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Samstag, 18» Oktober 1919.
Auldaer Leitung Druck der Fulda« Aetieudruckerei in Fulda.
Eine Revoltttron gegen Atheismus und Materialismns.
Bischof Schulte hat auf demMäikischen Katho- filentage in Dortmund eine beachtenswerte Rede ge- Llten?- Seine Worte atmen einen so bofsnungs- ?ghen Geist bezüglich der katholischen Kirche, daß jpi,. sie im Wortlaute hersetzen wollen. Er führte
. Unser katholisches Volk hat cs in tiefer Zeit «fahren, welch ein Glück und welche Gnade ihm katholische Glaube ist. Manches haben Krieg und «Evolution binweggefegt, was bereits morsch ufid faul ligd verderblich war. Dem brauchen wir keine Träne nachnttoeinen. Aber vieles haben sie auch gestürzt und Dieles liegt zerschlagen am Boden was uns ans Herz
- fleIpac6i"cn war, was uns zum wesentlichen Bestand der -«aatlicheu und sozialen Ldrdmrno ?v gehö- - Wen.
«nV viels, viele von unseren deutschen Mitbürgern daben in dem Weltkriege arg gelitten, wenn nicht alles verloren, was ihrem Leben Inhalt, Bedeutung und «gert gegeben hatte, kühnen sind alle Ideale zertrüm- mcri, sie sind arme Menschen geworden.
' unt so dankbarer empfindet der Katholik was ihm fte Kirche noch bietet, wenn die menschlichen Ideale zertrümmert am Boden liegen, daß sie ihm noch innerlichen, festen Lebensinhalt gibt, den keine Revolution, «ein Umsturz ihm rauben. kann. Ja, trotz der Not. taie, in die wir versetzt worden sind, trotz der Unsicherheit der Zukunft, welch ein Trost, daß uns ter beste Besitz, das beste Erbe unserer Väter noch geblieben ist und bleiben wird in der Gottesgemeinschaft unserer kaholischcn Kirche, in denr Reiche Jesu Christi, daZ nicht von dieser Welt ist, wohl in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt, und der uns den Frieden geben nicht vorenthalten wird, den bit Weit nicht geben sann. Katholikenversammlunaen sind aber wie ge, schaffen dafür, daß wir dieses unseres besten Wasitzes und unseres besten Erbes der Väter wohl bewußt sind. Und darum sehnt sich das katholische Volk nach Katholikenversammlungen. Das ist ein Grund, weshalb wir zusammengckommen sind.
Unser katholisches Volk will sich das große Glück des Glaubens nicht schmälern lassen,, auch jetzt nicht, da mrgestüm wieder der Maffenruf durch die Lande dringt: Fort mit dem Christentum, gebt uns den Mann, der > frei ist in seinen Gedanken, den Mann, der sich nicht mehr kümmert um das christliche Sittengesetz, nicht stach nach einer ewigen Vergeltung, die nach diesem Leben kommt !
Unser katholisches Volk, das den langen Kulturkampf siegreich überwunden hat, wird sich auch heute durch diesen Massenruf nicht in Schrecken setzen lassen. Bolksaufregung und Volksverhetzung sind immer noch das letzte, aber auch vergebliche Mittel der Feinde Gottes, Christi und der Kirche gewesen. So werden auch heute die aufgeregten Massen des Volkes, die gegen Gott und dlle Religion verhetzt und aufge. stegt wurden, die den Prozeß gegen den Unglauben mir Gewalt retten sollen, vor den Richterstuhl der friedlichen Ordnung geladen, ihn nicht gewinnen kön. neu. Es soll und wird aber auch den letzten Sturm- ongiriffen dss Unglaubens nicht gelingen, die Einheitsfront unseres deutschen katholischen Vwlkes zu durchbrechen; jetzt erst recht nicht, wo es versucht werden soll, durch die Entchristlichung unserer Jugend in der Schule und unseres ganzen christlichen Lebens. Dies unerschütterlich in aller Oeffentlichkeit zu betonen, das ist ein zweiter Grund, weshalb wir uns zu diesem märkischen Katholikentage zusammengefundeu haben.
