Hr 1. ! verantwortlich für den redaktionellen Teil: Rar! Schütte, | *) "InnttAt» 109 A I Verlag der Fuldaer Actiendruckeret in Fulda. - Preis monalL I A7 Iflhrn.
111 - ' I kur die Anzeigen: I Par zeller, Fulda. — Rotationsdruck. | 3* ^***9 *** JUllußr l“XV» | i io Slt — Setnfpt Kr 9 Telegr.-Bdresse: Fuldaer Zeitung | JuUly*
f--- .. »---- ---------.....■ ■---?!.............— - ■ ---- --
Die Goldzölle.
AIS wir im Laufe dieses Notjahre? die Zahlung «r Zolle in Gold oder Goldeswert verfügten, hallen wir die Hoffnung, erstens die Reichseinnahmen oieder in die Höhe zu bringen und zweitens die Auspowerung Deutschlands durch die Masseneinfuhr )on ausländischen LuxuSwarcn zu hemmen. Wir galten aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht, >. h- ohne die allmächtige Entente. Sie verbot üe Erhebung der Zölle in Gold.
Wie bereits mitpeteilt, hat nunmehr die Entente ihren E.njpruch aufgehoben und unsere Regierung ,rmächtigt, ein Aufgeld auf die Einfuhrzölle zu rheben tn der Höhe, wie die jeweilige Entwertung eer deutschen Mart gegenüber dem amerikanischen Lollar b.'trägt. Der Ausschuß, dem eS zusteht, daS Aufgeld zu ermitteln, braucht jetzt nur die Fest- 'et''ng des Zuschlages erfolgen zu lassen, und daS 11 auch prompt geschehen. DaS Aufgeld beträgt für üe ersten zehn Tage deS Januar 900 Prozent, -st alio unter Zugrundilegung des Dollar-Umrech» eungskurses um 70 Prozent höher alS es zuletzt gewesen.
Wie man jetzt weiter erfährt, hat die Entente in »lcht mehr ungewöhnlicher Weise auch diese Erlaubnis der Erhebung von Goldzöllen mit Fristen und Klauseln versehen. Die Ermächtigung soll zunächst B ür drei Monate gelten. Inzwischen müssen Perhandlungen mit den Alliierten über die deutschen Lin- und Ausfuhrverbote geführt werden. Damit lehält die Gegenpartei ein starkes Druckmittel, da te uns mit dem Widerruf der Goldzölle drohen kann. Luch vom rein jvirtschastlichen Standpunkte auS hat sie Frist von drei Monaten ihr Bedenkliches, da . \ vielleicht die Einfuhrinteressenten auf die Wiederermäßigung der Zollgebühr spekulieren werden, was uns zwar nichts wegen der LuruSsachen, aber doch wegen der ausländischen Rohstoffe unangenehm wer« )en könnte. Hoffentlich wird recht bald Klarheit darüber geschafft, daß die Goldzahlung auf die Dauer bestehen bleibt.
. Weniger gefährlich erscheint die Klausel, daß die B orkriegszoll sätze zur Anwendung kommen sollen. Die weitere Bestimmung, daß die „Wiedergutmachungskommission" nach ihrer Einrichtung bei der Festsetzung deS Aufgeldes mitzusprechen hat, fassen wir vorläufig im Sinn einer Rechnungskontrolle vuf. Den Grunvsatz, daß d e Zölle dem Dollarwert . angepaßt werden sollten, wird doch diese Kommission bestehen lassen müssen.
Immerhin ein Fortschritt!
Zu gleicher Zeil bringt der Pariser Berichterstat- «r des italienischen „Corriere della Sera" die allgemeine Versicherung, alle Verbündeten stimmten in rem Wunsche überein, nunmehr mit Deutschland )u einer dauernden Verständigung zu ge- ongen: der gegenwärtigen uns» beten Sage müsse endgültig im Interesse aller Völker ein Ende gemacht werden, da sich die Entente darüber klar sei, baß eine zu scharfe Politik gegenüber Deutschland »en dortigen reaktionären Strömungen zugute komme.
