze und hör« zu. Amalie will durchaus einen Doktor haben, weil Edith täglich blei­cher wird, wie sie behauptet."

„Na, unb?' fragt« Betti. „So laß einen holen."

„Unb bas sagst Du nur fo, leichtsinniges Geschöpf?" fuhr er sie an; „denkst Du nicht daran, daß unser neuer Doktor ein Adonis, ein Apollo, kurz, das Entzücke» aller Mädchen ist? Und unverheiratet noch dazu! Nein, der irrf nicht ins Haus."

„Was willst Du aber machen?"

„Ich habe eine großartige Idee!" Er richtete sich hoch auf und sagte fast feierlich: »Ich laste den Liebhardt hoi,'N."

Erschrocken wich die Frau zurück. „Ferdinand, bist Du verrückt? Den Tierarzt?"

„Schrei doch nicht so", flüsterte et ängstlich. »Ja, den Tierarzt."

„Das dulde ich nicht", sagte fie entrüstet. „Daß Du'e nur weißt, so wenig ich die alte Komödiantin . . ,"

.Belli!" rief Kienholz warnend.

(Fortsetzung folgt.);

ein Schreiben ClemenceauS wegen deS abzugebenden schwimmenden Matermis übergeben werden. Die Ver- treter der Mächte, Die den Kriedensvertrag von stier» sarUes unterschrieben haben, werden dec llnterzuchnunp des Protokoll« beiwohnen.

Ferner liegen noch folgende Meldungen vor:

* Genf, 8. Jan. Havas meldet, daß sofern cm kommenden Samstag die Unterzeichnung des Protokolls durch die Teutsch-en ersolgr, die Rechtskraft deS Friedens von Versailles am 17. Januar eintreten soll.

wtb Paris, 8. Jan. „Ehicazo Tribüne" melbte, daß Amerika weder an der Unterzeichnung des Prolo- kollZ, noch qn der Zeremonie des Austausches der Ra- tifikationsurkuiiden noch an den Sitzungen des aus« führenden Rares des Völkerbundes teilnehmen wird. — Der „Jntrrmsigeant" sagt, die Meldung kennzeichn« die augenblickliche diplomatische Sage.

Die bestimmte Fassung der Nachricht läßt darauf schließen, daß der Austau ch dei Rattfikationsurkunden nun endgültig aus den 10. Januar festgesetzt ist. Der morgige Samstag würde uns dann endlich den Fr ie de ns schluß bringen. Zum Aufatmen gibt das noch keinen Anlaß. Denn mit dein Jnkraft- kreien des Friedeneverirogks bekommen wir nur etwas megr formelle tziechtssicherh^t, aber neue Lasten, neue Aufgaben und neue Sv> gen in beträchtlichem ilm« fange. Alle die Hoffnungen, die vor Jahresfrist auf dir Friedenscerhandlungen gesetzt worden sind, haben sich als eitel erwiesen. Der Friede, der dem deutschen Bolk jetzt endgültig auserlegt wird, bedeutet das Ende der W e l t in a ch t st e l l u n g Deutschlands, er he« deutet das Ende der gliinxenden wirtschaft- t i ch e n Entwicklung und er bedeutet die Ausbür- dung ungeheurer Lasten auf die Schultern des wirt» schafttich völlig darniederiicgenden Deutschlands.

Ansehnliche Teile des deutschen Reiches mit Millio­nen deutscher Volksgenossen müssen der Fremdherrschaft ausgeliefert werden, deutsche Volksgenossen müssen der Gerichtsbarkeit eines rachsüchtigen Feindes überlassen werden, für das ■ deutsche Wirtschaftsleben lebenswich­tige Teile müssen in Feindeshand gegeben werden. Tri­butzahlungen von unerträglicher Schwere werden uns auferlegt. Das deutsche Volk wird alsbald die furcht­bare Heimsuchung, die dieser Vertrag nicht nur für das Volk als ganzes, sondern für jeden einzelnen von uns bringt, spüren. Das deutsche Volk muß sich endlich auf sich selbst besinnen, wenn es nicht untergehen und zum Lohuslaoen englischen und amerikanischen Kapitals wer­den will.

Der 10. Januar bringt den Frieden, nach dem wir schon lange uns gesehnt haben, doch es ist kein Festtag für uns, es ist ein Sorgentag, dem noch Sorgenjahre folgen werden. Aber wir müssen durchhalten und wol­len nicht van der.Hoffnung lasten, daß einst doch wieder bessere Tage anbrechen. Wir glauben an Deutschlands Zukunft.

