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Die deutschen Truppen in Kurland.

Reichswehrminister NoSk« äußerte sich gestern

Der Karrrpf nm Fiume.

Die Tumulte in der italienischen Slemmer.

Zahl sei bereit; zurückgezogen worden, wa» irgend- wie zu erreichen war. Es soll jetzt mit Nachdruck alles erdenkliche daran gesetzt werden, den letzten Nest deutscher Truppen gemäß den Wünschen der Entente zurückzuzichen. Dafür wird die Entsendung einer gemischten Kommission nach Kurland als bester Mittel angesehen.

daß allereaktionären" Offiziere herausgeworfen und bis jetzt 200 Generale verabschiedet seien. Sehr be­zeichnend ist sein Bekenntnis:

.Wenn ich nicht ein so unverbesserlicher Optimist wäre nach den Erfahrungen, die ich gemacht habe, spuckte ich auf die ganze Menschheit. ('Sc* wegung.) ES pirscht sich jetzt an unS alles mögliche her­an." (Zurufe: Halbseidene, Nevo!uttons«-ewinnler!)

Was dann Noske über die Zukunft des Offi- zierskorps anführte, wirkt angesichts des Glan­zes unserer einstigen Armee geradezu erschütternd: Er fogie:

Im Offizierskorps bleiben in erster Reihe die Leute, die im Januar für unS gekämpft haben. Sodann die armen Frontoffiziere, die sich im Kriege ausgezeichnet haben. Die reicheren Offiziere kann ich eher entlassen. Wir werden am 1. Januar 1920 ein bettelarmes Offizierkorps haben, daS mit feiner Existenz an die Sicherheit des Landes und an die Festigkeit der Regie­rung gebunden ist. (Beifall und Bewegung.)

Noske stellt dann die Gefahr einerGegenrevo­lution" von dieser Seite in Abrede. .Natürlich seien die Leute von den jetzigen Verhältnissen nicht ent­zückt". Darum muffe man in diesen Zeiten jedem Menschen, auch den Offizieren, einegewisse Schimpffreiheit" zugestehen. Die Sozialdemo­kratie solle nicht immermit einem Auge nach hin­ten" stehen, sondern lieber dafür sorgen, daß die an­ständigen Leute nicht einen Ekel vor der Revo­lution bekommen, und sagen, wenn das Sozialis­mus ist, ist unS eine anständige bürgerliche Regie­rung lieber.

Noske fand den stürmischen Beifall der Versamm­lung, der auch in der Diskussion dadurch zum Aus­druck kam, daß immer wieder auf die Notwendigkeit hingewiesen wurde, Ordnung zu schaffen und auf­bauende Arbeit zu leisten. Damit wird man sich durchaus einverstanden erklären müssen.

Ohne straffe Männerzucht, ohne die einst vielge­schmähte Disziplin kann keine Regierung regieren, kann kein Staatswesen bestehen. Bei jeder Revolution liegt die Gefahr vor, daß sich alle Bande der Ordnung und Sicherheit lösen. Wer sich in solchem Strudel am Ruder halten will, muß fest zngreifen. Er muß, wie Noske zutreffend ausführt,den Mut zur Härte" habenund, abermals nach NoSkes Anschauung, lieber ein paar tausend Tollköpfe opfern als ein

einer Ausschußsitzung über die mutmaßliche Stellung der Reichsrezierung zur neuen Ententenote über die sofortige Räumung des BaltenlondeS. Die ReichSreaierung werde mit allen Mitteln bestrebt sein, loyal durchzuführen, wodurch sie vertraglich verpflichtet ist. Es sind die stärksten Maßregeln gegen die Zuwanderung von deutschen Truppen nach den Randstaoten ergriffen worden. Der Ver­kehr ist gesperrt. Der Minister gab dann der Hoff­nung Raum, daß die znrückverufenen Mannschaften auch im Hinblick auf die getroffenen Maßnahmen, wie Lohnentzug und Verlust der Versorgungsan- sprüche den gegebenen Verhältnisses Rechnung tragen und zurückkehren würden. Wie die in russische Dienste übergetretenen Mannschaften zurückgeholt werden, dafür wisse er noch keinen Weg. Es han­delt sich übrigens nicht um 50000 Mann deutscher Truppen in den Randstaatrn, tote in der gegenwär­tigen Presse vielfach behauptet worden ist, sondern weit unter 20000. Selbst von dieser geringeren

Deutsche Nationalversammlung.

