Fuldaer Zeitung
Druck der Fuldrer Aetiendruckerei in Fuld«
Kriegshetzer haben viel, der Wilhelminischen Reden zu ihren Plänen mißbraucht. DaS mutzten die verantwort- Ilchen Personen erkennen und darum durften sie mcht schweigen.
Der große Angeklagte des Buches ist aber der verantwortliche Staatsmann der Schicksalsjahre, Herr v. Bethmann Hollweg. Tirpitz und Bethmann Hoüweg waren Gegensätze von Anfang an, da der Kanzler in dem Flottenbau des Staatssekretärs das Haupthindernis für eine Verständigung mit England, dmem Angelpunkt seiner Politik, erblickte, während Tirpitz auf dem Standpunkt stand, daß nur Machtbesitz in der großen Politik beim Gegner Bereitschaft zur Verhandlung und Verständigung erzeugt.
Erschütternd ist die Darstellung, die Tirpitz von den Fehlern der Reichsleitüng beim Ausbruch des Krieges gibt. Es ist allerdings zu berücksichtigen, daß Tirpitz etwas seitab vom Strome der Informationen stand und nicht alle Beweggründe zu den gefaßten Entschlüssen übersehen konnte. Folgende Stellen geben die Grundgedanken der Tnpitzschen Kritik wieder:
.Der Kanzler hatte Recht, wenn er eine ausreichende Genugtuung Serbiens an Oesierrcich für notwendig hielt. Bethmann und Berchthvld vermochten sich aber nicht vorzuftellen, datz eine ausreichende Genugtuung auch anders als durch Drohung mit dem militari,chen Einmarsch zu bekommen wäre. Die serbische Antwort bewies "ein unvermutete» Entgegenkommen. Bethmann
Tirpitz Erinnerungen. ,
Im deutschen Buchhandel erscheinen soeben die I Erinnerungen des ehemaligen Staatssekretärs I her Marine Alfred o. Tirpitz. Aus der Fülle der I Beiträge zur Geschichte des Weltkrieges wird sich das ^irp^tzsche Buch wahrscheinlich als eines der bedeutendsten herausheben. Es wird dem ernsthaften Forscher und auch dem Laien sehr viel Neues bringen.
’ Das Buch ist eine Totenklage, eine Grabrede auf I unsere verlorene wirtschaftliche und positifche Größe. I 2',u außerordentlich packend geschrieben, es liest sich wie ein klassischer Roman.
Tirpitz' Erinnerungen beschränken sich nicht allein Birf"öie Kriegsereignisse, sondern geben auch ein Bild I ter Entwicklung und des persönlichen wie beruflichen | Werdegangs des Verfassers, damit zugleich aber auch ein Bild der Entwicklung und des Werdegangs der deutschen Flotte selbst. Schmerzgebeugt und aufs tiefste veltsitert steht er heute vor dem fürchterlichen Trüm- I »erhvufen, der einst sein Lebenswerk und Lebensglück I «ismachts. Er hält mit Anklagen nicht zurück und spricht schonungslos über die Fehler, die nach seiner Ueberzeugung das drohende Ungewitter zur Entladung 'gebracht und seine Wirkungen so zerstörend gemacht haben, aber er legt auch feierlich Zeugnis ab für den Friedenswillen von Kaiser und Kanzler und erklärt I händig, daß cs nie zum Weltkrieg gekommen wäre, wenn die Gegenspieler diesen Friedenswillen der deutschen leitenden Stellen in demselben Maße besessen hätten.
