Einzelbild herunterladen
 

M E-

nr. 15 L

IVerantw»rttlch für 6es re»a*ftoneUei feil; Kar:öJiutte. für 6tc Xn^ergex: ;V Serieller, Julius. Retotien»»rul.

ZreitCy 4 Juli 19$9, t

Verlag »et gelbeet Äctieabsucteewin Hulda. Preis tneaati. I 95 Pf». H»r»,pr. Rr. S. letSHr.-ldresie: Huldaer jetten». |

46. Zahrg.

Bauer und Noske an Hindenburg.

Generalfeldmarschall von Hindenbarg, der bereits Dor einiger Zeit um Genehmigung seines Rücktritt» bei Abschluß des Friedens gebeten hatte, hat gestern Aolberg verlassen. Gleichzeitig wurde auch die Oberste Heeresleitung aufgelöst.

Ministerpräsident Bauer hat an Generalfeld» «arschall von Hindenburg folgendes Telegramm gesandt:

3m Namen der Reichrreglerung sage ich Ihnen, gerr Gcneralseldmarschall, noch einmal unseren unab- anötrlidjen Tank für alle Dienste zum Besten der Later- Kinder. In Tagen der Not wurden Sie gerufen, in la­gen noch schlimmerer Nöte ich'.ietzen Sie Ihre Aufgabe gb. Wir, die wir im Zwang der Pflicht auf unserem Posten bleiben wüsten, werden immer ein großes D o r- dild in der Art sehen, wie Sie die Pflicht gegenüber dem Vaterlande höher gestellt haben als persönliche Gefühle «16 Anschauungen.

Reichswehrminister Noske hat an Generalfeldmar- fchall von Hindenburg ein Telegramm gerichtet, worin er ihm herzlichen und unauslöschbaren Dank des Va­terlandes für feine treu geleisteten Dienste ausspricht. Dann heißt es u. a.:

Wie Eie als rühm gekrönt er Feldherr UN- fere Heere in Feindesland geführt haben, wird unver- «nglich in der Geschichte fortleben. Besonders aber muß Deutschland Ihnen danken für die Mühe und Sorgfalt, mit der Sie in der letzten schweren Zeit die mili­tärischen Geschicke unseres Vaterlandes gelenkt haben. Sie haben damit den Grundstein gelegt, auf dem unser Volk in hoffentlich nicht allzulanger Zukunft sein neue, chaus bauen wird, und in dem unsere Kinder und Enkel mit Stolz und Freude leben können.

Ministerpräsident Bauer

über den Zwangsfrieden.

A«S New 9)orf wird gemeldet: Der bekannte amerikanische Zeitungskorrespondent Karl v. Wie- gandt hatte mit dem Ministerpräsidenten Bauer in Beilin eine Unterredung. Bauer erklärte, datz die Anerkennung der Schuld am Kriege von deutscher Seite abgegeben wurde, als dem deutschen Volke die Daumenschrauben angelegt wurden, und daß dies unterschrieben wurde, weil das deutsche Volk auf der Folterbank lag. ES stand in der Macht von Deutschlands Feinden, Deurschland mit der Pistole auf der Brust alles zu erpressen. Ein Fanatiker hätte befehlen können, daß man es tot­schießen lassen solle. Eine Regierung, die für 80 Millionen Menschen verantwortlich ist, kann diesen Mut aber nicht aufbringen."

Verlegung der WaffenstillstandskomMission.

Marschall Foch ließ der Keuschen Waffenstillstands- kommiffion in Spaa am 2. Juli mitteilen, der interalliierten Waffenstillstandskommission werde »1$ zulünftiger Standort Köln zugewiesen. Als Sitz für die deutsche WaffenstillsiandskomMiffion schlage er Düsseldorf vor.

Protest gegen die Ausschreitungen in Spaa»

Die deutsche Waffenstillstandskoinmission in Spaa rat gegen die empörenden Borfälle bei der Abkeise mehrerer Mitglieder der Delegation den Alliierten einen geharnischten Protest überreicht, in dem gesagt wird, daß nach den Vorfällen in Versailles ähnliche Verletzungen der wiederholt zugesicherten Immunität und persönlichen Sicherheit der Deutschen in Spaa unbedingt hätten verhindert werden müssen, und daß deshalb die beschleunigte Verlegung der Kommis­sion nach einer deutschen Stadt erbeten werden müsse.

