aer^euun
da
Die Strrikbeweiung.
Drohender Heizer- und Maschinist« streik.
Sm Berliner Metallarbeiterstreik ist die Lage im allgemeinen unverändert. 91 Firmen sind durch den Streik stillgelegt und in weiteren 131 ruht die Arbeit infolge Teilstreiks. Das Hauptinteresse richtet sich im Augenblick aus das Vorgehen des Verbandes der Heizer und Maschinisten. Sein an den Reichsarbeitsministerium gerichtetes Ultimatum läuft Mittwoch mittag ab. Dem Verbände gehören in Groß-Berlin rund 6000 Mitglieder an, die sich auf etwa 600 bis 700 Betriebe verteilen. Kommt es zu einem Ausstand der Heizer, so sind saft alle Zweige der Industrie mit ei«
Belgien abgeben müsse. Infolge deJ mangelnden Vieh- futtcrS seien die Milchzufuhren in die Großstädte erheblich zurückgegangen, so z. B. in Berlin auf 190 000 Liter täglich gegen 1 Million im August 1916. Die Auslieferung von Milckvieh würde den T o d von Taufen den von Kindern im Gefolge haben. Deswegen sehen sich die Vertreter der Neutralen verpflichtet, mit Nachdruck darauf zu dringen, daß das Vieh nicht eher ausgeliefert werden darf, als bis eine ausreichende für die Ernährung der Kinder not- wendige Milchzufuhr gewährleistet wird.
* Im zweiten Münchener Geiielmordprozeß wurde gestern daS Urteil verkündet. Es lautet gegen den Angeklagten Kammerstedter wegen Mordes auf Todesstrafe. Die drei anderen Angeklagten, Stte- lenko, Greiner und Debus, wurden wegen Beihilfe zum Mord zur Höchststrafe von 15 Jahren Zuchthaus verurteilt.
* Die schwarzen Listen in England sind nach Mitteilung des britischen auswärtigen Amtes end« gütig abgeschafft worden.
* Südwcstasrika. Ter neue Generalgouverneur von Deuisch-Südwestafrika hat in Windhuk eine Rede gehalten, worin er erklärte, daß Südwestafrika niemals wieder an Deutschland zurückfallen werde und immer einen Teil der südafrikanischen Union bilden müsse. — Man soll niemals nremals sagen!
Deutsche Nationalversammlung.
Sitzung vom 13. Oktober.
Das Haus führte die Aussprache über die Zwangs- w k r t f ch a f tw i r t s ch a f t zu Ende. Vorher kämm einige Anfragen zur Erledigung. So wird auf eine unabhängige Anfrage von Regierungsseite geantwortet, daß ein neuer Entwurf bezüglich der Kommunalisierung der Wirtfchastsbetriebe in Vorbereitung fei, der demnächst schon der Nationalversammlung zugchen werde, da üch dcr alte Enrwurf als nicht tauglich erwiesen habe. Auf eine Anftage des Zentrumsabgeordneten Hebel über das Verbleiben der Glocken und des Glock e n m e t a l l s erfolgt eine nur ungenügende Antwort rom Regierungstische. Man deckt sich wieder einmal mit formalen Vorwänden. Es wird wohl eines stärkeren Drucks der Öeffrntlichkeit bedürken, um den durchaus be-
n e m Schlage l a h m g e l e g t. Die Lage verschärft sich dadurch, daß der Verband auf der Forderung besteht, am Mittwoch mittag die Angestellten der st ä d t i s ch e n Betriebe, der Elektrizitäts-, Gas- und Wasserwerke, aus ihren Arbeitsstätten herauszuziehen. Ein Telegramm des in Stuttgart weilenden Rcichsarbeitsmini- sters Schlicke stellt eine Regelung des Konflikts in Aussicht. Die Fünfzehner-Kommission dürfte infolgedessen mit den entscheidenden Maßnahmen so lange warten, bis Schlicke wieder in Berlin eingewosfen ist.
Steuer Streik in Berlin.