Tirpitz beginnt seine „Erinnerungen" mit seinem I Antritt in die preußische Morine. Man erlebt den mühseligen Aufstieg der deutschen Flotte in diesen Darlegungen mit, und das Herz geht einem auf, wenn man den Weg verfolgt, auf dem er zum Schöpfer der deutschen Flotte geworden ist, wie er nichts versäumt hat, um sein Lebenswerk durch alle inner- und außen- I politischen Gefahrzonen hindurchzubuasieren. Die Reichstagserinnerungen" Tirpitz bieten besonders fesselnde Momente. Interessant ist namentlich die Schilderung des Eingreifens des Kaisers im Jahre 1899 in die neuen Flottenplöne. Man hört, wie die Parteien sich stellten, und wie immer bei Flottenvorlagen das Zentrum zu Gunsten derselben den Ausschlag gab. Man erfährt auch, daß Tirpitz selbst, um beim Zentrum weniger Widerstand zu sinden, im Jahr 1900 tee Preisgabe der § 2 bei Jesuitengesetzes empfohlen halte, wie aber der Kaiser auf Rat seiner Zivilchefs Lucanus, dem Bülow beitraf, ablehnte. Das Zentrum halte damals in Würdigung der StaatSnolwendig- keit-n die Vorlage ohne die Bewilligung einer politischen Geoengabe qenehmiat.
Im Jahre 1914 hielt Tirpitz sein Ziel, der Flotte eine Stärke zu geben, mit der sie Deutschlands weltpolitische Stellung ausreichend schützen konnte, für nahezu erreicht: . ,r. ,
„Wäre es qelungen, 1914 die Stift# zu beschworen, und hätten wir nur noch zwei Jahre zum Wachstum her Flotte gehabt, so wäre die Friedensliebe England» wohl bis auf den entscheidenden Punkt gestiegen. Ich komme persönlich über diese entsetzliche Tatsache nicht hinweg, daß eine etwas vorsichtigere Politik, die 1914 den Feinden den Krieg nicht so bequem gemacht hätte, unsere den Engländern schon nahezu ebenbürtige W,rt- schaftsstellung voraussichtlich für immer gesichert und unserm Außenhandel wie unferm genzen nationalen Sieben eine noch strahlendere Zukunft statt grauenvollen Ruin» gebracht hätte.
Aus dieser Ueberzeugung erklärt sich die große Verbitterung des Verfassers gegen die 1914 leitenden Männer, eine Verbitterung, die an allen Ecken und Enden des Buches durchdringt. Sie kann der historischen Wahrheit gemäß auch den Kaiser nicht unge- schont lassen als den letzten Quell aller ausübenden politischen Gewalt im asten Reich: die Kritik geschieht stets mit Ehrerbietung, stellt aber doch fest, daß der Chgrakter des Kaisers ^unsere Politik in eine Reihe verhängnisvoller Fehler stürzte:
Mit ihm zusammeri zu arbeiten war schwer. Das erklärt sich wohl au» dem impulsiven Charakter de» Kaiser», aber nicht weniger auch aus dem mangelnden Rückgrat der Räte der Krone. Sie haben geschwiegen, wenn es Zeit zu reden gab. Die berhängnisvolle Vorliebe des Kaisers für große Worte und persönliches Auftreten hat schon Bismarck 1889 energisch, freilich auch vergeblich bekämpft. Sie bildete mit den Anlaß zum Kanzlerwechfel von 1890. Kaiser Wilhelm hat nie die Verfassung verletzt, aber da» Ausland gewann aus feinen Stegreifreden die Anschauung, als sei er der absolute Herr in Deutschland und habe Ziele, die doch feiner aufrichtigen Friedensliebe völlig fern lagen. Die
Da packte ihn ein trotziger Entschluß.
Jetzt mußte gehandelt werden.
Jetzt mußte er Bundesgenossenschast haben, ob Onkel Salzmann leben blieb ober starb. Er kleidete sich hastig an und ging in den alten Seebären.
4.
Tom Murray hatte sein Frühstück eingenommen und saß bei einer guten Zigarre in behaglicher Stimmung, als sich die Tür öffnete und Bruno ^ertfdjig in den kleinen Sveikeiaal trat.
feiner Meinung, daß bei zielbewußter Führung der » U-Bootkrieg zu den von der Marineleitung ertvar- 1 teten Ereignissen hätte führen müsien.