Es wäre ja sehr schön, wenn daS zurr äse. Aber 'ine Zollschwalbe macht noch keinen Sommer. Die Italiener haben schon längst mehr Friedens- und Freundschaftspolitik gezeigt als die Machthaber i* Paris und London. Und wenn auf die „reaktionären" Strömungen hingewiesen wird, so glauben P>r, daß nur eine Erwägung den Ausschlag geben onnte für eine mildere Politik, nämlich die Er» Anntnis, daß man Deutschland lebens- und zahlungsfähig erhalten muß, wenn man die Vorteile Jus dem Friedensvertrage einheimsen will.
Der Pariser „Temps" meldete zur selben Zeit, »e: Oberste Kriegsrat der Allierten habe wieder einberufen werden müffeu, und habe Anträge des Marschalls Foch „mit neuen Forderungen an Deutschland auf Grund des Waffenstillstands»
Der Sänsedoktor.
Roman von Ä. GauS-Bachmann.
(Nachdruck verboten.)
<1 --------
»Aber natürlich, lieber DnZeU Die gut und zart Du bist!"' rief Gustav gerührt.
»Na, na, Menschenpflicht!" wehrte Kienholz ab.
Indessen trat Frau Detti mit einem Arm voll Bett- tüchern und bunten Schürzen ein und Kienholz legte den Finger auf die Lippen, um Gustav Schweigen aufzu- liegen.
-So, lieber Gustav, hier hast Du, was Du brauchst", !ttef die Tante munter; „aber zerschneiden darfst Du mir ■bic Bettücher nicht, das sage ich Dir gleich!"
„Keine Idee, Tanterl! Wozu denn auch? Weißt Du, ßh will den 53eranbaeingong baldachinartig ausschmücken * «mü die Bettücher sollen als eine Art Zelworhänge dienen;
m, Du wirst schon sehen!" ,
„Schön, schön! Dllrriechen kommt gleich mit einem Mrfenbündel alter Lappen; ich überlasse Euch Eurem Schicksal, macht was Ihr wollt, ich muh in die Küche."
_ Während Gustav die Wäschestücke auseinanderfaltete, längte Kienholz endgiltig die Großtante auf und bat f Gustav, sie später mit einem Reisigkranz zu versehen; BT dann entfernte er sich.
Gleich darauf erschien Mariechen mit ihrem Bündel, bas sie Gustav zu Füßen legte.
»Hier Detter," sagte sie schüchtern, „hoffentlich ist Awas Verwendbares darin."
,Du mußt mir suchen Helsen, Kusinchen," entgegnete ", und sie fingen gemeinsam an, in dem Bündel zu stöbern. „Du, Mariechen," begann er nach einer Pause, te »warum hast Du denn einen so langen Namen? So ein Mer, kleiner Kerl wie Du, würde bet uns in Wien •tut Mitzi ober Mimi genannt werden; wahrscheinlich ■ Dlimi, bas ist noch herziger. Hättest Du was dagegen, Denn ich Mimi zu Dir sagte?"
„O nein," sagte sie errötend; eigentlich gefiel es ihr eichst aber der Detter hatte eine so nette Art zu bitten, I >x-b man ihm nichts abschlagen konnte.
|| »Aber Du mußt dann," fuhr er fort, „auch zu mir Mustek fagen und wenn Du mich lieb hast — Gusterl; »illst Du?"
»3a," entgegnete sie leise und errötete noch tiefer.
j »Na, bann sag's gleich einmal," sagte er murttex. o« zögerte.
In einer Erdhöhle wohnte ein früherer russischerGeneral mit mehreren Offizieren der zaristischen Armee, bte ebe n. fall» schon imjabre 1915 wegen einer erlittenen Niederlage nach Sibirien verbannt waren uns von dort gefl ächtet sind. Die meisten dieser Menschen befinden fich tm e 1 e n ö e ft e n Z u stand e, der noch durch den strengen sibirischen Wmter verschlimmert wird. Die Lebensmittel sind knapp, und Typhus und andere Krankheiten räumen unter den Aevmsten furchtbar auf. Der Tod ist oft ein Erlöser. Möbel sind in den Erdhöhlen nicht vorhanden; auf dem Eooen hegen etwas Stroh und einige Bretter, worauf dre Menschen scblafen. Für die Kranken, die an allen möglichen ansteckenden Krankheiten leiden, ist eine größere Höhle al» Hospital hergerichtet. In einer anderen größeren Erdhöhle befinden sich etwa 700 Kinder, die m den ganzen Niederlassungen den Eitern weggenommen worden sind, damit sie vom Roten Kreuz eine gewisse Erziehung und Schulunterricht erhalten. Die Zahl der Flüchtlinge betrug ur- sprunglich 7000. Heber 4000 Flüchtlinge sind auf der Flucht oder in b en Höhlen tn folge H unger. Kalte ob er Krankheit gestorben. Wenn e» der Hilfe de» amerikanischen Roten Kreuze» nicht gelingt, die Mens hen ans diesen Todeshöhlen foltzuschaffen, dann werden die wenigsten im Früh, fahr noch am Leben sein. Da» Haupthindernis für dre Rettung dieser Unglückilchen sind die völlig versagende» Transportmittel.
