Hr. 222.1 LtL'lk | Zreitaq 26. September 1919. |
Schettegrutz an die Marine.
w!b Berlin, 25. Sept. Der Chef der Admiralität, Konteradmiral o. Trotha, richtet einen Ausruf an die Marine, worin u. a. ausgeführt wird, man stehe mit der Aufstellung des neuen Etats und der Verabschiedung der Entschädigungsgesetze am Ende einer großen Zeit der deutschen Marine. Die deutsche Marine habe die unvergleichlich schöne Aufgabe lösen können, ein Bindeglied zu sein zwischen der Heimat und all den Söhnen deutschen Bodens, die in aller Welt ihre Kraft einsetzen. Jetzt sei die deutsche Marine zusammengebrochen. Die Friedensbedingungen böten der Marine keinen Raum mehr für alte deutsche Manneskraft, die ihr ftrcher zuströmte. Jetzt heißt es überall Hand anlegen, um auf dem neuen Boden wieder eine Zu-
• kunft aufzubauen. Aber trotz allem nrogc uns, auch wenn wir auseinandergehen, die alte Kameradschaft nicht verloren gehen, wie auch die Siebe zum Vaterlands. ______________
Der Abtransport aus dem Baltikum.
Offiziös wird gemeldet: Der ReichStoebrrninister Mt einen besonderen Offizier nach dem Osten gc- andt, der ihm täglich Nachrichten über die dortige sage erstattet. Gegen die Truppen, die sich noch dem , Pbtransport an» dem Baltikum widersetzen, werden ie schärfsten Maßnahmen ««gewendet werden
M.<»«146. Zahrg
1.10 Mk. — Reutti«.9.Xelett.»W»«fle. ,,,,.....
Dks Valuta-Elend.
Eine Auslands-Anleihe.
D-r LanSbaltunasausschutzder Nationalversammlung setzte die Beratung de» Etats des Fmanz- Ministeriums fort. Abg. Dr. Rieß er (2. P) ~ sprach die Valutafrage, die wegen deS maugenlden Der- trauens im Auslände auf die Wiedergesundung uns"^ inneren Verhältnisse brennend geworden fei. ^manz^ miMster Erzberger erklärte, im Einvernehmen nut dem ReichSwirtschaft-amt.seien Mahnahmknzur Wie^ derhebung der deutschen Valuta tn Vorbereitung Die besten Steueraesetze wurden durch die schlechte Valuta unwirksam gemacht. Nichts sei wirksamen für einen unS aünitiaen Valutastand, als die Arbeit deS deutschen Volkes Beim Fortbestehen der bisherigen Verhal.nrsse würde ein Teil Europa, an der Valuta verhungern, ein anderer Teil in Fett ersticken. Unbedingt notwendig seien neue Zollgrenzen tm Westen. Die oewunschte Sachverständigenkommission ser für, nässten -Nontag berufen. Eine allgemeine durchsreifende GesundMg könne nur durch eine große Anleihe kommen die durch eine internationale Konferenz in die 9 leitet und mit Hilfe Amerikas durchgefuhrt werde. Abg, Wurm (Unabh.) stimmte den ätzten Ausführungen zu und verlangte, daß alles getan werde, um diesbezüglich mit Amerika zu einer Verständigung zu rommen. Dr, Pachni^cke /rkunvigtr sich, ob der Gedanke über dis Abstempelung der Banknoten fallen gelassen ser. Mini ft et Erz berg et betonte, daß er t>ic Abstempelung der Papiere nicht vorgenommen habe, wohl aber die An- Meldepflicht und den Umtausch der Wertpapiere als Maßnahme gegen die Kapitalflucht. Er könne darauf nicht Verzichtern ,r ,
Ern rot-blaues WahlbünÄnls.