Gestern mittag sind sämtliche Hilfskrüftedes Berliner Magistrates in einer Stärke von 15000 Personen in den Streik getreten. Es handelt sich in der Hauptsache um die Büros für die Kohlenversorgung, für die Brotversorgung, die Fettstellen, die Stellen für Milch und Butter, die Fleischstellen, die Ausgabestellen für Bezugsscheine und die Büros für Krankenernährung. Als die Hilfskräfte der Kohlenstelle nach Streikbeschluß ihre Amtsräume ver- lleßen, wurden sie mit lauten Schimpfworten von der vielköpfigen Menge, die auf der Straße stand und auf die Ausgabe von Kohlenscheinen wartete, empfangen. Auch in den übrigen Büros wurde das Publikum, nachdem der Streik proklamiert war, nicht mehr abgefertigt. Die Hilfskräfte verlauten eine Monatszulage von 200 bis 250 M, die auf fünf Monate rückwirkend fein sollte. Der Magistrat sieht in der Bewegung der Hilfskräfte einen glatten Vertragsbruch, da in einer früheren Vereinbarung für den Fall irgend welcher Abänderungen des geltenden Gehaltstarifs eine Kün- digungsfrist festgesetzt worden war und diese nun von den Streikenden vollständig außer Acht gelassen worden ist. Der Magistrat lehnte es deshalb ab, sich mit den Forderungen der Hilfskräfte zu beschäftigen; er erblickt seine Pflicht vor allem darin, Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung zu treffen. Die Forderungen der Streikenden würbet? den städtischen Finanzen eine weitere Mehrbelastung von 45 Millionen Mark im Jahre auferlegen; eine solche glaubt der Magistrat unter keinen Umstanden verantworten zu können. Sn einem falsch verstandenen Solidaritätsgefühl haben die B e a m t e n des Magistrats es abgelehnt, die notwendigsten Arbeiten für die Lebensmittelversorgung zu übernehmen; sie haben beschlossen, keinerlei „Streikdienste" zu tun.
Sn einer amtlichen Erklärung richtet der Magistrat an sämtliche Hilfskräfte die Aufforderung, die Arbeit bis spätestens Donnerstag früh aufzunehmen, widrigenfalls sie sich als entlassen zu betrachten hätten. Der Magistrat ist gewillt, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln den Betrieb in den Büros aufrecht zu erhalten und wird sich, wenn erforderlich, unverzüglich mit einem Aufruf zur Hilfe an die gesamte Bevölkerung menten.________________
Große Gisenbahnerschiebungeu.
Sm Bezirk der Cisenbahndirektion Elberfeld sind längere Zeit hindurch von Privatfirmen und Einzelpersonen Lebensmittel und sonstige Bedarfsgegenstände ohne die erforderliche Einfuhrgenehmigung aus dem besetzten Gebiet in das unbesetzte Gebiet in großem limfange'verschoben worden. Auch eine Anzahl Eisenbahnbebten stete, die der Versuchung durch hohe Geldbeträge, die ihnen Schieber geboten haben, unterlegen sind, hätten sich daran beteiligt. Die Eisenbahndirektion Elberfeld hatte zur völligen unparteiischen Klarstellung des Sachverhalts einen Untersuchungsausschuß von sieben Eisenbahnbeamten und Arbeitern eingesetzt, der weiteren umfangreichen Schiebungen auf die Spur gekommen ist.
Aus Grund der Feststellungen dieses Ausschußes macht der Abg. Sonfon großes Aufsehen erregende Mitteilungen. Danach hatte sich in der Eisenbahndirektion Elberfeld ein vollständiges System im Verschieben von ganzen Wagenladungen unter falscher Deklaration herausgebildet, wobei es sich um Milliardenbeträge handelte. Von der Station Düssel- dorf-Reisholz allein gingen in den ersten sechs Monaten nach der Besetzung tägllch 25 Wagenladungen ab, und von diesen wurden immer nur fünf in den Büchern geführt, so daß nicht zu ermitteln ist, wohin die übrigen Wagenladungen gegangen sind. Bei einer täglichen Verschiebung von 20 Wagenladungen in ß Monaten ergibt sich, wenn man für die Wagenladung durchschnittlich einen Wert von 100 000 Mark annimmt, eine Sume von 360 Millionen Mark. Wie der Ausschuß behauptet, sind ähnliche Verhältnisse in allen Grenzbahnhöfen des Direktionsbezirks feftzu- stellen. Die gleiche Erscheinung zeigt sich übrigens — in vielleicht noch höherem Maße — bei den Grenzbahnhöfen des Cisenbahndirektionsbezirks Köln.
