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I 4 A <rt< A I Derlaa der Fuldaer Acflenbruckerei in Fulda. Preis monatl. I 46. 3dhtQ

5tClIilQ I V« URlOÖCt | 1,10 Mk. Fernspr. Nr. 9. Telegr.-Adresie: Fuldaer Zeitung. I -

«raf Berchtolds Verteidigung.

Gras B e r ch t o l d, der Wiener Minister des Auswärtigen in den Schicksalswochen von 1914, ver­öffentlicht in der WienerNeuen Freien Presse" eine Verteidigung gegenüber den Enthüllungen über die kriegerischen Politik der damaligen österreichisch-ungari­schen Regierung.

Was er erreicht ist nur die Feststellung, daß er und seine Genossen nichts anderes b e ab s i ch t i g t e n, als die V e r t r i d i g u n g ihrer Monarchie. Mit Recht ladet er auf die Gegner den Vorwurf, daß sie angreifend, eroberungssüchtig vorgegangen seien, wie z. B. Italien in dem Vorstoß auf Tripolis und die Balkanstaaten in dem Kriege gegen die Türkei. Er hätte auch noch die französische Begehrlichkeit auf Marokko herrorheben können, die den Anfang der Einkreisungspolitik gegenüber den Mittelmächten bll- bete und den Grund legte zu dem Weltkriege.

Die Absicht in Wien war gut; aber die A n - sichten der dortigen Staatsmänner waren irrig, und das ergriffene Mittel war verhängnisvoller, als sie sich gedacht hatten. Sie bezweifelten die Kampffähig- krit und Entschlossenheit Rußlands und glaubten an die Zurückhaltung Englands. Für den Fall, daß Rußland und Frankreich doch Eingreifen sollten, ver­ließen sie sich auf dengroßen Bruder" Deutschland, der seine Bündnistreue erklärt hatte.

Graf Berchtold kann den Vorwurf nicht entkräf­ten, daß er und seine Genossen dir Kriegsgefahr unter­schätzt und im Vertrauen auf die deutsche Wehrkraft zu kühn vorgegangen find. Ein Stück der Verantwort- lichkeit kann er freilich auf den damaligen deutschen Botschafter in Wien schieben, auf den während des Krieges verstorbenen Herrn o. Tschirschky. Der scheint in der Tat zu den verwegensten Aktivisten ge­hört zu haben. Was zum scharfen Vorgehen förderlich war, besorgte er sehr schnell und eifrig; doch bei allen Dremsversuchen war er lästig. So hat er den Wort­laut des Ultimatums von Serbien, der ihmvertrau­lich" mitgeteilt worden war, nicht durch den Chiffre­telegraphen nach Berlin befördern lasten, sondern durch einen Kurier, so daß tatsächlich die deutsche Regierung dieses entscheidende Aktenstück nicht früher kennen lernte, als die Mächte auf der Gegenseite, und erst in einem Zeitpunkt, als sich keine Aenderung mehr an­bringen ließ. So wurde Deutschland, wie Herr von Bethman Hollweg einige Tage später richtig bemerkte, in den Weltbrand hineingezogen, ohne erst gehört wor­den zu sein.

Auch bei dem letzten Vermittlungsversuch vom 29. Juli hatten Tschirschky und Graf Berchtold es gar nicht eilig. Damals hing der Weltfrieden von jeder Stunde ab. Der englische Vorschlag (Besetzung von Belgrad und dann Verhandlungen) war am 29. Juli schon von Berlin mit der schärfsten Unterstützung wei­tergegeben worden. Erst am 30. Juli, nach einem ool- lendeten Diner, teilte Tschirschky dem Grafen Berch­told die Depesche mit. Nun wurde erst ein österreichisch, ungarischer Ministerrat angesetzt. Er fand am 31. Juli statt, weil Graf Tisza angeblich nicht eher zu haben war. Dann wurde nach Gras Berchtolds Behauptung dieZustimmung" beschlossen, aber militärisch notwen­dige Sicherungen gefordert. Jedoch nach den Akten war nur dasNöhertreten" beschlossen worden. Es war also offenbar eine verschleppende Behandlung. Die habsburgischen Staatsmänner wollten die begon­nene Aktion nicht lösen lassen. Dadurch scheiterte dieser Vermittlungsvorschlag, der dem englischen Mi- Nister Grey zur Ehre gereichte.

