Was
betroffen werden. Glauben Sie, daß die Kinder dann die Elternfürforge segnen werden?"
„Nein!" —
Die beiden - Manner standen Hand in Hand.
„Also, Sie werden mit Inge reden?"
„Ich werde es." —
Die Ablieferung der Milchkühe. K
Auf eins Anfrage über die Zahl der an die Entent« abzuliefernden Milchkühe hat der Wirtschaftsminifler eine schriftliche Antwort erteilt. Auf die Hinweise, datz die Ablieferung der verlangten Milchkühe un» möglich sei, hat die Wiedergutmachungskommission geantwortet, daß sie auf dec Erfüllung der im Fri« densvertrog vorgesehenen Forgerungen bestehen müsse, Bei drn mündlichen Verhandlungen sei es jedoch geklungen, statt der verlangten 140000 Milchkühe nut abzugeben 90000 Kühe, teils in Milchkühen, teils in tragenden Kühen, während der Rest von 50000 i» Färsen geliefert wird.
dankte mit einem Hoch auf Hindenburg und beide zeig. Len sich später kurze Zeit gemeinsam ernt Fenster. Es war nicht, zu erkennen, ob ihnen diese Art von Demo», srrationen angenehm war; sie sind an ihrer Inszenierung gewiß nicht beteiligt..
Am Freitag standen wieder Studenten und Schul, linder mit Jahnen vor dem Reichstage und warteten auf Hindenburg, auch diesmal vergeblich.
Frau Kretschmar fast an Inges Beit. Der Alrst war eben gegangen. Die alte Dame schaute ganz vekstört drein. Ihr blieb alles ein Rätsel.
Da war Herr Ruskin von einer Reise heimgekormnen, und eine Stunde danach war's geschehen.
Ein gellender Schrei!
»In des Vaters Zimmer auf dem Teppich hatte Inge gelegen — wie tot.
Neben ihr hatte Ruskin gekniet und nur fortwährend gerufen:
„Einen Arzt — nur rasch einen Arzt — den ersten besten — nur rasch!"
Dann wieder, als dcr Arzt gekommen war und Inge ins Bewußtsein zurückgerufen hatte, als das ganz faf- simKlose, junge Mädchen verwirrtes Zeug durcheinander redete und fragte, hatte man die alte Dame sanft, aber bestimmt aus dem Zimmer entfernt. Erst später, viel später durfte fie die Kranke zu Batt bringen. Eine Kranke, die nur noch still vor sich hinweinte, und nichts mehr fragte, nichts mehr antwortete.
Teilnahmsvoll forschte dis Hausdame wieder und wieder, ob Inge etwas wünsche.
iDe aber lag so stumm und bleich wie im Sarge. Nur daß dann und wann eine Hand das Tuch zu den Lugen sührte, verriet Leben.
„Aber, um Himmels willen, Fräulein 3nge, was haben Sie bloß gemacht? So glücklich und so zufrieden waren Sie — so gesund, und nun dieser Anfall!' Ist dem Herrn von Eoens etwas zugestoßen — na ja, eigentlich weiß ich jo noch nichts, ober man hat doch ein H-rz und nimmt teil — also etwas weiß ich ja schon von Fräulein Babettes Besuchen her." —
Irme schien nichts W höreq,
Ucberfiefetung tarnt fein unbegrenztes sein, ohne zum Unrecht an wirMHem Menschenwert zu werden."
. „Und also ihre Schlußfolgerung?"
„Inge wird schuldlos das Opfer einer altert Einrichtung, aber sie no»ß es werden, denn sie ist vergänglich und jene Einrichtung ist dauernd —. Denken Sie auch jetzt noch nicht, da ich dies sage, daß Ich einen Augenblick glaubte, unsere Aussprache könne anders enden, als in scharfer, klarer Trennung aller Beziehungen. Aber auch die Einzelreinheiit hat ihr Recht gegenüber der starren, stolzen Gesamtehrbarkeit eines Hauses, dem das Unglück fern blieb." —
Der Gebrochene von vorhin war auf einmal wie verwandelt. Fester Boden war unter ihm, ei vergaß alle Demütigung und reckte sich empor.