Ja dem Befinden der bei der Abreise von Versailles durch einen Steinwurf am Kopfe ver» Wen Frau Dornblüht, der Sekretärin des Minitters Giesberts, ist eine solche Verschlimmerung ewgetreten, daß sie in eine Nerventlinik geschafft toerben mußte. Es wird wahrscheinlich siele Wochen dauern, ehe sie wieder hergestellt sein wird.

Das Berfahre» gegen den Kaiser.

Lord George teilt im Unterhaus mit, daß der Gerichtshof zur Aburteilung des Kaiers seinen vitz in London haben roir\ ES verlautet, daß die °n Holland zu richtende Auslieferungsnote von 22 oder 23 Mächten unterschrieben rei« wird.

Gerichtsverfahren wir» von einem Ausschuß geregelt, den die Alliierte« zur Durchführung, der oriedensbestimmungen errichten.

Ende des Eisenbahnerstreiks In Berlin.

Gestern fand wenigstens der eine Teil der großen ^erliner Derkehrsstreiks sein Ende: der Eisen» °ohnerstreik für Groß-Berlin ist bei- gelegt. Der Vorstand der Ortsgruppe Berlin des Deutschen Eisenbohnerverbandes erklärt hierzu:Da uns der Ansicht kerneswegs verschließen, daß der stenbahnerstrei. in diesem Augenblick schwere Schä- lgungen für die Allgemeinheit mit sich bringt, haben tm.c- utl9. entschlossen, umrie eigenen Interessen vor- to?*g hinter denen der Allgemeinheit zurückzuftellen. Mr haben daher unseren Mitgliedern empfohlen, die 7^kdeit in vollem Ausmaße roi e de r au f- »unehm en. Die Abstimmungen, die in einer gan- s^u Reihe von Leitieden staitgefiinden hoben, ergaben eni starke Majorität für den Abbruch des ivfes. Wir hoffen, daß die Behörden unseren Wünschen nach Aufbesserung Oer Löhne

.Möller unserer Mitglieder nach Möglichkeit Nachkommen werden.'

cntL Bößte Teil der Arbeiter und Beamten de« -stenbüynLi'.ekttrnrbezirk, Berlin ist daraufhin gestern ver. Arbeit.stc-tten erschienen. Der Eisenbahn-

Nkehr ist allgemein wieder ausge» k, mworden. Der Güterverkehr, der vor allen Ä zu den ernstesten Befürchtungen für die Le- biu.ttxl, und Kohlenversorauna der Berliner Be- f*SnvUn9 .-'eranlaffung gegeben batte, ist fast voll- d-n m toiei)tt hergestellt. Die Züge pach und von no-1! , Jottcn verkehren wieder, doch ist die Zugfolge

L~r. unregelmäßig. Der Ringbahnverkehr ruht Ton . , *g, da sich die Maschinen in schlechtem, zum .unbrauchbarem Zustande befinden.

x; ^r'""erung in der Wiederaufnahme des Befri»Derfe*3rs 'st' wie von zuständiger Stelle mit- n,nt auf den trostlosen Zustand der Goto- SO 5 äurückzuführen. Im Augenblick sind etwa Ty-y H- Zller dem Berliner Stadtverkehr zur Der« tri»s>«^ stehenden Maschinen mehr oder weniger be- ho^"^oh'g. Der Enind dieses außerordentlich

Reparaturstandes ist die Arbeitseinstellung in

den Betriebswerkstätten. Diese schwere Folge einer nur wenige Tage dauernden Arbeitspause zeigt, auf welchen schwachen Grundlagen unsere Eisenbahnwirt­schaft steht und wie unverantwortlich es ist, diese Grundlagen unseres wirffchaftlichen Lebens durch wilde Streiks noch wester zu erschüttern.

Der Straßenbahner st reik in Berlin geht Inzwischen weiter. Die Straßenbahnen und auch die Hoch- und die Untergrundbahn sowie die Omnibusse sind noch untätig. Der Verkehr nach den Bororten wird, wenn auch unregelmäßig, durchgeführt. Die Aussichten für die Beilegung des Straßenbahneraus­standes ist in ungewisse Ferne gerückt, nachdem einer­seits die Direktion in nicht mißzuverstehender Weise erklärt hat, daß sie zu weiteren Zugeständnissen nicht bereit ist, und andererseits die ausständigen Angestell­ten hartnäckig auf ihren Forderungen beharren.