Bekanntlich dreht sich um die Person des Herrn I b. Tirpitz die ganze Aktion derjenigen, dir für den I U-Bootkrieg in seiner schärfsten Form eingetreten I sind, lieber diese Streitfrage bringt aber Tirpitzens 1 Buch nicht allzuviel von Belang. Man erfährt, daß I der Großadmiral in feiner Eigenschaft als Staats- I sekretär der Reichsmarineamts im ersten Kriegsjahr I entschiedener Gegner des 11-Bootkrieges gewesen I ist, wie ihn der damalige Chef bei AdmiralstabeS I v. Pohl mit seiner „Kriegsgebietserklärung rwnb I um England" verirat unb schließlich auch durchsetzte. I Dem gegenüber war v. Tirpitz 1915 nur für eine | U-Boot-Blockabe ber Themse. Er erzählt, baß er I an ber Themsemünbung alles hatte zusammenziehen I wollen, was ihm an U-Booten zur Verfügung ftanb, I und glaubte, auf diese Weise eine effektive Blockade I durchführen zu können. Die Vorarbeiten, dafür I habe ihm Pohl umgestoßen und schließlich sei dann I ber U-Boolkrieg für Februar 1915 ohne fein Zutun 1 beschlossen worden, wie Tirpitz sich ausdrückt, indem I er „wieder einmal, diesmal wohl in einer der I wichtigsten Fragen meines Ressorts, ungehört ge- I blieben, der U-Bootkrieg über meinen Kopf hinweg I und gegen meinen Willen durchgesührt, in einet I Form, die nicht Glück verhieß." I
Am meisten interessieren mußte an der Schrift I des Herrn von Tirpitz seine Stellung zu dem un- I eingeschränkten U-Boot-Krieg von 1917, der ja I ber eigentliche Gegenstanb des politischen Streites I gewesen ist. Damals war ber Großadmirals schon I nicht mehr int Amte. Er kann darum Aktenmaßlges I zur Beurteilung der Frage nicht deibringen. Seme I Ausführungen find eine Wiederholung der Ansicht, I baß dieser verschärfte U-Boot-Krieg ein Jahr zu spat I gekommen sei. Damit hat er ja nicht unrecht. Wenn I überhaupt ein verschärfter U-Booikrieg geführt wer- I ben sollte, mußte er möglichst früh begonnen werben 1 bamit unseren Feinden keine Zeit gelassen würbe, I wirksame Abweh rmaßr eg ein vorzubereiten und | anzuwenben. Das würde, sagt Tirpitz, nicht möglich I gewesen sein, wenn man schon im Februar 1916 so I vorgegangen wäre, wie es nachträglich geschah. Dann I hätten unsere U-Boote „noch unter den feindlichen Handelsschiffen hausen können, wie Wölfe in «chafs- herben; spater war es ein regelmäßiges Gefecht, bas sie führen mußten. Aus einer ZerstörungSarbett war eine gefahr- und verlustreiche Kampfhandlung ge-' worben." Tirpitz glaubt auch, baß 1916 bie Amerikaner den verschärften U-Boot-Krieg nicht $u bet Kriegserklärung gebracht haben würden. Gegenüber der Behauptung, wir hätten nicht genug U- Boote zur Verfügung gehabt, sagt Tirpitz:
Wir hatten im Frühjahr 1916 für da, bevorstehende Etatsjahr mit 205 U-Booten zu rechnen, die tm Dienst, im Bau oder in der Erprobung standen, davon 147 tm Bau befindliche, die noch während des.EtatsiahreS zur Ablieferung kommen sollten. Hiernach berechne man daS Ergebnis, welches ein wirklicher U-Bootkneg tm Jahre 1916 gehabt haben müßte. Man wird den Engländern recht geben muffen, daß sie damals den Krieg I verloren haben würden, wenn wir den Mut gefunden I hätten, ihn zu gewinnen. .
