MH
daer
nr. 263. I I Zreitaq 14. November 1919.
I Verlag der Fuldaer Actiendnickerei in Fulda. — Preis monail. I A(q ^QhFQ« I 1,10 Mk. — Fernjpr. Nr. 9. Telegr.-Ldresse: Fuldaer Leitung. I
Der Streit um Wilson
im Uutersuchungsattöschutz.
$lm Mittwoch trat vor dem Untersuchungsausschuß Vizekanzler a. D. Dr. Helfferich aus. Vorher gab es reMh «ne kurze Debatte über den U-Bootkrieg, di« zwei «ichttg- Bekundungen bracht«. Herr v. Dethmann Holl- tote aMworiet auf eine Frage des Vorsitzenden Dr. 'Warmuch, daß es der Admiral v. Hrltzendorff war, der ihm und dem Staatssekretär Zimmermann am 29. Januar 1917 kategorisch erklärte, der N-Bootkrieg ?5mit nicht mehr rückgängig gemacht werden. Dann sagt Graf Bernstorff auf eine Frage des Professors Norm, daß nach seiner Meinung die Friedensver- „jttlung Wilsons auch zustande gekommen wäre, $8!tn noch am 29. Januar die deutsche Regierung erklärt hätt«, ste wünsche diese Vermittlung und habe all« Lersuche gemacht, die 21 in See befindlichen U-Boote za benachrichtigen, daß der unbeschränkte U-Boot- krieg noch aufznschieben sei. Statt besten kam die Antwort: zu spät.
Dann kommt Dr. Helfferich zu Wort. Zu Beginn legt er eine scharf« Dci-wahnma gegen das bisherig« verhalten des Ansschuffes sein. Aufgabe des Ausschustes fei lediglich, die Tatsachen festznstellen. Es sei ihm klar «worden, daß man hier aut nichts anderes ausgehe, als Anklagematerial für den Staatsgerichtshof zusammenzutragen. Da es ihm ebenso klar fei, daß dieser Staatsgerichtshof ihn als Angeklagter verladen würde, könne men ihm kaum zummen, hier schon als Zeuge Aussagen gu machen, die er später viel wirkungsvoller vor dem Staatsgerichishok abgeden könne.
Der Ausschuß wandte stch gegen diese Aeußerimg. Der Vorsitzende, Abg. Warmuth (Dnatl.), wie auch Abg. Dr. S i n z h e i m e r (Soz.) weisen sie zurück, nur Dr. Cohn (Unabh.) stellt fest, er verfolge bei seinen Fragen keine Tendenz, sondern mir die, daß Beweismaterial dafür erbracht Mrde, wie di« alt« Regierung das Volk getäuscht, irregesührt und ins Verderben gebracht habe.
Helff er ich erklärte über seine Stellung zum U- Boptkrieg: Es handle sich um zwei Kernfragen: L Wirkung des U-Bootkrieges auf unsere Feinde und 2. auf die Neutralen. Das Problem des U-Bootkrieges war lediglich eine Frage des zweckmäßigen Handelns. Jeder handelte, wie er es vor Gott und seinem Gewiffen verantworten tonnte. Graf Bernstorffs Aussagen hatten es bestätigt, daß Wilson alles dem HSMerintereste unter- ordnete, trotz aller Dealen Reden. Die überaus lohnenden Handelsbeziehungen zu England. stellte er allen völkerrechtlichen Regeln voran. Dis Haltung Amerikas blieb trotz aller unserer Bemühungen stets unfreundlich. Alles, was sich England herausnahm, wurde stillschweigend geduldet, selbst die schwersten Bölkerrechtsbrüch«. ~ Oberst House hat sa zu dem Grasen Bernstorff gesagt: Dllson wollte das Geschäft mit England nicht stören, das darin bestand, aus den Tränen (Europas amerikanisches Gold zu münzen. (Lauter Beifall, im Zuhörerraum.) Das deutsche Dolk war sich auch anfangs liber diese Stellungnahme Wilsons klar. Seine berechtigte Erregung brauchte nicht amtlich geschürt zu werden. Am 7. Oktober 1916 erklärte das Zentrum im Reichstagsausschuste, daß der Reichskanzler stch bei seinen Entscheiötmgen über Ärieg- stihrangen wesentlich aus die Entschließungen der Obersten Heeresleitung zu stützen habe. „Fällt diese Entscheidung zugunsten des rücksichtslosen U-Dootkrieges aus, io darf der Reichskanzler des Einvcrständniffes des Reichstages sicher fein." Wenn aber heut« unter den Anklägern in Sack;en des U-Bootkrieges sich Leute befinden, die damals dies« Erklärung des Zentrums mitabgegeben haben, 's würde ich im Prioailcbeu diese Haltung als den Gipfel <r Heuchelei bezeichnen. Ich spreche jedenfalls diesen Saiten das Recht zu einer Anklage gegen die damalige Regierung in jeder Hinsicht ab. Helfferich verstest dann folgenden Brief des Kaisers an den Reichskanzler:
„Der Vorschlag, Frieden zu machen, ist eine sittliche Tat, die notivendig ist, um dir Welt, auch die Neu. Kalen, von dem ans ihr lastsnden Druck zu befreien. 8u einer solchen Tat gehört ein Herrscher, der ein Gewissen hat, sich Gott veranwortlich fühlt und ein Herz für die Menschheit besitzt, der, rmbekünnnert um MMwrluna seines Schrittes, betn Dillen hat. die Welt hon ihren Leiden zu befreien. Ich haste den Mut dazu, rch!tritt es int Vertrauen zu (Seit wagen."
