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nr. 232.1

Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Karl Schütte, I für die Anzeigen: I. Porzsller, Fulda. Rotationsdruck, j ------ r III BIIMMI|WM|| u ......................IIII«

Mittwoch S. Oktober 1919. | I. Zahrg.

$er Mer Mr Sie Vslili! ier W?rx7.

Atzung der Tkalionaloersammkvng vom

In der gestrigen Sitzung der Nationalversamm­lung hielt der Reichskanzler Bauer zu seinem Etat die erwartete pclitische Rede über die Ziele der neuen Regierung. Was er sagte, zeugt von dem ernsten Be­streben der Regierung, das Volk weiterhin so gut als es dir Verhältnisse nur immer gestatten durch den Wirrwarr hindurch zu führen. Sie wird ihr Hauptaugenmerk auf die innere Befriedung des Lan­des, auf die Herbeiführung des w i r t f ch a f t s f r i e d- lichcn Zustandes richten. Das Streikrecht soll nicht angctastet werden, ober es soll mit der Pflicht gegenüber der Allgemeinheit in Einklang gebracht wer­ben und den Weg hierzu sieht der Reichskanzler in der Neuregelung des Schlichtungswesens, in der Entwick­lung zum obligatorischen Schiedsgericht. Bon bemerkenswertem Interesse war die bestimmte Erklä­rung Bauers, daß die Regierung den frühest möglichen Termin zur Vornahme der Neuwahlen auch erst für das Frühjahr 1920 gekommen steht. Der lieber« blick über die innerpolitische Lage war von hoffnungs­freudiger Zuverstchi getragen: Unser Wirtschaftsleben kommt wieder in Gang. Nach der großen moralischen Erkrankung kommt die Selbstbesinnung wieder zum Durchbruch. Außenpolitisch wird ja alles und jedes, was wir tun und lassen beeinflußt von dem Friedensvertrag und feinen zwangsweisen, von uns übernommenen Verpflichtungen. Bauer ließ namens der Negierung keinen Zweifel darüber, daß die deutsche Regierung mit aller Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit die Erfüllung der nun einmal übernommenen Verpflich­tungen sich angelegen sein läßt. Auch die militärischen Verpflichtungen sollen restlos eingelöst werden. Dazu rechnet der Reichskanzler auch die Beschränkung der Heeresziffer, die Zurückziehung der Truppen aus dem Daltenlande. Bemerkenswert war in der Rede Bauers die scharfe Front gegen rechts. Wohl ging der Reichskanzler auch mit den Unabhängigen ins Gericht, aber heftiger noch wandte er sich gegen die Propaganda der Deutsch-Nationalen. Er ließ keinen Zweifel darüber, daß er und mit ihm die gesamte Re­gierung entschlossen sind, den Kamps gegen rechts mit größtem Nachdruck zu führen.

Wir stehen nicht an, diese Entwicklung der Dinge zu bedauern. Im Interesse des Wiederaufstiegs un- seres Volkes läge es, wenn wir alle Kräfte, wo sie auch immer stehen mögen, heranzuziehen imstande wären, um die ungeheuren Schwierigkeiten zu über­winden, denen wir noch entgegegengehen.

Am Ministertisch: Erzberger, Müller, Schlicke, Br. Bell, Schiffer, Noske, Reichskanzler Bauer u. a. Das HauS ist mäßig besetzt. Die Tribünen sind ziemlich ge- füllt.

Auf eine Anfrage beS Abg. Laberrenz (Dn. Pp.) we- gen Verteilung einer Broschüre, enthaltend eipe Schil- derung der Revolution im sozialdemokratischen Sinne, an heimkehreude Kriegsgefangene wird regierungsfettig geantwortet, es sei der Regierung nicht bekannt, daß Kriegsgefangene an der Broschüre Anstoß genommen hätten. Die Schrift sei eine Aufklärungsschrift und in republikanischem Sinne geschrieben.

Es folgt die allgemeine Etatsdebatte. Das Wort «hält zuerst

Reichskanzler Bauer.

