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aaE I Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Karl Schütte, I 23» Dezember 1919* |
fit. 29** I für die Anzeigen: I. Par 3 eller. Fulda. - Rotationsdruck. I VtCn9IUq :
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Bedauern über den Vorfall zum Ausdruck ge- ^"^Tele phenschlcndrian. Die holländische Tele- graphenbörse teilt mit, daß der Te^egrammverkehr mit und über Deutschland praktisch nicht bcjtebe. Auch die Annahme dringender Telegramme müsse abgelehnt werden, denn sie gingen mit der gewöhn lichen Post schneller. _
Sie AuSlieserungSliste.
Zurzeit erscheinen in den französischen Zeitungen Nachrichten über die Liste der Personen, die dem Verbände zur Aburteilung ausgeliefert werden sollen. Angeblich soll die Liste 1590 Namen enthalten, darunter den Kronprinz Rupprecht, einen Cohn des Kaisers und mehrere Armee-Kommandan - tat. An zuständiger Berliner Stelle mißt man diesen Nachrichten keine Bedeutung bei. Sie enthalten nichts Neues, als die schon vor Wochen erschienenen Mitt«, langen und verfolgen offenbar nur den Zweck. Unruhe und Erregung in Deutschland hervarzurufen. Es besteht aller Anlaß zu der Annahme, daß diese Nachrichten falsch sind, falsch vor allen Dätgen im Hinblick die auszulie'umdcn Heerführer.
Heimkrhrrnßs Cesanssene ans England
Don den bisher roch in England zurückqehal- icnen 5621 Gefangenen werden 1609 Man.' in den nächsten Tagen her mehren Boran »sichuich sind es
die im Internierten» und Gefangenenlager Wakefield rmd Ripon, die hierbei heimgcschafst werden.
Ausland.
* Frankreichs „Abrüstung". Laut.Eclair' haben die rustärwiaen Ko mm iss tonen der Regierung, eine» Entwurf vorgelegt, der die Dauer des Mllttarotenj.es °U*nSit Finanznot Frankreichs. Ter Eubgetenitmirf des Finanzministers Klotz war rn der Q0'*
HK JWnU Auch sollen dte wah. rmb des Krieges gewährten Zuschusie »um Verkauf von Brotgetreide und Zucker w^ksall^.n. ~ f,i§6erifle nähme mutz zur Folge haben, datz cmch dre bt^hemge Fcitsetzuna von Normalpreisen für diese unerlatziicheu Rahrmlgsmittel Wegfällen würde, so datz es unvermerd. sich ist, datz eine erhebliche Preissleigerung emirete wird ^n'ber Abteilung der Kammer, der Klotz selbst cmqebört wurde an den Minister die Frage gestellt, toantm er sich nicht dazu'entschließe, die von Deutsch- land zu zahlende Entschädig utt a fMustewn und sie budgetmäßig zu verwerten. Klotz antwortete, datz er infolge der -Krankheit Clemenceaus mcht imt- ^mde sei, Auskunft zu geben über die Verhand.ungem die in dieser Beziehung mit den übrigen Alliierten • g--
^Republikanische Kundgebung in der italler.-scheu Kammer. Anschließend an die Ausführungen des Ministers des Acußeren C c i a l o j a in der Kammer betonte Abg. Salvemini die unbedingte Rotwendtgkctt die Neutralisierung aler slavifcheii Häfen an der Adrm zu fordern. Er erklärte sich sogar mit der Neutralisierung der ganzen Adria einverstanden. Nach ihm kritisierte der offizielle Sozialist Modigliani das völlige Versagen der auswärtigen Politik Italiens, das sich namentlich in der Frage von Fiume gezeigt habe. Er sand dabei sehr scharfe Worte gegen die Verbündeten Italiens. Seine Ausfühningen lösten auf der Linken stürmische Hochrufe auf die Republik aus, die mit Rufen auf den König beantwortet wurden. Als Nitti darauf den Sozialisten zurief, daß die Mehrheit niemals dulden werde, wenn eine Minderheit erprobte Einrichtungen mit Gewalt verletzen wolle, ertönten wiederum lebhafte Rufe: Es lebe der König, die auf der Linken mit dem Ruf: Es lebe die Reepublik beantwortet wurden. Rote Tücher wurden geschwungen und die Arbeiterhymne gesungen. Hierauf besprach Nittt unter tiefem Schweigen des Hauses das Adriaproblem. Er warnte vor Uebertrei- bung'n in der Fiurnefrage. Schließlich nahm die Kammer mtt 242 gegen 216 Stimmen eine Tages- ordnung an, wonach nach Anhörung der Regierungs- erklärung die Dudgetzwölftel bewilligt wurden.