Sitzung vom 30. September.

Präsident «ehrenS«» wünscht der Nation alversamm. Imta einen gesegneten Einzug in ihrckw Berliner Heim und gedenkt der -,erjtorbentn Abgeordneten Dr. Nau­mann. Auf der Tagesordnung stehep zunächst Anträgen.

Der Notetat wird in allen drei Sejungen ohne Aus- ^S5ei der ersten Beratung des Gesetzentwurfes übet die durch innert Nnrnhen verursachten Schaden ver- I«ncex die Eozialdemi-krattn, daß iedc Haftung lokaler Gemeinden für die Schäden au» Unruhen ausge-»losten sei D«S Reich allein müsse dafür auskommen. Unter« fiectshlretir Dr. Lewold betont betngegenüber, die Un- ruhen wurden in den meisten Fällen von Mitgliedern »er Gemeinde", nicht von Fremden erregt. Also fei die Gemeinde verantwortlich.

Mittwoch: Weiterberatung.

lieber die aufregenden Tumultszenen, die sich in SonntagSsitzung der italienischen Kammer ad- spielten, wird noch gemeldet: Die Szenen überstiegen an Heftigkeit alles, was die an bewegten Sitzungen wahrlich nicht atme Geschichte des italienischen Paria- mentS zu verzeichnen hat. DaS von dem A'og. Bianch: eingebrachte Vertrauensvotum für di» Regierung lautete: Die Kammer bestätigt neuerding» feierlich die Jtatianität FiumeS und geht im Vertrauen auf das Werk der Regierung zur Tagesordnung über. T u rat i, der Führer bet radikalen Sozialisten entfesselte einen ungeheueren Sturm, als er erklärte, die Sozialisten wurden gegen die Jtalianität von Fiume stimmen. Dann nahm der Exminister Orlando das Wort zur Verteibigung feinet Politik. Derselbe Orlando, der bei feinem Abgang mit Beschimpfungen überhäuft worben war. erntete jetzt den Beifall bet Kammer» Mehrheit, al» et in geschickter Weise seine Unfähigkeit als Unterhändler zu verschleiern wußte und an die patriotischen Gefühle beS Volke» appellierte, das an bem italienischen Charakter FiumeS nicht rütteln lasse. Die scheinbare Einmütigkeit bet Kammer ging aber bei bet Abstimmung vollständig in die Brüche. Während bet erste Teil der Tagesordnung Bianchi beinahe ein- st.mmig angenommen wurde, (nur die Sozialisten blieben fitzen), dagegen entfachte die namentliche Abstimmung über den zweiten Teil Tumultszenen von unerhörter Heftigkeit. Die Mitztteber bet Gruppe ber nationalen Verteibigung machten einen fürchterlichen Lärm, um bte Abstimmung unmöglich zu machen, weil Nitti gedroht hätte, sich über die von Raimondo gestellte Frage, ob die Regierung etwas übet die Art »er Diskussion bei FriebenSvertrageS sagen wollte, nicht äußern zu können. Im Thor riefen bte Nationalisten unausgesetzt:Es wirb nicht gestimmt!" Währenb biescS Geheuls erhob sich ber sozialistische Abg. Mobigliani und ging mit gebauten Fäusten auf bcn Oppositionsführer Raimondo zu. Damit war das Zeichen zu einer allgemeinen Rauferei gegeben. Die Nationalisten stürzten sich auf Modigliani und bearbeiteten ihn mit Faust, fch lägen. Der Faustkampf griff auf beide Gruppen über und schnell touroe ber Halbkreis beS Saales vor ben Regierungssitzen in einen Kampfplatz verwandelt. Vergebens versucxten bie Quästoren bie Streitenden auSeinandetzubringen. Die Abgeordneten stießen, chlugen und überwarfen sich und einige fielen zu Boden. Der Kammerpräfident verlangte die Räumung aller Tribünen, wa» jedoch dem Pförtner nur mit Mühe und Not gelang, lieber hunbert Adgeorbnete beteiligten sich an bet Rauferei. In bem Durcheinander wurden vielen Abgeorbneten die Kleiber vom Leibe ge- rijsen. Die Unruhe erneuerte sich immer wieder, bi» endlich Nitti erklären konnte, baß seine Neutzcrungen mißverstanden worden feien und daß et durchaus nichts