rerhtiattn Wünschen der Gemeinden aus Rücklieferung ihrer Glocken oder wenigsten, Bereitstellung neum Glocken^, teils, wie aber auch der Ergreifung von Maßnahmen gegen Schiebergeschäfte mit dem beschlagnahmten Glockenmetall •"ÄÄ lÄ'swwW« immer mehr von dem eigentlich zur Erörterung gestellten Thema, nämlich dem Lederwucher und wuchs sich za einer regelrechten Ernährungsdebatte aus. Neue Mo-, mente wurden nicht vorgebracht. Die Scheidung der Gent« in diesen an sich unpolmichen Fragen halt sich durchaus nicht an die Fraktionsgrenzen. Wenn> auch bei> d-n bur- gerlichen Parteien die Anhänger der freien Wutschaf zahl- reicher sind, so gibt es doch auch dort Schattierungen. Insbesondere gehen die Strömungen darüber auseinander, für welche Produkte in der nächsten Zeit die ZMangswirt. chatf noch aufrechterhalten werden muß. Auch bei den Sozialdemokraten ist man durchaus nicht allgemein und unbedingt für die Zwangswirtschaft. Es handelt sich mcht um eine grundsätzliche, sondern um eine Zweckmaßigkeits- frage. Reichswirtschaftsminister Schmidt, der wiederholt in die Debatte eingriff, betonte^ daß man sich mcht ge- dankenlos und mechanisch sur ^wangswirtschaft oder f^r den freien Handel entscheiden sollte, sondern daß diese Ent- scheidung stets nach dem NLtzlichkeitsftandpunkt von riall zu Fall erfolgen mutz. , .
Die Ausschuhanträge wurden angenommen, auch cm Antrag der Deutschnationalen, daß der Abbau der Zwangs- wirtschaft für Vutter, MIlch, F leisch und Fe t erst erfolgen soll, w e n n d i e V e r s o r g u n g des iteutschen Boltes mit diesen Erzeugnisien gesichert ist. 2m übrigen soll die freie Wirtschaft gelten. ■
Mittwoch: Deutsch-polnischer Vertrag und Etat des Reichspräsidenten._____________________—
Preußische Landesversammlung.
Sitzung vom 14. Oktober.
Auf eine kleine Anfrage über die Sicherstellung der' Koblenversorgung der kleinen Betriebe des Nah»s runpsmittel- und MetallgewerbeS erwiderte d^ Regie, rung daß diese Betriebe, namentlich aber die Backereien. ''^JbgsybliSboch (b. nall.) scharf mit den Unobhäng- gen ab. Er stellte fest, daß dieEisenbah n-Z e n r r al. röte gerade zur Zeit der schärfsten Krise in zwerfel- haftet Damenaesellschait Feste gefeiert batten und rügte die Rechnungslegung dieser Räte als höchst ansechtdar Vorbedin"ung deS Wiederaufbaues sei die » esur.dung unseres Eisenbahnpersonals, dessen bstmker Schild setzt noch einige bedenkliche Rostflecken m-swmt MS dem Bezirk Elberfeld seien 500 Wagen Leben 8 m t f. te8I nach dem besetzten Gebiet abgeschobe» worden, um ihre Beraubung zu verhindern. Es Han- delle sich mn einen Wert von 200 Millionen DA. Eine hierauf bezügliche Anfrage an den Munster habe noch keine Antwort gefunden. „ , . ,
Abg Belleri (Unabh.) Pries die Arbeiterrate und cnegte mit einer ur »-schickten Verteldgung seines Parteifreundes Paul Hofmann, ten er als nicht zu der früheren Regierung gehörend betrachtet wissen wollte' weil er nur .Beirat" irn Eisenbahnmiiilsterium gewesen ist, stürmische Heiterkeit.
Abg. Langer-Oberhausen (D. Vp.): Die Agitation der Spartakus-Leute hat die Arbeitslust vertrieben^ Um die Leistungen zu heben, sollte man die Leistung-aus- schüsse ausbauen, Die wirksame Kontrolle zu führe«
Das Ei des Kolumbus.
Bei brr Frage, wie man den Besitz zur Tragung der gegenwärtigen Lasten mit heranziehen kann, wird in Der letzten Zeit des öfteren eine Zwangsanleihe empfohlen. Dabei weiß das große Publikum meistens gar nicht, was es sich unter einer Zwangsanlcihe eigentlich denken soll. Zwar sagt schon der Name, um was es sich handelt, aber wie im einzelnen eine Zwangsan- leihe gestaltet sein müßte, darüber sind sich breite Massen des Volkes noch nicht klar.