* Bereinigte Staaten. Der Senat har mit 45 gegen 25 Stimmen die Gesetzvorlage angenommen, die den Eisenbahnern das Recht zum Streik nimmt. _________
aus dem Nachbargebiet.
-e- Kleinlüder. Am veiflossenen Sonntag fand hier eine von Männern und Jünglingen, Frauen und Jungfrauen gleich gut besuchte Versammlung des Volksvereins statt, die von Herrn Kaplan Füller unter Hinweis auf die hohe Bedeutung des Volksvereins in der heutigen Zeit eröffnet wurde. Herr Volksvereinsiekretär Frank-Fulda verbreitete sich in einem längeren Vortrage über die neuzeitlichen Aufgaben des Volksvereins und der
Die Verhandlungen int Paris.
era& der Austausch der Ratifikationsurkunde noch /Weihnachten erfolgen würde, ist sehr unwahr- peinlich geworden. In Paris verhandelt man viter aber die Entente hat keine große Eile zum Älutz zu kommen. Die englischen und ftanzSsischen irtttcter scheinen sich noch nicht haben einig werden ünnen über die Menge des abzuliefernden Hafen- «aterials. Um einen Ausweg aus den Schwierjg- ’iten >u finden, hat man wieder einmal eine neue Läufige Regelung getroffen und die endgültige ffrittoeibmtfl auf einen späteren Zeitpunk verschoben, -gie Havas meldet, soll der Oberste Rat deschloffen faben~ die Forderungen aufrechtzuerhalten, daß Deutschland das Protokoll vom 1. November tnüalich dor Ausführung der Waffenstillstandsbe- binaunqen und der Lieferung von 400000 Tonnen Hafenmaterials als Ersatz für die bei Scapa Flow Lrstmkten Sckiffe unterzeichnet. Jndeffen wer- den sich die Alliierten verpflichten, im Falle des Nachweises, daß ihre Einschätzungen des deutschen Hafenmaterials über den tatsächlichen Bestand dinausgehen, diesem Umstande Rechnung zu tragen und ihre Forderungen dementsprechend zu ermäßigen. * 1
> Der Oberste Rat hat ferner den Entwurf einer Antwortnote an die deutsche Regierung auf daS Verlangen derselben zu einer Revision der Sollrechte ermächtigt zu werden, gutgeheißen. Dieses Zugeständnis soll erst in dem Maße gemacht «erden, alS die Wiedergutmachungskommiffion es berechtigt erachtet. Zu gleicher Zeit wird tine Untersuchung der von Deutschland verordneten Einfuhrverbote durchgeführt werden.
Für den Augenblick ist zwischen Ministerialdirektor von Simson und den alliierten Vertreter über fie Vorbereitung zur Ausführung des Friedensver- tageS noch keine Zusammekunft vorgesehen.
haftete Geh. Kommerzienrat Fafig ist erlassen war den Die Ursache der Verhaftung rst nicht bekannt, auch nicht dem Geheimrat Fasig. — Die Enkamfche Behörde in Mo n t a b a u r bestrafte wegen ungenügender Kartosfelablieferung drei Landwirte nut \ vier Monaten und zwei Landwirte nut je einem Mo not Gefängnis.
Die Lohnbewegung im Ruhrgebiet.
