Nr. 1Z4.
I Verantwortlich für »en redaktionellen Leit: Kart Schutte, für die Anzeigen: I. Parze 11 er, Fulda. — Rotationsdruck.
Dienstag S. Juli 1919» |
Vertag oer Fuldaer Actrendruckerei in Fulda. — Preis monatl. I A(ä 'In hfl! 95 Pfg. — Fernfpr. Rr. S. Telegr..Ädresie: Fuldaer Zeitung. | ~v-
Die bevorstehende Ratifizierung.
Der Staatenausschuß hat gestern der Ratifizierung des Friedensoertrages zugestimmt. Am Mittwoch wird der Beitrag auch in einer kurzen Sitzung der Nationalversammlung beraten, sßon der Regierung wird der Minister des Aeußern S). Müller eine Erklärung abgeben, die sich euf das Notwendigste beschränken wird. Die Parteien werden sich nur ganz kurz äußern. Darauf wird der Reichspräsident Ebert die Ratifizierungs- urkunde unterfertigen, die nach Versailles telegraphiert wird. Die Urkunde wird durch einen Kurier nach Versailles gebracht.
Am Dienstag berät die Nationalversammlung die Neuervorlagen. Am Dcnnerstag wird Minifterprä- sidetn Bauer eine Programmrede und der Minister des Auswärtigen Hermann Müller eine große Rede halten.
Berlin, 7. Juli. Deutschland fragte in einer Rote cn Clemenceau an, ob sich die Ratifizierung des Friedens lediglich auf den Vertrag selbst beziehen soll. In einer anderen Rote estucht sie um Maßnahmen zum Schutze der Deutschen in Riga. Auf die erste Note ering die Antwort, die Ratifizierung müsse sich auf sämtliche Akte beziehen, auf den eigentlichen Vertrag, das Protokoll und die Vereinbarung über die Be- fchung der Rheinland«.
Das Sonderabkommen über das Rheinland.
Wie die „Deutsche Allgemeine Zeitung" zu dem Abkommen über die besetzten Gebiete erfährt, hat trotz der grundsätzlichen Annahme das Auswärtige Amt wegen der ungewöhnlichen Härten des Abkommens iochmals Clemenceau Verhandlungen vorgeschlagen. Es befinden sich nämlich darin Bestimmungen, die so weit und rücksichtslos in deutsche Rechte eingreifen, daß ihre Durchführbarkeit ohne große neue Schädigungen unserer Interessen gar nicht denkbar erscheint. So ist u. a. vorgesehen, daß die Personen der Besatzung dank ihrer Hilfskräfte einzAne Waren, die sie aus fremden Ländern einführen wollen, zollfrei und portofrei beziehen können, weiter, daß sie und evtl, auch von ihnen engagiertes Hilfspersonal keine Steuern an Deutschland zu entrichten haben, wodurch dem Mißstand Tür und Tor geöffnet wird, daß sich deutsch« Meuerpflichtige als solches Persona! an- werben lassest. Ferner sind die Bestimmungen über die Rechtslage im besetzten Gebiet kautschukartig gefaßt, sodaß die deutschen Bewohner dieser Gebiete Ge- fahr laufen, jedem sicheren Anspruch auf deutsche Rechte verlustig zu gehen. Clemenceau hat sich zu Besprechungen grundsätzlich bereit erklärt. Die Verhandlungen werden vom Reichsministerium des Innern geführt, das den Unterstaatssekretär ßeroalb damit beauftragte, der von dem zum Reichskommissar für die Rheinlande ernannten Regierungspräsidenten von Köln v. Starck nach Versailles begleitet sein wird. Die Verhandlungen beginnen am Donnerstag.
Der Abtransport der Rigaer Desfichen.
„Wolffs Telegraphen»Büro" teilt mit: Das Vorgehen deutschfeindlicher Elemente gegen Riga machte dm beschleunigten Abtransport der in der Stadt befindlichen 6000 Deutschen dringend nötig. Zur Verfügung standen hierfür die Dampfer „Hannover" und „Schleswig", die bei allerengster Belegung die 6000 Menschen hätten fast Haffen können. „Hannover" halte aus früherer Zeit her Fahrterlaubnis, die von „Schleswig* erst beantragt wurde, aber von der Entente abgelehnt ist. Dies ist wieder ein Beweis dafür, daß es unseren Gegner nicht genügt, das Deutschtum aus dem Baltikum herauszndrücken, baß sie ihr System der Ausrottung der Deutschen Md ihren Kampf gegen Frauen und Kinder schonungslos auch nach Unterzeichnung des Friedens fortsetzen. Für alle Folgen, die durch Verhinderung der Rettung entstehen, trägt die Entente -die Verantwortung.
