| vie»stag 10. Juni 1919. , aStS^gblfi^gulE Zeitung. I 46» 3ftfynj;
•»», 4 I Verantwortlich für den redaltwuellen Teil: Karl Schütte, lir. 1^1* I für die Anzeigen: I. Parzeller,Fulda.— Rotationsdruck.
Vereinigten Staaten zurücklassen.
Auf dem
Es ist bann noch an die gemischtwirtschaftliche Be- keiligimg des Reichs dn industriellen ÜnterrreHmuin. gen auf dem Wege der Vermögensbefteuertm« gedacht. Dis Verwaltung aller solcher „gemeinwirtschastlichen" Beteiligungen soll einer Reichsvermögens» bank übertragen werden, die gegebenenfalls Qbliga» iienen auf GrunÄage der von ihr übernommenen Ntien oder sonstigen Objekte ausgeben kann. Ferner soll diese Bank einen Reichsfonds von mehreren Milliarden Mark der Gütererzeugimg durch Erteilung von Aufträgen zur Verfügung stellen. Ein Gesetz, das ein obligatorisches Schiedsgerichtsverfahren für Streiks und Aussoerrnrigen versieht, soll den Schlußstein des Gebäudes bilden und dem Arbeitsfrieden dienen. Das Programm des Reichsministers trägt noch sehr den C^rÄter des Unfertigen. Der parlamentarischen Be- taügung von Arbeitgebern und Arbeitern am Wirt» lchaftsleben, die die Hauptforderung deS Programms A, wird man zustimmen können unter der Voraus, setzung, itafj beide Teile, sowohl Arbeitnehmer tote Ar- den guten Willen zeigen, den Ertrag der Ar» ce“ Zu heben und das Gemeininteresse zu fördern. ^Wtffels Wirtschaftsplan ist schon viel angefeindet 2®*"' es hieß bereits, der Minister hckbe deshalb 9t5r?t.riit8gefa<5 eingereicht. Das ist un- LMc Wohl sollen Meinungsverschiedenheiten zwischen ^Rll«u und anderen Ministern bestanden haben. Diese 2® vorerst beigelegt worden, so daß Reichsnnni-
Wtflell im Augenblick keinen Anlaß zu sehen fernen Abschiö) zu erbitten. Am Samstag fand K^bESsitzung statt, in der beschlossen wurde, zu ^n Wrssel aufgestellten MrtschastSplan jetzt noch «cht Stellung nu nebmen. Es soll vielmehr vorlmrkto
den, da es zurzeit — vor Abschluß der Friedensver- handlungen — nicht möglich ist, weittragende Beschlüsse ohne Kenntnis der endgültigen Friedensbedingungen zu fassen.
W sollen dagegen schon jetzt Erleichterun- gen im Wirtschaftsverkehr dadurch geschaffen werden, daß der Ein- und Ausfuhr von Waren, soweit eS sich um wichtige Erzeugnisse handelt, nicht mehr so große grundsätzliche und administrative Hemmungen bereitet werden sollen, als dies jetzt geschieht. Die Kontrolle soll verernfacht und die vorliegenden Einzelanträge sollen weitherziger behandelt werden.
3n Erwartung der Antwort.
Das Rätselraten über die Berbandsanwort dauert fort. Nach den letzten Pariser Meldungen sMen sich die voraussichtlichen Aenderungen beziehen auf die Festlegung einer Kriegsentschädigung von 200 bis 250 Milliarden, Grenzänderung für Oberschlesien oder Volksabstimmung, schließlich Einsetzung einer Studienkommission für die weiteren Oftfragen. Das Saar- gcbiet und die Besetzung des linken Meinufers werden nach der französischen Presse von den Amderungen nicht berührt.
Wenn das wirklich die ganzen „Zugeständnisse" find, so liegt zum Optimismus kein Grund vor, aber da die Stimmungen unter den Alliierten trotz der be- ■ tonten Einigkeit häufig wechseln, ist es nicht ausgeschlossen, daß noch einiges hinzukommt.
