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I Strtag der Fuldaer Scfttnbrufftrti in Fulda Preis rnonaff. I ^6. JöhTÜ I 1,10 Mk. Fernfpr. Nr. 9, Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung. I

Kleines Mileton

nr. 235.1 I Samstag 11. Oktober 1919.

Die richtige Front ist somit wiederhergestellt. Dg- zu trägt auch das Verhalten der Unabhängigen in Sa- chen des Attentates bei. Es sollte durchaus par­teipolitisch ausgebeutet werden. Um das zu erreichen, wurde die Tat des Geisteskranken als ein Erzeugnis derAtmosphäre" hingestellt, und dafür diese angebliche Atmosphäre natürlich die Regierung verantwortlich gemacht.

Auch der Abg. Cahn verschmähte diesen Atmo- sphären-Trick nicht, den die unabhängige Presse aufge- bracht hatte. Das Parteiorgan, dieFreiheit", muß zwar jetzt zugestehen, daß der Mordgeselle nicht geistig normal ist; aber es tut so, als ob dierestlose Auf­klärung" noch unsicher sei, will die inviduelle Tat aus derUmwelt" ableiten und behauptet frischweg, in gewissen Zirkeln werde mit Ausdauer und Liebe der Gedanke erörtert durch den reaktionären Terror die Vertreter des Proletariats einzuschüchtern.Dann braucht sich nur ein geistig minderwertiges Individuum zu finden", usw.

Noch toller ist dann der nachfolgende fettgedruckte Aufruf des ..Zentralkomitees der Unabhängigen So­zialdemokratischen Partei Deutschlands", der partei­amtlich behauptet, die Tat fei nur möglich gewesenin einer politischen Atmosphäre, in der die Revolutionäre als vogelfrei gelten und ihre Mörder frei ausgehen." Dann werden denMörderzentralen der Milüaristen die Ermordung von Liebknecht, Frau Luxemburg, Eis­ner ufw. zur Last gelegt und hinzugefügt:Die Mör­derzentralen suchen überall nach Mordbuben, die sie hoch bezahlen." So soll den Arbeitern eingeredet wer­den, daß der geistig minderwertige Attentäter Voß doch ein polittsches Werkzeug sei!

Ein solches Maß von Verlogenheit, Heimtücke und Hinterlist tollte doch auch Herrn Scheidemann klar ma­chen, daß mit solchen Leuten kein ehrliches Geschäft zu machen ist.

Die Verschärfung der Lage im Berliner Metall­arbeiterstreik wird auch ernüchternd wirken auf die Leute, die dm Kampf nach rechts für die Hauptsache halten.

Der gefährliche Feind steht links!

'Glück, al; man erwarten durfte. Denn wenn früher von einer sozialen Revolution gesprochen wurde, so haben wir uns tiefe; Verhängnis in Gestalt von schrecklichen Straßenkämvsen mit Bergen van Leichen und Zerstörung alles Besitzes vorgemalt. ES hat ja unangenehme Begleiterscheinungen genug gegeben; aber sie blieben doch örtlich und zeitlich beschränkt; fle ließen sich überwinden; eS kam nicht zu dem. allgemei­nen Zusammenbruch. Wir leben noch; wir haben noch die Hände frei; wir können noch schaffen und streben.

Eine Legende sagt, ein Mann sei über den gefro- Venen Bodensee geritten, ohne zu wissen, daß er sich auf der weiten Eisdecke befinde, und als er bei der Ankunft in der ersten Landstadt die Wahrheit erfahren sei er vom nachträglichen Strecken tot hiingefallen. Wir sind auch aufs EiS geraten; wir haben sogar Pferd und Gut dabei eingebüht. Doch, beim Rückblick auf die furchchare Gefahr wollen wir nicht einen Ner­venschock bekommen', sondern lieber erleichtert auf- atmen.

Wenn ein stolze s Schiff auf eine Mine läuft und zu sinken beginnt, so zittern und zagen die Passagiere. Wtznn aber noch Zeit bleibt, die Boote herabzulassen, so ist jeder herzlich froh und dankbar, der noch ein Plätz­chen in einem Rettungsboot erhalten konnte, wenn er auch gequetscht und übersvriht wird. Wir Deutsche sitzen setzt in einem armseligen Kahn. »Klagt nicht und verzagt nicht; denn es ist noch ein Glück, daß wir nicht biz an den Hals im ,Wasser stecken!