Er beginnt mit der Mitteilung bei Eintritts der Demokraten in die Regierung und einer Be­gründung des neuen WiederaufbauministeriumS. Die Neuwahlen zum Reichstag sollen zum frühest­möglichen Termin stattfinden, aber vorher müssen eine Reihe gesetzgeberischer Aufgaben dringender Art er- lebigt werden. Der Reichskanzler beleuchtet dann den gegenwärtigen Geisteszustand des deutschen Volke?. Er begrüßt freudig, daß wieder ein Ruf nach Arbeit durch das deutsche Volk geht. Es wird aber immer noch zu viel gestreikt in Deutschland. Der Streik mutz wieder daß werden, was er war: dal letzte wirtschaft­liche Kampfmittel. Die Negierüng, der ich vorzusitzen die Ehre habe, ist fest entschlossen, da? Streikrecht nicht anzutasten und den Streik aiS wirtschaflicheS Kampf, mittel bestehen zu lassen. Wenn aber die Arbeits­unlust, die eine zerstörende Erbschaft deS Krieges, im Abnehmen begriffen ist, die andere nicht minder unheil­volle steht noch in voller Blüte: Die Korruption! Noch immer hat bei unS fast alles seinen Preis und meistens einen Wucherpreis, von der Schieberware bis SU dem, was man einstens Treu und Glauben hieß. Erne moralische Erkrankung ohne gleichen gilt es hier in allen Schichten zu bekämpfen, mit allen Mitteln, mit aller Erbarmungslosigkeit, ohne irgend ein Ansehen der Person. Wir wissen, was wir besonders unseren Beamten an Schutz und Anerkennung schulden, aber gerade den unantastbaren Beamten gegenüber stad wir verpflichtet, gegen die Korruption innerhalb °es Beamtentums aufs schärfste einzuschreiten, um es wreder zu dem zu machen, was es war: wne Körperschaft von sprichwörtlicher Unbestechlichkeit. *><e parlamentarische Tätigkeit dieses Winters wird in Kroßem Umfange in der Feststellung der Rechte brt lv-rtichaftlich Schwachen, vor allem der Arbeiter, stehen. Recht und Rechte verlangt die Arbeiterschaft in dem Umfange, wie es ihrer Bedeutung für das Volksganze «ukommt. Der Redner verweist auf die Gesetzent- würfe über die Betriebsräte une über die Wirt- ichaftsräte.^ Die Wahlen zu den Betriebsräten wllen möglichst schon im Anfang deS nächsten Jahres fatttfi.iben können und die Wahlen zu den WirtfchaftS- raten^vielleicht schon einige Wochen später. Wir müssen das Streikrecht mit dem Gesetz der Pflicht gegen­über der Allgemeinheit in Einklang bringen. muß eine Schlichtungsordnung, deren Ent- °utf un ReichSministerium bereits vorliegt, die RechtS- F.atantien für ordnungsgemäße Einsetzung btt Schlich- tungsausschüffe und für ein geregelter Verfahren feft« «ßen. Das letzte Ziel dieser Entwickelung ist daS ob. iigatorische Schiedsgericht, das die Streiks auf

äußerste Maß und die schwersten Fälle beschränkt, ^er Reichskanzler behandelte dann die Fürsorge für £e KriegSb eschädigten durch Einstellungszwang, «us-estaltung der Militärrenten nicht nach Dienü- Srad, sondern nach sozialen Gesichtspunkten und £urd} Ansiedlung. Nach einer Würdigung der sozialen Errungenschaften der Nevclution, deren Sicherung zu "folgen habe (so durch ein s.Stu»dentaisgesetz), ging ®.er Redner aus die Arb eitslosen unterstützun g km, bte durch die gesetzliche Arbeitslosenversicherung nvgelöst werden solle Die Gemeinden muhten vielmehr ?.= bisher NotstandSardeiten Anridjtcn und den Leuten, le eine ihnen zugewiesene angemessene Arbeit ablehnen, ne Unterstützung entziehen. Zur Linderung der Kohlen-

