Dr«ck der A»N>a«r i« Fulde-
L »AtitvtUd/ 27. September 1919.
Da» Gottesgebot: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" müsse wieder mehr Geltung bekommen und die alles umfassende Liebe nicht nur die Familie, sondern bei ganze staatliche, kirchliche und gesellschaftliche Lebe» durchdringen.
Ein sozialdemokratischer Zeuge
für den Religionsunterrlcht.
In der Dertrauensmännerversammlung des Berliner Lehrervereinl erklärte am 12. September der sozialistische Stadtverordnete und Lehrer Hübner, er habe sich die Agitation für di» Entfernung del Religionsunterricht! sehr viel leichter vorgestellt al« sie sei. Er Persönlich sei sogar mit seiner Beeinflussung der Eltern vollständig hereingefallen. Aus Grund del Vertrauens, das er in seiner Klaffe besitze, habe er seine Schüler anfgefordert, in seine Wohnung zu kommen und die bekannten Formulare abzuholen, damit die Elter» sie dann unterschreiben sollten. „Wollen Sie wissen, wieviel gekommen sind".
Frkedensfrage«.
Dem Londoner „Manchester Guard'an" zufolge macht üch in Amerika eine stärker werdend» Verurteilung des Verscnllcr Friedens geltend. Es heißt da: Immer mehr verbreitet sich die Ansicht, daß das Resultat von Versailles eine große Enttäuschung ist. Die Senatoren lehnen in ihrem innerste« Herzen den ganzen Friedensvertrag ab. Hätten sie noch drei blonde Zeit, so würde der ganze Versailler Vertrag nach Paris zurückgehen. Obwohl man tm allgemeinen nicht traurig über das Schstffal Deutschlands ist, sieht man in dem Vertrag doch einen Versuch, Deutschland zu unterjochen, wie es wohl im Interesse Europas liegen mag,'nicht oder im Jnteveffe Amerikas.
' Sic Newyorker „World" enthält einen auffehen« erregenden Artikel, in dem sie erklärt, sie würde den Friedensvertrag entschieden verurteilen, wenn nicht der Völkerbund alle Fehler desselben beseitigen könne.
M ' KriegSgefangeirenheimkehr.
Kr Sn welcher Weise ist der Empfang unserer aus der M <trieg2gcsangenschaft zurückkehrenden Brüder organisa- e Irisch" vorbereitet worben? Welche Bestimmungen I toi) getroffen worden, um ihnen beim Betreten des U^crländischen Bodens das Gefühl zu geben, daß die | A;sorge, auf die sie Anspruch haben, in so weitgehcn- | Mise, als es die Verhältnisse des arm gewordenen 1 Deutschland nur immer gestatten, einsetzt? Indem wir I ,..f ein „Merkblatt für heimkehrende |l Kriegsgefangene" aufmerksam machen, das I j0In Kriegsministerium, Unterkunfts-Departement, und | -er Reichszentralstelle für Kriegs- und Zivllgefangene M tzcrausgegeben worden ist, ein Büchlein im Umfange I Jon 32 Seiten, das in knapper Form Auskunft auf I jie für den Heimkehrer wichtigsten Fragen gibt, tom« I xien wir mit nachstehender Orientierung dem begreif- ■ jjchen Interesse aller Volkskreise entgegen.
i Hat ein Heimkehrer-Transport die deutsche Grenze I rrrncht, so wird ihm außer von den amtlichen Orga- I ncn besonders von dem der Grenzüberwachungsstation | ungegliederten Empfangsausschuß das erste „W i l l - I xgmmsn" geboten. Dann werden die Heimkehrer Mz>cm meist in nächster Nähe gelegenen Durchgangs- I lager zugeführt. Auch hier bereitet ihnen neben der I Lagcrbehörd- der dem Durchgangslager ungegliederte | Empfangsausschuß herzlichen Empfang. Ein drei- bis k viertägiger Aufenthalt im Durchgangslager ist aus I gründen der Volkshygiene nötig. Er dient aber vor I allem dem eigensten Interesse des Heimkehrers, denn I die von jedem Heimkehrer erstrebte sofortige Entlassung I aus dem Heeresdienst läßt sich nur im Durchgangslager I auf schnellstem Wege ermöglichen. Hier wird unver- züglich allen ihm zustehenden Forderungen Genüge ' getan und es erfolgt gleichzeitig die notwendige Feststellung der Unterlagen für die spätere Geltendmachung ' etwaiger weiterer Ansprüche aus Kriegsbeschädigung usw. Für größtmögliche Annehmlichkeit des Aufcnt- [ Halles in den Durchgangslagern ist Sorge getragen, i Für die Aufgaben der Empfangsausfchüffr ist ein größerer Betrag aus Reichsmitteln bereitgestellt. Außerdem steht diesen Empfangsausschüssen noch ein Betrag von zirka 3 Millionen Mark zur Verfügung, welcher ■ der allgemeinen Sammlung des „Hilfswerks für die deusschen Kriegs- und Zivilgefangenen" entnommen ist.