Milderungen für Deutsch-Oesterreich?
Wie Pariser Korrespondenten melden, soll, um Deutsch-Oesterreich nicht in die Arme Deutschlands M treiben, eine vollständige Revision der Klauseln über die Gebietsabtretungen sowie eine wiche der wirtschaftlichen Und finanziellen Bedingungen ^genommen werden.
Die neue Entente.
tzn Paris wird der Text des Garantievertrags zwi- En Frankreich, England und Amerika ver- otfentlicht. Er fleht nicht die Unterstützung Frankreichs °urch die anderen Möchte in jedem Falle eines Angriffs °or, sondern nur im Falle eines Angriffs zur Verletzung 5* Neutralität des linken Rheinufers. Die Bestimmungen Klagen, daß falls eine militärische Neutralisation des lin-
Rheinufers und einer rechtsrheinffchen Zone nicht ge- Mgt, um einen unmittelbaren Schutz Frankreichs zu ge- vahrleisten, Amerika sich verpflichtet und England ein- Frankreich zu HUfe zu kommen, insofem es sich /"Einen ungerechtfertigten Angriff Deutsch- m"5 handelt. Die englischen Dominions flnd an diesen gebunden, es sei denn, daß ihre Parlamente besondere Zustimmung geben. Der ftanzöfisch-ameri- anische Vertrag bedarf der Genehmigung der Parlamente m beiden Ländern.
, Vrotz der Entwaffnrmg Deutschlands, der Schlei- M, aller Befestigungen bis 50 Kilometer östlich vom und der völligen strategischen Neutralisierung 2net noch breiteren Zone wird ein solcher Schutzver- Ns, gegen Deutschland noch für nötig gehalten. Es ll! eben ein Vertrag des schlechten Gewissens über ei- kjcn Stieben, der eine ewige Kriegsdrohung ist. Daß
Parlamente ihn gleichzeitig mit dem Völkerbunds- annehmen sollen, dem er geradezu ins Gesicht M?St, weil er die alten Bündnissysteme, die zum «ege geführt haben, verewigt, zeigt das geringe Vrr- , ^en. das man in den Ententeländern in Wirklich- iur den fo hochgepriesenen Völkerbundgedanken In Amerika ist1 diese Sonderabmachung, u.® Wilson sich in Paris hat gewinnen lassen, scharf Astert worden. Die Amerikaner sind nun ganz an gefettet, verlieren ihre Entschlußfreiheit und 1,ei? hilfebringend über den Ozean, sobald die Fran- ien der Meinung sind, daß Deutschland sie, ohne pro- sein, angreife. Obgleich die Amerikaner an biin Nnölwll begreiflicherweise keine Freude haben, ’r'qte der Bündnisvertrag ja wohl schließlich ratifi- tröst toet^en- Man wird sich in Amerika damit zu gj"®n versuchen, .daß er vom Völkerbunde wieder auf- botig Wet&en kann, wozu allerdings eine Mehrheit
Die Schimddlockade.
Der Londoner „Daily cheralü" schreibt über die Berichte der in allen Tellen Deutschlands weilenden britischen Offiziere: Ueberall wird darin die Unterernährung im ganzen Lande hervorgehoben, die die U r s a ch e d e r Unruh e n sei. In einem Sonderbericht aus Schlesien wird betont, daß die Alliierten alles getan haben, um dem zersetzenden Einfluß der bolschewistischen Lehren die Wege zu ebnen, nämlich durch die Blockade, lieber Schlesien wird weiter gemeldet, daß das ganze Land rein deutsch sei, und daß es unbedingt deutsch bleiben wolle. Man solle den Frauen Tee, den Männern Tabak und den Kindern stärkende Nahrungsmittel liefern. Taten brauche man und nicht Worte. Kinder unter drei Jahren bekämen Spinatwasser aus der Flasche zu saugen anstatt Milch, und das in einem reinen Ackerbaubezirk. Es fei ungeheuerlich. Das Durchschnittsgewicht der Säuglinge betrage vier Pfund. Ein anderer Bericht besagt, daß Oberschiesten eine schöne kleine Provinz sei, mit hart arbeitender Bevölkerung, die moralisch hoch stehe und gut unterrichtet sei.
