Druck der Fuldaer Aetieudr »ckcrei in Fulda
Freitag. 19. Dezember 1919.
fltis dem na varaeviel.
Amtliche Anzeige«.
Literarisches.
Mutter
SBM»
der Räuber haben.
Vas Glück bce flinbes. Erziehungslehre für Mütter und solche, die es werden wollen. Don Nikolaus Faßbinder. Zweite und dritte Auflage. Freiburg i. Br., Herdersche Verlagshandlung. Kart. 8 Mk.
In einfacher Sprache redet der Derfasfer so zur Mut- ter, daß sie mit jedem Kapitel das Buch mehr lieben und
Person hat die Manschetten für dich gestickt. Bei uns wird es nun Meihnachtabend sehr still werden; meine Mutte« stellt immer schon um halb zehn ihr Spinnrad in die Ecke; es ist gar so einsam diesen Winter, wo du nicht da bist. Nun ist auch, vorigen Sonntag der Hänfling gestorben, den du mir geschenkt hattest; ich habe sehr geweint, aber ich hab' ihn doch immer gut gewartet. Der sang sonst immer nachmittags, wenn die Sonne aus sein Bauer schien; du weißt, die Mutter hing oft ein Tuch über, um ihn zu geschweigen, wenn er so recht aus Kräften sang. Da ist es nun noch stiller in der Kammer, nur daß dein alter Freund Erich uns jetzt mitunter besucht. Du sagtest einmal, er sähe seinem braunen Ueberrock ähnlich. Daran muß ich nun immer denken, wenn er gut Tür hereinkommt, und es ist aar zu komisch; sag es aber nicht zur Mutter, sie wird dann leicht verdrießlich. — Rat, was ich deiner Mutter zu Weihnachten schenke! Du rätst es nichi? Mich selber! Der Erich zeichnet mich in schwarzer Kreide: ich habe ihm schon dreimal fitzen müssen, jedes- mal ehre Minze Stunde. Es war mir recht zuwider, daß der fremde Menfch mein Gesicht so auswendig lernte. Ich wollte auch nicht, aber die Mutter redete mir zu; sie sagte: es würde der guten Frau Werner eine gar große Freude machen.
Aber du hältst nicht Wort, Reinhard. Du hast keine Märchen geschickt. Ich habe dich oft bei deiner Mutter verklagt; sie sagt dann immer, du habest jetzt mehr ztt tun als solche Kindereien. Ich glaub' es aber nicht; es ist wohl anders."
Nun las Reinhard auch den Brief seiner Mutter, und als er beide Briefe gelesen und langsam wieder zusam- mengefaltet und weggelegt hatte, überfiel ihn ein uner» biMiches Heimweh. Er ging eine Zeitlang in seinen Zimmer aus und nieder; er sprach leise und dann halbverständlich zu sich selbst: '
Er wäre fast verirret
Und wußte nicht hinaus;
Da stand das Kind am Wege Und winkte ihm nach Haus!
Dann tret er an sein Pult, nahm einiges Geld heraus und ging wieder auf die Straße hinab. — Hier war et mittlerweile stiller geworden; die Weihnachtsbäume waren ausgebrannt, die Umzüge der Kinder hatten aufgehört. D». Wind fegte durch die einsamen Straßen; Alte und Junge saßen in ihren Häusern familienweise zusammen; der zweiie Abschnitt des Weihnachtsabends bett: begonnen. — '«Fortsetzung folgt.).
schon; aber die Gäste waren sparsam versammelt, die Kellner lehnten müßig an den Mauerpseilern. In einem Winkel des Gewölbes saßen ein Geigenspieler und ein Zithermädchen mit seinen zigeunerhaften Zügen; sie hatten ihre Instrumente auf dem Schoße liegen und schienen teilnahmslos vor sich hin zu sehen.
Am Studententische knallte em Champagnerpropfen. „Trinke, mein böhmisch Liebchen!" ries ein junger Mann von junkerhaftem Aeußern, indem er ein volles Glas zu dem Mädchen hinüberreichte.