Das Arbeitsministerium gibt in einer Erklärung bekannt, daß es abgelehnt habe, in den Berliner Derkehrsstrrik vermittelnd einzugreifen. Es erblicke in diesem einen unverantwortlichen Vertragsbruch. Allenthalben wacht sich in Ber­lin Unmut gegen die fortgesetzten Stö­rungen des Arbeitslebens geltend. Das Hilfspersonal des Magistrats, dessen Ausschuß gestern eine Protestresolution wegen der Verhaftung des Führers "der Bankbeamtenbewegung Emont über­reichte, erklärte, in keinerlei Proteststreik eintreten zu wollen. Es sprach dem Ausschuß die Befugnis ab, solche Kundgebungen ohne vorherige Befragung der Beamten zu erlassen.

Während ir Berlin der Eisenbahnerstreik zu Ende gegangen ist, hat leider das Streikfieber aa< den Direktionsbezirk Frankfurt übergegriffen. Einzelheiten lese man im lokalen Teile nach. Hoffentlich kehren die Streikenden bald wieder zur Ar­beit zurii?, zumal das Vorgehen sinnlos geworden ist. nachdem Berlin die Arbeit wieder ausgenommen bat. Unheil ist schon genug durch den Berliner Streik allein angerichtrt. Durch das Stocken der Güterzüge ist eine Masse von Dich, Kartoffeln und anderen Nahrungs- mitteln dem Verderben überliefert worden. Die Un« terbreckung der notwendigen Zufuhren bringt mit un­heimlicher Schnelligkeit die Jndustr'ebezirke an den Rand der Hungersnot. Auch der Vorrat an Kohlen ist alsbald erschöpft. Das macht die Lieferung an Triebkraft und Licht unmöglich. Wenn aber die Werkstätten feiern müssen, so können wir keine Waren für die Ausfuhr erzeugen, und wenn die Ausfuhr stockt, so hilft uns auch die Freigabe der Einfuhr nicht, ^roeil wir bann die ausländischen Lieferanten nicht be­zahlen können.

In kurzer Zeit wird die Einfuhr und Ausfi'hr Deutschlands durch die Aufhebung der Blockade von dem äußeren Hindernis befreit fein. Aber was hilft uns die Bewegungsfreiheit an der Grenze, wenn durch die inneren Hindernffe auf unserem eigenen Boden der Verkehr gelähmt ist? Die Streiks und die Verkehrsstörungen machen den Vorteil zu Nichte, den wir von der Aufhebung der feindlichen Sperre haben könnten.

Will das deutsche Volk über sich selber die Blockade verhängen?

Wir haben uns allzumal darüber entrüstet, daß die Gegner die Blockade als Kriegsmittel benutzten und sogar während des Waffenstillstandes und während der Friedensverhandlungen noch bestehen ließen. Mik Recht entrüstet, denn die Blockade bedeutete das Hin- morden von Kindern, Filmen, Kranken und Greifen, von Millionen wehrloser Deutscher. Aber wie ent­setzlich ist es erst, wenn deutsche Volksgenossen ihre eigenen Landsleute der Hunger­blockade ausliefern, um durch diesen Angriff euf Gesundheit und Leben der Mitbürger für sich ei­nen Vorteil zu erpressen!

Run versichern ja einige Streikführer, sie wollten durchaus nicht die Versorgung mit den notwendigen Lebensmitteln stören. Es kommt aber nicht auf die angeblichen Absichten an. sondern auf die At'ächliche Wirkung des Streiks. Die Versorgung wird ge- s!?n, die Teuerung wird verschärft, die Unterernäh­rung und die Sterblichkeit werden gesteigert, wenn es io fortgeht. Im übrigen liegen zahlreiche Tleuße- rungen von Agitatoren vor, die mit zynischer Offenher­zigkeit bekunden, daß es gerade herauf abge­sehen ist, bie Zufuhren von Lebensrnitteln und Koh­len zu behindern, damit das E l e n d w a ch f e und aus der Unzufriedenheit sich die Revolution ent­wickele.

