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I 110 Mk _Fernfpr. Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer^Zeitung^^^^^^^^^^^^

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ff*. 3 *7l I Derantworttich für den redaktionellen Teil: Karl Schütte, I Cfimcfrtft JL Obfötlftl? 1919 |lr. * *** I für die Anzeigen: I. Porzeller, Fulda. Rotationsdruck. I VKIOUH f »

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Die Räumung des Baltenlandes.

Ein Aufruf der Regierung.

Die Reichsregierung erläßt an die noch im Balten» kande stehenden Truppen eine letzte Mahnung, das Land zu verlassen. Sie verweist aus die Drohung der Entente, mit erneuter Blockade, wenn der Räumung nicht Folge gegeben werde. Die militärischen Kreise der Entente drängen zu erneutem Vormarsch, wel­cher die Besetzung von Frankfurt a. M. bringen toll. Führende französische Blätter ver­langen die Inbesitznahme des Ruhrgebietes und alles das, weil die Deutschen in den balti­schen FreiwilligenkoiPS entgegen den Befehlen der Regierung da? fremde Land nicht verlassen wollen. Die Reichsregierung wendet sich an das Gewissen Und das landsmannschaftliche Geiühl der deutschen Soldaten im Baltumlande. Sie verkennt nicht das Anrecht, das ihnen zugefügt worden ist, daß die Versprechungen, auf drr hin sie sich anwerben ließen Uichr gehalien wurden, aber jetzt steht Hoh eres auf dem Spiele: Ein Volk verhungert,der Rest einer Votksvermö^ens verkommt, wenn die deutschen Lruppen nicht im Lause des . Oktobers ans. dem Baltikum abziehen. Wer sich nicht mitichuldig am Ruin des eigenen Volkes machen will, muß sich der eisernen Notwendigkeit fügen, dem Befehl der Re­gierung folgen und aus dem Land znrückkegren, in »em die deutschen Soldaten nichts mehr verloren hoben. Die Regierung kann keinen Zweifel darüber lassen, daß sie' jeder ihr zu Gebote stehende Mittel anwrnden wird, um die Räumung zu erzwingen.

Die deutsche Regierung hat sich bekanntlich schon bot einiger Zeit an ä» Entente gewandt und den Vorschlag der Entsendung einer gemischten Kom­mission nach Kurland gemacht, damit diese sich an Ort uud Stelle von den dortigen Zuständen über­zeuge. Bisher ist dieser Vorschlag der deutschen Re­gierung unbeantwortet geblieben. x

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Der Eisenbahner-Streik in England.

Dir Verhandlungen zwischen den Vertretern der Eisenbahn-Arbeiter und Lloyd George und ergeb­nislos verlaufen. Lloyd George erklärte, sich auf Verhandlungen nicht einlasien zu können, bevor die Streikenden die Arbeit wieder aufgenommen haben. Die offiziellen Berichte über den Strrrk lauten gun- stig. Eine Verschärfung erfährt er aber dadurch, daß die Vorstände des Transportarbeiter« Verbandes und des Eisenbahner - Verbandes ein Uebereinkommen trafen, wonach ?-r Borstand der Transportarbeiter - Verbände» bei 36 Transport arbeiier-Vereinigungen, die zum Verbände Shoren, darauf dringen wird, daß der General-Streik verkündigt wird.

nach Berlin abgefangen worden: sie stammen noch zum größten Teil aus Heeresgut, das im November 1918 gestohlen wurde.

Der Berliner Metallarbeilerstreik.

Im Metallarbeiterstreik hat sich die Lage nicht ge­ändert. Die Streikleitung hat den Vermittlungsoor- schlaa des Reichsarbeitsministers abgelehnt, weil man sich nicht im voraus dem Spruch des Schlichtungs­ausschusses unterwerfen könne. Sie wiederholen ihren Vorschlag, daß die Vertreter der Arbeitgeber sowohl wie der Arbeitnehmer jeder einzelnen Gruppe sich über die festzusetzenden Lohn- und Arbeitsbedingun­gen ihrer Gruppe einigen.

Zur Bewirtschaftung des Zucker».