Eine Zwangsanleihe kann unter den heutigen Verhältnissen nur aufgelegt werden, wenn man vorher eine Erhebung des Vermögensstandes bei den Staatsbürgern vornimmt und nach Maßgabe des Vermögens dann von dem einzelnen verlangt, daß er dem Reiche einen entsprechenden Kredit gewährt, also eine entsprechende Summe von der Anleihe zeichnet. Hierin liegt das Wesen des Zwanges bei solchen Anleihen. Es kommt aber noch ein Weiteres hinzu. Zwangsanleihen können gegeben werden zum Normalzins fuß und be- deuten dann für die Gläubiger keine weitere Schädigung. Sie können aber auch gegeben werden zu einem Zinsfuß, der unter dem herrschenden Normalzinsfuß steht. Dies ist möglich, weil eben der Staat kraft feiner Herrschgewalt von dem einzelnen die Zeichnung der Anleihe verlangen kann. Wird der letztere Weg gewählt, so ist die Anleihe nichts anderes als eine ver- Meierte Form der Vermögensbesteuerung.
Nun wird von einzelnen der Vorschlag ge-macht, Stan solle statt des Reichsnotopfers, statt der großen Vermögensabgabe eine riesige Zwangsanleihe im Volke rufnehmen und dadurch die Möglichkeit schaffen, unsere fetzigen finanziellen Zustände zu bessern. Man sagt ßch, bei einer solchen Anleihe wird Geld und alte Kriegsanleihe umgetauscht werden in Zwangsanleihe. Benn eine Anleihe von 200 Milliarden zustandekommt «nd statt 5 Prozent nur 1 Prozent Zins gezahlt wird, bann spart man nicht weniger als 8 Milliarden Mark Im Reichsetat, eine Summe, die tatsächlich die Finanz- keform wesentlich erleichtern würde. Und bei all dem würde, so meinen die Vertreter dieser Idee, das Vermögen eigentlich gar nicht geschmälert, da ja für 100 Mark Kriegsanleihe der betreffende Pflichtige 100 «* Zwangsanleihe bekäme. Scheinbar wird das Volks- vermögen auf solche Weise gar nicht angegriffen, habet aber trotzdem dem Reich eine riesige Summe Ausgaben erspart.
Diese Art der Finanzreform kann vielleicht einem sinanzpolitischen Neuling als „das Ei des Kolumbus" erscheinen, denn für das ungeschulte Auge des Laien erscheint finanzpolitisch nichts einfacher als eine solche Regelung. In Wirklichkeit aber ist dis Durchführung einer Zwangsanleihe in dieser Form direkt unmöglich. Es fei hier nicht auf die einzelnen Gründe eingegangen, die gegen eine Zwangsanleihe in solchem Umfang an sich sprechen. Hier sei nur der innere Widerspruch hervorgehoben, der sich ergibt aus der Meinung, als ob mit der Zwangsanleihe das Nationalvermögen nicht angegriffen würde. Setzen wir einmal den Fall, es wäre möglich — in Wirklichkeit ist es ober nicht möglich — eine Zwangsanleihe in Höhe von 200 Milliarden im Volke aufzubringen und die einzelnen Anleihestücke dann auszustatten mit einer Verzinsung von 1 Prozent, was wäre denn bann praktisch geschehen? Wäre wirklich ein Zwangsanleihestück, das auf 100 Mark Nennwert lautet, in der Tat auch 100 Mark im Verkehr wert? Das ist selbstverständ- üch nicht der Fall. Der Verkehrswert wäre, falls der Normalzins fünf mal so hoch, also 5 Prozent beträgt, bei einem solchen Zwangsanleihcpapier nicht höher als höchstens der fünfte Teil des Nennwertes, also 20 Mk. Wahrscheinlich würde er sogar noch viel, viel niedriger sein, weil bei einem so niedrigen Kursstand eines Pa- pieres das Verträum zu demselben erst recht zufam- menbricht und die Gefahr einer völligen Entwertung besteht. Aber nehmen wir einmal an, es würde tatsächlich der Verkehrswert dieser Iprozentigen Zwangsanleihe 20 Mark sein, was wäre bann geschehen? Dann «« ^der, der solche Zwangsanleihe hat annehmen Aussen, vier Fünftel dessen verloren haben, was er ein« buchst hat. Das private Volksvermögen wäre aber, faus wirklich eine Zwangsanleihe in Höhe von 200 -^ullarden erzielt werden könnte, um nicht weniger als IpO Milliarden gekürzt, nnb das mit einem einzigen Wag! Man kann sich sofort vorstellen, wie ein solcher Versuch volkswirtschaftlich wirken müßte. Eine nesige Vernichtung von privatem Kapital wäre gegeben und dabei wäre noch bas fonberbare, baß die nominelle Verpflichtung bes Reiches hinsichtlich ber ^chuldhohe um keinen Pfennig geringer geworden ?”re- .Denn einmal müßte, rein rechtlich genommen,
Reich die Zwangsanleihe zum Nennwert einlä en, werju einer solchen Einlösung wäre es nie in der Lage. „.Schon diese kurze Heberlegung zeigt, was sich wstk- «ch hinter dem Gedanken einer Zwangsanleihe cer« bM wenngleich die Väter dieses Gedankens das gar mcht emfehm wollm. Darum tut der Reichsfinanz- Minister sehr gut daran, baß er eine Zwangsanleihe großen Stils ablehnt. Das wäre wirklich ein unsinniges -vorgehen.