Während des Kriege; erschienen die Verlustlisten. Was in dieser Woche zusammengestellt wird, sind die Rettungslisten. Alles, was da eingetragen wird als lebend-S Anventar der , Nation, muß sich für gnä­dige Retwng aus den Kriegs-, Hunger- und Krank­heitsgefahren bedanken.

Ter Dank in Worten macht den Kohl nicht fett. Wir wollen durch die Tat beweisen, daß wir der Ret­wng würdig sind. Die grausamen Lücken lind ja lei- der da. Sie müssen ausgefüllt werden. Das können nur die Ueberlebendcn besorgen, indem sie sich treu und tüchtig in die Bresche werfen und nach Möglichkeit Ersatz leisten für die verlören gegangenen Kräfte.

Vor allem in der Pflege und Erziehung deS geret. teten Nachwuchses. Denn die Nation läßt sich nicht tn einem Tage oder Jahre wieder auf die, Höhe bringen, dazu müssen mehrere Geschlechter mitwirken, und wir können nichts verdienstlichere; tun al; für die Fort- sttzung des RettungNuerkeS zu sorgen, indem wir die nachwachsende Jugend so gesund machen, wie eS nur eben möglich ist. Gesund an Leib und Seele.

Wehmütig ist die Volkszählung; aber doch wicht hoffnungslos. Wir haben viel Schaden zu buchen, aber mich viel Gnaden. Wenn wir Ueberlebenden unsere Pflicht tun, dürfen wir auf weitere Gnade rechnen. '

Die Zähllisten zeigen freilich, was wir verloren haben; aber sie zeigen zugleich, was, wir noch besitzen an nationaler Lebenskrkast. Ein Schock Millionen von lebendigen Deutschen im verbliebenen Reichsgebiet, und das ist doch noch ein hoffnungsvoller Aktivposten!

Bei Schiller heißt es von dem Abgebrannten:Ein süßer Trost ist ihm geblieben, er zählt bte Häupter feiner Sieben, mnb sieh, es fehlt kein teure; Haupt." So weit geht nun freilich der Trost auf diesen Kriegs­brand nicht; eS fehlt leider manch teures Haupt. Aber von der entern Seite kann man auch, sagest: G e- rettet ist manch' teures Haupt, das schwer gefährdet war.

Unter all den Verlustschmerzen müssen wir noch dankbar sein bei der Ausfüllung der Listen.

Du lebst noch, grauer Vater. Es wäre dir lieber gewesen, wenn dein rüstiger Sohn am Leben geblieben wäre und statt deiner am Kopfe der Zählliste hätte stehen können. Aber da da; Schicksal ihn zum Opfer forderte, so ist es doch ein Trost, daß du noch für die Familie sorgen und schassen kannst.

Du lebst nvch, schwergeprüfte Witwe. Du glaubtest den Verlust deines teuren Gatten nicht überleben zu können; aber der Himmel gab dir Kraft, alle Seelen, not und alle Leibesnot zu überstehen. Du bist deinen Kindern erhalten geblieben; sie sind nicht zu Waisen geworden, sondern du setzest deine, ganze Kraft ein, um ihnen Vater und Mutter zugleich zu fein.

Und.ihr andern allzumal, zählt nicht bloß auf, was verloren ging, sondern auch, was erhalten blieb. Danket dem Himmel für jeden, der heimgekhrt ist von den blutigen Feldern und aus den Lazaretten. Dankt dem Himmel mach für jedes Kind und für jede; erwachsene Familienglied, da? trotz aller Entbehrungen lebt und gedeiht. Millionen mußten fallen; aber zehnmal so viel Millionen sind gerettet worden.

Angesichts deS schweren Unheil; sage rch mir: E; hätte noch bl e I schlimmer kommen können«!