Wann die Antwort überreicht werden soll, steht immer noch nicht fest. In amerikanischen Kreisen hofft man, daß die Antwort am Dienstag abend fertig gestellt sein werde, während englische Kreise die Fertigstellung vor Donnerstag abend nicht für möglich halten Die „Rewyork Herold" meldet, daß Wilson Bor- kchrungen treffe, um gegebenenfalls über den 1. Juli hinaus in Frankreich bleiben zu können. Wenn Deutschland die Unterzeichnung des Vertrages verweigern fotüe, werde Wilson unverzügüch nach Amerika zurück- kehren und amerikanische Delegierte als Vertreter der
Zweifellos würde eine derartige Organisation gegenüber der jetzigen viele Vorzüge besitzen. Dadurch, . daß. die weitesten Kreise zur Mitarbeit herangezogen weiden, würden die Maßnahmen vom grünen Tisch in Zukunft weniger zu fürchten sein. Vor allem ober würde die Stellung des Arbeitnehmers sich wesentlich heben, denn den Charakter deS Lobnsklaven würde er endgültig abstreifen, wenn er über die Zukunft des Nn- ternehmens mitzuraten und zu taten Härte. Ob ine Arbeiterschaft für eine derartige Organisation die nötige Reise besitzt, bejaht die Denkschrift nicht ohne weiteres. Sie macht die sozialistischen Parteien mitverantwortlich für das .neuerdings erschrecklich profitlich gerichtete Streben" und für die verworrene-n Ideen, die in der deutschen Arbeiterschaft vielfach Wurzel geschlagen haben. Die Arbeitnehmer dürfen ebensowenig ihre Macht ausnützen, wie die Arbeitgeber. Auf dem Wege der Berständigumg und in treuer Gemeinschaftsarbeit der Parteien müsse das große Ziel, die Wieder» gesundung unseres Vaterlandes erreicht werden.
schneller Friedensschluß sich hinter dieser unscheinbaren und irreführenden Bezeichnung verbergen. Die „Aktion" soll durch eine ausgedehnte Propaganda über ganz Frankreich verbreitet werden auch die englische Arbeiterschaft soll sich zu einer gleichartigen „Aktion" entschlossen haben und man beabsichtigt, gemeinsam mit ihr vorzugehen. Berücksichtigt man die Lage in Frankreich, die rücksichtslose Diktatur, die Clemenceau vom Krieg in den Halbsrieden herübergenommen hat,, so kann man trotz der gemäßigten Form der Kundgebung den wahren, gegen die französische Politik gerichteten Charakter des Beschlusses erkennen.
Bezeichnend ist es auch, daß die sozialistische Kammergruppe nun endlich aus ihrer Zurückhaltung hervorgetreten ist und mit einem Programm zur Verbesserung des Friedens vorgeht. Sie erläßt eine Kundgebung, in der sie die Erwartung ausspricht, daß durch die Erörterungen der verbündeten Regierungen Verbesserungen am Frtedensvertrag vorgenommen würden, um ihm das Gepräge eines gerechten und dauerhaften Friedens zu geben. Auch die Ablehnung des in Paris beschlossenen Ausgleichs durch die Bergarbeiter Nordfrankreichs und die Haltung der Essenbahner fallen als Stimmungsanzeichen ins Gewicht.
Nimmt man alle diese Umstände zusammen, so wird man der Meldung, daß die Bewegung nunmehr eine revolutionäre Wendung genommen hat, einige Wahrscheinlichkeit zubilligen. Gleichwohl ist bei der Beurteilung der Dinge Zurückhaltung am Platze. Schon zu oft sind Erwartungen nach dieser Richtung hin getäuscht worden. Die Lage kann fick, auch jeden Augenblick ändern. Würde * aber die Meldung bestätigen, so wären die Folgen, unter der Voraussetzung, daß die Aktion der Arbeiterschaft gegen Clemeneeans Gewaltherrschaft von Erfolg begleüei wäre, von unübersehbarer Bedeutung und Tragweste.
Groß« Streiks in England.
In England find weiterhin große Streiks auS- gebrochen. Bei den Schneidern und Schneiderinnen, den Papiersortierern usw., die 100 Prozent Lohnaufschlag auf die Preise vor dem Krieg fordern und in anderen wichtigen Zweigen nehmen die ArbeitS- einstellungen überhand. Allgemein wird die 44stün- diqe ArbeitSjeit ohne Lohnabzug verlangt. Eine Einigung der Arbeitgeber und -nehmer in der Baumwollindustrie ist noch nicht eingetreten. Die Arbeiter verlangen die 46'/»ftündige Arbeitswoche und 30 pCt. äobnausfchlag, während die Arbeitgeber nur die 48stündige Arbeitszeit und 15 PCt. Lohnaufschlag bewilligen wollen.