Die vier Bergarbeiterverbände haben den am 25. Oktober 1919 abgeschlossenen Lohntarrf gekündigt und den Zechenverband ersucht, ms zum öl. Januar 1920 einen neuen Tarif auf der Grundlage höherer Löhne mit ihnen abzuschlreßen.
Die Kohlennot.
In Krefeld hat die Straßenbahn wegen Kohlenmangels den ganzen Betrieb einstellen muffe". Auch in M.-Gladbach ruht der Betrieb. In Hattrngen ist das Elektrizitätswerk „Westfalen" wegen ungenügender Kohlenlieserung stillgeleat worden. Dadurch ist die Stromlieferung an zahlreiche Industrien der Kreise Hatttngen, Bochum, Gelsenkirchen, der Städte Bochum, Witten, Barmen, Remschetd und Solingen unmöglich. Für die von dem Werk belieferten Zechen besteht die Gefahr des Ersaufens. unter den Arbeitern herrscht große Erregung. Die Kohlen- versorgung Düsseldorfs ist nach wie vor schlecht. Die städtische Gasanstalt kann nur in ganz geringem Maß Gas abgeben. In der Industrie muffen Feier- schichten eingelegt werden. Duisburg ist nur noch für einige Tage mit Kohlen eingedeckt, jedoch fürchtet man für die nächste Zeit, durch die allgemeine Kohlenkrise stark in Mttleidenschaft gezogen zu Müden. Die großen Werke haben beschloffen, zwischen Weihnachten und Neujahr ihre Betriebe still zu legen, um auf diese Weise Kohlen zu sparen. Das Gaswerk in H a l le a. S. liegt wegen Kohlenmangels still. Infolgedessen liegt der größte Teil der Stadt im Dunkeln, ebenso die Wohnungen, die auf Gas angewiesen find. Auch das Kochen ist in den Haushaltungen un- möglich. Ganz besonders wird durch den Gasmangel das städtische Säuglingsheim betroffen, das vollkommen auf Gas angewiesen ist. . ........
Seit einiger Zeit ist beim Rhetmsch-Westfalifchen Kohlensyndikat ein französischer Major, der dafür sorgt, daß Frankreich unbedingt 33000 xo. täglich zur Verfügung gestellt werden. Das macht jährlich 12 Millionen To. aus und entspricht der für die Zeit bis zur Friedensraiifikation gültigen Der- einbarung. Bisher find die den deutschen Verpflichtungen entsprechenden Mengen bei weitem nicht ge- lieft-rl worden, weil sie nicht geliefert werden konnten, ohne das deutsche Wirtschaftsleben völlig zu zerrütten.
Um das Vetriebsrategefetz.
AuS Essen meldet der „SBerL Lok.-An,.»: Eine am Samstag vom Kartell der freien Gewerkschaften veranstaltete Massenkundgebung gegen das Betriebs, rätegesetz in seiner jetzigen Fassung gestaltete sich zu einer heftigen Kundgebung der Unabhängigen und Kommunisten gegen die Mehrheitssozialisten. Sie griffen unter starkem Beifall die Politik der MehrheilS- sozialisten auf das schärfste an. Sie verwarfen das ganze Betriebsrätegesetz in der vorgesehenen Faffung und forderten Herabsetzung des Wahlalters auf 18, 16, teilweise sogar auf 14 (!!) Jahre, ferner Alleinbestimmungsrecht der Arbeiter- und Betriebsräte. Auf verschiedenen umliegenden Ortschaften hatte man aus Sin« Iah der Kundgebung die RachmittagSschicht auSfallen lasten. Die Bergleute zogen unter Vorantraaen roter Fahnen in die Stadt zur Teilnahme an der Versammlung. ___________________ ________________
* Ranbansall auf einen englischen Offizier. Ein Mitglied der englischen Militärkommission in Berlin, Leutnant Spearman, ist am Samstag abend auf dem Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin, als er in einem unbeleuchteten Teil des Bahnhofes auf seinen Zug wartete, das Opfer eines Raubanfalles
Die amerikanische Frie-en-erklärnng.