Die Rechtsparteien können sich nicht genug tun in den Vorwürfen gegen das Zentrum, daß es durch seine Zusammenarbeit mit der Soztslbemokratie di^ Interessen des Bürgertums verraten und seiner Ve« gangenheit untreu geworden sei. Nun sind diesg „National-Gesinnten" selbst der Schande bloss geworden. In einigen westfälischen Städten haben sich bekanntlich die Deutschnationalen wie die Deutschvol. kischen nicht gescheut, nicht,bloß mit den Mehrheits-, sorialisten, sondern selbst mit den U n a b h angigerr zusammenzugehen, nur um das gehaßte Zentrum unterdrücken, lieber einen neuen Fall wird uns anD Witten geschrieben:
Das Wahlbündnis der Sozialdemokratie tn Döttingen mit den Rechtsparteien hat hier Schule gemacht. Bet im Stadtverordnetenkollegium getätigten Wahlen zum Magistrat und Provinziallandtag vereinigte sich die Sozialdemokratie geschlossen mit den Necht-parteien auf Grund eines Wahlbündnisses gegen das Zen^ trum. Zu den Magistratswahlen war ursprünglich eine gemeinsame Liste aufgestellt, die dem Zentrum zwei MagistrUsmandate gab. Zum Provinzia»land,ag waren zwei Abgeordnete zu wähten, das Zentrum hatte den Vorschlag gemacht, einen Sozialdemokraten und einen ZentrumZmann zu wählen, da bcS Zentrum mit 9 Sitzen als zweitstärkste Fraktion berechtigten Anspruch auf dieses Mandat habe. Bei der nächsten Wahl wolle sich da» Zentrum schon heute verpflichten, der deutschen VolkSparrei da» Mandat zu überlassen. Dieser Vorschlag wurde von den Sozialdemokraten und Rechtsparteien ab gelehnt, die nunmehr ein Bündnis abge- schlossen mit dem Ziel der völligen Ausschaltung des Zentrums. Bei der Magistrats wähl wurden von den verbündeten Fraktionen der Rechten und sinken fünf Magistratsberrn gewählt, auf den Vorschlag des Zentrums entfiel ein Mandat, das Los über den 7. Magistratssitz entschied sich für da» Zentrum, so daß dadurch der Aufmarsch der Verbündeten gegen das Zentrum wirkunaSIoS blieb, und da? Zentrum doch . die ihm auf Grund seines Stärkeveryaltniffes zustehenden zwei Sitze erhielt. Bei der Provinzialwahl wurden die Kandidaten der Sozialdemokraten und RechtSparteiler mit 32 geaeu 10 stimmen de» Zentrums und der Polen gewählt und zwar je ein Mehr- heitssozialist und Deutscher Bolkrparteiler. Die Unab- hängigen gaben eine Erklärung für ihre Wahlhulfe da- hin ab, daß man eine Mehrheit der .Klerikalen" im
Wirtschaftliches.
Die Verhandlungen im deutschen Schneider- grwerbe führte« zur Festlegung der Grundlagen eines Retchstarisvertrages. Bet der Mannigfaltigkeit der tu ordnenden Punkte (Herren-, Damen-, Uniform- schneideret) war es sehr schwierig, chm zu gestalte«. E, stehl zu hoffe«, daß Arbeitgeber wie Arbeitnehmer die Annahme erkläre«.
-Die Nachrichten über den Streik in der Berlin e r Metallindustrie widersprechen sich. Vom Metall- arbeiterverband war mitgeteilt worden, daß 18 000 Arbeiter streikten und 30 000 ausgesperrt seien. Der Verband der Metallindustriellen erklärt demgegenüber, daß nur 8000 Arbeiter streikten. Aussperrungen seien überhaupt nicht erfolgt, sondern ein Teil der Arbeiter hätte nur entlassen werden müßen wegen des Streikes bestimmter Fachgruppen und der dadurch einireteuden Lahmlegung gewisser Abteilungen. Aber die Zahl der an der Arbeit Behinderten betrage bet weitem nicht 30 000. '3n einer Sitzung des Roten Vollzugsrates wurde übereinstimmend von den Rednern festgesteltt, daß die Arbeiter der Streikparole im Metallarbellerstreik überwiegend keine Folge leisten. Eine Verfchär- fung des Streiks ist bei den S ierne n s w e r ke n cm« getreten, wo dis Heizer mit neuen Forderungen cor- getreten sind. Beharren die Heizer bei ihren Forde- rungen, so wird der gesamte, etwa 30 000 Personen beschäftigende Betrieb lahmgelegt werden.
