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| Donnerstag 24. Zu» 1919. | I 46. Zahrg
Ein großer Tag in Weimar
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Es war ein sonnenklarer Oktobertag, als Meister Engelmann, den Violinkasten in der Hand, aus dem Hause trat. Er wollte zum ersten Male nach der überstandenen Krankheit zur Stadt fahren, um seinen Beruf wieder aufzunehmen.
„Fühlst Du Dich auch wirklich kräftig genug, Bater, und den Anforderungen gewachsen, die nun wieder an Dich herantreten?" fragte Maria, die neben ihm schritt und ihm bis zur elektrischen Bahn das Gelett gab,
Er schüttelte traurig den Kopf.
- „Gar nicht kräftig sühle ich mich, aber ich war schon zu lange weg, und muß nun versuchen, mich zurechtzu- fmden. Du weißt, die Saison hat längst begonnen, und wenn man so untätig sitzt, wird man bald zum alten Eisen geworfen. Leute gibt es ja genug, die ftoh find, wenn sie sich auf den Platz setzen dürfen, den ein anderer vorher eingenommen hat. Sie lauern förmlich darauf, und freuen sich, wenn einer nicht mehr mittun kann, denn dann ist die Reihe an ihnen. Ich wundere mich schon lange, daß keiner der Kollegen einmal herauskom, um mir zu sagen, wie es steht, daß keiner sich erkundigte, wie es mir geht. Es scheint, man hat mich schon ganz und gar vergessen."
Moria fühlte eine heiße Angft in sich emporsteigen, doch tapfer zwang sie sich zu einem lauten Lachen.
„Aber Vater, sprich doch nicht so! Ueberhaupt, die Kollegen, Du weißt doch, wie wenig Zeit sie alle haben. Die Proben, die Stunden, die sie geben, nehmen sie völlig in Anspruch."--
„Aber am Sonntag hätte manch einer wohl kommen können, ich wüßte doch gern, was der neue Kapellmeister für ein Herr ist, ob er etwas kann, was et leistet, und wofür Opern für den Winter in Aussicht genommen sind. Ra. dos werde ich ja mm heute alles erfahren. Ich melde mich erst bei dem Direktor und dann bei dem Kapellmeister."
Sie waren an der Haltestelle angekommen, und da 6ie Bahn eben heranfuhr, stieg der alte Herr rasch ein.
Beklommen sah Mario dem fortrollenden Wagen nach. Die Angst stieg wieder in ihr empor. Was sollte werden, wenn der Batet nicht die Kraft besaß, ferner feinen Beruf auszufüllen. Vermögen hatten sie nicht, und Hans chr Kruder, brauchte noch immer Geld. Wenn der erst nur
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einmal so weit gewesen märe, daß er den monatlichen Zuschuß entbehren könnte. Wie lange mochte das noch dauern?
Seufzend wandte sich Maria und schritt heimwärts. Die Fliederhecke, die das kleine Besitztum rings umgab und den Abschluß gegen die Landstraße zu bildete, zeigte schon recht bedeutende Lücken. Man konnte von Der Straße aus nun den ganzen Garten so ziemsich übersehen.
Es war ein schöner, sonniger Tag, die Lust erschien durchsichtig, klar und rein. Die Blätter lagen haufenweise am Boden, und immer noch kamen neue dazu. Seife sanken sie hernieder auf die seuchte Erde, der ein herber, Geruch entstieg.
Rur Aftern, Reseden und ein paar Sonnenbluu«« blühten noch, und kleine Büschel Vergißmeinnicht standen blaß in den Beeten.