* (Eine Falschmeldung aus Dclgrad. Nach einer am Mittwoch verbreiteten Nachricht sollte in Belgrad bei einer Explosion Prinz Alexander und 26 Personen den Tod gesunden haben. Die Nachricht entbehrt jeder Grundlage. Prinz Alexander weilt übrigens in Frankreich.
♦ Der Magedburger Eisenbahnerausasknd ist be- endet. Die Arbett wurde in allen Betrieben wieder ausgenommen.
* Ter russische Bolschewistensührer Radek, bei an den Verhandlungen in Dorpat teilnehmen sollte, ist noch immer in Berlin, da weder Polen noch Dänemark seine Einreise gestattet haben.
Deutsches Reich.
♦» Berlin, 1. Jan. AuSführungsbestimmungew für dasUmjatzsteuergesetz werden Mite Januar erscheinen. — Nach einer Meldung der Pommerschen Tagespost sind im Monat Dezember weiter 14 Mehr heil Asozial ist en in leitende Stellen Preu». ßenS und des Reiches berufen worden.
c Der ReichSaprieltag der deutschen ZentrumSpartet wird am Sonntag, den 18. Januar, mit einem Be« grüßungStbenb im Reichstagsgebäude eingeleitet werden. Sim Montag vormittag beginnen dann die fach-' lichen Verhandlungen. Der Parteitag wird vom Vor. sitzenden der Zentrumsfraktion der Nattonalversamm^ hing, Abg. Trimborn. mit einer kurzen Ansprache eröffnet werden. Sodann wirb der Abg. Dr. Leicht eine Gedächtnisrede auf den verstorbenen Fraktion», führer Gröber halten. Dann erfolgt mit der Wahl de» Präsidiums die Konstituierung des Parteitage». Für Sie Verhandlungen deS Pareitages sind drei Tage vor. gesehen, ersorderlichen Falle» werden die Verhandlungen am vierten Tage zum Abschluss gebracht. Die sachlichen Verhandlimgen be» Parteitages werden einge- leitet durch da» Referat de» Abg. Trimborn über allge- meine Politik. Daran schliessen sich die Referate be» Mg. Herold über Wirtschaftspolitik, de» Abg. S t e- tze rwald über Sozialpolitik und Wohlfahrtspflege, de» Slbg. E h rh a r d über das Rätesystem und der Abg. Frl. Dransfeld über die Frau in der Zentrums. Partei. Im Anschluß an die politischen Referate wird der Mg. Dr. Braun über Parteiorganisation unbf Parteipresse sprechen. Im Anschluß daran dürfte eine längere Aussprache stattfinden. -Die beiden letzien Referate betreffen Schule und Kirche (Professor M a uS. bach) und Staat und Kirche (Professor Dr. K a a s). Weitere Beratungsgegenstände sind da» Parteiinstitut> die eingelaufenen Anträge und die Wahl des Parteivorstandes.
,'s> Die Prüfung des hasenmalerials.
Die interalliierte Kommission gut Abschätzung des Hafenmaterials ist Mittwoch mittag mit dem Torpedoboot „D. 64" in Hamburg eingetroffen. Am Donnerstag begab sie sich mit Kraftwagen nach Kiel, um über die dortigen Schwimmdocks ufw. Feststellungen zu machen.
Der Arrtmn von Versailles.
