| Zreitag 23. Mai 1919
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finden und damit gleichzeitig die Quellen der inneren Kraft sich erschließen können, wenn sie im Geiste de« Christentums sich erneuert!
ter^fireiben kann oder nicht. Denn wenn er unter- schreibt, dann muß er auch innerlich davon überzeugt lcich. daß das deutsche Volk, so schwer eS tlfei auch ter« den mag, die Bcdingnngan zu erfüllen imstande ist. Ter un» vorgelegte Entwurf ifl so kompliziert, siebt in seinen Einzelheiten so diele internationale Berbindlich- ieitm vor und hat für alle Zweige deS d-utichen W-rt- schaftslebcns so unabsehbare Zofe.en, dtrß r§ gor nicht
Der Friedensfürst.
Don einer besonderen Seite wird uns geschrieben: Unser deutsches Volk hat seine schwerste Enttäuschung erlitten. Die meisten von uns haben auf den amerikanischen Präsidenten vertraut! Seine Botschaften galten uns als Grundlage für den Frieden! Wir glaubten unser Schicksal in die Hände eines Mannes gelegt, der fern allem Haß nur an Recht u. Gerechtigkeit dachte, der der Welt und chrer armen geplagten Menschheit einen wahren, dauernden Frieden bringen wollte. Aber all« unsere Hoffnungen erwiesen sich als trügerisch. WUson hat nicht gehalten, was er uns versprochen!
Wie so ganz anders steht heute Benedikt, der Friedenspapst da! Hätte die Welt auf seine eindring, lichen, mahnenden Worte gehört, wie lange schon wäre der Krieg beendet! Wie viele Tausende und Abertausende lägen heute weniger auf den Schlachtfeldern be- gaben oder liefen nicht als Krüppel hemm! Wieviel Id) und Leid wäre vermieden worden! Wer die Welt hörte nicht den Botschaften des Papstes. Auch in Dmtschland ging ein großer Teil des Volkes leichtfertig über feine Mahnungen hinweg und seine Dorschläge wurden nicht beachtet.
Heute, wo man die feindlichen Bedingungen kennt, wo man sich belogen und betrogen weiß, heute würde man sich glücklich schätzen, wenn die damals bekämpften Vorschläge des Papstes verwirklicht werden könnten, heute sieht man ein, wie diese päpstlichen Friedensricht- unien die Interessen des deutschen Volkes in der denkbar entgegenkommendsten Weise gewahrt haben! Aber M ist es zu spät! Jetzt hat die Entente die Macht in
I verlas s«r ÄuUtatt '".cttcnöruderetin Fulda. — Preis man an. 95 Pfg.;-ernn-r. Rr. v. retear.-Ädreffe: Fuldaer Ze,tuns.
»■» | Verantwortlich für Len redaktionellen Lett: Karl etbi> 11 e.
lll. I I für die Anzeigen: I. Parze 11 er, Fulda. — Rotattonödvuck.
Aus dem Vierer-Rat.
Versailles, 22. Mai. Während in den letzten Tagen die Sitzungen des Vierer-Rats fast ausschließlich van grundsätzlichen Erwägungen und Besprechungen über die Haltung gegenüber der deutschen Verhandlungstaktik auSgefüllt waren, haben gestern die praktischen Arbeiten wieder begonnen. Tie Durchspreckung der Einzelheiten der deutschen Noten hat ihren Anfang genommen. Soweit bis jetzt feststeht, werden nur einzelne Noten der deutschen Delegation besonders beanttoortel. Es zeigt sich nur die Neigung, über gewisse wirtsctmklliche Fragen mit Deutschland zu verhandeln. Irgend eine DereitwiNigkeit aber, auch in Verhandlungen über territorial« Fragen einzutreten, ist bisher nicht zu erkennen. So soll auch die Antwort CiemenceauS auf die deutsche Note über das Saargebiet ablehnend sein. Das Angebot Deutschlands, Frankreich auf Grwnd eines direkten Vertrages Saar- nnb Nuhrkohhen zu liefern, könne schon deshalb nicht angenommen werde»,, weil di« ftanzöfische Regierung sich nicht zum Teilhaber der Deutschen machen wolle.
Die Gehemrviskrämeres in Frankreich.
