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Baldige Ratifizierung des Frieden-,

Nur an 22 Tagen von 140 kein Streik.

brutalen Friedensbedingungen in

Tonnen Kohle und der lionen Mark belaufen, die im Jahre 1913 190

grüße uno Wün sche in überreichlicher Zahl zuge­gangen. Die freundliche Gesinnung, die darin zchn «»«druck gebracht ist, hat mich tief dewegt und wird mich al« ein Lichtblick in die Zukunft begleiten. . Ich kann lerder nicht jedem einzelnen pe.söntlch antworten, danke aber hiermit allen von Herzen, v. Hindenburg.

Hindenburgs Dank.

*tb Solberg, 1. Juli. Eeneralfeldmarschall von «Mdenbuig erläßt folgende Tankerkundgebung:

«nlätzlich meine« Rücktritt« vom Kommando and mir au« allen Teilen Deutschland» Abschied»«

Preußische Landesversammlung.

Sitzung vom 1. Juli 1919.

Nach Erledigung kleiner Vorlagen wird die Besprechung des Iusiizelals fortgesetzt.

Justizminifter Am Zchnboss: Die Beamtenausschüsse sollen das Einvernehmen zwischen den Behörden und den einzelnen Beamten stärken. Sie sollen nicht nur auf dem 'tepür siebe» sondern es soll alles geschehen, damit sie in dem beabsichtigten Sinne wirken, liebet die Erfah­rungen mit den Ausschüssen werde ich Bericht von den Oberlandesgerichtspräsidenten einfordern.

Abg. Deerberg CDnat): Erfreulicherweise haben unsere Richter trotz der Not der Zeit in keinem Augenblick ver­sagt. Klassenjustiz gibt es in Preußen und Deutschland nicht. «'Deshalb beorüßen wir es, daß die Nationalver­sammlung die Unabsetzbarkeit und Unabhängigkeit unserer Richter aufs neue bestätigt hat.

Abg. Stendel (D. 93p.): Unserer Justiz ist die große Zahl der Sondergerichte höchst abträglich. Die Justizreform wird sie hoffentlich einschränken, vor allem aber die gro­ßen Schöffengerichte an die Stelle der Strafkammern setzen. Zum Schöffen- und Geschworenendienst könnten auch Frauen hinzugezogen werden. Aber es fragt sich, ob die Frauenwelt geneigt ist, sich diesem Dienst zu unter­ziehen.

Mittwoch: Wetterberatung.

Deutsche Nationalversammlung.

Sitzung vom 1. Juli 1919.

Auf der Tagesordnung standen zunächst kleine An- fragen, liebet die Verwendung von Reichsgeldern für Parteizwecke fragt Abg. Mumm (Dnat.). Ein Regie­rungskommissar antwortet, daß der Werbedienst vor eini- gen Wochen endgülffg eingestellt worden ist. lieber die Vorgänge in Frankfurt a. M., bei denen der Führer der Ayesha", Kapitänleutnant v. Mücke, schwer mißhandelt und mit Gewalt aus der Stadt entfernt worden war, ist, wie die Regierung auf eine Anfrage erklären läßt, das amtliche Material noch nicht eingelaufen.

Das Haus ging dann zur Beratung des Gesetzentwurfs über die Schaffung von landwirtschaftlichem Siedlungsland über.

Abg. Blum (Ztr.): Statt von einer Landffucht, wie sie seit den 70er Jahren stch entwickelt hatte, kann man heute beinahe von einer S t a ü t f l u ch t sprechen, und das ist im Jntereffe der Gesundung unseres Volkes nach der volkswirtschaftlichen wie nach der ethischen Seite hin sehr erfreulich. Immerhin wird man nicht annehmen dürfen, daß sich nun die Umwandlung Deutschlands aus einem Industriestaat in einen Agrarstaat in einem raschen Tempo vollziehen wird. Man wird auch hier Geduld haben müßen. Die Frage, ob der Großbesitz oder der Kleinbesttz vorzuziehen sei, ist dahin zu beantworten, daß volkswirtschaftlich eine gesunde Mischung beider das Rich- tige und Zweckmäßige ist. In jedem Falle wird man sagen müßen, daß für die Siedelungstätigkeit zunächst die Schaffung von Bauerngütern mittlerer Größe das Ziel sein muß. Denn diese sind am besten in der

. Tie Besatzung Hamburgs.