Karl Marx dürfte sich geirrt haben, daß diese s o- ziale Revolution auf dem Boden des Mate- — rialismus die letzte gewesen sei, daß- der Atheismus das letzte Glaubensbekenntnis der Masten unseres deut, sehen Volkes sein werde. Er hat übersehen, daß noch etwas im Menschen lebt, das immer wieder nach Ruhe und innerem Frieden dürstet und hungert. Das ist unsere unsterbliche, menschliche Seele.
Es wird einmal das Volk furchtbar zu der Erkenntnis kommen, daß bei der Revolution seine S e e le leer artsgegangen ist, was es noch unzufriedener macht, daß Ahteismuß und Materialismus eine Lösung der sozialen Frage nicht bringen kann. Dann wird und muß eine Revolution wieder kommen, eine Revolution gegen Atheismus und Materialismus, gegen die Verführer, Betrüger und Leugner der unsterblichen menschlichen Seele. Dann ist die Zeit gekommen — und vielleicht dämmert es —, wo das Vo lk wieder schreien wird nach einem neuen Heiland und Retter, wo die Sahnsucht dvr Seele nach Gott im Himmel die Herzen tief erzittern läßt, wo der Durst nach der alleinigen Liebe wieder brennen wird, wo die Seele des Volkes sich wieder öffnet der Religion des Herzens, der Religion des Trostes im Leben und im Tode. Dann aber wird unsere Kirche vor der gewaltigen Aufgabe stehen, die Gotteslehre abermals zu erfüllen mit der Kraft der Wahrheit und der Gerechtigkeit, des Friedens und der Liebe Jesu Christi, der schon einmal diese Welt er- neuert hat.
Der Schatten.
Roman von Arthur Winckler-Taimenberg.
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„Liebes Kind, keinen Frevel!" sagte Frau von Eoens. .Wer will in die Gesetze der Natur greifen? Und diese vollen es, daß das Alter der Jugend das Gottespfand
Arbeit läßt und früher scheidet."
Und plötzsich war die alte Frau ganz mütterlich geworden. Sie hatte Inges Hand genommen und gesagt:
„Cs hat Ihnen gefallen in Weltzingen. Kommen Sie bald, kommen Sie ost wieder. Wir leiden an derselben, Not. Sie haben nie ehre Mutter gehabt, ich hatte mr eine Tochter. Wir können uns beide etwas fern. Ich fatte schon Sehnsucht neulich nach dem Stündchen am vlügel. Möchten Sie kommen?"
Da hatte sich Ingeborg über die schmale, weiße Hand sirbeugt, die die chre streichelte, und sie geküßt.
„O, wie gern! — Wie gütig Sie sind."
•3c, Fräulein Inge, ich habe Sie lieb."
Wie eine Gluiwelle des Glücks war dieser Augenbsick über Ingeborgs Herz geströmt. Das war das Willkommen, kes Konrads Mutter in zarter Bereitwilligkeit ihr bot. Das war Heimatrecht im Hause -frd im Herzen.
Die Augen wurden ihr feucht, als sie ihren Dank stammelte.
Unb dann, als sie ins Schloß zurückkamen — rote W fragend hatte Konrads Blick auf der Mutter geruht!
stoh leuchteten seine Augen auf, als jie sagte:
„Wir sind Freundinnen, Fräulein Inge und ich! Wenn Du mich lieb hast, spannst Du öfter mal die Staunen
und holst mir die Partnerin zu oierhöndigem Spiel." bie wendete sich an Babette Roderich-Jochen: „Natur- »uh Ihre Genehmigung vorausgesetzt, denn ich habe ältere Rechte zu achten."
Als der Weltzlingener Wagen durch dos Burgtor gerollt beugte sich Roderich-Jochen zu seiner Schwester und stusterte:
•Du, ich merke was!"
Dabette heuchelte maßlose Dcrwunderung. Leise gab n« zurück: v
„Roderich-Jochen, übernimm Dich nicht. Ihr Männer siü furchtbare Tollpatsche, und Du bist ein ganzer Mann."
Aergerlich wandte er sich ab.