Wi« wäre e? uns ergangen, wenn^ Deutschland selbst zum Kriegsschauplätze geworden wäre? Wenn daS ganze Volk fo heimgesucht worden wäre, wie die Ost­preußen zu Anfang des .Krieges? '

Und welch ein Elend wäre über uns gekommen, wenn die Nahrungsknappheit zu einer wirklichen Hun­gersnot ausgeartet wäre? Oder wenn in dem Volke, das durch Unterernährung geschwächt war, Epidemien von Typhus, Cholera oder Pest ein allgemeines Ster- ben herbeigeführt .hätten.

Und dann beachte man die Gefahrest der Revolu­tion. Wir haben ja schwer gelitten und bitter geklagt unter den ewigen Streiks und vielfachen Unruhen. Bei ruhiger Ueberlegung müssen wir aber doch gestehen, daß wir am Rande de; Abgrundes bisher glimpflich borbeigekommen sind. Die große Umwälzung vom vori­ge«-November ist unblutig verlaufen. Das war mehr

Unpolitische Zeitkäufe.

kl. Ber ! in, 8. Oktober 1919.

Wieder einmal Volkszählung.

Früher machten wir diese Liste mit Lust und Stolz; denn wir wußten, daß ein schöner Zuwachs an Bevölke­rung sich ergeben würde. Jetzt mit Wehmut; denn wir denken in erster Linie an den Verlust in den Schicksals- jahren.

O, diese Lücken, die der Krieg in die Zähllisten Gerifien hat.

Erstens fehlen die gefallenen Helden, un­sere Söhne, Brüder, Gatten und Väter, die bei der letzten Volkszählung von 1910 noch den Stolz und die Hoffnung der Familie bildeten und heute im Grabf ruhen, zumeist in fremder Erde.

. Zweitens die Massen von wehrlosen Mitmenschen, die infolge der schlechten Ernährung, der Angst und deS Grams vorzeitig erkran'kk und gestorben sind.

Drittens die Kriegsgefangenen, die noch nicht h e i m k e h r c n konnten. ES bleibt uns freilich noch' die Hoffnung, diese wiederzusehen; aber das Warten sst doch peinlich.

Viertens die bisherigen Mitbürger in den v e r l o- eenen Reichsteilen. Werden tie noch jemals uns zurückkehren? Auch im günstigsten Falle wer­den die meisten von unS eS wohl nicht erleben.

Fünftens noch die Kinder, die infolge der KriegS- ncte und Kriegswirren nicht geboren worden sind. Tas ist ein sehr beträchtlicher Verlustposten, der uns Deutsche besonders schmerzlich trifft, weil wir früher Tm Punkte der Volksvermehrung noch einen recht ehren- dollen Platz einncchmen.

Do wird bei der Ausfüllung der Listen mancher ^uf*er ertönen, manche Träne rinnen, manche Wunde teber cmfgerissen werden. Und wenn die Ergebnisse sstzfgerechnet werden, so werden wir gedrückt dastehen ein Kaufmann der an ter Jahresbilanz statt des Kirchen Gewinne! einen bitteren Verlust feststellen

Nun, bte Bilanz ist dazu da, daß sie die Wahrheit M und Klarheit schafft. Ter brave Kaufmann ver- lNleiert nicht und fälscht nicht. Er rechnet ehrlich auf, P»8 er noch hat und waS er nicht mehr hat, um sich ^wgemäß einzurichten. Ihn schmerzt der Verlust, aber et atmet. auf, ipenn er sieht, daß sich die Sache doch ss^ch halten läßt, daß die Scharte doch noch auSgewetzt s^-rten kann. So auch wir, wenn diese nationale St* ergibt, daß das deutsche Volk noch leben^ssähig ge« Uecen ift. So lange daS Vaterland nicht den Kon­kurs anzumelden braucht, wollen wir nicht verzagen.

Die Abweisung deS LrebeSwerbens.