„Damit lassen Sie mich scheiden, Exzellenz — imb lassen Sie mich Ihnen danken für alle Teilnahme, die Sie mir bekundet haben —. Wir sind am Ende." —
Der Kammerherr hielt den Gast zurück:
„Nein, Herr Kisfin, dos sind wir nicht. Ich habe noch eine Antwort zu geben, und diese Antwort ist eine Bitte" —
„Welche?"
„Sagen Sie Inge alles, was Sir mir sagten. — Sie müssen es ihr sagen — und dann soll Inge entscheiden. Eine Ueberlieferung des Reinen und Guten nenne ich den Adel, diese Ueberlieferung lege ich in die Hand einer Reinen und Guten. — Sind Sie es zufrieden?"
Der Kaufherr nickte.
„Exzellenz, sie wagen nichts. Inges EntscheLunz wird Ihren Erwartungen entsprechen. Für sie selbst freilich wirb es ein Todesurteil ihres Glückes fein." —
„Sie werden mit ihr sprechen. Sie werden chr alles sagen?"
„So lange habe ich in Angst und Sorge mir die Tage verdüstert, mn ihr dies Scheckliche zu ersparen, um ihr das Andenken ihres Vaters ungetrübt zu erhalten —! So soll all das umsonst gewesen sein!"
„Sie müssen es. — Die Kinder sollen ihre Eltern überleben. Man darf sie nicht darüber täuschen, unter welchen Verhältnissen sie es tun. Eine irrige, falsche Liebe ist diese Behütung! Dann, wenn die Eltern nicht, mehr sind, nicht mehr'behüten' können, steigen die verheimlichten Schrecknisse de- Vergangenheit doch einmal auf, schlimmer, aeWrkicher betten, die von ihnen admuraslos. webrumäh'0
Gott stärke Sie und stärke Inge in der schmerzvollen Stunde--. Und bann steht sie mir bevor mit meinem
Sohne — Gott stärke auch ihn und mich!"
Da ging die Tür aus. Ruskin erschien.
Er hatte den Arzt hinausbegleitet und von diesem die tröstliche Zusicherung erhalten, daß Inges Zustand jede Gefahr ausfchließc. Sie sei stark und gesund, eine schwere seelisch« Erschütterung müsse sie nicbergeworfen haben, sonst fände er nichts von einem Leiden. -
Db die schwere Erschütterung für ihre Nerven nicht doch ernste Folgen haben werde, hatte der geängstigte Vater gefragt. Der Arzt aber war auch da sehr zuver- sichtsich geblieben. Natürlich versprechen könne er nichts, aber er glaube, daß Inges Natur dem Ansturm gewachsen s«. Wahrscheinlich in ein paar Stunden werde sie mrt sich und bann auch mit der Krankheit fertig fein.
-Liebe Frau Kretschmar, Ruhe, völlige Ruhe, ist vor» geschrieben", sagte der Eintretende. „Also bitte, jetzt kritz Drängen wrd kein Fragen." —
Die alt« Dame hob abwehrend die Hände:
„Wie werde ich drängen? Teilnahme, aufrichtige Test« nehme, nichts sonst! Mitunter hat man ein Bedürfnis, ich auszusprechen--"
Der Kaufherr winkte ab:
„Gut, gut! Von den besten Absichten bin ich vollkou men überzeugt. Das ist ja selbstverständllch." —
Er beugte sich über den bleichen Mädchenkopf, der. umstossen von schönem, blondem Haar, in den weißen Kissen lag, und sagte leise:
„Inge, mein Kind, meine liebe Inge!" —
Da öffneten sich die Augen, und ein Bück traf ihn, bet ihm in die Seele schnitt. So weh, so tief unglücklich ähen ihn diese Augen an. Dann fielen die Lider wieder zu. Inge hatte auch zu ihm teilt Wert gesprochen und doch wie viel gesagt!