Und große Vorkehrungen getroffen. Im Ruhrrevier g für 20 000 Arbeiter Platz geschaffen. Ihre Anwerbung M bereits begonnen. Für weiteren Zuzug mstssen erst Wohnungen vorbereitet werden, Für die wirtschastl. Wie­

deraufrichtung muß ein großes ^Programm durchgeführt werden. Kein Hindenburgpeogramm mitWucher. uSchie- bergewinnen, wohl aber ein Programm der gemeinsamen arbeit beS ganzen deutschen Volke». Wenn un$ nicht eine Steigerung der Arbeit, vor allem in den Eisen, bahnwerkstätten. gelingt, dann können wir Kohle und Industrie nicht in fruchtbaren Zusammenhang bringen. Fast überall in bet Welt außerhalb unserer Grenzen ist wieder eine Propaganda am Werk, die uns den Friedenswillen abfpricht, die immer Imperialismus und Vertragsbruch in unseren Handlungen und Einrichtungen wittert. Den meisten Mißdeutungen und Ve dächtigun^en ist die militärische Institution dec Republik ausgesetzt: die Reichswehr. Wir brauchen heute Truppen noch, mn im Innern die Drtmung auch gegen Gewalt aufrecht zu erhalten, unb um dort eine Vorwegnahme der Ent­scheidung zu verhindern, wo nach dem Friedensvertrag eine freie, unbeeinflußte Dolksabsstimmung Über das künftige Schicksal deutscher Landesteile entscheiden soll. Dor dem Inkrafttreten des Friedensvertrags ist die Herabminde- rung des Heeres auf die vorgeschriebene Mindeststärke nicht möglich. So haben wir heute noch rund 200 000 Mann im Innern und fast ebenso viel an den östlichen Grenzen stehen. Wie alle unsere Einrichtungen, so be­findet sich auch die Reichswchr in einem Zustand der Um­bildung, der Anpassung cn bte junge Republik. (Eine Dolkswehr, das ist unser Ziel. Auf reas stutzt sich nun das Märchen vom angeblichen deutschen Militarismus? Das Ausland kann sich nicht so schnell hineindenken in die Tatsache, daß die immer vorhandene pazifistische Ge­sinnung in Deutschland die Führung an sich gerissen hat. Aber das Schlimmere ist, daß dem Ausland aus Deutsch- land selbst von rechts und von links das Bild der Re- publik gefälscht wird. Ich erkläre daher mit aller Deut­lichkeit und mit allem Nachdruck: Es ist unser Bestreben, den Friedensvertrag nach Kräften und in allen Teilen zu halten unb zu erfüllen. In ganz besonderem Maße gilt bas aber von den militärischen Bedingungen. Zwei Monate nach der Ratifizierung soll das Deutsche Heer nur noch 200 000 Monn betragen; also wird es nur 200 000 Mann betragen, nicht einen mehr. Heraus wollen wir ans dem Baltikum mit allen Mitteln. Der Aufruf der Regierung an die Trap­pen im Baltikum hat, so denke ich, eine deutliche Sprache gesprochen. Ich bin überzeugt, unsere Maßnahmen wer­den zu einem Erfolge führen, um so schneller, wenn die Entente unseren Vorschlag annimmt, eine Kommission mit uns zu bilden, deren Aufgabe es wäre, die Maß­nahmen zur schleunigen Durchführung zu treffen, zu über- wachen und durchzufetzen. Gegen das Ultimatum mit der fürchterlichen Drohung hat die Reichsregierung schärffie Verwahrung eingelegt, daß aufs neue solche unmensch­lichen Kriegsmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung an« gewendet werden. Von dieser Stelle aus nehmen ich diesen Prolest noch einmal auf. Weil außerhalb des Machtbereichs der Republik, die mit allen Mitteln mili­tärisch ohnmächtig gemacht wurde, Söldner ihrer egoisti­schen Abenteurerlust nachgegangen sind, soll aufs neue der deutschen Frau und dem deutschen Kinde das bischen Fett und Milch abgebröckelt werden, das unser verarmtes Va­terland außerhalb der Grenzen kaufen kann. So haben wir uns den Anbruch der Aera des Völkerbundes nicht gedacht! Der vom ganzen Volke fo Ignge er­sehnte Rücktransport unserer K r i e as, a.e f a n» g e n e n hat endlich begonnen. Außerordentlich ichmcrz- lich ist es aber, daß er erst so geringe Fortschritte gemacht hat. Daß zahlreiche Dolksgenoffen von uns gerissen und daß andere verhindert werden, sich uns anzugliedern, auch das müssen wir ertragen, denn wir wollen den Friedens- vertrag loyal durchführen. Was uns aber kein Frie- densvertrag nehmen kann, ist das Gefühl der natio­nalen Zusammengehörigkeit. Unsere deut- scheu Stamrnesgenossen, die künftig von uns getrennt sind und getrennt bleiben, sollen wissen, daß mir auf den Ge- bieten, die uns der Friedensvertrag übrig läßt, für sie sorgen. Ich muß zum Schluß auf den Anteil zurück- kommen, den die Deutfchnationalen an der Welt- Vergiftung haben, die uns bei jedem Schritt hemmt. Im Auslände hat man sich jahrzehntelang daran gewöhnt, in den Aeußerangen der Rechten die für die Reichspolitik maßgebende Stimme zu hören. Das macht ihre Auslas­sungen, so bedeutungslos sie für den Kurs der Republik auch sind, so überaus gefährlich. Ich frage die Herren von der Rechten: Können und wollen Sie die Serantmnriung für diesen gefährlichen Wahnsinn übernehmen? Ist das überhaupt noch Politik oder nur noch Irrenhaus? Eine angebliche Vaterlandsliebe, die sich so äußert, die dem Gegner solche Waffen in die Hand drückt, die darf man nicht frei Herumlaufen lassen. Wir dulden nicht, daß einige Schmierfinken das deutsche Volk in neue Fährlichkeiten bringen und seinen Leumund vor der ganzen Welt aufs neue untergraben. Wer sich zu diesen Artikelschrerbern und vor sie stellt, der ist für uns ein Feind des deutschen Volkes. Ich möchte sehen, wer sich ausschließt von der ungeheuren Mehrheit der Regierung, wenn die Reichsregierung getreu ihrem außerordentlichen Prsgramni ihren Ruf ergehen läßt für den friedlichen^ Aufbau, für die Völker­verständigung gegen die gewissenlose Brunnenvergiftung des Chauvinismus.