Es ist schon mehrfach auf die Rolle hingewiesen worden, die Philipp Scheidemann, der ehemaltge Ministerpräsident und gegenwärtige sozialdemokratische Varteisührer, neuerdings in der Politik zu spielen ver­sucht Er begann sein Wiederhervortreten aus der nach seinem Rücktritt gebotenen Zurückhaltung mit seiner bekannten Kasseler Rede, in der er sich auf den linken sisüqel im mehrheitssozialistischen Lager, genauer ge­tagt an die Spitze der Opposition, stellte. Er hat als gewandter Politiker erkannt, daß, wenn man jetzt als dMikcr Zulauf haben will, man nur mit Opposition ^was machen kann, nachdem ein erheblicher Teil der Mehi-heitssozialisten, teils aus diesen, teils aus jenen gründen, nach links abzuschwenken droht. Deshalb sein Liebeswerben um die Einigung mit den Unab­hängigen, deshalb sein hier mehrfach erörterter Stand­punkt über die einseitig sozialistische Regierupgsform, sein Bekenntnis zurreinen Arbeiterregierung". In gerader Fortentwicklung dieses Standpunktes bewegte sich auch die Rede, die er am Dienstag in der Na­tionalversammlung bei Gelegenheit der Aussprache über die Kanzlerrede hielt.

Scheidemann gefährdet zwar mit einer.solchen Po­litik die C uudlage der gegenwärtigen Regierung; aber er riskien alles in der Spekulation auf die nächsten Wahlen. Die sozialistischen Mitglieder der gegen­wärtige". Koalitionsregierung können natürlich diese verwegene Taktik nicht mitmachen. Aber sie lieferten doch Wasser auf die Mühle Schcidemauno, als sie tn der Nationalversammlung sehr heftige Angriffe geaen die Deutschnationalen und gegen die deutsche Volks- oattei richteten, fo daß der Eindruck entstand, der Feind der Ordnung stehe eigentlich nicht links, fondern rechts.

Diese gefährliche Frontverschiebung ist nun zum Stillstand gekommen; das Liebeswerben nach links hat schnell seine Abweisung erhalten. Innerhalb und außer­halb des Parlaments.

Der Abg. Dr. Cohn, der am Donnerstag an Stelle von Haase das Wort in der Nationalversamm­lung ergriff, erklärte schroff, der Kurs der Unabhängigen bleibe der alte. Auch die Lockrufe Scheide­manns würden sie nicht rühren, das seien nur Wahlmanöver. Er zog dann weiter schonungslos über .Ebert, Noske und die ganze Taktik der Mehrheits­sozialisten und forderte als Vorbedingung den Verzicht auf die Koalirionspolttik, d. h. die glatte Unterwer­fung der Mehrheitssozialisten unter das Kommando der Unabhängigen. Dazu kamen die alten Angriffe und neue Verdächtigungen gegen die Ostpoli­tik der Regierung, obschon doch der Redner und seine Genossen wissen, baß sie dadurch die Lage des Vater­landes gegenüber der Entente verschlechtern.

Die. Folge dieser STampfrebe war, daß der Reichs- weyrminister Noske sich und seine Genossen vertei­digen mußte in einer scharfen Abrechnung mit den unabhängigen Hetzern, wobei er ihnen mit Recht ihr rachsüchtiges Denunzieren und ihre nationale Würde­losigkeit ZUM Vorwurf macht.

Wenn diese Auseinandersetzung noch nicht genügt hatte, den Mehrheitssozialisten klar zu machen, daß sie mit ihren Anbiederungsversuchen bei den Radikalen nur Hohn und Spott ernten werden, dann besorgte am Freitag der unabhängige Abg. Henke die Aufklä­rung umso gründlicher. Daß seine Rede eine maßlose Hetzerei war, die von heftigsten Angriffe» strotzte, fällt nicht mehr auf. Das Schmähen und Lästern gehört bei den Unabhängigen zum politischen Handwerk; sie wollen die Instinkte der Massen zur Siedehitze bringen, aus der der Bürgerkrieg au ff lammen muß. Bemer­kenswerter war, daß sich die Aufgeregtheit des Red­ners vor allem gegen die Mehrheitsfozialiften entlud, daß er das Tischtuch zwischen den Rechts- und Links­sozialisten gründlich auseinanderriß. Aber wer die Rede Henkes im heutigen Parlamentsbericht nachliest, wird nicht glauben, daß die Unabhängigen mit Scheidemann und Noske sich so bald einigen werden.

Herrische Nationalversammlung.

Sitzung vom 10. Oktober.

Auf der Tagesordnung stehen zunächst Anfragen.