baten und Freiwilligen wurden am Montag ewige Züge uvischen London und den großen «iäüien^des mittleren und westlichen Englands abgefertigt. 2'ess Züge führten hauptsächlich Post und Lebensmniel. Es gab auch einen kleinen Dienst zwischen ^ondon und dem Kanal, um die Reise vom Festland nach London zu ermöglichen. Die Regierung bedient sich zur Uebersendung von dringenden Briesen und Bot­schaften nach den Provinzen der F l u g z e u g e.

In Süd-Wale^ hat der Streck eine ernst« Lag« geschaffen. 100 000 Bergarbeiter sind dort arbeitslos geworden und man erwartet, daß auch Fabriken gezwungen fein werden, zu schließen. Die Stahlwerke von Lanark, die 15 000 Mann beschäf­tigen, haben ihre Schließung angekündigt.

Reuter meldet, daß Anordnungen erteilt wurucn, nach Mitternacht die gesamte Verschiffung von Kohlen nach den Ländern der Alliierten einzu- rte[ien so daß alle verfügbaren Kohlen den eng- fischen Verbrauchern zugute kommen. Die m Eng- land vorhandenen Lebensmittel reichen etwa vierzehn Tage. n

Ein Zwischenfall in Ludwigshafen.

In der Badischen Anilin- u. Sodafabrik kam e$ zu einem schweren Zusammenstoß zwischen Arbeitern.und franz. Dolbateu Ein franzöfi-chet Posten war --ngebchimTe- dränge be5 Schichtwechsels von einem Arb-tterange- rempelt worben. Es entstaub ein SSorttoedifd, ber 3U Tätlichkeiten führte. Die Franzosen zogen sich vor der Menge nach bem Wahllokal zuruck, worauf ber Wacht­habende feuern ließ. ZweiZivilrsten tourben ge­tötet unb eine Anzahl verletzt. Die ^ewer.ichasteo verlangen bie Beseitigung ber französischen Wache.

6tekt Verkehr mit dem besetzten Senket?

Wie baS ,Miner Sägeblatt' au$ zuverlässiger Quell« aus Koblenz erfährt, haben bie Bemühungen ber Reichs- regterung unb beS <Ltaat»kommissa«s für bte beferen Gebiete in ber »frage bet DerkehtSerleichteriing zwischen dem besetzten und unbesetzten Gebiet ben Erfolg gehabt daß mit bem Eintritt be$ offiziellen FriebeiiSzustanbes ber Verkehr zwischen bem besetzten und unbesetzten Gebiet vollkommen frei fein wird.

Sem Kieler Kriegsgericht worden der Mafchinff Engelhard und bet Obermatrsse Keck vom U-Boot<$, 55« auf bereu Betreiben im Mai b. I. tbr Führer, ber'flapitänleutnent Kiefewerter, von ben Engländern in Falmouth verhaftet worben war, wegen Laniesver» rats zu einem Jahr Zuchthaus unb fünf Zähren Ehr,

®itu große Kundgebung des Schltswig-Holsteinel Bundes f-nb in Flentburg statt. 4000 Schleswigei legten daS Gelübbe ab, treu zu Deutschland zu halten

Die Kohlenkatastrophe in Wien hat tgre. ©djarfe verloren. Seit Montag haben bte Strahenbahn.it t.n Betrieb wieder aufgenominen. _.