Bei seiner Erwähnung beS Streiks fand der Reichs, kanzler den Beifall der Linken, ebenso bei der Erwäh­nung des MißbrauchS der Nibeitslosensürsorge. Linke unb Zentrum stimmten seiner Aufforderung zu, bte Arbeit in ben Eisenbahnwerkstätten zu steigern, ebenso seinen Ausführungen über die Reichswehr unb feinen Protest gegen die neu angedrohte Blockade. Sein Dor. stoß gegen die Deutschnationalen fand Zustimmung bei ben Mehrbeitsparteien, znm Schluß Beifall bei bei Mehrheit, Zischen rechts, wiederholter Beifall bei der Mehrheit.

Abg. Petersen (Dem.) legt die Gründe der demo­kratischen Partei für bereit Wiedereintritt in die Re­gierung bar. Sie seien vor allem vaterländische Gründe, die über dem Parteisiandpunkt stehen. Redner wendet sich in längeren Ausführungen geaen die Rechte. Poli­tische Streiks müssen veihindrrt werden; wir verlangen Schutz gegen jeden TerroiSmuS. Dem Handel müssen unnötige bürokratische fkesseln abgenommen werden, die nut zu Umgebungen des Gesetzes verleiten. Da? Kapital muß derangewgen werden zur Deckung der Verpflich. tungen des RetchS; aber es muß soweit geschont wer. den, daß nicht daS ganze Wirtschaftsleben unterbunben wird. (Beifall.!