Der Heimkehrer erhält bei der Entlassung einen Entlass» ngsanzug, 50 Mark Entlassungs» geld und die G e b ü h r n i s s c für die Dauer von acht Wochen im voraus. Er erhält einen Frei- f a h r t s ch e i n bis zu dem Ort, wohin er entlassen zu werden wünscht. Hier nimmt sich seiner die „Kriegs- gesangenenheimkehr" an, eine das ganze deutsche Reich umfassende Organisation, die von der Reichszentralstelle für Kriegs- und Zivilaefangene geschaffen worden ist. Jede örtliche Kriegsgefangenenheimkehrstelle wird von dem Eintreffen der Heimkehrer aus dem Durchgangslager telegraphisch in Kenntnis gesetzt. Kein Heim- j kehrer wird künftig ratlos auf dem Bahnhof stehen; ' es ist dafür gesorgt, daß er überall Rat, Auskunft und Hilfe erhält. Die Kriegsgefangenen« Heimkehrstellen bilden einen Zusammenschluß der Mr» ; forgeorganisationen und Interesienverbände. In ihre Hand ist die Verteilung der 150 Millionen Mark gelegt, welche die Regierung bewilligt hat, um den helm- kehrenden Krigesgefangenen durch Gewährung wirtschaftlicher Beihilfen die Wiederaufnahme einer geregelten Arbeitstätigkeit zu ermöglichen. Die Grundsätze, nach denen die Verteilung erfolgt, sind nach durchaus sozialen Gesichtspunkten aufgestellt. Von einer allgemeinen Nachzahlung der Löhnung für dre Dauer der Gefangenschaft mußte abgesehen werden, da sonst die bedürftigsten unter den ehemaligen Kriegsgefangenen leer ausgehen würden, weil deren Ange- i hörige in den meisten Fällen die Löhnung bereits erhalten haben, während vermögende Kriegsgefangene oder Beamte, die während der Gefangenschaft ihr Gehalt bezogen haben, jetzt in den Besitz der Löhnung gelangen würden. Mit der Gewährung der wirtschaft- llchen Beihilfe ist der Ausweg gefunden worden, um besonders denjenigen zu helfen, die sich bei ihrer Heimkehr in einer Notlage befinden. So werden die Heimkehrer über Mangel an Fürsorge-Maßnahmen wohl nicht zu klagen haben. Mit weit geöffneten Armen ; nimmt das Vaterland sie auf.
Auch in bezug auf die Ernährung der Heimkehrer hat sich die Regierung eine besondere Vorsorge angelegen fein lassen. Im Laufe von sechs Wochen
Kriegsanleihe und der übrigen mündelsicheren Papiere. Ein Trost ist es wenigstens noch, daß die Zinsen regelmäßig einlaufen. Mit ter Prämienanleihe würden wir nun erst recht in das Dörscngetriebe hineingezo- yen. Jeder Inhaber müßte die Ziehungslisten fortlaufend verfolgen. Früher hxtr es üblich, daß erst die einzulösenden Setten aus gelost wurden und dann in einer späteren Ziehung hc Nummern mit den einzelnen Gewinnen. Wenn man darauf zurückgrerft, so entsteht wieder ein Zwischenhandel in den Serienstücken. Das ist nichts für den einfachen Mann.
