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1 ir. I für die Anzeigen: I. Parzeller, gültig. — 9totatioit»bru<f, | Viril$l(I9 JUIll 1^17. | 95 Pfg. - Fervfpr. Rl. s. Lele,r..«dreife: Fuldaer Zettung^i_______—■
No'?e an die Reichswehr.
diesem Ausruf an . ^ch Ablehnung der beiden Ehrenpunkte gutzubeißen, (SBetfcu und Zu > fjCf Rrichswehrwinister Noske seinen Rücktritt er»
das deutsche Heer einverstanden ist.
klärt. Er hat sich jedoch mit Rücksicht aus die schwere i Lage Deutschlands entschlossen zu bleiben, nachdem * sowohl der Reichspräsident Ebert wie das Kabinett
lang für die Reichsbetriebe einzufetzen, in den die So- zialdemokralen zwei Mitglieder und alle sonstigen Fraktionen je ein Mitglied entsenden sollen.
Ohne erhebliche Debatte wird hieraus ein Gesetz angenommen, welches verschärfte Maßnahmen gegen Sie Steuerflucht oorsieht und dar durch einen Antrag aller Parteien noch erheblich verschärft wurde.
Es folgte die Beratung des Notetats, der der Regierung für die Erledigung der notwendigen Ausgaben bis zum 1. Oktober einen weiteren Kredit von sechs Milliarden zur Beifügung stellt. Hierbei kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen der äußersten Linken und äußersten Rechten.
Der Notetat wurde schließlich angenommen.
Dienstag: Anfragen.
wenn alle ihre vaterländische Pflicht erfüllen.
Ich stelle fest, daß do« Haus mit diesem Ausrus an
siimmung.)
■ Der Präsident teilt dann weiter mit, daß der Aeltestew
In der entscheidenden Sitzung des Reichskabmetts am Montag früh, in der beschlossen wurde, den Vertrag
ausschuß im Einvernehmen mit der Reichsregierung vor- schläat. einen Beirat der Nationalversamm-
Um halb 5 Uhr wird die Sitzung wieder ausgenommen.
Präsiden! Fehreubach: Die Parteiführer haben sich ge- einigt auf folgenden Wortlaut des
Aufruf» an dar deutsche Heer:
In der Stunde des tiefsten vaterländischen Unglücks, dankt die Deutsche Nationalversammlung der deutschen Wehrmacht für die opferwillige Verteidigung der deutschen Heimat. (Beifall.) Ungeheure und niederdrückende Anforderungen stellt der trotz des Heldenmutes unserer Truppen uns auspezwungene Frieden an alle Teile unseres Volkes, besonders Schweres aber an das Gefühl urfiter Soldaten. (Beifall und Zustimmung.) Das deutsche Volk erwartet zuversichtlich, daß Heer und Marine, Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften, treu ihrer großen Dei- xanaenheit, in dieser schwersten Zeit ein Beispiel der Selbstverleugnung und Aufopferung geben und Hand in Hand mit den anderen Volksgenossen an der Wiederaufrichtung unseres Vaterlandes arbeiten werden. Sie wird gelingen.
Deutsche Nationalversammlung.
Sitzung vom 23. Mai.
Präsident Fehrenbach: ES haben sich seit der gestrigen Sitzung Ereignisse vollzogen, die eine abermalige ~c* fprechung der Friedensfrage notwendig macken. Menn fein Widerspruch erhoben wird, will ich al? ersten Gegenstand nochmals die Beratung der Frieden«, frage ans die Tagesordnung setzen.
TaS Haus ist damit einverstanden.