■ Eibt.es jemand, der an her Ehrlichkeit bet Absichten »eg Kaisers, Frieden zu machen, zweifelt?
Es wird ein Ruhmestitel d-S deittschsn Namens für tite, Zeiten sein, daß von Deutschland und seinen Verbündeten zuerst die Fratge des Friedens anfgewor-
worden ist. Unser Angebot vom 12. Dezember ivollte Wilsons Absichten nicht durchkreuzen, doch toa=
Der Schatten.
Roman von Arthur Winckler-Tannenberg.
w ___
„Aber, serehriester Freund, das wissen wir ja. Was
Konrad mirteilten, war doch natürlich mich für uns, Mu« Eltern, den engsten Kreis bestimmt. Ratürüch nur nr diesen, und Sie dürfen überzeugt fein, es kommt nicht parüber hinaus Inge verlor dm Vater vor, ihre Mutter öei der Geburt. Die traurig! Aber sie fand an Ihnen
Ihrer verewigten Gattin Ersatz, vollm Ersatz, und E!r wollen da draußen vor der großen Welt nichts auf- gebm von dm Rechten, di« Sie sich an diesem Herzm erwarben. Das würdigen wir und fügen uns bereitwillig, so schmerzlich es uns auch war, noch nicht gleich selbst in Elternrechte treten zu dürfen. Wir warten die von Ihnm gefetzte Frist gern ob."
Das klang freundlich, herzlich, begütigend. Ab« es hatte keine Wirkung.
Ruskin richtete sich ein wenig auf und sagte:
„Ts ist mehr — geschehen ehe Inge geboren war, dntz ich hin »hier. Ihnen die volle, die ganze Wahrheit u-’i sagen, die bisher außer mir mir du Mensch weiß."
Des Lammernherrn Mime wurde streng und düster. „Was ist geschehen?" fragte er kurz.
«Luges Vater ist nn Kerker gestorben —"
„Im Kerker?"
„Ja, durch Selbstmord —"
Evens war entsetzt mrfgesprmigen. Jetzt stand er Ruskin, und in seinen Augen glühte cs zornig — — „Wenn das wahr is: — wie konnten Sie dulden, daß bwc Annäherung erfolgte —"
-Exzellenz, hören Sie zu Ende, ehe Sie richren. Von bieser Annäherung habe ich nichts gewußt. Ich hätte ste »ich: geduldet, ich habe sie zu hindern gesucht von dem Augenblick an, da ich fic bemerkte.—"
,Mso deshalb auch der Aufschub b:r VerösfenLichrmg?" «rOÖ.