ffy O 2 ft I Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Karl Schütte, I YHUfmArli 1 C 1Q1Q I Versag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulw — Preis monatt. I 46.
Hf. 2JO» | für die Anzeigen: I. Porz-Iler, Fulda. - Rotationsdruck. | llllllWOq) ID« URlOÖCr IvlV* | 1>10 &t. u3ern|pr. Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung I
Deutsches Reich.
Der Kultusetat.
DerHauShattsauSschuß der preußischen San. desversamuilung begann mit der Beratung des Kultus» etats. Der Berichterstatter fragte, wie die beteiligten Minister sich in Zukunft das Verhältnis zwischen Staat und Kirche denken. Im Etat sieden im paniert 27 Millionen für die evangelische, 12 Millionen für die katholische Kirche. Für Die evangelische Kirche fei dre heutige Sage nickt eine Folge von Säkularisationen; diese haben in Brandenburg nicht stattgefunden, eS handele sich um BedürfuiSjuschüsse deS Staates Für die katholische Kirche liegen die Verhältnisse titel einfacher. Die Leistungen für diese übernehme der Staat alS Entschädigungen für die Säkularisationen, als Rechtsnachfolgern von Klöstern, in Erfüllung einet Ehren- und FreundschastSpfltcht und aus Gründen der Parität. Die Trennun g wird bei der vielfachen Der- knüpfung von Staat, Kircke und Unterricht unendliche Schwierigkeiten bereiten. Den 27 Millionen, die der Staat für die evangelische Kirche leistet, stehen 150 Millionen gegenüber, die von der Kirche für allae- meine humanitäre Zwecke aufgewendet würden. Bei Liefer Sachlage werde nichts übrig bleiben, al« den Etat in Erbschaft der Vergangenheit unverändert anzunehmen.
Der Minister erklärt, die parteipolitische Verhetzung der Jugend habe einen solcken Umfang angenommen, Laß er ein Verbot politischer Schulervereine erwäge. Auch die Frage der Kaiserbilder hänge zu- jammen mit dem Hineintragen der Politik in die Schule. Dre Schule müsse zur Staat-treue erziehen und unser Staat sei ein demokratischer und ein republikanischer. . _
Der Redner des Zentrums führt au5, daß bte Verhältnisse zum Einheitsstaat drängen. Bei dem star- fen Eingriff des Staates in die Finanzen der Einzelstaaten erhebt sich die Frage, wie weit die Einzelstaaten noch in der Lage sind, ihren Aufgaben auf dem Schul- gebiet uachzukommen. Früher wurde die deutsche Schule im ganzen Auslände für vorbildlich gehalten. An unserem Schul- und Bildungswesen sind wir nicht zu- gründe gegangen, wenn auch mele Reformen notwendig erscheinen. Die Verhandlungen über das Wetmarev Schul tompromtß haben mit einem Siege der Sozialdemokraten geendint. Wir können und wollen ober Die Konfessionsschule nicht entbehren, und wip rechnen bestimmt ar* •? '«rechte A ’fübtung der V«u>
Austausch der Ratifikationsurkunden.