Abg. Scheidemann (Soz.): In der sachlichen Beurtei­lung des uns aufgezwungenen Gewalffriodens besteht keine Differenz zwischen Dauer und mir, und ebenso nicht zwischen den Parteien dieses Hauses. Ich freue mich, daß die demokratische Partei- den Weg zur positiven Ar- beit zurückgefunden hat, auch weis die Regierung vor allem stark sein muß gegen rechts. Der Feind steht rechts. Ich wollte, ich könnte sagen, er steht nur rech's. Ich richte den dringendsten Appell nach links, die Arbeiter möchten sich nicht selbst zerfleischen (Ahn! rechts), damit die Wah­len eine sozialdemokratische Mehrheit bringen. Vorläufig hindern die unabhängigen Führer jede Einigung. (Lär- mende Zurufe bei den Unabhängigen.) Die Soldaten in Kurland müssen gehorchen lernen. Die Volksgenossen, die Siegermacht von uns trennt, bleiben doch b:t unfrigen. (Beifall.) Wir verzichten auf gewaltsame Wiedererobe- rangen; aber darum muß ein anderes Mittel einsetzen, die Revision dieses Friedens. (Beifall.)

Abg. Graf Pofodowsky (Dnatl.): Menn die Wahlen einmal eine monarchisch gesinnt« Mehrheit bringen wür­

den, so wäre die Wiederkehr einer Monarchie nicht un- möglich; aber eine solche Monarchie müßte vieles aus dem jetzt Bestehenden übernehmen. (Hört, hört!) Jetzt denken wir an keinen 18. Brumaire: uns sehlt vor allem ein Napoleon, der aus einem sieg-eichen Kriege zurück­kehrt. Solche Bestrebungen unterstellt man uns nur, weil man doch jemand haben muß, gegen ben man polemisiert. Das Recht ber Betriebsräte, bei Einstellungen unb Ent­lassungen mitzusprechen, bedeutet eine unerträgliche Be­schränkung ber Rechte des Unternehmers. Warum zwingt man nicht ben Arbeitslosen, ber Unterstützung verlangt, jede Arbeit anzunehmen, die seinen körperlichen unb gei­stigen Fähigkeiten entspricht?

Abg. 3oos (Zentr.): Durch den Wiedereintritt der De- mofratie' Hot die Regierung die erwünschte Erweiterung erfahren unb wird sich hoffentlich zu einem zuverlässigen Block der Verfassungsparteien entwickeln. Die Demora­lisierung nach dem Krieg ist international. Es ist ver­ständlich, wenn die Arbeiter feine Lust haben, für die in Luxus strotzenden und im Wohlleben sich wälzenden Wucherer zu arbeiten! Die Regierung sollte rücksichtslos zugreifen und durch Einführung von Volksgerichten den Wucherern und Schiebern im abgekürzten Verfahren zu Leibe rücken. Es mehren sich die Anzeichen, daß unsere öffentliche Bewirtschaftung zersetzt wird. Ohne planmäßige Produktion, planmäßig geregelten Handel und planmäßige Preisgestaltung können wir den Winter nicht überstehen. Zu fordern wäre eine amtliche Feststellung dessen, was in bezug auf die Nahrungsmittel Existenzminimum ist. (Beifall im Zentrum.)

Mittwoch: Weiterverhanblung.

Preußische Landerversammlimg.

Sitzung vorn 7. Oktober.

Zunächst werden kleine Anfragen beraten, darunter eine sozialdemokratische Anfrage nach ben Maßnahmen ber Regierung gegen die Getreideschiebungen an den Grenzen. Die Regierung ließ erklären, daß sie durch ver- chärften Grenzschutz und durch Erhöhung der Strafen dem gefährlichen Unwesen zu steuern suche. Jedoch der niedrige Stand unserer Valuta und daß Mißverhältnis zwischen den deutschen Getreidepreisen unb den Weltmarktspreisen biete einen außerordentlichen Anreiz zu Verschiebungen, die besonders in ben besetzten Gebieten, wo die gegneri- schen Truppen unsere Ein- und Ausfuhrbestimmungen nicht anerkennen, einen bedenklichen Umfang angenom­men haben. Verhandlungen mit den Gegnern darüber sind eingeleitet.

Bei ber weiteren Beratung des Haushalts der S t e u-. erverwaltung sprach Abg. Dr. Moldenhauer (Dntl.) gegen das Reichsnotopfer, weil es die Fleißigen urtb Sparsamen schärfer treffen, als Leute, die ihr Gelb leicht verdienen und es leichtsinnig ausgeben.