Polnischer Erfolg bei Dünaburg. Die polmsche« Truppen haben nach zwettägigern Kampfe dre Beftsttg- ungcn von Dünaburg am südlichen Ufer ber ^itna e< »Die ^englische Regierung hat bie provisorische litauische Regierung anerkannt.

Wilson, Befinden .ist unverändert. Man glaubt nicht, daß er tu absehbarer Zett cmstande sein wird, feine Arbeit wieder auszunehmen. Die Arbeiter- konferenz am 6. Oktober wird ohne ihn eröffnet.werden und auch da» belgische Königs paar wirb er bet feine/ Ankunft nicht begrüßen können.

Preittzische Laird-rversamwlrrrrg.

©itzimg vom 80. ®e i.

PrSfident Leinert teilt mit, daß tie VoÄage übs. die einmalige Teuerungszulage für di- Beam­ten eingegangen fei. Sie wird als erster Punkt auj ter SageSordnung der Mittwochsitzung gesetzt.

Nach Erledigung zahlrcicher Anfrctgen verteidtgtÄ LanlwirtfchaftSminister Braun feine Verordnung zup Eicherstelluna der Ernte. Er bezeichnet die Der- orbnung al5 einen Akt bet Notwehr gegen eigennützige Agrarier. Daun sprech t_

Firtan,Minister Dr. Südekum über die Finanzlage der Eifenbahnverwaltung. Der ta^iche Fehlbetrag betrage 10, 12, ja 15 Mlltonen Math Tie Eisenbahnen feien cm fressender Krebs, solange dieser Zustand andauere. Mik scharfen Worten wandte sich bet Minister gegen bie Ansprüche, bte augenblick­lich an die deutschen Finanzeu gestellt werden. Wenn es'aber nach den aberwitzigen Plänen bet Franzosen geht, dann ist jede Aussicht für die Zukunft für uns verloren Aber darüber haben ja andere auch nocy mit-uredeu Auch der Saunt der Entente wird nicht in ben Himmel wachse«. Wir treten bte ©teuer» hohe ii an da» Reich ab. Aber wir müssen Si­cherheiten für die finanzielle Erhaltung Preußens,, ver­langen. Die preußische Regierung steht grundsätzlich auf dem Boden deS brutschen Einheitsstaates. Der Redner fern auch auf feine jüngste ?lvwehr der Press-nackrtcht Wer die Konferenz der Finauzminifter zurück. Hätte et nicht sofort cingegriffen, fo hätte uns das feferf Dutzende von Millionen gekostet. DieTäg­liche Rundschau" frage: Warum fo aufgeregt? Ich sei nickt AMfgeregt, fordern zornig gewesen. Dabet un< terschla e bie .Tägliche Rundschau" feine Ausführun­gen unb ihre Gründe.

Abo Prust (Ztr.): Wir kommen ohne den deut­schen Ein -tteThmt nicht mehr au5. Die Ruhegehälter müssen' in V.ruf'tn in der gleichen Weise geregelt werden wie int Reiche und auch bie Gemeinden werben ähnliche Seit im uumgen treffen müssen. Wir können un5 mit dem Ü bergang der Staatshoheit nur abfin, den, wenn das Eigenleven der Gliedstaaten und Ge­meinden gesichert bleibt.

Abg b Richter (D. Vp.): Nach dem vernichtenden Urteil Friedbergs an dem ReichSnotopfer ist eZ mir nicht klar, wie jetzt die Demokraten an den Eintritt in das Reichsmintsternim denken könnt». .(DcLr S»1

gegen die DiSkusstou bet FriedenSverttäge einzuwcubcn habe. Die Abstimmung konnte bann gegen Mitter­nacht zu Ende geführt werben. Die Regierung erhielt eine Mehrheit von 60 Stimmen.