Die chrrstl. Gewerkschaften im Jahre 1918
Der soeben erschienene Bericht über Die christlichen Gewerkschaften im Jahre 1918 stellt riesige Fortschritte der Gewerkschaftsbewegung fest, weist aber auf der andren Seite hin auf ein unheimliches Schwanken des Bodens, auf dem allein die Gewerkschaften gedeihen können, näm- lich der Grundlage unseres Wirtschaftslebens. Mit Recht wird herooraehoben, daß auf die Dauer das Gewerk- fchafisleben nur blühen kann, wenn das Wirtschaftsleben in Blüte steht. „Beides ist unzertrennbar miteinander verbunden. Es muß daher in das Bewußtsein jeden Gewerkschaftlers hineingehämmert werden, daß das Gewerk- fchaftsintereste die Arbeit für das Gedeihen der Dolks- roirtfdjaft unbchingt voraussetzt."
Der erwähnte Bericht geht über die zahlenmäßige Darstellung der letzijähriaen Entwickelung hinaus, er be- antwortet das Woher und Wohin der vielen unerfreullchen Zeiitarschainungen und sucht die Gewerkschastsbowegung nach klaren Gesichtspunkten zu richten.
Die Schwierigkeiten der Gegenwart sind in der Hauptlache aus den Fehlern der Vergangenheit erwachsen. Dor der Revolution wurde die auf positive Arbeit eingestellte Gewerkschaftsbewegung durch vielerlei Hemmnisie gezwungen, Zeit und Mittel in der Opposition aufzuwenden. Trotzige Verneinung und kastenmäßige Abschnürung erzeugten Klassenhaß und gewalttätige Stimmung. Es hat fast eines Menschenalters von Gewerkschaftsarbeit bedurft, um eine allmähliche Aenderung anzubahnen. Als dann ober infolge der Revolution solche Arbeitorgruppen, denen früher das Streikrecht fehlte, dieses erlangten, faßten sie es in dieiem ursprünglich rohen und gewaltsamen Sinne auf. „Die Ueberhäufung mit Rechten, die die deutsche Revolution mit sich brachte, machte große Teile der von einer richtigen gewerkschaftlichen Erziehung nicht erfaßten Arbeiterschaft mcht stoh, sondern frech. Unser ganzes Zusammenleben hat diesen Stich ins Brutale, Freche und Rücksichtslose bekommen. Niemand beklagt das mehr als -ie Gewerkschaften, weil dadurch der Brand geworfen wird in das von ihnen mühsam errichtete Gebäude der Arbeitererziehung."
Den größten Nachdruck haben die chrsttlichen Gewerkschaften, wie der Bericht heworhebt, bei jeder postenden Gelegenheit, so während des Krieges und anläßlich des Wahlrechtskampfes in Preußen, auf die Forderung gelegt, „daß dem deutschen Volke Vertrauen entgegenge- bracht werden müsse. Dünn würde sich zeigen, daß das deutsche Volk bei richtiger Erfastung sehr leicht zu lenken und zu führen ist. Die, grundsätzlich genommen, sehr stümperhafte Revolution, die nach dem Kriege ousgebro- chen ist, beweist das. Ihre unglaubliche Unzulänglichkeit, bei aller Ueberstürzung sozialreformerischer Maßnahmen, beruht gerade daraus, daß der Deutsche vom Revolutioktär nichts in sich hat. Wäre die Erziehung des deutschen Volkes von maßgebender Seite aus in den letzt« Jahr- zehnten vorher nicht fo grausam vernachlässigt, wäre dem Volke Vertrauen geschenkt worden, dann wäre selbst bet unserer Kriegslage der Kriegsausgang ein anderer, jeben» falls würdigerer gewesen."
