I Donner-taa 16. Oktober 1919. | > 4<5~?ahrq-
_______ . . . - ■■ — ■ii _ । LLMT-nmjyi« rigiWF—M—■ "~3
Wie stehen wir zur neuen Zeit?
In der Sitzung der Nationalversammlung am Freitag hat der Zentrumsabg. Bolz, Amtsrichter in Rot- tendurg (Neckar) eine bedeutende Rede gehalten, über deren Inhalt der Parlamentsbericht des WTB., auf den wir wie gegenwärtig die ganze Presse in Ermangelung eines parteiamtlichen Dienstes leider angewiesen sind, nur unvollkommen unterrichtete. Da die Rede vortreffliche Richtlinien für die Werbearbeit der Zentrumsorganisationen enthält, geben wir ihren wesentlichen Inhalt in nachstehender Zusammenfassung wieder. »
Der Redner stellte gegenüber der unglaublichen Ber- wirrung im öffentlichen Meinungsstreit drei klare 'Fragen:
1. Hat die jetzige Regierung ein Ziel?
2. Verfolgt sie bei der Erreichung dieses Zieles die richtigen Wege? und
3. Hat die Regierung die Kraft, dieses Ziel zu erreichen?
In der Erörterung dieser Gesichtspunkte entrollte Bolz die ganze politische Lage. Ihre unverkennbaren Mängel verschwieg er keineswegs, aber auch dis Forderung der Stunde stellte er in den Vordergrund. Bolz letzte sich dabei in entschiedener Weise mit der unfruchtbaren und der so dringend notwendigen Wiederauf- bauarbest geradezu gefährlichen Opposition der Rechten auseinander. Worauf gerade jetzt alle Kräfte gerichtet sein müßten, ist die Stärkung der Autorität der Regierung, damit die Hebung des Vertrauens zu dieser Regierung und in der Wechselwirkung sodann die Stärkung unserer Kraft nach innen und außen. Mit Recht konnte Bolz unter eingehender Begrün- Lung darlegen, daß die niederreißende Kritik der äußersten Rechten diese so bitternötige Entwicklung hemmt. Wir sehen ja die Wirkungen, die darauf hinauslaufen, die Radikalisierung links nur noch zu verschärfen, denn die Linke schöpft gerade aus der Agitation der Rechten die Entschuldigung für ihr Treiben mit dem Hinweis darauf, daß die Gegenrevolution am Werke sei.
Bolz schildert eingehend die Leistungen des Par- laments und der Regierung seit Beginn der Revolution. Er konnte da doch auf sehr gewichtige Erfolge Hinweisen. Wenn wir uns die Zustände im November und den darauffolgenden Monaten vergegenwärtigen und mit den heutigen vergleichen, werden wir alle sicherlich zugeben müssen, daß heute nach unendlicher Mühe wieder einmal ein Zug der Ordnung durch das Land geht.
Ernste Worte findet Bolz gegenüber unserer finanziellen Lage. Es müßte in ganz anderem Umfange gespart werden als bisher. Das ruft Bolz mit Nachdruck auch der Regierung zu. Auch im Etat müsse noch manche Streichung Platz greifen. Polz verlangte volle Klarheit und Wahrheit dem Volke gegenüber. Namentlich muß das Volk über die Gefahren, die in diesem Winter noch zu überwinden sein werden, ganz offen unterrichtet werden.
Selbstbesinnung, Selbstbeschrän- k u n g und Mitarbeit! Das sind die Fundamente, die notwendig sind, um den Wiederaufbau unseres Landes zu sichern. Zu einem freudigen Bekenntnis zum Glauben an die Zukunft des deutschen Volkes forderte Bolz alle zur Mitarbeit bereiten Kräfte im Lande auf. Das Zentrum jedenfalls hat erkennen kaffen, daß ihm die Wahrung der Volksintercffen allen Anfeindungen und allen Unterstellungen zum Trotz über die Wahrung der Parteiintcresien erhaben ist. In dem Geiste der Gemeinschaftsarbeit kann auch allein Srnser zusammengebrochenes Volk gesunden.
Zu den Entente-Noten.