Die Streikbewegung in Italien.
Heber die Lohnbewegung in Italien wird gemeldet dätz sich die Bewegung in den letzten Tagen verstärkt habe. In Neapel kam er zu blutigen Ausschreitungen der Streikenden gegen Streikbrecher, sowie.zu Barrikaden-Kämpfen. In Rom mutz mit dem Generalstreik gerechnet werden. AIS Grund deS Streiks bezeichnet die Presse in erster Linie die LebenSmittel-Teuerung, doch gkaubt man auch bolschew.stische Bestrebungen erkennen zu können, _____
Frankreich- Justiz im Rheinland.
Dom Mainzer Kriegsgericht sind 22 Angehörige des Lckkomotiv- und Werkstättendienstes zu Gefängnisstrafen von sechs Monaten bis 5 Jahren, insgesamt zu 34 Fähren Gefängnis, verurteilt worden. Ter hessische Ministerpräsident Ulrich hat an den General Mangin ein Telegramm gerichtet, worin er eindringlich bittet, gegenüber der entsetzlichen Härte der Bestrafungen bon dem Begnadigungsrecht in weitherziger Weise Gebrauch zu machen.
Die französische Gewaltherrschaft in Höchst.
Der militärische Verrvaller des Kreises Höchst, Rene Attmeier, hat dem Landrat Dr. Klauser, Oberbürgermeister Dr. Janke und Beigeordneten Dr. Horg am Samstag nachmittag 4 Uhr einen unbestimmten „Urlaub" erteilt und ihnen zugleich befohlen. Höchst binnen 48 Stundenzuverlassen. Wie wir hören, hat Dr. Klauser Verwahrung gegen die Beurlaubung eingelegt und erklärt, daß er preußischer Beamter und als solcher nur von einer preußischen Behörde zu beurlauben sei und demzufolge nur der Gewalt weiche. Der Gemeindeverireter Stadler in Nied wurde zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt, weil er nach Ansicht des ftanzösifchen Mifitärgerichts nichts zur Verhinderung des Generalstreiks, um den er gewußt haben soll, getan hat. Stadler wurde bei feiner. Verhaftung von den französischen Soldaten furchtbar mißhandelt.
Der Streik In Frankreich.
Fm Streck der Bergleute Nordfrankreichs war durch Vermittkuna der Regierung eine Einigung erzielt worden. Die Forderungen der Arbeiterschaft wurden im allgemeinen bewilligt. Die Bergleute ha- 6en aber den Ausgleich abgelehnt und beschlossen, vorläufig weiterzustreiken. Fm übrigen hat sich die Streiklage nrcht geändert. Ste ist narb wie vor kritisch, umsomehr, als Verhandlungen zwischen den Metallarbeitern und den Weitgebern gescheitert sind.
Der Minister der öffentlichen Arbeiten erklärte, daß die Eisenbahner ihre Forderungen vollständig durchgesetzt hätten. Der Achtstundentag werde binnen kürzester Zeit durchgeführt werden. Dir Eisenbahner hakten in Paris eine sehr erregt verlaufene Riesen» versammlung «chgrbalten und eine Entschließung ange- nommen, die einen baldigen Generalstreik zu politischen Zwecken erwarten ließ. Nach den neuesten Meldungen aus Paris hat mm me französische sozialistische Partei in Gemeinschaft mit der Leitung der Gewerkschaften eine revolutionäre Aktion gegen die Welt» machtziele ClemenceanS begonnen. Der KriegSmini» ster hält große Truppenmafien bereit, um die zu er- wartenden Unruhen zu unterdrücken.