Jetzt war's ganz still im Zimmer.
Don weit draußen rasselte und klang > gedämpft bet Lärm der Großstadt herüber.
Nie sonst hatte man ihn so deutlich gehört.
Da pochte es.
Frau Kretschmar ging zur Tür. Ein DienstmLbchcn steckte die Hand durch den Spalt, und diese Hand hielt einen Brief.
Auch Inge war aufmerksam geworden. Ihre Auge» öffneten sich wieder — und mn: sprach sie: •
„An mich?" !
„Ja, Fräulein Inge —"
„Geben Sie her--*
Fortsetzung fofat.);
fit. 264« I Derautworilich fiirden rÄaktionellen Teil: Karl Schütie, I 15 TTrtMOttttltOt* I Verlag der FuQaer Aetiendruckerei in Fulda. — Preis wonaL 1 JA InhtCL
| fm d-.e Anzeigen: I. Parzeller, Fulda. — Rotatwnsbruck. | J>l5in5lHq P« ItUUtlHUCr IVftV« | 110 — Fernspr. Nr. S. Telegr.-Abresie: Fuldaer Zeitung I
Der Schatten.
Roman von Arthur Winckler-Tannenberg.
B1J ---------
„Mißverstehen Eie mich nicht. Wir, Eoens sind ein : dlter Adel. Sie könnten denken, ich, der ich zudem ein Hof- ttnti bekleide, möchte im Dünkel dieser Stellung oorurteils- voll entscheiden. So lassen Sie mich eins sagen: Ich achte stur deshalb den Stammbaum eines Hauses, weil er so etwas wie eine Kontrolle der Ehrcnhastrgte't gewährt. 2'ch' stillt in alle Schluchten der Dergangenheit, manchmal nur halbes und doch noch Licht während bei' stcimmbaumloien Geschlechtern schon über die Großeltern hinaus Dunkel slagert. Es braucht mchts zu verhüllen, dieses Dunkel, sterhüllt meist auch nichts, aber es kann verhüllen, und, jeder Zweifel ist übel! Mancher unserer adligen, sorglich verzeichneten Vorfahren hat in Unchren gelebt. .Wir schämen uns feiner, aber wir können ihn nicht verstecken, und die Welt weih, daß das, was sie sieht, olles ist, dessen wir uns schämen. Diese Offensichtlichkeit der Familiengeschichte ist Lebensbedürfnis für das Edeltum wie ich fes auffasse, mir bedeutet Adel keinen eitlen Zierrat, kein Vorrecht, mir heißt er strenge,' unablässige Verpflichtungen btzu einer Ueberlieferung des Guten und Reinen.
Der Zufall der Geburt gab dem Träger eines großen Namens seine Ahnentafel. An diesem Glücke hat er kein Verdienst. Aber die Taten, die er selbst auf die Ahnentafel schreibt, sind seine Tugend oder seine Sünde und wissentlich darf er keinen Make! auf sie bringen."
Ruskin harte ruhig zugehört.
„Exzellenz, ich danke Ihnen", fagte er jetzt. „Ich sehe, tote sehr unfer beider Auffassung von Menschenchre sich gleichen. Aber bedeutet nicht eben das, was Sie jetzt aus- fprachen, daß nur eigene Ehre ober eigene Schande gilt — daß, wie man fremdes Verdienst nicht für sich in Anspruch nehmen darf, man auch fremde Schuld nicht büßen sollte? An dieser Stells wird die Ueberlieferung zum grausamen Unrecht."
Betroffen sah Eoens den Sprecher an:
„Aber nur die Verbindung durch Ueberfiefenmg zwischen dem Einst und Ietzi schasst den festen Hall,:die Dauer des Hauses und feine Geltung —* *
„Ich weiß es, und ich füge mich. Deshalb kam ich ja. Ich kam, um zu verhindern, daß ein bemakeltes Glied in Kieler Seite emcri&mtebet würde, Aber das gterftt der.