Das Ergebnis von Rotbuch und Gegenschrift ist und bleibt, daß die österreichisch-ungarischen Staatsmänner guten Grund hatten zu kräftigen Verteidigungs­maßnahmen, daß sie aber die Gesamtlage Euro­pas in verhängnisvoller Weise verkannt haben und auf Deutschlands Bundestreue hin verwegen vorgegangen sind.

Deutschland mußte büßen für den Irrtum und die Kühnheit des Bundesgenossen. Herrn v. Bethmann Hollweg trifft eine Schuld insofern, als et versäumt den habsburgischen Wagemut rechtzettig zu bremsen. 0

Die Heimkehr aus Frankreich.

Nach einer Pariser Meldung beginnen die allge- memen deutschen Kriegsgefangenentransporte laut Mltteilung der französischen Regierung zwischen dem V Oktober und dem L. November. Es seren 432,000 deutsche Gefangene aus Frankreich heim­zubefördern.

Die Vorgänge in Kurland.

Die Vorgänge im Baltenlande werden immer vn- toorrener. Nachdem es, wie es scheint, den deutschen Mhrern gelungen war, einen erheblichen Teil der dept- scheu Truppen zum Abzug zu bewegen, haben baltische und esthnische Streitkräfte durch Angriffe auf die Deutschen deren Abmarsch behindert und dadurch neue Schwierigkeiten hervorgerufen. Das beweist schon, » dort alles drunter und drüber gehen muß. Einer- leits verlangen die Entente und die von ihr beherrschten utnsch-csthnischen Regiemngen den Rücktransport der Deutschen. Andererseits suchen die Truppen dieser vom Verband abhängigen Regierungen den Rückzug zu verhindern. Das verstehe wer kann. Diesen eigen» "rt'gen Umstanden gesellt sich nun als weiteres über­raschendes Moment, daß jetzt zugunsten der Deutschen "Estrussische Truppen eingegriffen unö die lettisch-esthnischen Streitkräfte ?" ck g e d r ä n g t haben, um den Deutschen Luft zu Ichagen. Diese gegenseitigen Kämpfe von Streitkräften, me eigentlich nur einen gemeinsamen Feind, die Bol- 'shEWisten, kennen sollten, stellen ungefähr das höchste nw!T*t.rF,art bar, das man sich nur denken kann, gleichzeitig erläßt die sog. w e st russische Regie- des Grafen Pohlen, die in Libau ihren Sitz zu scheint, von der man übrigens bisher kaum was gehört hatte, eine Kundgebung an die deurfche Legierung, in der sie den deutschen Truppen 0nt und Anerkennung für die Errettung or dem Bolschewismus zollt, wodurch offensichtlich !,b.un2schast!iche Beziehungen zu Deutschland ausge- »rufft bezw. angefnüpft werden sollen. Außerdem Hot öl- westrussische Regierung in einer Note an die ntente von der Sachlage Mitteilung gemacht und her Crt?^nt' daß bas russische Eingreifekd zugunsten it -^Eschen auf Grün deines zwischen den beiderfei- Sen Gruppenführern getroffenen Abkommens erfolgt.

Wie aus Berlin verlautet, ist dort an zuständiger Stelle von der Existenz dieser westrussischen Regierung, in der man vielleicht nur die vorgeschobenen Strohmän­ner der aufsässigen Offiziere im Baltenlande zu suchen haben wird, noch nichts bekannt.

Auf eigene Faust nach Kurland.

AuS Tilsit wird berichtet: Eine 120 Mann starke Abteilung der Jägerregimenter 9 und 10, die in der Absicht, zu den kurländischen freiwilligen Truppen zu stoßen, die Grenze überschritten, sollt» von Rittmeister Mackedanz mit einer Abteilung Tilsiter Dragoner zurückgeholt werden. Da die Jäger sich der Entwaffnung widersehen wollten, einigte man sich, sie bewaffnet nach Tilsit zu bringen. Die Jäger- abteitung wurde in Sckreitlauken untergebracht. Gegen Morgen befreiten sich die Jäger wieder und ent- wichen nach der Grenze. Ein paar Mann wurden in der Gegend von LaugSzoSgeu festgenommen.