Auflösung der Kammer.

Die von verschiedenen Abgeordneten verlangte Auslösung der Kammer hat die Regierung alsbald nach Schluß der bewegten Sitzung ungeordnet. Es wird gemeldet:

wtb Bern, 30. Sept. Durch gestriges königliches De­kret ist die italienische Deputiertenkammer auf­gelöst worden. Sie Wahlen find zum 10. Oktober ausgeschrieben worben. Senat und Kammer werden am 1. Dezember zusammentreten. Irgendwelche Umbildungen im Kabinett sind vorläufig nicht zu erwarten. Ebenso ist die Erörterung der Fricdensverträge damit bis aus weiteres vertagt.

Die Auflösung der Kammer läßt erkennen, daß das Ministerium Nitti sich, was nach bem nicht sehr glänzenden Ergebnis der Abstimmung begreiflich ist, nicht mehr die Autorität zutraut, den Konflikt osn sich aus zu lösen, und es für nötig hält, die Entscheidung des Volkes anzurufen. Das hat auch eine neue Ver­schleppung der italienischen Verhandlungen über die Friedensverträge und damit eine ^Erschwe­rung ihrer Ratifizierung zur bedauerlichen Folge.

Die Iiume-Zrage

selbst erhält noch dadurch eine Verschärfung, daß die serbische Regierung fest entschlossen ist, einer Lösung des Problems im Sinne der italienischen Nationalisten, die Minne für Italien annektieren wollen, mit Wasfen- gewalt entgegenzutreten. Dieser Entschluß soll auch durchgeführt werden, wenn der erkrankte Wilson und die Entente Fiume Italien zusprechen sollten. Die Stimmung in südslawischen und namentlich serbischen Kreisen ist äußerst gereizt.

NoSke.

nm dasProblem" Noske tobte in den letzten Nochen ein heftiger Kampf. Selbst die eignem Par­teigenossen Noske» waren an ihm irre geworben. Im Grunde hatten sie sich aber nur durch die Agi­tation der Unabhängigen und durch die irrsinnige Gespensterseherei des unabhängigen Berliner Organs Die Freiheit tnS Bockshorn jagen lassen. Wo irgend ein Offizier sich räusperte und spuckte, wurde in der »Freiheit über die Gefahr derGegenrevo­lution" gezetert. Diese»gegenrevolutionäre" Ge­schwätz war geradezu krankhaft geworden.

Nun trugen sich in neuerer Zeit einige Tinge -u, die in ihrer agitatorischen Ausnutzung allerdings geeignet waren, Noske die Hölle heiß zu machen. Bor allemder Fall" des Obersten Reinhard. Reinhard war der Offizier, -er im Januar mit einer Hand voll treuer Truppen Berlin von der Spartaku»herrschaft befreite und unter schweren Opfern dieser Truppe die Spartakisten aus dem j8ortoärt»'ge6äube herauSwarf und damit den Sozial­demokraten ihr Organ wiedergab. Damals hingen die Geschicke der Regierung an einem Faden, kein Wunder, daß Notke und die Sozialisten im Kabinett ihrem Retter einigen Dank zollen. Oberst Rein­hard ist in erster Linie Soldat, Politiker und Diplomat ist er naturgemäß nicht. So hat er sich über gewisse Zustände in der Regie­rung in nicht gerade respektierlichen Worten ausge- ffproche». Darüber war nun ein große» Geschrei bei den Unabhängigen entstanden, das solange fort­gesetzt wurde, bis richtig auch derVorwärts" da­rauf hrreinfiel, aus purer Angst, die Unabhängigen könnten ihn in der Bekämpfung der Gegenrevolution übertrumpfen. Aber wie inkonsequent sind doch alle liefe Menschen! Da geben sie politische Redefreiheit für alle, also auch wohl für den Soldaten, und dann will man eineGefahr für die Republik" darin erblicken, wenn sich ein Offizier, mit glattem politischen Sprachgebrauch nicht vertraut, einmal in seiner Art über die Dinge äußert.