Die deutsche Note über Mitzstänve in einem französischen Gefangenenlager«

Der Schweizer Gesandtschaft ist eine No'e der beut« schcn Regierung gegen die Mißstände im französische» Kriegsgefangenenlager von Chateau Landon über­reicht worden. Es heißt dann:

Sie Kriegsgefan >enen sind ohne Rücksicht auf ihre» Dienstgrad in Holzbaracken zu je lOu Mann unter»«« bracht. Die Baracken sind kalt unb undicht unb bieten keinen Schuh gegen bie Wi tterung, insbeson­dere dringt der Regen ein. Heizvor Dichtungen sind nicht vo Händen, ebensowenig Was.ch.wfäße und Handtücher. DaS Lagerstroh ist in neun Monaten ein. mal erneuert worden. Die Latrinen sind gesund- heitSfchädlich: nachts werden stinkende undichte Holzkisten in jede Baracke gesetzt. Es herrscht Mangel an Kleidungsstücken und Wä,che. Infolgedessen wer­den die Kriegsgefangenen von Ungeziefer geplagt, zumal da feine Entlausung stattfindet und die Bade­gelegenheit unzureichend ist. Ärzneimittel fehlen. Die Ernährung ist ungenügend: 300 Gramm meist verschimmeltes Brot täglich, dazu dreimal eine dünne, mit ganz wenig Speckwürfeln versehene Suppe aus madigen Bohnen. Durch einen von Deutschengaß be- feelten Posten sind ein Kriegsgefangener er­schossen und zwei erheblich verletzt worden, als fie zur Latrine gehen wollten. .

Die deutsch-polnische Grenze.

Unter dem 24. Okwber war von der deutschen Regierung an den Obersten Rat eine Note gesandt worden, tn der darum ersucht wurde, der interalliertea Grenzkommission für die deuisch-polnische Grenze erweiterte Vollmachten und eventuell die Möglichkeit zu geben, von der im Friedensvertrag vorgesehenen Grenzlinie abzuweichen. Herr von Simson hat diese Angelegenheit in Pari» kürzlich noch einmal zur Sprache gebracht. Darauf ist ihm in einer Not« vom 6. Januar mitgeteilt worden, daß den deutschen Vorschlägen, die den Friedensvertrag von Bersaille« in Frage stellen würden, nicht Folge gegeben werde, und daß sich die alliierten Mächte nur an bie Bestimmungen deS Friedensvertrages halten könnten.

Der Reichspräsident an die Industrie.

Der Reichspräsilent empfing am Mittwoch im Bei­sein des Reichskanzlers Bauer, des Reichs-Justizmiift- sterS und Vizepräsidenten des Reichsminlsteriu ns schif» fer unb des Reichs-Schatz nmisterS Mäher oa; Präsidium des ReicbSvervan des der d eu tschen I u d uft r i« unter Führung des Vorsitzenden Dr. -^orge Dr. Sorge legte in längeren Aussührun 'en die Lage der deutschen Industrie dar: Die industriellen Unternehmer seien in schwerer Sor,e, ob bie mnerpofttsiche Entwicktun i ihnen die Mö'lichkeit lassen würde, sich beim’ Stiieberaufjau so zu betätigen, tote es ihrem Willen und ihrer Straft entipiächc unb rote es die Not der Zeit verlange Dies? Sorge habe sie zum Reichspräsidenten geführt.

In seiner Erwiderung führte Reichspräsident Ebe t auch daß er vollkommen iet Ansicht der In» dustrievertrcter sei, daß der deutschen Industrie eine überaus wichtige Bedeutung beim Wiederaufbau unseres Wirtschaftslebens zukomme In der Wiederoclebung und möglichst vollen Entfaltung der gewerb­lichen Produktion erol.cke et die wichtigste wirt­schaftliche @ecenroait5aufgabe überhaupt Die Errei- d üng dieses Zieles im Innern hänge aber nicht nur von der möllichit freien Betätigung der Unternehmer, sondern auch von anderen Bcdingnnaen ab, deren Er­füllung in gleicher Weise Voraussetzung des Erfolgs sei. Eine dieser Voraus ehun en ser die Hebung der stark gesunkenen Arbeitsfreudigkeit der Arbeit­nehmer. Die Neicksregieiung sei entschlossen, jeder un- beredjtigten aibcitä1’“»- ••-'•rung entg’genÄutrcten.