Für die Weinverbefferung hat das Reick,ernährun^. amt in den letzten Jahrenburd;

«ucker freigeaeben, nämlich 340 000 Ztr. rm Iah, ivrv, 298000 Str. i. I. 1917 und 258000 Ztr. i.J.

Diese 900000 Zentner genügen, um ^VOEfienbahn. wagen mit je 200 Zentner Zucker S» beladem Bei einer Verteilung auf eine Bevölkerung von 80000000 kämen auf den Kopf jährlich */i Pfund.

hon 5 Köpfen hat also in diesen 3 Jahren auf 7 /»Pfund Zucker zugunsten der Weintrrnker verzichten niupen. Da» Reick^rnährungSamt wurde E^den ^ücke? an Ebre machen, wenn c» in die, em Jahre den Zucker an die Hausfrauen verteilte und darauf hinwirkte, daß die Trauben mehr al» bisher frisch auf den Marktkainen, oder zur Herstellung unvergorenen Traubeniaftes ver- wandt wurden. So ließe sich nicht nur der Zucker sparen sondern auch die in den Trauben enthaltenen Nährstoffe würden nicht durch die Garung vernichtet und auch die weniger Bemittelten hatten einen Anteil an der Traubenernte zu erhoffen.

Die Unterhaltungskosten für da» BesatzungSheer, Die französische Regierung hat im Funserrat beam tragt daß Deutschland für das BeiatzungSheer 16 Franken pro Soldat und Tag bezahlt, wahrend Amerika 30 Franken berechnen will.

*Schietzübungen" belgischer Soldaten. , Belgische Soldaten veranstalteten in Oberkassel bet Duffe.- darf unter sich Schießübungen. Dabei zielten sie auf benachbarte Häuser. In einem Hause traf eine Kugel ein Kind so schwer, daß alsbald der Tod etntrat. Qn einem anderen Hause wurde eine Frau durch ei" *" Dreiwöchi^EchnellzugsPerre in Ostdeutschland. Dom 12. Oktober ab wird der gesamte Schnellzug»- verkehr auf den ö st I i ch der Linie D r e s d e n-Berlin Etettin gelegenen Strecken brS zum 2. November eingestellt. Nur auf diese Weise wird es möglich sein, die notwendige Zahl von Lokomotiven frei zu machen zur Beseitigung der immer großer werdenden Betriebsschwierigkeiten auf den östlichen Hanptab- fuhrlinien und zur pünktlichen Beförderung der Güterzüge. Nur so wird e» auch möglich sein, dem bedenklichen Mangel an Kohlen.abzuhelfen.

* Saarbrücken wurde eine Ausstellung t-, öffnet, die die Handelsbeziehungen zwischen dem Saargebiet und Frankreich fordern soll. Der Besuch ist fjtbetict für das Ruhrgebiet?

Die italienische Regierung soll beabsichtigen, Deutsch- land 60000 italienische Arbeiter für den Kohlenberg­bau im Ruhrrevier zur Verfügung zu stellen. Italien will jedoch in diesem Vorschlag den Vorbehalt machen, daß die Hälfte der von italienischen Arbei- lern geförderten Kohle an Italien geliefert wird.

Wilsons Zustand ist bedenklich. Er muß sich einstweilen völlig von den Geschäften zuruckziehen.

Wohlgemeinte Reden und schlimme Taten. I

Sn der Nationalversammlung wird weit und breit I die Valuta-Frage besprochen mst ihrem Zube- I hör an Finanz- und Wirischastsnöten. Das ist zeit- I gemäß und gut gemeint; ob aber das gründliche Wüh- I len in der Wunde die Heilung befördert, fft doch sehr I zweifelhaft. Was wir vor allem brauchen, ist das I Vertrauen. Sowokst das einheimische Vertrauen, I als auch den Glauben des Auslandes an einen Wie- I beraufschwung Deuffchlands. Allzuviel Kritik kann nur das Mißtrauen fördern. Besser als die schönste Diagnose wirkt die Ankündigung vom Regierungstisch, daß wir einen Warenkredit mit Holland ver- I einbart haben und eine Valuta-Anleihe nach I Inkrafttreten des Friedensvertrages vorbereiten.

