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47. Zahrg

Samstag, 3. Januar 1920

fir. 2

* Die Kohlennot ist durch den FörderauS- fa l l während der Feiertage wiedeium geslie-en. Im Ruhrgebiet haben in ter Zeit zwischen Weih­nachten und Reujahr die Beiriebe der Eroßeiien» industrie stillgelegen, im Kohlen zu 'Poren. Tie Kohlenlage ist aber auch weiterhin änderst schlecht, wozu die Forderung der Enienie auf Lieferung der ihr vertraasmäßig zustehcnden Kohlenmengen wesent­lich beiträgt.

Proklamierung dcS SaarstaateS. Die offizielle Proklamierung des Saarftaaies, womit der tatsäch­liche Entriit der Zollgemeinschast des Saar- gebietS mit Frankreich verbunden ist, wird na« menS der alliierten Regierungen am 8. oder 9. Ja­nuar erfolgen.

* Der englische BesichtignngSausschutz, der sich am 1. Januar von Hamburg nach Kiel begeben ha'le, ist nach Danzig abgeiei't. Von dort wird ein Teil der Mitglieder nach Lübeck und ROiwck, dec andere Teil nach den Nordseehäfen gehen. i Fertigstellung der Bagdadbahn. Revier meldet, daß der Eisenbahnverkehr von Bassorot) nach Bagdad in allernächster Zeit ausgenommen werden wird. Der Bau der Strecke macht schnelle Fortschritte. — Damit wäre dann die Bagdadbahn endoüirig durch- geführt. Die Bahn wurde von den Deutschen gebaut, die Oberleitung hatte vor dem Kriege der damalige Tirckor der Deutschen Bank, Gcneral- direkior der onotoli'den Enenbahnen, Tr. Helffe-

Berantworllich für den redatiionellen Teil: Karl Schütte, : für die Anzeigen»'I. Parzeller-Fulda. "

Rotationsdruck. Lei tag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Abresse: Fuldaer Zeitung

Anzeigenpreis: Die K ieinzeile (noch Colonel chrlft) S0p,g., di- Re k l a m - z e i le lTertbreiie) 1 Mk, bei Wi.derholung Rabatt.

Kohlenpreiserhöhung.

In seiner Sitzung vom 30. Dezember hat der Reich?, kohlcnverband unter Zustimmung des Reich-W.rt^cyal.s. Ministers mit Wirkung vom 1. Januar ab eine Jtcige von Preiserhöhungen beschlossen. Abgciehen von den Steueibetrügen setzen sie sich im allgemeinen aus zwei Teilen zusammen. Ter eine Teil dient zum Jus. gleich der seit den letzten Preiserhöhungen wieder sehr erheblich gestiegenen Preise der >m Berg­bau benötigten Materialien (insbesondere Holz und Msen) Der andere Teil soll die Mittel sckiaf,en für die beabsichtigten Neubauten von B e r g a r b e r- ter-Heimstälten, die im werteren Verlauf zur Erhöhung der Produktion führen werden, und für die Lieferuna von billigen Lebensmitteln an die Bergleute welche Ueberschrchten Verfahren; da diese Lebensmittel erst allmählich beschafft werden können, so kann die Wirkung dieser Maßregel nicht sofort emtreten. Im einzelnen dient für ErnährringSzwccke ein Zuschlag von durchweg 2 Mark für die Tonne (Bei Rohbraunkohlen 70 Pfg.f, für Heimstäticnzwccke ein Zuschlag von 6 Mk. bei Steinkohle Braunkohlenbriketts usw., von 9 Mk. bei Koks von 3 Mark bei Koksgrus und von 2 Mark bei Sch'ammkoble und Robbraunkohle. Die Gesamr- prciZerhöhung für Steinkohlen, die cb 1. J,anuar für Nbeinland-Westfalen in Kraft tritt, beträgt demnach 15,50 Mk. pro Tonne ausschließlich Steuern. Für die andern Koblenbezirke sind sie teilweise noch höher Mit diesen Preiserhöhungen sind bte Wünsche dec Werke noch keinesfalls befriedigt. Mett hoher gehende Anträge liegen schon für dn 15. Januerr die. fcS Jahres vor, und zwar in der doppelten Höhe der fetzt brwilligten Zuschläge. Diese Forderungen der Zechen haben aber die Zustimmung des ReichZwirt- schaftsministerinms nicht gefunden.