Maria bückte sich und pflückte einen winzigen Strauß der blauen Blümchen, die sie im Gürtel befestigte. Eie ging in dem raschelnden Blätterhausen herum. Endlich Holle sie sich eine Handarbell und setzte sich aus die ©arten- tagt neben der Laube. Emsig zog sie den Seidenfaden dmch das feine Gewebe. Sie mochte etwa eine halbe Stunde gearbeitet haben, als sie plötzlich lauschend den Kopf hob. Außerhalb der Hecke wurden Stimmen laut, die sie zu kennen schien, denn blitzschnell sank die Arbett in den Schoß und — ihr selbst wohl unbewußt, suhr sie jäh mit der Hand nach dem klopfenden Herzen, während eine helle Röte ihr Gesicht üderslammte. Sie wollte aufstehen, davon eilen, — aber für den Augenblick muhte sie sitzen bleiben, sie konnte nicht anders. Als aber die Gartentür ausgetisien wurde, und zwei Herren direkt auf Maria zuschritten, stand sie doch völlig ruhig und aufrecht neben der Bank und reichte den Ankommenden lächelnd Lt Hand. Niemand merkte ihr die Erregung an, in der sie sich vorher befunden hotte, nur ein rosiger Schimmer fcg noch auf ihren Wangen. Der eine der beiden Herren, in lustig oussehender junger Mann mit Hellen, treuherzig MMtrben Augen, rief schon von weitem: „Grüß Gott, Cru,..ichen, wie gehts? Wit haben den schönen Noch- mittag zu einem kleinen Ausflug benutzt; mein Freund Joachim hat eine besondere Schwärmett, für solche sow nenklaro «‘•tbfttage wie heute einer iftl Richt waM"
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bewohnte. Nachdem sie die rotoerschleierte Lampe an« gezündet hatte, warf sie sich todmüde aus dos kleine Sopha und stützte den feinen Kopf in die Hand. Die Fenster standen weit offen und vom Garten herein strömte der Dust der blühenden Reseden! Das war Marias liebste Stunde, wo sie sich ganz ungestört ihren Gedanken hingeben konnte.
Nach einer Welle sprang sie auf und lehnte sich an das Fenster. Der Garten lag in bläulichem Licht des Mondes in zauberischer Ruhe und Schönhell vor ihr. Nichts regte sich da unten, nur die Blätter rauschten leise. Maria genoß mit wonnigem Behagen den Zauber dieser warmen Spätsommernacht. —
Lange stand sie träumend still und dachte über die Worte nach, die Linda ihr heute zugerufen und die plötzlich den Schleier sortgezogen, der gleichsam über ihrer Seele gelegen. Sie fühlte ihr Herz heftig pochen bei dem Gedanken, daß noch jemand außer Linda etwas an ihrem Benehmen gemerkt haben könnte. Doch sie beruhigte sich und nahm sich vor, künftig recht aus der Hut zu sein. Niemand durfte ahnen, wie es um sie stand.
Maria trat vom Fenster weg und betrachtete bann lange und aufmerksam das Blld der verstorbenen Mutter, das über dem Sopha hing.
„Also auch Du durftest Deinem Herzen nicht folgen bei der Wahl des Gatten — arme Mutter", flüsterte sie.
„Deshalb gingst Du wohl manchmal so still und traurig im Hause umher! Und manchmal sah ich Dich meinen, wenn Du Dich unbeobachtet wähntest. Brennt denn die Wunde so lange? — Hatte' ihn wohl recht lieb, Deinen Verlobten? Ob er noch lebt? — Ach Mutter, wärest Du doch noch bei mir! Mit Dir könnte ich alles besprechen, was mich bedrückt! —"
Noch lange stand Maria vor dem Bilde. Aber so viel sie auch fragte, es kam keine Antwort.
II.
Es herbsteite Der Altweibersommer mit seinen blitzenden Silberfäden machte sich überall bemerkbar. Zwar waren die Tage no 5 sommerlich warm, aber die Nächte brachten eine empfindliche Abkühlung, und am Morgen legen die vom Frost gepflückten Blätter am Boden. Die Blumen neigten traurig die Köpfchen, bei Nachtfrost brachte ‘“'n Tab. > w_»
lAft I Verantwortl.für den redaktion.Teil J.V.: Dr.Joh. Kramer, |ir. »VV« | für die Anzeigen: I. Parzeller, Fulda. — Rotationsdruck.