Auch nach ber Lesung der Tirpitzschen Erinnerungen, die übrigen? keine aktenmäßige Nachweise enthalten, sondern Betrachtungen, die auf dem Gedächtnis und auf Aufzeichnung beruhen, sieht man I noch große Lücken klaffen, bie et verhindern, daß die Betrachtungsweise her Dinge, die wir erlebten, wirklich objektiv nach allen Seiten hin gestaltet wer- I den könnte. Man wird nun erst wieder die Ent- I gegnungen der von Tirpitz in den Kreis seiner Erörterungen und auch seiner Angriffe gezogenen polt- tischen, diplomatischen uno sonstigen Perchnlichkerten und Stellen abwartcn müssen, ehe man ein endgültiges Urteil zu fällen imstande ist.
I Sein Schlußwort beginnt Tirpitz mit dem Satz: „Das deutsche Volk Hai die See nicht verstauben,
I In seiner Schicksalsstunbe habe es die Flotte nicht ausgenutzt." Mit seinsft „Erinnerungen" will Ttr-
I pitz ber beutschen Flotte nur noch bas „Totenbenkmall I setzen. „Jetzt bleibt nur noch be$ Zieles bet Eblen wert: Vom Deutschtum zu retten, was noch zu retten ist." »Unsere Hoffnung aber sei baS kommenbe Geschlecht."
Wie man immer zu Tirpitz unb seiner Taktik I stehen man, man wird nicht ohne tiefe Erschütterung dieses Buch, welches bie „Geschichte ber Tragödie I eines großen Volkes ist", aus Der Hanb legen können.
Der Tongkinese legte ein englisches Blatt aus der I Hand, in dem er gelesen hatte unb schaute mit unver- I hohlenem Interesse aus den Ankömmling.
Bruno nahm an einem kleinen Tischchen Platz und I bestellte sich gleichfalls etwas zu essen und eine halbe I Flasche Portwein. Ihm war's, als müsse er seinen inne- I ren Menschen gründlich zurechtrücken. Zugleich überlegte er, I wie er es anfangen könne, an den feltfamen Alten heran» I zukommen, der ihn in geradezu unheimlicher Weife onzog, I in dem er einer. Abenteurer und zugleich einen Helfer I witterte I
Dos sollte ihm leichter werden, als er erwartet hatte. I Tom Murry schritt ohne Umstände heran, machte eine |
* leichte, herablassende Verneigung und sagte:
„Tom Murray — habe die Ehre, Herrn Mertschitz zu begrüßen. Bin Aelterer von uns — erlaube mir also I meinerseits die Anknüpfung, da der Wirt mir sagte, Herr I Mertschitz werde heute hier erscheinen, um meine Bekannt- I schast zu machen."
Bruno hatte sich hastig erhoben und ebenfalls verbeugt. Er war völlig überrafcht, faßte sich ober leidlich unb sagte:
„3n der Tat, mein Name ist Mertschitz — und Herr Morsel hatte mir gestern den Ihrigen genannt, Herr Murray — aus Tongking, nicht wahr?"
Der Fremde lächelte.
„Herr Morsel scheint ein Schwätzer zu sein. Allerdings komme ich'aus Tongking — feit'ein paar Jahren
I _ große Opium — wie sagt man--na, nebensäch
lich. Womit kann ich dienen?"
I Jetzt war Bruno völlig verwirrt. Der Fremde sprach ] dos Deutsche wie ein Deutscher, aber wie einer, der
I ber Muttersprache etwas entwöhnt ist und sie erst wieder
I lernen muß. ..
„O dienen! Herr Murray! So war es natürlich vlw mir' nicht gemeint. Ich saß gestern im Hinterzimmer mit ein paar Freunden unb sah Ihrem Spiele zu. Es hcü uns gewaltig gefesselt und da fragten wir gelegentlich —"
Murray machte wieder fein überlegenes Gesicht.
„Ah, ich verstehe, nur das Spiel — nicht ich. Hane I allerdings einen Augenblick den Eindruck, als ob ich selbst I die Aufmerksamkeit der Herren erregte — Verzeihung, I der Irrtum ist erledigt."
Dabei mochte er eine „Wendung, als wolle er zurück-
I treten.
| In unbehaglicher Weise empsond Bruno die Hebet- legenheit d°a grauhaarigen Weltmannes und zugleich die
32 229.