Diele Drahtzieher wollön vorsätzlich und mit raf­finierter Uebenegung das deutsche Volk zur Selbstzer- slfischung bringen. Sie sind noch grausamer gegen­über den eigenen Mitbürgern, als die Feinde während de? FcKzvges gegen die fremden Völker. Und mit Entsetzen muß man sehen, daß Tausende von deutschen Dolksgenoffen hinter diesen modernen Rat­tenfängern herlaufen und sich zu Streik« und Tumul­ten verführen laflen. Den Teufel lpürt das Völkchen nie und wenn er ffe am Äragen hätte!

Di: Erlösung von der äußeren Blockade kann uns nicht aushellen, wenn nicht mit der inneren Blockade aufgeräumt wird. Die vernünftigen und ehrlichen Ele­mente müssen doch endlich erkennen, daß sie mißbraucht werden von Frevlem, die auf das Verderben des gan­zen Volkes hinarbeiten.

Der Streik-Selbstmord der Arbeiter.

Ank Sachlm wird mitgeteilt, daß infolge des Streiks der Eisenbahner verschiedene Gasanstalten aus Mangel an Kohle unmittelbar vor der Be* triebseinitelluna sieben. In Meißen werden Tau­sende von Arbeitern noch in dieser Woche brotlos, wenn nicht die für die Fabriken noitoenhige Kohle einaeht. Die Erregung der arbeitenden Bevölkerung über den Streik ist allgemein.

Unruhen.

Bei den Unruhen -n Bielefel handelt eS sich, wie sich immer mehr herausslellt, um einen von auswärtigen Kommunisten wohlvo bereiteten Plan. Die verhafteten Rädelsfübrer sind fast ausschließlich Auswärtige, in der Hauptfache von Hamburg gekommene Matrosen. Es war geplant, alle Fabriken zum Stillstand zu bringen, falls die Reaie- rungStriiPpen nicht zurückgezogen würden. Die Vertrauensleute der Arbeiterschaft bringen ober darauf, daß die Truppen solange bleiben, bis die

Entwaffnung der Elemente durchgeführt ist, die sich unrechtmäßig in den Besitz von Waffen und Muniiion gefitzt haben. In der Nähe des Rat- Hauses wurde em lO.ähriger Bursche erschossen, der sich weigerte, den Platz zu verlasse», und einen Sol­daten mit Erstechen bedrohte.

In Hörde bei Dortmund stürmte die Menge auf dem Wochenmarkt die Stände der Händler und stahl und zerstörte die Waren. Tann zog die Menge durch die Stadt, w» sie in mehrere Geschäfte eindrang und die Waren zu Gchleuderpreisen ver­kaufte. Vor dem Rarhaus hielt ein Kommunisten­führer eine An prache. Zu ähnlichen Zwischen- fällen kam e8 auch in Dortmund selbst, wo es mehrere Schwerverwundete, anscheinend auch Tote gab. In Osnabrück wurde bei einem nächtlichen Ueberfall auf die Klosterkaserne die Wache über­wältigt und etwa 40000 Mark geraubt.

Im Prozeß wegen Ermordung des Oberstleutnant »on Klüber, der am 2. März in Halle nach dem Ein. rücken der Regierungstruppen während der Unruhen von einer Menschenmenge in den Fluß gestoßen und durch Schüsse schwer verletzt unterging, wurde dos Urteil nach lOtägiger Verhandlung von dem Lchwur- geracht Halle gefällt. Von den 11 Angeklagten wurde der Militärinvalide Otto Bauer wegen Mordes zum Tode verurteilt. Wegen Beihilfe zum Morde erhielten ter Schauspieler Hcinr. Gierhold 13 K Jahre Zuchthaus, der Handlungsgehilfe Rudolf Richter 12 Ja^re und der Geschirrführer Kurt Kyritz 10 Jahre Zuchthaus. Wegen Totschlags erhielt der Mechaniker Erich Fiedler 9 Jahre Zuchthaus. Die Uebrigen An­geklagten erhielten Zuchthaus und Gefängnisstrafen.

* Eine deutsche Kommission »ach Japan. Ge­mäß den Bestimmungen des Friedensvertrages wiid voraussichtlich in nächste^ Zeit seitens des Reichs- morineamts eine Kommission »ach Japan entsandt werden, um die dortigen Kriegsgefangenen zu über­nehmen und beimzubefördern. 'Die Kommission wird briefliche Mitteilungen an die Gefangenen und Internierten mitnehmen. Solche Briefe find bis tum 5. Juli an: ReichSmarineamt, Japankommission, Berlin W. 10, Königin Augusta Straße 38'42, zu üher'enden.