Eine Zankfeier.
Jrifolgs der Bahnsperre treffen die Berliner Blätter unregelmäßig und mit großen Verspätungen ein. So erfährt man über die Berliner Revolutionsfeier vom letzten Sonntag erst sehr hintennach aus- sührlicheres. Taß die Fe er ohne Erschütterung der Ordnung verlaufen und wirklich nicht imposant oder berzerhebend war, konnte man schon den drahtlichen Meldungen entnehmen. Nachgetragen zu werden verdient, daß die „Festreden", die die Maiadoren der Umfturzparreien hielten, in 1)er Hauptsache ein Zan" mit früheren Brüdern waren.
Scheidemaun, der ehemalige Ministerpräsident, schleuderte gegen die unabhängigen Wettbewerber das schöne Wort „Hanswurst", und Lede- bour, der beste Redner unter den Radikalen, verspottete in derselben Deutlichkeit die Herren Ebert und Scheidem»mr sowie die „blinde Gesellschaft, die hinter ihnen kriiiklos einherzoddeln" Noch ärger trieb es bekanntlich der preußische Minister Heine, der die Festrede in Dessau ausnützte, um gegen die Reichsregierung in rücksichtsloser Schärfe zu polemisieren, als ob er in seinem preußischen Partikularis- mus eine neue Revolution gegen die neue Reichs- Verfassung anzeiieln wollte.
Es muß nm die Früchte des Umsturzes schlecht bestellt sein, wenn man zur Feier des Jahrestages nidjts Besseres vorzubringen weiß, als Ausfälle gegen frühere oder sogar gegenwärtige Kollegen.
Zu Ehren Scheidemanns muffen wir beifügen, daß er auch zum Eingang seiner Rede einer recht abgekuhl- ten Stimmung Ausdruck gegeben hat. Es fei falsch, so führte er aus, wenn man heute alles, was vor dem 9. November lag, als schlecht bezeichnen wolle: „Wir hatten ein vorbildliches Post- und Eisenbahnwesen, wir hatten eine unbestechliche Beamtenschaft, wir hatten Arbeitsfteudigkeit ün ganzen Volke, — Dinge, die wir in der Zukunft hoffentlich wtedsrbekommen werben. Wenn man heute die Spartakisten, Kommunisten und andere -isten auf einen Haufen zusammenwirft, so bleibt letzten Endes mtr noch ein Haufen K o n s u s i o u i st e n."
Was Herr Scheidemann da sagt, ist alles durchaus zutreffend, imb daß es fo ist, ist sehr betrübend. Die gepriesene Revolution hat vieles vernichtet, muß aber den Wiederaufbau noch „erhoffen" lassen.
Auch die fefteifrigen ReooluKonLre kommen nicht hinweg über die Zerstörungen an moralischen und materiellen Werten. Wenn nur die Schuld an den unbefriedigten Zuständen von der einen roten Partei auf die andere geschoben wird, so hilft dcts durchaus nicht dem Volke, das unter den schlimmen Nachwirkungen leidet. Durch das festtägliche Gezänk fetzen sich die beiden sozialistischen Parteien gegenseitig herunter. .
Von den Unabhängigen öder gar von den Kommunisten konnte man freilich nichts Besseres erwarten. Aber die Wortführer der Mehrheitssozialisten, die bald nach der Reoölution die Führung der Reichs- und Staatsgeschäfte in die Hand genommen haben, dürften mehr positive Haltung zeigen.
Die Reoolutionsseier macht den Eindruck, daß in der Sozialdemokratie leider kein Ueberfluß herrscht an Männern, die der gewaltigen Aufgabe gewachsen sind, den verwegenen Umsturz zum guten Ende zu führen. Der Einzige, der an diesem Jahrestage „gefeiert" zu werben verdiente, war und ist Nvske als Retter der Ordnung.