4. vri-d-r 1919.
Gefahr, die so fehr ersehnte Anknüpfung zerrissen zu sehen, noch ehe sie richtig erfolgt war. Er beeilte sich mit der Entschuldigung:
,3)ert Murray, ich habe mich ersichtlich sehr ungeschickt ausgedrückt. Ich wollte sagen, das Spiel interessierte uns als Spieler--"
„Ah, Sie spielen —?"
„Ja, leidenschaftlich gern — und, lasten Sic Sich gütigst vollenden, die Person des jenen Tisch schert jchM- den Spielers schlug uns geradezu in Dann."
„Sehr verbunden," sagte Murray.
Bruno fuhr fort:
„Und unser — oder vielleicht mein etwas aufbring» liches Interesse bewog dann Sie, Herr Murray, sich nach mir zu erkundigen. Eine Interessenverkettung, die mich ermutigte, den Versuch zu machen, mit Ihnen bet^ntot zu werden. Herr Morsel hat also richtig, wenn auch nicht sehr taktvoll vermittelt."
Der alte Herr zog sich ohne Umstände einen Stuhl heran und sagte dabei:
„Bitte, wollen Sie Ihren Platz wieder einnehmen, Herr Mertschitz. Ich bin so frei, Ihnen Gesellschaft zu leisten. Meine Spielgenosten von der „Thusnelda", mit denen ich gestern hier war, sind nun in olle Winde. Kommen Sie heute abend wieder?"
„Gewiß."
„Auch ich pflege mir das seelische — — wie sagt man Balance — das Gleichgewicht, das man zu gutem Schlafe braucht, gern jeden obend durch ein Spielchen zu schaffen. Suche also einen neuen Kreis."
„Der Ihnen gewiß sich sreudig öffnet. Freilich, ob er Ihyen genügen wird? Wir sind mittelbegüterte Leute, bie mit bescheidenen Ziffern rechnen."
। Murroy lächelte herablastend. ,
,Zch spiele immer und auch mit bescheidnem Einsatz. Groß und klein. Anders in Hongkong — anders io Chikago —"
„Ah, Sie waren auch dort?"
„Ich war überall. Die Welt ist so Nein, und wenn man sie sich nicht macht interessant, so sehr langweilig —. Aber genug von mir. Freue mich, hier ich bleibe ein paar Wochen in Geschäften — Anschluß zu finden für die langweiligen Abende. — Aber, Herr Mertschitz, haben Sie Verwandte bei der Knifft?
„Wieso?" .
^(Fortsetzung folgt-'
und Berchhold verkannten die Greifbarkeit des rn.it Zustimmung Englands erreichten diplomatischen Erfolges. I Sie sahen auch die Imponderabilien nicht klar, die sich I ergaben, wenn sie diese serbische Antwort zum Grund eines Truppeneinmarsches machten. Es war kein Zweifel darüber möglich daß England eine militärische Schwächung Frankreich« durch uns niemals zulasten I würde, und beim Einmarsch in Serbien mußte man im ungünstigsten Falle doch mit der Möglichkeit eines I Krieges mit Rußland unb damit auch gegen Frankreich rechnen. In seiner Scheu vor Klarheit hatte der Kanz- I letten Ernstfall f o wenig vorbereitet, daß Gesamterwäpungen zwischen ben politischen und militärischen Spitzen niemals stattgefunden haben, weder I über die poNtisch-strritegischen Probleme der Kriegs- ! führung, noch über Die Aussichten eines Weltkrieges I überhaupt. Wir haben noch im Juli 1914 erhebliche I Mengen Brotgetreide nach Frankreich ausgeführt. Es I herrschte ein Mangel an Salpeter, welcher für die Armee nahezu lebensgefährlich wurde. Kupfer, Nickel und I andere kriegSnotwendige Stoffe fehlten in hohem Maße, I und jede Gelegenheit, sie unauffällig zu ergänzen, I wurde geradezu geflissentlich außer acht gesetzt. Trotz I diesen