„Ichm ag nicht", sagte sie, ohne ihre Stellung zu verändern.
„So singe", rief der Imiker und warf ihr eine Silbermünze m den Schoß. Das Mädchen strich sich langsam mit den Fingern durch chr schwarzes Haar, während der Geigenspieler ihr ins Ohr flüsterte; aber sie warf den Kopf zurück und stützte das Kinn auf ihre Zither. „Für den spiel' ich nicht", sagte sie.
Reinhard sprang mit dem Glase in der Hand auf und stellte sich vor sie.
„Was willst du?" fragte sie trotzig.
„Deine Augen sehen."
„Was gehen dich meine Augen an?"
Reinhard sah funkelnd auf sie nieder. „Ich weiß wohl, sie find falsch!" — Sie legte ihre Dange an die flache Hand und sah ihn lauernd an. Reinhard hob sein Glas an den Mund. „Aus deine schönen, sündhaften Augen!" sagte er und trank.
Sie lachte und warf den Kopf herum. „Gib!" sagte sie, und indem fie ihre schwarzen Augen in die seinen heftete, trank sie langsam den Rest. Dann griff sie einen Dreiklang und sang mit tiefer, leidenschaftlicher Stimmt: Heute, ach heute Bin ich so schön;
Morgen, ach morgen Muß alles vergehn! Nur diese Stunde Bist du noch mein; Sterben, ach sterben Soll ich allein."
Während dar GrigensMer in raschem Tempo das Nachspiel einsetzte, gesellte sich ein neuer Ankömmling zu der Gruppe.
„Ich wollte dich abholen, Reinhard," sagte er. „Du warft schon fort; aber das Christkind war bei dir w= kehrt."
n Hersfeld. Infolge Kohlenknappheit hat sich da- Gaswerk zu einer Ein sch r ä n ku n g der G • abgabe veranlaßt gesehen. Für .nächste ^Ze wird Gas nur morgens von 7—8, mittag- von 1- und vom Eintritt der Dunkelheit brs 10 Uhr abends abgegeben. — der am Samstag stattfmdenden Kreistagssitzung wrrd Mich über den Ukychwg cir.es Elektrizitäts - Vertr a g e S (zwecks Versorgung des Kreisest mit der Elektrizität«.^rw - gung in Hannover Beschluß gefaßt werden.
= Kassel. Die Deutschnationale Volks- Partei hielt in der Stadthalle eine Versammlung ab, in der der bekannte Abgeordnete von Träfe eme zweistündige Rede hielt. Er konnte sich natürlich nicht enthalten, heftige Angriffe g e gen d a s Zentrum zu richten. Dem Herrn von Grafe ist tj ein Rätsel, daß es heute, nachdem der eigentliche Ku.- turkampf längst verklungen ist, noch immer em „konfessionelles" Zentrum gibt. Daß er seine Pfeile des Hasses auch gegen den Neichsminister Erzberger schleuderte, kann man dem deutschnationolen ^Uhrer weiter nicht übel nehmen. Einen Teil seiner Ausführungen verwandte der Redner zu einer Hetze gegen die Juden. Das ließ sich der anwesende Fabrikant Rubinsohn jedoch nicht gefallen und erklärte mit Entrüstung, daß man die Verfehlungen einzelner nicht dem gesamten Judentum in die Schuhe schieben dürfe. — Man kann es den hiesigen Stadtverordneten der Zentrumsparte, wirklich nicht verdenken, daß sie vor einigen Wochen infolge der maßlosen Hetze der DeutsHnationalen aus der Freibürgerlichen Vereinigung ausgetreten sind.