„Uitb bis dahin ist die Entscheidung vertagt, wir hier mitehranber. sprachen, ist vorläufig begraben.
Metallarbeiter und Arbeitsgemeinschaft.
AuS Essen wird gemeldet: Der (sozrald.) Deutsche Metallarbeiterverband hat die Arbeitsgemeinschaft mit der Arbeiterorganisation im Bereich der nordwestlichen Gruppe der Deutschen Eisen- und Stahlinbustrie gekündigt.
Ein solches Vorgehen, fo unglaublich und jeder pe- werkschaftlichen Vernunft hohnsprechend es auch ist, kann nach den letzten Ereignissen im Deutschen Metallarbei« terverband nicht mehr Wunder nehmen. Auf der vor kurzem in Stuttgart abgehalteuen G neralversammlunL des Verbandes, die den überrad.kaien Charakter des Verbandes offenbar^, war die nunmehr vollzogene Auf-. Hebung der Arbeitsgemeinschaft mit den Unternchmer- verbänden bereits beschlossen worden. • Die „unabhängige" Richtung, die mit dcr Durchsetzung dieses Beschlusses die Oberhand gewonnen hatte, wollte mit her Aushebung der Arbeitsgemeinschaft zum Ausdruck bringen, daß sie sich als konsequente Vertreterin des Klas^ senkampfck den Pfifferling kümmere um_t>aS am Boden liegende deutsche Wirtschaftsleben, zu dessen Wiederauf- ridjtung gerade die Arbeitsgemeinschaft außerordentlich segensreich gewirkt hatte.
Die christlichen Gewerkschaften haben die Arbeitsgemeinschaft ats ein wichtiges Mittel betrack tet, um zum Wohle der Gesamtheit zu arbeiten. Denn diese »v- beitSgemeinschaften, in denen Unternehmer und Gewerkschaften sich menschlich nahe iommen, trugen dazu bei, die große Kluft, die zwischen Unternehmertum und Arbeiterschaft bestand, in etwa zu überbrücken und gemeinsame Arbeit am Neuaufbau des Deutschen Reiches zu leisten. Die christlichen Gewerkschaften stehen nach wie vor auf dem Standpunkt der Arbeitsgemeinschaft und der Tarifverträge, weil sie in ihxren ein notwendiges Mittel zur Neubelebung unseres Wirtschaftslebens und zur Ständeversöhnung erblicken. ■
Die nahitrichtung, die uns hier im roten Metall« arbeiterver and entgegentritt, beschiänkt sich allerdings nicht auf diesen allein, sondern ist ein Charakteristikum der sozialdemokratischen Gewerkschaften überhaupt.
Der Berliner MelaSarbrilerstrett ist zwar beendet, seins Folgen für die Arbeiter und Industrie werden sich aber noch lange bemerkbar machen. Nur dio Hälfte der in den Streik getretenen Arbeiter kvnnch wieder eingestellt werden, es wird immerhin drei Mo-, nate dauern, bis der Rest wieder die Arbeit aufnehmen kann. Der Metallindustrie sind, wie berechnet worden ist, infolge des Streiks Auslandsaufträge in Höhe voiz 850 Millionen Mark verloren gegangen.
* wer uns im Kurland verleumdet. Bei der Beratung des Etats des Auswärtigen Amts in der Nationalver« sammtung wurde auf einen groben Schwindel, hingewiesen, den das Organ der Königsberger llnab. hängigen, die .Freiheit', durch Veröffentlichung eines von A bis Z erfundenen Dokuments began en hatte. ES handelte , sich um das Protokoll einer angeblichen Sitzung, die im Juni unter dem Vorsitz ScheroemannS stattgefunden hätte und in den Bericht über die Vernichtung der Geheimakten des Auswärtigen Amtes bezüglich des Kriegsausbruches und deren Ersetzung durch neue, gefälschte Akten erstattet worden wäre. Darauf wurde die Zeitung wegen Landesverrats angekiagt. Tas „Geheimdokument geht jetzt aber durch die gesamte f r a n z ö s i s ch e P r c s s c. In ferner Nummer vom 4. November druckt eS der Kemps' mit einem Kommentar ab, wonach dadurch der unumstößliche Beweis geliefert worden fei, daß die anqekündiaten Akteriveröffentlichunpen des AusmSsttgs» Amtes ftnocIW ständig und gefälscht seien.