Wstkfam wäre es ferner, wenn die Hoffnung auf I steigenden Arbeitsfleiß und gesicherte Ordnung durch I Tatsachen gestützt werden könnte. Aber neben der I Nationalversammlung spielen sich Tatsachen ab, die leider wieder Besürchtungen erregen und das Ausland I mißtrauisch machen. Sn Berlin haben wir nicht allein eine bedrohliche Streikbewegung erhalten, son- dein auch schon wieder einen blutigen Straßen- I krawall erlebt. Em Tell der Metallarbeiter hat sich vor den Wagen der Umsturzmacher spannen lassen. Diese Agenten des Bolschewismus benutzen in der ge- I wohnten hinterlistigen Weife die wirtschaftliche I Begehrlichkeit der einen oder anderen Gruppe, um für ihre politischen Zwecke Arbeitsstörungen und Un- I ruhen in Gang zu bringen. Diese Methode hat sich I dahin ausgebildet, daß man nicht offen auf einen all- I gemeinen Streik ausgeht, sondern T e i l st r e i k s in I Gang bringt an solchen Stellen» wo die unentbehr-. I lichen Grundlagen für den Fortgang des Gesamtbetrie- des geschaffen werden müffen. So kann der Streik I von einigen hundert Leuten viele Tausende von Ar- I beitswilligen zur Untätigkeit zwingen. Damit nun die I Konflikte mit der Polizei und der Regierung nicht zu lange auf sich warten lassen, berufen die Draht- zieher eine Masse vongroßen Versammlungen" ein unter absichtlicher Mißachtung der bestehenden Vor­schriften über Anmeldung tmb Genehmigung. Die Re- I Gierung muß natürlich einschreiten gegen die gesetz­widrigen Versammlungen und gegen die üblichen De- I monstrasionszüge. Das gibt Ausreizung und Zusam- I menstöße. 3m Norden von Berlin ist es denn auch, wie gemeldet wurde, zum Blutvergießen gekommen, I als die von den Mafien beschimpfte und bedrängte I Sicherheitswehr zum Schießen gezwungen war.

Die Verteidiger der Ordnung haben dort das Feld behauptet. Aber wer weiß, welche Forffetzung der Krawall haben wird! Die Lohnfrage ist ganz neben- fMich. Sie Drahtzieher wollen einen politischen I Krach und eine bolschewistische Ueberrevolution ern­teten. Eingestandenermaßen zur Unterstützung der Sowjet-Regierung M-RiiMM^Und dtex.Aktion von 1 veBteideten Deutschen ersoMm demselben Augenblick, wo der russische Bolschewismus mit feiner Kraft zu Ende ist und aus dem Elend, das er angerichtet hat, feinen Ausweg mehr weiß, und roemi Nachrichten, die über SkaMnavien kommen, recht haben, Der- Handlungen mit der Entente sucht.

Es ist schier unglaublich, daß es nach den bis­herigen Erfahrungen noch Leute gibt, die ihrem eige­nen Volk dasselbe Schicksal bescheren wollm, unter dem die Russen sichtlich zu Grunde gehen. Und ebenso erstaunlich ist es, daß deutsche Arbeiter sich immer wieder in Streiks verlocken lassen, «»schon, es klar zutage liegt, daß die Führer es nicht auf die Wohl­fahrt ihrer Gefolgschaft abgesehen haben, sondern mir Kanonensutter für ihren politischen Kampf auf die Deine bringen wollen.

N o s k e, der vielgefchmahteBluthund und der unentbehrliche Retter Deutschlands, möge einen schnel­len und vollen Erfolg haben gegen die Berliner Ruhe- störer und chre lauernden Helfershelfer im Reich. Sonst können uns alle Reden im Parlament und alle Maßnahmen der Regierung vor dem weiteren Verfall unserer Finanzen und unserer Volkswirtschaft nicht retten. Unruhen erzeugen neues Mißtrauen; das Mißtrauen drückt die Valuta weite r heran - ter die Wertlosigkeit des Geldes macht die Zufuhr . ccn Lebensmitteln und sonstigem Notbedarf unmög­lich; dann muffen wir hungern, frieren und

Der langen Rede kurzer Smn ist schließuch die alte Wahrheit, daß nur schaffende Arbeit und ge­sicherte O r d n u n g uns aus dem Zusammenbruch ret- ten können. Die rückschauend- Kritck fit ja recht interefiant; aber alle sollten nur vorwärts bücken und nichts anderes ins Auge soffen, als die Unter­stützung der Regierung in dem Kampf gegen Streiks und Ruhestörungen.