Wenn sich das bewahrheitet, dann ist die Arbeiterbewegung in Frankreich in ein kritisches Stadium getreten. Bei der Unsicherheit des jetzigen Nachrichtendienstes, der oft eine Fülle einander widersprechender Meldungen bringt, schemt eS indessen geraten, abzu- warten, 06 eine Bestätigung der Mitteilung eintrifft. Noch vom Samstag wurde nämlich auS Paris berichtet, daß die Gewerkschaftsleitung wünsche, daß der gewerk- schastliche Charakter der Bewegung gewahrt werde. Die Führung der Arbeiterorganisation müßte also in- zwffchen ihre Haltung unter dem Druck der Arbeiter- schäft geändert haben. Mr diese Möglichkeit spricht ehre französische Presseäußerung, wonach der Streck über- häufst gegen den Willen der Gewerkschaften ausgebrochen fet. Eine in der vorigen Woche erlassene Kund- gebung der Gewerkschaften drückte sich zwar recht ge- wunden aus, sprach aber schon offen von einer neben der wirtschaftlichen Seite hervortretenden „sozialen Aktion." Sieht man sich diese „soziale Mion" dann näher an, so erkennt man, daß wichtige politische For- de rangen, so die Amnestie, die Wrüstimg, die Einstellung der militärischen Intervention im AuSlande und
Wifi-Üs Wirtschaftsplan.
per Lester des Reichswirtschaftsministeriums Wi s- »e|I hat dem Reichskabinett eine Denkschrift zhergeben, in der er die Gedanken, wie man sich an ^gebender .Stelle den Wiederaufbau unse- xeS88irtschaftsLebens vorstellt, niedergelegt hat. I
Der ReichswirtsckrrftSminifter geht davon aus, daß d nicht möglich sei, die Friedensarbeit da wieder auf« ^nehmen, wo sie durch den Krieg unterbrochen worden Lj, Bekanntlich glaubte der frühere Leiter der De» ewliilmaclEFspläne, Staatsminister Helfferich, daß gjan so rasch als möglich zur früheren Form der un» «stmdenen Wirtschaft zurückkehren müsse. Wissel ^teini jedoch, daß die gegentoärtige Wirtschaftslage nicht jem freien Spiel der Kräfte überlassen und das eng» ^aschige Netz unserer Kriegswirtschaft nur ganz all- aiäülich aufgelöst werden dürfe. Auch er hält den Staat Mt für einen geeigneten Träger der Wirtschaft, fon- jent will an Stelle der jetzigen Organisation baS «rmziv der Selbstverwaltung treten lassen. ES sollen fte verschiedenen Wirtschaftszweige selbst über ihr Fort.
entscheiden. Das Kommando wort von oben M'ersetzt werden durch die Selbstbestimmung. Wiffell tedjfnei dabei vor allem mit dem SolidaritätSgefichl Jet einzelnen Berufsgruppen. Darauf soll die Or- «nchaüon der neuen Wirtschaft aufgebaut werden. Wie A i» der Denkschrift heißt, muß das erste Ziel sein, »eben den Bildungen der Gemeinden, Bezirke und Ein- MM-tten, die sich auch künftig in Fragen kultureller 'oder politischer Natur, sowie ht wirtschaftlichen Fragen von rem örtlicher Bedeutung weiter zu betätigen haben Derben, fachliche Wirtschaf rsgruppen, jü. weil? auS Unternehmern und Arbeitern, Kaufleuten 'tUnb Verbrauchern zusammengesetzt, zu bilden. Die Gesamtheit dieser Wirtschastsgruppen, die als fachliche Gelbswerwaltungskörver aus-ubilden wären, würde neben hm bezirksweise gewählten Vertretern ht dem Reichswirtschaftsrat zu vereinigen sein.
Ein LcbenSmittelabkommen mit Norwegen.
Die Verhandlungen über die Lieferung von 10,00» Tonnen Speisefett und 750,000 Faß nach Deutschland sind abgeschlossen. Der Kaufpre^ von 80 Millionen Kronen wird von der nolwegttchen Regierung aus durchschnittlich 2-/. >>ahre kredtttnN.
Wie aus Esien gemeldet wird, haben sich 60,000 Ruhrbergleute bereit erklärt, Ueberschichten, sog nannte „Butterfchichten", zu fahren. Es sollen da durch Kohlen für die AuSsuhr nach Dänemark ge- schasst werden, für welche von dort Butter angeführt wird. Die Buttereinfuhr soll m erster Lrme den Bergleuten zugute kommen, d-e durch dre Mchr- arbett die Bezahlung der Butteretnfuhr durch Koh.e ermöglichen. /
Der ungarische Vormarsch»
Eine neue Niederlage der Tschechen.