„Nun, dafür danke ich Ihnen jedenfalls. So ist die ■ ch: wenigstsns noch zu ändern. Du enge Kreis wird schweigen, mein Sohn wird sehr unglücklich sein, aber Lnabwendbares tragen, Inge — ja, Inge muß ich Ihnen überlasten. — Arme Inge — ich hatte, ich habe st« lieb —"
.ftlnd örscheu doch den etob, ehe ich Ihnen alles sag»." ,ÄLes? Was ist da noch zu sagen, aus das ich An- druch Hattert Sie haben als Ehrenmann getzantze!!^ in»
ren wir ihm gegenüber skeptisch. Ich selbst hätte lieber mich mit Rußland verständigt, selbst auf Kotzen Polens und Ostgaliziens. Wäre ohne unser Angebor Wilsons Angebot auch so schnell herau-gekommen? Wir hätten wohl noch Monate warten muffen. Unser An. gebot wurde von der Entente so scharf abgelehnt, daß auch keine Hoffnung war, daß WilsonS Angebot an- genommen worden wäre. Tie Kriegsziele der Entente waren di« völlige Niederwerfung Deut sch. lands und die Zertrümmerung Oesterreich-Ungarns und der Türkei, wie ste der Vertrag von Versailles ge. bracht hat. Wilsonö Botschaft vom 22. Januar an den Kongreß enthielt nach Ansicht des Grafen Bernstorfs eine Zensurierung der Friedensziele der Mittelmächte SU Gunsten der Entente. Aus all diesen Vorgängen heraus ergibt sich, daß schließlich bei uns da? Gefühl sich durchsetzte: Dan? dem Gott, der uns vor diesem FredenSvermittler bewahr hat!
Die Vernehmung Helfferichz wird am Freiing fortgesetzt. Hindenburg wird wahrscheinlich erst am Montag vor dem Ausschuß erscheinen.
Tatsachen sollte der Ausschuß seststellen; es kommen aber immer mehr Meinungen zum Borschein. Statt der Zeugenaussage gibt es geharnischte Parteireden. Das Kreuzverhör wird zu einer politischen und persönlichen Debatte. Es geht so lebhaft zu, daß auch das zuhörendo Publikum sich mit Ge- sühlsausbrüchen oinmifcht, als ob es eine Volksversammlung wäre.
Man muß Herrn v. Bethmann Hollweg nachrüh- n«n, daß er bei seiner Vernehmung sich in den Grenzen der Sachlichkeit und des ruhigen Tones gehalten hat. Aber sein ehemaliger Vizekanzler Dr. Heisse- r i ch hielt eine leidenschaftliche Red«, die recht inter- effant zu hören gewesen wäre, wenn man nicht das Gefühl gehabt hatte, dieser Vortrag paffe in eine konservative Versammlung, aber nicht in den Untersuchungsausschuß, wo vom Zeugenstand unter Eid ausgesagt werden soll.
Der Streit spitzt sich mm auf die Frage zu, ob Präsident Wilson die ehrliche Absicht der Friedens- vermitilung gehabt habe oder nicht. Graf Bernstorff, der damalige Gesandte in Washington, hat großes Vertrauen auf Wiffon bekundet. Herr v. Dethmann- Hollweg hat nüchterner geurteilt, aber nicht gerade abfällig, indem er die hinhaltende Taktik Wilsons beklagt, ohne seine gute Gesinnung in Abrede zu stellen. Herr Dr. Helfferich aber läßt kein gutes Haar an Wilson und will imrlegen, daß Wilson uns nur den Gewalt- und Eroberungsfrieden der Entente habe aufhalsen wollen. Er „bezeugt", es habe sich Anfang 1917 „bei uns" (soll heißen: in der deutschen Regierung) das Gefühl durchgesetzt: „Dank dem Gott, der uns vor diesem Friedensvermittler bewahrt hat."
Ob die Vereitelung der Frisdensaktion von damals auf eine göttliche Fügung »der auf menschliche Mißgriffe znrückzuführen ist, mag dahingestellt bleiben. Herr Helfferich hätte aber diesen Kraftsatz lieber beiseite [affe:: sollen angesichts der Tatsache, daß wir uns schließlich doch dem Vermittler Wilson haben ergeben muffen. 3m Oktober 1918 — auf Gnade und Ungnade.
Bei Abschluß Ses Waffenstillstandes und erst recht bei Aufstellung des grausamen Diktats von Versailles ist freiilch Wilson nicht als Friedensengel aufgetreten: er und seine 11 Punkte haben versagt. Damit ist aber noch nicht ausgemacht, öb nicht zu Anfang 1917 Wilson siir mildere Friedensbedingungen hatte eintreten wollen und können.