Auf eine Anfrage des Abg. Dr. Heintze (D. 23p.) wird regierungsseitig geantwortet, daß dahin gearbeitet wird, daß auch die öffentlichen Kassen sich des bargefötofen Geld­verkehrs bedienen.

Eine Anfrage des Abg. Dr. Traub (Dn 23p.) wegen der Ermordung der deutschen Frau Biarch aus Mainz durch einen farbigen französischen Soldaten wird damit beantwortet, daß Ermittelungen darüber im Gange seien.

Auf eine Anfrage des Abg. Schmidthale (Dem.) wegen V r e n n h o l z o e r s o r g u n g auf dem Laude in genü­genden Mengen und zu. erträglichen Preisen wird mitge­teilt, daß das Reich und die Landesregierungen alle Be­strebungen unterstützten, um genügendes Brennholz zu be- fchaffen und dem Wucher damit entgegenzuwirken.

Wg. Beuennann (D. 23p.) fragt an, was geschehen soll, um den au» den besetzten Gebieten vertrie­benen Deutschen zu Wohnungen zu verhelfen, welche beeinträchtigt würden durch den Zustrom von land­fremden Russen und anderen Ausländern, deren Zahl allein in Berlin 75 000 betrage. Ein Regierungsoer­treter antwortet, den vertriebenen Deutschen stände eine Vorzugsbehandlung zu. " Die Gemeinden könnten ermäch­tigt wenden, den Abschluß von Mietverträgen vom Miets- einigungsamt abhängig zu machen, wodurch der fremden Einwortaerung der Zustrom unmöglich gemacht wurde. Paßvorschriften für di« Ostgrenzen seien erlassen.

Hierauf wird die politische Aussprache fortgesetzt.

Abg. Bolz (Ztr.): Herr Dr. Cohn totrD gestein selbst den Eindruck gehabt haben, daß seineEnthüllungen" nichts Besonderes für uns waren. DaS innere Regie- runaSprogramm ist ja im Wesentlichen bon ben Oppo­sitionsparteien nicht angefochten worben. Die Monarchie ist ohne unser Zutun zusammengebrochen, aber ihre Wiederausrichtuna ift eine Unmöglichkeit Wir unter»

Sie ItWlbfrage 'N Berlin. Zu Ende des vorigen und zu Anfang dieses Jahres zogen in Berlin dir Kellner, nachdem sie einige Wochen die Großstadt mit dem Kellnerstreik geplagt hatten, in langen Kund- gebiingszügen durch die Straßen Berlins, erhoben em großes Entrüstungsgefchrei, erklärten, das entwürdi­gende Trinkgeld müffe ein Ende haben, und verlang­ten feste Gehälter. Das Publikum war gerührt, die Easthausbefitzer gaben nach. Sie erklärten zwar, sie müßten, um der Forderung der Kellner nachzukom­men, bei allen Preisen 10 v. S). aufschlagen, was kei­neswegs der wegfallenden Trinkgeldbelastung entsprach, denn es haben ganz und gar nicht alle Leute die Ge­wohnheit gehabt, das Trinkgeld auf eine Abgabe von 10 v. H. abzugrenzen. Gläubige Gemüter konnten an- nehmen, es fei nun alles in Ordnung, und mittels der 10 v. H. würden paradiesische Zustände im Gast­hausleben e'mtreten. Wie aber kam es? Es muß zugegeben werden, daß einige Gasthäuser so viel An- standsgefühl hatten, nachdem sie dem Publikum nun einmal die 10 v. H. abgedrungen hatten, auch ihrer­seits für ebenso höfliche und zuverlässige Bedienung zu sorgen wie früher. Bei recht vielen war das aber nicht der Fall, und das Verhalten der Kellner in man­chen Lokalen kam ihnen dabei nur zu sehr entgegen. Ihnen schienen das fest» Gehalt und die Wiederein­führung des Trinkgelds ein ungemein verlockendes Ziel, dem sie durch entsprechende Behandlung der Gäste entgegen,tuftreben suchten. Und die dumme Protzerei vieler Wirtshausgäste, insbesondere aus Spie­ler- und Schiebcrkreisen, kam ihnen dabei zu Hilfe. Diese gaben nämlich immer ein Trinkgeld, obwohl Anschläge im Wirtshaus und Fußnoten auf den Speisezetteln deren Annahme verboten. Ebenso na­türlich wat cs, daß dann die Kellner das Trinkgeld einsteckten. Daß die Bedienung für die Gäste, dis darauf halten, kein Trinkgeld zu zahlen, nicht bei alle« Kellnern die beste ist, kann man sich denken. In den Gasthöfen hat der Versuch, ohne Trinkgeld auszukom­men, meistens einen noch größer» Mißerfolg aufzu­weisen gehabt. Hier hat man vielfach einen Zuschlag von 25. v. H. zum Zimmerpreise erhoben, aber daß deswegen das Publikum im Hotel ohne Trinkgelder auskommen könnte, ist einfach rin Wahn. Reuerdingq