„Wir sind überzeugt", sagt der Bericht weiter, „daß eine allmähllche Umwandlung des arten Regiments, wenn sie nur von innen heraus und aus ehrlichstem Vertrauen erfolgte, manches von den alten Formen hätte erhalten können. Wir haben ehrlich und begeistert zu dem Guten der früheren Zeit gestanden und lehnen es, ab, deswegen, weil es Mode geworden, niedrigen Masteninstinkten nachzugeben, alles Alte in Grund und Boden zu beschimpfen. Es wäre jedenfalls bester, wenn auch heute noch ein Teil des Respekts vor der Autorität vorhanden wäre, der früher obwaltete. Heute aber ist alles festellos und zügellos, und nur das eigene Ich in feiner ganzen Elendigkeit spielt noch eine Rolle. Wie kann man verlangen, daß unter solchen Verhältnissen der Kapitalismus überwunden wird, was dock angeblich die Revolution gewollt und ge- sollt hat? Das nennt man den Teufel durch Beelzebub auslreibenl Wie kann man eine wirkliche vom Geiste des Menschen ausgehende Sozialisierung erwarten? Was soll uns der Haufen neuer Rechte, wenn dem Menschen die Fähigkeit abhanden gekommen, sie menschenwürdig aus- zuüben?
Es war unzweifelhaft ein großes Verdienst, daß di« großen Gewerkschaftsrichtungen während des Krieges durch ihr Zusammengehen mbezug auf die Lebensnotwendigkeiten des deutschen Volkes so etwas wie eine Volks- beroegung geschaffen haben, die bei der Schaffung und der Ausführung des Hllfsdienstgefetzes chre Krönung erfuhr. Eine gesunde Fortführung dieser Entwickelung scheint aber in Frag, gestellt, vor allem, weil die sozialdemokratischen Gewerkschaften mehr und mehr wieder in die radikale Schlagw ort a gitaii on zurückfal- len. Das macht sich auch im Lande bemerkbar. Der Bericht sagt darüber: „In einzelnen Landesteilen mußten die christlichen Gewerkschaftsmitglieder einen Terror aus stehen wie nie zuvor. Auch die Anleihen beim größten Radikalismus haben jedoch die freien Gewerkschaften nicht retten können, weil dem Gewerkschafts- wesen an sich jeder Radikalismus wesensfremd ist. Die alleinige Folge ist gewesen, daß man spartakidischen und kommunistischen Begehrlichkeiten und der Flegelhaftigkeit der Unabhängigen Tür und Tor geöffnet hat. Heute sicht das frergewerkschastliche Haus in vollem
„Mit Dir ist kein ernstes, vernünftiges Wort zu reden —"
Da war Inge herangetreten und hatte unbefangen geäußert:
„Wie ftoh es macht, wenn gute Menschen einen lieb haben —"
In diese Zeit, da frohes Zusammensinden Gleichgestimmter Konrad und Inges noch immer unausgesprochene Liebe bereits gut hieß, in diese Zeit fiel die Jagd auf Cüllenböck, zu der damals Babette Inges Vater geladen hatte.
Natürlich war die Einladung an ihn noch einmal schriftlich ergangen und Ernst Adalbert Ruskin, dem Inges Briese längst erkennbar gemacht hatten, wie heiter und beglückend seiner Tochter das Leben ans dem Lande verlief, sagte zu.
Er wollte selbst sehen.
Auch trieb ihn eine* innere Unruhe.
Noch war der Name Konrads in Inges Briefberichten kaum gefallen. Wie er sie ritterlich holte und heim brachte, wenn Frau Hertha von Eoens nach ihr begehrte, das war alles, was sie über ihn schrieb. Sonst war immer nur von dieser der mütterlichen Freundin, wie sie eine solche nie im Leben gekannt habe, die Rede. Don ihrer Seelen- Übereinstimmung, ihrer Liebe zur selben Musik — usw.
Der Tag brach an.
Ein nebeliger Oktobertag.
Die Gäste aus der Nachbarschaft trafen ein, und mitten im Wagengewühl hielt plötzlich auch bas Süllenböcker Scheckengespann, mit dem der Kaufherr geholt worden war.
Babette hatte die Gäste zu bewillkommnen, und Inge mußte ihr helfen. So kam's, daß Ruskin allein hatte herfahren mästen.
Ein Bediensteter nahm ihm bas Gewehr aus dem Wagen und Roderich-Jochen eilte so rasch herbei, als seine angehende Körperfülle es gestaltete.