Bei dem Streit um Wilsons An- und Abstchien zur Zeit seiner Neutralität kann nichts Entscheidendes herauskommen. Wenn er zum Angeklagten wegen seiner damaligen Gesinnung gemacht werden soll, so mußte man ihm auch die Selbstverteidigung gestatten, ehe man ein abschließendes Urteil spricht. Und mag auch das Mißtrauen gegen Wilson noch so berechtigt gewesen sein, so hilft uns das doch nicht über die Erwägung hinweg, ob es nicht immer noch bester gewesen wäre, Herrn Wilson bei der Friedensaktion
vorangehen zu lassen, statt unsererseits mit dem ersten Angebot vorzugehen. Unser eigenes Angebot war mtt der Gefahr behaftet, als Schwächezeichen gedeutet zu werden. Dor diesem Eindruck wären wir gesichert gewesen, wenn die Amegung von Wiffon ausgegangen wäre, der nicht im Gerüche der Deutsch- freundlichkett stand, vielmehr das Vertrauen der Entente und als Oberhaupt der größten neutralen Macht deren höchsten Respekt genoß.
Herr o. Dethmann-Hollweg betrachtete den Schritt Wilsons nur als Friedensaktion; Herr Dr. Helfferich bezeichnet Wilson als den Friedensvermittler. Auf diesen Unterschied kommt es wenig an, denn auch in dem Falle,, daß Wilson als Schiüisrichter hervorgr- treten wäre, hätten wir bei der damaligen Stärke unserer Wehrmacht uns nicht einfach zu unterwerfen brauchen, sondern vielmehr unsere Gegenbedingungen aufstellen können. Die Hauptsache war doch, daß die feindlichen Machthaber überhaupt erst an den Verhandlungstisch gebracht und der Friedensgedanke in ihren Ländern geweckt wurde.
Mit schwungvollen Reden gegen Wiffon und mit spitzigen Wortgefechten über den U-Bootkrieg ist eine Klärung über die fraglichen Vorgänge nicht zu erreichen.
Der Untersuchungsausschuß muß sich wieder zu- rückjinden m die Aufgabe, Zeugnisse zu vernehmen und Akten zu prüfen. Sonst kommt er überhaupt nicht zu Ende, sondern bleibt ein Quell des Arrgers und der Demütigung.
*
Helfferich hatte in seiner Verteidigungsrede vor dem Ausschuß auch den Geschmack, die Zen t r ums- fraktiondes alten Reichstages und Mitglieder derselben, die heute gegen den U-Bootkrieg seien, der He u ch e l e i zu bezichtigen. Er führte die Erklärung der Zentrunissraktion vom 7. Okt. 1916 an, durch welche die Entscheidung über den U-Booikrieg in die Hände der Obersten Heeresleitung gelegt und «ins ent- sprechende Entschließung des Reichskanzlers im voraus gebilligt wurde.
Der Tatbestand selbst ist richttg. Aber wir muffen doch einmal die Frage aufwerfen, ob gerade Helfferich berechtigt ist. dieses Dokument als Eideshelfer herau- zuziehe.r und den Berfaffern der Resolution Heuchelei vorznwerfen.
Zunächst muß festgestellt werden, daß das Verlangen nach Eröffnung eines scharfen U-Bootkrieges in Deutfchlcmd allgemein war. Den meisten Lesern der „Fuldaer Zeitung" wird das dielleicht nicht so bewußt geworden sein, denn die „F. Ztg." hat damals in das Rufen nach dem ll-Dootkrieg nicht eingestimmt. Dor Eröffnung des unbeschränkten U-Bootkrieges ist von uns kein Wort zu seinen Gunsten geschrieben worden. Aber in den weitesten Kreisen des Volkes — man wird keine einzige Partei ausnshmen können — wurde damals der U-Bootkrieg als das zweckdienliche Mittel an» gesehen, nm den Krieg zu beenden und damit dem entsetzlichen Morden und den Lewen des deutschen Volkes ein Ziel zu setzen. Das war die Wirkung der „U-Boot- Hypnese", die Dethmann unter seinem Eide als eine „Versündigung am Volke" bezeichnet hat. Wenn unter solchen Umstanden auch die Zentrumsfraktion erklären ließ, daß sie dem U-Bootkrieg zusttmme,- wohl- gemerkt unter der ausdrücklichen Voraussetzung, daß die O b e r st e Heeresleitung ihn für notwendig und durchführbar halte — wer will deshalb einen Stein aur sie werfen! War es das Volk oder waren es gar die Mitglieder der Zentrumsfraktion, welche diese „sündhafte" „Hypnose" verschuldet und ins Werk gesetzt hatten? Hat nicht vielmehr die Propaganda und „Aufklärung", die von amtl. Stellen unter Benutzung gerade Helfferiwscher Statistikenu. Materials ins Werk gefetzt wurde, ihren Hauptanteil an dieser U-Bootstim- mung km ganze Volke? Hatte man nicht damals immer und immer wieder gerade von den amtlichen Stellen hoch und heilig versichert, däß das deutsche Volk allen Mitteilungen, die von amsswegen kämen, das rückhaltloseste Vertrauen entgegenbringen könnte? 3st
dem Sie mich in ö$r Vertrauen zogen, und Ich gebe Ihnen als Ehrenmann das Wort: Da» Sie sagten, ist hier begraben. Sie feidst sollen bestimmen, ob Konrad, ob meine Frau davon Kenntnis erhalten dürfen. Ich ziehe meine Einwilligung zurück iwd nehm« den Kampf auf, m'.. wem immer es sein muß. Man mag mich Haffen dafür, die Liebsten mögen an mir Irre werden. Bertrauen um Vertrauen: Ihr Bekenntnis ist begraben.