felbstmörderlschen Bewerfen unsere Frie- I den s liebe ließ sich infolge der nach Kriegs- I treibereien aussehenden Heimlichkeiten unserer I Politik im Juli 1914 die Welt doch von unserer «chu'd überzeugen. Wir waren das Schaf im I Wolfskleid. Ich kann noch einen weiteren vollgül- tigert Beweis dafür anführen, daß unsere Reichsleitung I ben Krieg nicht gewollt hat. Sie war nämlich von An- I fang an überzeugt, daß wir nichtsiegen würden, j Nun kann man ihr zwar viel Ungeschick zutrauen, nim- I mermehr aber da» verbrecherische Tun, einen Krieg zu I wollen, von dessen Aussichtslosigkeit sie selbst am tiefsten durchdrungen war. . I
Nicht minder schwer sind die Anklagen, die Tirpitz I über die politische Leitung w äh rend des Krieges erhebt. Wit können hier des Raumes wegen nur folgende Stellen entführen:
Bei Ausbruch des Krieges war ich überrascht zu erfahren, daß der mir geheim gehaltene Operationsplan der Marine nicht vorher mit ber Armee vereinbart worden inar. Es war nach meiner Auffastung der I Helle Wahnsinn, die Flotte in Watte zu ber. packen. Das hatte Sinn für England, weil dessen I Flotte dadurch ihren Zweck, bie Meere zu beherrschen, erfüllte. Für Deutschlanb aber, dessen Ziel es fein I mutzte, das Meer sich frei zu halten, war der Grund- | satz unsinnig. Der Entschluß, „die Flotte einzufetzen, konnte im Kabinett nicht gefaßt werden. Man suchte nach Entschuldigungen für die eigene Schwäche unb verfiel sogar darauf, das Material der Flotte schlecht zu macheii. es nach Skagerrak den Zweifelnden wie Schuppen von den Augen fiel und sie erfannen, tote sehr unsere Schiffe den britischen überlegen !va. ren, ist es für die Reue geschichtlich schon zu spät ge» wesen."
In dem Artikel, wo Tirpitz den Untersee- bootkrieg behandelt, geht er mit schärfsten Angriffen nach den verschiedensten Seiten vor. Man | erfährt hier mit wachsender inneren Erschütterung
I von schweren Unstimmigkeilen über die wichtigsten I Fragen der Kriegführung innerhalb gerade derje- I I nigen Stellen, die für das Schicksal des Volkes verantwortlich waren. Tirpitz rechtfertigt alle Maß- nahmen des U-Bootkrieges, so unter anderem auch die Versenkung der „Lusitania" und er bleibt bei
I Dir einfach sagen: Ja, ich sand ben Onkel damals schla- I send am Schreibtisch —
I „Also, Du warst in seinem Zimmer."
„Teufel, ja, jetzt befimte ich mich —, aber alles andere I ist Einbildung. Er fchenkte nicht mehr, er muhte geben! I Weißt Du denn, wie oft er mir Geldforderungen abge- | schlagen hat?"
I „Das weiß ich freilich nicht. Also, Du hast noch mehr | gefordert. Ja, aber mit welchem Rechte denn?"
„Aus Not."
I ,;Uitb aus dem offenen Schubfache des Schreibtisches I haft Du damals nichts genommen?"
I Bruno starrte die Sprecherin entfetzt an.
„Offene Schubfach des Schreibtisches —i Das hast Du I auch gesehen! — Ja, Muter, wenn Du alles weißt, wozu I fragst Du noch?"
I „Noch weiß ich nicht alles, noch weiß ich nicht, was I das Schriftstück enthielt."
I Da tarn dem Ueberrumpelten ein rettender Gedanke.
I Er sagte kurz und bündig:
„Da Onkel noch lebt, darf ich nicht antworten. Das I ist auch feine Angelegenheit, feine zu allererft. Frage ihn, I ob ich reden fall."
I Frau Meta erhob sich.