Der belgische Sozialist Eamille Huhsmans beröffenf- l-icht im „Peuple" eine Artikelreihe über die interna- tionale Sage. Er sagt darin u. a.: „Ter Frieden», vertrag von Versailles sei unter der Voraussetzung gemacht worden daß ein . wirtschaftlicher Ruin Deutschland» die Rettung für Frankreich, Belgien und Enland bedeute. Jetzt sehe man aber dass der Ruin Deutschland» den Ruin F r a n k r e i'ch », Bel. glens un England» nach sich ziehen würde. Heute seien oie oedeuttndsten Finanz, und Wirtscherslkpolitiker bet Entente gezwungen, zuzugeben, daß die alliierten Na> ttonen Deutschland 5öetrieb»mitteJ und Roh- [taffe liefern müßten, und daß man Industrie, Han. del und Finanzen Deutschlands wieder aufrich. t e n müsse, wenn man sich selbst vor Zusammenbruch und Bankerott retten wolle. Zwischen der Sage Deutschlands und der Lage Belgiens, Frankreich» und Italien» sei nur ein Grad Unterschied und wenn ie Krise sich verschärfe, werde man sich in weniger afs sechs Monaten in einer ähnlichen wirtschaftlichen Lage befinden. Allgemein erkenne man jetzt an, daß die Einfuhr deutscher Waren da» einzige Mittel sei, den Wechselkurs wieder zu verbessern die LebenSteur. rung berrSzudrücken und da» wirtschaftliche Leben wie. 7>er aufzurichten. Aber um von Deutschland einzusüh» ren, müsse man Detschland erlauben, auszuführen, da» heißt zu produzieren.
Warum haben wir noch russisch« Kriegsgefangene in Deutschland?
Die Regierung begrüßt jeden Schritt, der r§ er- möglicht, die Kriegsgefangenen Heimzubringen. BIS
Vertrages" angenommen. DaS kkinat wahrlich nicht so friedlich wie die itolienischr Schalmei. Aber wir wollen nicht gleich das Schlimmste denken, sondern vorläufig annehmen, daß es sich um 'die Truppentransporte handelt, die behufs Besetzung der Abstimmungsgebiete stattsinden müssen. Nach einer dänischen Meldung handelt es sich darum, daß die Entente non Deutschland sechs Züge pro Tage verlangt, während die deutsche Regierung nur vier Züge pro Tag stellen zu können glaubt. Wenn das die einzig« Meinungsverschiedenheit ist, wird sich wohl ein Ausgleich finden lassen. Es stimmt aber schlecht zu der angeblichen Friedenspolittk, wenn auch diese Transportsrage in drohendem Tone besprochen wird.
Nachdem der Friedensvertrag selbst so viele Monate hindurch verschleppt worden ist, kann der Einzug der Truppen in die Abstnnmungsbezirke doch nicht so furchtbar eilig sein, daß man nicht auf die Kohlen- und Derkehrsnot in Deuffchland einige Rücksicht nehmen könnte. ___
Der Neujahrswunsch veS Reichspräsidenten.
Der Reichspräsident bat den Reichskanzler, folgende Kundgebung zum Neujahrstag« zu veröffentlichen:
3m »ergangenen Jahr wurde zwar das Chaos obge« wehrt und die Einhett des Reiches erholten und gefestigt. Indessen mußte unter dem Druck rücksichtslosen Zwanges ein Friede geschlossen werden, der die Ehre unseres Volkes, feinen Wohlstand und die Frücht« vergangener und künftiger Arbeit frember Gnade zu überantworten droht Das heute beginnende Jahr muß entscheiden, ob die Deutschen trotz allem als Nation und Staat fich zu behaupten hoffen können, oder durch inneren Hader, dem sich äußerer Haß zugesellt, im enbgiltigen Zusammenbruch auch die Hoffnungen ihrer Kinder begraben müssen.
Diese Schicksalsfrage vor Augen, bitte ich heute Alle, die sich Deutsche nennen, in der gemeinsamen Not die Reihen zu schließen, und jeder an feiner Arbeitsstelle für den Wiederaufbau unseres Da» terlandes das Aeußerste zu tun.
- Reichspräsident Ebert»
zum Januar 1919 waren ungefähr eine Million Gefangene heimbeförderl. Ta wurde der Heimtran»- port durch den WoffenstillstandSvertrag verboten. Im Januar waren noch 250 000 Russen in Deutschland. Tie Entente lieferte z. T. die Lebensmittel. Im April versuchte die deutiche Regierung in Spa den Rücktransport genehmigt zu erhalten in der Richtung nach Dünäburg. Litauische und polnische Banden waren bereits im Vordringen. So mußten die Heimzutransportierenden während der Kampfpausen durchgeschoben werden. Im Sommer ist der HeimtranSport wieder verboten worden.