Das ungarische Korr.-Burcau meldet: „Nach zweitägigen Kämpfen haben die roten Truppen K a s ch a n genommen. Die Tschechen erlttten eine erüscher- dende Niederlage. Unsere Truppen nahmen außerdem Schemnitz, Stapfen und Nagy errang." <
In Budapest herrscht über die Einnahme Kaschaus, der größten Stadt Oberungarns, großer Jubel. Ihren größten Erfolg glaubt i)b> Räteregierung aber m emee funkentelegraphifch empfangenen Depesche Cie» menceaus zu erblicken, der die Vertreter der ^.ate» regienmg nach Paris zur Friedenskonferenz beruft und Ungarn auffordert, dem FeDzug gegen die Tschechen ein Ende zu wachen. Diese Depesche mutz als ein ernster Versuch der Entente aufgefatzt werben, bat Tschechen diplomatisch zu Hilfe zu kommen. Bisher hat gerade die französische Regierung den größten Widerstand gegen die Ausnahme irgend einer De- ziehung mit der Budapester Räteregierung geleistet.! Die Depesche schließt mit der Drohung, innerhalb 48 Stunden die Angriffe einzustellen, widrigenfalls die Entente sehr streng mit den Ungarn verfahren werde. Die Regierung gibt bekamst, sie wolle sich wegen der „ungewöhnlichen Form" erst mal Gewißheit verschaffen,'ob die Depefche auch echt sei.
Banermmsstand in Westungarn.
Bei Oedenburg, in dem westungarischen Gebiet, das von deutschen Bauern bewohnt ist, sammelten sich ungefähr 4000 bewaffnete Bauern an zur Gegenwehr gegen die roten Gardisten der Budapester Räteregierung. Bei Zinkendorf kant eS zu einer blutigen Schlacht mit der Oedenburger Garnison. Die Bauern wurden, zu- rückgeschlagen und in Kollenhof von den Rotgardisten eingeschlossen. Nach kurzer Belagerung wurde Kollenhof, welches in Flammen steht, von den Truppen het, RätereaierUNg int Sturme genommen und ein entsetz-> liches Blutbad angerichtei. ...../
Der Berliner Demonslratioasstreik 'Vrnn wegen der Erschießung Levines hat am Samstag abend, wie beabsichtigt, fein Ende erreicht. Ein Generalstreik ist es nicht geworden, aber eine teilweise Störung des Erwerbslebens und eine sehr empfindliche Lahmlegung des Berliner Verkehrs. Der Versuch, die Eisenbahner zu einer Streikbeteiligung zu veranlassen, mißlang. Der Geschäftsverkehr wurde von dem Streik wenig ober gar nicht berührt.
Eigenartig war es, daß in München, wo sich ja die Erschießung Levines abspielte, keine Streikbewegung zustande kam. Auch anderwärts blieb es ruhig, nur in Hamburg gabs eine Kundgebung, die vor dem Rat- hause angesammetten Menschenmassen wurden schleßlich durch Schreckschüsse und durch Waffergarben auseincn« dergefprengt. Einigen des Weges kommend«» Offizieren wurden die Ehrenzeichen abgerissen.
* Die letzten kranken deutschen Internierten in der Schweiz (3000 Manns dürfen jetzt mit Erlaub-- niS der Entente in die Heimat zurückkehren.
* Keine EinreiseerlanbniS. Mit Ausnahme deL Kultusministers Hänisch wurde den übrigen Ministern und Staatssekretären sowie RegierungSräten, die zur Teilnahme an der Eröffnung der Kölner Universität in den nächsten Tagen nach Köln reifen wollten, die Einreise nicht gestattet. Selbst Minister Sieger- Wald, der in Köln beheimatet tft, kann an der Feier nicht teilnehmen.
aer
Olgas Irrtum.
v-« Stock «ck de« Rücken, 6afl Buch Buchdeckeln unter bemanne, so trat er alltäa. fröhliche Schar. Sobald er mrr heben der mutwilligen Lugenpaare trat, gab'g dh d»r dem ein nttabei nerverrstarker Marrn, Direktor, bie Flucht ergriffen hätte. Mein n hZl .ttux' der mikde Greis, und wenn's ihm gar i*r fadeu-hernige Rock unter den bafcu ^Egenem Händchen auS dem Zeuge zu gehen Jtam M er Wohl be« Stock w Abwehr, aber -ach-weu", wie Lffa WklberS sagte, hatte er
kt Wrisen Tage indessen hatte eS
wrr^^Ektor sehr eilig, und die Amtsmiene, bie er im Jahre, bei der Revision und bei der tr?”18' ließ schon auf den Zweck sei.