-e- Frankfurt a. M. Der 51jährige Aühändler Jakob Weber, Saalgafie 36, wurde in feinem Gefchaftslokal von einem bisher nicht ermittelten Marnie mittleren 211« ters überfallen und mit einem Beil oder Hammer meder- geschlagen. Der Räuber entriß Weber sodann tue Brief« wiche mit etwa 700 M barem Geld und entfloh. — Aus den Laoerräumen der Adler-Werke hat der Heizer Max Sire ft, der sich durch Nachschlüssel Zutritt zu den Rau- men verschaffte, in den letzten Wochen etwa 5 0 neue Schreibmaschinen gestohlen und an Hehler weiter veräußett. Einige der gestohlenen Maschinen konnten noch herbeigeschafft werden. Der Dieb und mehrere Hehler wurden bereits verhaftet. — Im Treppenaufgang einer hiesigen Genossenschaftsbank will der 1414jährige Lehrling der „Kula" überfallen worden fein, wobei der Tai« ihm Paprika in die Augen gestreut haben soll. Dann soll
-- - ihn seiner Geldtasche mit 53500 «K beraubt
Im Interesse des Dienstes und zur Dermeiduns fortgesetzter Störungen der Büroarbeiten muß fcn Bestimmung, daß beim Landratsamt mündliche Anfragen, Rücksprachen und Beschwerden nur
TRilfrood s und Samsfags vormittags von 8 bis 12 Ahr erledigt werden, von jetzt ab wieder streng zur Anwen-
^ersuche hiernach die Kreiseingesessenen, an den anderen Wochentagen, an denen nur be andereEu- sachen aboefertigt werden kennen m.undliche Ansra- gen oder "Beschwerden beim Landratsamt Nicht Vorbringen zu wollen.
Fulda, den 12. Dezember 1919.
Der Landlos. Frhr. v. Doernberg.
Wie ste sich „einigen".
(Von unserm Berliner Vertreter).
Nachdem die Einigung zwischen den Mehrheitssozialisten und den Unabhängigen ins Wasser gefallen ist, sind die Unabhängigen und Spartakisten dabei, sich immer mehr zu „einigen". Sie machen das aus ihre eigene Art._ Nicht nur fahren die Spartakisten gegen die Unabhängigen, die sie wegen ihrer „Zahmheit" in Grund und Boden verdammen, einen wütenden Kampf, auch die Spartakisten unter sich zerfleischen sich in grenzenloser Wildhei. Nachdem der über Derün verhängte Belagerungszustand nun aufgehoben ist, erscheint auch das Organ ! der Unabhängigen, die „Rote Fahne" wieder, aber nicht allein, sondern neben ihr ist noch eine 2. „Rote Fahne" erschienen. Alle beide aber reklamieren für sich die alleinige Echtheit des Sozialismus — und die allein unentwegte bolschewistische Gesinnungstreue^
Ein edler Wettstreit ist zwischen den beiden „Roten Fahnen" über die radikale Staats-^und , Wirtschaftsauffassung entbrannt, und die eine überbietet sich gegenüber der anderen an Radikalismus. Selbst Ledebour, der Wortführer der äußersten Radikalen auf dem Partestag der Unabhängigen in Leipzig muß sich von der einen „Roten Fahne" als „Schwächling" brandmarken und sich sagen lasten, daß er „noch Schulung" nötig hätte. Die R e i ch s z e n t r a l e der Kommunisten, welche die eine ,Liste Fahne" heraus- gibt, und sich als die „allein berechtigte Nachfolgerin Liebknechtscher Erbschaft" bezeichnet, vertritt noch die gemäßigtere kommunistische Richtung. Die Berliner Zentrale der Kommunisten ist die Vertreterin der schärfsten Tonart. Sie nennt ihre „Rote Fahne" nunmehr „Spartakus". So sehen wir jetzt nun in Berlin Tag für Tag einen wütenden Kampf zwischen „Roter Fahne" und „Spartakus". Wie „brüderlich" der Kampf ausgeiochten wird, beweist auch der Umstand, daß die „Rote Fahne" dem „Spartakus" Schwindelmanöver" und sogar unlautere Beschaffung der Gelder vorwirft. So macht die Einigung im radikalen Lager jeden Tag schönere Fortschritte.