„Und jede Erklärung, alles Wettere lehnen Sie ab.
— Ich kam, gehen — —"
Der Kammerherr war zu seinem eigenen Sessel zurück- gegangen. Die Arme auf die Knie, den Kopf in die Hände gestützt, faß er da. Nach einer Welle erst begann er. Seife, nach den Worten mühsam suchend:
J)trr Ruskin, glauben Sie mir, es hat mich getroffen, rok ein Blitz aus hellerem HlmmeU — 3a, wenn Sie etwas eiufchränken könnten an dem Schrecklichen, das Sie vorhin sagten — —"
Der Handelsherr schüttelt« traurig den Sopf.-
Da fuhr Evens fort:
„Wie bars Ich da weiter in Ihre Famifinttragödie ein- dringen, die doch heute noch mir die Ihrige ist —
„Ulw wenn ich nun, nach zwanzig Jahren immer allein gelt agiler Qual, dem, der dgs eine erfahren mußte, alles sagen möchte, well es mir die Seele zerfrißt, nie davon sprechen zu dürfen, »le ein Wort der Aufrichtigkett, der Linderung des Trostes zu vernehmen —"
„Darnach verlangen Sie?"
„3a, wie noch Erlösung bei Goll! Daß alles, was ich Ihnen sage, nichts ändert, daß Inge, mein Kind, elend und arm durchs Leben gehen wird, well dieses Herz nur einmal liebt, wie das ihrer Mmicr, mÄ> an Enttäuschungen bricht, wie das ihrer Mutter, das alles weiß ich — nd doch!! Vielleicht würden Sie einen Weg scheu —
der kurz und schnell zum End« führt--*
„Gott tröst« Sie, ich weiß nichts, als daß Ich fo zermalmt bin, wie Sie von dieser Stunde. Aber brauchen Äe einen Freund und glauben Sie, daß Ich Ihnen ein solcher fein kann, dann sprechen Sie zu mir, bann sagen Sie mir alles, was Sie sagen müssen. Beim Allmächtigen, Ich will Ihnen raten noch bestem Dissen und Gr» wissen."
.Ich danke Ihnen —*
In dem zerfallene Gesicht war'? ruhiger geworden, und geisterhafte Still c t^rrschte im Zimmer, als Ruskin berichtete, halblaut, tonlos. Es war, als erzähl« er eine srmds GoMcht« cu» grauer, ftrrrrr Zorzetz: /
„Es war ein« Neigungsheirat, die meine Schwester Sngeborg schloß. Alfred Malten, ein reicher, lebensfroher Mann, sie ein« ernste, aber flmnginnige Natur. Sie waren glücklich, sehr glücklich. Ich besitze Briefe meiner Schwester, bi« vor Angst überströmten, daß solch Glück nicht dauern könne!--Es hat nicht gedauert. Eines Tages
rief mich ein Telegramm nach Wen. Daß mein Schwager stch um große Staatslieferungen beworben hatte, an benen vielleicht röte Million zu verdienen war, wußte ich. Er hatte in Einzelheiten meinen Rat verlangt. Daß ihm der Zuschlag sicher war, wußte ich auch. Er hatte daraufhin schon gewaltige NeueinrichtungsplSne für feine Werke gemacht.
Und nun dieses Telegramm meiner Schwester Komme sofort h«, Alfred In höchster Gefahr. 3ch kam.