Die kommunistischen Umtriebe in Berlin.

Es tritt immer klarer zutage, wie in Berlin wie­der die bekannten gewiffenlosen Elemente am Werke finö die schon des öfteren bestrebt waren, den Bür­gerkrieg zu enffeffeln, um auf den Trümmern des Bestehenden ihre unsinnigen Weltbegluckungstheorien zu verwirklichen., , . ,

3n den Ansammlungen, die sich nach der Auf­lösung der Versammlungen gebildet batten, wurde vielfach das StattDer revolutionäre Arbeiter Der« trieben, das vomKommunistischen Komitee zur For- derung der Diktatur des Proletariats herausgegrben wird. Das Blatt trägt an seiner Spitze einen Aufruf mit der Ueberschrift:Auf die Barrikaden! , m dem es heißt: . ...

Wann endlich werbet Ihr begreifen, Euch solche wirtschaftlichen Streiks nie zum Stele fuhren können. Denkt an die kleinen Möchtegern-Bonzen unter such. Schlagt sie zusammen, baß die Fetzen fllegen. Rettzt her- unter die Maske ' vomwirtschaftlichen Streit . Wißet, daß alles Politik ist, und daß nur der politische Massenstreik Euch retten kann. ~ ...

Streikt! Reißt ein! Sabotiert! Nichts mehr habt 3f)r zu verlieren, aber alles zu gewinnen. Auf die Barrikaden!" , , ....

Aus diesem spartakistischen Aufruf zum blutigen Bürgerkrieg gehen die wahren Absichten der kommu­nistischen Streikhetzer klar hervor. 3m Osten und Nordosten von Berlin ist es wieder zu mehrfachen Zusammenstößen zwischen den Reichswehr­truppen und dem Pöbel gekommen. Eme Anzahl - kommunistisch«! Wafsentrarlsporte find auf dem Wegs

Di« Zukunft des deutsche« Hande».

Zu Beginn der Hamburger GroßbandelSivocke sprach vor einer zahlreichen Versammlung deutscher Kaufleute in Hamburg Reichswirtschaftsminister Schmidt über die Zukunft des deutschen Handels. Er führte u. a. aus, er verzweifle nicht an dem Wiederaufstieg bei deutschen Handels. Die politische Lage nach außen sei noch nickt vollständig aellärt und da» wirke stark auf unsere Valuta ein. DaS einzige Mittel sei die Auf. nahm« einer internationalen Anleihe, die aber erst nach der Ratifizierung des Friedensvertrages abgeschloffen werden könne. Ein weitere» Mittel ,ur Verbesserung der Valuta sei die Steigerung unsere» Exporte». Da» könne aber nur geschehen, wenn die Arbeiterfchwierig. feiten behoben würden. Dringend notwendig sei auch, daß da» Loch im Westen verstopft werde. Der freie Verkehr im Westen sei eine Gefahr für den Handel und drücke den Goldkur» immer weiter herab. In der nächsten Zeit werde die Freigabe der Einfuhr für wei- tere Rohstoffe beabsichtigt. Die technische Durchführung der Ein. und Aurfuhrregelung für die nächste Zeit sei so gedacht, daß die Ausfuhr grundsätzlich verboten bleibe; für die frei gelassenen Artikel werde e ne Liste auSge» arbeitet. .Wir müffen», schloß der Minister, langsam au» der ZwanoSwirtschaft herauSkommen. Aber von unserer verarmten Wirtschaft muß jede Erschütterung ferngehalten werden. Ich bin weder ein Spezialminister für die Industrie, noch für een Handel, sondern trete gr die gesamte Wirtschaftspolitik unsere» Volkes ein.

ir gehen einer harten, arbeitsreichen Zeit entgegen, ober auch einer Zeit des neuen Aufbaues, in der der Handel eine bedeutsame Stellung -innebmen wird.»

Das erweiterte Kabinett.