Die ketzie Note der Entente über die Räumung der Baltenlandes wird, wie aus Berlin gemeldet wiid, von der deutschen Reichsregierung 'n den allernächsten Tagen beantwortet werden, nachdem gestern der Ausschuß für auswärtige Anae- legenheiien noch einmal Gelegenheit gebabt ha», sich mit dem Entwurf zu dieser Antwort zu beschäftigen. Die deutsche Reichsregierung wird noch einmal mit ollem Nachdruck versichern, daß sie gewillt sei, alle Mittel anzuwenden, um die widerspenstigen Truppenverbände in die. Heimat zurückzuführen und etwa sich zeigenden Widerstand zu brechen. Graf v. d. Goltz wirb in Berlin erwartet, und unmittelbar nach seiner Ankunft wird ihn die Reichsregierung zur Berichterstattung über seine letzten Schritte auffordern.
Dagegen ist mit einer baldigen Beantwortung der Blockade-Note nicht zu rechnen. Es bedarf noch weiterer Klärung, ehe die Reichsregierung zu den Vorschlägen der Entente Stellung nehmen kann. 2b die Regierung zu der allgemeinen Aussprache der intereisierten Staaten anregen wird, wie vorgestern vermutet wurde, ist fraglich geworden. Jedenfalls aber muß die Regierung Fühlung suchen mit den neutralen Staaten, an die sich die Entente ja ebenfalls gewandt Hot. Derselbe Wun'ch scheint bei den Neutralen zu bestehen. So verlautet, »aß sich auch die schwedische Regierung mit der Absicht trägt, sich vor der Festlegung ihrer Schritte ins Einvernehmen mit Deut chland zu fetzen und bei der englischen Regierung weitere Auskunft zu erbitten. Erst nach Abschluß dieses Gedankenaustausches wird sich das Reichskabinett und danach der Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten über die Erteilung einer Antwort schlüssig werden.
Die Räumung des Baltenlandes.
In politischen Kreisen wird auf Grund der ein- ^oangenen Mitteilungen angenommen, daß die Räumung durch unsere Truppen mit Ablauf dieser Woche beendet sein wird. Die Zahl der Truppen, dte dem Befehl der Regierung Fotge leistet, etwa ■*0—15000 Mann, macht indessen nur etwa ein Drittel des gesamten Bestandes der baltischen Armee °us. Zwei Drittel, etwa 25,000 Mann,_ sind in tussische Dienste überaetreten und haben sich damit jeden Einflusses der Reichsregieiuno enizogtn. Tie bollständige Grenzsperre gegen Rußland wird in urengftet Weile aufrecht erhalten.
Ungleiche Behandlung unserer Kriegsgefangene«.
Die Ententestaaten, insbesondere Frankreich, oer- sohren beim Heimtransport unserer Kriegsgefangenen höchst willkürlich. Wiederholt hat man die Feststellung machen können, daß Kriegsgefangene aus jenen Ge
Die Berliner Streikbewegung.
Im Streik der Berliner Magistrats- Hilfsarbeiter hat dis Festigkeit, mit der der Magistrat dem Ausstand entgegengetreten ist, und die Drohung, alle Ausständigen sofort zu entlasten, offeck- bar ihrs Wirkung nicht verfehlt. Wenn auch die Mehrzahl der Hilfskräfte der Streikparole gefügt ist, so ist doch die Zahl derer, die sich gestern zur Wiederauf- nähme der Arbeit gemeldet haben, recht groß. Auch zahlreiche Stellenlose hoben sich dem Magistrat zur Verfügung gestellt, und dieser stt enffchloffen, anstelle der Streikenden neue Kräfte einzustellen. Für den Schutz der Arbeitswilligen sind umfangreiche Vorkehrungen getroffen worden. Dem Magistrat ist auch in der Studentenschaft eine starke Hilfe erwachsen, die ihre Bereitschaft erklärte, die Wetterführung der lebenswichtigen Betriebe zu sichern. Zahlreiche Büros sind in Tätigkeit geblieben. Die Streikleitung scheint die Parole ausgegeben zu haben, dis Hilfskräfte, die sich dem Streik nicht angeschlossen haben, in ihrer Tätigkeit zu behindern und den öffentlichen Dienstverkehr zu stören. In einzelnen Dienststellen Ist bereits versucht worden, durch Vernichtung unersetzlicher Dächer Schaden anzurichicn, der konnte aber glücklicherweise noch rechtzeitig verhindert werden.