So gab e» also einen gewaltigen Sturm um RoSke und e» ist bemerkenswert, daß auch einer der intimsten Freunde Noske» und ehedem maßgebensten Männer der Revolution, Echeidemann, in das Feuer hlte». ES kam .zu der Forderung, daß sich Noske vor den Vertrauensleuten der Groß-Berliner sozial» bemokralischen Partei verantworte und rechtfertige. Da» tat er nun auch am letzten Sonntag in einer Weise, die ihm ein einstimmiges Vertrauen »- «otum einbrachte.

WaS No«kr in dieser Versammlung über seine Arbeit seit Ausbruch der Revolution, über die Zu­stände bet Revolution und über die Stellung der Offiziere sagte, verdient in weiteren Kreise im Lande bekannt zu werden. Er vertrat seine grundsätzliche Auffassung mft männlicher Offenheit. Ganz beson­der« hat er sich nicht gescheut, den eigenen Parieige­noffen bittere Wahrheit zu sagen. WaS er über den Terrorismu» in den Fabriken ausführte, war nur allzu berechtigt. Er wandte sich gegen diezwanzig­jährigen Großmäuler*, die in einem Millionenbe» trieb umherregieren zu können glauben und fügte hinzu:Lassen wir die Dinge rutschen, dann haben wir bald russische, ungarische, Münchener Zustände." Der Reichswehrminister gab dann ein allgemeine» Bild der deutschen Entwicklung seit der Revolution und seiner Tätigkeit in ihr:

Wir haben jetzt die schönsten Freiheiten auf dem Papier stehen. Sie in die reale Wirklichkeit umzusetzen ist nicht Sache der Regierung, sondern deS Voltes selbst. (Sehr gut!) Von den revolutionäten Errungeu- . schäften geht nicht mehr verloren, al» wir selbst durch da» Ungeschick preisgrbeu, mit dem wir wie ein Ochs im Porzellanladen in der Wirtschaft hrrumfahreu. (Sehr gut!) In vielen berliner Räteversammlungeu geben jetzt ehemalige Unorganisierte und Gelbe den großen Ton an. Krieaervereiuler bis zum 9 No- dember, find sie jetzt maßlos in ihren Forderungen unb Wünschen und unklar in ihren Zielen. Sie haben die Revolution zu einet reinen Lohnbewegung degradiert, aber ich bin sichet, sie legen die Hand totebet an tpe Hosennaht, sobald sie die Faust bet Reaktion wieder im Nacken spüren. (Lebh. Zustimmung.) Schön unb großartig wäre bie deutsche Revolution gewesen, wenn die großen Massen wirklich soziales unb sozialistisches Gefühl gehabt hätten, statt nur für sich mög- lichst viel heraurschlagen zu wollen. (Sehr wahr!) Für Hunderte unb Tausenbe wat bie Revolution nur eine Gelegenheit zum Stehlen. (Seht währ) Da» macht die.anständigen Menschen kopfscheu unb jagt sie wieder dem alten Regime zu. (Zustimmung.) Leute, die nie ben Mund aufgemacht haben, solange der Schützengraben ihnen drohte, haben nach ber Revo­lution in den Fabriken an Terrorismus, Niederttäch- tigkeit und Vetgetoalttgung anberer Meinungen die schlimmsten ©ünben der vergangenen Machthaber tau­sendfach übetttoffen. (Lebh. Beifall.) Sollten wir von Kiesen Prahlhänsen unb Großmäulern Deutschland zu» grunbe richten lassen? (Sehr gut!) 81» ich bte Frage einmal vor ben Danziger Werftarbeitern stellte, aut-' toorteten mir unsere Genossen: Nein, viel fester müssen Sie zupacken: Da habe ich ihnen ermibert: Schlapp- ichwänze, wehrt Such selber I ^Stürmischer Beifall.)