Dem gestrigen Mittwoch hatte man in parlamen- larischen Kreisen mit großer Spannung entgegen-, scsehen. Endlich wollte nun die neue Regierung, das gabinett Bauer, das an die Stelle des Kabi- getts Scheidemann getreten ist, ihre Erklärung dem Parlament abgeben.
Schon lange vor Beginn der auf 10 Uhr angefetz- ttn Sitzung der Nationalversammlung ist der Saal dich! besetzt, das gesamte Kabinett ist erschienen, zahlreiche Regierungsbeamte drängen sich hinter den Mi- ^stertischen zusammen. Durch das Haus schwebt Ees laute, undefinierbare Stimmengewirr, das ner vor großen Beratungen bemerkbar wird. Als „bet der Ministerpräsident Bauer vom Leiter der Versammlung aufgerufen wird, tritt sofort lautlose Stille ein, die Abgeordneten, die bis dahin noch in dichten ©nippen um ihre Vorstände versammelt garen, nehmen ihre Plätze ein und horchen gespannt den Ausführungen des Ministers. Bauers Manu- fkiipt ist ziemlich umfangreich, feine Rede gut durch- gcarbeitet. Viel Neues bringt sie allerdings nicht, die Gedanken, die da entwickelt werden, sind im Wesen die gleichen, wie sie das vorhergehende Kabinett Scheidemann vertrat»
Die Revolution hat uns freie Dahn geschaffen, aber es ivar tie freie Bahn, wie sie die Vernichtung auf einem. Schtlachrfelde schafft. Acht Monare sind jftither ins Land gegangen, größtenteils den Aufräumungsarbeiten gewidmet, aber auch dem Ausbau des neuen Staats- Hauses, das Sie in diesen Tagen durch die A n n a h me der neuen Verfassung krönen werden. Damit ist die demokratische Republik unter Dach und Fach, damit hat die deutsche Nattonalversammlung den ersten großen Teil ihrer Aufgaben gelöst. Es verdient festgehalten zu werden, daß
die Herren der äußersten Rechten gerade diesen Augenblick, der das Hohenzollernsche Kaiserreich auf Nimmerwiedersehen zu den Toten legt, dazu benutzt haben, die Wiederherstellung der Monarchie der Hohenzollern als ihren ersten Programmpunkt zu erklären! Daß sie die Revolutionsregierung fiit diesen Frieden verantwortlich machen, nachdem das Kaisertum in unseliger Machtverblendung den Krieg und damit von vornherein den Frieden verloren hatte; daß sie der heutigen parlamentarischen Regierung den Kampf ansagen bis aufs Messer, all das ist uns nicht? Neues Wie sind zum Kampf gerüstet, auch zum Kampf gegen Geschichtssälschung. Die Geschichte sechst hak in den Novembertagen gerichtet, und es ist alter deutscher Rechtsgrunvsatz, daß der Verurteilte drei Tage lang nach dem Urteil schimpfen darf. Heute leuchtet die Demokratie über der neuen Republik, deren Verfassung die unvergänglichen Worte einleiten: „DaS deutsche Volk, einig in seinen Stämmen und von dem Willen beseelt, sein Reich in Freiheit und Gerechtigkeit zu erneuern und zu festigen, dem inneren und dem äußerem Frieden zu dienen und den gesellschaftlichen Fortschritt zu fördern, hat sich diese Verfassung gegeben."