* Verbot derFreiheit". Oberbefehlshaber Noske hat dieQ-reibeu1, das Organ der Unab­hängigen, auf drei Tage verboten, weil sie die wissentliche Unwahrheit aufgestellt hatte, daß es in Deutschland Mörderzentralen gäbe, die hochbezahlte Mordbuben suchen, auf die das Attentat aus Haase zurückzusühren sei.

Wirtschaftliches.

Eine neue Wendung im INetallarbeiterslreik.

Gestern vormittag tagte in Berlin die angefünbigte gemeinsame Sitzung der Streikleitung der Metallar­beiter und der Gewerkfchaftskommission. Als wich­tigstes Ergebnis brachten die fünfstündigen Verhand­lungen, daß die Gewerkschaftskommission in dem Streik der Metallarbeiter einen Abwehr st reik erblickt und mit der bisherigen Streikleitung die Füh­rung des Streiks übernimmt. Ehe jedoch die ®e- werkschaften zur aktiven Beteiligung an dem Streik aufgerufen werden, soll einem neuen V e r m i 11 e lungsvorfchlag des Reichsarbeitsministers Schlicke nähergetreten werden.

Streik in der Pfalz.

In Kaiserlautern haben die Arbeiter sämt­licher Betriebe anläßlich der Verhaftung von Arbeiter­führern plötzlich die Arbeit niedergelegt.

Metallarbeiter-Streik in England.

Der Ausstand von 50,000 englischen Metallarbei­tern nimmt immer ernstere Formen an. Die ,Simei' schreiben, man müsse mit der Gefahr rechnen, daß eine Million Arbeiter der Maschinen - Fabriken zur Arbeitts-Nisderlegung gezwungen sein könnte.

Streikwut in Pommern.

Die Steikwut in der Provinz Pommern nimmt die sonderbarsten Formen an. NmKem von einem Streik im Stralsunder Krankenhaus berichtet worden fft, liegt heute die Meldung vor, daß auf der Insel Rügen ein F le i s ch e r st r e i k ausbrach. Nach einer Verordnung des Landrats sind von den Schlächtern Zuschläge für Schlachtvieh zu zahlen. Die Schlächter behaupteten, daß sie. dadurch Schaden erlei­den und haben infolgedeffen die Viehabgabe einge- stellt. Die Insel Rügen ist also vorläufig ohne Fleisch.

Ausstand in New-Aork.

20000 Hafenarbeiter haben die Arbeit niederge­legt. Die Ausfahrt der Schiffe nach Europa ist auf unbestimmte Zeit unterbunden. Ter Streik dehnt sich immer weiter aui. Nach einer anderen Lesart besinden sich bereits 50 000 Hafen­arbeiter im Ausstand. Als Gründe werden Forde­rungen nach einer Lohnerhöhung von 50 Prozent und nach einer achtstündigen Arbeitszeit angegeben.

AuS dem besetzten Gebiet.

* Abberufung ManginS. Die beiden französischen Besatzungsarmeen, deren Kommandositz sich in Mainz und Landau befindet, werden aufgelöst und die beiden , kommandierenden Generale Mangin und G e r a rd abberufen. Das gesamte französische Besatzungs­heer in den Rheinlanden wird unter das Kommando des Generals Degoutte gestellt. Die Veränderun. gen werden damit erklärt, daß sofort ntzrch der Rakifika. tion des Friedens die Verwaltung des besetzten Rhein- gebieis einer Zivilkommission unterstellt und dadurch die militärische Verwaltung entlastet wird.

* Gehästigkeit der Amerikaner. Tie amerikanische Behörde in Koblenz macht bekannt, daß der Em­pfang zurückkehrender deutscher Kriegsgefange­ner sich unbedingt auf den persönlichen und fami­liären Empfang beschränken muß. Irgendwelcher Flaggenschmuck muß entfernt werden. Falls Kundgebungen entdeckt werden, werden die verant­wortlichen Behörden sofort aus dem Amte entlassen.

* In Aachen überfielen belgische Besatzungs­truppen die Büros einer Anzahl Gewerkschaftsver­bände und verhafteten die Angestellten. Hierauf wurde in vandalischer Weise eine Haussuchung vor­genommen, wobei auS fast allen Büros die Kassen­bestände verschwanden. Angeblich handelte eS sich um die Suche nach Bolschewisten und bolschewistischen Schriften.