Vors. Warmuth: Meine Auffassung geht dahin, daß cs nicht zu den Ausgaben des Ausschusses gehört, sich ein Urteil in dieser Richtung zu bilden und in dem jetzigen Zeitpunkt dieses Urteil vor der Oeffentlichkeit fest- zustellen.
von Bethmann Holl weg: Dann bitte ich we- nigstens, im Nomen des Ausschusses festzustellen, daß der Reichsminister Dr. David nicht imstande ist, durch solche Ausführungen, wie er sie hier in solch provozierender Weise von maßgebender Stelle gemacht hat, der Entscheidung des Ausschusses irgendwie oorzugreifen.
Dr. David: Ich habe in meinen Ausführungen die Person des Reichskanzlers überhaupt nicht genannt.
von Bethmann Hollweg (erregt): Ich bin verantwortlich.
I Minister Dr. David: Ich will Bethmann nicht anklagen, den ich für ehrlich halte. Der Vorwurf einer illoyalen Politik war in erster Linie an den damaligen Chef des Auswärtigen Amtes gerichtet. (Staatssekretär a. D. Zimmermann springt erregt auf), der am 10. Dezember der Presse vertraulich mii- teilte, daß wir unseren Friedensschritt nur machten, um einer Friedensaktion Wilsons zuvorzukonnnen. Das ist ein illoyales Verfahren (Große Unruhe.) (Zimmer- manu sehr erregt: In dieser Weife werden wir hier öffentlich angeklaqt.)
Dr. David: Daß Herr von Bethmann für seine Person eine illoyale Politik nicht treiben wollte, davon bin ich fest überzeugt. In der Wirkung nach Amerika aber mußte diese Politik sachlich so aufgefaßt werden.
von Bethmann Hollweg (mit steigender Erregung): Ich möchte an den Ausschuß die Frage richten, ob dieser Saal dazu dienen soll, daß Mitgliederder Reichsretzierung gegen die -rühere Regier um g hier öffentlich die schwer st enAnklagen erheben.
Dr. H e l f f e r i ch: Ich erkläre, daß ich diesen Saal verlassen we-lde, wenn auf diese-Frage keine befriedigende Antwort erfolgt. (Beifall im Zuhörerraum.) von Bethmann Holl weg: Ich stehr nicht hier, um mir von einem Mitr/Iied der jetzigen Regierung solche Anklagen vor aller Oeffentlichkeit ins Gesicht schleudern zu lasshn. (Neuer BeiMl im Zuhörerraum.)
Vors. Warmuth: Ich stehe auf dem gleichen Stand- pitnkt, und ich habe daher auch der Auffassung Ausdruck gegeben, daß die AuffaMngen Dr. Davids in der Form, wie sie hier gemacht morden sind, nicht dem Rechnung tragen, was tatsächlich Gegenstand des ganzen Verfahrens ist.
Dr. David: Der Zeuge Dr. Helfferich halte einen scharfen Angriff gegen mich gerichtet, der gar nicht hierher gehört. Das hat mir das Recht und die Pflicht gegeben, triefan Angriff fachlich zurückzmvrisen. (Locken und Unruhe.)
Hieraus zog sich 8er Ausschuß zu einer längeren Beratung zurück.