„Willkommen, Herr Ruskin," rief er in ungeheuchelter Herzlichkeit, „das ist prächtig! Endlich habe ich einmal die Freude. Verdanke sie natürlich nur dem gnädigen Fräulein Tochter, aber das mindert die Genehmigung nicht." —
Er hatte beide. Hände des Kaufherrn ergriffen, schüttelte sie kräftig und sah fröhlich an der hochragenden Gestalt des Gastes empor.
Dann führte er ihn ms Haus.
Brand. Nun sucht man zu retten, was noch zu retten ist. Augenscheinlich stehen große Teile der freien Gewerkschaftler heute, aus einem Gefühl der Reaktion gegen den anfänglichen Uederschwang heraus, jeder Korreklur der früheren kapitalistischen Zustände mit größtem Mißtrauen gegenüber. .Wenigstens scheint uns, daß die christ- lichen Gewerkschaften beispielsweise dem Rät ege- danken wesentlich objektiver gegenüberstehen als sie.
Di« Haltung der Arbeitgeberschaft während der Revolution wird als „vielfach überaus unwürdig" bezeichnet. An die Stelle des früheren Herrenmenschentums sei ob- stoßende Rückgradlosigkeit getreten, eine Erscheinung, die durch das neue, parvenühaft emporgefommene Eintagsunternehmertum der Kriegs- und Revolutionszeit allerdings teilweise zu erklären fei Die Arbeitsgemeinschaft zwischen den Verbänden der Unternehmer und Arbeiter, die so verheißungsvoll eingesetzt hat, konnte unter oll den Einwirkungen nicht zu der nötigen Auswirkung gelangen.
Das Gebot der Stunde wird in dem Bericht treffend wie folgt gekennzeichnet: „Die dringendste Not- wendigkeit der Stunde ist, daß sich die oernünftige Arbeiterschaft in den großen Gewerkschaftsrichtungen unter Abstoßung der extremen (Elemente roieberfinbet zu einem Zusammengehen mit bem Unternehmer- tum, das auch dieses leben läßt. Erst von diesem Zeitpunkte an werden Rätewesen und Sozialisie- rung eine gedeihliche Lösung finden können." Immer mehr gewinnt die Ueberzeugung Boden, daß eine rein klassenmäßige Lösung des sozialen Problems unmöglich ist, mit Notwendigkeit mästen die Formen der christlich- sozialen Auffassung zur Geltung gebracht werden. Unter diesem Zeichen wollen auch die christlichen Gewerkschaften ihre Arbeit für die Zukunft mit neuer Energie aufnehmen.
Wie erfolgreich die Arbeit bisher gewesen ist, zeigt die Ausstellung über die christlichen Gewerkschaften im Jahre 1918. Bei 538 559 Mitgliedern war die Einnahme 8 692 849 M., die Ausgabe 6 284 432 M, bas Vermögen 12 444 942 <M. Heute ist bas Zahlenbild weit günstiger. Ueber 1 100000 Mitglieder haben sich zusammengefunden in den christlichen Gewerkschaften.
Oesterreichs Länder gegen Wien.
Das Mißverhältnis zwischen einer Hauptstadt mit mehr als zwei Millionen Einwohnern in einem Lande von kaum sieben Millionen ist an sich schon schwer auszugleichen. Um so weniger aber, wenn eine ratlos zwischen den Parteien schwankende Regierung das ganze beherrschen, die oft vollkommen auseinander strebenden Interessen der Hauptstadt und der Länder unter einen Hut bringen soll. Die Hauptstadt Wien wird von den Sozialdemokraten beherrscht, die vielfach sehr radikalen Strömungen zuneigen. Die Bauern- bevölkerung der Länder dagegen ist fast durchaus christlichsozial. Die Länder sperren sich, so viel sie können, von Wien ab und treiben eine eigene Finanz- wirtschaft, weil sie von tiefstem Mißtrauen gegen die Hauptstadt erfüllt sind, und Wien leidet Hunger und Not dabei. Die Krone ist im Auslände fast wertlos geworden, in Deutschland gilt sie sogar kaum dreißig Pfennig. Die Hoffnung der Wiener Staatsmänner auf die Ententehilfe, welcher Hoffnung sie alles, auch den Anschluß an Deutschland geopfert haben, ist vollständig in die Brüche gegangen. Oesterreich steht so hart am Rande des Bankerotts.