In Frankreich weiß tatsächlich kein Mensch, schreibt der „Vorwärts", von den Einzelheiten der Frie- densbedingungen. Das ist der Wikerfriede, von dem die Völker nichts, wiflen dürfen. Die französische Presie hat nach langem Flehen um die Erlaubnis zur Veröffentlichung bet Auszüge aus den Friedensbedingun- gen, die in dm ausländischen Blättern sofort bekannt gemacht warm, endlich einen zurechtgeftutztm Auszug aus dem Entwurf erhalten. Don den vielen wichtigen Einzelheiten des Vertrages, der über Frank- reichs Nachbarvolk das Todesurteil spricht, aber haben die Dolkssührsr keine Kenntnis.
Wie nun Pariser Blätter melden, haben 140 Deputierte aller politischen Gruppen beschlossen, die Ne- gierung auszufordern, den Wortlaut des Vertrags schleunigst allen Mstgliedern der Kammer tinb des Senats zuzustellen. Auch im Senat beginnen sich dir Gruppen zu rühren.
Unterredung mit Vrockdorff-Raahau.
wtb Versailles, 22. Mai. Der Reichsminister Se-
°en Händen, und will sie auch ausnützen.
Was aber wollte der Papst? In feiner Botschaft
1. August 1917 machte Benedikt den kriegführen- Staaten folgenden Vorschlag:
An die Stelle der Waffen mutz die moralische «raft de» Rechter treten; hieraus folgt gleichzei. «ge und gegenseitige Verminderung der Rüstun. ?en bis zu dem Matze, das zur Aufrechterhaltung der amtlichen Ordnung in jedem Staate notwendig ist. «nsteilz der Streitkräfte mutz die Einführung der Schiedsgerichtsbarkeit mit ihrer hohen frieden- stiftenden Wirkung gemäh vereinbarter Grundsätze Mn, Ave internationalen Streitfragen sollen dieser «chiedSgerichtSbarkeit unterworfen werden und der Maaten, die sich weigern, sich dem Urteilsspruch ai nuerwerfen oder seine Entscheidung anzunehmen, be- stwwtt« Strafen angedroht werden. Jedes Hindernis, Elches dem freien Verkehr der Völker im Wege ist zu beseitigen, und nach bestimmten Grundsätzen
"e Freiheit der Meere ficherzustellen.
yätte es bessere Grundsätze für einen dauernden uneben geben können, als die Verwirklichung dieser vchren Gedanken, die der Papst über den Völkerbund «»wickelt hat? Benedikt stand auf hoher Warte, sein 2?} schlug für alle Bedrängten ohne Unterschied! Sein Mick war nicht umdunkelt vom Schleier der Degünsti- «ststg oder Einseitigkeit! Gleiches Recht für alle, Le- ^smdglichkLit und Gedeihen für alle Dölkecschaften "st» Nationen, das war seine Friedensparole. Ser» st^digung und Versöhnung wollte er stiften, als er Entr vorschlug, die Gegner sollten gegenseitig aus , Am 4 ädigung und Ersatz der Kriegskosten ver- ou.? en' uni> nur wo Unrecht geschehen, müßte es
®leder aut gemacht werden. Um alle -»Anfragen zwischen Frankreich, Deutschland, Italien, Österreich und Rußland ein für alle Male aus der b» k“, hoffen, verlangte der Papst die R a u m u n g jZ besetzten Gebiete und Entgegenkommen z-^vtz^elnen Staaten bei der Regelung der Grenz- und '-«richrialfrogen.
.Das war das große Ziel de« Papste«: Ein Frie- ds«»?*rsöhnung und Verständigung,
Echtes und der Gerechtigkeit! Die Wn os. ^^edensboten von Rom ist unaehört oer- ,J'QS Schicksal der Welt wurde in die Hand von fluchtigen Krämern geleot.' Herzlos und kalt und L? »onsüchtigen Interessen wird über uns entschie- , "ud darum auch kann kein wahrer Friede kom- ,k. ■ Dle Menschheit wird dann erst den wahren ^en und die Rübe der Herzens und der Seelen
Aeußers Graf von Brockdor ff-Rantzau . währte dem Vertreter des Nachrichtenbüros des Ber- eins Deutscher ZeUungsverleger in Versailles eine Unterredung, in deren Verlauf der Führer unserer Friedensdelegotion auf die Frage, wie die augen- blickstche Lage fei, unoeföhr folgend« Antwort gab:
Ix, diesem Augenblick handelt eS sich noch nicht um die Beantwortung der Frage: Zeichnen oder nicht zeichnen? sondern darum, sich darüber klar zu werden, ob ein ehrlicher Mann das, was die Entente verlangt, un-
möglich ist, in einem Zeitraum von etwa 12 Tagen sich über alle diese Folgen Rechensä>aft abzulegen. In einzelnen Punkten konnten wir bereits unseren Gegnern in großen Zügen unsere Ansicht mitteilen. Ent» schlüffe über unsere Stellung zum ganzen Vertrage kann, len bisher weder hier noch tn Berlin gefaßt werden.