Wie die „Rote Fahne" dieses Mal, also die „gemäßigtere" Richtung, den politischen Kampf zu führen gedenkt, hat sie in Ausführungen ausgesprochen, die darin gipfeln: selbst Ledebour werde bei Maß- 1 regeln, welche die deutsche Revolution ergreifen müsse, schreien: Gewalt! Gewalt! . . . Und dann spricht dieses Blatt klipp und klar aus, daß Gewalt und Mord und Totschlag genau ebenso Kampfmittel der dritten Internationale sein müssen, wie es die der
drängt fühlen, ihr eigenes Seelenleben und Tugendstv^e nach'Anleiwng des Buches zu gestatten und so ern leven- diges Buch für ihr Kind zu werden. Der hohe lüemrische Wett des Buches liegt in der kräftigen, gesunden Darstel lung, die, allen Gemeinplätzen abhold, vom katholische!' trifft. Wer ein außerordentlich nützliches, schönes Brautgeschenk in Buchform sucht, der verlange Faßbmders „ixs Glück des Kindes".
Der Erbe. Roman aus dem Münsterlande von Hans Roselieb (Finnin Goar), gch. 7,50 Mk, geb. 9,45 Mark. (Derlagsteuerungszuschlag inbegriffen.) Sos. «o sel'sche Buchhandlung, Kempten-München.
Hans Roselieb, der auch unter dem Decknomen Armin Coar bekannte Münstensche Schriftsteller, fftfem Verfasser. Schon bei seinem Erscheinen m der Monats- schrisi „Hochland" hat dieses Werk ine Aufmerksamkeit aller Urteilsfähigen erregt, hot wohl auch k«« Memungen In- denschastlich für und wider sich auseimmder AAn lassen. Nun erscheint es, noch emmal gesellt und geschliffen, m einer stattlichen Buchausgabe gerade recht öum Wech- nachtsfest. Die erzählerische Sicherheitmttderhi« mff dem Hintergrund der Gegenwatt mtt all dem fielen und Niederen der Zeitumstände der Kampf emes Sohnes um die von den Eltern gesährdete Ehre seines Namens ge Met ist, läßt nicht vermuten, daß es sich um das Erft« linoswerk eines Autors handelt, der bis letzt nur durch Aufsätze historischen, psychologischen und Itterarffdjen Cha- rakters bekamst geworden ist. ,__
Ter deutsche Held, Roman °u- der mchnapoleoms^r Zeit von Enrico von Handel-Maz Jet11, .geh- 750 Mk, geb. 9.45 Mk. (Derlagsteuerungszuschlag tnbe- griffen.) Jos. Kosel'sche Duchhandlung, Kempten-Mun- ^Beileibe nicht ein Striegsromcm. Nichts roemger als das. Rund 100 Jahre zurück fuhrt uns ine Fabel m das alte Dien, hinein in die tragischen Schicksale einer Offi- ziersfamilie. Neue Zeiten und neue Menschen hat dies mal die Kunst der Derfasserin ^m Leben ermckt, aber mit der alten, ja mit SriWrter Kraft ter ®ritaltunc und mit der gewohnten Meisterschaft der satten Farben- procht ihrer bisherigen Werke. Noch mehr als mst allen bisherigen Schöpfungen wird ^ndestMazzetti mst^ dieser sich nicht bloß die Bewunderung, sondern die Herzen lyrer ungeheuren Lesergemeinde erobern. In unseren Tagen mag es eine besondere Mission haben, weil es in manchen Zügen Strich für Strich auf unsere arme zerrissene. Zeit paßt, weil seine bittere Tragik aus gleichen Schrunden quillt, aus der auch unsere innere Not wie qualmender Brodem fteiat. Deshalb wird es mehr noch sein als em Juwel der Kunst! Es ist ein Dokument der GW-A«' gleich an Schönheit wie an innerem bleibendem Wert.