Der angedrohte Sympathiestreik für die Metallarbeiter, der Streik der Heizer und Ma- s ch i n i st e n, ist gestern nachmittag proklamiert worden. Bei den GaS-, Master- und Elektrizität?- werken, sowie allen andern lebenswichtigen Betrieben wird weiter gearbeitet, sodaß eine Störung der Licht-, Kraft- und Wasserversorgung nicht eintritt.
Der Versuch der streikenden Metallarbeiter, auch die Straßenbahner zu einem Sympathiestreik zu bewegen, ist en der Einsicht der Angestellten gescheitert. Sowohl In den Versammlungen der Sira- ßenbahner wie in denen der Hochbahnangestellten wurden nach teilweise stürmisch verlaufener Aussprache dahingehende Anträge abgelehnt. Auch die erbetene Geldunterstützung für die Metallarbeiter wurde ver- weigert ___________
Krlsenstimmunfl in Italien.
Italien scheint am Vorabend großer innerer Erschütterungen zu stehen. Die Fiume-Frage, die durch das Einlenken Englands und Amerikas nicht mehr die Gefahr eine» Bruches mit den Verbündeten an sich trägt, ist darum doch ihrer tatsächlichen Lösung noch keinen Schritt näher gekommen. . Der Handstreich d'Annunzios hat nun einmal die Disziplin im italienischen Heer gelockert und die Autorität der Regierung einschließlich des Königs bedeutend geschwächt.^ Nebenher gehen auch in Italien die in allen Ländern wachsenden reoolutionären Strömungen. Was aus dieser Verwirrung entstehen wird, läßt sich noch nicht klar erkennen. Ein Umsturz ist wahrscheinlich unb es scheint nur noch fraglich zu fein, ob er nationalistischen oder revolutionären Charakter tragen wirb. Mr geben nachstehend zwei Meldungen der „Leipz. N. N." wieder, die die eigenartige Krisrnlust erkennen lasten, die Über Italien lastet.
Basel, 15. Ott. Ein au» Italien zmückgekehrter Wiener Berichterstatter meldet, daß Nitti und mit ihm die ganze Re.gierung vor d'An nunzio weichen müßten, darüber seien sich alle Parteien in Italien tlar. ; Viel genannt wird der Herzog von Aosta, der auch t ein guter Freund von d'Annunzio lei. Die Ausrusuna i
bieten, in denen auf Grund des Vertrages demnächst eine Volksabstimmung entscheiden soll, bevorzugt und vor den anderen Kriegsgefangenen abtransportiert werden. Nach Aussagen Zurückgekehrter geben sich die französischen Behörden alle nur denkbare Mühe, um diese Leute gegen Deutschland auszuhetzen und zur Abstimmung für Polen und Dänemark gewogen zu machen. In einigen französischen Gefangenenlagern fanden sogar dänische und polnische Sprachkurse statt: dänische und polnische Agenten erhalten jeden Zutritt zu den Gefangenenlagern und zu den Transporten, um m't den Kriegsgefangenen zu unterhandeln. Eins derartige Beeinflussung ist nicht nur unanständig, sie verstößt auch gegen bas Recht bcr Selbstbestimmung unb gegen bas allgemeine Völkerrecht. Wie wir hören, wird sich die deutsche Regienrng in einer. Note an die Entente wenden, um gleiche Behandlung ber Gefangenen und Unterlassung der Beeinslustung zu fordern.
Was im Friebensvertrag fehlt.
Nach einer Depesche der „Chicago Tr'bune" auS Washington stellten die Senatoren Sherman und Thomas im Senat den Antrag, daß das Wort „Gott" in dem Tert des Frtedensvertrags von Versailles einaefügt werden solle.
Die beiden Sena oren werden mit ihrer frommen Anwandlung kaum noch Glück haben. In dem Friedensvertrag steht manches nicht, waS .rin stehen sollte, man braucht nur an di- vterzebn Punkte zu denken, aber das Wort„Goii" ist mit Recht fort gelassen worden, es gebürt in dieses Dokument des Hasses und des Vernichtungwillens gewiß nicht hinein.___
Mus dem besetzten Gebiet.