Der Einzug der Reg.ierungstruppen in Hamburg fand von fünf Seiten aus gestern gegen 4 Uhr morgens statt. Bis auf die Explosion einer Mine in Eppendorf, durch die aber glücklicherweise niemand verletzt wurde, vollzog sich der Einmarsch ohne Zwischenfall. Hauptbahnhof und Rathaus, so­wie alle anderen öffentlichen Gebäude wurden be­seht.' Der Rathausmarkt ist mit Stacheldraht ab- gesperrt. Motorzüge und Panzeraütos. stehen zur Verwendung für gefährdete Punkte bereit. An den abgesperrten Stellen sieht man Plakate mit den Auf­schriften: Gesperrt! Halt! Wer weitergeht, wird er­schossen! Nicht stehen bleiben! Es wird scharf geschos­sen! Hamburg bietet das Bild eines Feldlagers. Das zur Arbeit eilende Publikum ertrug die Sperre mit gutem Humor, denn es fühlt sich unter dem Schutz des Militärs sicher und zieht Vergleiche mit den Tagen, an denen der Aufruhr in Hamburg tobte und Handel und Wandel gänzlich darnieder liegen mußten.

werde sich infolge der brutalen Friedensbedingungen in Zukunft nur noch auf 91 Millionen Tonnen belaufen, denn 69 Millionen Tonnen gingen allein durch Abtre­tung deutschen Landes verloren, und ferner müßten 43,3 Millionen Tonnen auf Grund der Friedensbedingungen an die Entente geliefert werden. Während der industrielle und gewerbliche Bedarf vor dem Kriege 63 Millionen Tonnen betragen habe, würden hierfür in der Folge nicht mehr als 10' Millionen Tonnen zur Verfügung stehen. Die Folgen lägen auf der Hand. Millionen und Aber- Millionen Frauen und Männer müßten von Deutschland ins Ausland abgestoßen werden, denn es fehle jede Mög­lichkeit, sie auf deutschem Boden zu ernähren. Wir ständen am Grabe unserer Wirtschaft.

In der Hauptversammlung des Bergbauvereins wies der Geschäftsführer auf die fürchterliche Lage im Ruhr- kohlengebiet hin. In der Zeit vom November bis zum 30. April fei nur an 2 2 Tagen nicht gestreikt worden. Der Förderausfall habe sich auf 3,3 Millionen ' Ausfall an Löhnen auf 96 Mil- Dte Förderung an Steinkohle, Millionen Tonnen betragen habe,

Lage, sich den wechselnden Bedingungen der Erzeugung und des Absatzes, mit denen wir gerade für die nächste Zukunft rechnen müssen, anzupaßen. Namentlrch Den Städten, besonders denen, die sich m den letzten Jahren große Reserven von Grundeigentum zugelegt Haden, bietet sich ein weites Feld ersprießlicher Tätigkeit. Die S'ede- lunqstätigfeit wird vor allen Dingen auch die Ausgabe haben, bie Sanbarbeiterfrage lösen zu helfen. Das ist umso notroenbiger, als wir für die nächsten Jahrzehnte auf den Zuzug ausländischer Saisonarbeiter nicht mehr rechnen können. Unter bürokratischer Verwaltung darf das Siedelungswesen nicht erstarren. D,e Siedelung ist eine volkswirtschaftliche Tat von Bedeutung für das Land- leben. Sie wird Helsen, uns über die schwere Zen zu glücklicheren Zeiten zu bringen. (Beifall.)