Nach 8 2 der Bekanntmachung vom 26. September h Is. (abgedruckt im Kreisbiatt Nr. 232), betreffenb Maßnahmen gegen Wohnnngsmangel, haben die Ver- fügungsberechtigten i Hausbesitzer ufw.) dem Kreieous. kchuß Hierselbst unverzüglich Anzeige zu erstatten, so- bald eine Wohnung oder jonstige Räume unbenutz-
Unierlagen werden nach § 7 a. a. O. mit Geld strafe bis zu 1000 Mark bestraft.
Die Herren Bürgermeister des Kreises haben ue- ses in ihren Gemeinden auf ortsübliche Weife wiederholt mit dem Bemerken bekannt machen zu lassen daß in allernächster Zeit Beauftragte des Kretsous- schlusses eine Revision in den Landgemeinden vornehmen würden, um festzustellen, ob der erwähnten Meldepflicht entsprochen worden ist. Den Beauftrag len ist nach der anaezogenen Vorschrift über die unbenutzten Wohnungen und Raume sowie über berex Vermietung Auskunft zu erteilen, und ihnen die Be sichtigung zugestatten.
Fulda, den 13. Dezember 1919.
Der Landrak. Frhr. v. Doernberg.
Zum Kampf um Erzberger.
Der folgende Artikel geht uns von dem Mg. A n - I ite (Zrr.) zu. Herr Andrä ist ein fleißiges und I rübrige? Mitglied der Kommissionen, in denen über die I neuen Steuern verhandelt wird. Seine Ausführungen I t;nj) als Stimmungsbilds wie man das Wirken Erz- I Lrger§ als Finanzminister in den direkt beteiligten I Weisen auffaßt, von großem Wert.
Es ist beachtenswert, daß in den letzten Tagen in I jenen der Entwurf des Reichsnotopfers end- qültig verabschiedet wurde, der Kampf „egen Erzberger wieder in den schärf- I
ften Formen entbrannt war. Nach der Aeuße- I rungen der Oppositionspresie soll Erzberger von der Finanzwirtfchaft nichts verstehen; er fall ein ober- I slöchlicher Schwätzer, ein Dilettant fein. Bedauerlich I ist nur, daß solcher Unsinn nicht nur geschrieben, son- I jern auch geglaubt wird. Wer dagegen Gelegenheit I jgt, in der deutschen Nationalversammlung selbst Erz- I berger an der Arbeit.zu sehen, wer seine äußerst ge- I sandten Ausführungen Tag für Tag zu hören Gele- I genheil hat, wer es miterleben kann, wie gerade Erz- berger auf die gut vorbereiteten Reden feiner stärksten I Gegner sofort mit durchschlagenden Argumenten zu er- I widern versteht, der findet bestätigt, was ein alter I Parlamentarier mir letzter Tage gesagt hat: Einen Finanzminister, der mit solcher Sicherheit, mit solchen I umfassenden und gründlichen Kenntnissen, mtt solcher I Schlagfertigkeit und Sicherheit seine Vorlagen oer- I tritt, haben wir in Deutschland noch nie gehabt.
Man hat Erzberger als Fehler vorgeworfen, daß I er in der Polemik zu scyars war. Kann man das aber I dem Manne Übelnehmen, der eine solch riesige und un- I angenehme Arbeitslast auf sich genommen hat und I zum Dank dafür Tag für Tag gerade von den- Kreisen am meisten begeifert wird, die das deutsche Volk durch ihre Politik mit ms Elend hineingeführt haben? Vergessen wir doch nicht, daß jeder Finanzminster, der die Aufgabe der Sanierung der Reichsfinanzen übernommen haben würde, auf nicht minder große Schwierigkeiten gestoßen wäre. Ach es ist so schön, in Dolks- oersammlungen fürs Vaterland zu sterben, es ist so schön, mit dem Brustton der Ueberzeugung für Besitz» (feuern einzutreten, die immer „andere" bezahlen ollen! Erzberger dagegen schlägt die Schaffung w rk» sicher Besitzsteuern vor und deshalb ist er in wetten Kreisen einer bestimmten politischen und Wirtschaftsschicht der best gehaßte Mann geworden .