Ich sand ihn, bet verhaftet worden war, tot und meine Schwester in höchst« Gefahr. Sie erwartete damals Inges Geburt.
Telegraphisch rief ich meine Frau nach Dien. Ratkas waren mir beide. Son Alfred konnten wir nichts mehr höre». Seine Lippen warm für Immer geschloffen, Aufzeichnungen, die erklärend gewirkt hätten, fanden sich nicht vor. Meine Schwester lag in wilden.Fieberphcrn- tasien — bas Kind, zu früh geboten — drohte uns unter den Händen zu sterben!
Dazu die völlige Unkenntnis dessen, was hier geschehen wat. — Es waren fürchterliche Tage. Ich suchte und suchte nach des Rätsels Lösung. Endlich fand ich "eine Spur. In dem Bankkontor meines Schwagers arbeitete eis Prokurist ein gewisser Salzmann. Er trat an mich heran, als es sich trat die Ordnung des Nachlasses handelte — also nachdem auch meine Schwester bereits tot und Inge bie Erbin war. Er sagte mir, Alfred Malten sei als Mörder gestorben — —"
Evens schrie leise auf:
„D, mein (Bott! —"
Eintönig klang bes Erzählers Bericht weiter:
„8m letzten Augenblick war eht übermächtiger Konkurrent ausgetreten und Alfred Matten, ber schon ein Ser» mögen h bie Sdriebsoorbertihmgen gesteckt hatte, sah alles verloren. Er cersuchte, mit bem Konkurrenten eine Verständigung hrrbeizuführen. Am Tage nach ber Ds- gegnung fand man Gustav Hanifch, eben jenen bevorzugten Nebenbuhler tot. Schlaganfall, sagte der Arzt Die . Staatsanwaltschaft glaubte, aus den besonderen Umständen
das nun der Dank ans deutsche Dolk, wenn Helsfench, der an diesen Informationen doch zu eurem erheblichen Maße beteiligt war, diejenigen verspottet, die damals den Worten ihrer „Führer" geglaubt und vertraut haben? .. .
Helfferich verkennt seine Stellung vor diesem Ausschuß. Was uns in den fürchterlichen Äbgrund führte, war nicht zuletzt dieses unverantwortliche Sprel, das man mit der Unterrichtung der Oeftenlllchkeit und damtt des Dolkes in seinen wichtigsten Schicksalsfragen getrieben h-t. Wie kann es Helfferich wagen, den« ienigen Heuchelei vorzuwerfen, die ihre Enifchewung doch nur auf Grund all der Mitteilungen und Aus-- künftc treffen konnten, die sie von den leitenden Persönlichkeiten in Heer, Marine und Politik erhaltm haben. Und wie kann ein Mann den Vorwurf der Heuchelei anesprechen, der selbst aus einem „uneru- rvegtcn" Gegnet innerhalb vierzehn Tagen zu einem der rabiatesten Verfechter dieses selben U-Bootkrieges wurde? Für die politische Einschätzung dieses ehemaligen Vizekanzlers, der das Reich nicht nur fcnanzielt, fondem auch politisch in Grund und Boden regiert hat, ist es bezeichnend, daß er von einer Stelle aus, an die er als Llngekiagter gehört, eine solche Sprache wagt.
Beendete Rörrmurrcz -es Baltenlandes«
Der Zlblransport der deutschen Truppen aus dem baltischen Gebiet, soweit sie sich zur Rückkehr bereit erklärt haben, ist beendet. Der letzte Zug mtt Truppen hat Schauten verlassen. Es verbleibt dort noch eine Abteilung Eisenbahner, die Eisenbahnmaterial zir übergeben hat, und zu ihren'. Schutz ein Panzerzug. Zu dem Uebertritt eines Dctachements Roßbach nach dem Baltenlandc ist zu bemerken, daß die Mannschaft gegen den Willen der Offiziere die Grenze überschritten hat. Da dis unsichere Haltung des Detachements bekannt war, so war es bereits von Culmfec nach Marienwerder verlegt morden, aber während des Transportes sind die Truppen bei Nacht und Nebel entwichen. 5ii Krastroaaen nacheilenden Offizieren gelang es nicht, sie zur Rückkehr zu bewegen, oder sie mit Hilfe anderer Triwven zur Vernunft zu bringen.