Der Landarbetlerausstand im Kreise Eckernförde greift weiter um sich. 4? Güter und Höfe sind bisher betroffen. NorstandSarbeiten, tote das Melken bet Kühe, werden teils verrichtet, teils verweigert. Ter deutsche Landarbeiter-Bcrband hat seine tatifbrüchigen Arbeiter ausgeschlossen. ,
Die Arbeitnehmer Organisationen des rhemtschen Schiffahrts-D^rsonalS sind in einen Lohn- kampf ein getreten und wollen eS selbst auf eine» l Strr^.aukwmnsn laßen. Die Folgen eines solchen
Ein ergreifender Adschied.
Am Mittwoch nachmittag fand im Sitzungssaal d er Wiener Nationalversammlung die feierliche Verab- schiedung der Vertreter der Sudeten-Deutsch«! (im nördtichcn Böhmen) von der Repubtik Oesterreich statt. Ein schmerzlicherer Akt hat sich in dem Sitzungssaale des ehemaligen Herrenhaus» wohl kaum irmals abge. spielt. ES war die Trauerfeier eines ganzen Volle». Die Versammlung wurde mit einer Ansprache des Präsidenten Seitz eröffnet, welcher darauf hflES, daß dn FneÄensvertrag Deutsch-Oesterreich die Verpflichtung auf- erlegt, über 3% Millionen Volks^noßm m den Sudetenländern dem sprach- und volksfremden tschechischen Staatswesen zu überantworten. Man flehe hier einer höheren Gewalt gegenüber. Damit fchbeße ein benkwurdiger und unvergeßlicher Kampf um das Recht, em Kamps, an deßen Phasen die Sudeten- und Alpendeutschen und die ganze Nation mit Leidenschaft teilgmomrnen haben. Aber Staa- ten werden und vergehen. Die Volker erheben sich wie der. Der Präsident schloß: Wir hosten und wißen es: Noch ist die deutsche Sache nicht verloren. _ ,,,
hierauf ergriff der Landeshauptmann von Deutsch- Böhmen Lodgemann das Wort und grüßte die Ber- sammluna mit dem verhaltenen Schmerze, mit dem der Sohn vom Vater Abschied nimmt. Durch eine höhere Gewalt gebeugt — sagte er — muß
rei* dem Friedensdiktat unterwerfen. Aber mag auch das staatsrechtliche Band zerrißen sein, unlöslich susd das nationale Bewußtsein und dis mN^^Ä^.^Deub nen kulturellen Beziehungen, welche die Poeten Leut schon mit den Alpendeutschen und beide gemeinsam mit den Deutschen des Reiches verbinden.
Brästdent Seitz enthob darauf die Funktionäre dos Treugelöbnißos, das sie der Republik Doutsch-Öestorreich geschworon haben. Nach dieser Kundgebung MnttenJne Vertreter der Sudenten-Deutschon an des Präsidenten Balustrade vorbei und legten die deutsch-österreichische Kokarde in die Hände des Präsidenten zuruck. . »
Dks Karferfrage.
CS gehen wieder allerhand „Nachrichten" durch I die Preße, wonach die Verfolgung des Kaisers Wilhelm nun doch im nächsten Monat nach dem In- I krafttreten de» Friedensvertrages durchgefÄhrt werden, I
Gericht in London tagen soll und überhaupt I alles vorbereitet" sei.
* Ob die Neuigkeitskrämer da? aus den eigenen I «ingern gesogen haben oder ob auS der Umgebung von Lloyd George ihnen etwas eingehaucht ist, was I auf die ungeduldigen Heißsporns beschwichtigend wir- I Jen soll, ist schwer zu sagen. Aber wir brauchen I Mn5 durch solches Gerede nicht bange machen zu las- I sen. Wenn wir die gesamte Entwicklung der Dinge In den letzten Monaten abschätzen, dann zeigt sich, I daß die Aussichten für die Kaiserverfolger sich fort- während verschlechtern. , ... I
Immer deutlicher treten die Schwierigkeiten und I Gefahren dieses Racheaktes hervor. Namentlich kommt in Betracht:
1. Die Entente ist selbst nicht einig;
2. Holland will nicht auSliefern; I
3. Die Unschuld deS deutschen Kaisers am Aus« I Truch deS Weltkrieges tritt immer klarer zu Tage.
Die treibende Kraft war und ist offenbar die I englische Brutalität. Sogar Clemenceau, der I sonst „Tiger" genannt wird, scheint an dieser per« I Zönlichen Hetze keinen rechten Gefallen zu finden. | Er sucht mit großem Eifer und leider mit diel Er- I folg für Frankreich an Land und Leuten und Geld I N«d fonftigen reellen Machtmitteln alleS Mögliche herauszuschlagen, aber die Jagd nach dem abgedankten Kaiser kommt ihm wohl nicht lohnend, vor. Wilson hat so wie so Sorge genug, und die italienische Regierung erst recht, so daß sie keine Lust und /keine Zeit übrig haben für diesen zweifelhaften Sport. Lloyd George dagegen ist eine grobe und verwegen« Natur: er kann schon den größenwahnsinnigen Hetzern in England d«S Verspreche« gegeben haben, daß ihnen der deutsche Kaiser ebenfalls zu Füßen gelegt werden soll, wie vor 100 Jahren der besiegte Napoleon. .
Im ersten Siegesrauschs haben die Verbündeten zugestimmt, daß die Auslieferung und Verfolgung deS Kaisers in den Friedentvertrag hineingesetzt werde. Wenn nun dieser Beschluß ausgeführt werden soll und weiter Entscheidungen von schwerwiegen- | der Tragweite erfordert, so wird die alliierte und । assoziierte Eintracht auf eine kritische Probe gestellt.
Bei uns zu Lande hat man im November v. I. j vielfach Anstoß daran genommen, daß der Kaiser sich nach Holland zurückzog. Diese „Flucht" hat aber für Deutschland tatsächlich eine Erleichterung verschafft. Wenn wir auch notgedrungen uns zu Auslieferungen verpflichten mußten,, zur Auslieferung des eigenen Kaisers und Königs a. D. kann man uns nicht zwingen. Dar Auslieferungsbegehren muß an Holland gerichtet werden. In Holland aber ist der Sinn für die staatliche Unabhängigkeit zur Zeit stärker als je. Neuerdings ist da? holländische Selbstbewußtsein durch die Begehrlichkeit Belgiens noch besonders gereizt worden. In Holland wird also weder Regierung noch Volk in Güte zu bewegen fein, daß sie gegen Völkerrecht und Landesrecht und gegen alle Regeln der Gastfreundschaft den unglücklichen Flüchtling den Häschern auSliefern. Die Entente steht bann vor bet Verlegenheit, daß sie entweder die Weigerung Hollands demütig ein» stecken oder gegen Holland Gewalt anwenden muß. Die Vergewaltigung eines neutralen unb im klaren Recht befindlichen Staate- wäre eine schmähliche Tat, die die ganze Friedenspolitik der Entente unb ihren Völkerbund vor aller Welt heillos bloßstellen würde.
Daher vermuten manche, man werde sich mit einer Aufforderung an Holland begnügen, und bei dessen voraussichtlicher Ablehnung die Sachs auf sich beruhen laßen. Für eine täuschende Rückzugskanonade und imposante Drohungen für die Zukunft werden die Diplomaten der Entente schon Jorgen. ,
Solche Vermutung hat um so mehr für sich, je klarer die Schwierigkeit des Prozeßverfahrens zu Tage trete. Die juristische Ungeheuerlichkeit, die man da aufführen will, hat doch nur Zweck, wenn man zur Verurteilung gelangen kann. Da? wird aber selbst für befangene Richter kaum möglich sein, wenn die Enthüllungen über die Ursachen des Striegel so weiter gehen. Von Wien auS ist ja soeben sehr wertvolles Material geliefert worden, daS die Friedlichkeit des Kaiser- Wilhelm klar beweist, und die deutsche Regierung zwar als wenig befähigt, aber doch als treu und gutwillig erscheinen läßt.