Der Ausrausch ber Ratifikaiionsurkunden wird S’abrfäemltdj am Donnerstag oder Freitag dieser -Woche im Ministerium des Aeußern in Paris voll- f°9en werden. Zwischen den Großmächten wird Mkerdessen die Frage erörtert, in welcher Weise die „ebandlungen bis zum Abschluß des Friedens mit 2,UeR übrigen Völkern forkzuführen sind. Aller ®orau§]id)t _ nach wird an Stelle der bisherigen Friedenskonferenz eine einfache Botschafterkonferenz
Ententemächte treten.
Täglich 6000 Heimkehrer.
« Davas' meldet zu der bevorstehen-
en Heinrchaffung der deutschen Kriegsgefangenen, täglich 6000 Kriegsgefangene nach T",">ch^nd zurücktransportiert Würden. Die Trans- »otte können innerhalb 2Va Monaten beendet sein.
140 000 Milchkühe.
Tiwtschchnch nach dem Friedensberirag an die En- 8. ™Oefern. Die neutrale Komtgisfion, ; jbrm Studium der deutschen Ernährungsperhalinisse den n weilte, weist auf das «.ckdrücklichste auf hJl_i)oirni!i:0»Lolcn Zustand hin, der Eintreten wird, ’m Deutschland jetzt Milchkühe an Frankreich und
^att^n Regierungsvertreter versichert, die Gehalt- und Sohnfragen würden sorgsam geprüft werden.
Die außerordentlichen Vergütungen und Unterstütz- ungen der höheren und mittleren Beamten werden unk rund 4 Millionen Mark bewilligt. Der ganze. Eisen- bahnhauShalt wird angenommen, auch die Anträge deS HmishaliSausschusses beir. Demokratisierung der Verwaltung, Aufst,egmoglichkett der Beamten finden Annahme, ebenso die Entschließung, welch« den Plan der Uebertragung der StaaiSeisenbahnen auf das Reich billigt. DeS weiteren werden zahlte che Anträge auS dem Hause angenommen, u. a. auf Umgestaltung der Eifenbahnverwaltung und Einführung de? Akkord- und Prämiensystems.
ES folgt die zweite Beratung des Antrages Dcycr- OberschlesiLn (Ztr.) auf Annahme eines Gesetzes zur Errichtung einer Provinz Oberschlesicn.
Abg. Beyer (Ztr.) begründet seinen Antrag
Abg. Tr. Hoffmann-Oppeln (Tnat. Vp.) stimmt dem Antrag zu. Die Hauptsache sei, daß Oberschlesien dem Vaterlande erhalten bleibe.
Abg. Lichtenstein (Unabh.) lehnt den Antrag av, er zur Zersplitterung des Reichs führen könne.
Der Wirrwarr im BalLenland.
Aus all den verworrenen und einander widersprechenden Nachrichten aus dem Baltenland ergibt sich nur eine Gewißheit: der Kriegszustand, ber zwischen ber „westrussischen" Armee des Fürsten Awalow-Ber- monbt und den letiländischen Tmppen herrscht. Verfrühte Nachrichten besagten, daß die Armee Bermondt Riga besetzt habe. Das scheint indessen nicht der Fall zu sein, doch hat die lettländische (littauische) Regierung diese Stadt bereits verlassen. Besetzt ist auf dem linken Dünaufer die Vorstadt Rigas. Der Versuch, den Uebcrgang über bte Düna zu vollführen, mißlang. Awakow machte den Letten ein Waffenstillstandsangebot, das diese bisher nicht beantworteten. Kriegsschisfe ber Entente sind in ben Hafen von Riga e'mgelauftn. Der General Judenitsch, der in Esthland sicht, früher der Vorgefehte Bermondts, hat diesen als Landesverräter erklärt, doch scheint er im eigenen Offizierkorps auf Widerstand zu stoßen. Don den ehemaligen deutschen Soldaten, die unter Awa- low-Bermondt dienen, hat man weiter nichts gehört.