Präsident des Reichsministeriums Bauer: Die^Mehr- heft der Nationalbersammlg. hat in der gestrigen Sitzung die Ausführungen gutgeheißcn, mit denen die Stellung der Reichsregieruna zum Friedensvertrag dargelegt wurde. Entsprelixrno diesem Votum und der dar n a S- ge!rückten Bevollmächtigung haben wir gestern nachmtt- tag in Versailles eine Note überreichen lassen, die diese unsere Stellung mit folgenden. Verwahrungen und Vorbehalteti darstellt, die wir folgendermaßen betont hoben: (Der Ministerpräsident verliest hierauf die bereits bekannt gegebene Note und die Antwortnote der Entente und fährt dann fort): Damit ist die Lage in zwölfter Stunde von Grund auf verändert und damit, stehen wir vor der unerbittlichen Frage: Ablehnen oder kedin gungslos unterschreiben? Die 8-eichSregierung hat Ihnsn gestern die bedingte Unterzeichnung vorgeschlagen und damit die Zustim» • immg Ihrer Mehrheit gefunden. Sie hat geglaubt, diesen letzten Versuch machen zu müssen, um etwas 1
wenigstemS von all den Idealen zu retten, die unsere Gegner angeblich in diesem Kaurpf für die Mensckheit erstreiten wollten. Sie hat die Abtretung bcntfdjcr Gebiete und die wirtschaftlichen und finanziellen Lasten anerkannt, obwohl sie jede Arbeit für daS eigene Volk und sein Wohlergehen auf Jahrzehnte hinaus unmöglich machen. Aber ein$ wollte sie ihrem Volks erfpa« ren, ein unwahres Schuldbekenntnis und die Auslieferung von Volksgenossen an ein Tribunal, bei dem Ankläger und Richter eins sind. Alles daS sind aber heute nur noch theoretische Betrachtungen. Tie Entente hat unsere Vorbehalte abgelehnt. Sie will unS das Schuldbekenntnis auf die Zunge zwingen, sie will uns zu Häschern unserer an- geschuldigten Landsleute machen, eS soll unS nichts, gar nichts erspart Keibern. Zur Knechtung wollen die Feinde auch noch die Verachtung. Unsere Hoffnung, mit dem einzigen Vorbehalt der Ehrenwahrung unsere Gegner zu besrimmen, war nicht groß; aber wenn fie auch noch geringer gewesen wäre, der Versuch mußte gemacht werden. Jetzt, wo er durch den sträflichen Uebertnut der Entente gescheitert ist, muß die ganze Welt seben: Hier wird ein besiegtes Volk an Leib und Seele vergewaltigt, toie kein Volk je zuvor. Keinen Protest heute mehr, keinen Sturm der Empörung I Alles weitere muß den Eindruck abschwächen, der sich heute der Welt bietet, die zum Teil mit verhohlenem, zum Teil mit unver- hvhlenem Entsetzen auf diese Vergewaltigung blickt. Unter f dir eiben wir! Tas. ist der Vorschlag, den ich Ihnen namens d«S sangdn Kabinetts macbe: bedingungslos zu unterzeichnen. Ich werde nichts binzufügen, doch die Gründe sind dieselben wie gestern Nur trennt unS jetzt eine Frist von knavv vier Stunden von der Wiederaufnahme der Feindselig- leiten. Aber wehrlos i st nicht ehrlos l Gewiß, die Gegner wollen uns an die Ehre, daran ist kein Zweifel. Aber daß dieser Versuch der Ehrabschnei- düng einmal auf die Urheber selbst zurückfallen hart, daß es nicht unsere Ehre ist, die bei dieser Welt- tragödie zu Grunde geht, das ist unsere Hoffnung knS zum letzten Aikmn'ge. Ich darf wohl annehmon, daß auf diese Vorgänge die Regierung ermächtigt bleibt, den FriedcnSvertrag zu unterzeichnen.
Abg. Schisser (Dem.) beanstandet diese Ermächtigung nicht, erklärt aber, daß seine Fraktion an ihrem sachlichen Standpunkt festhalte, und fügt hinzu, daß seine politischen Freunde keinen Zweifel in die vaterländische Gesinnung derer setzten, die gestern mit Ja gestimmt hätten.