* Skandale bei der Abfahrt Wilsons. Hollän- d'fibe wie italienische Blätter berichten überein­stimmend, daß es bet der Abfahrt Wilsons in Brest zu schweren Kämpfen zwischen' Franzosen und Amerikanern gekommen fei. Französische Seeleute du'chzoqen zusammen mit Sozialisten unter Absingen der Internationale die Stadt: wobei die amerikanische Heeretpolizei. angegriffen wurde. Es gab viele Ver- tPitnbete. Die amerikanischenMilitärmissionen wurden; von der Menge mit Steinen beworfen. Die Ameri­kaner wurden in ihren Hotels uns Kasernen förm­lich belagert.

T»eKultur-Nation". Die.Frankfurter Ztg." entnimmt der Zuschrift einer angesehenen Persön­lichkeit, daß in Neustadt (Pfalz) der Fabrikant Philipp Helfferich, ein Bruder des ehemaligen StacttS- sekretäis, von einem französischen Offizier durch Faustschläge mißhandelt, in /Zweibrücken der frühere deutsche Fliegeroffizier Schaaf auf Anstiftung eines französischen Majors von ungefähr 10 fran­zösischen Unteroffizieren mit Peitschenhieben aufr schwerste mißhandelt und ein Rechtsanwalt von französischen Soldaten ohne jeden Anlaß derart ver- Prügelt worden fei, daß ihm der linke Arm brach. Außerdem wurden weitere brutale Akte, wie Schän­dung von Denkmälern, aus verschiedenen Städten der Pfalz gemeldet.

Die Erzbergerhetze.

Wir stecken tief im Unglück. Wenn man die deutsch-nationalen und demokratischen Blätter lieft, ist man aber bald im Klaren darüber, wer an unserem Unglück schuld ist. Das ist der Minister Erzbrrger. Er, nur er allein, hat den ganzen Jammer und das ganze Elend auf dem Gewissen.

Die Anklagen und Vorwürfe gegen ihn sind ohne Zahl und, muß man hinzufügen, auch ohne Wahl. Ob sie begründet sind ober nicht, das macht ihren Ur­hebern keine Qual. Täglich gibts eine neue Lüge, eine neue Dummheti, eine neue Lächerlichkeit. Als Vater ber Friedensrefolution des Reichstags soll E. das bsutfche Volk batan gehindert haben, durchzu­halten. Sicherlich wären aber seine Gegner von da­mals heute froh, wenn sie denErzbergersrieben" hät­ten erleben können. War e» ein Verbrechen, im Som­mer 1917 klar zu sehen, was die Unverbesserlichen erst jetzt allmählich begreifen, bah ber Krieg nicht mehr zu gewinnen war?

Aber Erzberger trägt, behaupten seine Kritiker, burch sein Eintreten für den Derstandigungsfrieben bie Schuld bafür, daß Deutschland schließlich moralisch zusammenbrach. Wer bas sagt, verkennt bie Kräfte, bie im beutschen Volke leiber mit ber langen Dauer des Krieges immer mehr bie Oberhand gewannen. Für Erzberger waren die Vorgänge in den Mafien des deutschen Volkes, sowie innerhalb der Völker unse­rer Verbündeten, bie er weit besser kannte, als bie Leute, die ihm so spinnefeind sind, ein Symptom da­für, daß Deutschland abwickeln mußte und er zog al» Politiker, der mit den gegebenen Verhältnissen rech­nete, seine Folgerungen daraus. Seine skrupellosen Feinde aber gehen hin und beschuldigen ihn, er habe diese Stimmungen und Erscheinungen erst verursacht! Eine besondere Art von Dummheit in der Beurtei­lung der Dinge und noch dieselbe Blindheit, die die­selben Leute auch im Krieg zeigten. Behaupteten doch selbst Reichstagsabgeordnete, bie es wissen konnten, noch nach bet deutschen Bitte um Waffenstillstand, bid; Bitte sei von ber Reichstagsmehrheit, Prinz Max, Erzberger, Skbeibemann usw. ausgegangen, obwohl aktenmäßig feststeht, daß jene Ditte auf direkte Ver- anlaffung ber Obersten Heeresleitung ausgesprochen wurde und bie Führer ber Mehrheit ohne bas Drän­gen der Heeresleitung anders vorgegangen wären. Ein leidlicher Frieden wäre damals vielleicht noch zu erreichen gewesen, wenn nicht bie Revolution ge kommen wäre, bie Deutschland völlig entwaffnete. Sie zwang Deutschland auch, bie schweren 33 aff en« still st anbsbebingungen anzunehmen.