Abg. Schmidthaler (Dem.): In der LanbwrrffckM müssen weniger Großbetriebe und mehr Kleinbetriebe geschaffen werben. Wenn wir die brettert Steifen bei ArboiterbebAkernng nicht wieder auf das Land hm- ausbringen, so müßen sie auswandern. 3» bett ©tei­len bie über bie Enteignung zur Landbefchaffnng zu entscheiden haben, wünschen wir dte Hinzuziehung praktischer Landwirte. , ._.

Abg. Löbe (Soz.) begrüßt das Gesetz, Werl es ein den Kriegsteilnehmern gegebenes Versprechen emlosi. Wir werden das Gesetz mit seinen sämtlichen Anträgen annebmen. , ..

Abg. RS ficke (D-Ntl.) erklärt, letder gehe ein gro­ßer Teil des durch Siedlung im Osten Erreichten ver- loten. Umso notwendiger fei die Vermehrung des Siedlungslandes. Deutschland müße wieder mehr Agrarstaat werden. __,

Regierungskomm. für das Wohnungswesen Tcheldt., Die Schwierigkeiten, die sich dem Gesetz entgegenitel- len, besiehen in der Hauptsache in bem Stengel art Baustoffen. Von 80 000 Ziegeleien haben zeitweise über 70 000 stillgelegen. Gegenwärtig liegen noch 16 500 still, und amsi diese sind nur zum Teil rm Stande, täte Wirtschaftsmöglichkeiten auszunutzen Em brauchbarer Ersatzstoff ist der Lehm Wm haben Versuche gemacht und hatten ein verhältnismäßig gun- . sifaes Eraebnis, teilweise ein .reckst befriedigendes. Auch die" Baukosten ermäßigten 'sich. Dse grogte Schwierigkeit liegt vielleicht in.der Baukostenvocheue. rung. Tas Reich hat 5 00 Millionen für Woh­nungsbauten zur Verfügung gestellt. Aus die Frage, ob diese misreickien werden, kann iS..nur sagen: sie werden es befisinnst nicht tun. (Hort, bart!) Ich konnte die .Beobachtung machen, daß die bisher etnge- oangenrn Anträge auf Zuschüße fast ausschließlich aus den Städten stammen, aus dem La n d e ab e r f a ft kerne. DaS ist eine große Gefahr Tut ne An­siedlung: Nachher wird für ^das Land nichts mebr übrig sein, und wenn die 500 Millionen verbraucht sind vermag nickst ein-usehen, tote dann verfahr-n toerben soll! Ich möchte.daher warnen, daß dte Land- . hurte, wie es heute vielfach der Fall ist, mit ihren Bauten twirten, bis wieder Ziegel zur Verfügung stehen. Angesichts der Schwierigkeiten. Mit denen tott zu kämpfen haben, werden sich die weitgech-nden Er­wartungen, die im Bezug auf,Ite Schafsuitg nerrer An. siedlungesi vielfach an dieses Gesetz geknüpft werden. fa(D.-Ntl.): Man sollte bet der ErriH- hitta neuer' Siedlungen möglichst die Krtegsbeschaltg-. ten und die aus ihren Gebieten Vertriebenen be- denken. Wenn wir trotz einiger Bedenken dem Gesetz zustimmen, so tun wir es, weil wir hoffen, daß bannt praktische Arbeit geleistet und vor allen.. Dtngoti auch die Kluft zwilchen Stadt und Land überbrückt wird. (Beifall rechts.) , ...

Mm Wurm (11. S.)< lehnt das Gesetz ab, da er sich von ihm keine praksische Arbeit verspricht.