stützen bie Forderung StresemannS, baß das parlamen­tarische System tm wesentlichen auf die Minister be­schränkt bleibt und daß daneben ein fachlich borge- bildcteS Beamtentum vorhanden ist. Heber die Be­triebsräte ist daS letzte Wort noch nicht gesprochen. ES darf nicht dazu führen, daß auf einem Umwege daS sozialistische System in die Betriebe eingesührt und da- mit dem SpaitakiSmus Vorschub geleistet wird. Das Recht auf etne bestimmte Leistung für den Arbeitslohn ift nur durch das Akkord- oder Prämtenshstent gewährleistet Besonders' in den staatlichen Betrieben muh bon der reinen Taglohnarbcit wieder abgegangen werden, schon mit Rücksicht auf die Behebung der Koh- lennot. Die Annäherung unserer Preise an die Welt­marktpreise wäre durch Wiedereinführung der freien Wirtschaft sehr schnell zu erreichen. Aber bei unse- rem Geldmangel und bei den Tranlportschwieri^ketten wär» auch durch die freie Wirtschaft nicht «Kel herbeizuschaffen, was wrr zum Leden nötig Haden. Die Einfuhr muß beschränkt, die Verwen­dung unserer Zahlungsmittel koniralliert und durch Zwan» dafür geforet werden, daß jeder wenigsten» da» Allernotwendigste hat. Die Zwangswirtschaft muh nach Möglichkeit abgebaut werden. Das ist aber tn der LebenSmittelbersorgung noch nicht möglich. D'.e statistischen Unterlagen für unsere Ernährung haben sich fast durchweg als falsch erwiesen. ES ist sehr wohl möglich, jedem Verbraucher ein genügendes Quantum zu sichern und doch den Bauern noch einen Teil zur freien Verfügung zu lassen. Ein Staats banke­rott ist deshalb eigentlich unmöglich, weil wir tn der Hauptsache Gläubiger und Schuldner in derselben Per­son sind. Würde er aber cintrctcn, so bedeutete da? unseren bölligen Zusammenbruch. Die Not wird uns dazu zwingen, aus dem Etat jeden Posten zu streichen, der nicht absolut notwendig ist, um die Staatsmaschine im Gang zu halten. ES wird leider auch nichts mehr für wohltätige und wissenschaftliche Unternehmungen übrig, bleiben. Genen die Abwanderung des Kapi­tals ins Ausland sollte jedes Mittel ergriffen werden. (Beifall beim Zentrum).