Diese Kreise sind politisch rückständig, weil sie mei» neu, wenn ein anderer Finanzminister kommen würde, dann brauchten sie weniger Steuer zu bezahlen. Und doch gibt es auf diesem Gebiet nur ein Entweder — ober!
Entweder versuchen wir, die Finanzen zu ordnen und damit den Grund zu legen für den Wiederaufbau unserer Wirtschaft, oder wir gehen als Staat und Volk zugrunde. N a t i o n a l sein, heißt darum heute: zum Dolke st e h e n- den Staat vor dem völligen Zusammenbruch - retten, unsere Volkswirtschaft wieder in Fluß bringen! Das ist nationale Politik. Was aber gewisse verbohrte Erzberger-Hasier zur Zeit treiben, das ist keine Politik der Staatserhaltung und Gelundung, sondern ödes Agitations- und Parieigeschwätz! Diese Kreise, die zur Zeit stark für die Wiedererrichtung der Monarchie sich einsetzen und die gegenwärtige Notlage einzig und allein der Unfähigkeit der Regierung zuschieben, die auf Erzberger schimpfen und Roske im Schmutz herumziehen, treiben mit den ureigensten Interessen des Volkes ein gefährliches Spiel. Die jetzige Notlage ist das Ergebnis des verlorenen Krieges und der Revolutionswirkungen. Und wenn die besten .Staatsmänner der früheren Zeiten jetzt alle miteinander in der Regierung sitzen würden, sie könnten nicht viel anders.handeln, als es die gegen wärtigs Regierung auch tut. Wir sind ein armes Volk geworden, die alte S t a a t s f o r m ist kläglich in sich zusammengebrochen und die deutschnationalen Helden haben sich bei diesem Zusammenbruch in ein Mauseloch verkrochen. Jetzt, nachdem die so viel gelästerte Regierung die öffentliche Ruhe und Ordnung wieder hergestellt hat, wagen sich die alldeutschen Heldengestalten wieder an die Oeffentlichkeit! Dabei bekämpfen diese „Patrioten" den Minister am schärf- sten, der für steuerliche Gerechtigkeit und für den so notwendigen sozialen Ausgleich eintritt. Die Finanzfrage ist die soziale Frage der Gegenwart. Die Steuerordnung ist das bedeutendste staatspolitische Problem, die Kriegsschulden und die Versorgung der Kriegshinterbliebenen und Kriegsoerletzten find neben der Erfüllung des Friedensvertra-
„Das riftfinit?" Jagte Reinhard, „das kommt nicht mehr zu m.r.
„Ei was! Dein ganzes Zimmer roch nach Tannenbaum und braunen Kuchen."
Reinhard fetzte das Glas aus der Hand und griff nach feiner Mütze.
„Was willst du?" fragte das Mädchen.
„Ich komme schon wieder."
Sie runzelte die Stirne. „Bleib!" rief sie leise und sah ihn vertraulich an.
Reinhard zögerte. „Ich kann nicht," sagte er.
Sie stieß ihn lachend mit der Fußspitze. „Geh!" sagte sie. „Du taugst nichts; ihr taugt alle miteinander nichs." Und während fie sich abwandte, stieg Reinhard langsam die Kellertreppe hinauf.