Das Reutersche Büro meldet aus Washington, daß der Senatsausschuß für auswärtige An- ielegenbeilen eine Entsch ließung des Senators Knox, in der der Friedens;»stand mit Deutschland erklärt wird, mit sieben gegen drei Stimmen gutgeheißen hat. Die Entschließung .ritt ein für Friedenserklärung, für Beibehaltung iller materiellen Vorbehalte, die für die Vereinigten Staaten aus dem Vertrage von Versailles erwachsen «nd für die Bekräftigung der allgemeinen Unterstützung der praktischen Pläne für einen intet- nationalen Friedensbund durch die amerikanische «egierung.
AlS Geiseln in Belgien.
In Belgien befinden sich noch 20 deutsche Geiseln, die die belgische Regierung mit der Begründung zurückhält, daß in Deutschland noch belgische Gefangene znrückgehalten werden. Trotz aller Versicherungen der deutschen Behörden verbleibt die belgische Regierung bei ihrem Beschluß, bis alle deutschen Lagerkommandanten bestätigt haben, datz sie keinen belgischen Gefangenen mehr beherbergen. Die deutschen Geiseln werden in sehr schlechten Unterkunftsräumen gehalten und höchst unzureichend ernährt.
Deutschlands Leistungsfähigkeit.
Der unlängst von einem Besuch in Deutschland nach England zurückgelehrte Herausgeber des .Statist" und Finanzberater der englischen Regierung Sir George P arish, schreibt in der »International Revue", datz Zahlungen Deutschlands an Italien und Frankreich nicht vor einem Jahr erfolgen können. Es sei nutzlos, darauf zu warten. In Deutschland fehle alles: Kleidung, Lebensmittel, Brennstoffe, Geld und Kredit. Die Umwälzung in Deutschland werde auch Frankreich, Italien und sogar England vernichten. Der Entente-Völkerbund mutzte sich der Verantwortlichkeit in dieser Hinsicht klar werden. Ohne Rohstoffe für seine Fabriken und Lebensmittel für seine Bevölkerung könne Deutschland keine Wiedergutmachung leisten. Um Frankreich wiederherzustellen, muffe man Deutsch» land wiederherstellen. Eine Gefahr des Wiederauflebens des MiltarismuS in Deutschland bestehe nicht. Deutschland habe sich durch die unerträglichen Leiden der KriegSjahre geändert. England habe jetzt die beste Gelegenheit, die es je hatte, eine der größten Nationen der Weit, nämlich Deutschland, für seine gegen den Militarismus gerichtete Politik zu gewinnen.
Die „Greneltat" von Bersailles.
Die München. Augsburger Abendzeitung bringt aus englischer Quelle folgende Meldung:, Der Volkswirtschaftslehrer an der Universität Cambridge Mannard KeneS, der als Sachverständiger in Versailles mtt tätig war, nennt den Frieden ein Todesurteil, ein« Greueltat, vor der alle KricgSgreurl verblasten, und schildert eingehend, wie in Wirklichkeit die Beratungen vor sich gingen, indem zwei ältere Herren und ein sehr alter und zynischer Mann unter sich die Geschicke der Menschheit bestimmten. Keyes bezeichnet den Friedens- verttag als ein Werk, in dem Heuchelei und Unehrlichkeit wurzelt. Der Biererrat schenkte den Leiden Mitteleuropas keine Aufmerksamkeit, da er mit anderen Sachen beschäftigt war, nämlich Clemenceau mit der Vernichtung txS Wirtschaftslebens feines Feindes, Lloyd George mit dem Gedanken, ein Geschäft zu machen und etwas mit nach Hause zu bringen, da» sich wenigstens für die Dauer einer Woche sehen lasten konnte, und Präsident Wilson mit der. Ausgabe, nichts zu tun, was nicht gerecht und richtig wäre. Keyes fordert eine R e- Vision des Vertrages.
Dentschösterreich vor dem Abgrund.