Die deutschen Kolonien.
Den englischem Blättern bom 4. Juli zufolge hat Lloyd G eo rg e in feiner Rede vom 3. Uuli über die deutschen Kolonien gesagt: In einigen Kolonien ist eine überwältigende Menge von Beweismaterial dafür vorhanden, daß Deutschland die Eingeborenen grausam in i'ß h a n d e l r bat; wenn trotzdem Deutschland diese Kolonien zurückgegeben würden, wobei es Gelegenheit zu Repressalien hätte, so iväre das ein niedriger Treubruch. Es geht aber nicht nur um die Behandlung der Eingeborenen. Denkt nur daran, was für einen Gebrauch Deutschland s o n st von feinen Kolonien gemacht hat. Südwestafrika hat es dazu benutzt, um einen Aufstand gegen die südafrikanischen Kolonien zu erwecken. Die anderen Kolonien hat es benutzt als Ausgangspunkt für Beutezüge gegen den Handel aller Länder in jenen Meeren. Die Rückgabe wäre also eine Torheit von ums; wir würden damit Deuffchland neue Gelegenheit zu künftigem Unrecht geben.
(Anmerkung des wtb.: Es ist nicht überraschend, daß Lloyd George es für angebracht hält, zur Begründung des an Deutschland begangenen Kolonialraubes sich stärker in Behauptungen als in Beweisen zu zeigen. Der englische Ministerpräsident würde in die größte Verlegenheit lammen, wenn er die Wahrheit dieser Behauptungen vor unparteiischer Stelle beweisen sollte. Deuffchland war mit der Haltung der Eingeborenen ganz zufrieden; es hätte also kein Grund zu irgendwelchen Repressalien Vorgelegen. Daß jemals von Südwestafrika aus ein Aufstand gegen die südafrikanischen Kolonien hervorgeriffen wurde, glaubt schwerlich jemand in der Welt. Lloyd George glaubt es selbst auch nicht; er weiß vielmehr ganz genau, daß die Widerstände, denen England in Südwestafrika begegnet ist, auf die fchmähliche Vergewaltigung der Burenrepublrken durch die Engländer zu- rückzusühren sind.)
Wie die „Parl. Pol. Nachrichten" von zuständiger Stelle erfahren, treffen die Verfuche spanischer Beamten in Bakoko (Spanisch-Guinea), die Eingeborenen aus Kamerun durch Ueberredung zur Heimkehr in ihre Heimat zu bewegen, auf zähesten Widerstand. Die Eingeborenen erklären, daß sie unter keiner Bedingung zurückzukehren bereit find. Sie bitten flehentlich, man folle sie nicht mit Gewalt herauswerfen. Sie haben weiterhin an die fpanische Regierung das Erfuchcn gerichtet, zu garantieren, daß sie nach ihrer Rückkehr nicht dafür bestraft würden, daß sie den Deutschen gefolgt find, denen sie alles verdantten, Ivas sie feien und wüßten. Sie haben auch gebeten, daß ihnein eventuell gestattet Werpe, sich nach Spamsch-Tuets zu begebe».
Scapa Flaw.
Rach einer zuverlässigen Meldung erschossen die Engländer in Scapa Flow mehrere deutsche Marineangehörige, darunter den Kommandanten vom „Markgraf", als sie versuchen wollten, sich in einem Boot zu retten, obwohl sie völlig wehrlos waren. Das Torpedoboot „B 98", bas bei den deutschen Schiffen in Scapa Flow als Postüberbringer weilte und dem von den Engländern freies Geleit zugesichert mar, ist von den Engländern zurückgehalten worden. Die Besatzung wurde nach Deutschland zu- rückgesandt.,
Rückkehr der ix der Schweiz Internierten?
Nachdem vor einiger Zeit bekannt geworden war daß die in der Schweiz befindllcheu Internierten in der Zeit vom 15.—31. Juli nach Deutschland zurückkchren dürften, wurde in der vergangenen Woche von der schweizerischen Regierung mitgeteilt, daß der erste Abtransport am 15. ds. Ms. bereits stattfinben würbe. Aber dann kam sofort wieder von der französischen Regierung das Verbot: „Dieser Transport dürfe nicht abgeheu, weil Demschlaud mit seiner Gefangenenauslieferung noch im Rückstand sei." Es soll sich um eine gewisse, einige Hundert nicht übersteigende Anzahl von französischen Kriegsgefangenen handeln, die sich nich in Deuffchland befinden sollen, deren Aufenthalt aber der deutschen Regierung selbst unbekannt fft und deren Rückgabe Frankreich fordert.