Abg. Schulh-Bromberg (Dnat. Dpt.) gibt dieselbe Ehrenerklärung ab und ebenso der Abg. Heinze (D. Dpt.), der auch den politischen Gegnern zubilligte, daß sie nur au» vaterländischen Gründen handelten.
Präsident Aehrenbach: Ein Widerspruch gegen die Auffassung des Ministerpräsidenten, daß die Regierung ermächtigt bleiben soll, den Friedenrvertrog zu unterzeichnen, ist nicht erfolgt. (Widerspruch rechts.)
Abg. Schultz-Bromberg (Dnat. Dpt ): Wir sind der Ansicht, daß gestern nur eine beschränkte Ermächtigung zur Unterzeichnung gegeben wurde.
Präsident §ehrenbrich: Meine Frage ist durch diese Aus- führungen nicht bejaht worden, ober ich nehme an, es wird Widerspruch erhoben und eine nochmalige Abstimmung verlangt, ausgedrückt ist das aber nicht. Das möchte ich feststellen, dann würde die Frage also zur Abstimmung
zu bringen >e:n.
Abg. Schultz-Bromberg (Dnat. Dpt.).- Ich beantrage namentliche Abstimmung. (Große Unruhe, Zuruse: Unerhört! Ce ist bald 7 Uhr! Bewegung.)
Präsident Aehrenbach: Wir sind in der Abstimmung und da können keine Anträge zur Abstimmung mehr gestellt werden, auch wenn die Deutsch.' n e.; Volk,partes die Verantwortung auf sich nehmen wollte, die Sache hinauszuzögern und namentliche Abstimmung zu verlangen.
Abg. Schisser (Dem.): Ich bitte ausdrücklich festzustellen, worüber obgeslimmt werden soll.
Präsident Aehreabnch: lieber die Auffassung der Regierung, daß sie nach mit vor ermächtigt bleibt, den Friedensvertrag zu unterzeichnen; nur darüber wird abgestimmt. In einfacher Abstimmung erklärt daraus das Haus gegen die Stimmen der Deutsch- nationalen Dolkspartei und eines Teiles des Zentrums und der Demokraten die Auffassung der Regierung für zutreffend.
Präsident Fehrenboch: Damit ist vorläufig diese schmerzliche Angelegenheit erledigt. Ich stelle mit Genugtuung fest, daß von den verschiedensten Seiten des Hauses anerkannt wurde, daß alle Teile des Hauses, ob Ja ober Nein, sich nur von vaterländischen Gründen bei her Abstimmung leiten ließen, getragen von schweren Gewissensbedenken und von den ernstesten Auffassungen übet die Lage unseres Vaterlande». (Allseitige Zustim» mugn.) Ich möchie wünschen, daß der Geist, der sich in dem allergrößten Teste der Nationalversammlung soeben funbgegeben hat, auch hinausgehen möge in unser Volk. (Deisall.) Das wäre nun noch das ollerschlimmste und größte Verbrechen, das wir nach den Vorgängen all der Jahrzehnte, die nun glücklich hinter uns liegen, uns in Schmähungen und Verdächtigungen gegen die vaterländische Gesinnung unserer Mitbürger ergehen wollten. (Sehr richtig!) Ich würde das in dieser schwersten Stunde de» deutschen Volkes als das größte Verbrechen bezeichnen, do« von innen heraus an Ihm begangen werden könnte, (Sehr richtig!) Ich hoffe, daß man draußen in der gefaulten Bevölkerung und namentlich In der Preffe dafür ein Derftändn!» hat und gewillt ist, nunmehr einträch- tig zusammen alle die großen Lasten auf sich zu nehmen, dir un» jetzt bevorstehen, olle zusammen getragen von dem heiligen Willen vaterländischer Liebe. Im übrigen empfehlen wir unser unglückftckre Vaterland den' Schutze des barmherzigen Gottes. (Beifall) Cs ist beabsichtigt, daß die Parteien eine gemeinsame Kundgebung an d i e Truppen erlassen, die aber erst noch redigiert werden soll. Die Sitzung wird daher auf eine Stunde unterbrochen Er soll bann der Rest der Tagesordnung erledigt werden.
liilterjWllng ohne Vorbehalt.