So kommt der heilsame Einfluß, den wir vom Verkehr mit Rom erhoffen, auch den Andersgläubigen zugute, die noch auf positivem Boden stehen und^ namentlich eine christliche Erziehung ihres Nachwuchses wünschen.

Als vor einem Jahre bei den Vorbereitungen zur Wahl sich eine Annäherung von katholischen und evan­gelischen Wählern zeigte, wurde von den alten Fana­tikern wieder der Schlachtruf „gegen Rom" ausgegeben. Das hat nicht allzuviel Unheil angerichtet, aber doch einige Verbesserungen des Wahlergebnisses verhindert. Wird bei den bevorstehenden Wahlen zum neuen Reichstag der Hetzruf wieder erschallen?

Wie es kommen mag, auf jeden Fall haben weder der Heilige Stuhl noch auch das Zentrum den gering» sten Anlaß gegeben, daß man ihnen ein engherziges oder selbstsüchtiges Verhalten gegenüber den Anders­gläubigen vorwerfen könnte Im Gegenteil: der Hl. Vater hat während des Krieges und bis zum jetzigen Augenblick väterlich sich bemüht, zugunsten aller Deutschen ohne Unterschied des Bekenntnisses, und das Zentrum hat nach der Revolution ebenso wie vorher immer sich ehrlich bestrebt, den evangelischen Mitbür- gern dieselben Rechte und dieselben Garantien für ihre Kulturgüter zu verschaffen, wie sie die katholischen Bürger und Eltern für sich erstreben.

Der päpstliche Nuntius hat sich hoffnungsvoll über die Zukunft Deutschlands ausgesprochen. Die Hoffnung auf Genesung und Wiedererstarkung wird um so eher in Erfüllung gehen, je besser wir den inneren Frieden wahren. Dazu kann der Besuch in Berlin und Köln Mitwirken, wenn alle Beteiligten aus dem näheren Ver­kehr zwischen Rom und Berlin die richtigen Lehren und Anregungen ziehen.

t Frankfurt a. M., 2. Januar. Nuntius Pacelli traf beute aus Köln kommend hier ein und nahm im Kloster der Utiitlinen Wohnung. Am Samstag fährt er nach Mäuschen zurück.

Rom irnv Berlin.

Die Reise des Apostolischen Nuntius P a e e l l i „ach Berlin und Köln betrachten wir gern als ein gutes Vorzeichen für kirchenpolitische Entwicklung.

De gleich., ige Rückkehr des Fürstbischofs Bertram von Breslau, der in Rom den Kardinalshut erhalten, bestärkt den erfreulichen Eindruck, daß der Hl. Stuhl unserem deutschen Vaterlande in der Zeit sei­ner Demütigung und Not besonderes Wohlwollen und väterliche Sorgfalt angedeitzen läßt. Das steht auch im Einklänge mit der ganzen Haltung des Vatikans wäh- rend der Kriegsjahre.

In herzlicher Dankbarkeit erinnern wir uns an all bte Schritte, die der hi. Vater getan hat, um die Lei­den des Krieges möglichst zu mildern und den Frieden vorzubereilen. Seine väterliche Hilfe ist besonders den schwer geprüften Deutschen zugute gekommen, und für feine Bemühungen zur Abkürzung des Krieges fand er nirgends mehr Verständnis und Unterstützung, als bei der deutschen Regierung und dem deutschen Reichstag.