Davum meine ich, di«- Prämienanleihe paßt nur flk solche Leute, die erstens Zeit und Fähigkeit für Geldgeschäfte haben und dio zweitens über entbehrliche Gelder verfügen, die sie auf absehbare Zeit ztnslos liegen lassen können. Wer nicht in solcher Lage ist, der bleibe bei der alten Manier der Geldanlage. Insbesondere lasse sich niemand durch die Aussicht auf die arrßen Prämien verlocken. Die paar Rosinen in dem mengen S'.trben können nur vereinzelten Glucksbolden zufallen. DaZ Reich will nichts verschenken; tm Ge- gentaikl Es kann an Prämien mir soviel cmSsetzen, als ic5 an Zinsen erspart. Das will sagxn: btmttt einer eine Prämie von 1000 Mk. einheimst, müssen schon 200 Zeichner ihren IahreSzinS von S Nist, auf daZ Hundert einbüßen.
Für die Reichskaffe mag ja der Plan Vorteile der. sprechen; für die V o l k s w o h l f a h r t leider nicht. W wäre ein schweres Unglück, wenn die Spielsucht noch weiter gefördert würde. Soll Deutschland einen Anblick bieten wie ein verlottertes Armenhaus, in dem die hungrigen Insassen um die Pfennige würfeln die sie zufällig noch in der Tasche haben? Nur die Arbeit kann uns rvieder hoch bringen; das Spiel läßt uns tiefer in den Dumpf finken.
Wenn du am Feierabend eine müßige Stunde tot• schlägst, indem du mit guten Freunden eirtit Skat um einen zehntel Pfennig kloppst, so bist du noch kein Glücksspieler. Aber hüte dich, es zu werden. Treibt die Points nicht so hoch, daß der Geldverlust empfindlich wirdl Spielt nicht cm Tage während der Ar- bertsstunden! Und macht aus dem Zeitvertreib nicht ein Dauerfdiel, bei d.n das Heimgehen vergessen wirdl DaS Glücksspiel verdirbt den Charakter, gefährdet die G e s u n d h e i f, schädigt daS Geschäft und unteraräbt das F a m i I i e n g l ü ck. ES sind gewichtige Anklagen; aber wer mal selbst eine Probe gemacht öder wenigstens das Treiben von leidenschaft- lichen' Spielern beobachtet hat, her wird sagen: ES stimmt! Auch wenn m*n zeitweilig etwas gewinnt, so ist doch das Ende vom Liede ein schwerer Verlust cn Müde und Tugend, an Schaffenskraft und häuslichem Behagen.
Das .Hasardspiel, das klein; und daS große, sollte man eigentlich Unglücksspiel nennen. Ter einzige ßkXwrtn ist schließlich der Satans
■ Tie Spielwut ist zu einer Volksseuche geworden. In anderen Ländern auch; in Deutschland, freilich tritt die Krankheit besonders schlimm auf. Durch die Niederlage, die Revolution und die Teuerung hat sich das Nebel gräßlich gesteigert; dych darf man nicht verkennen, daß diese Bazillen schon b o rh e r da waren und auch von oben her gepflegt Wirrten.
Das Wetten bei Pferderennen oder Radrennen ist im Grunde nichts anderes, als ein Glücksspiel. Sogar ein recht unsolides. Denn die große Masse, die aufs Geratewohl fetzt, ist den Eingeweihten und den Schiebern auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert. Dor dem Kriege blühte dieser Unfug derartig, daß sogar deutsche Laufjungen in irgend einer Wettspelunke ihre ersparten oder erlisteten Groschen auf ein Pferd setzten. Mr? hinten bei Paris in LongchadnpS oder Äuteuil laufen sollte. Damit die enchtimischen Pferdezüchter von der Wettsuchr recht profitierten, ließ der Staat den Totalisator aufstellen, die herrliche Wettmaschine, die in der Ausleerung der. Taschen Großartiges leistet. Das ist ein Erbstück aus dem alten Regiment. Die Revolution hat die Throne gestürzt eßet nicht ihn Totalisator. Vielmehr werden setzt trotz schreiender Verkehrsnot und Kohlennot immer, noch weitere Rennen bewilligt, — natürlich mit Totalisator, denn sonst ' bringt ja die Geschichte nichts Rechtes ein.