Nach einigen Erklärungen des ReMerungskomnns- sars Gering führt , ,rL . ,

Abg. Dr. Heim (Z.) aus: Das Gesetz ist etn her- borragend konservatives Gesetz, ausgegangen von der heutigen Regierung. Sie wird noch häufiger laiche konservative Politik machen müßen! Tie Schafftt»tg kleiner Existenzen ist ein konservativer Gedanke. Er läßt sich nur gen ossenschaftlich verwirklichen. (Zuruf des Wg. Haase: Tas wollen totr ig!) Sie wollen s oz ial isi >1r e n, aber zwischen Sozzalnte- nntfl und Genosienschaft, Herr Haase, ist ein Unter- schied wie zwischen einem Löwen und einem Hasen l lMinutvnlange stürmische Heiterkeit.) Die Sozia- lis-erung würde die deutsche Produk- tion erschweren. (Sehr richtig!) Solange totr Industriestädte haben, würde das Betschwinden deß Gnoßgrundb-sitzes ein Unhxil sein. (Sehr richtig!) Wir stehen vor einer Agrarkrisis und diese wird ttt erster Linie den mittleren und großen Grundbesitz treffen soweit er Getreidebau betreibt. Wir sieben vor der Gefahr des Uebergainges der intensiven Mr ertenfiben Wirtschaft und damit vor dem Rückgang der Körnererzeumimg. Ohne Zweifel werden toir nicht wieder das Industrieland von ehemals, sondern mu,-. sen uns darauf einstellen, daß wir mehr Agrarlaind werden. Das Hauptproblem, vor dem wir stehen, liegt in der Frage: Wie machen wir aus der Stadtbevöl. le rung Landbevölkerung. Gegenwärtig kann man einen Zustrom von Arbeitskräften aus der Stadt nach dem Lande nicht konstafteren. (Widerspruch.) Am besten lösen wir das Problem, wenn wir tie, Jugend noch im schulvftichtigen Alter attfs Land bringen. Es muß uns Gelingen, in höherem Grade als bisher wert­volle Memschen zu schaffen! (Lebhafter Beifall.)

Die einzelnen Paragraphen werden mit einigen Wanderungen nach unerheblicher Debatte angenom­men, ebenfo mehrere vom Ausschuß beantragte Ent­schließungen. Die dritte Lesung wird vertagt.

Mittwoch: Interpellationen; zweite Lesung des Verfaßungsentwurfes.

dem btre-

Die Entente hat-sich bereit erklärt, die Blockade fo- «ort nach der Ratifizierung (Inkraftsetzung) des Frie- pensoertrages seitens Deutschlands aufzuheben, ohne auf die Ratifizierung des Vertrages durch die anderen Mächte zu warten. Die Reichsregierung beschäftigte ach deshalb, wie eine Korrespondenz meldet, mit dem Gedanken, den Friedensvertrag sobald als möglich durch die Nationalversammlung annehmen zu lassen, damit die Ratifizierung des Vertrages seitens der deutschen Regierung bald erfolgen tonn. No' preußischen Recht muß vorher, da es sich um tung preußischer Gebiete handelt, auch dte Zustimmung der preußischen Landesversammlung eingeholt werden. Die Annahme des Vertrages durch die beiden Parla-

kaum eine Möglichkeit mehr besteht, den Dinest fortzu- führen. Die Ausständigen haben starke Streikposten vor den Betrieben, aufgestellt und verhindern tie Ar­beitswilligen am Betreten der Schuppen. Sie ma­chen eiftigst Propaganda, um auch bie Lokomotivführer in den Streik hineinzuzieW.i. Der Güterverkehr konnte gestern noch aufrocht erhalten werden, jedoch nur in beschränktem Umfang. Das muß natürlich zu dm empfindlichsten Störungen des Wirtschaftslebens führen und die Versorgung Berlins mit Lebens- mittel« katastrophal zusammenbrechen lassen. Die Züge nach Breslau fahren nur bis Sommerfeld, da Breslau den Verkehr noch nicht tonet et aufgenommen hat. Wie auf dem Bahnhof Lichtenberg, so sind auch auf dem Bahnhof Pankow Biehtransporte durch den Streik, in einen Zustand geraten, daß die Tiere kurz vor dem Eingehen toaren. Die Streiken­den haben die Trete einfach ihrem Schicksal überlassen. Truppen der Gardekavalletieschützendivision haben hier euigcgriffcn.