Leid,!- muß man nach allem dem, was man in der letzten Zeit erleben mußte, fürchten, daß dies nicht die letzte Chikane der grande nafion gewesen ist.
Die VerrehrSstreiks.
Wie die „Polit.-Parl. Nachr." von wohluinterrich- tetcr Seite vernehmen, machen sich im Berliner Verkehrsstreik Anzerchen dafür bemerkbar, daß infolge der Wiederaufnahme des Eisenbahnverkehrs auch der Stteik bei der Straßenbahn und Hochbahn schnell seinem Ende entgegengeht. Die Verwaltungen sind mit Billigung der Regierung entschlossen, gegen die Hetzer unter der Arbeiterschaft mit aller Energie vorzugehen. Der Ersatz-Wagenverkehr nimmt feinen Fortgang. Er wickelt sich ohne Störungen ab, und es gibt keinen Außenbezirk, der nicht in steter Verbindung mit der Stadt stände. Es haben sich wie bei der Straßenbahn und dem Omnibusverkehr feste Linien herausgebildet, und man findet auch schon gedruckte Schilder, die die Fahrtrichtung angeben.
Nachdem der Effeiübahnerstreik in Frankfurt zusammengebrochen ist, kann es nur noch eine Frage kurzer Zeit sein, daß auch die Streiks in den anderen Direktionsbezirken ihr Ende finden. In H a n no v e r haben die Streikenden den Versuch gemacht, den Verkehr in gemeingefähri icher Weise durch Sabotage zum Erliegen zu bringen, indem sie auf der Strecke nach Götttngen und nach Hannöversch-Mundem, ebenso nach Berlin und Hamburg von fahrenden Zügen Wagen abloppelten und sie auf freier Strecke stehen ließen und die Arbeiter aus den Stellwerken verdrängten. Die Strecke ist jetzt durch Militär gesichett,
StrüJr'hene Balmböks finb von Rogierr-ugstr Uppen
besetzt worden. Die Eisenbahnverwaltung ist der Ansicht, daß in erster Linie politische Motive den Anlaß zu diesem Streik gegeben haben, und daß kommunisttsche Elemente, u. a. auch ein bisher bei der hiesigen Güterabfertigung tätig gewesener Russe, die eigentlichen Veranlasser des Streikes find. Ter Kommandierende General des 10. Armeekorps hat die Streikenden aufgefordert, sofort die Arbeit aufzunehmen. Sollten irgendwelche Schwierigkeiten von den Streikenden gemacht werden, so wird der Belagerungszustand über Hannover verhängt werden . Es sind Vorkehrungen getroffen, daß Regierungstruppen sofort von allen Seiten nach Hannover einmarschieren können.
In einer Mitteilung des Kommandierenden Generals an die Presse heißt es u. a.: Die von der Streikleitung zugesagte Aufrechterhaltung der Ordnung ist nicht überall durchgeführt worden. Auf den Strecken stehen Zäae mit Lebensmitteln, sogar mir lebendem Vieh, das nicht befördert und nicht versorgt wird. Außerdem stockt die Kohlenversorgung in bedenklicher Weise. Die Hannoversche Maschinen-Äktienaesellschaft mußte ihren B e trieb bereits e i n st e l l e n. Die Arbeiter sind damit keinesfalls einverstanden. In S e l z e suchten streikende Arbeiter ein Stellwerk zu zerstören, woran fle jedoch durch Beamte verhindert wurden. Der Kommandierende General ließ schon am Sonntag erklären, daß er militärische Hilfe zum Schutze der Arbeitswilligen entsenden werde. Die auf dem Bahnhof arbeitenden Studenten sollten mit Gewalt entfernt werden. Ihre Arbeiis- ftätten waren von den Streikenden stark belagert. Militärischer Schutz hat eingegriffen, worauf die Streikenden den Bahnhof räumten.
Die Magdeburger Eisenbahner lehnten mit großer Mehrheit den Eintritt in den Streik ab.
3m Bezirke Hamburg-Altona hat eine Abstimmung der Beamten und Arbeiter eine einfache Mehrheit für den Streik ergeben, nicht aber die für nötig erachtete Zwei- drittelmehrhest.