Sollte es zum Kaiserprozeß in London kommen, so werden sich gewiß noch wettere UnschuldSberneise einstelle«, — auch in dem Fälle, wenn der Kaiser selbst unter Protest auf die Verteidigung verzichten sollte. ___
Dr. BilinSki, eines der Urheber deS Weltkrieges fordern. — Bilinski ist heute Finanzminister deS polnischen Staates und vertritt den Ministerprast- denten PaderewSki während deffen Anroefenhett m Paris. Wie behauptet wird, sollte nach dem Rücktritt PaderewSkis, der bevorsteht, Dr. Bilinski zum Ministerpräfidenten in Polen ernannt werden.
Wenn die Entente auf den Auslieferungen besteht, wird sie an Bilinski nicht vorüber gehen können. In der Sitzung deS gemeinsamen, osterreichtsch-un- aarischen Ministerrats vom 7. Juli 1914 bekämpfte er die gemäßigten Vorschläge Tiszas und forderte den Krieg geae« Serbien. Er sprach die Ueberzeu- aunq ans, baß die Serben nur der Gewalt zugänglich seien und baß der Entscheibungskampf früher ober später unvermeidlich sei.
Geschichtche« au» bem Obersten Rat.
Im .Journal de Gentzve' plaudert William Martin, einige intereßante Vorgänge au» den Sitzungen de» Obersten Rates au». Man versichert, daß Orlando der kein Englisch verstand, große Mühe hatte, den Verhandlungen zu folgen und in der wildesten Art gestiru- tierte. Clemenceau, der durch dir Kugel, die noch in seinem Körper saß, geschwächt war, schlief öfter» ein. Lloyd George hatte die Teschener Frag« angeschnitten, ohne zu wissen, wo überhaupt Teschen liegt, und Wilson hatte Südtirol den Italienern gegeben, weil er nicht wußte, daß e» sich hier um ein deutsche» Volk handelte.
Di« Verfolgungswut in Belgien.
In dieser Woche findet vor dem Schwurgericht in Antwerpen ein Riesenprozeß gegen alle Journalisten u«d Redakteure belgischer Zeitungen statt, die während der deutschen Besetzung erschienen sind und Sber deutschen Zensur unterwarfen. Die Anklage tet auf Landesverrat. Mehrere Todesurteile I dürften gesprochen werden. Die Anklage wird erhoben auf Grund von Aktenstücken, welche von den deutschen Zwilbehörden zurückgelassen und von den belgischen Behörden aufgefunden worden find.
Kn Zwischenfall in der französischen Kammer.
Die französische Kammer berät noch immer über den Friebensvertrag, die kürzliche drichllose Meldung aus Lyon, die Rattsikation sei bereits beschloßen, war also falsch. Am Mittwoch kam es anläßlich der Frage Batthons über die Haltung der Vereinigten Staaten I zum Friedensvertrag und zum Völkerbund zu lebhasten I Auseinandersetzungen zwischen Barthou und Clemenceau. Barthou fragte, was für eine Lage für Frankreich eintrete, wenn Amerika den Vertrag über den Völkerbund nicht ratifiziere. 3m Falle der Nicht- I ratifizierung werde auch der französisch-amerikanische I Garantievertrag wirkungslos sein. Clemencau setzte auseinander, daß der Garantievertrag auch ohne Ame- rikas Teilnahme am Völkerbund wirksam sein werde.
I Letzten Endes werde Amerika doch in den Völkerbund eintreten. Eine große Erregung bemächtigte sich der
I Kammer, als Clemenceau beim Verlaßen der I Tribüne ausrief: Wenn die Kammer die Diskussion I verschleppen will, so wird die Regierung zu- rüötreten. Die Sitzung wurde darnach cmfge-
I hoben. _ ____________ ’ . . --
I ri’: „Unabhängige" Hochverräter.
Der Vorsitzende des kürzlich gegrünbefeu sogen. I Rhetnlandbundes, der Unabhängige Smeets, hat an die Präsidenten bezw. Ministerpräfidenten von England, Amerika, Frankreich, Italien, Belgien em Schreiben gerichtet, in dem gesagt wird, daß die gegenwärtige und zukünftige politische und wirtschaftliche Lage des Rheinlandes zu einer dauernden Loslösung dieser Provinz sichren müße. Der „Rheinlandbund" erstrebe die Desreiung des Rheinlandes von der preußischen Herrschaft, die ihren Einfluß auch heute noch auszudehnen bemüht sei. Man habe sich nicht gescheut, in der deutschen Verfassung, die als freiheitlichste der ganzen WeÜ gilt, den Art. 18, Abs. 1 einzufügen (der An- trag auf Loslösung von Provinzen für zwei Jahre unmöglich macht). Darum' sei man gezwungen, sich an das Gewißen aller freiheitlich gefirmten Volker I zu wenden und sich unter ihren Schutz zu stellen. Zum Schluß erbittet bas Schreiben die offizielle Anerkennung der Bestrebungen im Rhemlande durch die Alliierten.