Die Herren Unabhängigen sind es, die die „Diktatur des Proletariats" als die polittsche Notwendigkeit der nächsten Zeit anpreisen. Aber fdjon das Schlagwort an sich ist unrichtig. Weite Kreise des Proletariats lehnen diese Diktatur, wie jede andere ab. Was die Unabhängigen wollen, wäre nicht einmal eine Klaffenherrschaft, sondern die Zwangsherrschaft eines Teils einer Klasse. Aber mit der übergroßen Mehrheit des Volkes lehnen wir jede Diktatur als ein brutales, geistloses und unztueckmäßiges Mittel aufs entschiedenste ab. „Die polittsche Revolution war das Werk der Gewalt, die soziale Revolution kann nur das Werk anfbauender organi- fierender Arbeit sein. Die polittsche Rev'olu- tion war das Werk weniger Stunden, die foziale Revolution wird das Ergebnis kühner, aber auch besonnener Arbeit vieler Jahre fein."
In diesem Zusammenhang ein Wort zu den wilden Streiks, die feit Wochen rings um uns auffchießen, abslaueu und plötzlich wieder losbrechen, und das in einem Augenblick, wo Nationalversammlung und Regierung mit der Zustimmung der großen Volksmehrhell ihr Wort für die Erfüllung des Friedensvertrages nach Kräften verpfändet haben. Was sind denn diese Streiks anders als unblutige Putsche, die der Mehrheit der Bevölkerung und gerade dem arbeitenden Volk durch ihre Störung der Nahrungsmittelversorgung mehr unblutige Wunden schlagen und mehr Schaden zufügen als je ein Straßenkampf. Die Unruhe in unserer Arbeiterschaft ist freilich nicht auf Krakeel, su ch t und nicht auf Arbeitsscheu zurückzuführen. Der würde am allerletzten Abhilfe schaffen können, der nicht den berüchtigten Kern in dieser Streikbewegung zu erkennen vermag. Auf der einen Seite Genußsucht :ti) zügellose Verschwendung, ein Prassen dank einem sinnlos verteuerten Schleichhandel auf Kosten der Allgemeinheit, Kapitalflucht und Verschiebung von Vermögenswerten.« Aus der anderen Sette, trotz aller Erhöhungen, immer noch Löhne, die kaum zum Bezug der rationierten, ganz gewiß aber nicht zur Bezahlung von unrationierten Lebensmitteln auSreichen. Und nun greifen die Arbeiter zu dem Mittel, das nur verschlimmern kann; zum Streik! Aus weffen Anraten? Nicht nur einzelne Vorgänge berechtigen uns, von frevelhaftem Mißbrauch zu sprechen, den kommunisttsche und andere Drahtzieher mit den Arbeitern, mit ihren berechtigten Forderungen, mit all diesen wilden Streiks getrieben haben. Eine Regierung, die diesen Namen verdient, muß handeln. Ihre Ausgabe ist es nicht, vor jedem leichtfertig vom Zaune gebrochenen Streik zu kapitulieren. Aber es ist ihre Ausgabe, berechtigte Gründe zur Unzufriedenheit zu beseittgen und ihre Volksgenoffen darüber aufzuklären, was heute durch keine Macht zu än
dern, was als unselige Erbschaft des Krieges gemeinsam getragen und abgetragen werden muß.
Was sich in Deutschland am gründlichsten geändert habe, bas sinb
bie wirtschaftlichen Machtoerhältniffe.