Die vortrefflichen Beziehungen zwischen dem Vati­kan und Deutschland schienen gefährdet zu sein, als nach der Revolution die Unabhängigen an der Regierung teilnahmen u. mit Adolf Hoffmann der ausgesprochene Geist der Kirchen- und Religionsfeindschaft in das Kultusministerium einzog. Die Staatsgewalt drohte damals von der Kirche und von der christlichen Schule rücksichtslos sich loszusagen. Glücklicherweise kam die­ser radikale Kulturta' ?f bald wieder zum Still­stand, als die Unabhängigen ausgeschifft wurden und die demokratische Politik aus Grund der Koalition der drei Parteien sich anbohntc. Bald kam dann auch in Weimar ein Kompromiß zustande, das den Kul- turfrieden sichern sollte. Doch wirkte es wie ein Reif in der Frühlingsnacht, als in Preußen und einigen an­deren Gliedstaaten die Linksparteien und ein Teil ihrer Minister den Versuch machten, einen Kulturkampf in milderen Formen in Gong zu bringen, der das Weima­rer Abkommen wieder zu Ungunsten des christlichen Dolksteiles, namentlich zu Ungunsten der Bekennt­nisschule umzubiegen drohte. Diese bedenklichen An­sätze sind durch den entschiedenen Einspruch des Zen­trums vorläufig zum Stillstand gebracht, aber vollstän­dig überwunden sind sie noch nicht. Wir müffen noch weiter st reden und ringen, um zu einem wahren, soliden und dauerhaften Frie­den auf dem Gebiete der Kirchen- und Schulpolitik zu gelangen, und wir hoffen, daß dieses Ziel umso schneller und leichter erreicht wird, je mehr der freundschaftliche Meinungsaustausch zwi­schen Berlin und Rom sich entwickelt.

Es handelt sich da um noch mehr, als die Rege­lung der einen und der anderen schwebenden Einzel- frage, wie z. D. augenblicklich um die Rechtsgültig- feit des Vertrages in der Bulle de falute animarum und über die Wiederbesetzung des erzbischöflichen Stuh­les in Köln. Der Geist ist es, der die bestehenden Rechtsnormen lebendig und fruchtbar macht, — der Geist des gegenseitigen Verständnisses und des Frie- denswillens zwischen der Staatsgewalt und der Kir­chengewalt. Und wir hoffen, daß dieser gute Geist belebt und gestärkt wird durch den persönlichen Ver­kehr und die unbefangene mündliche Aussprache.

Insbesondere ist es für die Machthaber in Preu- 6 e n sowohl die ministeriellen wie die parlamentari­schen, sehr heilsam, wenn sie durch das Erscheinen des Nuntius daran erinnert werden, daß der K a t h o l i - zismus eine Weltmacht ist, mit der jeder Realpolitiker rechnen muß, auch wenn sein altes „Pro­gramm" davon nichts gesagt hat. Daran schließt sich die weitere Erkenntnis, daß auch der katholische Dolks- teil in Deutschland selbst im demokratischen Staat seine gebührende Berücksichtigung erlangen und im Notfall erringen kann. Die geschlossene Schar der deut­schen Katholiken kämpft aber nicht nur für die Rechte und Interessen des eigenen Bekenntnisses, sondern für die höchsten Güter aller gläubigen Mitbürger.

Der Fall Röchling.

Der ungeheuerliche Urteils pnich des Kriegsgerichts von Amiens gegen die Saarbrücker Gtoßindnstriel- len Robert und Hermann Röchling hat wie ein greller Blitz die furchtbare Sage beleuchtet, in welche wir einem fo haßerfüll en „Sieger" gegenüber ge­kommen sind, wie eS Frankreich ist. Ganz abaeieben davon, daß die Aburteilung deutscher Staatsange­höriger vor Jnkiaittreien desFriedensvertra-es recht- lich überhaupt nicht zuläffig ist, stellt das Urieil einen grausamen Justizmord dar. An ihm kann man ermessen, tote eS den Persönlichleiten ergehen wird, welche auf der Auslieferungsliste stehen. Wei­ter aber zeigt uns dieses Schandurteil, auf welche einfache Weise die Franzosen ihre wirklichen, aber auch ihre vermeintlichen Schadenersatzansprüche zu befriedigen ge onnen sind.

Die Gebrüder Röchling sind zu der furchtbaren Sira'e von je 10 Jahren Zuchthaus und zu einer Geldstrafe von je 20 Mill.onen Franc verurteil» worden. Außerdem wurden sie auf 15 Jahre des Landes verwiesen. Die ungeheure Summe von 20 Millionen Franc bedeutet nach unserem bemigen Valutastand einen Bei rag von 100 Millionen Mak. ES ist ganz selbstverständlich, daß selbst diese gewiß außerordentlich vermögenden Großindustriellen un­möglich einen derariigen Betrag bezahlen können. Auf die einfachste Wei.e der Welt werden daher sich die Franzoien in den Besitz der weltberühmten Röch- ling'ichen Werke im Saarrrv er setzen. DaS Urteil von AmienS läuft demnach auf eine ganz gemeine Konfiskation des wertvollsten Eisen- und Gru» benbesitzeS hinaus. Wenn nach bieiem Rezept auch bet den weiteren Urteilen ve,fahren wird, bann kön­nen wir uns auf aller le; schöne Dinge gefaßt ma­chen. ;