höchst. Der neu« französische Kommandant von höchst, Hauptmann de la Dilleon, bemüht sich, so schreibt man dem „Mittagsblatt", um den Ruf eines noch größeren Scharfmachers als sein Vorgänger Altmeyer. Die Poß- revrsion arbeitet jetzt mit allen Schikanen. Sn den Orten um Höchst, aus denen die französische Besatzung schon lange verschwunden ist, tauchen plötzlich marokkanische Patrouillen auf und verhaften jeden, der keinen Ausweis bei sich führt. Erst bei Zahlung von 50 Mark Strafe werden bi« Leute freigelassen. All« Züge werden jetzt revidiert, alle Leute, deren Paß abgelaufen Ist, verhaftet. Sie werden erst sreigekassen, wenn sie 100 Mark bezahlt haben. Man erzählt sich, daß Leute seit den ersten Oktobertagen sestgehalten werden, die die 100 Mark nicht aufbringen können.
Ilörshelm a. TR. Sn der letzten Zeit mehren sich in erschreckender Weis« die Angriffe der Soldaten auf friedliche Bürger. (Einen Gastwirt hat man In seiner Behausung blutig geschlagen, verschiedene andere Leute hat man auf offener Straße schwer mißhandelt, so daß sie blutüberströmt liegen blieben. Beschwerden haben nicht den geringsten Wert. Mehrer« seit Jahrhunderten be- lichcns- religiöse Wählzeichen ir. den Sttsstrahe«, die in früheren Kriegen selbst der Stufte geschont hatte, wurden zerstört und teilweise in den Main - geworfen. — Aus Hofheim L T. und Umgebung kommen dieselben Klagen. Es wird noch hinzugefügt, daß ber dortige Ortskommandant kein« Beschwerden zutätzt.
einer Republik dürste utuvahrscheinlich sein. dÄnnunzto sei heute der Diktator Stattens. Seinen Befehlen komme jeder nach, und doch wisse man, daß dieser Mann dte Geschicke Italiens niemals lenken, niemals sein leitender Politiker sein werde.
Basel, 15. Okt. Auf einer in Mailand abgchaltenen Versammlung der sozialistischen Partei Stallens waren auch russische, englische und französische Sozialisten anwesend, um die Vorbereitungen für die dritte Internationale in Westeuropa zu treffen. Es soll eine Kundgebung herausgegeben werden, in der die sofortige Anknüpfung von Handelsbeziehungen mit Rußland und die Diktatur des Proletariats in Westeuropa gefordert wird. _____
* Die Abstimmung im Osten. „Echo be Paris" meldet, daß die Abstimmung in den deutschen Ostgebieten nach einem Beschlüsse des Alliiertenrates acht Monate nach Eintritt der Rechtsgültigkeit des Friedens mit Deutsckl-md ftatffinben soll.
♦ Massenkundgebungen her Unabhängigen. Tie von den Unabhängigen gegen den Belage runps-ustcmd und das Verbot der „Freiheit" einberufenen 30 Pro- wstversammlungen in Barlin» die vom Polncivräu- denten verboten worden waren, sind schließlich doch gestattet worden. DiefcS Hin- und Herschwanken der Behörde macht keinen guten Eindruck. Die Versammlungen sind übrigtcnS ohne Störung verlaufen.
* Henke als Kronzeuge der pariser Deulschenhetzer. „Figaro" unb „Petit Paristen" veröffentlichen bte Rede des unabhängigen Sozialisten Henke, der im Reichstag erklärte, Deutschland habe jetzt eine Million unter den Waffen, oj)ne indes die Antwort des Reichswerhrrnini- sters Noske anzufügen.
* Hinri'ktunq KammerstctterS Der Ministerrat in München bat das Todesurteil in dem zweiten Geiielmordprozeß gegen den Hilfsarbeiter Kammerstetter bestätigt. Tas Urteil wurde gestern voll- streckt.
» Der § esuck, deutscher Handlirn-sreisenden in Paris und freie Bewegung in Frankreich soll eine Verordnung ermöglichen, bte von der Pariser Politeipräfektur vorbereitet wirb. Man hält eS jetzt in Paris für bringend notwendig, dis Hande'Sbeziehun- gen zwischen Frankreich und Deutschland wieder aufzunehmen.
* 27 französische Kriegsschiffe versenkt. In einem Tagesbefehl an die Marine gibt ber französische Marineminister bekannt, daß F ankreich wä irend des Krieges 27 Kriegsschiffe verlor, darunter drei Pan- zeikreuzer, 3 Kreuzer und zwei Unterseeboote.