(Eine Bekanntmachung der Regierung.

Der Minister der öffentlichen Arbeiten erläßt eine Bekanntmachung, welche auf die Herabsetzung der Le­bensmittelpreise durch die Regierung und die Demo­kratisierung der Eisenbahnverwaltung hinweist und hervorhebt, daß sämtliche Eisenbahnorgani- sationen ausdrücklich erklärt haben, daß sie den gegenwärtigen Streik nicht billigen. Trotz­dem werde der Streik, fortgesetzt. Abgesehen davon, daß die Arbeiter große' Lohnausfälle erleiden und die streikenden Beamten kraft des Gesetzes, ihres Dienst­einkommens für die Tage der Arbeitseinstellung ver­lustig gehen, feien die Folgen für die Allgemeinheit unübersehbar. Wertvolle Lebensmittel mußten zu­grunde gehen; das Vieh muß unterwegs verhungern und die Fischsendungen verderben. Es werde nicht nur die Ernährung der Millionen-Großstadt Berlin, sondern auch der gesamte Volkskörper aufs schwerste bedroht. Die Aufnahme des Betriebes müße deshalb mit den äußersten Mitteln durchgefetzt werden.

Die Arbeiter, die nicht bis spätestens den 3. Juli den Dienst wieder aufnehmen, feien ent­lass en. Ebenso erhielten Beamte, die nicht bis zum 3. Juli den Dienst wieder aufnehmen, ihre Ent­lastung nach den disziplinarischen Bestimmungen. Für Sicherung der Arbeitsfreiheit sei Sorge - getragen.

Sein Dankbeamlenskreik.

Don der Staatsanwaltschaft wird mitgeteilt, daß die Verhaftung des Geschäftsführers des Allgemeinen Verbandes der deutschen Bankbeamten Karl E m o n t s mit feiner Tätigkeit in der Bankbeamtenbewegung nicht das geringste zu tun hat. Die Gründe dafür lie­gen auf einem ganz anderen Gebiete.. Die Banklei­tungen stehen -der Verhaftung vollständig fern. _ Der Bankbeamtenverband hat auf. Grund dieser Erklärung von dem Eintritt in den Streik vorläufig abgesehen.

Der Berliner Verkehrsstreik.

Zunächst werden die Berliner von dieser "tuen Ar­beitseinstellung betroffen; ober die Sache droht sich zu einem Verhängnis für das ganze Bolk auszuwachsen.

Der hochgefährliche Eisenbahnerstreik fing eben an abzuflauen. Wenn nun die Straßenbahnen und die. Untergrundbahnen streiken, fo bekommen die Hetzer un­ter den Eisenbahnern neues Wasser auf chre Mühlen. Die Störung des Bahnoerkchrs von und nach Berlin bringt die ganze Volkswirtschaft in Verwirrung. Wie wett der Verkehrsstreik sich ausdehnen wird, ist noch gar nicht abzusehen.

Daß politische Treibereien hinter den Berliner Streiks steckten, wird von den Radikalen mit vielem Eifer bestritten. Es soll olles unparteiisch fein, auch der Aufruhr in Hamburg. Die kommunistische und die unabhängige Partei lasten sich bei den Vorbereitun­gen zu den Unruhen nicht leicht erwischen. Aber die Hetzer gehören diesen Parteien an, und von den Ruhe­störern profitiert die radikale Linke. Unter den gegen­wärtigen Verhältnissen, nachdem wir soeben die Last des Friedensvertrages auf unsere Schultern nehmen mußten, ist jeder Streik und Putsch ein politisches Un­glück, ein Frevel an der Zukunft des Vaterlandes.

Ueberdies ein erschreckendes Zeichen der Erkran­kung der Volksseele. Die blindwütige Begehrlichkeit, die gewistenlose Mißachtung aller Rücksichten auf das Gemeinwohl, das Durchbrechen der bcrufständischen Ordnung und der eingegangenen Verpflichtungen sind an der Tagesordnung.