«rtb Berlin, 8. Okt. Aus den Vorschlag des Reichk« sanzlers berief der Reichspräsident auf Grund des Artikels 53 der Verfassung Reichsmiuister a. D. Schiffer zum Reichsminister der Justiz, Ober­bürgermeister Koch (RaffeD zum Reichsminister deS Innern und betraute Schiffer zugleich mit der Vertretung deS Reichskanzlers. Die Be­setzung des neu zu bildenden Ministeriums für den Wiederaufbau erfolgt voraussichtlich in den aller- nächsten Tagen. Minister Dr. David wird der Reichsregierung als Minister ohne Portefeuille an- gehören.

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Die Erweiterung der Regiervng unter Hinzu- isiehung der Demokraten ist nunmehr erfolgt. Einen bedeutenden politischen Charakter hat diese'Verände­rung weiter nicht. ES ist lediglich der Zustand Wieder hergestellt, der zu Beginn der National-Ver- sammlungsepoche bestanden hat. Nach der Flucht per Demokraten auS der Regierung bei Entschei­dung über die Frage, ob der FriedenSvertrag ange- iwmmen werden soll oder nicht eine Handlung, die der »Vorwärts' liebenswürdig und nicht ganz mit Unrecht als einenAkt der nackten Feigheit" bezeichnete bestand nur eine aus Sozialdemo­kraten und Zentrum gebildete parlamentarische Gruppe. Es fanden sich diese beiden grundsätzlich in so schroffem Gegensatz zueinander stehenden Par­teien unter dem Druck der Lage zu saurer, aber im Interesse des Volksganzen notwendiger Arbeit zu­sammen. Man kann es ruhig auSsprechen, daß eS bei dieserVernunftehe" keinem der beiden Partner hehagltch zu Mute war. Aber es mutz auch ausge­sprochen werden, daß int Zusammenwirken dieser beiden Parteien Großes und Vieles geschaffen worden fit. Die D e m o k r a t e n sahen mit staunender Ver- imunberung, daß es auch ohne sie geht. Sie jöaren nachgerade in eine tragikomische Rolle gezwun­gen. Die Gesamtrichtung der Politik war ja nicht zu­letzt mit von ihnen bestimmt, und so konnten sie säst 'alle Wegstrecken mit den übrigen Mehrheitsparteien zusammen zurücklegen, ohne aber an maßgebender Stelle auch über ben bestimmenden Einfluß zu ver­fügen. i

Wenn nun die Demokraten wieder m das Kabinett Eintreten, so ist es ja gewiß zu begrüßen, daß künftig die Verantwortung nicht mehr auf zwei, sondern auf drei Parteien beruht, die über eine starke Mehrheit im Parlament verfügen, aber schließlich handeln die De- htofrden in ihrem eigenen wohlverstandenen parteipolitischen Interesse. Die Demokraten würden bei den nächsten Wahlen in eine ganz unhaltbar? Gage kommen, wenn sie lediglich als ein mehr ober minder dekoratives Anhängsel hinter dem Regie­rungswagen hertrollten. Die Demokraten hatten nun geglmrkch 'die-Frage ihres Wiedeteintritts als von einer ganz außerordentlichen Wichtigkeit hinstellen zu müs­sen. Damit habest sie auf die anderen Parteien keinen Eindruck zu erzielen vermocht. Ebensowenig hatten sie Erfolg mit dem Versuch, die Erweiterung der Re­gierung zu einer politischen Frage im Sinne der Be­einflussung der politischen Geschäftsführung nach ihren Tendenzen zu machen. Die beiden übrigen Mehr­heitsparteien sind darauf nicht eingegangen. Aeußer- lich kommt das in der Tatsache zum Ausdruck, daß Weber die Sozialdemokraten noch das Zentrum ein Mitglied ihrer Partei dem Eintritt der Demokraten zuliebe opferten. Grundsätzliche Aenderungen in wirt- schafts- und finanzpolitischen Fragen sind den Demo­kraten, wie die Nachrichten aus Berlin besagen, nicht Kanten worden. Die Demokraten fahren sicher- icht schlecht dabei, wenn sie in ben Fragen des Wirtschaftslebens mit dem eine vernünftige Mittel- finie haltenden Zentrum zusammen arbeiten können. Die Sozialdemokraten hinwiederum haben es offen ausgesprochen, daß die kommende sozialpolitische Ge- setzgebung mit dem Zentrum viel besser und zweck­mäßiger gestaltet werden kann, als mit den Demo­kraten.