Es ist ein starkes Stück, daß ein Deutscher es wagt, sich um Hilfe gegen fein eigenes Volk an tue I Entente zu wenden.. - >
Streiks durften unermeßlich schwer fern. Die s L »r« SmäÄ
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vorge-ommen wtrden soll. Man . ss «rfceltS. wird von d-n Regierungsstellen
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nma erfahren Von einer gesteigerten Koy.enzuiuyr
kehrs in Wien zu denken Zu der Kohl.nra.airro., brobt in der nächsten Zeit auch noch eine Hungers not. Für die Mehlversorgung reichen die Borrate bs zum 4 Oktober. Allerdings schwimmen einzelne Transporte aus Argentinien bereits auf dem Rhem und der Donau. Es ist aber die Frage, °b e-magüch fein wird, sie in den nächsten Tagen nam -^ ? .
bringen. Noch ärger steht es mit den Kartoffem, bereif Ernte sehr gering ist.
* Ein« neue Art vor, Valuta - Spekulation wird in N or w e g e n dadurch betrieben, daß m großem Umfange Versicherungen tet deutschen-cbenwver^che runaen abgeschlossen werden. Ein Teil der Pramikn wirb sofort bezahlt, um bei dem Niedrigen Mark- Kur, eine sehr billige Versicherung zu erhalten.
* Mit btt Rückwanderung brr deutschen St.ttgs gefangenen aus Belgien ist gestern begonnen worden. Täglich soll ein Zug mit 1000 Kriegsgefangenen bt, ’ÄÄwr«*» Radikalen durch Wegnahme der Urnen und Liften vereitelt. Die Wahl wird unter dem Schutz der Reichswehr toirderholt werden. „ „
* Zur UrteilSbeitätiqung im Muuchener Grifel mordpiozeß Nachträglich wtrd bekannt, daß Mmtster präfident Hoffmann, der, rote berichtet, f _ ’ 1
einer Urlaubsreife befand, als das Urteil mordprozeß erging, veranlaßt hat, d..ß ?te>>-tzu« des Ministerrats verschoben werd«, dis «tn München eingetroffen fei. Hoffmann hat also, tote ausdrücklich festgestellt sei, an bet entscheidenden Mlntster- ratsfitzung teilgenommen.
Fiume. - I
Das Fiume-Abenteuer des Dichter-Eroberers d^ln- nunzio hat für Italien eine hochernste Lage geschaffen. Das ganze Land wir auch das Mimstermm befmbet I lief) in dieser Frage in der größten Uneinigkeit. Mini- I stnpräsident Nitti hat versucht, durch Entsendung von I Vermittlern und durch andere Maßnahmen gegen d'Annunzio die Sache wieder emzurenken. Vergeblich. d'Annunzio erhält immer stärkeren Zulauf von lieber- läufern und sein Heer wird trotz ^r Blockade reichlich mit Lebensmitteln versehen. Der Mlnister des Aeu- ßetn Tittoni, dessen Haltung nut der des Ministerpräsidenten Nitti nicht übereinstimmt, hat ganz m der Stille eifrig Verhandlungen mit England und Frank- reich geführt. Et soll die beiden Machte dahin gebracht haben, wenigstens ihre Zustimmung dazu zu geben, daß die Stadt Fiume den Italienern zugewiesen wird; der Hafen unb die Bahnl'mie sollten dagegen tu- ternationalisiert werden. Präsident Wilson hat sich dieser Lösung bisher nicht angeschloßen. Nach einer Meldung ttalienischer Blätter soll er auf den | Appell, der an ihn gerichtet wurde, geantworkt haben, er verlange vor jeder Entfcheidung, daß d ^InnuntAio Fiume räume. Bestätigt ist diese Meldung nicht, di- italienische Regierung bewahrt Stillschweigen.