Eine Länderkonserenz, die neulich von der Regierung nach Wien einberufen worden war, mack diesen Zwiespalt zwischen Ländern und Hauptstadt recht offenbar. Die Leiden Wiens machten auf die Länderoertreter wenig Eindruck. Sie sind selbst in äußerster Not und wollen nicht einer Stadt zuliebe, in der eine Polstik getrieben wird, die sie nicht mitmachen können, noch mehr verarmen. Die Konferenz endete mit einem Mißklang.
Jetzt ist in Wien anscheinend ein wenig Vernunft eingekehrt. Der Wiener Kreisarbeiterrat hat eine Entschließung gefaßt, in der er anerkennt, daß im gegenwärtigen Augenblick weder die Herrschaft der Arbeiterklasse allein noch die der Bourgeoisie möglich ist. Jeder Versuch der Alleinherrschaft einer Klasse müßte in kürzester Zeit zum Bürgerkrieg führen, aus dem die Gegenrevolution als Sieger hervorgehen werde. Es bestehe daher „leider die traurige Notwendigkeit", vorläufig das System der Koalitionsregierung beizubehalten.
Es wäre zu hoffen, daß eine ehrliche Einigung zu einem besseren Zusammenwirken zwischen Stadt und Land führte. Die Entschüeßung des Wiener Arbeiterrats, der zum großen Teil heute die Politik in Oesterreich bestimmt, ist übrigens auch in Ihrer Anwendung auf reichsdeutsche Verhältnisse lehrreich.
Die „Lusttania".
Graf Bernstorfs hat kürzlich einem Vertreter der „Chicago Tribüne^ in Berlin ein Interview über die Versenkung der „Lusitania" gegeben. Man erfährt daraus, daß jene Zeitungsanzeige, durch die die Amerikaner in amerikanischen Blättern von der „deutschen Botschaft" im April 1915 vor der Ausreise auf britischen Schiffen gewarnt worden sind, auf eine Anregung Dernburgs zurückging. Nachdem der deutsche Generalkonsul in Newyork es aus „persönlichen Gründen" abgelehnt hatte, seine Unterschrift dafür herzugeben, ließ sich Graf Dernstorff dazu bestimmen, den Namen der Botschaft dafür zur Verfügung zu stellen. Er fei sich wohl bewußt gewefen, damit „gegen die diplomatischen Gepflogenheiten zu handeln", aber er habe es getan, weil er „sehr beunruhigt war über die Leichtherzigkeit, mit der das amerikanische Volk noch immer die furchtbare deutsche Drohung ansah". Don größerem Jnteresie ist die Feststellung Bernstorffs, daß die Torpedierung gerade der „Lusitania" keineswegs auf einen bestimmten Plan zurückzuführen sei. Er sagte zu dem amerikanischen Journalisten:
„Kameraden des verstorbenen Kapitäns Schwieger haben mir auf bas bestimmteste versichert, Schwieger Qabe, als er den verhängnisvollen Schuß abgab, nicht gewußt, baß er die „Lusitania" torpediere. Die von vielen Ihrer Landsleute akzeptierte Version, daß es sich um einen besonders geplanten Schlag geo-n.den stolzesten Pasiagierdampfer gehandelt habe, ist a^£ut unhaltbar. Sachverständige könnten Ihnen sagen, baß, wenn ein solcher Plan bestanden hätte, er unter tausend kaum eine Chance gehabt hätte, verwirklicht zu werden.".