Hat die neue Aera die Lotterie beseitigt? Keineswegs. Nur das Wörtchen „Kgl." ist von den meisten Schildern der Einnehmer abgekraA worden. Sonst geht es mit ungeschwächten Kräften weiter, und der Finanzminister würde gern noch mehr Lose an den Mann bringen. Tas geht nicht in der , alten Form; darum ist der Plan aufgetaucht, die herkömmliche Mil- lionen-Lotterie zu übertrumpfen durch eine Milliar- d e n-Lotterie, d. h. durch eine „großzügige" Prämien- Mileihe. . . v „
Was tote ein Fortschritt aussieht, ist doch nur ein Rückfall in alte Kunstgriffe. In meiner If'gendzeit wucherten die Prämienanleihen wie Brennesseln. Je tiefer der Kredit eines Staates gesunken war, desto wehr Nullen prangten hinter den Prämien, dieser sei- neu Gläubigern versprach. Als die deutfchen^tachrn in geordnete Verhältnisse kamen, wurden die Prämienanleihen gesetzlich geächtet. Jetzt sollen sie wieder zu „Ehren" fomircit, weil wir in heillose Geldnot gerom- men sind.
Ich werfe keinen Siein auf dre »-tnanzkunstler, dre ihres Amtes walten müssen so gut oder so schlecht eS stabt. Aber wenn man sagt, die Sache solle auch „rei- zend" gemacht werden für die breiten Volksschichten, für die „kleinen Leute", dann schüttele ich den grauen Kops. Diese Losvapiere mögen für Bank- und Dörsen- leuta und für geschäft'sgewandte Geldmenschen paffend fein, als Ersatz für das Sparkassenbuch _ der kleinen Seine eignen sie sich nicht. Wir leiden ja alle schon empffndnch unter dem Kurssturz der voltsnnnltchen
Kleines Feuilleton.
— Die Behandlung selb st gebauter Tabakblätter. Die Tabecknot hat sehr viele Gartenbesitzer und Landwirt veranlaßt, selbst etwaSTabak anzubauen, doch tmfl sen die meisten nicht Bescheid, wie sie die Tabakblätter zubereiten sollen, um ein wirklich genußreiches Kraut zu erzielen. Folgende Anleitung wird daher nicht unwillkommen fein. Die Tabakblätter dürfen nur an stegenfrieien Tagen geerntet werden; man reiht sift dann auf Fäden und hängt sie im Schatten an freier: Luft auf, bis sie abgewelkt sind. Danach werden sie zus kleinen Häufchen fest zufammenarpackt, sie kämmen hierdurch ins „Schwitzen". Ist dieser Instand erreicht,', so breitet man die Blätter dünn zum Trocknen aus.; Das Zusammenpacken, Schwitzstilaffen , und ^Trocknen. muß mehrmals wiederholt werden, bis die Blätter ^ eine lichtbrcrune Farbe angenommen haben und völlig: trocken sind, jedoch dürfen sie nicht hart und bruchig, geworden fein. Nunmehr nimmst man die zweite Be-> Handlung vor, dal (Säten ödest Fermentieren. Zu diesem Zweck legt man die Blätter m Haufen zusammen — diese können je nach Vorrat 60 bis 100 Zmtr. Höhe und Breite haben — und bedeckt sie mit Pavter. Diese sog. „Brühhaufen" werden, je nach ihrer Tro- ckenbeit binnen 2 bis 14 Tagen in ihrem Innern aber- mals warm. Die Wärme kontrolliert man mit einem eingeschobenen Thermometer. Höher als 45_ Grad C. darf die Wärme nicht steigen. M diese annähernd er. reicht, setzt man die Hausen um, so daß die inneren' Plätter nun n«b außen zu liegen kommen. Auch dieses Umsetzen wird mehrmals wiederholt, bis alle Blät-' ter nun die bekannte tabakbraune Farbe besitzen, d. h. bis sie „gar" geworden sind, wonach man sie zum Auskühlen wieder auseinander breitet. Jetzt schon ist der RauM^ak fertig aber er hast noch einen wilden, scharfen Geschmack und krautartigen Geruch. Man nimmt deshalb noch eine dritte Behandlung, da? Ser»-; zen vor, bestehend in halbstündigem Einlegen der Blät-, ter in eine Lösung von 1 Teil Potasche in 100 Teilen i Wasser, wonach von neuem getrocknet werden muß. Mit dieser Lösung kann men vorteilhaft auch schon beim Gären die Blätter mittels eine» Zerstäubers leicht einsprengen. Zeigt eine Rauchprobe noch immer einen scharfen Geruch und Geschmack, so nimmt man ein nochmaliges Einweichen, diesmal in 2 Teilen Salzsäure und 100 Teilen Wasser vor. Die wieder getrockneten Blätter werden jetzt längere Zeit fest in Kisten gepackt und die einzelnen Schichten mit Rosenblumenblättern ober Waldmeister bestreut, oder mit Tonkadohnen- oder Rosen, Essenz besprengt, wodurch der Tabak da» feine türkisch« Aroma annimmt. Zuletzt .wird der Tabak geschnuten ober nach besonberer Anleitung zu Zigarren berarbei. tet. Tabak-Ersatzkräuter werben ganz ebenso behandelt, schmecken bann ebenfalls tadellos, aber natürlich nicht f» Vie eben nur richtiger Tabak schmeckt. Ig.