Deutsche Nationalversammlung.
, Sitzung vom 15. Oktober.
Der deutsch-polnische Lertra«, der sich auf die Ent- laffung 'festa-haltener Personen und aut geaenseitige Gewährung von Straffreiheit, für politische. Vergehen bezieht, wurde in allen drei Leiungen einstimmig angenommen SB ei. dem Vertrag handelt eS sich um den ersten AuSführunasvertrag au# dem Versailler Frieden. ReichSautzenmintster Müller gab dem Vertrag einige fteundliche Worte auf den Weg.
Der 6eu#halt de# Reichspräsidenten wurde ohne jede AuS>prache,m zweiter Lesung erledigt.
Dann wurde dte schon vor einigen Tagen begonnene Beratung des Postetat# fortgesetzt. Auch die weiteren Redner stellten Vergleiche an zwischen der Schnellt lett und Zuverlässigkeit der Post von früher und dem Post- elenö von heute Die Ursachen für diesen Abstier von einer in der ganzen Welt geachteten und bewunderten Höhr wurden eingehend erörtert Sie liegen einmal in den langen KriegSjabren, dann in der bedauertrcher- welse gelockerten Disziplin auch unter den Postbeamten, in ber Korruption, die einzelne Bemntenkreis« ergriffen hat, aber mich im Publikum, das an die Post noch immer di« alten Anforderungen zu stellen glaubt und deshalb viel häufiger als früher mit den Beamten und mit der Post selbst in Konflikt gerät. Vom Zentrum brachte der Oberpostschaffner Abg. Koch Beamten- wünsche für die Personalreform vor. Sirte Beamte seien der Meinung, daß ihnen mit tem Recht der Ver- cinigung auch das St.eikrecht zustehe. Aber jeder Svte. len mit dem Streikgcdanken fei zu vermeiden. ?,n den oberen Stellen sind zuviel Beamte. Den unteren unb mittleren Beamten muß bet Aufstieg erle:chtert und die SEerfanalreform beschleunigt werden. Der Redner legte rm einer großen Reihe von Beispielen dar, daß die Beamten heute finanziell wett schlechter gestellt sind als die Mehrzahl der in den Staatsbetrieben beschäf- tigten A r be i t e r. Während ein Telegraphenarbeiter in Berlin weit über 500 Mk. im Monat verdiene, stehe sich ein unterer Beamter einschließlich der laufenden Teuerungszulagen auf wenig über 300 Mark.
Relchspostminister GieSbert» versprach, daß die ver. toalhntg den Wünschen der Beamten, soweit es irgend möglich ist, entgegenkommen werde. Eine der Richt- Urnen ber Personalreform werde es sein, den Tuf- siiez der unteren Beamten in höhere und besser bezahlte Stellungen zu ermöglichen. Zu geordneten Verhältnissen werde cs bei der Post nicht eher wieder kom. men, als bis da# große Heer der Hilfsangestellten durch eine gut ausgebildete, pftichübewutzte Beamtenschaft ersetzt ist. Di« AuShelfer, fotoeit fie sich nicht zur lieber« nähme in den ständigen Dienst eignen, muffen abgehal- stert werden. ES soll dabei nicht scharf Vorargangen werden. Bezüglich der Teuerungszulage wird die Post. Verwaltung keinen billigen Forderungen entgecen fein. Verhandlungen wegen Abschaffung der Gebührenfrei» hcit sind im Gange.
Nach Erledigung deS PostetatS machte Präsident Fehrenvach Mitteilung über die Beschlüsse deS Aeltc» stenrateS. Die zweiwöchige Pause wird erst nach dem 30. Oktober eintreten können. Im Aeltestenrat hat man die Empfindung gehabt, daß die Verhandlungen der Nationalversammlung mit einer Zeitvcrschwendung geführt werden, die weder der Würde. noch dem Ansehen des Parlaments entspricht itnb auch in weitesten DolkS- kreifen keinen Anklang findet.
Donnerstag: Haushalt des Ministeriums des Innern.
Preußische Landesversammlung.
Sitzung vom 15. Oktober.
Das Haus verhandelte über mehrere Nachtragsetats.
Dbg. (BrSf (Dnatl.) bekämpf.« die Einrichtung der par« lamentorischen Unterstaatssekretäre unb bezeichnet« sie als eine Dersoroungsanstalt für befreundete Parteigenossen.