Nachdem die ablehnende Antwortnote der Entente Sonntag abend 10 Uhr in Weimar eingetroffen war, trat das Reichskabinett zu einer Sitzung zusammen. Dabei wurde beschlossen, eine neue Antwort nach Versailles zu senden, um darin um eine Fristverlängerung von 48 Stunden zu ersuchen. In dieser Note hieß ee, nach großen Schwierigkeiten sei es erst am Samstag gelungen, ein neues Kabinett zu bilden, das sich durch die Nationalversammlung die Zustimmung zur Unterzeichnung des Friedensvertrages in fast allen seinen Bestimmungen -erwirkt bnfct und das von der Nationalversammlung mit großer Stimmenmehrheit ein Vertrauensvotum erhalten habe. Die Antwort der Alliierten sei sehr spät wegen Störung des direkten Drahtes zwischen Versailles und Weimar bei der Reichsregierung ein- getroffen. Die Regierung müße nach der Antwort der Alliierten erneut an die Nationalversammlung herantreten, um die erforderliche schwere Antwort auf demokratischer Grundlage und der inneren Lage Deutschlands entsprechend herbeizuführen. Diese Antwort ist noch während der Nacht den Alliierten übergeben worden.
Montag mittag lief die Antwort aus Versailles ein. In dieser Antwort wird die Fristverlängerung kurzer Hand abgelehnt. Die Entente müsse darauf bestehen, daß Deutschland zu dem bereits angegebenen Termin seine letzte Entscheidung im Ja oder Nein abgeben müsse.
Gleich darauf trat das Reichskabinett zu einer neuen Sitzung zusammen. Inzwischen hatte man sich mit Präsident Fehrenbach ins Einvernehmen gefetzt, um am Nachmittag die Friedensfrage nochmal vor die Nationalversammlung zu bringen. Diese trat um 3 Uhr zusammen und stellte fest, daß die Regierung durch das Votum der Nationalversamm- lung am Sonntag Blanko-Vollmacht erhalten habe zum Abschluß des Friedens. Sie ist also auch ermächtigt, einen Frieden ohne jeden Vorbehalt ak>- ,»schließen. Nicht nur das Zentrum und beide' so- zialdemokratischen Fraktionen, sondern der größte Teil der Demokraten und die gesamte Deutsche Dolkspartei sowie ein Teil der Deutschnationalen stimmte dafür. Um 3’4 Uhr war die denkwürdige Sitzung beendet und die Regierung in der Lage, ihre Note nach Paris tb’ufenben. Diese Note wurde in Versailles überreicht.
Einzelne Teile der alliierten Armeen hatten infolge eines Mißverständnisses den Vormarsch bereits tn geltet en, so bei Frankfurt. Im Laufe 'es Abends wurde von deutscher Seite hierüber eine weiter e Note überreicht. Der Vormarsch wurde ringestellt.
Durch den Beschluß der Nationalversammlung, die i'riebenSbctitigimgen des Verbands bedingungslos an- zunehmen, tfl der Friede, wenn auch nicht sormell, so wch tatsächlich geschlossen. Wir hatten un3 einst das Ende des Ungeheuern VölkerringenS ander» gedacht. Es werden keine Glocken in Deutschland lau«’ en; die Fahnen, die so manchen ruhmreichem Sieg gegrüßt baden, werden verstauben. Die politische und virtschaftli.be Zukunft Deutschlands ist dunkel wie Ne Nacht; nur ein Stern leuchtet und leitet uns, die xflicht. Unsere Pflicht , gebietet, möglichst wenrg zu reden entschloßen zu handeln, nicht eigenem Vort.ul nackzu- jagen, sondern dem Ganzen ju dienen, der Aufri ch- rang unfers zerschmetterten Vater- [ante?. Die Aufgabe Hst schwer, dopelt schwer, weil viele Deutsche, wie ihre roh« Gleichgültigkeit gegenüber den folgenschwersten Entscheidungen und die in allen Kreisen um sich greifende Vergnügungspest beweisen, daS nationale Schamgefühl verloren haben.