Man stelle sich nur einmal vor, was sich ereig­nen kann, wenn wiche „Urteile" auf Grund der ÄuSliefeiunoSlisle sich häufen, und wenn sich ichließ-

fuchen, aber unbe richtetet Singe wieder abreiten, toefl die En'landet ihm die Kohlen verweigerten Die ,Boss. Ztg/ erhält jetzt tuten eingehenden Berrchh au« dem herooraeht, oaz dem heutigen ^aj^et bet feinem Einlaufen in Äbctdeen von Land aus Hun. Lette von Leuten wilde Rufe cntgeßeniuartv, wie .Hunnen', „Kinoermörber-, .SÄwtine .Schießt die Hunnen tot!' usw. Der enplr,che Pooel warf mit Steinen und Konten, 1° ßaB st4 kein Mensch an Deck der .Bremerhaven- ,ehenwßcn konnte, Ms noch ein englischer Dampser,ver,nette, den Fischdampfer zu rammen, entschtotz sich der Kapitän, den Hasen zu bcrlcficn. e5 pelang tbm auch, mit nur zwei Zentnern Kohlen die deut,cke Küste zu erreichen. Äuf der Heimtahrt mußten 36 Kg. Ma- schinenöl, 20 Kg. Zy tnberöl und alles, was sonst noch brennbar war, berheizt werden.

lich die Unmöglichkeit der Erfüllungen, vor allem der Geldstrafen, ergibt. Dann stünde nach dem von den Franzosen eigenmächtig sich zuerkannten „Siegers- Rechte ihnen ein jeglicher Eingriff in deutschen Besitz offen. Daß aus einer derartigen Situation sich die ent­setzlichsten Folgen nicht nur für das Eigentum, son- bern auch für die persönliche Freiheit und Sicherheit des Einzelnen ergeben, liegt auf der 1. nd. So kann es kommen, daß mittels französischer Gerichtsurteile Frank­reich sich in den Besitz weiter deutscher Landesstrecken und Wirtschaftsgebiete setzt und damst auf andere Weise das Ziel erreicht, das Fach durch seine fortdauernden Drohungen erstrebt.

Wessen sind die Röchsings angeklagt gewesen? Es wurde ihnen zur Last gelegt, daß sie in den besetzten Gebieten Fabriken niebergclegt. Maschinen aus densel­ben entnommen und in ihren eigenen Betrieben aufge- stellt hätten. Wir wollen in diesem Zusammenhang auf di- Zerstörung der Industrie in den de ätzten Ge­bieten nicht eingehen, aber es muh betont u.rtten, daß nicht die Röchlings, auch nicht die andern Industriellen, die unter dieser gleichen oder einer ähnlichen Anklage stehen und später abgcurteilt werden sollen, auf eigene Faust eine solche Handlung vorgenommen haben. Sie handelten auf den Befehl der obersten militäri­schen Stellen, wenn sie die Maschinen entfernten und sie handelten wieder im Auftrage der Reichsregierung» wenn sie diese Maschinen in ihren Betrieben aufstellten. Statt daß die französische Negierung an deutschen (Ein- zelpersonen einen derartigen ungeheuerlichen Justizmord vornähme, mühte sie sich zur Aufklärung des Tatbestan­des vorher mit der Reichsregierung in Verbindung fetzen. Ader nicht um Aufklärung ist es Frankreich zu tun, sondern um den Diebstahl deutschen Besitzes und im vorliegenden Falle besonders um die wirtschaftliche Festsetzung Frankreichs im Saar­revier.

Tis Pariser Verhandlungen.

Es war zu erwarten, daß die am Silvestertag ein- getroffene Meldung, der Austausch der Ratifikations­urkunden find« am 6. Januar statt, noch nicht das letzte Wort in dieser Angelegenheit bedeutete. Jetzt ist es der „10., ja selbst der 12. Januar", an dem der Frieden in Kraft treten soll. Wann er in Wirklichkeit abgeschlossen wird, das ist eine Preisfrage.