In Bremen wurde beschlossen, vorläufig nicht zu streiken.
( Neue Streiks in Schlesien.
Aus Schlesien wird gemeldet, daß die Ausstands- bewegung wieder einseht. Im Rybniker Steinkohlenrevier schließt sich Grube um Grube dem Streik an. Die Forderungen sind unzweifelhaft politischer Natur. Es steht ebenso unzweifelhaft fest, daß wieder polnische Umtriebe im Spiele sind. Außer den schon bekannten Forderungen tritt als verrückte Zumutung zum ersten Male die Forderung hervor, daß die deutsche Regierung die Löhne und die siedenstiindige Arbeitszeit für den Fall der Abtretung Obcrschlesiens an Polen garantieren soll. Die Streikbewegung, die nicht einheitlich zu sein scheint, beschränkt sich jedoch nicht nur auf das südliche Revier, vielmehr droht sie den ganzen Industriebezirk zu überfluten.
Skreikfolgen.
Der Kurs der deutschen Reichsmark wurde für das Gebiet der achten französischen Armee (Rheinpfalz) von 48 auf 40 Centimes herabgesetzt, was seine Ursache in den fortwährenden Unruhen und Streiks in Deutschland hat.
Die Badische Anilin- und Sodafabrik hat wegen Terrors der Arbester ihr Oppenauer Werk still gelegt. Die Arbeiter hatten die Entlassung eines Dip- lomingenieurs verlangt. Als dies die Direktion verweigerte, packten sie den zur Arbeit kommenden Ingenieur und schleppten ihn 2 Kilometer weit vom Oppenauer zum Ludwigshafener Werk. Zuhilfe kom- mende Kollegen des Ingenieurs wurden blutig geschlagen.
Außer den Gewerkschaften von Thüringen und Roßleben stellten die vier Kaligewerkschaften Grilas, Hebra, Georg und Unstrut den Betrieb nach ordnungsmäßiger Entlassung der Belegschaften ein. Die Verwaltung Grilas erklärt, die Velegfckasten hätten sich geweigert, die zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern vereinbarten Arbeitszeiten einzuhalten und durch Mißhandlung der Dirktoren die Nachzahlung der wegen geringerer Arbeitszeit gekürzten Löhnung erpreßt.
An die Strcikhelden.
Die holländische Zeitung ,Meutve Courant' schreibt: Haben die Götter eS denn auf Deutschlands Untergang abgesehen, daß da? Volk so verblendet ist? Man fragt sich vergebens, welcher Gedanke die Streikenden in Berlin und ix andern Teilen des Reichs beseelt. Streiks können augenblicklich nicht «nders wirken, als die Verrenkung des wirtschaftlichen Lebens noch vollkommener zu machen.
Polnische Ausschreilungcn in Oberschlesien.
Wie die „Ostdeutsche Morgenpost" aus Kattowitz erfährt, kam es «dort Sonntag nachmittag zu schweren Ausschreitungen bei einer Massenkundgebung, in der gegen die Besetzung Oberschlesiens durch die Armee Haller Einspruch erhoben und dem Wunsche Ausdruck gegeben werden sollte, daß Oberschlesien durch amerikanische Truppen besetzt werde. Etwa 4000 Polen, die aus der weiteren Umgebung, zum Teil auf Leiterwagen nach Kattowitz gekommen waren, um die Kundgebung zu stören, entrissen Frauen und Kinder Fahnen und schlugen damit auf diese ein, schrien die Redner nieder und warfen sie von den Tribünen Auch gegen Polizeibeamte und Soldaten des Grenzschuges, die zur Auftechterhaltung der Ordnung kommandiert waren, gingen sie gewaltsam vor. Die Unruhen dauerten etwa eine Stunde, bis militärische Verstärkungen eintrafen. Es ist eine Anzahl Toter und Verletz- t e r zu verzeichnen.
Die Kapitulation der deutschen Garnison in Warschau.