Die ArrnahmeerklSrung.
wtb Versailles, 23. Juni. Heute nachmittag < Uhr 40 Min. hat der deutsche Gesandte v. Hantel dem Vorsitzenden der Friedenskonferenz Giemen« eeau die Note zustellen lasten, in der die deutsche Regierung sich bereit erklärt, die Bedingungen der alitierten und assoziierten Regierungen bedingungslos anzunehmen. Die Note erklärt:
Die Negierung der deutschen Republik hat auS der letzten Mitteilung der alliierten und assoziierten Regierungen mit Erschütterung ersehen, daß,sie entschlossen find, von Deutschland auch die Annahme derjenigen FriedenSbedintzungen mit äußerster Gewalt gu erzwingen, die, ohne eine materielle Bedeu- hing zu besitzen, den Zweck verfolgen, dem deutschen Bolle sein« Ehre z u nehmen. Durch einen Ge- Waltakt wird die Ehre deS deutschen Volkes nicht berührt. Sie nach außen hm zu verteidigen, fehlt dem deutschen Bolle nach den entsetzlichen Leiden der letzten Jahre jede- Mittel. Der über mach, «gen Gewalt weichend und ohne damit ihre Auffassung über die unerhörte Ungerechtigkeit der Friedensbedingungen aufzugeben, er- klärt die Regierung der deuiscien Reickl'k, daß ste bereit ist, die von den alliierten und assoziierten Reg'«, rangen aufetlegten Friedensbedingungen anzunehmen und zu unterzeichnen.
Die neue Reichsregierung.
Die neue Regierungsmehrheit aus Mehrheitssozialisten und Zentrum ist nicht mehr so breit und trag« fähig wie die alte, aber sie ist eine f e st e Mehrheit und sie wird gerade auch bei Unterzeichnung des Vertrages nicht nur von den Unabhängigen, sondern auch von einem Teil der Demokraten, ganz gewiß aber auch — und das ist in dieser Schicksalsfrage für Deutschland ausschlaggebend — von einer sehr starken Mehrheit des deutschen Volkes selbst gestützt.
Wer in diesen Tagen in das Volk hineingelauscht hat, kann sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß sehr weite Kreise des Volkes, auch der am meisten rechtsstehenden Richtungen, von einer Wiederaufnahme des Krieges unter allen Umständen nichts mehr wissen wollten. Ganz zweifellos ist nicht die einmütige nationale Stimmung vorhanden, die unbedingt notwendig wäre, wenn die verantwortlichen Stellen dem deutschen Volke erneut die Opfer auferlegen wollten, die mit der Wiedereröffnung der Feindseligkeiten verbunden wären. Wir kommen um die Feststellung nicht herum, daß breite Masten des deutschen Volkes zermürbt, entnervt, demoralisiert sind und daß ihr darum, so wie die Dinge heute liegen, drückende Opfer für die nationale Sache nicht mehr zugemutet werden können. Wir wüsten Frieden schließen und dürfen unser Vaterland nicht erneut der Gefahr völligen Untergangs aussehen und darum mußte eine Regierung geschaffen werden, die bereit ist, auch diesen furchtbaren Frieden zu unterzeichnen und die Verantwortung für diese Tat vor der Geschichte zu übernehmen.