Was soll sie nun tun? Krieg gegen d Amunzio führen? Wilson herausfordern? einen Krieg mit ben Südslawen riskieren, die auf Fiume Anspruch haben? Und bei jeder dieser Möglichkeiten den Krieg im eigenen Lande gegen die Sozlasisten heraufbeschworen, die energisch gegen neue kriegerischen Verwickelungen Front machen und mit Proteststreik drohen? schon erhebt die italienische Preße Klage, daß die ,oz,alistl!chs Partei die im Heere stehenden Genossen ausfordere, tn Uniform an den Kundgebungen gegen d'Annunzio teil- zunehmen. !Das seien die Keime des Spartakts- mus. Darf die italienische Regierung anderer« seits den Mut aufbringen, aus Fiume wieder heraus« zugehen und sich dem Diktat Wilsons zu fugen? Auch den Preis der Empörung aller nichtsoztallstischen Ele« mente des Landes, die leidenfchaftliche Befitzergreifung Fiumes verlangen? Die allergrößte Sorge bererttt obendrein die Erwägung, ob die Regierung, wie auch ihre Entscheidung fallen möge, überhaupt noch die Kraft haben werde, gerade diese Entscheidung durchzusetzen, das heißt, ob sie des Heeres und der Flotte unbedingt sicher sei.
Wie schwierig die Lage ist, zergt die Einberufung des Kronrates, der geifern stattfinden sollte. Wie er eine Lösung der verwickelten Streitfrage finden sollte, ist nicht abzusehen. Von unserem Standpunkt aus ha« ben wir keine Ursache, uns darüber zu freuen. Emopa braucht Ruhe unb wir mit ihm. Die Duatffalber, die in Paris zusammenkamen» um Ruhe und Fneden für immer zu sichern, haben in Wirklichkeit alles getan, um den Fieberzustand Europas zu verewigen.
Verschärfung des Konfliktes.
Die Situation an der Adria hat dadmch eilte Der- schörfung erfahren, daß sich d'Annunzio nicht mü der Besetzung Fiumes begnügt hat, fonbem auch d« dalmatische Stadt Trau zu besetzm versucht hat. Meldungen über die Beschung noch anderer dalmattscher Städte scheinen sich nicht zu bestättgen. Ueber bte Vorgänge von Trau meldet das südslawische Pressebüro:
Dienstag nachmittag begann ein« füdslawifche Tnrp- penabteilung in der Richiung auf die von den Italienern befetzte Stadt Trau vorzudringen^ als ein amerikanischer Torp edob o otsze rftörer m den Hasen einlief, um den Rückzugder 3taltener auf die Demarkationslinie zu erzwingen. Die Einwohner von Trau griffen zu den Waffen unb eröffneten das Feuer auf bic Italiener, die eiligst die Stadt verließen. Den Südflawen fielen ein Panzerauto, I der Kommandant der italienischen Truppenabteilung und I drei Mann m die Hände. Inzwischen schifften sich 200 I bewaffnete amerikanische Marinesoldaten nnt I Maschinengewehren aus und übernahmen das umiemsche Panzerauto und die Gefangenen. Sie brachten sie nach I Spalato und übergaben sie dem Befehlshaber des ita« I lienifchen Stationsfchiffes Puglia. inzwischen trafen die t f e r b i f ch e n Truppen, von ber_ Bevölkerung stur- I misch begrüßt, ein. Die Amerikaner übergaben bte otaöt I den südslawischen Truppen und schifften sich wieder em. Die südflawifchen Truppen verfolgten die 31a• I lien er über Trau hinaus unb setzten chrr Aktion fort I Das amerikanische Kriegsschiff verbleibt, eimge Tage im * Hafen. Es erhielt strenge Anweisung für den Fall einer Wiederholung des Angriffs fettens der Italiener.
Auslieferung BiliuskiS?
Die Prager „Narodua Politika" meldet _ aus Pari»: Auf Grund der Enthüllungen deS österreichischen Rotbuches wird die Entente bte Au »ltef e- rung deS ehemaligen österreichischen Finanzmmisters
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