Die interalliierte Militärmifsion, die unter Führung des sranzösisckien Generals Riessel die Aufgabe hat, sich über die Zustande im Baltenlund und über die Bemühungen der Rerchsregierung um Zurückbeförderung der deutschen Truppen durch den Augenschein zu un- terrichteu, ist Dienstag von Berlin abgersist. Die erste Station der Mission ist Tilsit.
Die Reise zur internationalkn Arbc'tskonfercn;.
Die bisher durch Paffagefchwi-rigkeiien verzögerte Abreise derdeuischen $ elegierten zur interncuionalerr Arbeiterkonferenz in Washington wird nun mehr Ende dieser Woche erfolgen.
Ein Mahnwort drs Papstes.
Anlähkich der Jahresversammbn.g'deS Zentral- Vereins katholischer deutscher Gesellschaften in Chi« cago richteie der Papst laut .Germanias an den Erzbischof von Chicago ein Schreiben, worin er die deutschen Katholiken Chicagos uns ganz '-imerikaZ dringend ermahnt, an der wahren Bölkerver» töhnung mitzuarbeiten. Gleichzeitiq bittet er sie unter Hinweis auf dis schwierigen Verhältnisse, unter denen die Brüder in Deutschland leben müßten, ihnen jeglichen Beistand zu leisten, vor allem durch eine beschleunigte Wiederaufnahme be» Handels.__
Mackensens Heimkehr.
Bekanntlich beschloß der Oberste Rat in Paris, den Frldmarschali v. Mackensen, der sich gegenwärtig in Saloniki befindet, mit Rücksicht aus sein hohes-Alter und seine Gesundheit, nach Deutschland heimkehren zu lassen.
Selbst einem französischen Blatt erscheint die Behandlung Mackensens unwürdig. Der Pariser „In- transigeant" protestiert in recht scharfer Weise gegen die Arr, wie die Franzosen Mackensen behandelt haben.
heraus, an ein Verbrechen. Die Untersuchung ber Leiche ergab denn auch Giftmord. Alfred Malten wurde verhaftet. Nur seinem Vertrauensmanne, seinem Droku'isten, wurde ein Besuch gestattet, »>mi: er eine E.wllterrmg ber nötigen Vollmachten erhielte.
Ihm hat Wfrc-d Malten gestanden!
Ihn hat er angefleht, ihm Gift zu verjchaffen', Somit er bie Schande bet Verurteilung vom Namen seines Erben sernhielt. Er hoffte bamals aus einen Sohn.
Und Salzmmm brachte bas Gift, Zyankali, verborgen unter einem Kontoauszüge. —r Wenige Stunden später fand man Alfred Malten lot —' —•"
J>, wie furchtbar, wie grausig!" flüsterte Evens aufs tiefste erschüttert. „Was müssen Sie getragen haben, fieber, armer Freund."
Ein tiefes Seufzen wat bl« einzige Antwort.
Dann klang bes Kammerherrn Stimme wieder durch den Raum:
„Und jener einzige Mitwisser der Tragödie lebt?"
„Ja. Er ist jetzt ein alter Mann. Er war damals schon nicht mehr jung — ein angehender Fünfziger —"
,Mso eht gereifter, zuverlässiger Mann —"
„Sie haben für ihn gesorgt?"
„Etwas. Er hat stch Gelb gesparte Als brc Firma Malten sich auflöste, schieb et von Dien. Ich ließ ihn Nachkommen und verhalf ihm durch meine Verbindungen gu Vertretungen. Es mgr mir, als müsse ich den einzigen Mitwisser meines Unglücks nahe bei mir haben. Jedenfalls durfte er niemals in Not und Verzweiflung geraten. Not ist ein schlechter Kommandant der Festung Ehre —"
Der Schtehherr trat an Ruskin heran unb ergriff dessen beide Hand«. Mitleidsvoll jagte er:
„Und jetzt soll ich raten! Mein armer, fieber Freund — Sie find mir bas in bitfer Stunde geworden — auf welchen Rat, auf welche Hilfe hoffen Sie von mir? So viel haben Sie mir ancertraut, so rückhaltlos zu mir gesprochen, nun sagen Sie mir auch noch bas letzte."
,Lch hoffe nichts. Ich bin nicht mit, Hoffnungen ge- kommen, ich werd« ohne solche gehen —“
„Segen Sie eint Möglichkeit, den Makel zu tilgen, den mm einmal die hartherzige Welt den schuldlosen Nach- ternnten eines Werders anhaftet?"
„Nein
iEortsetzrmg folgt