Wenn sich das Zentrum nach langen Kämpfen mit sich selbst zu dem Entschlüsse durchgerungen hat, des Volks und Vaterlandes wegen, wahrhaftig nicht im Parteiinteresse, an einer Regierung teilzunch- men, die die schwere und undankbare Aufgabe der Unterzeichnung des Friedensvertrages zu erfüllen genötigt ist, so geschah es, weil ohne die Hilfe des Zcntums keine parlamentarische, demokratische Regierung zustande gekommen wäre, die tn der Stunde größter Not und Gefahr getan hätte, was für Volt und Vaterland getan werden mußte. Nichts ist indeß einfacher und bequemer in solchen Situationen, als sich jeder Mitarbeit zu entziehen, den wilden Mann zu spielen und andere herabzusetzen. Das Zentrum hat sich dadurch nicht einschüchtern lasten. .Hätte Deutschland gesiegt, dann hätten sich genug Parteien bereit gefunden, um den Frieden zu genehmigen, genug Hände, um ihn zu unterzeichnen. Jetzt liegen die Dinge anders. Es ist ein Opfer, ein schweres Opfer, den Krieg zum Abschluß zu bringen, lieber die Unterzeichnung der Friedensbe- dingungen kann jeder seine eigene Meinung haben. Aber man soll diese Freiheit auch denen einräumen, die es als ihre Pflicht betrachten, zwischen zwei liebeln das geringere zu wählen und das Vaterland nicht noch weit schlimmeren Leiden auszusetzen. Von diesen einfachen Erwägungen der praktischen Vernunft hat sich das Zentrum bei seinen Entschlüssen leiten lasten.
Die Demokraten, die den Mut hatten, mit Zentrum und Sozialdemokraten dem revolutionären Deutschland eine demokratische Regierung zu geben, hoben nicht mehr den Mut gefunden, den bitteren Kelch, den das Zentrum mit ihm iw Februar d. I. an die Livpm erführt hotte, zur Neige zu lehren; sie hoben das Regierungssthiff verlassen, als es galt, Deutschland um die gefährlichste Klippe herum zu steuern. Ihr Verhaften findet innerhalb der demokratischen Fraktion selbst vielfach keine Billigung und wir sind überzeugt, daß in der demokratischen Partei weite Kreise das Kneifen ihrer gewählten Vertreter scharf verurteilen werden.
Wie lange die neue Regierung Bestand haben wird, läßt sich heute natürlich noch car nicht sagen. Immerhin möchten wir der vielfach verbreiteten Ansicht entgegentreten, als ob es sich bei dem neuen Kabinett um ein kurzlebiges Ministerium handeln mäste, das nur für die Unterzeichnung des Friedens- Vertrags da fei. Allerdings werden die jetzigen Regierungsparteien kein Verlangen baden, länger als notwendig die Veraiftwor ung für die Geschicke des Reiches zu tragen und darum wurden wir es für zweckmäßig halten, wenn nach Abschluß des Friedens und Erledigung der Verfassung die Nationalversammlung aufgelöst und Neuwahlen für den Reichstag ausgeschrieben würden. Vorerst aber hat das Ministerium noch schwere Arbeit vor sich. Die Wählerschaft wird von den Vertretern des Zentrums in der Reichsleitung, an der sie jetzt größeren Anteil nehmen, als es bislang der Fall war, verlangen, daß sie nunmehr auch mit größerem Nachdruck die Ideen und Forderungen des Zentrums zur Geltung bringen und daß vor allem in der Finanzwirt schaff, die jetzt von Vertretern der Zentrwnspartei verwaltet wird, die Maßnahmen getrosten werden, die bei der Finanznot des Reiches von Tag m Tag drinaftcker werden und auf die wir bislang von den dem<ckrN''chen Verwaltern des Reichs)chotz- und Reich-finsmnmte» vergeblich gewartet haben. Ins» Mir- er? errew-n mir, daß vom Finanzmini- Zerium, dos fetzt in den Händen des tatkräftigen Er'berger liegt, baldigst Vorlagen zur "’mternng der <Krie>'«- und Revolution-Gewinne und r eme durchmest-nde Vermögensabgabe der Notio- nalnsrfammluim unterbreitet werden.
an fein vaterländisches Empfinden appelliert yc-ten. Auch General o. Lüttwitz bleibt im Amt, obwohl er mit der bedingungslosen Unterzeichnung des Fne der.s nicht einverstanden ist. Ebenso wird der P B sche Kriegsrnimfler Reinhardt auf feinem Hosten bleiben, obwohl für ihn dasselbe wie für Noske und v.