Diese Umschichtung wirb auch ihren Ausbruck in ben öffentlichen Einrichtungen finben. Es wirb baher ein Gesetz über bie Arbeiterräte und Wirtschaftsräte kommen, wodurch der Arbeiter bas Mitbestimmungsrecht beim Produktionsprozeß bekommen wirb. Der Mmisterpräsi- bent fünbigt bann dcks Gesetz über bie Verstaatlichung ber elektrischen Kraftwerke an unb bie neuen großartigen Steuerprojekte. Die Finanzgesetzgebung werbe in Zukunft in weitestem Umfange in ber Hand des Reiches ruhen. Mit ber Sozialisierung ber Elektrizität und ber Braunkohle, der balb ber übrige Bergbau folgen solle, werbe das Reich zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor des Wirtschaftslebens gemocht. Die neue Verfassung schaffe bie Reichseisenbahn. Nach den politischen mürben bann auch bie wirtschaftlichen Schicksalsbestimmungen m der Hand des Volkes liegen. Der Ministerpräsident wendet sich bann gegen bie Planwirtschaft, bie er für eine Gefahr für ben Sozialismus hält. Die Regierung wolle alten Zwang brechen, aber auch neuen nicht ein« führen. Entschlossen würde man an den Abbau ber Kriegs wirtschaft gehen. Der Reichsministerpräsibent spricht bann eingehend von der Ernährungslage im Reiche und verweist auf die vom Reiche bereitgestellten VA Milliarden zur Verbilligung der Lebensmittel. Er spricht von der Aufhebung der Devisenordnung unb ber Postzensur. Notwenbig bei diesen Erleichterungen sei bie Kontrolle ber Ein- unb Ausfuhr. Als wichtige Aufgabe bezeichnet ber Reimer bie weitere Ausgestaltung bei sozialen Einrichtungen unb erwähnt babei bie Erhöhung ber Invaliden-, Alters- und Kinderrenten. Die jämmerliche Finanzlage des Reiches würde allerdings manche Wünsche nicht in Erfüllung gehen lassen. Aehnlich rote die Arbeiter sollen auch die Beamten ihre gesetzliche Vertretung erhalten. Der Reichsminister wendet sich bann, nachdem er die Pläne ber Regierung borgelegt hat, an bie Versammlung mit einem dringlichen
Appell zur Arbeit.
Alles würde im Entwurf bleiben, wenn die Grundlage des Gedeihens fehle, ber Wille zur Arbeit. Er spricht in biefem Zusamenhange von ben brückenden und schier unerfüllbaren Friebensbebingungen, zu bem wir nur unter Zwang bie Unterschrift geleistet hätten. Der Vertrag lege uns bie Pflicht zur Arbeit auf. Sie wäre unser einziges Zahlungsmtttel, besten Kurs nicht gesunken, fonbein gestiegen sei. Angesichts unserer durch Vertrag begrünbeten Verpflichtung zur Arbeit, sähen einige bie einzige Rettung barm, biese Arbeit im Notfall zu erzwingen. Die Reichs- regierung lehne diese Art Diktatur aber ab. Auf ben Völkerbunb eingehend, sagt ber Ministerpräsident, daß sie sich alle einig wären, baß der Völkerbund ein Schwert ohne Klinge sei, solange es kein obligatorisches Schiedsgericht, durch das Kriege vermieden werden, gibt. Wir brauchten aber auch brüderliche Gesinnung unter unseren eigenen Volksgenossen bei unfern Partei- und Wirtschaftskämpfen.
Die Rede klingt in einen Ruf an bie Menschheit aus, als der Ministerpräsibent erklärt: Immer häufiger bringen die Stimmen eines neuen, von hehren Gedanken erfüllten Menschentums an unser Ohr. Es sind nicht bie Herrschenden in ben ßänbern, mit benen wir jetzt Frieden geschlossen haben, es find noch Minderheiten rote die Gruppe der französischen Schriftsteller, die den Namen „Klarheit" trägt. Der Ministerpräsident zitiert dann ben markantesten Vertreter dieser Gruppe Henri Barbusse, der sagte, daß bie Demokratie unbesiegbar ist.
Die Rebe würbe mit großer Sachlichkeit unb Ruhe vorgetragen. Der Beifall, ben ber Ministerpräsident schon beim Betreten des Rebnerpulles fanb, steigerte sich im Laufe feiner Ausführungen zu lang mtbauernben lebhaften Beifallskundgebungen des ganzen Hauses, die einzelnes Zischen auf ber Rechten nicht beeinträchtigen konnten.
Dos Programm des Außenministers.