So wird auch bei der neuen Regierung _ das Zentrum nach wie vor den festen politi­schen Kern bilden. Es stellt inmitten des Stru­dels einen festen Block dar, an weichem sich die brandenden Wellen brechen werden.

Sitzung vom 3. Oktober.

Die Sitzung beginnt mit kleinen Anfragen, «bg. Dr Rikßer (D. Vpt.) erkundigt sich nach den Aeußerun. gen ScheidemanuS in seiner Kasseler Rede, wonach^« und andere Kabinettsmitglreder, die an Aem Nein aeaenüber dem Fried en Zvertrage festgehM'en hätten, dazu durch wichtMS MateriaI^zu Auslande bewogen worden wären Tw.

fragte, ob die Regierung bereit wäre, dw;es nunmehr der Nationalversammlung zu i'benmtteln. Ein Vertreter des Auswärtigen Amtes antwortete, das Material wäre der Reichsreggermrg nicht bekannt. Auf eine ErgänzungSanfrags Dr. Sievers erflare der Ver tretet des Amtes, er nehme an, der Rieichsminiiter des Auswärtigen werde bereit toaete

wartige Angelegenheiten ausführlich aus die Angele schen Volkpartei über die Zahluntz der Einfuhrzölle in Gold zur Beratung gestellt. '

Nricke sinanzminister Erzberger lehnte für ben Augenblick eine eingehende Beantwortung als unmög­lich ab, konnte aber immerhin Mitteilen, daß mit den Alliierten Verhandlungen schweben, um auch aus die besetzten Gebiete die. deutschen Zollbestimmungeu voll in Anwendung zu bringen.

Die Vorlage auf N'chtanrechmmg der Mrlttarren. fett auf den Arbeitsverdienst ging an einen AuSlchutz.

Zu längeren Auseinandersetzungen führte rae de­mokratische Interpellation nuf Beimlligung weiterer Mittel zur Errichtung von Kleinwohnnnge«. Von Men Lif<L wurde baS bestehende Wohnung Äend als furchtbare Wunde an unserem Volkskorpei: anerkannt, und die Parteien wetteiferten in der uwr- derung nach weiterer Reichs- und StaatZhilfe ftlr den Bau von Kleinwohnungen. Die Regierung, für me ReichSarbeitSminister Schlicke sprach, ist sich der Große bet Gefahr durchaus bewußt, aber sie. kann auch Ute» auS Mangel an Mitteln nicht so ausgteng sie es gern möchte. Aehnlich äußert« sich der kommiffar für das Wohnungswesen, Unterstaatssekretär Scheidt.

Samstag! Nachtragsetat.

Dis Lage itt Ungarn.

Der Wiener Vertreter derKöln. Dolksztg.", der zu Studienzwecken in Ungarn weilte, sandte fernem Blatte über die von ihm gemachten Wahmehmungest einen ausführlichen Bericht. ,

Es ist von ben kommunistischen Führern Blut in Strömen vergossen, bie Bevölkerung gemartert, gequält unb in monatelangem Terror geängstigt wor­ben. Katholische Geistliche sind emgetertert, gefoltert, gekreuzigt, erschossen und gehängt worben. Das sinb lauter Tatsachen, die unleugbar und dem christlichen Volke bekannt sind. Jedes Dors, jede Stadt, fast lebe Famille hat solche traurigen, «furchtbaren Erlebnisse geschaut, bie unvergeßlich bleiben.