nach seiner Rückkehr erhält jeder Kriegsgefangene eine Extra-Ration von Lebensmitteln, die den von langjähriger Entbehrung geschwächten Körper wieher kräftig und arbeitsfähig machen sollen.
Den ftüheren Arbeitgebern der Kriegsgefangenen ist es zur Pflicht gemacht, den Heimkehrer im Laufs von sechs Wochen nach feiner Rückkehr aus der Ge- fangenfchaft wieder ein zu stellen. Wenn aber dem Heimkehrer keine Arbeitsmöglichkeit nachgewiefen werden kann, so hat er ein Anrecht auf die Erwerbslosenunterstützung, die ihm unter Anrechnung der im Durchgangslager erhaltenen militärischen Gä>uhrnisse ausgezahlt wird. Auch die Familienunterstützung wird im Lause eines ganzen Monats nach der Rückkehr des Gefangenen weiter ausbezahlt.
Dies alles liefert den Beweis, daß die Regierung ohne Rücksicht auf die trostlose finanzielle Lage alles getan hat, um den Kriegsgefangenen die Leiden der überstandenen Gefangenschaft schnell vergessen zu machen. ■
Kriegsanleihe und Prämienanleihe.
Der Not gehorchend, scheint das Reich zu einer Prämien-Anlethe greifen zu wollen. Das ist nicht schön, aber vielleicht unvermeidlich, wenn der Finanzminister und seine fachmännischen Berater kein besseres Hilfsmittel entdecken können.
Nun ist in Börsenkreisen der Gedanke aufgetaucht, die alte Kriegsanleihe mit der neuen Prämienanleihe in Verbindung zu bringen. Eine Zuschrift aus Süddeutschland an das „Berliner Tageblatt" empfiehlt sehr beredt, bei der Zeichnung auf die neue Anleihe die Krieasanleihe zum Satze von 90 Prozent in Zahlung zu nehmen, wenn 10 Prozent des gezeichneten Betrages in bar zugefchossen werden., Mit anerken- nenswerter Entschiedenheit weist die Redaktion des genannten Blattes den Vorschlag sofort zurück. Er kann aber in dieser oder einer anderen Form noch wieder auftauchen, und daher ist eine Erörterung des gefährlichen Planes wohl am Platze.
Gefährlich zunächst in der Richtung, daß der eigentliche Zweck der neuen Anleihe vereitelt wird. (£5 handelt sich, wie der Finanzminister dargelegt hat, um die Abstoßung der schwebenden Schuld des Reichs, d. h. um die Deckung der kündbaren Verpflichtungen, die das Reich zur Deckung der Kriegs- kosten efhgegangen ist. Wenn diese 70 Milliarden plötzlich zurückgefordert werden, so kann die Reichskafle in Zahlungsunfähigkeit geraten. Die 90 Milliarden Kriegsanleihe dagegen sind fundierte Schuld, seitens der Gläubiger nicht kündbar, sodaß sie das Reich zwar belasten, aber nicht in Verlegenheit bringen können. Wenn man nun zulassen wollte, daß auf die neue Anleihe neun Zehntel in Kriegsanleihe und nur ein Zehntel bar gezahlt würde, so müßten im Ganzen schon 700 Milliarden gezeichnet werden, ehe das Reich zur Deckung seiner schwebenden Schuld gelangte. Das ist undenkbar.