„Dann ist's gut Bruno, ich werde jetzt nichts mehr I fragen. Aber noch ein Wort: Die Schlüssel, nach denen I Du Dich diese Nacht bemühtest, sind von mir Dermal)rt, I gut Ünd sicher. Jetzt kann ich jeden Augenblick selbst I sehen, was der Schreibtisch enthält. Ich brauche Deine
Bekenntnisse nicht mehr, die ich nur als Mutter, in Sorge I um mein Kind, verlangte. W'.r sind fertig!
Ehe Bruno sich von seiner grenzenlosen Verblüffung I erholte, war die Mutter aus dem Zimmer.
Der Schatten.
Roman von Arthur W i n ck l c r - Tannenberg.
10] --
„Ja, unb ich bin glücklich, daß ich's kann. Aber was gestern nicht war, muß früher einmal geschehen sein."
Bruno antwortete nicht. Er schloß, wie in müder Ergebung, die Augen.
„So lange Onkel lebte und gesund war", fuhr Frau Meta fort, „mors Deine Sache nicht allein, sondern auch seine, da mischte ich mich nicht hinein. Aber jetzt nach | dieser Nacht
„Onkel lebt doch wohl noch." ]
„Vielleicht >
„Wird wohl gar, wie Dr. Schröter selbst in Aussicht stellte, wieder gesund."
Und doch, jetzt geht die Sache Dich, Dich in erster Reihe Ln, unb da fordere ich als Mutter Aufklärung."
Wieder zog Bruno es vor, nicht zu antworten. Eine ÜB eile wartete die Mutter. Dann fragte sie geradezu:
„Was geschah im Winter vor acht Jahren, als Onkel feinen ersten Niederbruch erlebte und am Schreibtisch einschlief?"
„Das fall ich wissen!" wehrte der Sohn trotzig ab.
„Ja, das sollst Du wissen, denn Du.-warst damals in Tntels Zimmer."
„Ich?"
„Ja!" •
„Das hat er Dir gesagt? Ich denke, er schlief?
„Er hat mir nichts gesagt. Ich habe es ;elbst gesehen, Bruno!"
Ein leichtes Erschrecken flog sichtbar über die wel.cn Züge, aber ein spöttisches Lächeln löste es ab.
„Und bas soll ich heute noch wissen — nach acht wahren?!" . .
. „Das weißt Du bestimmt, dazu war das Ereignis zu wichtig und entscheidend. Seit jenem Tage wars, Äs ob Onkel sich in Deine Gewalt geliefert hätte. Er schenkte nicht mehr, er mußte geben, mann es Dir beliebte. Dieser Qual ist er endlich, ist er gestern erlegen."
„Vlle Achtung, Mutter, an Dir ist ein Detektiv vcr- Oorben. Nur schade, daß Du mit leeren Scheingrundcn rnsängft. Seit jenem Tage mors so, kam es Dir so vor, heißt das. Darauf f* *:- Rickt» -w-as Ick könnte
Erne ernste Ausgabe.
Von parlamentarischer Seite wird uns geschrieben: Der Reichstag ist jetzt wieder an der Arbeit. Seine Hauptaufgabe ist es, an dem Riesenwerk des Neuaufbaues der deutschen Finanzen zu arbei- ten. Es ist ein schweres Erbe, welches die deutsche BollSregierung als Hinterlassenschaft des verlorenen Krieges aus sich genommen bat. Gilt es doch die Verzinsung für all die vielen Milliarden aufzubringen, welche der Krieg und feine Folgen gekostet haben und noch kosten. Und weiter muß gesorgt werden für die Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen. Für diese letztere Aufgabe werden allein viele neuen Steuern notwendig, wie daS Deutsche Reich einige Jahre vor dem Kriege an Steuereinnahmen über». Haupt gehabt hat. Das allein läßt schon eine Ahnung aufkommen von der unerhörten Schwierigkeit des Finanzproblems.