Reichsminister des Aeußern Müller: Als Ergebnis des Krieges ist für uns festzustellen, bah bas beutfche Schwert in Zukunft als Hilfsmittel diplomatischer Kunst nicht mehr zählt. Wir müffen allen militaristischen Gedankengängen entsagen unb schon unsere Iugenb bazu erziehen, baß in Zukunft nicht tr s Schwert, fonbern nur bas Recht über die Beziehungen der Völker unter einander zu entscheiden hat. Wir müffen nun die Welt von
unserem unerschütterlichen Friedens- roillen
überzeugen, damit die Politik der Koalittonen, die in letzter Linie zu diesem Weltkriege geführt hat, in abseh-
Dem Ministerpräsidenten folgt der Außenminister Müller, der sich gleichfalls mit einem ziemlich um- smgreichen Manuskript versehen hat. Seine Rede ruft beim Hause noch größere Aufmerksamkeit hervor, äller Augen sind auf den Minister gerichtet, der ge- «enwärtig einen der schwierigsten Posten im Reiche vertritt. Viele Abgeordnete, insbesondere die Führer der Parteien, machen sich wiederholt Notizen, die sie jebenfalls zu ihren Erklärungen für den nächsten Tag verwerten wollen. Ein Widerspruch gegen MAers Ausführungen macht sich nur bei der Rechten bemerkbar. Dafür aber suchen Sozialdemokraten und die bürgerlichen Parteien ihm um so ?ehr zuzustimmen. Insbesondere die Gedanken u°er den Völkerbund erwecken lauten Beifall, aber auch das, was Müller über die Wiederaufnahme «er Verkehrsbeziehungen zu den Neutralen sagt, ver- *2? Zeitige Anerkennung. Der Schluß der Rede wad mit den gleichen Kundgebungen wie bei Bauer ^genommen. Rechts und links lebhaftes Zischen, bei der Mehrheit stürmischer Beifall. Die Fraktionen Wen erst morgen zu den Reden Stellung nehmen.
Die Rede des Ministerpräsidenten.
Ministerpräsident Bauer: Der bitterernst- Augen, -c ugch ixmt Abschluß des Friedens mutz uns Ver- apung geben, die Bilanz unserer Lage zu ziehen, aber noch, die §ukÜnftige Marschroute ^-stimmen, die für die deutsche Republik sich ergibt.
zuerst den I n t e r p e l l a n t e n zur Begründung Jnterpellationen das Wort zu geben. Ich unters dabei, datz sie möglichst kurz unter Beschränkung aur die Jnterpell-rtionen, sprechen werden und daß bann die Regierung kurz erwidern wird. Daran würde sich die politische Aussp r a che m der Reihenfolge der Parteien anschlietzen. Die Parteien, der Interpellanten würden dann auch zu Worte kommen unter der Voraussetzung, datz sie sich auf den Inhalt der Interpellationen beschränken und sich nicht auf eine allgemeine politische Erörterung etnlaffen.
Nächste Sitzung: Donnerstag (Interpellationen über die Planwirtschaft und die LandarbeiterstreW.):
ruhige und würdige Haltung in dem grotzen Unglück, das Deutschland nfolge der Abtretung weiter von Deutschen bewohnten Gebiete vetroffem hat. Die herzlichsten Beziehungen verbinden uns nach wie vor mit unseren österreichischen ,B r üb e r stamme n. Wir werden alle friedlichen Mittel erschöpfen, bis wir wirklich nach Schillers Wort ein einig Volk von Brüdern find. Nicht vergeffen wollen wir. endlich unsere früheren bulgarischen und lürkifchen Bundesgenossen. Mr wurden gezwungen, tm voraus die harten Bedingumgen anzuerkennen. Vie unsere Gegner zweifellos über sie verhangne werden. Dm Härte der uns auferlegten Friedensbedingungen ist, wie iS fürchte, dem größten Teil des deutschen Volles in ihrer ganzen Bedeutung noch nicht klar geworden. Wenn Handel unb Wandel wieder aufleben sollen — und das ist die erste Voraussetzung dafür, daß Deutschland überhaupt irgendwelche chm auferlegtem wirtschaftlichen und finanziellen Verpflichtungen erfüllen kann — dann müssen die Beziehungen der Volker nicht mit Gewalt, sondern auf der Billigkeit und dem Recht beruhen. Es muß im übrigen versucht werden, die Fäden anzuknüpfen, ine uns mit den Vollem der amerikanischen Republiken, mit Italien und ande- ren Ländern verbanden. Die auswärtige Politik wirb in den nächsten Jahrzehnten in allererster Linie Wirtschaftspolitik fein. Liefern toir tn Werken des Friedens den Beweis, datz wir in allem Unglück dennoch eine grohe Nation sind, begraben wir cdfe Methoden einer Machtpolitik, die ein für allemal bet Vergangenheit angehört. (Beifall und Händeklatschen.)