Oder werden nicht alle Zeichner Kriegsanleihe einliefern? Wenn letztere zu 90 Prozent in Zahlung genommen wird, während ihr Börsenkurs jetzt unter 80 steht, so wird jeder Zeichner sich natürlich so viel Kriegsanleihe erwerben, wie et haben kann, um von der beträchtlichen Kursdifferenz zu profitieren. Den kleinen Inhabern von Kriegsanleihe wäre die daraus erwachsende Kurssteigerung herzlich zu gönnen. Aber das Reich darf doch dabei nicht bankrott gemacht werden. Die Deckung der schwebenden Schuld muß vor allem besorgt werden; das ist die brennende Frage des Augenblicks. Die Fürsorge für die Zeichner der Kriegs-Anleihe kann erst nachher erfolgen. Erst wenn die Reichskafle wieder in gesicherten Verhältnissen sich befindet, kann erwogen und entschieden werden, ob und wie Kriegsanleihe aufgelauff werden könnte. Vorläufig muß- man sich damit begnügen, die Anleihestückc, soweit sie von den Inhabern selbst gezeichnet sind, in Zahlung zu nehmen bei dem Notopfer oder bei sonstigen Äeuerleistungen, dir zur Sermmberung der fundierten Schuldenlast bestimmt sind. *■
Sehr bedenklich wäre es, wenn durch die vorgeschlagene Maßregel die kleinen Leute, dir von ihrrtt Ersparnissen aus Patriotismus Kriegsanleihe gezeichnet hatten, zum Umtausch in Prämienanleihe veranlaßt würden. Das sind Spielpapirre, Lospapiere, die für den einfachen Sparer nicht paffen. Man darf doch nicht die breiten Maflen bis zu den Dienstboten herunter in das Börf erstreiken hineinziehen.
Würde nun wirklich die alte Anleihe durch die neue Prämienanleihe zum großen Teile aufgefchluckt, 0 würde das ganze Finanzwesen Deutschlands auf die riesige Prämienanleihe gestellt sein. Auch unser künftiger Kredit wäre auf weitere Prämienanleihen angewiesen. Damit wäre Deutschland dauernd heruntergedrückt auf den Standpunkt der verrotteten Staaten, dir nur durch den Reiz hoher Spielgewinne noch Geldgabe heranzülocke» vermochten.
Es ist schon bedauerlich genug, wenn wir den wohlberechtigten Abscheu gegen den Prämienzwang einmal überwinden müssen, um aus der Fessel der schwebenden Schuld herauszukommen. Aber aus der traurigen Ausnahme die Regel zu machen, und dir alten ehrlichen Schuldscheine in Prämienlose umzuwandeln, dos wäre schon eine moralische Bankrotterklärung und die Einleitung zum finanziellen Bankrott.
Die Prämienanleihe muß so ausgestaltet werden, daß sie für fich schon die nötige Werbekraft auf dem Kapitalmarkt hat. Sind mir über diesen Berg gekommen, so wird sich auch zur Stützung der Kriegsanleihe manches tun lassen. Aber in einen Tops dürfen diese beiden Sachen nicht geworfen werden, sonst leiden beide Schaden und das Gemeinwohl erst recht.
Reichstagspräsident Lehrend ach
über die politischen Fragen.
Auf dem südbadischen Katholikentage berührte der Präsident der deulschen Nationalversammlung, Herr F ehrend ach, der die Schlußrede hielt, einige politische Fragen. Scharf betonte er dal Recht der christlichen Eltern, ihre Kinder in der Schule christlich erziehen zu lassen und lehnte eS ab, daß man die Revolution für alle Gebrechen dieser Tage verantwortlich mache, lieber die Mitglieder der Regierung sagte er: „Die Männer, die jetzt an Der Spitze der Regierung tm Reiche und Lande stehen, ragen nicht alle durch hervorragende Bildung hervor. ES sind einfach- bescheidene Männer. Daß sie fo hoch binaufgeftefit sind, hat die Entwickelung gebracht. Dar Zeugnis stelle ich allen, vorab dem Reichlprä- sidenten rind feinen Ministern, aus, daß sie bestrebt find, gewissenhaft, mit Hingebung ihrer Verantwortung bewußt, uni über die fchwere Zeit del Elendei hinwezzuhelfen. Tas diel nicht fo schnell folgt, liegt in der Natur der Sache. Man darf nicht alle! von ihnen verlangen; von dem guten Willen der Herren habe ich alle Hoffnung. Wal die geistige Kraft der Herren anbelangt, so muß ich sagen, so klug wie manche von unseren früheren Reichskanzlern und königlichen Ministern sind die jetzigen Minister, die eul den Arbeiterständrn hervorgegangen sind, auch noch lange."