In Berlin liegen neue amtliche Meldungen nicht vor. Man glaubt jetzt, daß eine Antwort auf die letzt« Note der Entente möglicherweise nicht nölig werde, es hängt dies von dem Gang der Verhand­lungen ab. Zur Entschädigung für die Versenkung der Flotte in Scapa Flow hatte die (Entente be­kanntlich 400 000 Tonnen Hafenmaterial verlangt. Sie besteht auch nach wie vor darauf, daß wir in dem Schlußprotokoll dahingehende Verpflichtungen unter­schreiben. Indesien ist aber eine Uebereinftimmung dahin erzielt, daß zunächst nur 192000 Tonnen abzuliefern sind, der Rest erst nach innerhalb dreißig Monaten. Wie hoch dieser Rest sich beläuft, wird von dem Ergebnis der Nachprüfung abhangen, die die bri- tische Kommission zur Zeit in den deutschen Häfen an­stellt. Nach Unterzeichnung des Protokolls soll auch die Besatzung der versenkten deutschen Flotte in die Heimat entlassen werden mit Ausnahme derer, die sich Kriegsverbrechen sollen haben zu schulden kommen lassen; dabei ist zu beachten, daß die Versenkung der deutschen Kriegsschiffe selbst nicht als Kriegsverbre­chen anzusehen ist.

cg Amsterdam, 3. Ian. (Tel.) Reuter meldet aus Paris: In einer Besprechung mit der deutschen De­legation lehnten die Alliierten bindende Erklärungen zu den neuen deutschen Vorschlägen ab, so lange die Unter­zeichnung des Schlußprotokolls durch Deutschland nicht erfolgt ist.

Wie die Engländer deutsche Seeleute empfangen.

Der deutsche Fischdampfer „Brcmerbaven" mußte kürzlich Aberdeen we.en Kohlcnmnngel» auf«

Der Sänsedoktor.

Roman von A. Gau».Bachmann.

(Nachdruck verboten.)

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Kienholz jubelte innerlich bei diesen Worten. Also «eizig war diese Millionärin auch noch! Um fo besser für ihre Tochter und den Mann, der di« letztere heimführte.

Was war doch er, Kienholz, für ein Glückspilz! Sein Gut verdankte er einem Lotteriegewinn, nun würde er sicher für fernen Sohn die goldene Erbin gewinnen.

Er suchte ihn auch sofort auf,- um ihm anzukündigrn, baß er Edith als Tischnachbarin haben und daß er über­haupt verpflichtet sein werde, sich vorzugsweise mit ihr zu unterhalten.

Waldemar seufzte. „Ich fürcht«, das wird ein saures Stück Arbeit werden", meinte er. „Gerade sehr ermuti- gend sieht di« exotische Base nicht aus; entweder ist sie hochmütig oder langweilig oder dumm über alle Mußen Das letztere wä r mir, offen gestanden, am liebsten, aber das wird leider gerade nicht der Fall fein. Hast Lu sie ein Wort reden gehött, Papa?"

Kienholz dachte einen Augenblick nach. „Nein", wußte er bann zugestehen; „aber Du, ich hab sl Das Mädchen kann gar nicht deutsch. Wenn die Mutter auch eine Deutsche ist, sie haben in Amerika gelebt und jedenfalls ist im Hause nur englisch gesprochen worden; Du mußt also englisch mit ihr reden."

„Englisch? Ich?" rief Waldemar entsetzt.

„Nun etwa nicht?" fragte Kienholz entrüstet zurück. „Wozu habe ich Dich denn so lang« unterrichten lasten, totnn Du Dein Wissen nicht anwenden willst? Ich hoffe. Du gibst Dir all« Mühe."

Damit verließ er seinen Sohn und begab sich in die Küche, um nachzusehen, ob das Frühstück bald fertig sei. Waldemar fuhr lich aufgeregt mit den Fingern durch die Haare. Die Aussicht, mit der neuen Cousine, englisch fp:t« chen zu müssen, machte ihm diese nicht sympathischer und gerade dieses Mädchen sollte er um jeden Preis erobern. Nicht genug, daß er sich mit ihr in einer fremden Sprache unterhalten mußte, tr wußte ja nicht einmal, wie und wovon sich unte halten. Sie war reich, verwöhnt, war viel in der Welt herumgekommen, was konnte er ihr^ er­zählen? Seine Studentenerlebniste, ein paar luftige KneipaelchiLten. das war alles: und bei diesen armseligen,

kindischen Geschichten noch nach Vokabeln suchen müffen, das war einfach haarsträubend! Den Mann hätte er sehen mögen, der unter solchen Umständen ein Mädchen be­zaubert hätte.