Nach Wiedereröffnung der Derhandlugnen erklärt der Vorsitzende: Ich habe im Namen des Ausschusses folgende einstimmig angenommene Erklärung abzugeben: Dcr Untersuchungsausschuß Ist nach der Verfassung ein selbständiges Organ zur Untersuchung von Tatsachen. Die enbgültigft Feststellung des Ergebnisses feiner Untersuchungen kann nur nach Erschöpfmiq des Beweis- matrrials erfolgen. Sßetf urteile von Mitgliedern des Ausschusses sind deshalb für den Ausschuß nicht maßgebend. ^.Soweit die Form von Aeußerungen Anlaß zur Beänftandung, gegeben Hai, ist sie vom ,Vorsitzenden gerügt worden und wird gegebenenfalls weiter gerügt werden.
Die Erörterung geht jetzt wieder in ruhigen Bahnen. Es werden völkerrerWiche Fragen verhandelt, so die Munitionsausfuhr Amerikas, die englische Seesperre. Weiterberatung: Samstag. i
Tie Ovationen für Hindenburg, die bei seiner Ankunft in Berlin rinsctzten, haben sich in diesen Ta. pex wiederholt. Schon am Donnerstag hatten sich Smüler und Schüli'.rinrieu unter Führung von Lehrern, auch vereinzelte Soldaten rind Studenten in dem falschen Glaub«.:, dchz Hindenburg zu einer Sitzung des i'kntersuchungZM'fsryuffes nach dem Reichstag gehen lverde mir schwarZ-weiß-roten Fahnen dort eingefun. den. Als bekannt wurde daß an diesem Tage keine Sitzung des Ausschusses stattsindc, begaben sich diese Schüler und SckMcrinwm unter dem Gesang vaterländischer , Lieder nach der Wohnung Hiride-nburgs. Der Feldmerschall ersthicn am Fenster und sprach schließlich auch ein paar SSurre des Dankes. Die Menge wartete dann, bis Ludendorff im Auto kam, und huldigte auch diesem; man hörte die Rufe: „Nieder mit der Republik, Heber mit Cohn und Sinzheimer!" Sutenborjf
I Stürmische Szenen
im Nntersnchnngsansschntz.
Dor dem Uniersuchungsausschuß fetzte am Freitag | Helfferich.seine Siebe vom Mittwoch fort. Auch U jetzt wieder brachte er Belastungsmaterial iter das dre U unehrliche Neutralität Amerikas und die unr.eiifrdc U Haltung Wilsons darlegen sollte und versuchte cs zu Mteicklarcn. warum er seine Meinung übdr beit U-Boot- Kjfrteg änderte, den er bis zum 9. Jan. 1917 bekämpfte, U danach aber verteidigt hat. Die Versorgung Englands M schwieriger, die Leistungsfähigkeit der U-Booie gr& ■ Jjer geworden, dabei sei jede Friebensmöglichkeit ge, M achwunden gewesen, und unS nur bie Wahl geblieben Mhms schmählich zu mrterwerfen ober baZ Letzte zu wa-
Durch seinen Rücktritt ben einmal beschlossenen Mlll-BooWrreg zu biskrebineren Ware ihm tote ein Ver- j Mvrech.'n vorgekounnen. Ueberflürsigerweise greift Helf- Mserrch dann Minister Dr. David an. Dieser habe'am M letzten Sonntag.bei einer Revoluricmsfeicr in Berlin Kbte Regrermrg Bethmann beschuldigt, bas brutsche Volk MH t n t c r S Licht geführt zn haben imb an Wil- rfan einen plumpen Betrugsvcrsuch gemacht. So urteile fclcnt deutscher Minister, während der ameriranische Bot- MsLafter.Gerard in seinem Buch erklärt habe, mit Derh- E tnann hatte man leichter zum Frieden kommen können, M>- sei in der ganzem, Welt Wegen feiner Ehrenfestigkeir Mgeamtet gewesen. (Kundgebung im Zuschauerraum.) £ Nachdem sich Helfferich noch weiter über