Mit anerkennenden Worten gedachte Redner dann noch der Arbeiten der Nationalversammlung. Er stellte ihr das Zeugnis aus, daß sie in ihrer Tätigkeit seit 6. Februar 1919 Werke geleistet habe, wie sie der Parlamentarismus der Welt bisher nicht kannte. Um der Vergnügungs- und Genußsucht unserer Jugend Einhalt zu tun, müsse die Arbeit des ganzen Volkes einsetzen durch Einwirkung auf unsere Mädchen und Buben» die ihr Vergnügen in den Kinos usw. suchen. Da sollte eine Art Gewissenspolizei von allen Staatsbürgern ausgeübt und darauf hingewirkt werden, daß dieses Luderleben unserer Jugend ein Ende nimmt. Werm wir, fuhr er fort, über den kommenden Winter hinwegkommen ohne Putsche — Ruhe und Ordnung halten bis zum Frühjahr — dann fei daS Vaterland gerettet. Dem Arbeiter gönne man den Achtstundentag, aber sie follten sich doch die Frag« vorlegen, ob es nicht di« vaterländische Pflicht boit ihnen verlange, wenigstens vorübergehend eine größere Stundenzahl einzuführen. Wenn el »m dal Ganze geht, habe jeder das Letzte einznsetzen, um das Volk vor dem Untergang zu rette». Schließlich redete der Redner noch den Bauern inl Gewissen. Sie sollten sich darüber klar sein, daß von den Produkten ihrer Felder dal ganze Volk lebe» muß und leben muß zu einem Preil, der auch erschwinglich ist. Aber nicht zu den Wucherpreisen, bei denen allel zugrunde geht, der Städter und damit auch der Bauer. Wenn der große Kampf zwischen Stadt und Land entfesselt wird, die Menschen gegen Menschen, dann haben wir den Kampf der Bestien, und wie es dann endet, das weiß der Himmel.
Zentrumsparteitag f. d. unbesetzte Hesse«.
Darmstadt, 21. Sept. Heute tagte hier der Surrtet.’ tag der heffifch-n Zentrumspartei, der aus allen Teilen des unbesetzten Gebietes sehr gut besucht war
Tas erste Referat über die Lage der Partei "er- kEte der Mnifterialdkektar Uebel. DPgeheridt von der Revolution, begründete er Ute SeottoMWTwtt :ür das Zentrum, sich aus den Boden der Verhältnisse zu stellen und in der Regierung untzuarbelteu. Das Zusammenarbeiten in der Regierungsmehrheit. M aller, diugs keine angenehme Aufgabe, man ist zur Verftan- bigüng und zu Kompromissen 'gezwungen. Es ist Durch die Mtarbtit in der Regierung trotz großer Schwierig keit gelungen, unsere Grundsätze zu vertreten und Da» für zu sorgen, daß radikale Experimente verhütet tvor- den sind. Was unsere Stallung zur Schulfrage anbe- langt, so steht die ZentruuSvarter nach wie vor aux dem Boden der Konfessionsschule; wir dürfen dber nicht übersehen, daß die Zentrumspartei und die hessischen Katholiken in dieser Frage eine Minderheit dar- stallen Der Schulpompromiß läßt crxreulicherweisc die Möglichkeit zu, konfefftonelle Schulen zu errichten. Die Zentrumsfraktion wird selbstverständlich alles tun, daß der Weg. den die Reichsverfassung in der Schul- fraqe gibt, nicht durch die Landesgesetzgebung verbaut wird. Dann verbreitete sich Redner über Wirtschafts- fragen. „ . . .
Justizministar v. Brentano führte aus, ba% der DLamtNonismus eine der Haupturiachen der Revolution sei. Das Mßverhältnis zwischen den riesigen Kapitalansammlungen und der schwierigen Lebenshaltung der breiten Maffen führte zum Zusammenbruch. Mit aller Schärfe wandte sich Herr v. Brentano gegen die Lüge von der Bauernsmndlichkeit des Zentrums. Die nichtswürdige Hetze,, die der demokratische (bauern. büiidlerische) Abg. Dorch auf dem Lande gegen Vas Zentrum mit den verwerflichsten Mitteln treibt, fand etne gründliche Abfertigung. .