Das halten Herr Graf von den in der gegnerischen Presse an die Reise deS Marschalls Fach nach dem besetzten Rheingebiet geknüpften Folgerungen?
Auf diese Frage kann ich mich nicht einlassem Sie können sich aber denken, daß diese ZeitungSme!dun» gen und die daran geknüpften Verrnutung«, nrich, in meinem Arbeitsprogramm tn keiner We se beeinflussen. Heute kommt alles darauf an, daß das deutsche Volk und seine berufenen Führer die Ruhe bewahren, die zur Lösung der schwierigsten Probleu,e erforderlich ist. TaS deutsche Volk kann überzeugt fein, daß die ReichSregierung und die Friede nSdeleg erten in gemeinschaftlicher Beratung nur einen Beschluß fassen werden, ber die Interessen aller Bevölkerungsschichten berück- sichtigt, und daß sie vor allem ihre Hmiptaufgabe darin sehen werden, alles Menschennrögiickie zu tun. um dem Deutsch?en seine Lebens- und E x i ft e n z ... ö g l r ch. k e i t zu sichern.
Eine Jnsormotron nach Amerika.
Die Berliner Vertretung der »Associated Preß" gab eine ihr von berufener Seite erteilte Information nach Amerika, in der dos anerkannt« Recht Deutschlands aus einen Frieden des Rechts, der Gerechtigkeit und der Versöhnung bargelcgt wird. Deutschland habe Frieden geschlossen auf Grund der 14 Punkt« Wilsons, die sich ganz Amerika zu eigen gemacht hatte, und ganz Amerika wie feder einzelne Amerikaner sei für die Erfüllung diese» Anspruches haftbar. Deutschland glaube nicht, daß Präsident Wilson, Staatssekretär Lansing und das amerikanische Volk sich aus einen anderen Standpunkt stellen könne, wenn fte nicht das tun wollen, was Präsident Wilson in seiner Botschaft vom 4. Dezember 1917 weit von sich wies, als er sagte: »Wir würden unsere eigene Sache entehren, wenn wir Deutschland anders als gerecht und unparteiisch und mit dem leidenschaftlichen Verlangen nach Gerechtigkeit gegen olle behandelten, einerlei, wie der Krieg ende. Wlr verlangen nichts, was mir selber zuzugestehen nicht bereit sind." Das deutsche Volk verlangt auch weiter nichts, als das, was Präsident Wilson In dieser Erklärung verkündet hat. Man könne nicht glauben, daß irgend semand tn den Bereinigten Staaten den Mut haben werd«, zu behaupten, in den Friedenshedingungen von Versailles habe man auch nur eine Spur von Wilsons Programm übrig gelassen. Hier beginne die bestimmte Verpflichtung Amerikas zum Einschreiten. Amerika müsse entweder seine 14 Punkte durchsetzen oder es muß erklören, daß es dazu nicht imstande ist, oder datz es das nicht will.
Die franEche Gewaltherrschaft in der Pfalz.
Der Pfälzische Putschversuch und seine Vereitelung, haben weitere Folgen gehabt. Die deutschen pfälzischen Behörden haben die vier Haupträdelsführer be! dem Putschversuch v e r h a f t et. Nun hat aber dis fronzösisch« Militärgewalt eingegriffs» und nicht nur dir Freilassung dieser Männer erzwungen, sondern auch ihrerseits den deutschen S t a a t s a n w a l t. den Awtsgericktsdirektor und den Gefängnis vermalter, welche bei diesen Verhaftungen mitgewirkt haben, verhaftet. Gleichzeitig ist Hofrat M a h la, der Bürgermeister von Landau, in dos unbesetzte rechtsrheinisch- Gebiet obgtFchoben worden.
Dieses Vorgehen der Besatzungsbehörden stellt über jeben Zweifel hinaus klar, daß die ganze Bewegung zum Anschluß der Pfalz an Frankreich nichts als eine französische Mache ist. Es sind nur etwa zwei bis drei Dutzend Landesverräter, auf die sie sich dabei stützen kann. Die ganze übrige Bevölkerung weist mit größter Entrüstung diese Machenschaftkn zurück. Aber das französische Militär hat nun mal die Macht In der Hand, soweit es seine Macht den Landesverrätern zur Verfügung stellt, kann nichts diese zwei oder drei Dutz- end gewissenloser Schufte daran hindern, das ganze pfälzische Volk zu vergewaltigen. Cie haben ihren Putsch bis ins Einzelne vorbereitet, und rechnen darauf ihn mtt Hilfe der französischen Bajonette durchzuführen.