Erzbergers Gegner wissen es bester. Da ist kein Artikel bes Waffenstillstandsvertrages in feinen ver­schiedenen Grneuerungeformen, der nicht zu wilden -Angriffen gegen ihn Anlaß geboten hätte. Warum tarnen hie Kriegsgefangenen nicht zurück?

Wir konnten die Entente, bie mißtrauisch eine Wieder­aufnahme bes Krieges von unserer Seite befürchtete, unb wir konnten namentlich Frankreich, bas billige Arbeitskräfte brauchte, trotz ber Bestimmungen unb Trabitionen bes Völkerrechts zur Auslieferung unserer (Befangenen währenb bes Waffenstillstandes nicht zwingen. Aber unermüdlich unb zähe gekämpft haben wir für jebe Maßregel, welche eine Linderung des Loses unserer unglücklichen Brüder in Feindesland er­möglichen konnte. Aehnlich läßt sich auf all bie zahl­reichen Angriffe während der Waffenstillstanbroer- handlungen mit ber Gegenfrage antworten: Warum wollt ihr blinb fein gegenüber den Tatsachen? Wäre» in Polen nicht 16000 beutsche Soldaten unb Tau­sende von deutschen Offizieren vor 800 übermütigen Polen ausgerissen, bann hätten wir nicht schon im Winter 1919 eine polnische Militärmacht in der Pro­vinz Posen aufgerichtet gefeiten, unb die Entente hätte nicht eine militärische Demarkationslinie mitten durch deutsches Staatsgebiet hindurch al» Bedingung für die Verlängerung bes Waffenstillstandes verlangt. Habt ihr bie Wirkung ber Hungerblockade ver- spürt ober nicht? Wart ihr in der Lage, im Jahre 1919 noch beliebig weiter zu hungern? Oder wart ihr damit einverstanden, daß bie Entente auf deutschen Schiffen während des Waffenstillstandes ßebensmittel nach Deutschland brachte? Sollte Erzberger etwa das Anerbieten der Entente, bie beutsche Hanbels- flotte zur Belieferung Deutschlands mit Lebensmit­teln zu verwenden, nachdem ber U-Dooikrieg ben

HandelsMsraum zum großen Teil ver­nichtet hatte, glatt ablehnen unb bie Feindseligkeiten wieder aufleben lasten? Hätte er bas getan, so wäre er rcbe» ben onberen ihm zuerkannten Beinamen um b:n de»Hungerministers" reicher geworden, unb Deutschlanb hätte erst richtig erfahren, was Hunger- reoelten bedeuten

Unb rote lange hätte Deutschlanb bte Wiederauf­nahme der Feindseligkeiten ausgehalten? Jedermann muß zugeben, daß bewaffneter Widerstand ein ver­brechen gegen die Zukunft unseres Volke« gewesen wäre. Aus diesem Grunde lauteten bie 3 n ft r u k- tionen bei deutschen Regierung vor bei )ewei= ligen Erneuerung des Waffenstillstandes mit vollem Recht: Eine Wiederaufnahme der Feindseligkeiten muß unter allen Umständen vermieden werden."

Hatte man einmal diese Ueberzeugung gewonnen, so galt es, ohne Rücksicht aus billige Tageserfolge Len Weg bis zum bitteren Ende zu durchschreiten. Mochte man versuchen, so weit es ging, wirtschaftliche Be st'mmungen au« dem Waffenstillstandsoertrage zu entfernen viel konnte auf diesem Gebiet leiber nicht erreicht werben, aber immerhin doch einiges. So ge-

1 lang e«, bie Lieferung landwirtschaftlicher Maschinen (bie übrigens, ganz im Gegenteil zu bem, was zu­erst angenommen wurde, erträglich war) nach Zahl, Art und Prinzip beschränken, und burch ben Hinweis auf bie nationale Empörung des Ostens ben Durchzug ber polnischen Truppen anstatt durch Danzig auf den. Landweg quer durch Deu'schlanb beschränken.