Im Gegensatz zu den bisherigen Meldungen, daß die von der Entente Deutschösterreich bewilligten 30000 Tonnen Getreide in Triest bereits verladen würden, er- hielt der österreichische Staatssekretär für VolkSernährung aus Paris die Meldung, datz feit vier Tagen in Ttest die Verladungen vollständig eingestellt worden feien. Nun stehen in Triest Hunderte der von der deuttch- österreichischrn Regierung dorthin entsandten Waggons unbenutzt. Was nun auS Deutschosterreich werden soll, ist in Dunkel gehüllt. In der nächsten Woche wird die Brotration weiter herabgesetzt werden. Auch die Kohlenvorräte find bis zur Neige «schöpft. Deutsch- Österreich steht vor dem Abgrund.
AttS dem besetzten Gebiet.
Rach einer Anordnung der Besatzungsbehörden soll auch nach dem Friedensschluß die westeuro- p S i f ch e Z e i t im Eisenbahnverkehr beibehalten wer- den. — Polizeiinfpekwr Thumann m Ludwigshafen wurde aus der Stadt und der Pfalz ausge- wiesen und sofort abgefchoben. — Der vor einigen Monaten von der französischen Besatzungsbehörde Der-
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Immenses.
Novelle von Theodor Storm.
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Er nahm ihre schmale Hand liebkosend in die seinen. .Und nun wir ihn haben," sagte er, „nun lasten wir ihn fo bald nicht wieder los. Er ist so lange draußen gewesen; vir wollen ihn wieder heimisch machen. Schau iturv wie fremd und vornehm sein Aussehen geworden ist."
Ein scheuer Blick Elisabeths streift« Reinhard, Anwtz. »Es ist nur die Zeit, die mir nicht beisammen waren," fegte er.
In diesem Augenblick kam die Mutter, mtt einem bchlüflelkörbchen am Arm, zur Tür herein. „Herr Werter!" sagte sie, als sie Reinhard erblickte; „ei, ein ebenso 'leber als unerwarteter Gast." — Und nun ging die Unterhaltung in Fragen und Antworten ihren ebenen Tritt. $>« Frauen setzten sich zu ihrer Arbeit, und während Rein- Hard die für ihn bereiteten Erfrischungen genoß, hatte Erich .«inen soliden Meerschaumkopf ungebrannt und saß bom- tfenb und diskurierend an seiner Seite.
Am andern Tage mußte Reinhard mit ihm hinaus; M die Aecker, in di« Weinberge, in den Hopfengarten, in lit Spritfabrik. Es war alles wohl bestelll: die Leute, voiche auf dem Felde und bei den Kesteln arbeiteten, jetten alle em gesundes und zufriedenes Aussehen. Zu Mittag kam die"Familie im Gattensaal zusammen, und Tag wurde bann, je noch der Muße der Witte, mehr 'der minder gemeinfdjaftfid) verlebt. Nur die Stunden -er dem Abendesten, wie die ersten des Vormittags, blieb Bernhard arbeitend auf feinem Zimmer. Er hatte seit )ohren, roo er deren habhaft werben konnte, die im Volke übenden Reime und Lieder gesammelt, und ging daran, «men Schatz zu ordnen und womöglich mit neuen Auf- richnungen aus der Umgegend zu vermehren. — Elisa- uttj war zu allen Zeiten sonst und freundlich; Erichs im- ?Er gleichbleibende Aufmerksamkeit nahm sie mit einer demmigen Dankbarkeit auf, und Reinhard dachte mit- Wer, bas Hefter« Kind von ehedem habe wohl eine roeni« Jet stille Frau versprochen.
Seit dem 3weiten Tage seines Hierseins pflegt« R benös einen Spaziergang an dem Ufer des Sees zu nodjen. Der Weg führte hott uni« dem ©arten vorbei.
Ende desselben, auf einer vorspringen Bastei, stand 66 Donk unter hohen Birken; die Mutter hatte jie bk
Abendbant getauft, weil der Platz gegen Abend lag und de, Sonnenuntergangs halber um diese Zeit am meisten benutzt würbe.