Draußen auf dar Straße war es tiefe Dämmerung; er fühlte die frische Winterlust an feiner heißen Stirn. Hie und da fiel der helle Schein eines brennenden Tannenbaums aus den Fenstern, dann und wann hätte man von drinnen das Geräusch von kleinen Pfeifen und Dlechtrom- peten und dazwischen jubelnde Kinderftimmen. Scharen von Bettelkindern gingen von Haus zu Haus oder stiegen auf die Treppengeländer und suchten durch die Fenster einen Blick in die versagte Herrlichkeit zu gewinnen. Mitunter wurde auch ein Tür plötzlich aufgerisfen, und scheltende Stimmen trieben einen ganzen Schwarm solcher kleinen Gäste aus dem hellen Hause auf die dunkle Gaffe hinaus; anderswo wurde auf dem Hausflm ein alles Weihnachtslied gesungen, es waren klare Mädchenstimmen darmtter. Reinhart hätte sie nicht, er ging rasch an allem vorüber, • einer Straße in die andere. Als er an seine Wo^nrnrg gekommen, war es fast vällig dunkel geworden; er stolperte die Treppe hinauf und trat in seine Stube. Ein süßer Duft schlug ihm entgegen; das heimelte ihn an, das roch wie zu Haus der Mutter Weih- nachtsftube. Mtt zitternder Hand zündete er fein Licht an; da lag ein mächtiges Paket auf dem Tisch, und als er es öffnete, fielen die wohlbekannten braunen Festkuchen heraus; auf einigen waren die Anfangsbuchstaben feines Namens m Zucker ausgeftreut; das konnte niemand an- .bers als Elisabeth getan haben. Dann tarn ein Päckchen ■ t feiner gestickter Wäsche zum Barschem, Tücher und !llisnsche!ten, zuletzt Briefe von der Mutter und von Ellsa- brth. Reinhard öffnete zuerst den letzteren; Elisabeth schrieb:
1„Die schönen Zuckerbuchstaben können dir wohl erzählen, wer bei den Kuchen mitgeholsen hat; dieselbe
ges das schwere Erbteil, das von der allen Herrlichkeit übrig geblieben ist.
Erzberger ist nun der Monn, der das Steuerproblem großzügig, sozial und gerecht zugleich angefaßt hat und dafür verdient er Donk und Anerkennung. Glaubt denn wirklich ein ruhig und ventünstig denkender Menfch, daß, wenn Erzberger so wäre, wie er in verlogener Sachdarstellung jeden Tag in einer gewissen Presse dem lieben Publikum vorgestellt wird, ct auch nur noch einen Tag Finanzminister wäre. Glaub: jemand, daß in der neunzig Mitglieder starkm Zentrumcfraktion sich keine Männer finden würden, die sich mit Erfolg gegen Erzberger wenden würden? Hält man die große Mehrheit, die Erzberger für feine Steuervorlaaen zur Verfügung hat, für so hilflos, daß sie nur Erzberger folgen kann und muß? Nein, so liegt die Sache nicht! Die große Mehrheit der Nationalversammlung weiß, to a s_ fie tut, wenn sie den Erzberaerschen Steuerplänen zu- stimmt, sie weiß, daß es keine anderen Wege, die zu einem besseren Ziele führen gibt, sie bewundert das Gedächtnis, die Arbeitskraft, die Kennt- ntfff e, den Mut und die Energie des Mannes, der zur Zeit das Finanzsteuer zu führen hat. Würde Erzberger die großen Geldfäcke schützen, er würde von manchen besser situierten Kreisen anders taxiert werden! Hebet vier Jahre lang lagen sieben bis acht Millionen Soldaten m Dreck und Schlamm draußen, sie haben Trommelfeuer und andere schlimme Dinge mehr über sich ergehen lassen, weil die Liebe zur Heimat sie erfüllte und belebte. Und jetzt, wo die Millio- nenaermögen gefaßt und damit die Schulden des Krieges bezahlt werden sollen, erleben mir ein regelrechtes Kesseltreiben gegen den Mann, der die B e si tz- steuern vertritt. Wir erleben, wie ein sattes Kapital nach dem Auelonde zu flüchten sich bemüht, wie gewisse Kreise nur an s i ch und ihren Geldbeutel und nicht an Volk und Vaterland bei-.n!