Verzweifelt begab er sich in fein Zimmer und nahm ein Büchlein vom Regal: „Der kleine Engländer ober die Kunst, in drei Monaten vollständig englisch zu spre­chen." Eifrig blätterte er darin und schrieb von Zeit zu Zeil einen Satz auf einen Dogen Papier; endlich schlug er das Buch zu und ging bann mit dem Bogen im Zim- mer hin und her, halblaut die Sätze memorierend, die et ausgeschrieben hatte. Als er fk endlich auswendig wußte, lachte er grimmig auf. Mit diesen Schulsätzen sollt« er einem zweifellos gebildeten Mädchen imponieren! Es war zu dumm! Wenn er doch nie ein Wort englisch gelernt hätte, daß der Papa feine solchen Anforderungen an ihn stellen konnte! Denn das Mädchen doch lieber eine Chinesin uäre, bamt könnte er sich der Augenjprache bedienen und die ist in allen Ländern so ziemlich gleich!

Gustav trat jetzt «in und stört« ihn in seinen Betrach­tungen; er erblickte das aufgeschlagen« Buch und schaute hinein.

„Du treibst Englisch?" fragte er. -

„Ich habe es getrieben und wieder vergessen und jetzt muß ich es wieder hervorkramen wegen der amerikanischen Verwandten", entgegnete Waldemar seufzend. „Ich be­komme die Cousin« als ständig« Tischnachbarin und muß sie unterhalten; wi« soll ich da mit meinem trostlos küm­merlichen Englisch vorwärts kommen?"

„Armer Kerl!" sagte Gustav mit tiefgefühltem Be­dauern; „ich möchte nicht an Deiner Stelle fein. Uebrigens ist die Geschichte vielleicht gar nicht so gefährlich; die Mama spricht, soviel ich gehört habe, ganz vorzüglich Deutsch, davon wird die Tochter doch wohl auch was ab« bekommen haben. Also nur Mut!"

In diesem Augenblick steckte Fritz den Kopf zur Tür herein. „Ihr sollt zum Frühstück kommen!" rief er und verschwand wieder. Waldemar gab sich einen gewaltigen Ruck und ging stramm hinaus, um sein inneres Unbe­hagen zu verbergen. Draußen traf er schon auf den Vater, der ihm rasch zuflüstert«, er möge nur ja recht liebenswürdig sein. In demselben Augenblick trat Tante Amalie, gefolgt von Edith, aus ihrem Zimmer. Kienholz eilte auf sie zu und bot ihr den Arm; sie schlug ihn lachend aus. „Nichts da, lieber Ferdinand, nicht feierlich und nicht galant; ich bin zu Euch «kommen, um einmal ein

fo recht gemütliches, kleinstädtisches Familienleben zu füh­ren, je einfacher, je lieber. Unsere Kinder sollen nie Geschwister und wir alle gleichberechtigte Hausgenossen fein; ach, ich hoffe, es wird reizend werden!"

Sie schlug wie in kindischer Freude bte Hände zu­sammen; Kienholz sah sie freudig an.

„Du bist entzückend, Amalie", sagte er im Ton« ech­tester Uebergeugung,' denn er war wirklich entzückt von ihrer Art; für ihn konnte nichts vorteilhafter sein als diese toll« Samte der Millionärin, die arme Kleinstädterin zu spielen; diesem Gelüste sollte sie hier nach Herzenslust frönen können und das junge Mädchen fand vielleicht so­gar Gefallen an einem derartigen Leben; alles Neue und Ungewohnte zieht an und fesselt. Waldemar hotte bei den Worten der Takte erleichtert aufgeatmet; bei einem geschwisterlichen Verkehr würde gewiß auch sein mageres Englisch von der scherzhaften Seit« genommen und schadete ihm weiter nicht. Und so wagte er es denn mutig nach einigem Räuspern, Edith leise zu fragen, ob sie nicht müde von der Reise sei.