Präsident Fehreubach: Ich habe die Absicht, morgen hpn Enterb ellanien zur Begründung der
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barer Zeit begraben wirb. Unsere tatsächliche Bereitschaft zum Eintritt in ben Völkerbunb erklären wir dadurch, baß wir bereit sinb, mit allen Völkern im Frieden zu leben. Ein Völkerbund ohne das deutsche Volk und ohne bas russische Volk ist jedoch kein Völkerbunb. Em Völkerbunb ist der Ausweg aus ben ungeheuren Schwierigkeiten, m die uns ber Vertrag von Versailles versetzt hat. Wir haben keinen Zweifel barüber gelassen, daß es uns mit bem Willen zur Erfüllung bis an bie Grenze unserer Leistungsfähigkeit ernft ist, wir wollen aber auch keinen Zweifel darüber lassen, baß wir mit allen loyalen Mitteln die Revifion dieses Vertrages erstreben werben. Wir stehen mit bieser Auffassung nicht allem. So hat beispielsweise General Smuts in einer Erklärung gesagt, daß die von uns geforberten Entschädigungen nicht ohne ernste Beeinträchtigung der industriellen Wiederherstellung Europas durchgesetzt werden können. Freilich sind, derartige Auffassungen heute weit entfernt davon, Gemeingut zu sein. Das b e l g i s ch e B o l k hat Nicht vergessen, daß es ein Opfer des deutschen Einmarsches wurde. Die o e r- wüsteten Fluren Nordfrankreichs gewahren ein entsetzliches Bild. Selbst das Pslanzenleben fand dort seinen Tob, unb kein Volk hat verhältnismäßig soviel Tote verloren, als das französische Volk. Zeigen wir deshalb Verständnis für die Deckungsart dieses Volkes. Zeigen wir, daß wir mit allen Kräften am Wiederaufbau in den verwüsteten Gegenden mitzuwirken bereit fuiö,_ so rote wir das feierlich versprochen haben. Noch sind nicht alle Probleme gelöst, bie bie Liquibation bes Weltkrieges auf- geworfen hat. Wie sich
bie Ost fragen
im ganzen in ber Zukunft gestalten werden, ist noch nicht zu Überseen. Im Norden des ehemaligen «Ar- schen Reiches sind neue Staatsgebilde entstanden. Ein lettischer Staat ist dabei sich gu konsoldieren. Die estnische Republik hat bereits ein festes Gefüge. Die Regiemng der deutschen Republik wünscht gute Beziehungen zu ben Völkern jener Länder. Die »er- Handlungen über die völlige Räumung des Baltikums sind im Gange. Die W i e d e r auf n chtu n g Polens ist tie wichtigste Veränderung 'm nahen Osten Der Versailler Vertrag hat uns im Osten nicht die Grenzen gebracht, die uns werden mutzten, wenn der Wille ber Bevölkerung für die Staatsangehörigkeit entscheidend gewesen wäre. Schließlich gedenke, ich der deutschen Bevölkerung in den Ostmarken für ihre
Meine Wcrrrcröies.