Daß auch der Friedensvertrag mit fehren maßlosen Härten uns nur durch Erzberger eingebrockt ist, darüber sind sich seine Kritiker natürlich klar, und ihre Empörung kam in bet jüngst von ihnen verbrei­teten Fabel zum Ausdruck, Erzberger habe statt ben burch ihn verschuldeten Friedensvertrag zu unterzeich­nen, sich zur Erholung nach der Schweiz zuruckgq»- gen, unb sich wieher einmal ber Verantwortung ent­zogen. Die Behauptung von der Sommerfrische in ber Schweiz ist, wie bekannt, erlogen. Erlogen, außer­dem auch bumm ist bie Behauptung, Erzberger habe sich wieder einmal der Verantwortung entzogen, da jedermann weiß, baß Erzberger ein veranttv,etliches Reichsamt als Finanzminister übernommen unb da­mit ben heute io seltenen Mut gezeigt hat, für feine bisher betriebene Politik auch bie Verantwortung zu übernehmen. Im Gegensatz dazu hört man. daß 'n dem wilden Geschehen der letzten Wochen die Droge einmal so standen, daß die Deustchnationalen und die Deutsche Vvlkspartei samt der zum Unterschreiben nicht geneigten Demokratie vor der Frage standen, ob sie die Verantwortung für dar Nichtunterschreiben des Friebensvertrages übernehmen wollten. Sie habe» diese Verantwortung entsetzt abgeletznt und waren innerlich sroh, daß sich andere fanden, d'« bie Verantwortung für bas Unterschreiben übernah­men.

Währenb bie Gegner Erzbergers lügen, et sei in bie Sommerfrische in bie Schweiz geflohen, um sich der Verantwortung zu entziehen, sitzt Erzberger m Berlin unb macht bie für ben weiteren Bestand des deutschen Reichs so notwendigen Steuervorla-f gen. Und bie Herren vom großen Kapital u.ib von der Schwerindustrie, die im Krieg unb am Krieg so ungeheuer verdient haben, ahnen c'en etwas. wa<t ihnen große Beschwerden mackt. Auch in einer Zu­schrift unseres Parteisekretärs C. Müller (Ma. bürg) an uns, die sich mit ben Anschuldigungen gegen Erz- berget beschäftigt, wirb auf diesen Hintergrund der Erzbergerhetze hingewiesen. Herr Müller schreibt:

Wer Gelegenheit gehabt hat, bte Meinung deutsch-de­mokratischer Großfincmzleute über die Frnanzpläne (Fvberfjer kennen zu lernen, toirb deren Befürchtung über die durchgreifende, gerade die Hochfinanz niat verschcncnde Reformpolitik Erzbergers wohl »erjteHen. Von Schiffer unb Dernburg scheinen sie wegen der Beschleunigung ber Vermögensabgabe wenig befürchtet zu haben. Daher die maßlosen Angriffe gegen kr,- berger, bie natürlich unter anderem Deckmantel »egen ihn unternommen werden. Man mag sonst zu Erzber­ger stehen tote man toill, jedenfalls fall man die Äbten- kungsmanöper der Deutsch-Demokraten nach ihren wah- w-n Beweggründen würdigen unb dagegen Frant machen

Sicherlich spielen solche Gründe bei manchem Geg­ner Erzberger» mit. Ihr Zorn kommt «u» bem Gelbbeutel. Sie wissen, Erzberger wirb fest zu- greifen und da wird ihnen recht unbehaglich zu Mute.

Man braucht nicht der Meinung zu fein, daß die Politik, die Erzberget verfolgt hat unb verfolgt, unter allen Umständen die einzig richtige war. Aber wo war unb ist der Mann, der eine b es s e r e zu treiben wußte unb auch ben Mut dazu hatte, sich burchzusetzrn? Wir haben ihn nirgend» gesehen. Man kann aber mit gutem (Srunb annehmen, baß wenn bie Kritiker Erz- bergers statt seiner bie Sage beherrscht hätten, Deutfch- I«nb heute in einem Chaos steckte unb rsir wieher mitten im Krieg wären, in einem völlig aussichtslosen Krieg, ber Deutschlanb ganz unb gar auseinanber- geschlan-a unb feine BeDöltwiw« »«m größten Eleni