* In Elsaß-Lolhringen finden neuerdings wieder Masfenausweisungen statt. Der Chefrchak- feur Demange des in Metz erscheinenden Metzer Freien Journals ist v e r h a s t e t worden. Das Blatt wurde untersagt und die Druckerei geschloffen.

Deutscher Protest gegen belgische Willkür.

In letzter Zeit ist es wiederholt vorgekommen, daß deutsche Staatsangehörige auf dem rechten Rheinufer von belgischen Heeresangehörigen verhas« tet und in das besetzte Gebiet verschleppt worden sind. Tort sind sie von belgischen Kriegsgerichten verurteilt worden. Der Vertreter der deutschen Re­gierung bei der Wastenstillstandskommistion in Düsseldorf hat daraufhin dem Vorsitzenden der bel­gischen Wastenstillstandskommistion eine Note über­geben, in der gegen diese Verletzung der deutschen HoheitSrechte auf dem rechten Rheinufer schärfster Protest eingelegt wird. Wenn diese Leute Verfeh­lungen begangen haben, so fei hierfür die deutsche Gerichtsbarkeit zuständig, da sie im unbesetzten Ge­biet wohnhaft sind und die belgischen Truppen der Interalliierten Schiffahrtskommistwn keine polizei­lichen Rechte laben. Die deutsche Regierung bittet daher, die fraglichen Leute der deutschen Gerichtsbar­keit zuzuführen und das Urteil der belgischen Kriegs­gerichte aufzuheben.

* Herzog Karl Alexander von Württemberg, der jüngste Sohn des früheren württembergischen Thron­folgers Albrecht, der der katholischen Linie angehört, ist in das Benediktinerkloster in Beuron als Frater Karl eingetreten.

* Dee Breslauer Kommnniftenführer Hirsch tft nachts aus der Festung Glatz entwichen, nachdem er das Fenstergitter durchsägt und sich am Bettlaken hcrabgelassen hatte. Hirsch scheint in einem bereit« stehenden Auto entkommen zu fein.

Ter frühere König Ferdinand von Bulgarien hat sich in Mergentheim (Württemberg) angekauft und gedenkt dort dauernden Aufenthalt zu nehmen.

Zu dem Anschlag aus den Abg. Haase

wird uns aus Berlin geschrieben:

Ter Mordversuch gegen den Führer derunab­hängigen" Partei hat eine sehr große Erregung her­vorgerufen, da man im ersten Augenblick eine par­teipolitische Freveltat annehmen mußte. Der Verbrecher lauerte seinem Opfer vor dem Reichs­tagsgebäude auf, und zwar gerade an dem Tage, wo der Abg. Haase in der schwebenden großen De­batte das Wort ergreifen sollte. Es stellte sich aber heraus, daß der Mensch nicht zu irgend einerreak­tionären" Partei gehört, daß er überhaupt fein Reichsdeutscher, sondern ein Oesterreicher ist, daß sein Haß gegen den Abg. Haase in persönlichen Empfindungen wurzelt und daß er geistig minder­wertig ist.

Wesentlich trägt zur Beruhigung der Gemüter bet, daß der Mordanschlag, so ernst er auch gemeint war, nur zwei leichte Wunden durch Streisschüste herbeigeführt hat, die nach dem ärztlichen Befund ungefährlich erscheinen und eine Genesung in acht Tagen erwarten lasten.

. So hat der bedauerliche Vorfall an sich feine politische Tragweite. Bonunabhängiger" Seite wird trotzdem behauptet, daS Attentat fei nicht aus persönlichen Rachegelüsten hervorgegangen, sonderZ sei eine politische Freveltat. Haase hätte am Reden verhindert werden sollen. Er habe nämlich die Absicht gehabt, aufsehenerregende Enthüllungen zu machen über die russische Werbearbeit in Berlin, wonach sich die Vertretung einer neuen westrustttchen Negierung in Berlin befinde, die mit Koltschak und Denikin einerseits und mit der. deut­schen Regierung anderseits in Verbindung ständen. Ferner wurde von den Unabhängigen behauptet, die Regierung habe eine militärische Besetzung ihres Parteibüros und der Redaktion ihrerFreiheit" ge­plant gehabt.