Im August übertrug die Entente Deutschland wieder die freieVerfüguna über die Gefangenen und gleichzeitig auch die Verantwortung. Die Lebenkmittelrationen der Entente blieben auS.
Die Regierung hat da» gleiche Gefühl wie die Kriegsgefangenen: Beide wollen irgendwo ein Loch finden, durch da? ein Transport möglich wäre. Jeder der russischen Randstaaten versichert von sich au?, daß er den Durchtrankport gestatten wird. Aber jeder bernfk sich darauf, daß ihm der TranS Port verboten ist. Der Seeweg ist unmöglich, weil Deutschland keinen Schiffsraum zur Verfügung hat. Die wenigen Dampfer, die uns zur Verfügung stehen, werden durch die englische Marinekommission kontrolliert. Unsere Schiffe können nur nach dem Schwarzen Meer. So kommen die Gefangenen in die Gebend, wo Denikin daS Heft in der Hand hat. Es wird grundsätzlich niemand nach Hau e entlassen, der nicht freiwillig will. Es ist ein neuer Versuch der britischen Kommission gemacht worden, Arbeiter für die Murmanbahn zu gewinnen. Es scheint aber, daß er wenig Erfolg hat. Die Veipflegung der Gefangenen war allerdings gut, solange die Entente LebenSmittel lieferte.
Die Bekleidung der Gefangenen macht der Regierung Sorge. Die Baracken sind schlecht, weil sie nicht auf Jahre hinaus gebaut sind. Die Beheizung ist bei dem Kohlenmangel ebenfalls schlecht. Die Kriegsgefangenen haben sich selbst angeboten, in den ®utbett zu arbeiten. Dieser Plan scheiterte an dem W verstand der Arbeiter. Auch die Unterbringung in anderen Arbeitsstellen ist wegen deS Widerstandes der 400000 deutschen Arbeitslosen nicht möglich. Tie Regierung versichert, daß sie alles tut, um den Gefangenen Erleichterungen zu verschaffen. Im Januar 1920 solle» Besichtigungen solcher Gefangenenlager erfolgen. Die Kriegsgefangenen unterliegen der Beeinfluffung aller Parteien, auch der Sow- jet Regierung, die große Mittel für die Propaganda aufwendet._____________
Deutsche Flüchtlinge und Gefangene
in sibirischen Erdhöhlen.
Mit dem amerikanischen Roten Kreuz hat ein Korrespondent der Internationalen Preffeunion die ausgedehnten sibirischen Gebiete besucht, welche die Armee Koltschak aufgegeben hatte, als sie sich vor dem Vordringen der Sowjettruppen zmückziehen mußte. Er berichtet darüber au» Peking:
In der Gegend von Orn»k, wo sich die Bevölkerung in großer Not befindet, da sie nach dem Abmarsch der Truppen Nolstchak» auf keinerlei Verbindung oder Unterstützung mehr rechnen kann, traf die Expedition Hund erte von Erdhöhlen an, die künstlich zu- ämmen, ebaut waren. Diese Höhlen gewährten immer e fünf Menschen Raum. Einzelne Ansiedlungen um» atzten bi» 200 Erdhöhlen. Die Bewohner dieser unterirdischen Wohnungen waren größtenteils Flüchtlinge au 6 O st Preußen, Polen und den baltischen Provinzen, sowie au« Nordruhland. Teilweise waren sie schon trx Jahre 1815 von der russischen Armee bei ihrem ersten Vorstoße gegen Deutschland au» ihrer Heimat fortgetrieben worden. Unter ihnen befinden sich auch früher wohlhabende Bauern, Fabrikanten und Händler, die al» Geiseln dienten. Ebenso traf der Korrespondent deutsche und österreichische Kriegsgefangene an, die au» den' sibirischen Bergwerken geflüchtet waren und sich diesen Erdhöhlenbewohnern ongeschlossen hatten.
„Fällt's Dir beim gar so schwer?" fragte er gekränkt. „(Buffe!,' fagte sie rasch und tapfer sah sie ihn habet an. „Und das andere?" drängte er. Sie schlug Mt Augen nieder.