Abg. Richter kSoz.j mies diese Angr.fi« zmiick tmb erklärte, daß gerade die konservativ« Parte! früher die Staotsposten als ihr Monopol betrachtet hätte.
Abg. Schlotzmann (Dem.) führte ergänzend ans, daß F'eund« kein Recht zu Angriffen hätten, denn sie hätten früher niemand in die Verwaltung Hineingelaffen, ber nicht ihrer Partei an- gehört hätte.
Abg. Rosenfeld (Unabh.) griff die Regierung scharf an. Einer Regierung des Belagerungszustandes unb der Zei
tungsverbot« bewilligen rott keine Mutel. Das °üe Regime war rücksichtsvoller gegen bte Opposition a^ dw fttzlge. (Ruse rechts: Kommen Ste doch zu uns ruhen! ^MMerpräsident Wfc
Anlaß, sich zu beklagen. Mit welchen Mitteln habenS,« gekämpft, wo Sie die Macht hatten? (Zurule München.) Dar Verbot der .Freiheit bedauere ich W £mi mit jedem Tage ihres Erscheinens werden immNgrotzett^r beiteimnften von Ekel gegen dieses Blatt erfüllt. W 8 ist bte frühere Regierung gegen die Oppo'üion ruckuch^ voller gewesen. Aber bie damalige Opposition arbakte auch nicht mit Maschinengewehren. Ohne den Belaze- rungszustand wäre es jetzt nicht möglich, ruhig unb jach lich bi« Geschälte zu sühren. (Beifall.)
J Es kam bann zu heftiger Rede unb Gegenrede Zwnchm Sozialdemokraten unb Unabhängigen. Das Ergebms ber Aussprache war, daß bte Unabhängigen sch we^r zu einer Einigung mit ben Mehrheitssozialisten bereit er- klärten, noch aus Anwendung von Gewalt gegen die bestehende Regierung Verzicht leisten wollen. ~
Dann begann bie Beratung eines demokratischen An träges aus Einleitung geeigneter Maßnahmen zur' 23er Hinderung ber Verschiebung vcm S,
bensmitteln nach bem Ausland. Dbg. Kuh.- Dem.) for derte rücksichtsloses Zugreisen gegen bre Schienet.
Der SlWlskommlssar für da» Lraähtuugswesen, U- (ets, stellte Zuchthausstrafen für die Schieber " Aussicht.
Der Antrag wird angenommen. Em- Reche von D'tttjchristen wird erledigt. „ ,,nh
Donnerstag: Haushalt ber Domänen und Gestüt« unb Landwirtschaft. ___
Deutsches Reich.
Berlin, 15. Okt. Der mehrheilSsoztalistischs Gewerfichafls ekietär und Mitglied der Nationalver- fammlung F. Voigt wurde zum Poltze>pra,wenten m BreSlau, der Lanvrat Fcethetr von Kot ff aus Malme.y zum Polczecoiäilbevten m uachen ernannt. - Der Zustand des Avg. Haate hat sich erheblich verschllmmert. An esichis des Schwachezu- standes wurde von der als nolwenotg eifanntev neuen Opeianon voiläusia Abstand genommen.