Don einem Spaziergange auf diesem Wege kehtte Reinhard eines Abends zurück, als et vom Regen überrascht wurde. Er suchte Schutz unter einer am Wasser stehenden Linde; aber die schweren Tropfen schlugen bald durch di« Blätter. Durchnäßt, wie er war, ergab er sich darein und setzte langsam seinen Rückweg fort Es war fast dunkel; der Regen fiel immer btdfter. Als er sich der Abendbank nähert«, glaubte er zwischen den schimmernden Wrkenstämmen eine weiße Fraurngefialt zu unterscheiden. Si« stand unbeweglich und, wie et beim Näherkommen zu «kennen meinte, zu ihm hingewandt, als wenn sie jenwr.be« erwarte. ®r glnrdte, es sei CTfa- beth. Als er aber rasch«« zuschritt, um ff« zu erreichen, und dann mtt ihr zusammen durch den Gatten tns Haus zurückzukehren, wandte sie sich langsam ab und verschwand in die dunklen Eeitengänge. Er konnte das nicht reimen; er war aber fast zornig ans Elisabeth, und denn noch zweifelte «, ob sie es gewesen sei; aber er scheute sich, sie danach zu fragen; ja, er ging bei seiner Rückkehr nicht in den Gartensaal, nur um Elisabeth nicht etwa durch die Gartentür hereintreten zu sehen.
Steh« Mutt« Hofs gewollt
Einige Tage nachher, es ging schon gegen Abend, faß bte Familie, rote gewöhnlich um diese Zett, rm Gartensaal zusammen. Die Türen standen offen; bte Sonne war schon hinter bat Wäldern jenseits des Sees.
Reinhard wurde um dte Mitteilung einiger Volkslieder gebeten, welche er am Nachmittage von einem aus dem Lande wohnenden Freunde geschickt bekommen hatte. Er ging auf sein Zimmer und kam gleich darauf mtt einer Papierrolle zurück, welche aus einzelnen sander geschrie- denen Blättern zu bestehen schien.
Man setzte sich an den Tisch, Elisabeth an Reinhards Sette. „Wir tesen auf gut Glück," sagte er, „ich habe sie selber noch nicht durchgrsehen."
Elisabeth rollte das Manuskript auf. »Hi« find Roten", sagte sie, „das mußt Du fingen, Reinhard."
Unb dieser las nun zuerst einig« Tiroler Schnaber- hüpserl, inbem er denn Lesen je zuweilen bte luftige Me- lobte mtt halber Stimme antlingen lieh. Eine allgemein« Heiterkeit bemächtigt« sich der kleinen Gesellschaft „Wer hat doch aber die schönen Sieber gemacht?" fragte Elija- dech. 1
„Ei," jagte Erich, „das hört man den Dingern schon an; Schneidergesellen und Friseure, und derlei lustiges Gesindel."
Reinhard sagte: „Sie werden garnlcht gemacht; sie wachsen, sie fallen aus der Lust, sie fliegen über Land rote Martengarn, hierhin unb dorthin, unb werben an tausend Stellen zugleich gesungen. Unser eigenstes Tun unb Selben finden wir m diesen Ltedem; es ist, als ob wir alle an ihnen mitgeholfen hätten."
Er nahm ein anderes Blatt: „2ch stand auf hohen Bergen. .
„Das teemne ich!" rief Elisabeth. .Stimme nur an, Reinhard, ich will Dir helfen." Und mm fangen sie jene Melodie, dte fo rätselhaft ist, daß man nicht glauben kann, sie sei von Menschen «dacht worden; Elisabeth mtt ihr« etwas »«deckten Aftstlnnne dem Tenor sekundierend.
Di« Mutter sah inzwischen emsig an ihrer Näherei» Erich hatte die fjänbe ineinander gelegt unb hätte andächtig zu. Als bas Lieb zu Ende war, legte Reinhard das Blatt schwelgend beifrite. — Dom Ufer des Sees herauf kam durch dte Abendsttlle bas Geläute ba Herbenglocken; sie horchten unwillkürlich; da Hütten fie eine klare Knabenstimme singen:
Ich stand auf hohen Bergen, Unb sah ins tiefe Tal . . .