Die andrängenden Mädchen @(®ro_6eifeiie schiebend, steuerte er direkt auf das '^««aiide zu und traf im Korridor mit der Pfört» Susammen.
rusammen" ^2roen in3 Dibliothekzumner
Verstehen «Sie?*
gut, die alte Topgen, aber Brummen den (Serf brummte sie auch jetzt, ging in
tors «mgen Mädchen im Namen des Dtrek-
tnfen ^amtliche Lehrpersonen zusammen zu
Za L bann wieder in ibr Stübchen,
«estvltin^Eckerts bemerkten bie hohe Wü> eirten^Sht^^”0 itottoen bcn Jasminbüschen
— Herr fcSeOtÄ ?«i°thek zu kommen k Fch
diesem Schmiprüftmgen in
Monat früher stattfhtden. Nicht Lsck tto' darf dann wohl in Erta-
Pap- hätte es zu ym." — i-ür fhtben sie hier wieder - fceey^3 E-ich. toortn fte gÄesqn, und schritt langsam
„Darüber sprechen wir erst," sprach sie mit freundlicher Herablassung, „wenn Zeit und Stunde besttmmt ist", und bann verschwand sie in bett Wambelgängen deS Schulgebäudes.
Im Bibliothekzimmer stand der Herr Direktor, rieb sich mit dem Taschentuch den kahlen Schädel und putzte untt hauchte nuaußhörkich qn bett Mästun feiner Brille.
„Ich komme Sie zu benachrichtigen, meine Herren und Damen —•
»Ist wieder einmal einte RevrfiortZinstanz int Anmarsch?" unterbrach ihn Fräulein Springer, ein zierliches Persönchen, mit spitzer Nase, spitzen Worten itrib Viel Spitzfindigkeit.
»Kmmnt der Landesvater in unsere Klaffen?" todHe Fräulein OllenS wissen, „ach, bitte seien Sie doch nicht gar so „zugeknöpft", Herr Direktor."
»Dieser fixiert die lächelnden Gesichter der Damen so „von unten herauf" und sagt:
„Meine Damen, Sie kennten nicht den Errtst der Situation."
„Gewiß kennen wir den!" Und sie dachten daran, daß der Herr Direktor „Ernst" heiße.
Darauf zählte er bie Häupter seiner Lieben, zog sich einen Stuhl heran und begann:
„Einleitung! — Setzen Sie sich! Meine Herren und Damen, ich komme Sie benachrichttgen, daß unsere höhere Schule bie Ehre haben wird, den Herrn Oberpräsidenten der Provinz, den Ministerialrat R., Geheimrat W„ RegierungSrak O. und unseren neuen Landratsamts-Verwalter mit dem morgigen Tage zmn Besuche zu haben. Die Herren bereisen der Melio- rattonsarbeiten wogen unsere Gegend und möchten sich nicht versagen, einen Einblick in unser bestrenotnmier- ie3, einzig in feiner Art dastehendes Mädchen-Institut M Werse». Bereiten Sie also einige Gesänge und Ge- dichte vor und finde» Sie sich morgen früh um 10 Uhr wieder in her Bibliothek ein."
Oberlehrer Dr. Stürmer wollte wissen, wie denn der neue LandraiSamtSverwalter heiße; ht der Zsi- timg hätte eS noch nicht gestanden, und in die (Stabt käme man der Jtnelen Korrekturen wegen auch nur selten mehr.
Der Herr Direktor rieb sich die Stirne. Gehört habe er den Namen ja wohl schon, aber so etwas vergesse sich leicht.
„Warten Sie, ich habe ein Schriftstück, daI mir vom LandnttSamt zugeftellt wurde, in bet Tasche, darunter muß ja wohl fein Name stehen. ES ist heutigen Datums. Oham! Der Herr scheint noch nrit einem Feder, kiel zu schreiben. Meine Herren, treten Sie doch ein« mal näher und helfen Sie mir diese Hieroglyphen entziffern."