Abg. Dr. Lohn (Unabh.) wandte sich scharf gegen Dr. Helfferich, weil dieser die Kriegsgewinnler habe verdienen lassen, anstatt ihnen Kriegssteuern aufzuerlegen.

Die Aussprache über die Beschlagnahme des preu­ßischen Kronsideikommißvermögens führte zu stürmischen Zusammenstößen zwischen ber Rechten und ben beiden sozialdemokratischen Fraktionen. Finanzmini- ft er Dr. Sndrknm erklärte, das Gerücht, baß wir bem Kaiser 170 Millionen Mark herauszahlen wollen, entbehre jeder Begründung.

Die Bekanntmachung wird genehmigt, ebenso bte Ver­ordnung über die Aushebung der Abgabenbesreiung für die Mitglieder des Hauses Hohenzollern. Es folgt die erste Beratung des Gefetzentwurfes über weitere Beihilfen zu Knegsw'ohlfahrtsausaaben der Gemeinden sowie zur Ver­billigung ber Lebensmittel.

Finanzminister Dr. Sübefum verteidigt den Gesetzent­wurf. Die Gemeinden sollen nicht unbillig belastet wer- den. Das deuffche Volk müsse untergehen, wenn es nicht bas Wort beherzige: Einer für alle und alle für einen. Nach kurzer Aussprache geht die Vorlage on ben Ge­meindeausschuß.

' Mittwoch: Fortsetzung der Etatsberatung.

Italien hat ratifiziert.

Wie wir gestern noch melden konnten, hat Italien durch königliches Dekret den Versailler Friedens­vertrag ratifiziert. Auch den Friedensvertrag mit Oesterreich hat der König ratifiziert. Der Frie- denlvertrag ist nunmehr durch die zweite Groß­macht (England hat ihn bereits ratifiziert) bestätigt, und nach der bevorstehenden Annahme durch den französischen Senat wären die Grundlagen für das Inkrafttreten deS FriedenSvertrageS gegeben. Gehorsamsverweigerung

der Kurlaudtruppeu.

Die im Daltenlande sichenden deutschen Truppen haben in einem Funkspruch einen Aufruf an die ganze Welt verbreitet, worin sie sagen, daß sie einen schweren Kampf kämpfen mit dem Entschlüsse, gegen den er­zwungenen Befehl ihrer Regierung, das Baltikum zu räumen, zu handeln, daß sie aber schließlich doch das Gewissen höher stellen mußten und darum entgegen den urfler dem Druck der Entente gegebenen Befehlen der eigenen Regierung an der Front zu verbleiben wer­den, um die deutsche Grenze gegen diebolschewisti- schenHordenzuschützen und für die Besserung der Menschheit von den unseligen Folgen des russischen Bolschewismus.

Don amtlicher Seite wird darauf hingewiesen, daß dieser Ausruf erlassen worden ist, bevor die neue Der- ordnung der deutschen Regierung erfolgte. Die Re­gierung hofft daher immer noch, daß die baltischen Truppen dem Befehl zum Abmarsch Folge leisten werden, lieber der Abwehr der bolschewisti­schen Truppen stehe die Pflicht, eine Wiederverhängung der Blockade abzuwehren, und diese Blockade setze mit tödlicher Sicherheit ein, wenn die Freikorps nicht den Befehlen der deutschen Regierung gehorchen.

Ans dem besetzten Gebiet.

Tie brutalen Ausweisungen. Die fortgesetzten Ausweisungen von staatlichen Beamten aus dem Saargebiet sind geeignet, in die dortigen Dec- hälinisse eine Völlige Verwirrung hineiniutragen. Eine ganze Reibe von staatlichen und städtischen Beamten sind durch die Franzosen ausgewiesen wor­den, oder haben das Ve, bot der Weiterführung ihrer Aemier erhalten. Naturoemäß ist eS schwer, geeig­nete Männer für diese Posten zu finden, insbeson­dere die auf dem Gebiet der Lebensinittelfragen ver­traut sind. Dazu kommt, daß die Franzosen sich das Recht nehmen, denjenigen, die in das besetzte Gebiet einret en wollen, die Einreiseerlaubnis zu ver­weigern. Gegen ein solches Vorgehen der Besatzungs­truppen muß aufs Entschiedenste Protest eingelegt werben.