Bourgeoisie seien. Die .Ausübung der Diktatur sei der einzige Weg, um den „Marxschen Geist zu voll- flre2a"f ffnb ja nette Aussichten! Man wie die Linke, unbelehrt durch alle Erfahrungen, die das bot fchewistische Rußland gemacht hat. selnen phanl si ^ chen volks- und wirlschaftsmordertschen Zielen na ) aot. Diese Dinge müssen sehr ernst genommen weben. Man muß sich immer vergegenwartrgen, d 8 es große, geschloffene und von sanatrschen Führern und Wählern in deren Bann gehaltene Mafien gibt, die bereit sind, eine solche Katastrophenpotttrk zu unterstützen. Da gilt es durch eme nachdrückliche Aufklärung die entsprechenden Gegenwirkungen zu schatt-n.
Klara Fetz. Stifterin ter Genoffenschafr bet Schwestern vom armen Kinde Jesus. Von Ignaz W a t t e r o t t, O M. I. Mit Buchschmuck und 6 Bildern. Dritte und vierte Auflage. Freiburg i. Br 1019, Herbersche Verlagshandlung. Mk. 5.—; geb. Mk. 6.8c. Man kann das Buch eine Volksausgabe ter Biographie der Sifterin der Genossenschaft der Schwestern vom armer Kinde Jesus nennen, dem deutschen Volke aeboten als „ein Lebensbild kerniger deutscher Fröm. migkeit die auf echte Verinnerlichung, die sich im praktischen Wirken betätigt, den Hauptwert legt". Ter Verfasser zeichnet in einfachen klaren Linien das B.ld jener Persönlichkeit, in bereit Werten und Wesen — das redet jede Zeile — er sich tief eingelebt hat und predigt dabei eine unerschöpfliche Liebe zu den Kleinen und Armen, zu den Kindern die ob ihrer Verwahrlosung Gefahr laufen, ihrem irdischen Vaterlande Un. ehre zu Bereden und darob des himmlischen Varer. landes auf ewig verlustig gehen.
Zmmensee.
Novelle von Theodor Storm.
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„Da find die Nachzügler", riefen die Jungen, als sie Reinhard und Elisabeth durch die Bäume kommen sahen.
„Hicher!" rief der alte Herr, „Tücher ausgeleett, Hüte umgekehrt! Nun zeigt her, was Ihr gefunden habt."
„Hunger und Durst!" sagte Reinhard.
„Wenn das alles ist", ermidette der All« und hob ihnen dis volle Schöffel entgegen, „so müßt Ihr es auch behalten. Ihr kennt die Abrede; hier werden keine Müßiggänger gefüttert." Endlich ließ er sich aber doch erbitten, unb nun wurde Tafel gchallen; dazu schlug die Drossel ausjnm Wacholderbüschen.
fco ging der Tag hin. — Reinhard hatte aber doch etoas gefunden; waren es keine Erdebeeren, fo war es doch auch im Walde gewachsen. Als er nach Hause gekommen war, schrieb er in seinen alten Pergamentband:
Hier an der Bergeshalde
Verstummet ganz der Wind;
Die Zweige hängen nieder. Darunter sitzt das Kind.
Sie sitzt in Thymiane, Sie sitzt in lauter Duft; Dis binnen Fliegen summen Und blitzen durch die Luft.
Es steht der Wald so schweig«'''
Sie schaut so klug darein;
Um chre braunen Locken
Hrnfließt der Sonnenschein.
Der Jtutfutf lacht von ferne. Es geht mir durch den Sinn: Sie hat di« golbnen Augen Der Waldeskönigin.
So war sie nicht allein fein Schützling; sie war ihm auch der Ausdruck für alles Liebliche und Wunderbare stines ausgehenden Lebens.
Da ffanb das fiitb am Wege.
, Weihnachtsabend kam heran. — Es war noch nach- ttziitags, als Reinhard mit andern Studenten im Ratskeller ®n allen Eichentifch zusammen saß. Die Lampen an den Wänden waren angezündet, denn hier unten dämmerte es