Reinhard lächelte: „Höft ihr es wohl? So geht's von Mmrd zu Mund."
„Es wird oft in dieser Gegend gesungen," sagte Elisa» beth.
1 „So," sagte Erich, „es ist der Hittenkaspar; er treibt die Starken heim."
Sie horchten noch eine Welle, bis das Geläute eben hinter den Wirtschaftsgebäuden verschwunden war. „Das find Urtöne," sagte Reinhard; sie schlafen in Wa ldes - gründen; Gott weiß, wer sie gefunden hat."
Er zog ein neues Blatt heraus.
Es war schon dunkler geworden; ein roter Abendschein lag rote Schaum auf den Wäldern jenseits des Sees. Stein- Hard rollte das Blatt auf, Elisabeth legte an der einen Seite ihre Hand darauf und jah mtt hinein. Dann las Reinhard:
Meine Mutter hat'» gewollt. Den andern ich nehmen sollt'; Was ich zuvor beseffen. Mein Herz sollt' es vergeffen;
Das hat es nicht gewollt. ., '
Meine Mutter klag' ich an, Sie hat nicht wohlgetan;
Was jonst tu Ehren ftihM
Nun ist es worben Sünde.
Was fang’ ich an!
Für all mein Stolz unb Freud Gewonnen hab' ich Leid. Ach, wär’ bas nicht geschehen, Ach, könnt' ich betteln gehen Ueber die braune Heid!
Während des Lesens halte Reinhard ein unmerkliches Siltcm des Papiere» empfunden; als er zu Ende war, schob Elisabeth leise ihren Stuhl zurück und ging schweigend in den Gatten hinab. Ein Blick der Mutter folgte ihr. Erich wollte nachgehen; doch die Mutt« sagte: Ettsa- btth hat draußen zu tun." So unterblieb es.
Draußen aber legte sich der Abend mehr und mehr üb« Gatten unb See, bte Nachtschmetterlinge schossen für-, renb an den offenen Türen vorbei, durch welche der Dust bet Blumen und Gesträuche immer stärker hereindrang; vom Waffer herauf kam das Geschrei der Frösche, unter den Fenstern schlug eine Nachtigall, tiefer im ©arten eine andere; der Mond sah über die Bäume. Reinhard blickte noch eine Weile auf bte Stelle, wo Elisabeths feine Gestalt zwischen den Laubgängen verschwunben war; bann rollte et fein Manuskript zusammen, grüßte die Anwesen- den unb ging durchs Haus an bas Wasser hinab.
Die Wälder standen schweigend und warfen ihr Dunkel weit auf den See hinaus, während die Mitte desfelden in schwüler Mondsdämmerung lag. Mitunter schauerte ein leises Säuseln durch die Bäume: aber es war kein Wmd, es war nur bas Atmen bet Sommernacht. Reinhard ging immer am Ufer entlang. Einen Steinwurf vom Lande konnte er eine weiße Wasserlilie erkennen. Auf einmal wandelte ihn die Lust an, sie in der Nähe zu sehen; et warf seine Kleider ab und stieg ins Wasser. Es war flach, scharfe Pflanzen und Steine schnitten ihn an den Füßen, und er kam immer nicht in die zum schwimmen nötige Tiefe. Dann war es plötzlich unter ihm weg, die Wasser quirlten über ihm zusammen, und es dauerte eine Zeitlang, ehe er wied« auf die Oberfläche kam. Nun regte er Hand und Fuß und schwamm im K eise umher, bis er sich bewußt geworden, von wo er biaeingegangen war. Bald sah er auch die Lilie wieder; sie lag einsam zwischen den großen blanken Blattern. — Er schwamm langsam hinaus und hob mitunter die Arme aus dem Wasser, daß bte herabrieselnben Tropfen im Moiidlicht blitzten; aber es war, als ob die Entfernung zwischen ihm unb bet Blume dieselbe bliebe; nur bas Ufer log, wenn er sich umblickte, in immer ungewisserem Duft hinter ihm
(Schluß telßt.)