In unserem Artikel tn Rr. 151 „Die ErzBerger- hetze' war gesagt worden: „Wären in Polen nicht Iß 000 deutsche Soldaten und Tausende von deutschen Offizieren vor 800 übermütigen Polen ausaerissen, dann hätten wir nicht schon im Winter 1919 eine pol- nifche Militärmacht in der Provinz Posen aufgerichtet gesehen . . .* Hierzu erhalten wir bon Herrn Regierung s- und Baurat Engelhardt in Fulda eine längere Zuschrift, worin er „als einer der sicherlich wenigen Mitbeteiligten aus Fulda' gegen diesen Wortlaut, der einen Angriff auf die Ehre der überwiegen- den Mehrheit der beteiligten HeereSangehörigen enthält, Stellung nimmt und betont, daß die revolutionären Vorgänge in Deutschland die Manneszucht bei de« Deutschen in Warschau untergraben und den Zu. sammenbruch in Warschau verschuldet hätten. Wir sind in dieser Auffassung von der inneren Ursache der Warschauer Vorgänge mit Herrn Engelhardt durchaus einig. In unserem Artikel war kurz vor der angeführten Stelle ausdrücklich darauf hingewiesen worden, daß erst die Revolution Deutschland weYrloS gemacht habe. Diese Festftellurm war bi» G-«rdla- der
dann folgenden Ausführungen. Aber auch wenn man der Revolution den ihr gebührenden Anteil an dem Zusammenbruch zuerkennt, Tatsache bUtbt doch die Kapitulation der deutschen Garnison tn Warschau; Herr Engelhardt spricht in feiner Zuschrift selbst von einer „schnöoen Kapitulation'. Jmmerbin find zur Würdigung der Warschauer Vorgänge die Mitteilungen eines De- teiliften sicherlich sehr wertvoll. Wir lassen deshalb den Hauvtteil der Zuschrift hier foloert. Herr E. schreiet.
Tatsächlich ist nach meinen Erlebnissen nur die Revolution die unmittelbare^ Veranlastung zu der schnöden Kavitulation der deutschen Garnison tn Warschau vor den Polen gewesen. Die Spannung zwischen Polen und Deutschen in Warschau war fett dem Waffenstillstandsanaebot an die Entente eine äußern gefährliche und in der ersten Novemberwoche unerttag- dich geworden. Die Notwendigkeit des Zusammenschlusses aller Tenffchen unter dem Schutze der bisherigen Mili- tärgewalr, deren Manneszucht man bis duhin noch keineswegs als angekränkelt erkennen konnte, war damals wohl jedem Deutschen in Warschau (Soldat um Offizier) eine bittere und ernste Erkenntnis geworden Dies umsomebr, als nickt nur einzelne Ermordungen deutscher Militärpersonen im Oktober, sondern insbesondere die Bildung eines narionalpolnilchen re- publikaniscken Regierungsansschusses in der ersten No- vemberwocke zu äußerüer Vorsickt mahnten. Nur _3’ zweien und mit umgescknallter Pistole durfte man st ei. auf der Straße sehen lassen. Abee erst als am um nach dem 10. November die Berliner Revolutionsvorgänge auch in Warschau bekannt wurden, als die Berliner und Kieler Revolutionsführer eingetroffen waren, und das Beifpiel der Berliner Revolution anck nack Warschau verpflanzten, gingen tnnerer Zusamt - menhcmg und Manneszucht schnell verloren; der Zu- sammenbruck war unausbleiblich. Wenn bon diesen Führern nicht — wenn notwendig auch die gewaltsam: Entwaffnung und Entkleidung der eigenen Offtzterk durch die Truppe gepredigt und in die Wege geleite i worden wäre, wenn diese Führer nicht in einer tm= faßlichcsi Vertrauensseligkeit auf die internationale Verbrüderung in der durch und durch deutschfeindlich gesinnten polni-cken Hauptstadt die eigenen Waffen und damit dm Sckutz der deutschen Garnison den Polen selbst in die Hand gedrückt hätten, wäre es nicht zu diesem furchtbaren Zusammenbruch gekammert. Und trotzdem haben sich noch am 11 November angesichts der verzweifelten Lage Mannschaften und Offiziere freiwillig fiu Truppenkörpern formiert, die mit der Waffe die deutfchen Stellungen in den Amtsgebäuden gegen die zu Tausenden anstürme»den Volkshaufen und die mit unfern Waffen geschmückten polnischen Natio- nalgarden zu verteidigen enffcklossen waren.