Der Freischärlerkrieg ist schlimmer, als der soldati­sche Waffengang. Die wilden Streiks sind häß­licher und gefährlicher, als die geregelten Lohnkämpfe. Berlin gibt in dieser Hinsicht jetzt ein böses Beispiel. Der Eisenbahnerstreik war gegen die Beschlüsse der Organisationen in Gang gebracht worden, und die be­rufenen Verbände fanden auch bisher nur wenig Gehör mit der Mahnung zur Wiederaufnahme der Arbeit. Der neue Straßenbahnerstreik ist ein grober Bruch der Abmachungen, die in mühseligen Verhandlungen ge­troffen worden waren. 3m Juni war ein allgemeiner Tarif vereinbart worden. Die Strbeigeber erkannten ihn rückhaltlos an. Die Arbeitnehmer aber lasten sich zum Wortbruch verleiten. Sie lehnen auch die Schieds­sprüche der Instanzen ab, die im Tarifvertrag unter ihrer eigenen Zustimmung eingesetzt sind und sämtlich einstimmig, also auch mit den Stimmen der Arbeiter- Vertreter ihre Entscheidungen gefällt haben. Dem Ge- danken des Tarifvertrages wird fo durch die Schuld der Arbeiter das Todesurteil gesprochen Nach un­widersprochen gebliebenen Feststellungen beträgt das Iahresgehalt für einen Schaffner 4800 bis 6000 «Al, für einen Fahrer 51006300 M. Dazu kommt eine im Januar gezahlte Entschuldungszulage von 50 «AL. Die Mehrausgaben der Großen Berliner Straßenbahn für diese Lohnerhöhungen betrugen 40 Millionen. Da sie irgendwie gedeckt werden mußten, kam der 17>-- Pfennig-Tarif, den jeder Arbeiter täglich, wenn er zur Arbeit fährt, als Mehrausgabe am eigenen Leibe ver­spürt. Eine zweite Entschuldungszulage wäre ver­tragswidrig gewesen. Deshalb wird jetzt eineWirt­schaftsbeihilfe", und zwar von 700 «AL gefordert, die 14 Millionen kosten würde, ein anderes Wort für die­selbe Sache.

Nun hat der Ausschuß die Wirffchaftsbeihilfen nicht etwa versagt, sondern sich nur auf 6 Wochen ver­tagt, und zwar mit der vernünftigen Begründung, daß sich erst die Wirkung des Friedensschlusses auf dem Lebens- und Bedarfsmittelmarkt übersehen lasten muffe. In den letzten Tagen kam noch in Betracht, daß die Regierung die beträchtliche Senkung der Lebensmittelpreise versprochen hatte. " Den­noch wurde der Kamps beschlosien, und zwar über die Köpfe der Organisation hinweg in einerUrabstim­mung". Die ergab 90 Prozent von Stimmen für den Streik. Slber wie wurde die Abstimmung geleitet? Die Radikalen hatten die Vertrauensposten an den Wühltischen besetzt, und sie stellten an den Abstimmen­den die einfache Frage:Willst du 700 Mark haben ober nicht? Wenn du sie haben willst, mußt du Ja auf den Zettel schreiben."

So kommt eineMehrheit" zum Vorschein, wäh­rend in Wirklichkeit nur eine gewissenlose und rück­sichtslose Minderheit der Masse ihren Willen auf­zwingt. Es soll unter allen Umständen gestreikt und gekämpft werden. Im letzten Grunde ist der poli­tische U m st u r z das leitende Ziel.

Bezeichnend ist im vorliegenden Falle der anti­soziale Charakter des Verkehrsstreiks. Am meisten leiden darunter nicht die wohlhabenden Schichten, son­dern die Arbeiter und Singe ft eilten, die ganze werktätige Bevölkerung, die den weiten Ge­schäftsgang zu Fuß machen muß, weil ihnen die Droschken und Autos zu teuer sind.