„Gusterl," flüsterte sie kaum hörbar. Er erfaßte ihre Hände und küßte st«;
„Mmerl, süße fleine SRtmerl," rief er. Sn bem Augenblick kam die Magd durch» Zimmer und die beiden jungen Leute fuhren auseinander und stürzten sich zu gleiche!" Zett über das Bündel und wühlten in den Lappen, als ob sie ein Millionentestament darin suchten. Die Magd 'sah gar nicht nach ihnen hin, ab« ber Zauber war nun doch gebrochen und sie tarnen nicht mehr in so nahe Berührung.
Di« Rest« eines himmelblauen Kleides gaben einen fluten Gesprächsstoff ab; Mariechen erzählte, daß sie darin zum ersten, Mal« getanzt, und Gustav erzählte dann von deni Fasching tn Wien, von den Unterhattungen, bte er mit gemacht; das Mädchen hörte andächtig zu und fegte schließlich mit einem kleinen Seufzer: ,Fch, wenn ich das nur auch einmal mit machen könnte!"
Worauf Gustav feurig beteuerte, daß bas nur ein Worte von ihm an feine Mama koste; die werde mit Freuden Mariechen mitnehmen, und er werde es sich angelegen fein lassen, der lieben Kusine so viel vergnügen als möglich zu verschaffen.
Dabei wählten und schnitten und nähten sie eifrig und Äs Waldemar und Fritz mit ben Girlanden erschienen, konnte man gleich ans Werk gehe«. Sn kurzer Zeit er» stand vor bem Beränbaetngang ein Baldachin, der auf zierlichen, reisigumwundenen Zeltstangen ruhte; prächtige blauweihe Dorhänge blähten sich, gehalten von goldenen Schnüren; die letzte..n waren gemeint Wäscheleinen, umwunden mit zerschlissenen Streifen röter einst prächtigen gelbfeibenen Bettdecke. Das Ehepaar Kienholz war entzückt von der effektvollen Dekoratton, und Gustav erntete begeistertes Lob dafür; Kienholz flüsterte aber dann [einer ®attm zu: „Na, jetzt wirst Du'» doch glauben, daß der Junge wirklich ein Tapezier« ist."
Nun ging es ans Tischdecken imö kaum war das beendet, fuhr draußen ein Wagen vor, von Fritzchen mit gewaltigem Gebrüll begrüßt. Alle eilten hinaus, die An. kommenden zu empfangen; drei Damen entfliegen dem Wagen: die eint, klein und etwas rundlich, in eleganter, hellgrauer Reifekleidung, die zweite groß, etwa» hager, in grellschottischem Staubmantel und endlich ein junges Mädchen mit feinen Zügen, das bloß und merkwürdig ernst aussah.
Kienholz war schon im Begriff gewesen, der rundlichen Dame, deren elegante Toilette trotz ihrer Einfachheit ihm «uf gefallen war, zuerst entgegenzueilen; aber zur rechten Zeit hatte tr bemerkt, daß sie lächelnd Gustav zugenickt hatte ,unb er stürzte sofort auf die buntgetleibete Dame zu.
„Amalie, welch» Freude!" rief er. „Ferdinand, f0 setzen wir un» wieder!" klang es zurück, und der toi» schottisch» Mantel umhüllte den bieberen Kienholz.
Unterdessen hatte Frau Betti die rundliche Dame fti bte Arme geschlossen und da» blasse Mädchen stand allein, sah von einem jum andern und lächelte settsam müde und traurig.
Frau Detti hott« trotz der Zärtlichkeit, inst der sie Ihre verwandte und Jugendfreundin begrüßte, doch Zett gefunden, ihren Gemahl zu beobachten und hatte mit Mißfallen feinen langen Aufenthalt in der schottifchen Umhüllung btmerft. Er wat ein säuerlicher Lächeln, mit dem sie Amalie begrüßte, als Kienholz sie ihr zuführte; die Kmerihmerht nahm das blasse Mädchen an der Hand und rief theatralisch: „Hier, mein« Lieden, mein kostbarster Schatz, mein höchste» Glück, meine Tochter Edith! Deff.net ihr Eure Herzen!"
Ein feines Rot stieg ht bte Wangen Ediths bei dies« Vorstellung und dies Erröten gewann ihr das Herz Frau Betti»., Sie schämt sich für die komödienhafte Art ihrer Mutter, dachte sie und schloß das Mädchen mit größerer Därme in die Arme, als sie fönst wohl getan hätte.