Generalleutnant von Eberhardt Hot der litauischen Regierung telegraphisch mitgetellt, daß er den Befehl über dos 6. Reservekorps vom Grafen von der Goltz übernommen habe und daß er nicht nur mit der litauischen Regierung im besten Einvernehmen zu handeln, sondern auch die entstandenen Zwistigkeiten zwischen den in Litauen stehenden russischen Truppen und der sitouischen Regierung aus der Welt zu schaffen wünsche. Da mit Rücksicht auf die Rückbeförderung der deutschen Truppen eine Gefährdung der Bohn verhindert werden rnüsfr, hat Generalleutnant von Eberhardt gleichzeitig den Wunsch noch einer Rücksprache mit einem Vertreter der litauischen Negierung ausgesprochen. Die litauische Regierung Hot sich mit einer Besprechung in Satkuny einverstanden erklärt.
Die Ostseeblsckade.
Soweit Nachrichten vorliegen, hak man bon Maßnahmen der feindlichen Ostseeblockabeflotte in ber Ostsee noch nichts bemerkt. Bon Beschlagnahme durch die Entente ist bisher nichts bekannt gewoiden, dagegen wurde der zur Stettiner Reederei Wilhelm Kunstmann gehörende Dampfer „Holsatia" von der lettischen Regierung beschlagnahmt. Die Besatzung deS Schiffes ist in Libau in Sicherheit. Das 3000 Tonnen große Schiff diente zum Transpoel von Gefangenen und Gütern an bet baltischen Küste.
Abschieds-Gesuch des Grafen v. d. Goltz.
Die ,Deutsche Tagesztg.^ meldet: Der frühere Führer des 6. Reservekorps, General v. d. Goltz, hat im Hinblick auf die letzte Emenre-Rote seine Verab- fch!cdung erbeten, um allen willkürlichen Gewalimaß- nahmen der Entente gegen Deutschland die Spitze abzubrechen, die durch ben Haß gegen seine Person und seine persönliche Stellung veranlaßt sein lönnten.
A«s dem besetzten Gebiet.
Die Borgänge im Saargebiet.
Nach recht vorsichtiger Schätzung soll der bei den Plünderungen am 7. und 8. d. MiS. im Saarstaat angerichtete Sachschaden mindestens _20 Millionen Mark betragen. Saarbrücken schätzt seinen Schaden allein auf 7 Millionen Maik, Sulzbach auf ebensoviel und St. Jnobert auf P/s Millionen Mark. Bis jetzt sind etwa 600 Verhaftungen im Saar- revier vorgenommen worben.
Die Großstadt Saarbrücken hat nach einem Bericht des Arbeitsnachweises nur noch 24 Per fönen, die Erwerbslosenunterstützung beziehen.
Die Wahl des französischen Leutnants Tarbieu zum Landrat im Kreise Saarloms, die vom Kreistag auf Weisung französischer MilitärorderS vorgenommen wurde, ist vom General Andlauer, dem Obersten Verwalter des Saargebietes, der der Bolks- stimmung Rechnung zu tragen hatte, nicht bestätigt worden.
Die ,,Regierung" Zöller in Birkenfeld ist anscheinend amtsmüde geworden. . Sowohl Der Herr Regierungspräsident wie auch seine Gehilfen haben sich nach und nach von ihrer Tättgkett vollständig zurückgezogen. Untergeordnete französische Organe erledigen jetzt die Geschäfte der Zöller- schen Regierung. Zöller hatte anscheinend ben Wider- stand ber Bevölkerung nicht genügend eingefchätzt.
Eine Bkuttat in Ludwigshafen.
Ms am Sonntag abend in LudwigSh-rfen eine Ge. sellschast von einer Theateraufführung des katholischen JünglingsvereinS zurückkehrte, kam sie an einem Trupp ftanzösischer Soldaten vorüber. Ohne daß em Wort gewechselt worden wäre, drehten sich dir Franzosen nach einer kurzen Strecke um Und begannen auf die Menge zu schießen. Die 17jährige Katharina Arnold sank durch Herzschuß tot zu Boden. Die Franzosen zogen sich herauf, ohne sich um ihr Opfer zu kümmern, m eine Wirtschaft zurück, wo sie später festgenom- men wurden. « ,
Die Mordtat hat die Bevölkerung Ludwigshafens in große Erregung gestürzt._ Um gegen Den unglaub- lichen Terrorismus der fanzösischcn Sowateska zu pro- testieren, hat cm Dienstag ein eintägiger General- streik eingesetzt, an dem sich die Arbeiter und die Bürgerschaft gleichermaßen beteiligten. Sämtliche Ee, schäfte und Restaurants haben geschlossen. Die Straßenbahnen haben ihren Betrieb eingestellt.