Rei^swehrminister Noske hat folgenden Aufruf an die Reichswehr gerichtet: .
Die Nationalversammlung hat beschlossen, c aß der Friedcosferirag gegenüber d-m Machtgebot ö.rQ^g- Tier, dem wir fast wehrlos gegenuberstehen von der Regierung unterzeichnet wird. Im Kabinett HD« ich mich vergeblich für Die Nichtunterz e t ch n u n g eingesetzt. Ich bin überstimmt worden. Mein Jtuc tritt?gefud) hat d-r RcichSräsitent und der Minister- Präsident abgeie hnt. In schwerster Gew'ne.,°nÄ haben Regierung und Nationalversammlung
Aus taufend Wunden blutet unser Land. Dw Volks- Mafien find durch jahrelange Leeden widerstanden- fähig gewachst worden. Millionen haben nur den einen Gedanken nach dem Frieden. Der Wenen nn ereS Vaterlandes fürchtet den Einmarsch eine- rack)ua.r'g.n Feindes. Neues Leid soll durch die Unterwerfung unter das Gebot der Feinde von unfern Vollsgmogen abgewendet werden. £b der Versuch gelingt ist ab- -mwarten. Tie Nercksregwrung und die Naiionalver- fammTung fordern von uns, taff wir unsere h«te P flickt in den schwersten Stunden d-S ^aterlmib<5 Weiter tun in voller Würdigung beii Oöfert, da? den Truppen damit zugemutet totrt. Dem vegreiftich n Bedürfnis jcdrS einzelnen, ferne endgültigem Gnt- schlüge nach Ehrgefühl fassen zu können, wird Rech- niing getragen. Treue und Gesinnung werden wir mich denen bewahren, welcke angeucktS der ickimps- kicken Bedingungen ter Feinde glauben, ihrer toetterdn Dienste en!sagen zu müssen. In treuer Kameradschaft habe ick in den letzten Monoton mit der »ruppe tn Rot und Gefahr zusammengestanden. In dec 1-bWersten Stunde, die daS tratscke Volk erlebt, appelliere ich an den kameradschaftlichen Geist ;edes Führers nnd iedcs Mannes, mir weiter zur «eite zu stehen. Die Not unseres Volkes verbietet nur, -fah- nenflnchtartig meinen Posten zu verlassen, aus dem (ch aber dem Laute mir zu dienen vermag, tnenn mir opferwillige Männer wie bisher hingebungsvoll gur Seite peficn. e
Kameraden! Deutschland und d<rs deutsche Volk können Euch nicht entbehren. Helft unser o l I aus Schmach und Not retten und einer Hel- hen Zukunft entgegenführen.
Westpreusten ruhig.
Die Lage in Westpreußen ist ruhig. Oberpeä- sident Schnackenburg erklärte der Regierung feinen Rücktritt, da er ihre Politik mißbilligt und keine wrftpreuhische Heimaiprov'.nz den Vown nicht ausliefern kann. Der Danziger Magistrat mahnt zur Ruhe und Besonnenheit.
Ausschreitungen in Berlin.