Unterdessen hatte Gustav feiner Mama bte Kinder des Onkels vorgestellt; Mariechen schmiegte sich besonders innig an die Tante und erregte auch deren besonderes Wohlgefallen.
Tante Kmaße aber brach fast in Tränen aus, als sie dl« Kinder sah. „Mein Gott, wie frisch, wie blühend sehen Cure Kinder aus und mein Kleinod ist so bleich!"
„Bei uns wird sie bald Farbe haben", rief Kienholz eifrig; „unsere Gegend ist gesund und das Leben in unserem Hause heiter; ich wäre stolz daraus, wenn Deine Tochter sich gerade bei uns erholte."
Man ging dem Hause zu, bewunderte laut die geschmackvolle Dekoration und Kienholz lobte in seiner Her- zenssreude Emma gegenüber bie Geschicklichkeit ihres Sohnes überschwenglich.
Bcrtrft begab m sich die Angekommenen m bte ihnen zur Verfügung gestritten Zimmer, um die R-ifekleider ab- zulegen. Mariechen ergriff di« Hand Tante Emmas und fragt«'ängstlich besorgt: „Zante, bist Du auch gewiß nicht böse, daß ich in Deinem Zimmer schlafe? Wenn Du lieber allein bleibst, bann will ich's Mama sagen, de» sie mich
in Trinens Stübchen legen läßt, die kann ja indessen in der Küche schlafen."
„Aber Du liebes Herzerl", sagte die Tante herzlich und drückt« einen Kuh in das Blondhaar der Nichte, „ich bin ja froh, wenn ich so ein nettes Möderl bei mir haben darf; ich wollt«, Ich hätt' eins ober der Gustl wäre ein»! Don den Buben hat man ja gar nicht»."
„Ist berat Gustav nicht gut zu Dir, 'Tante?" fragte sie und schaute der Tont« dabei forschend In die Augen. Die Tont« lachte zuerst über bie kindliche Frage, dann leuchtete ihr Antlitz auf einmal auf in Rührung und stolzer Freud«.
„D ja, mein Kind, gut ift er unb lieb und brav; aber schau, ein Mann muß in die Welt, seine Studien, fein Umgang mit Kameraden, das alles entfernt ihn von der Shrttzr, je mehr es heranreift.. Dich, Mariechen, Dich werd' ich recht ßebgemimun, das seh' ich schon jetzt. Aber, sag einmal, darf ich nicht Mizzvrl zu Dir sagen? Starte* chen ist gar so lang."
Die Kleine, die erst den Worten der Tante mit An- dacht gelauscht halt«, lacht« hell auf. „Dasselbe hat mir Vetter Gustav auch schon gesagt", rief sie fröhlich. „Nur will er nicht Mizzi, sondern Mimi zu mir sagen."
„Gefällt Dir bas besser?" fragte die lernte. DU Klein« zögert» ehren Augenblick.
„3a", fagte sie «Mich und lächette ganz eigen süß und schelmisch.
„Also SDlimi, meine liebe, kleine Mimi!" sagt« bi# Xante herzlich und drückte bei Blondkopf an sich.
Indessen hatte Kienholz die Amerikanerin in die für fl« vorbereiteten Zimmer geleitet und entschuldigte sich tausendmal, daß er der lieben Cousine nicht mehr Komfort bieten könne. Si« wehrte gnädig ab.
„über ich bitte Dich, lieber Ferdinand, wie magst Du nur davon reden! Denn Du wüßtest, welche Zeiten ich durchgemacht am Anfang meiner Künstlerlaufbahn! Dann freilich, als mein Stern leuchtend aufging, als ich gefeiert und bewundert wurde und gar später, als ich de» Mann fand, der mir feinen ganzen Besitz zu Füßen legte, dann war alles Glück und Herrlichkeit. Aber ich hab« die harten läge nie vergessen können und ich bin nie zur Verschwenderin geworden; mein Mann behauptete oft im Scherz, ich würde einmal auf einem Geldsack verhungern. Du siehst also, daß ich feine Ansprüche mache; ich weiß übrigens imm«r den Verhältnissen Rechnung zu tragen."
((Fortsetzung folgt).