Sechs Köpfe neigten sich übet das Schristftück; be»n bie Damen sahen nicht ein, warum sie nicht auch Hieroglyphen entziffern könnten. Olga allein lehnte ernst und still an den Bücherregalen und hörte ohne sonderliches Interesse bett verschiedenen Mutmaßungen zu.
„Ah!" tief Fräulein Springer, „eines habe ich schon heraus. Friedrich heißt er also!"
Olga zuckte zusammen. Wie schwach sie doch war, daß selbst jener allgemein verbreitete Name ihr momen. tonen Schmerz bereiten konnte. Hatte sie den noch nickt vergessen, verschmerzt? O Schmach über jenes törichte Herz, das sich an alten Wunden zu Tode bluten wollte!--Sie fuhr zusammen. Wer hatte da
jenen Namen genannt, in dem der Mißklang ihres Lebens auStönte? — War es Täuschung? Sie horchte auf.
„Dette-n — Frie — de — rich von Setten! Stimmt auffallend!" Das mußte auch der Herr Direktor zu- geben.
. Jeder Blutstropfen wat aus Olgas Gesicht gewichen, mit krampfhafter Hand hielt sie sich an dem Regale fest, sie war nahe daran ohnmächttg zu Boden zu sinken und cs bedurfte ihrer ganzen erprobten Willens» kraft, um ihre grenzenlose Auftegung vor so vielen neugierigen Gesichtern nicht zu verraten. Ihn sollte sie Wiedersehen, vor dem sie geflohen wäre biS <m5 Ende der Welt! Ihm gegenübertreten, nchig und gefaßt, der ihr die größte Schmach zugefügt, die einem Weibe angetan werden kann! Der ihre Liebe entwürdigt, der sie betört, verraten, gedemütigt vor sich selber und ihren größten Feinden — sie mußte ge* walffam — Sch halten- um ba« Stöhnen ibreS Herzens
nicht laut werden zu lassen, um nicht in die Knie zu sinke,« und laut aufzuschluchzen aus der Tiefe ihres beleidigten, gedenrütigten Herzens.
Helle Glockentöne zeigten baS Ende der Erholung-, pause und den erneuten Beginn der Klaffenstunden an. Die Lehrpersonen verließen nacheinander bie Bibliothek. Nur einer blieb zurück, dessen besorgten Blicken der jähe Farbenwechsel auf Olgas Antlitz bei Nennung des Namens Deüen nicht entgangen war. ES toat bieS ein Mann von mittlerer Gröhe, mit rotblondem Haar, kurzgehaltenem Vollbart und goldenem Kneife«. Er trat jetzt ruhig zu Olga und sagte: ,
„Wenn Sie eS Vorzieher, jetzt nach Haus« zu gehen, will ich Sie in der französischen Stunde vertreten. Ich bin frei."
Olga griff noch diesem Anerbieten wie nach einem Rettungsanker. Sie wußte nicht, was sie sh«, erwiderte, sie dankte ihm mit einem Drucke der Hand.
Dann öffnete er ihr die Türe und ließ sie voran- fchretten. Er selber blieb auf der Schwelle zurück, f(Baute ihr eine Weile narb und strich dann einige Male hastig durch den Bart. Dann begab er sich schnell in das Klassenzimmer. Es war der Lberlehrer Dr. Stürmer. ,
In ihrem traulichen Wvhnzimmerchen daheim saß derweil Olga Gastrow und durckckämpfte von neuem den Schmerz, dem sie vor zwei Jahren fast unterlegen. In andere Verhältnisse war sie eingetreten, schon begann sie darin sich glücklich zu fühlen, da trat jener Mann wieder in ihren Lebensweg und rief alle Leiden wieder in ihr wach, die sie schon für immer überwunden glaubte.
Wäre ein Blitzstrahl vor ihr zur Erde gefahren, ei hätte nicht erschütternder auf sie einwirken können, ati jener Name, den sie einst voll Innigkeit geflüstert! Jene Stunde in der Fifcherhütte, die fie nie vergessen wird, tote sehr sie auch danach trackcket, jene Stunde! — O, wenn sie ausqelöscht wäre in ihrem Leben! Wie ihr das Blut zu Kopfe iteiai, wie ihr die ZorneStränen in die Augen treten, wenn sie daran denkt, tote ihr Stolz gelitten unter den Folgen dieser unseligen Sturchel
(Fortsetzung fdgt)