Doppelt schwer wird die Aufgabe, weil unsere Wirtschaftskräfte ausgepumpt sind, weil wir wirt- schaftlich durch den Krieg blutleer geworden sind Die unerhörte Kraftanstrengung im Kriege und der Raubbau mit unseren Wirtschaftsgutern und unserer Volkskraft macht die Wiedergesundung auck nach der finanziellen Seite hin sehr schwer. Denn Volkswirtschaft und Finanzen hängen in einer un- lösbaren Weise zusammen, bedingen einander wechsel fettig. Ohne Finanzreform kein Aufbau des Wirtschaftsleben und ohne wirtschaftliches Wiedererstar- ken teilte volle Auswirkung der Finanzrefor< Dabei dreht es sich noch nicht einmal blos um Du Frage der Steuerbefchaffung, sondern es drangen an allen Ecken und Enden auch andere Finanzaus« gaben mit Macht zur Lösung. So die Valutafrage, neue Anleihefragen und all das, was damit zu- ammenhängt. ___’
Fast könnte man verzagen angesichts dieser schwer- ren Probleme. • Aber die Finanzreform mutz geleistet werden, es mag kosten, was e will. Wenn die finanzielle Gesundung wtederkehrt, kann auch das Wirtschastsleben wieder neue Kraft" schöpfen und sich unser ganzes Wirtschaftsgetriebe er stellen auf die neue Zeit.
Diese unendlich schweren finanziellen Aufgaben, welche das Deutsche Reich jetzt zu lösen hat, gehen einen jeden einzelnen von uns an. Don ! der Lösung des Reformproblems hängt das Wohl nicht nur des Staates, sondern auch jedes einzelnen von uns ab. Ohne Lösung der Finanzreform ist der wirtschaftliche Aisammenbruch in absehVvrer Zeit unvermeidbar. Welche Folgen aber müßte das haben für jeden einzelnen Deutschen, für reich und arm, für Haud- arbeiter und Geistesarbeiter! Die Folgen sind garnicht auszudenken; sie würden ungeheuer viel schlimmer sein, als die Belastung, die man durch irgend welche denkbare Steuer dem Volke auferlegen wollte. Wenn der Arbeiterstand nichts mehr zu tun hat, wenn die Staatsmaschinerie stillsteht, wenn die Industrie und der Handel brachliegen, wenn der Mittelstand feiern I muß, kurz, wenn eine volkswirtschaftliche Katastrophe I hereinbricht, dann werden die Folgen eines solchen Ge- I schehens ungeheuer viel größer, als wenn man jahre- I lang auch schwere Steuern zahlen muß. Jeder einzelne würde bann getroffen, die unteren Volksschichten
I und der Mittelstand am meisten.
Eine solche Gefahr muß unter allen Umständen ab- I gewendet werden. Sie kann abgewendet werden, I wenn das ganze Volk von dem machtvollen Willen getragen ist, alle Kräfte einzusetzen, um zusammen mit I der Regierung und dem Reichstag der Not der Zeit zu steuern. Das Volk und die Presse müssen jetzt der | Volksvertretung und dem Reichstag den Rücken stärken, daß sie die Reform zwingen, auch wenn- manche harte Steuern dabei geschluckt werden I müssen.
Wir dürfen nicht wieder in den alten deutschen I Fehler verfallen, daß man bei vorgeschlagenen Steuern I nur die Schönheitsfehler entdeckt und dann schließlich I vor lauter Sritifiererei ganz vergißt, daß die Stunde des Reiches und des Volkes außerordenllich ernst ist, daß es das große Werk der Rettung Deutschlands gilt Jetzt ist es heillge Pflicht eines jeden einzelnen Staatsbürgers, alle persönlichen Momente aus den Erörte- I rangen auszuschalten, sich von aller Schlagwortpolitik freizuhalten unb nur reinsachlich an dem großen Werke I finanziellen Neubaues mitzuwirken. Dazu gehört, daß I wir uns abwenden von den Gewohnheiten der Vergangenheit, bei allen vorgeschlagenen Maßnahmen nur das I Lästige und Unangenehme, aber nie das Zweckmäßige und Heilsmne zu sehen. Man sollte sich vergegenwär-