DieNationalzeitung", welche diesen Austreu­ungen Platz gibt, bringt sofort ein Dementi der letzten Mitteilung von Seiten deS Reichswehr- mtnisterS. Es handelt sich, heißt es da, lediglich um Gerüchte, die der herrschenden Aufregung ihre Entstehung verdanken und die feilens derUnab­hängigen" dazu benutzt werden, um den verbreche­rischen Anschlag eines geistig Minderwertigen zu einem politischen Attentat aufzubauschen.

Was dieEnthüllungen" angeht, die der Abg. Haase angeblich in die Mittwoch-Sitzung werfen wollte, so ist eS sehr Wohl möglich, daß die russischen Gegen­revolutionäre Agenten nach Berlin geschickt haben. Damit tun sie nur dasselbe, was die russischen Re­volutionäre längst getan haben. Es fragt sich nur ob die deutsche Regierung sich mit solchen Sendlingen eingelassen hat, und das halten wir für höchst un­wahrscheinlich. Wenn der Abg. Haaie eine Ver­dächtigung in dieser Hinsicht geplant haben sollte, so wäre das erstens sehr bedauerlich, da dadurch der Entente wieder ein Vorwand gegeben würde für ihr Zwangsverfahren in der baltischen Frage, und zwei­tens wäre es sehr unvorsichtig gewesen, da dann so­fort die Gegenfrage aufgetaucht wäre, wer es denn War, der mit Radek und den sonstigen Sendlingen der Bolschewisten zusammengearbeitet hat und wo die Millionen von russischen Geldern geblieben sind.

Doch abgesehen von diesen Erwägungen liegt eS doch auf der Hand, daß eS der Gipfel der Dumm­heit wäre, solcheEnthüllungen" durch einen Mord- anfall auf den Abg. Haase verhindern zu wollen. Sogar beim Gelingen des Attentats wäre die Sache nicht unterdrückt, sondern erst recht zur Weltensaison gemacht worden.

In der heutigen Zeit der Verwirrung kann man freilich sagen: Es ist nichts so dumm, es findet doch sein Publikum. Daher ist eS nicht überflüssig, sofort auf die Ungereimtheit solcher Ausstreuungen hinzu- weisen.

Deutsche Nationalversammlung.

Sitzung vom 9. Oktober.

Fortsetzung der politischen Debatte.

In politischen Kreisen raunte man sich in den letzten Tagen zu, daß die Unabhängigen mit besonderen aufsehenerregenden Enthüllungen vor der National­versammlung erscheinen würden. Der Abg. Haase, der gestern von einer Kugel »iedergestreckt wurde, hatte da» Material in der Tasche. Sein Freund

Abg. Lohn spielte heuteHaase-Ersatz". Nachdem er dem Liebeswerben Scheidemanns auf eine sozialistische Einigung abgewinkt hatte, solange nicht die Mehrheits­sozialisten alle Forderungen der Unabhängigen bewilligen, ging er zur Veröffentlichung seiner Akten über. Eohn nimmt sich namentlich die Lage im B altikum zum Vorwurf seiner Ausführungen. Er machte Mitteilung von einem Vertrag, der zwischen Vertretern einer neugebildeten westrussischen Regierung und einem an- erblichen Vertreter der amerikanischen Bankhauses Morgan beschlossen worden sei. Danach würde der westrussischen Regierung ein Betrag von dreihundert Millionen Mark zur Verfügung gestellt. Der Vertreter deS Bankhauses Morgan habe sich nachher als ein vor. geschobener Vertrauensmann der unabhängigen sozial­demokratischen Partei entpuppt, die auf diese Weise die Zusammenhänge der Dinge aufgedcckt haben will. Cohn legt die Faksimilse der Verträge auf den Tisch des Hauses nieder. Ais er der Regierung zurief, sie wisse trotz aller Spitzel- und Locktätigkeit garnicht, was für Anzettelungen aus deutschem Boden betrieben würden, wird Cohn in einem treffenden Zuruf daran erinnert, welche Rolle er seinerzeit selbst zur Vorbe- reitung der Revolution in der damaligen russisch, bolschewistischen Gesandschaft in Berlin einnahm. Cohn schließt: Wenn die Regierung ihre Pflicht nicht erfüllen will, jo erkläre ich für meine Frennoe: Wir erheben lauten Appell an unsere Freunde in England, Frankreich, Italien und Amerika und denun- zierenihnendieEinrichtunaeninBerlinaiS Förderung reaktionärer Bestrebungen gegen Rußlcmd.