Es ist gut, wenn man sich die wirtschaftliche, sitt- kiche und soziale Verirrung an diesem Berliner ©rempel allseitig klar macht. Das deutsche Volk muß dieses Streik- und Putfchfieber doch überwinden; sonst kommt schließlich doch noch das feindliche Seer noch Deutsch­land, um uns in eine Kur nach Dr. Eisenbart zu nehmen.

Ter Streik dcr Berliner Verkehr? unter- nemljmungen ist gestern in vollem Umfange in die Erscheinung getreten. Auch sämtliche technischen und kaufmännischen Angestellten haben die Arbeit nie­dergelegt.

Berliner Straßenbild treten wieder die. Aus- hilfStoagen in Erscheinung, die Euch bei den lebten VerkebrSstr-ikS den Verkehr zwischen den einzelnen Stadwierteln aufrecht erhalten hatten. An einigen Stellen sind die Fuhrwerke von streikenden Straßon- bahnern angehalten und die Be''ber gezwungen wor­den, ihre Tätigkeit einzustellen. Im allgemeinen aber Meint der private Fuhrwerksbetmeb gut zu funktio­nieren. Sollten die Ruhestörer forffahren, ihn zu hindern, fo würde die Regierung mit militärischen Maßnahmen eingreifen. Es soll auch Personenverkehr mt Hilfe von Militärfastwagen eingerichtet werden. Die Regierung ist entschlossen, alles zu hm, um dem Wahnsinn der Streikenden möglichst zu brechen. . Der Eisenbahnerstreit scheint jetzt in ein entscheidendes Stadium treten zu wollen. Gestern morgen ruhte der Betrieb nicht nur in den Haupt-, sondern auch in den Betriebswerkstätten, sodaß also.

mnte soll noch vor der parlamentarischen Sommeipaufe erfolgen.

In England wird der Friedensvertrag wahrschein­lich im Laufe der nächsten Woche dem Parlament vor­gelegt werden.

Der Aünferral.

DerTemps" schreibt, daß nicht der Rai der Zehn, sondern der Rat der Fünf die Verhandlungen der Konferenz weiter führen wird. Derselbe besteht aus Clemeneeau, Lansing, Balfour, Tittoni und Malino. Als erste Arbeit wird die Vollendung des Vertrages mit Oesterreich in Angriff genommen, sodann die Slbkommen mtt der Türkei und Bulgarien.

Die Rückgabe der Kriegsgefangenen.

Die .Times' melden aus Paris: Die Alliierten- konferenz hat beschlossen, mit der Heimsendung der deutschen Kriegsgefangenen 14 Tage nach der Bestätigung des Friedensvertrages durch die National­versammlung zu beginnen.

Die Auslieferung.

Die LondonerÜJlorning Post" meldet: Lloyd George erklärte dem englischen Pressevertretern, daß England unter allen Umständen auf der Ausliefe­rung des deutschen Kaisers, des Kronprinzen und deutscher Generale auf Grund des Friedensver­trages bestehen werde. Ein Nachgeben Englands gebe es in diesem Vertragspunkte nicht. Im Unterhause er­klärte ein Vertreter der Regierung, daß die Entente die niederländische Regierung aufgefordert habe» eine Ab- reife des früheren Kaisers aus Holland zu verhindern. Skrtjanblungen bezüglich der Auslieferung seien mit den Niederlanden nicht eingeleitet.

Marschall Hindenburg äußerte zu einet Abordnung der Göttinger Studenten, die ihn zu schützen : versprochen hatte: Wenn die Feinde einen alten Mann wie mich, der nur feine Pflicht getan hat, an die Wand stellen wollen, so sollen sie mich haben; sie werden damit eine Schande mehr auf sich laden.

Deutschfeindliche Ausschreitungen in Spaa.