Es war keineswegs Ungenehm und gefahrlos, in diesen Tagen durch die Straßen nach, seinem Bürger- guartier zu gehen. Und unsere Verblüffung kann man sich vorstellen, als ich am 11. nach dem Mittagessen mit meinem Wohnungskameraden imfere Wohnung betrat, die bereits von 6 bis an die Zähne Bewaffneten Polen besetzt war. Diese durchsuckten unsere Wohnung bis in den kleinsten Winkel nach Waffen und erzwangen unsere eigene Entwaffnung, die sonst allerdings doch sehr bald auf den Befehl des Soldatenrates der eigenen Formation erfolgt wäre.
Kann man unter folcken Verhältnissen von einem einfachen Ausrettzen vor den Polen reden? Ich glaube dies zu beurteilen ist nur der in der Lage, der die War- fckauer Revolutionstage persönlich mite riebt hat. Kann ich doch auch die Tatsache verzeichnen, datz es Truppen- formationen gegeben hat, die allen polnischen Forderungen zum Trotz sich nicht hatten entwaffnen lassen und ihre Waffen wenigstens bis zmn Ueberschreiten der Grenze bebalten durften, wo sie allerdings auch ein» Beute der Polen wurden.
* Zum Vorsitzenden der deutschen Delegation tu Versailles ist Frhr._ v. Lersner ernannt worden.
* Zur Rückkehr der Kriegsgefangene» aus Frankreich hat die französische Militärbehörde in der Pfalz jeden Empfang und jede äußere Kundgebung untersagt.
Der Geßlerhul. Die „Badische Landeszeitung" in Mannheim berichtet, doß auf der Ludwigshafener Seite der Rheinbrücke die Franzosen seit Freitag eine Art von Geßlerhnt errichtet haben. Die Schutzleute wurden angewiesen, vor der französischen Fahne, wenn sie jeden Morgen aufgezogen wird, zu salutieren, und inzwischen wurde der Befehl dahin erweitert, daß auch alle Passanten die Fahne grüßen müssen.
Soldalrnkttndgebungen in Frankreich. Die „Hu rnanite" berichtet von Soldatenkunbgebungen, in Pariu und vielen anderen Städten Frankreichs. Von dem. Bericht hat jedoch die Zensur nur vier Zeilen stehen lassen, so daß nicht zu ersehen ist, aus welchem Grunde diese Kundgebungen stattfanden.
Gegen den Völkerbund Wilsons. Senator John sohn auS Kalifornien hielt in der Karnegie-Halle in Rewhork vor einer riesigen Menschenmenge eine Rede, in welcher er unter bröbnenbent Beifall den Völkerbund scharf vermteilte. Der Name Wilsons wurde aus gepfiffen. Johnson griff in seiner Rede auch England und Japan scharf an. Senator Reed sagte, der Völkerbund sei der größte Kriegstmst, der in Zukunft zahlreiche Kriege verursachen werde.
* Dir Entente gegen die deutschen Bolschewisten. Die Londoner Morning Pojrt meldet, daß mit Rücksicht auf die bolschewistische Propaganda aus Deutschland nach den Ententelänbern ein diplomatischer Schrittder Alliierten bei der deutschen Regierung bevorstehe. Die Alliierten würden, vor durchgreifenden Maßnahmen bei Fortdauer diese- Zustandes nicht zurückschrecken.
Deutsche Nationawersarrrmlirrrg.
Sitzung vom 7. Juli.
Das Haus setzt die Beratung der Verfasfungs- vorlage fort. Artikel 69 bestimmt: Tie Gesetzes- Vorlagen werden von der Reichsregierung oder aus der Mitte des Reichstages eingebracht. Die Unabhängigen Beantragen einen Zusatz; Der Retchswirtfcha ftS= rat beteiligt sich an der Gesetzgebung nach den Bestimmungen der Verfassung. Im übrigen wird die reichs- gesehliche Teilnahme der Arbeiterräte an der Gesetzgebung geregelt.
Regierungskommissar Dr. Preutz bittet, cs bei der Bestimmung zu belassen. Auf die Anregung der Unabhängigen könne man bet der Beratung des Artikels 169 zurückkommen.
Der Antrag wird abgelehnt.
Bei Artikel 73 und 74, in denen die Volksabstimmung geregelt wird, erklärte sich die Detrsscko Volkspartei gegen diese Abstimmung, die Deutsch-nationale Volksvartei erklärte dagegen, daß es auf Verla.-- gen des Volkes zu einer Volksabstimmung kommen kann. Die Sozialdemokraten wollen bte Volksabstimmung noch erleichtern, indem sie^die Aostzimmung aber.