Don besonderem Interesse waren die Ausführun- ßen, die Noske in militärischer Hinsicht machte. Er kam auf seine Tätigkeit in Kielzu spre­chen und bemerkte dabei, daß er der erste Soldatenrat von Deutschland gewesen sei. Es drohte in Kiel alles drunter und drüber zu gehen und eine Welle des Ver­derbens über das Land sich zu ergießen.

Da habe ich mir* fo sagte NoSle, ~bte alten Offiziere uns Beamten, verprügelt unb bespuckt, wie sie tvaren, einzeln wieder berangeholt unb mit ihnen baS Schlimmste verhütet. Hub ebenso war e§hier tit Ber­lin. Es war bet Träger eines ber bekanntesten beut» scheu Namen, bet mitunter tausendfacherLebensgefahr, die Gewehre und die Munition für meine ersten Fteiwtlliaenvetbände au» den Kasernen zu- fammengestohlen hat. (Zuruf- Wer?) Wenn Sie e» wissen wollen: ein Graf BiSmarck. (Bewegung.) Wenn sie ihn erwischt hätten, hätten sie ihn totaeschla- 6en, unb ich sollte jetzt vergessen, wa» diese Offiziere mit für die Rettung der Landes geleistet haben? Die Partei darf mir die Leute nicht v-rprelleu, auf die ich in Kiel unb in Berlin nicht verzichten konnte unb «üf die ich heute nicht Verzichi leisten kann. Die Reichswehr ist eint dauernde Gefahr, wie jede Eölduertruppe, wenn sie nicht straffste, eisernste Man» «eszucht hätte. Darum muß sich die Partei daS ewige Duängeln unb Nörgeln abgewöhucn.

Noske erklärte, daß er jedem, der fein Amt haben Volle, esKrMand" überlasse; er betonte bann.

Dre Streikbewegung.

Der Berliner Melallarbeilerstreik.

Der Metallarbeiterverband bemüht sich, dem Streik eine möglichst große Ausdehnung zu geben, allerdings nicht immer mit dem gewünschten Erfolg. Trotzdem läßt sich nicht leugnen, daß die Gefahr für einen Gene­ralstreik in der Metallindustrie wächst. Die von Ober- bürgermeister Wermuth versuchte Vermittlung hat es bis jetzt noch zu keiner Annäherung gebracht.

Bei den Siemens-Werken ist die Zahl der Arbeits­willigen. die sich bei der Leitung melden, dauernd im Steigen. Gestern vormittag erzwangen sich mehr als hundert Arbeiter eines Werkes, das zu seiner Arbeit kei­nes Stromes bedarf, gewaltsam den Zutritt und nahmen die Arbeit wieder auf. Der Streik greift im übrigen auf weitere Firmen über. So sind die Heizer der Firma Dr. Paul Meyer in den Ausstand getreten. Das Werk mußte stillgelegt werden, und die 800800 Arbeiter sind arbeitslos.

Bei der Deutschen Waffen- und Munittonsfabrik ha­ben die Heizer Forderungen gestellt und deren Zusiche- rnng innerhalb zwei Stunden (!) verlangt, sonst würden auch sie sich dem Streik anschließen. Zu einem folgen­schweren Schritt hat sich der Arbeiterausschuß der Ä.E. G.-Turbinensabrik veranlaßt gesehen, mdern er alle aus­wärtigen Monteure, die in lebenswichtigen Betrieben wie Kohlenzechen, Elektrizitätswerken, Ueberlandzentra- len usw. beschäftigt sind, zurückruft. Die Folge davon wird eine weitere Verschärfung der Berliner Kohlen- und Beleuchturigsnot sein.