Aus ihnen aber entspringt eine kraftvolle ch r i st- lich-nationale Volksbewegung, die in bisher ungekannter Stärke durchs ganze Land geht. Der ganze Eviskopat hat sich der christlich-nationa en Volksbewegung angeschlossen, ist geschlossen der christ- lich-sozialen Partei beigetreten und hat in einem be- geisterten Aufruft die Gläubigen zum Anschluß mrfge- rufen. Und draußen in der Provinz stellen sich die protestantischen Geistlichen in vorurteilsfreier Kamerad- schäft an bie Seite her katholischen Pfarrer, um so bas ganze christliche VM-«' einen großen Dolksbund zu- sammenzufaffen. M'Zusammenschluß der drei gro- ßen Parteien in der christlich-sozialen Par­te i ist gesichert. Sn Budapest haben drei neue christ- siche Zeitungen ihr Erscheinen angekündigt. Das Doll , strömt in Maffen der christlich-sozialen Partei zu, auch da wo bisher die Sozialdemokratie Alleinherrscherin sein wollte. Erst in den letzten Tagen sprach der Mi­nister für Sndustriearbeiterfchaft, Olag, ein Mafchinen- fchloffer von Beruf unb ein früherer Sozialdemokrat, der mit 2000 Arbeitern in die christlich-soziale Partei übertrat, in Budapest in den Eisenwerken vor 4000 Arbeitern. Ganze zwölf Arbeiter stimmten zum Schluß der Aussprache gegen ihn und die christliche Regie­rung. Die Eisenbahner sind mit etwa 100 000 Mann unb ihrer ganzen Organisation zur christsich-sozialen Partei übergegangen, nächstem sie schon in den Tagen der Kommunistenherrschast herrliche Beweise ihrer christlich-sozialen Gesinnung gegeben hatten. Auch die Anaesiellien der Post und Telegraphie haben sich der christlich-sozialen Partei angeschloffen unb stehen ein­mütig hinter der Regierung. Die Bauernorganisatio- nen sind von Anfang an hinter der Regierung der christlich-sozialen Partei gestanden.

Es ist mehr als ein politisches Flugfeuer, bas über bas Lanb hereingeflogen ist. Das Volk ist in seinen Tiefen gepackt unb aufgerüttelt. Man fühlt unb siehts in ben Kirchen unb Gottesdiensten. Die Basilika in Budapest war beim sonntäglichen Hochamt bis in den letzten Gang zurück mit frommen Betern gefüllt. Ergreifend wars, als zum Schluß der Mefle vor dem ausgesetzten Allerhriligsten die ungarische National- HymneGott rettet Ungarn" in ernster schwerer Weise durch das Gotteshaus hallte. Fünf Monate lang hat sie verstummen müffen. Setzt ist sie dem Volke zum Gebet geworden. Es ist eine religiöfeErneur- r u n g des Volkes, die in der christlich-nationalen Be- wegung Ungarns Ausdruck und Form gefunden hat. Von ihr ist die heuttge Regierung Ungarns getragen.

Preußische Landerversammlung.

Sitzung vom 3. Oktober.

Auf eine Slnftane des dtutfchnaicmkken Wg. Matschkewih, der auf die Steigerung der Nah­rungsmittel und Wohnungsnot durch einwcrndetnd« galizische und polnifche Ä-den hinttneS, erwiderte die Regierung, sie mache, wenn es sich um Pogrom- FlüLtlinge bandelt, ans menschlichen Gründen von der AusweifnngSbeftignis keinen Gebrauch. Jedettiall- werde aber für Verbrecher ohne Unterschied der Kon- seffion die Ausweisung verfügen. Zu einer Kernen Anfrage deS Abg. Heller über steueriiche Benach- feitimma der Kriegsteilnehmer ließ die Regierung er. klären, daß über steuerliche Benachteiligung der Kriegs- teälnchMer bei der demnächst erfolgerchen reichsgesetze lichen Regelung enffchicden werden wurde.

ES folgt die Dercrtung des AusführungsgeicheS zum ReichssiedelungSgesetz.

LandwirffchastSminister Braun empfiehlt die Bor, läge, warnt aber vor hochgespannten Erwartungen, Die erforderliche Fläche sollen die Domänen und Die größeren Privatbesitze über 100 Hektar liefern Zu der Beschaffung von Land fehlt eS vielleicht cm Gew, aber eS müßte für Bereifftellung von Mitteln gesorgt werden, denn eS gibt keine günstigere Kapital San tage ccks für die innere ^Kolonisation.

Die Vorlage wird nach kurzer Beratung dem e lunySeuSschuß überwiesen.

Bei der Beratung der Verordnung über brN Hebung der Fideikommisse wurde ein Antrag mlgnwm- men, wonach die ZwangSauflösiw« bis zu« 1, April 1823 dinausgschoÜLU Wir-