Roman von Irene v. Hellmuth.
^Liiüta aber fuhr fauchend rote eine gereizte Katze auf vchwester los und schüttelte sie derb an ben Schultern, a° der Vater mit einem ängsllich beschwichtigenben:
. r Linba, — fei doch gescheit", bie Erregte zu be- *wn suchte.--
Abend würbe recht ungemütlich.
Lmda ging mürrisch unb verdrossen umher. Sie be- bas einfache Abendessen unb klapperte babei mehr notig war mit Taffen unb Tellern. Nur Maria be« sich, ben Vater, ber mübe unb abgespannt auf bem M* • Ia0, iu unterhalten unb zu zerstreuen. Sie war Innt7t!ilenb h«'ter, wenigstens plauderte sie viel mehr, als 'hre Art war.
«ch?* D'r etwas Vorspielen, Vater?" fragte sie fcn. 000 Eifer, als ihr gar nichts anderes mehr ein« IBUen wollte.
"itft«ni) ols ber alte Mann lächelnd feinem Liebling zu- holte Maria ihren Violinkasten hervor und begann Man merkte es, sie war Meisterin in der yA ’ bie der Vater sie gelehrt. Der Me lauschte mit E/””encn Augen dem herrlichen Vortrag. Wie das Kg® “nb klang, bald jauchzend wie vor hoher Lust, bald JU’b in unendlichem Schmerz. Maria schien ganz
Leid. 3U haben, wo sie sich befand; sie spielte mit ftnd' - ah und Feuer, was ihr gerade in den Sinn kam. der, 6ic kleine braune Geige endlich schwieg, da ließ -cicr es au anerkennenden Worten nicht fehlen.
gehörtest wirklich jetzt auf ein Konservatorium", -Du würdest eine vollendete Künstlerin werden. Igfltn. hhlen mir die Mittel, Dich fertig ausbilden zu
jk “£aruber gräme Dich nicht, Väterchen", lächelte Ma- litr „ Q ja, ich tauge nicht in die Welt. Mir ist
8, deshalb bleibe ich bei Dir!"
ftreicheve ihr weiches Haar.
"f/5 einer kommt und Dich mit fortnimmt." wird schon keiner kommen, Vater." — Maria ■ -UB*) befielt auf, als sie den Vater mit bem 1^2*™ die Nacht versehen hatte, und endlich in chaglichen Zimmerchen war, das sie allein
Mit den D e u t s ch n a t i o n a l e n geht Bauer in ein strenges Gericht, er wirft ihnen anttreue- lutionärc Pläne vor, die im Widerspruch mit dem Willen des demokratischen Volkes ständen. Diese Aorwürfe wecken natürlich bei der angegriffenen Partei Entrüstung. Der Oppositionsgedanke ist erwach!, und mehr als einmal braust lauter Widerspruch dura, den Saal. Auch die U n a b h ä n g i - - gen müssen manche Anklage über sich ergehen lassen, doch verhalten sie sich demgegenüber ziemlich gleichgültig. Auf die übrigen Parteien macht Bauers Zortrag sichtlich Eindruck. Die Abgeordneten der
infteier Mehrheit suchen sich gegenseitig in Zustimmungskundgebungen zu überbieten. Aber alle Kundgebungen, gleichgültig von welcher Seite sie kommen, ob von rechts oder links, scheinen auf den Vortragenden keinen Eindruck zu machen. Gleichmäßig setzt er seine Rede fort, nichts in seinen Zügen verrat, was in ihm mrgehr. Als Bauer nach eineinhalb Stunden geendet hat, bricht ein lauter Beifallssturm bei der Mchrheit des Hauses los, und als die äußerste Rechte und die äußerste Linke gemeinsam durch Zischen ihren llnwiüen kundtun wollen, klatscht das Haus, jeder parlamentarischen Sitte entgegen, wiederholt und lange in die Hände.