W-Hrminister Noske setzt sich ausführlich mit be». mannigfachen, in letzter Zeit mit besonderer Heftrgkett erhobenen Vorwürfen gegen die Regierung, nmncntliog gegen ihre Militärpolitik auseinander. Als er davon spricht, daß er ohne Schutzhaft und jonjtige Machtmitte nicht auskommen könne, da wir leider.immer in einem Zustande der Revolution seien, wird ihm von links das Wortleider" mehrfach erstaunt zugerufen. Dieser Vorgang erhellt blitzartig d-e Absichten, die be, der äußersten Linken! in Bezug auf d,e llufrecy.erhal. hing der inneren Unruhen obwalten Noske Jawohl, leider. Sind Sie der Ansicht' eaß die Re. volution eine Dausreinrichtung werden mutz i (Grotz. Heiterkeit.) Gegen Gewalttätigkeiten hat die Regie- rung sich zur Wehr zu setzen Scharf geht Noske ge- gen die Wühl, und Hetzarbeit der unabhängigen Presse und namentlich der BerlinerFreiheit" vor. Er zeig _ wie die Unabhängigen immer nur nörgeln um/ Vorwurf auf Vorwurf häufen, ohne bisher auch nur einen einzigen wirklich brauchbaren praktijchen Vorjch.ag iur eine Besserung der Verhältniffe gemacht zu haben. ~>or allem aber zeigte er die Gefährlichkeit ihresunwahren Kampfes gegen die Reste des deutschen Militarismus, ihre nationale Würdelosigkeit, die ihren. höchsten Ehr­geiz in täglichen Angebereien bei der Entenh wegen angeblicher Verletzungen des Friedensvertrage^ sieht. Hier erntet Noske stürmischen Beifall, msbe- sondere auch, als er die merkwürdige Art von Sozial­demokraten schilderte, di- in der französischen Kammer die Führung haben und umer freudiger Benutzung des ihnen dienstbefliflcnen, von den deuffchen Unabhängigen übermittelten Materials Arm in Arm mit den wüste- sten Chauvinisten für eine vollständige Entwaffnung Deutschlands wirken, aber keinen Finger rühren zur Bekämpfung des französischen Kapitalismus

Außenminister Müller, der dann spricht, hat es recht schwel', gegenüber der grenzenlosen Unaufmerksamkeit des Hauses sich durchzusetzen. Müller vermag nicht zu ses- (ein. Er liest alles vom Blatt ab und dem Dorlesen fehlt auch noch jeglicher Schwung. Seine Ausführungen verpuffen in ihrer Wirkung vollkommen, auch das, was er zu den unabhängigenEnthüllungen" zu sagen hat Danach sind diese aufgeregten Schilderungen nichts weiter als eigene Angelegenheiten der Unabhängigen, die sich selber in die Nesteln gesetzt haben. Die Regierung hat mit diesen Dingen gar nichts zu tun, die vorgestrige, nen Einzelheiten sind ihr nicht bekannt. Die Regierung hat noch keine rustische ober westpreußische Regierung an­erkannt. Sie wäre dazu nach Lage der Dinge gar nicht imstande. Die Unabhängigen schweigen, sie können sich ohnehin darauf verlosten, daß bei ihrer Anhangerschar die aufpuffchende Wirkung solcher parteiagitatorischer Schilderungen längst erreicht ist. .

Abg. Eisenberger (Bayer. B.-Bd.) erklärt sich im all­gemeinen mit den Ausführungen des Reichskanzlers ein­verstanden. Zur Lösung des Ernährungsproblems muß die Regierung eine Saupolitik -treiben (Heiterkeit) und die Schweinezucht fördern.

Abg. Meerseld (Soz.) wendet sich gegen die Hetzarbeit der Unabhängigen und zeigt auf Grund persönlicher Er- fahrungen ihre schwere Schuld auch an den rheinischen Loslösungsbestrebungen.