Gewaltakt französischer Soldaten. Als in Lud­wigshafen ein Straßenbahnschaffner mehrere französische Soldaten, die mitfuhren, zur Ruhe wies

weil sie seinen Anordnungen nicht Folge leisteten und sich weigerten, zu bezahlen, wurde er von ihnen verprügelt und blutig geschlagen. Ein an­wesender französischer Offizier sah sich nicht veran­laßt, einzuschreiten. Schließlich wurde der schwerver­letzte Beamte, der nur feine Pflicht getan hat, von einer hinzukommenden Patrouille f e stgenomme n und fortgeführt, lieber feinen Aufenthalt ist bisher noch, nichts bekannt geworden.

Onartierlasten. Schwere Belästigungen angesichts der riesigen Wohnungsnot bringen die Quartier­lasten den pfälzischen Städten. So hatLanvau, eine Stadt mit etwa 20,000 Einwohnern nicht weniger als 220 Offiziers- und Uniero fizierswohnungen zu stellen, Ludwigshafen etwa 120, das kleine Speyer geradesoviel und Zweibrücken etwa 70. Mit der Gestellung von Wohnungen ist aber auch die der vollen Aus stattuug mit Möbeln, Weißzeug, Bett­zeug und Kücheneinrichtung verbunden.

Der Berliner Metallarbeiterstrrik.

Eine Ausdehnung der Streiks ist gestern nicht erfolgt. Die für heule anberaumte Sitzung der Ge- werkschaftskommission ist auf Mittwoch abend ver­schoben worden. Sir wird darüber entscheiden, ob eS zu einer Verständigung oder zum Generalstreik kommen wird. Bei fast allen größeren und mitt­leren Firmen häufen sich inzwischen die Meldungen der Arbeiter, die ihre Tätigkeit wieder aufzunehmen wünschen. _______________________

Der Sturz der Mark.

Es ist schon wiederholt darauf hingewiesen, worden, welchen unheilvollen Einfluß die Novemberrevolution s und die durch sie bei uns im Lande hervorgerufenen Verhältnisse auf unsere Finanzwirtschaft alisgeübt haben. Jetzt hat der Reichsfinanzminister eine Denk­schrift ausgearbeftet und der Nationalversammlung zugehen lassen, die das vollauf bestätigt.

In dieser Denkschrift geht der Minister zunächst auf die Ursachen ein, die schon während des Krieges eine teilweise Herabminderung unseres Geldes im Auslande hervorriefen.

Sm Januar 1916 war ber Amsterdamer Kurs von 59,26 feiner Parität auf knapp 39 herabgesunken. Die damals erlassene Devisenordnung brachte aber den Mark- wert schnell wieder in die Höhe. Erft im Oktober 1916 sank der Wert wiederum herab und erreichte sogar gegen Ende des Jahres 1917 einen Tiefstand von nur noch 32 Cenis. Zu Anfang 1918 griff die Reichsbank ein. Durch aufgenommene Kredite, ben Verkauf von auslän- bischen Wertpapieren hatte sie die Mittel gesammelt, bte ihr eine kräftige Vermittelung zugunsten des Markkurses ermöglichten. Das Ergebnis war eine ganz überraschende Hebung des Markkurses, der im Januar 1918 bis zu 80 v. H. ber Friedenspariiät erreichte. Mit bem Stillstand ber Offensive hn Westen würbe die Bewegung wieder rückläufig. Als die deuffche Offensive im Juli 1918 miß­lang, die Feinde aber immer weitere Fortschritte machten, sank die Valuta tmeber auf ihren Stand von 1917 zurück, behielt aber immerhin noch einen Wert von 50 v. H. Das deutsche Waffenstillstandsangebot unb die Aussicht auf einen nahen Frieden brachten bann wieder eine zwar nur vonibergehnede Besserung ber Parität, bte deutsche Mark' stieg im Auslande bis auf 67 v. H. 1