Diese Darstellung ist nicht neu, aber es ist nützlich. Immer wieder auf eine Tatsache hinzuweisen, die bei der Beurteilung des katastrophalen Vorgangs immerhin nicht beiseite gelasien werden darf. Es wird auch von Jnteresie fein, zur Kenntnis zu nehmen, was Herr v. Tirpitz über diesen Punkt sagt. Mr lesen in seinen „Erinnerungen":
Der Kommandant des U-Bootos, welcher die „Lusitania" torpedierte, hat übrigens den angegriffenen Dampfer erst als „Lusitania" erkannt, als bas Schiff unterging unb sich zur Seite legte. Da er das Schiff von vorn angriff, konnte er die Zahl der Mosten unb Schornsteine vorher nicht erkennen. Nachdem der Torpedo getroffen hatte, erfolgte eine zweite Explosion im Innern des Schiffes durch bie an Bord befindlichen Munitions- maffen. Durch diesen Umstand allein trat das sofortige Sinken der „Lusitania" und der große Verlust an Menschenleben ein.
Auch hier wird also von zuständiger Stelle bestätigt: der deutsche Kommandant wußte nicht, daß er die „Lusitania" vor sich hatte.
Die Heimkehr unserer Kriegsgefangenen steht im Dunkel unseres nationalen Niederian:es mit bem sieahaften Zauber des MoraenstemS. Liebe, Licht unb Wärme, Ver resienskraft unb hoffnunasfrohe Zuversicht gießt er über die ganze, tief gebemütigte deutsche Volksfamilie aus. Darum ist bet Empfang der Heim- tebrer auch alleroi ts in beutst'en Lauben so überaus herzlich unb so überaus reich an positiven inneren Werten. Er gestaltet sich zu einer auf Jahrzehnte hinaus wirkenden Kraft- und Segensquelle für den unbedingt notwendigen Wiederaufbau nach innen unb außen. In dieser Erwägung hat die Kirchliche Krieg-Hilfe in Paderborn, deren Tätigkeil von Kriegsbeginn bis heute Überaus erfolgreich war, eine Begrützunqsmappe für unsere hcimkehrenben katholischen Mitbrüder Herstellen lassen. Unter farbenfrohem, von dem Paderborner Kunstmaler Jos. Dominieus äußerst sinnreich unb geschmackvoll auS geführten Titelblatt birgt bie Moppe eine geradezu überraschende Fülle von Willkommgrützen, Gedichten unb aufllärenben, belehrenden unb anre enden Schriften aus berufenen Federn. Eme künstlerisch und drucktechnisch gleich vor- züalich ausgeführte Begrützuügsurkunde wird von vielen zur ständigen Erinnerung an Gefangenschaftsnot unb Heimkehrglück gerne unter Glas unb Rahmen gebracht werden. Besondere Erwähnung verdient sodann noch eine Serie von 6 künitlerisch ebenfalls hochstehenden Postkarten, die packende Szenen aus der denk, würdigen Heimkehr wiedergeben. Die Mappe, die trotz ihres reichen und gediegenen Inhaltes einzeln nur 50 Pfg. kostet, eignet sich in ganz hervor, ragender Weise zur Verteilung bei den Begrützungs. feiern, welche von den einzelnen Pfan gemeinden nach der Rückkehr aller Gefangenen veranstaltet werden. Die kirchliche Kriegshilfe hat für diesen Zweck außerdem noch GediLtsammlungen, Anleitungen zu lebenden Bildern und Theaterstücke drucken lösten, welche zum Selbst, kostenpreis abgegeben werden. Aermere und Diaspora- Gemeinden erhalten alle Drucksachen einschließlich der Begrutzungsmappe unentgeltlich. Da nur eine beschränkte Anzahl hergestellt wurde, ist eine baldige Bestellung bei der Paderborner Zentrale sehr erwünscht.
Zu Inge in die Speisekammer war bie Kunde gedrungen: „Die Schecken sind da", und nun stand sie freudig erregt im Portal der großen Burgdiele.
Ruskin traute seinen Augen nicht.
Was war in den drei Wochen aus Inge geworden?
Schöner, größer, stattficher, gesünder als je erschien sie ihm, und in den blauen Augen lag ein Leuchten von sonnigem Glück.
„Papa, liebster, bester Papa!"
Da lag sie an seinem Halse unb küßte ihn, wieder und immer wieder. Wo war das ernste, gemessene Mädchen hin! Temperamentlos war es ihm manchmal erschienen. Und mm diese Inge riß ihn zusammen, als sollte er unter ihrem Sturm von Zärtlichkeit ersticken.