Abg. Hcnfe (Unabh. Soz.): Die Einwohnerwehren berfolgen gänzlich kapitalistische und monarchistische Ziele. Das Verbot derFreiheit" ehrt dieses Blatt. Sie soll durch Lügen Unruhen Herborzurufen gesucht haben. Dann hätte Herr NoSke schon längst seins Entlassung nehmen muffe», da er selbst so viel gelogen hat. (Unruhe.) Wenn Herr Noske beraubtet, es gäbe keine Mörderzentrale in Deutschland, so ist das scham­los. (Ordnungsruf.) Weil die Herren Bauer, Ebert und Noske ihre Ruhe haben wollen, deshalb wird die Freiheit" verboten. .Herrn Scheidemann rnuf; tdi sagen imte, diesen Umständen ist uns eine E i n i. gung mit Ihnen nicht möglich. Eine Eini­gung mit Noske, mit feinen Freunden: Pfui Teufel' (Zustimmung bei den Unabh.) Das ganze Sinnen und Trachten von Noske ist daraus gerichtet, die Ar­beiter zu entwaffnen und die Kapitalisten wieder zu bewaffnen. .Herr NoSke hat gegen den Friedensver- trag verstoßen, weil er sogar Schülerverenrr bewaffnet hat. Wenn man die bewaffneten Bauern- und Krie- getoeretne und Einwohnerwehren zusammenzäM, dann wird man finden, wieviele Leute noch in Deuifchlanft. bewaffnet sind. Viel mehr als eine Million Menschen sind Herste betröffnet, itm nicht nur die Arbeiter zu ent­rechten, sondern auch, um die Monarchie wieder herzu- stellen. (Wg. Kahl; Treten Sie doch als Aufsichts- Mitglied in die Entente ein!) Gewiß, das Aus­land soll das alles wissen, gerade deshalb sage ich e; ja. (Großer Lärm bei einem großen Teil deS Hauses. Von den Bänken der Mehrheits­sozialisten wird den Unabhängigen zugerufen: Sie wollen also die franz Lsis ch « S o l d a t e S ka auf uns Hetze nl). DaS, was ich gesagt habe, ist die Wahrheit. (Pfuirufe und Widerspruch.) Die Eini­gung des Proletariats wollen wir auch, aber nur auf dem" Boden des unbegrenzten KlassenkampfeS, nicht auf dem Boden der 23erfutnpfung, die bei den MehrheitS- fozialdemokraten zu bemerken ist. UnS trennen nicht Kleinigkeiten, sondern uns trennt eine Del't- anfchauiung von der M e h r h e i t s f o z i al., d e m o fr a t i e. Herr Scheidemann hat fein Verständ­nis mehr für die Erfordernisse der Arbeiterschaft. Un­ter diesen Umständen kann feine Rede davon sein, daß wir uns verständigen zu gemeinsamer Arbeit. Dor allem will Herr 23-auer den Klassenkampf unter* binden. Allgemeine Jnteress-n werden in den Vorder, gründ gerütfl, um Kapifalisdeninferessen zu bienen. Tc4 Koalitionsrecht, boi» Streifrecht sollen beschränkt

werden durch die obligatorischen Schiedsgerichte Der Streik soll möglichst eingeschränkt werden. Das ift eme weitere Abschnürung des Ktassenfampfes Der Masse streik ist das einzige und sichere Mittel, die politische Macht zu erobern. Um was eS sich im Baltikum handelt, ist nicht die Bekämpfung der Bol,chewi)ten, sondern letzten Endes das Bestreben, sich gegen revolu­tionäre Elemente Deutschlands und Rußlands ztyam- menzuschließen. Herr von der, Goltz ist ein Verräter, der monarchische Umtriebe plant. Herr Noske kann die Truppen nicht zur Rückkehr zwingen. Eine Plche Ohnmacht nimmt der jetzigen, Regierung allein chon jede Eriftenzberechtigung. Die Regierung soll etzt sehen, wie sie die Truppen herausbringt. NoSke oll die Suppe auSlöffeln, die er sich eingebrockt hat. Wir scheu nicht in der Negierung, wir tun unser- Pflicht, indem wir kritisieren.