Obwohl den englischen und den belgischen Behör- den bekannt wat, daß der Abtransport des Hauptteils . der Waffenstillstandskommission Montag abend 9. Uhr erfolgen werde, haben sie starke deutschfeind­liche Kundgebungen und Ausschreitun­gen vor dem Hotel, in den Straßen der Stabt und vor dem Bahnof nicht verhindert. Johlen, Pfeifen und Schreien und feindliche Rufe erfolgten. Auch wurden einzelne Steine gegen die von den Hotels abfahrenden Slutos geworfen. Obwohl einige kleinere Steine die Insassen trafen, gab es zum Glück keine Verletzungen. Die Glasscheibe eines Autos wurde zertrümmert. Die Haltung der englischen und belgischen Polizei war tadellos. Am Bahnhof fand sich der englische General Green persönlich ein. Das ziemlich zahlreiche Aufgebot war jedoch gegen die Menge machtlos, die anscheinend von auswärtigen Elementen noch weiter aufgehetzt wurde. Ein von der belgischen Zivilbehörde trotz Ersuchens der belmschen Gendarmerie nicht verbotener Umzug mit Musik trug auch zur Aufreizung der Einwohnerschaft bei. Nach den Vorkommnissen in Versailles hätten die englischen und die belgischen Militärbehörden weit umfassendere Vorkehrungen treffen müssen.

Gegen den Friedensverfrug.

Manchester Guardian" vom 26. Juni berichtet über den 13. englischen Friedenskongreß, der in Manchester er­öffnet wurde. Die Eröffnungsrede hielt Lord Carmoore. Ohne Zaudern", so führte er aus,kann man es aus­sprechen, daß die jetzigen Friedensbedingun- gen eine größere Gefahr für die Versöhnung Emopas bedeuten als die Friedensbedingungen von 1870. Man hat Europa Friede und Freiheit bringen wollen, aber fünf Millionen Deutsche sind von ihrem dcutschen Vater- land abgetrennt und unter Fremdherrschaft gebracht. Ist das Selbstbestimmungsrecht? (Zahlreiche Rufe: Es ist eine Schande!)

In Frankreich haben die Soziasisten der Seine mit 6800 Stimmen bei zehn (Enthaltungen eine Resolution an­genommen, bie erklärt, daß die sozialistischen Abgeordneten gegen den Friedensvertrag stimmen mußten. Eine «ldere Rejolution verlangt das Verbot der Beteiligung am Siegesfest, das in Frankreich am 14. Juli abgehalten wird.

Auf der Arbeiterkonferenz in Southport erklärte der belgische Arbeiterführer Camille Huysmans, es werde nen Frieden geben, so lange Großbritannien das Recht habe, Kolonien zu besitzen und andere Länder dieses Recht mcht hätten, so lange die Polen Deutschlands das Recht Wen, sich an Polen anzuschließen und die Deutschen Oesterreichs sich nicht an Deutschland anschließen dürften, st> lange eine zeitliche Besetzung verschleierte Annexion bedeute, wie bei der Besetzung des Saarbeckens, und so nge man fordere, daß Deutschland bezahle, ohne daß st>m die Möglichkeit zur Arbeit gegeben werde.

Ungarns Unterwerfung.

TasUngarische Korrespondenzbüro" meldet: Im Sinne der Ententenote'haben wir den Rückzu g . auf die aufaezwungene Grenze begonnen.

_ Dieser Rückzug der ungarischen roten Truppen bedeutet die Annahme der Friedensbedingungen der Entente durch Ungarn. Die Budapester Räteregierung gtbt^damit nicht nur das getarnte eroberte Gebiet r* S-loivakai, sondern auch die Gebiete des e ent» tohen magyarischen Lander preis, die bu-r* die Pariser Beschlüsse von Ungarn adgetrennt nn ber ^^Echoslowakai und Rumänien zugeteilt werden

vT, | verantwortlich fttr den redaktionellen Teil: «art Schütte. I WftffewA* *> »Q1Q I Verlag der Fuldaer Actlendruckereiin Fulda. Prei» mouatl. I Aff InfrrQ.

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