Zu schweren Ausschreitungen und Plünderungen kam ti Montag mittag im Norden Berlins Eine nach huudcrten zählende Menschenmenge rottete sich an der Ecke der Inval den- und Ackerfiraße zusammen. Mehrere Lebensmittelgeschäfte in der Jnvalidenstraße würben teplünbert und die Menge wuchs schnell zu einer großen Masse an, die fick schließlich in mehrere Trupp» spaltete. Alle angrenzenden Straßen wurden heim»e- fudit und die Leben,mittel- und BekleiduugSaeschaite ausaeplünbert. Schließlich mußte Militär eingreifen, da» die Menge avseinanberjagte und die Ruhe notdürftig wie- berberfteHte
In der Zentralmarkthalle setzten es die Käufer und Käuferinnen durch, daß ihnen das Obst gu geringen jßret- (en verkauft wurde. Auch der ausländische Blumenkohl mußte ihnen für 70 Pfennig verkauft werden. Die Folge war daß die Blumenkohlzufuhren aus Holland abbestellt wurden. Zu großen Demonstrationen kam es m der Markthalle in der Ackerstrahe, wo die Menge eine so bro, hcnde Haltung einnahm, daß Polizei einschreiten, du erregten Käufer ovs i?et oiun^en und t.e]e jd)UeBv muhte. —
Italien gibt in der fübtiroter Frage nach.
Laut einer Meldung aus Rom ist Italien bereit, tn Der süduroler Frage Zuc.enändnifse zu niadjen, wonach Bozen und Meran bet ^utich-Lesterretch verbleiben sollen. Italien behalt sich daS Recht vor, die Brennei grenze nitlitärtjch zu besetzen.
Das neue italienische Kadinett.
Die Kabinettsbildung ist Nitti nach nicht geringen Schwierigkeiten gelungen. Das wichtige Amt des Auswärtigen hat Tittoni übernommen. 3m übrigen l)at das Kabinett einen ausgesprochenen giollttiamfchen Charakter, vier Anhänger des Kriegsgegners und Deutschfreundes Giolitti: Tedesco, Schanzer, Rosst und Baccelli traten in dasselbe ein, insbesondere wurde das wichttge Ressort des Schatzamtes, das den ssefamten Staatshaushalt regelt, von einem persönlichen Freunde (Btoltrtis, Schanzer, übernommen. Infolgedessen ist die Kriegsgruppe in der Kammer wieder zu ihrer grundsätzlichen Opposition zurückgekehrt. Das Kabinett Hut auch mit der kaum versteckten Feindschaft zahlreicher anderer Gruppen zu kämpfen, fo daß «hm weder ein langes Leben sicher ist, noch ihm die schwierige Der- tretung in Paris durch einen breiten Rückhalt tm Lande und in der Kammer erleichtert wird.
Ans der Räterepubttk Ungarn.
Roch vor einigen Monaten lebte man in Ungarns Hauptstadt im Ucberfluß. Da tarn die Herrschaft der Kommunisten und jetzt 'st die Lebensmittelnot tn Buda- pest zu unerträglicher Hohe gestiegen. Fleisch gibt es überhaupt nicht, ebenso kein Fett. 3n der ganzen Hauptstadt ist nur Mehl zu bekommen, und Budapest lebt ausschließlich von Mehlsuppen. Gemüse ist nicht zu entdecken, in den Restaurants bekommt man nur Suppe und Mehlspeise. Die Wertlosigkeit des Geldes zeigen die Preise. Ein Pfund Fleisch kostet im klein- I sten Dors etwa 40 Mark, ein Pfund Fett 150 Mark, ein Huhn 120 Mark, ein Ei 3 Mark. Natürlich nimmt der Bauer nur „blaues Geld", das heißt die alten Noten der Oesterreichifch-Ungarischen Bank, denn obwohl bie Regierung deren Ablieferung befahl folgte dieser Anordnung kein Mensch.
Die Wirtschaft der Bolschewisten hat selbst die größten Unternehmungen zugrunde gerichtet. Jeder Betrieb 1 zahlt monatlich Millionen drauf, da die unbeschäftigten Betriebe gezwungen sind, ihren sämtlichen Arbeitern ! und Angestellten die höheren Löhne voll zu bezahlen. Wo noch gearbeitet wird, ist die Arbeitsleistung überall vermindert. Ein Bericht des Volkskommissars Varga