Reichskanzler Sauer: Herr Henke sollte doch vorsch-r- gen, nm» die Regierung tun könnte, um die Truppen au» dem, Baltikum heraurzuztehen. Herr Henke hat aber ge­tagt, daß seine Partei nicht der Regierung angehöre mid deshalb nicht nötig habe, sich die Köpfe darüber zu zer- brechen. Das sst eine Auffassung der Pflichten eines Ab- geordneten, die ich aufs Schärfste mißbilligen muß. Jeder Abgeordnete hat die Pflicht, dem Lande zu dienen und alle feine Kraft zur Verfügung zu stellen. Aber ixt* auf kommt es den Unabhängigen ja gar nicht an, sie treiben nur Hetze um jeden Preis. Die Regierung ist gern bereit, sämtliche unabhängigen Abgeordneten in da Baltikum zu schicken, damit sie dort ihren Einfluß geltend machen kön­nen. (Große Heiterkeit im ganzen Hause, lebhafter Wi­derspruch bei den Unabhängigen.) Dauer (forifahren): Sehen Sie, wenn Sie eine positive Arbeit leisten sollen, dann drücken sie sich. (Lebh. Heiterkeit.) Herr Henke, der selbst über eine Rüdigkeit des Tones verfügt, rote sie h'.er im Hause noch nicht angeschlagen worben ist, hat wirklich nicht dir Legitimmion, dem Reichswehrmimster wegen der Schärfe seiner Worte Vorwürfe zu machen. Das Verbot derFreiheit" sst erfolgt wegen ihrer maßlosen verhetzen- den Berichterstattung über das Attentat gegen Haase. Dieses Attentat ist von allen Parteien einmütig und ohne Unterschied verurteilt und bedauert worden. Der Alten, tätet hat zu keimt politischen Partei Beziehungen gehabt als zu den Unabhängigen und Kommunisten, bereit Welt­anschauung er verschiedentlich in der Oesfenilichkeit oer- treten hat. DieFreiheit" hat das Attentat agitatorisch ausgenutzt und damit eine Verhetzung der Massen getrie­ben, rote sie schmählicher gar nicht gedacht werden kamt. (Unruhe bei den Unabhängigen.) Es gibt keine niedrigere Art der Agitation, als die Tal eines Schwachsinnigen po- litifch auszuschlachten. (Zustimmung im ganzen Hause.) Was danach geschieht, wenn erst die Massen durch solche Agitation wieder in Kämpfe hineingeirieben sind, das ift den Herren, die hinter dem Schreibtisch in Sicherheit sitzen, völlig gleichgültig, Herr Henke hat dann behauptet und er hat ausdrücklich gesagt, daß es ihn nicht im min­desten kümmere, welchen Eindrucks seine Mitteilungen tm Ausland machen würden daß bte Einwohnerweh­ren eine heimliche Verstärkung unserer Armee seien und wir dadurch ein Heer von mindestens IzOOOOO Mann unter Waffen flehen hätten. Ich kann demgegrn- Ü6er nur feststellen, daß bte Kopfzahl bet Reichswehr gegen­wärtig nicht mehr al, 400 000 beträgt. Sie Einwohner­wehr ist nicht bewaffnet. Ihre Waffen befinden sich ht Verwahrung und werden nur tm Falle der Gefahr Qusgegeben. Sie leistet nur Poltzeibienste und hat die Ausgabe, für Ruhe unb Ordnung zu sorgen. Auch tn England ist man dazu übergeoangen, derartige Einwohner- wehren zu schaffen. Herrn Henkes Erbitterung auf bte Einwohnerwehren ist allerdings begreiflich, wenn matt sich baren erinnert, baß es bie Einwohnerwehr war, bte Herrn Henke» Herrschaft in Bremen gestürzt hat. Wem» gerade dieser Herr sich über bas Verbot derFreiheit und die Unterdrückung der Pressefreiheit auf regt, fo muß bas eigentlich Wunder nehmen, denn als Herr Henke m Bremen bie Herrschaft ausübte, da hat er nicht nur bte mehcheitssozialbemokratischen Zeitungen unterdrückt son­dern sogar Rebakienre mit dem Erschießen bedroht, für den Fall, daß sie gegen feine Politik schreiben sollten. Die ge- schulten gewerkschaftlichen Arbeiter werben der Putschtaktir de» Herrn Henke nichi Folge leisten. Ich will keinen Ar» beitszwang einsübien, aber die Regierung wurde ihre Pflicht vernachlässigen, wenn sie nicht mit aller Macht geaen bre Drückebeiger verginge. (Bestall.) Die kommu- niftischen Hetzer mutz man.unschädlich machen fBeifall), wenn sie Sabotage und Streiks predigen. Auch die Rechte hal hierbei Schuld, indem sie die Autorität der Regierung untergräbt. (Sehr richtig und Beifall.)

Abg. Dr. Heluhe (D. 23p.): Das Volk mutz zum Monarchistischen Gedanken zuruckgefuhrt