,Inge, Mädel, laß mich los! Du bist ja außer Rand imb Band! — Sieh' doch die Dielen Fremd-n", wehne et ab.
Sie aber hielt Ihn fest und flüsterte:
„Die dürfen alle sehen, wie lieb ich meinen Papa habe, wie glücklich ich bin, ihn wieder zu sehen. Komm, Papa."
Und sie führte chn, wie im Triumph, mit sich.
Natürlich wurden sie bald getrennt.
Ruskin mußte anderen Gästen vorgestellt werden, mußte auch von Roderich-Jochen die Jagdpläne anhören und vom kalten Büfett, dos Babette lustig verwaltete, etwas nehmen.
Da sagte plötzlich em hagerer, roetierbramier Landwirt zu Roderich-Jochen:
„Paß auf, mein Sohn. Exzellenz nebst Sohn sind da. Wo er bloß die Vollblutbraunen wieder aufgetrieben, hat! Man spricht oem Merstall S. M. Na ja, der Dberstall- moister ist ja fern Kamerad schon vom Kadettenkorps her." —
Ter Hagere knurrte noch roeiter allerhand Betrachtungen. Da war Roderich-Jochen schon draußen und begrüßte die Weltzingener.
Der Kaufherr fragte einen Nachbarn:
„Das sind die Herrschaften aus Weltzingen?"
Der Angeredete schluckte dienstfertig einen großen Bissen hinunter unb antwortete:
„Exzellenz, Kammerherr, Wirkficher Geheimer Rat Fr »her von Eoens." —
Ruskin lächelte.
„D, ein Großer, hier aus der Gegend." —
„Unsere vornehmste Familie, ohne Zweifel."
„So — so!"
Und da brachte Roderich-Jochen die Weltzinger herein. Ehrfürchtig ordnete sich die Gesellschaft zu einem Halb- kreise. Die Herren verneigten sich, und der Wirklich« Geheime Rat ging di« Front ab, die Hände schüttelnd und muntere Worte wechselnd. Als Roderich-Jochen ihm den Namen Ruskin nannte, blickte Eoens erfreut auf:
„Herr Ruskin — o, wir haben den. großen Vorzug, Ihre Fräulein Tochter zu kennen, gut zu kennen, als einen lieben häufigen Gast. Sie hat Sonne nach Weltzingen gebracht. — Fräulein Inge, so heißt sie schon bei uns. Sie ahnen gar nicht, wieviel Dank wir Ihnen schuldest, daß Sie sie hierher aufs Land beurlaubten."
Der Kaufherr verneigte sich. Nicht unterwürfig, aber korrekt:
„Exzellenz, Sie können sich denken, wie es den Vater freut, so lieb von seinem Kinde sprechen zu hören." —
Roderich-Jochen zog die Exzellenz, nach der noch andere lechzten, weiter. Aber Eoens wendete stih auch jetzt wieder zu Ruskin zurück:
„Später darf ich Ihnen mehr erzählen, nicht wahr?"
„Ich freue mich darauf."
„Wo aber war der Sohn geblieben?" fraor« sich Roderich-Jochen, als die Begrüßung glücklich vorüber war.
Ja, wo? Er sah sich um.
Da schwebte Babette vorbei, in ernster Besprechung mit dem Hageren über die einzig richtige Behandlung des Burgunderpunsches. Er hielt sie an:
„Hast Du Konritt» gesehen?" fragte er.
„Inge ist bei den Braunen. Sie füttert sie mit Zucker", sagte sie.
Er lächelte und wußte Bescheid.
, Die Jagd war vorbei.
Die Nebel sanken, die Gäste aus der Nachbarschaft ließen ihre Wagen vorfahren.
In einer Nische des Speisesaales saßen der Geheimrat und Ruskin bei einer Flasche Wein und plauderten. Die Exzellenz war heiter und aufgeräumt, der Kaufherr wurde immer stiller, immer ernster.
Eben traten wieder ein paar Jagdgäste heran und verabschiedeten sich höflich von Eoens und Ruskin. Da stand Inge hinter des Vaters Stuhl unb legte ihm die Hände auf die Schultern.
^Fortsetzung folgt.)'