Abg. Dr. Traub (Dnail. Bp.) kritisiert eine Reche so­zialdemokratisch« Presseäuherungen. (Wiederholter Lorrn links.) Die deutschnationale Partei hat mit anonymen Handlungen und Veröffentlichungen nichts zu tun. (Zu- ruf Noskes: Die anonymen Pamphlete sind von Ihnen! Andauernder Lärm. Rufe links: Verlogene Gesellschaft!) Wir haben sie nicht bestellt. (Zurus Noskes: Das hat Herr Hergt zugegeben! Lärm.) Die Mehrzahl der Sol­daten im Baltikum will nichts als im Frieden leben und ein Stückchen Land bauen. (Beifall rechts.)

Abg. Frhr. v. Richthofen (Dem.): Das Vertrauen des Auslandes zu unserer Regierung muß gestärkt werden. Dazu trägt die Haltung der Opposition, besonders von rechts, nicht bei. Wir hätten einen früheren Termin der Wahlen gern gesehen; aber die Ausgabe der National­versammlung ist erst erfüllt, wenn wir dem deutschen Volk die Möglichkeit zm Arbeit völlig gesichert haben werden. ,

Freitag: Anfragen, Fortsetzung der Etatsberatung.

Preutzische Landesversammlung.

Sitzung vom 9. Oktober.

Bei der Fortsetzung der zweiten Beratung des EisenbahnhauShaltes begründete

Abg. Dominicus (Dem.) einen Antrag der Mehr- heitsparteien, worin die Negierung ersucht wird, eine gründliche Umgestaltung der E i se n b a hnv er. waltung und der Werkstätten, und ferner ein Lohnverfahren einzuführen, bei dem die Arbeiterschaft an den gesteigerten Leistungen interessiert wird. Vor- aussetzung für die Einführung eines jeden Akkord- und Prämiensystems solle jedoch die Mitwirkung der Arbei- ter oder ihrer Vertrauensmänner sein, sowie der Grund, satz, daß niemand weniger verdienen darf als nach dem geltenden System.

Aba. Dr. Schmedding (Ztr.): Abg. Brunner hat oe> stern schwere Beschuldigungen gegen den früheren Eisen, bahnminister Breitenbach erhoben, die durch nichts ge« rechtfertigt sind. Der Minister hat den schwersten An, forderungen, die an unsere Eisenbahnen im Kriege ge­stellt wurde«, zu genügen gewußt. Es fragt sich, ob wir für die Abgabe unserer Eisenbahnen an das Reich die Entschädigung in Gestalt einer Kapitalabfindung oder einer Rente vorziehen sollen. Ich wurde mich für die Rente entscheiden. Mit der Wiedereinführung der Akkordarbeit bei den Eisenbahnen sollte sich wohl der Versuch lohnen.

Abg. Ar. Frenhel (Dem.) sagt, die Eisenbahner mühten aushören, daS Gemeinwesen durch Streiks zu schädigen. Sie müßten VerantwortlichkeitSgefühl und Selbstzucht zeigen.

Eistnbahnminister Oeser stellte fest, daß der Min. derertrag im Voranschlag von 1919 schon mit über 2V» Milliarden tn Rechnung gestellt war, sich aber noch um etwa 634 Millionen Mark steigern werde. Im übrigen stellte der Minister den mittleren und unteren Beamten erleichterte Aufstiegsmöglichkeit in Aussicht und versprach, gegen die Eisenbahndiebstähle, für die in diesem Jahre bereit? ICO Millionen Mark an Entschä- digungcn gezahlt werden mußten, mit allen Mitteln durchzugreifen. DaS ganze Werkstättenwesen werde reorganisiert werden. Er wolle den Arbeitern dafür gern höhere Lohnzuschläge gewähren, wenn er eine Lokomotive acht Tage früher bekomme als nach der ursprünglichen Berechnung.

Abg. Paul Hoffmann (Unabh.) lehnt die Wieder- einführung der Akkordarbeit ab. DaS System' Oeser sei nicht viel anders wie da» System Breitenbach.

Minister Oeser: Die Arbeiter sollen in weitem Maße ein Selbstbestimmungsrecht bekommen.

Freitag: Fortsetzung, vorher Anfragen.

Deutsches Reich.

* Berlin. Der Kultusminister hat in einem neuen Erlaß bestimmt, daß Befreiungen von Kin­dern vom Religionsunterricht immer nur zum Be­ginn eines neuen Semesters zulässig sein sollen.

Uever die Prämien--'"'' ' ' - An­fang Nobem^ wir