c Die Beratung de» Lelriebsrötegesetzes tm Ausschuß begegnet neuerdings wieder, so schreibt man uns cus Berlin, erheblichen Schwierigkeiten. Die Schw.e- rigkeiten haben ihren Grund in ben radikalen Forderungen der sozialdemokratischen Vertreter im Ausschuß, die west über die Regierungsvorlage hinausgehen. Her Fraktionsrednsr des Zentrums, der Abg. Dr. Bolz, hot anläßlich der großen politischen Aussprache bereits daraus hingewiesen, daß zwar das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern einer Neuordnungyi unterziehen sei, daß dies aber nicht auf sozialistischer Grundlage erfolgen könne. Daran muh das Zentrum festhalten. Seine Vertreter im Ausschuß sind bemüht, Verbesserungen in bie Vorlage im Luteres) e der dwei» terschast hineinzubringen. Sie finden dabei aber leider nicht dir genügende Unterstützung bei Den Demokraten, während die Vertreter der sozialdemokratischen iZrakno- nen im Ausschuß so radikale Forderungen aufstellen, daß ein verständiger Ausgleich immer wieder in Frage gestellt wird. Entgegen bem Vorschlag der Regierungs- Vorlage, die das passive Wahlrecht an eine Omonatigs Frist in den Betrieben binden will, fordern die Sozial- vemokraten die Herabsetzung dieser Zeit auf 3 Monate. Die Vertreter des Zentturns hatten beantragt, das passive Wahlrecht an eine einjährige Tätigkeit un Betriebe zu binden. Wen» bas Zentrum diesen Antrag gestellt hat, so ist das geschehen ausschließlich im Intereffe der Arbeiterschaft selbst, denn diese sind am besten dann gewahrt, wenn solche Arbeiter ber Betriebe in bie Betriebsräte kommen, die bereits längere Zeit in ihnen tätig itnb unb deren Verhältnisse gut kennen. — Den Demokraten ist es mit Hilfe des Zentrums gelungen, hinsichtlich des Mltbestlmmungs- unb des Aufsichtsrechtes der Arbeiterfchaft sowie ber Angestellten wichtige Aenderungen zu erreichen. Diese Erfolge werben aber In Frage gestellt, wenn bie ganze Vorlage auf Grund der sozialistischen Forderungen, die mst Hilfe der Demokraten Annahme finden, so radikal gestaltet würden, baß es dem Zentrum nicht möglich sein würde, der Vorlage in dieser Form seine Zustimmung zu geben. Auch bie Sozialdemokraten müssen sich sagen, daß nur Entgegenkommen von beiden Seiten zum Ziele führen kann, und wir dürfen von den Führern der sozialdemokratischen Fraktionen wohl erwarten, dah^ sie auf ihre Vertreter im Ausschuß über die Betriebsräte mäßigend eimvirkm.
* Huf der Tagung des Hauptvorstandes der deuffch-nalionale» Volkspariei in Berlin wurde mit» geteilt, daß die Gesamtzahl der Ortsgruppen 3024 beträgt, die Zahl der Parteisekretäre Ist von 67 auf 193 gestiegen. In einer Entschließung wurde festgestellt:
„Die druisch-nakionak« Bolkspark-i steht auf bem Boden bes beutschen Volkstums. Don dieser Grundlage aus kämpst sie gegen jeden zersetzenden undeutscheu Geist, mag er von jüdischen ober anberen Streifen ausgehen. Sie wendet sich besonders gegen bie Vorherrschaft des Judentums, bie seit der Revolution in Regierung und Oesfent- lichkeit immer verhängnisvoller hervortritt."
Außerdem würbe ben beutsch-nationalen Fraktlo- nen ber Nationalversammlung unb ber Lanbesver- sammlung volle Zustimmung zu ihrem Vorgehen „gegen bie Ueberfchwemmung Deutschlands mit ost- jübischen Elementen" ausgesprochen. Der Borsitzenbe betonte dabei, daß alle Stellen der Partei einmütig abrücken von einem gewissen Radau- oder Pogrom- Aniisemitismus.
♦’ Dnisbntg, 12. Okt. 1919. Zu einer bret« tägigen Katholikenversammluna kamen hier von SamSlag bis Montag bie Katholiken der Dekanate DuiSburg, Hamborn und Rees zusammen. Am Sonntag fand ein Festzug von 14000 Jünglingen unb Männern statt, eine Kimbaebuna, wie sie DuiSburg noch nie gesehen hat. In den Ver- fammlungen, die in vier großen Sälen gleichzeitig ftaltfanben, wurden die Themen Katholizismus unb soziale Frage, Kulturkraft des Katholizismus, der karitative Gedanke in der Gegenwart behandelt. Auch eine Reche Stanbesversammlungen, so der Akademiker, Lehrer, Beamte, Kaufleute, A-betier usw., zwei Fcauenversammlungen fanden statt. Ten Schulfragen waren besondere SBerfantmlungen gewidmet.
G Karlsruhe, 12. Okt. 1919. Für die Katholiken von ganz Altbaden fand am Samstag in Karlsruhe ein Katholikentag statt. Morgens fanden bte üblichen Festgottesdienite statt, bei denen auch Erzbischof Schuler O- Fr. M. vom Kloster Gorheim mitgewirkt hatte. Der Andrang zu den Berhand- Jungen war so bedeutend, daß außer den dr:: vor-