Tie Aussprach e war rege und ersprießlich. De. sonders verdienen heiworgehoben zu werden Die trefflichen Ausführungen des Professors Lenhart (Bens- beim! zur Schulfrage. Beifall spendete ihm der Parteitag, als er zum entschiedensten und wenn es sein muß auch schärfsten Kainpf um die Schule bei dem zu erwartenden Reichsschulgesetz aufrief.
In einer Enffchlietzung wurde noch ernm$5 die Not- Wendigkeit des Ausammengehens mit der Sozialdemokratie unbeschadet bet tiefyehenben Gegensätze tmer- farmt, dafür die um so enffchiedener der in die Arbeiterschaft und neuerdings in die Bauernschaft hineinge- trayene Radifalisrnus abgelehnt. Den Abg-ordnete» wird das volle Vertrauen ausgesprochen.
AnpoMsche Zeitläuse.
U. «er litt, 24. September 1919.
E Zwei Hande hat der Mensch. Wozu? Damit die Linke die Rechte beim Arbeiten hübsch unterstützen soll.
t Aber manche Zweihänder mißbrauchen diese Gabe und tun mit der einen Hand das Gegenteil von dem, was die andere tut.
Der Staat hat auch zwei Hände. Mit der gepan- ! geriert Rechten schmeißt er |bie Würfeltische an den Etraßenecken um und räumt einen Spielklub nach dem anderen aus. Mit der einnehmenden 'Linken stellt er I1 den Totalisator auf, veranstaltet Preußisch-Süddeutsche rSotterien und arbeitet den schönen Plan einer riesigen j Prämienanleihe ans.
Die Spielbeidneschaft wird von dtzr einen Seite k bekämpft, auf der anderen Seite gepflegt und ausge- I nu^l-
Was ist die angekündigta Prämienanleihe? Din Glücksspiel en gros. In Vergleich zu ihr war unsere alte Kriegsanleihe ein Muster an Solidität und k Einfachheit. 5 Prozent Zinsen und Verheißung der 1 Rückzahlung. Weiter kein Reizmittal. Die patriotische x Gesinnung sollte das übrige tun. Jetzt aber, wo eine r .Friedensanleihe" fabriziert werden muß, meinen die, I Sachverständigen, die Pumpe würde nicht gehen, wenn ; sie nicht mit besonderen „Reizen" ausgehattet würde, i Also solle man nicht den jährlichen Zinsbetrag gfeich- Maiößig verteilen, sondern daraus eine Reihe _ von aro- e fjen „Gewinnen" schneiden und diese anslosen. Der i eine und andere Zeichner bekommt das angelegte Geld I mit einem großen Aufschlag wieder; die Dtahrzaibl muß k zinslos warten, vis auch ihre Nummemr mal aus dem MückZrade svringen. Wenn sie es nicht mehr erleben, i" so können ihre Erben sich auf den Wartastuhl setzen.
Ter „Anreiz" ist ganz derselbe, wie bei den Ron- t lettetischcn von Monte Carlo oder von Swinemünde Etober von Berlin W. W. Der Gierige denkt; .-Eine UNummer muß doch gewinnen; warum soll es 'nicht v. meine Nummer sein?" Daß die anderen Nummern i in bet großen Ueberzähl sind und also die Wahtichein- b lichkeit für ihn sehr ungünstig liegt, überlegt er nicht, r Er kann ja leicht eine Probe machen, indem er sich t. morgens beim Aufstehen eine bestimmte Zahl ins Ge- t Hirn schreibt, z. B. 264, und dann aufpaßt, ob die F «lädrita Fahrkarte, die er auf der Eisenbahn ober Stra- E ßenbohn kauft, die Nummer 2ß4 trägt. Darm wird * er allmählich einsehen, wie schwer es ist, die richtige [ Nummer unter Hunderten zu treffen. Und nun ‘ erst unter Tausenden oder Millionen! Aber mit der [;■ Rechenkunst ist's schlecht bestellt. Einige können r nicht -rechn-«, und andexe wollen nicht .rechnen. ■ Die Spiclleidcnschaft macht blind; die Geldgier macht : tunnn.