Die Takfik der Streikleitung, nur die wichtigen Teile der Betriebe streiken zu lassen, damit die dadurch an der Arbeit gehinderten übrigen Arbeiter der Erwerbslosen» Unterstützung zur Last fallen, wird durchkreuzt insofern, als die Berliner Gemeinden beschlossen haben, diesen Arbeitern kein« Arbeitslosenunterstützung zu zahlen. Dies hat lähmend auf die Streiklust zahlreicher Arbeiter eingewirkt. Hinzu kommt, daß die Streikleitung sich in Geldsorgen befindet, der deutsche Metallarbeiter« verband kann aus eigenen Mitteln den Streik nicht mehr lange aufrechterhalten. E» wirb eine allgemeine Unter» stützungsaktion unter den Arbeitern für die Streikenden geplant Doch scheint die Arbeiterschaft diesem Plan nicht günstig zu sein. Denn man kommt immer mehr zu der Ueberzeugung, daß es sich um eine Kraftprobe der Unabhängigen und Kommunisten handelt.

Aus dem Berliner Zeiiungsgkwecbr.

Der Arbeitgeberverband für das Derliner Zeitung-» gewerb« trat mit sämtlichen in Betracht kommenden Arbeitnehmerverbändrn zur Beratung eines Tarifver­trags zusammen. ES Tara aber nicht zu Verhandlun­gen, da die Vertreter deS ZentralverbandeS deS Buch­handels. und ZeittmgSgewerbeS nicht gemeinsam tn.it bcn anderen jöerhrtmgeri verhandeln wollten. Der Arbeitgeberverband forderte gu gemeinsamen Ver­handlungen auf. Die Vertreter der genannten Ver­bände verließen jedoch ohne jede GegenäuHerung den SitzungDscsal und machten eine Verhandlung unmöglich. Dadurch ist im Berliner ZeitungSgetverbe die Gefahr einer Arbeitseinftellung heraufibefchworen worden. M« Anzeichen sprechen dafür, daß bei ber Mehrheit der Angestellten 'aller Zeitungsbetriebe keinerlei Neigung besteht, in einen Streik einzutreten. Ta abex die Führer der genannten Verbände, allem Ansckein nach aus politischen Gründen,, so ist die Vermittlung deS aus polittschen Gründen, mit ollen Mitteln trotzdem auf einen Streik bindränaen so ist bie Vermittlung des ReichKartzeitS-Mnistar» angerufen worden.

Die Slreiklagr in England.

Infolge des Eisenbahnerstreiks steht der gesamte Berkchr in England, Schottland und Wales so gut wie still. In Irland fahren die Züge noch. Nach Er- klämngen des Sekretärs des Verbandes der Lokomo­tivenmechaniker ist das Bollzugskomitee dieser Gewerk­schaft auf einen sehr langen und harten Kampf ge­faßt. Alle anderen Gewerkschaften würden den Eisen­bahnern zu Hilfe eilen und sie finanziell unterstützen, bevor ein Zusammenbruch des Streikes erfolgen würbe. Die Eisenbahner würden einen sechswöchigen Streik kaum fühle». Auf der andern Seite läßt die Regierung verkünden, daß die allgemeine Lage sich bessere. Die RvgierungsmaßregAn hätten ein befrie- digendes Ergebnis. Die Lebensmittelverteilung gche glatt von statten, es liefen noch immer Angebote von ffeiwilligen Hilfskräften ein.

Beide Parteien scheinen entschlossener denn je zu fein. Es wurden weder von der einen noch von der anderen Seite iroendwelche Anstrengungen, gemacht, um Verhandlungen anzubahnen. Mst Hilfe der Sol-

TTr 9 ft I Derantwottlich für den redaktionellen Teil: Karl Schütte, 11t. **| für die Anzeigen: 3. Parzeller, Fulda. Rotationsdruck.

| Mittwoch t. Oktober 1919. | I 4S. Mrg