Das Mädchen lächelte säst unmerklich, Waldemqr hatte es aber doch gemerkt und errötete; dies leise Lächeln sagte ihm, daß seine Aussprache doch wohl nicht ganz ein­wandfrei sei. Nun würde das so fortgehen, er immer mühsam zusammengesuchte Sätze stammelnd, sie immer lächelnd; wenn dies Lächeln auch nur fo schwach und fo wenig boshaft war, ärgern würde es ihn doch jedesmal.

Ehe er diese Gedanke nöch zu Ende gedacht, schlug Ediths Stimme an sein Ohr: „Die Mühe war überflüssig, ich sprech« vorzüglich Deutsch."

Er starrte sie einen Moment lang verblüfft an, bann sagte er mit entern tiefen Seufzer der Erleichterung: „Gott sei Dank!'

So treuherzig kam das heraus, daß Edith lachen mußte, und Waldemar lacht« mit; Kienholz aber freute sich innig, daß di« beiden jungen Leute sich so gut unter­hielten.

3m Denandazimmer waren di« andern schon versam­melt, und bei dem Frühstück ging es äußerst lebhaft zu; di« Gäste waren weltgewandt, die Wirte liebenswürdig, und an Gesprächsstoff mangelte es nicht. Wenn man ein­ander so viel« Jahre hindurch nicht gesehen, und wenn jedes Einzeln« wcchselvolle Lebersschicksale g«habt hat, I gibt es eine Menge zu erzählen. Zu einem ausführlichen । Bericht über diese Schicksale tarn es nun allerdings nicht i in dieser alten Stunde des Beisammenseins; erst :3

waren Emma und Amalie einander fremb und zweitens war die Anwesenheit der jungen Leute ein Hindernis. Zu einer vertraulichen Aussprache war ja bei einem langen Aufenthalte Zeit genug, und so gab » bei dieser ersten Mahlzeit nur ein buntes Durcheinander von kleinen Epi­soden aus der längst- und aus der jüngstvergangenen Zeit. An di« Erinnerung an einen lang verstorbenen Ver­wandten, der ein sonderbarer Kauz gewesen, knüpfte sich die Erzählung von einem drolligen Coupeegenossen, den man auf der Herreise gehabt hatte, an einen funkelnagel­neuen Witz von heute, ein Kindergeschichtchen, das vor fünfundzwanzig Jahren die Derwandtschast erheitert hatte. Kienholz bemerfte mit einigem Mißvergnügen, daß Gustav eine besondere Unterhaltungsgabe besaß; vr schien äußerst weltgewandt zu fein und dabei hatte er etwas so herzig Frisches und Siebes In feinem Wesen, daß er durchaus nicht den Eindruck eines Schwadroneurs machte und daß man ihm gut fein müsse, ob man wollte oder nicht. Einigermaßen beruhigte sich der beobachtende Onkel dabei, daß Gustav sich hauptsächlich mit Manechen beschäftigte, und daß sich Edith mit dem stilleren Waldemar ganz gut unterhielt. Nur als Amalie anfing, von ihrem glänzenden Leben in Amerika zu erzählen und bei jedem Satze: „Nicht wahr, Ditha?" zu ihrer Tochter sich wandte, da ward das Mädchen stiller und sagte schließlich nichts mehr als ein müdes: „Ja, Mama."

Nach dem Frühstück gingen die beiden Frauen auf ihre Zimmer, die Reiseesfekten auszupacken, bte jungen Leut« schl«nberten mit ben Kindern ihres Oheims in Gat­ten, Stall und Wirtschaflsgebäuden umher. Sie waren bald vertraut miteinander, und besonders Gustav gegen­über hatten di« Kienholzschen Sprösslinge bald bas Ge­fühl, ab ob sie seit Jahren miteinander oet kehrt hätten.

Am Nachmittag kamen bann auch die beiden Frauen und ließen sich von ihren Wirten Haus unb Hof zeigen. Mit Stolz machte Kienholz ben Führer unb es gab ihm einen Stich ins Herz, als Amalie schließlich sagte: „Wie nieblich bas alles ist, wie ein Spielzeug!"

Aber tr faßte sich schnell unb entgegnete: „Das Gut ist nach unseren Verhältnissen ganz respektabel. Du frei­lich bist an größere Verhältnisse gewöhnt" — er stockte, es fiel ihm ein, daß er in Emmas Gegenwart nichts von dem Rcichstum Amaliens erwähnen durfte — und ;ügtt bann rafch hinzu: „In Amerika geht alles ins Große."

XFortjetzung folgt.).