Mit der Revolution hat dann aber eine geradezu katastrophale Wendung eingesetzt, an der heute unser ganzes volkswirt­schaftliches Leben krankt. Unaufhaltsam und immer rascher ist infolge des Zusammentreffens einer großen Reihe ungünstiger Umstände, aber dach über alles ge­rechtfertigte Maß hinaus, der Werdegang unserer Va­luta bis an die Grenze des völligen Zusammenbruchs fortgeschritten. Von 29,8 Cents im Januar ist der Amsterdamer Durchschnittskurs der Mark auf 26,4 im Februar, 23,7 im März, 19,6 im April, 17,7 im Juni, 17,1 im Juli, 13,7 im August zurückgegangen. Am 15. September war die Mark in Amsterdam für 8,75 Cents zu haben, während sie vnr dem Kriege 59,26 Cents kostete. Sie ist also auf ein Sieben­tel der Friedenswertung gesunken!

lieber die neuen Maßnahmen für Hebung der Datluta heißt es in der Denkschrift:

Das erste große Mittel für Hebung ber Valutanot, bas einzige, bas bauernd helfen kann, lautet: innere Ruhe, inner Ordnung, unermüdliche, geregelte Arbeit, strengste auf aue.i iBebiren. Dis Lss'üh-

rung scheint im Augenblick leider unmöglich. So muß zu Teil- und Ersatzmaßnahmen gegriffen werden. An- gestrebt wird die bessere Regelung der Ein- unb Aus­fuhr nach ben -Bedürfnissen unseres Landes. Insbe­sondere die Dieberherstellung unserer Zollgrenze im Westen, bereu Riederlegung alle Cinsuhrpolitik heute über den Het'sin geworfen hat und in gleichem Maße unsere Valuta ichäbigte, wie es tre inneren Unruhen gt- tan haben. Sch tue zur Schließung ber Grenze sind denn auch bereits eingelrikt Mit der Wiederherstellung der Zollgrenze muß auch die Zollgesetzgebung wirksam ge­staltet werben. Wichtig ist ferner die Regelung der schwebenden unb bie Eröffnung neuer Valutakrebite. Es muß gelingen, Rohstoffe auf Kredit zu erhalten. Dazu gehört aber, baß bas geschwunbene Vertrauen beS Auslandes in unsere Arbeit?. und Zahlungsfähigkeit zurückkehrt. Erforderlich ist endlich, baß ber Valuta- schädigenden Kapital- und Steuerflucht nach bem AuSlänbe ein Ende bereitet wirb.

Levfen vcrhaffet. In Wien wurde jetzt der seit längerer Zeit von der bayerischen Regierung steckbries- sich verfolgt: SpartakistdnMhrer Dr. Max Levien von der Polizei festgenommen. Der Wiener Polizei war seit einiger Zeit bekannt, daß Levien sich in Wien aufhalte. Er war nicht gemeldet und wurde auf Grund des ausgegebenen Signalements auf der Straße van zwei Pvlizeiagenten erkannt und angehalten. Bei fei­ner Verhaftung leistete er keinen Widerstand, trug- ete aber zunächst, der Gesuchte zu sein. Im Laufe des auf der Polizei angestelltrn Verhörs gab er jedoch schließlich zu, mit dem verfolgten Levien identisch zu sein.

Segen die Vergewaltigung des Hullschiner Länd­chens Um alle Staaten auf die im Friedensvertrag vorgesehene Vergewaltigung des Hultschiner Ländchens aufmerksam zu machen, wurde ein FunkspruchAn Alle" verbreitet, der darauf hinweist, daß die durch den Friedensvertrag vorgesehene Einverleibung des süd- lichen Teiles des Kreises Ratibor, des Hultschiner L-ändchcns, ohne Volksabstimmung in die Tschechoslo­wakei allgemeine Erregung und heftigsten Widerstand unter der Bevölkerung hervorgerufen hat, die aus- nahmslos den Wunsch hegt, bei Deutschland zu ver­bleiben. Die Einwohner des Hultschiner Ländchenq