die Wir- i fungen des U-Bootkrieges auSgriagcn hatte, nimmt Dr. U lDa v i d- das Wort. Er verliest einen großen Teil Kleiner Rede vorn letzten Sonntag, un? zu beweisen, daß U die Zeitungsberichte ungenw.1 gewesen ,is.td.' Dann Bfabri xr fort: Jm/ReichZtag wurde nichts davon miri j peteut, daß von der deufcheu Regierung Wilson zur Emlertung einer FriebenSaklion eingelaben worden sei, ' v-.tr lueiüte nichts von den Depeschen, die Gras Bernsiorff IW Berlin gesandt batte, und daß LMilson zu einem - abermaligen Friedensschritt bereit fei, sobald er Er- , folg verspreche. Zur selben Zeit" wurde von einer neutralen Macht ein Friedensschritt unternommen, der als crgäirtenber Hilfsschritt von ungeheurer Bedeutung war. Es darf jetzt wohl | ausgesprochen werden, daß in der zweiten
Haltke des Dezember eine Friebensvermittlung einer , neutralen Macht eingeleitet wurde, die als außeror- ^nrlrch verheißungsvoll emgeieben werden und die zur «erttarkung der Wilsonschert Mtion fuhren mußte. Ta- don wußte der Reichstag nichts Härte er »s gewußt, fo hätte bas Zentrum unter keinen Umständen ferne Emwilligurrg zum rücksichtZlosen U.Bootkricg Begeben, durch ben ber Verr-gittlungSversuch durch- .,rreuzt würbe. Dann kam das Telegramm Bcrnstorffs - wm 28. Januar, der Präsident habe neuerdings er- E-arf, er werbe den Schritt tun. Der Botschafter bitte dringend um Aufschub. (Dr. Helfferich: Ist mitge- terlr.) Der Reichstag touyte nichts davon (Dr Helf- ferrch:: In-geheimer Sitzung, der Sie nicht beiwoSn. ten, wurde, es dem Ausschuß niiigeteilt.) Es wurde rungetcitt, Wilson wünsche unsere Friedensbebin- - tziMMn zu erfahren. (Dr. Helfferich: Der Telegramm- wechwl wurde wörtlich verlesen.) Von dem Schritt ventralen Macht haben wir nichts erfahren, MSenfs ,u»StsBernstorff mitteiltc , cs <et • ! PultsuytSlok» esue Friedenfichktion zu verlassen, wenn her ruüfichWsc U-Bootlrieg erklärt würde. Von eihem ■ piuu’ben BekrugSPcrsuch habe ich nicht gesprochen: bas sei. eine Bemerkung bes „Vorwärts" Es ' har aber temc, unklare und illoyale Diplomatie die actriebeu Mvurbe, nachdem man den Präsidenten Wilson ringe, -laden hatte, den Fried entschritt zu unternehmen. So «rußte der Eindruck erweckt werben, daß unsere Diplo- vkcrrie ben Krieg mit Amerika provoziert habe und bas tu bie schwere Anklage, die ich'erhebe. Der Friede Ware möglich gctvesen ohne U-Bootkrieg. Hätte der Reichstag die Wahrheit erfahren, er hätte sich mit aller Gewalt gegen den Beschluß vom 9. Januar aufgebäumk «wer fei durch diese TSuschmig das VcrhänMis über tmS herelntzebrochmi.
Eine ungeheure Aufregung bemächtigt sich Äl-r Anwesenden. Die Zuhörer sind aufgesprungen, Stimmen schwirren durcheinander. Da reckt sich'die Ee- stolt Bethmanns empor. Seine Worte sind gekugelt, aber die Stimme bebt vor Zorn und Empörung. Er verlangt Schutz vom Boriitzenden gegen die Anklaae, ; er hatte gegen Amerika eine illoyale Politik getrieben. odj lasse diese Anklage nicht auf mir sitzen i tmö ich beantrage, daß sich der Ausschuß schleuniqft dar- u^r schlüssig macht, ob er sich der Ansicht des Rcichs- mmffters anfchließt. (Beifall im Zuhörerramn.) ]