Um die Lsimarken.
Die Abgeordneten der Ostseeprooinzrn traten gestern im Abgeordnetenhause zu Berlin zu einer vertraulichen Besprechung zusammen, an der mit den Regierungsvertretern Ministerpräsident Hirsch und die Minister Oeser und Fischbeck teilnahmen. Don berufener Seite wurde eine allgemeine Uebersicht über die Loge im Osten des Reiches gegeben. Anscheinend will die Entente Lettland und Livland zu einem Staat zusammenfassen, in den Memel und Heidekrug einverleibt werden sollen. Es besteht die Gefahr, daß Ostpreußen — von Polen umgeben— vollkommen entdeutscht wurde. Es wurden zur Erleichterung der Arbeiten zwei Ausschüsse gebildet, einer für den Norden, und einer für den Süden.
Die Fristverlängerung
für die Geaenvorschläge.
Es wird nachträglich bekannt, daß die Frisiver- läncerung für die Eirneichung unserer Antwort und Gegenvorschläge dadurch notwendig geworden ist, weil die Ententeregiermwen gewünscht haben, daß unsere Antworten und Noten nicht nur wie bisher in deutscher Sprach«, sondern auch in fran,ö- sischer und rnoltsch«, Uebersevung eilige» reicht werden feilen.
Die Berliner Presse warnt übereinstimmend, aus der Fristverlängerung weitgehende Hoffnun en auf Zugeständnisse der Entente in den Hauptpunkten deS Vertrags zu schöpfen. Nach Meldungen au« Paris erhob sich dort im Viererrat gegen di« Gewährung der Verlängerung überhaupt kein Widerspruch. Ter Grund der Vereitw lltglett wird in der Hauptfach« darin zu erblicken fein, daß die Alliierten selbst Schwierigkeiten gehabt hätten, innerhalb der kurzen Frist das oanze Mat-rial der deutschen Gegenvorschläge zu h-wältigen. Schon das jetzt vor- litpenör deutsche Matertal übersteigt an Umfang den ganzen Frieden» der trag. Andererseits leien dis Allt» rerten gewillt, die deutschen Vo'Ichläg« und Einzelheiten bis in alle Einzelheiten zu prüfen, soweit sie allerdings nicht Fragen beträfen, über deren Löiung eS feine Diskussion geben könne. Trotz die er Fristverlängerung halte man daran fest, daß in den ersten Junitagen unbedingt unlerzeichnet werden müsse.
Ministerkonserenz in Spaa.
Gestern abend sind die Hauptmitg'irder des ReickSministeriumS, Scheidemann, Erzberger, Dernburg und außerdem der mit den Friedens- orbeiten betraute Botschafter Graf Bernstorfs nach Spaa mit Conderzug gefahren. Dort trifft heule aus Versailles unsereFriebeitSbelepalion ein und zwar vollständig: Graf Rantzau, LandSbera, GieSberts, Leinert, Dr. Melchior u. Prvf.Schückina. In Spaa soll die endgüitigeRedaktion der deutschen Gegenvorschläge stattfinden. Die Zusammenkunft wurde notwendig, toetl der Verkehr zwischen B«r!m und Versailles außerordentlich erschwert war, andererseits aber die Regierung fest entschlossen ist, dem deutschen Volk so schnell wie möglich Klarheit über die deutschen Gegenvorschläge und damit zugleich über die Friedensaussichten zu geben. Der ReickS- kolonialminister Bell ist ebenfalls mach Spaa gereift.
Noten Nrockdorff-Rantzaus
und ClemeneeauS.
wtb Versailles, 22. Mai. Bon deutscher Seite wurden heut« Herrn Clemenceau zwei Noten übergeben, die erste über die Frage des deutschen Privateigentums tm Auslände, die zweite über das Arbeiterrecht, die letztere als Erwiderung auf die von gegnerischer Seite hierher gelangte Antwortnote.
Gleichzeitig find zwei Raten ClemenceauS eingegangen, erstens hie Antwort auf unsere Note über die wirtschaftlichen Folgen des Entwurfes brr Friedensbedingungen, zweitens die Antwort auf unsere Note bett, den Völkerbund.
Aus dem besetzten Gebiet.
Aus dem von Belgiern besetzten Gebiet wird der „Germ." geschrieben: Vor allem di« Belgier sprechen in «hier Art und Weise .Recht", die allem Gerechtigkeitsgefühl Hohn spricht. Einige Proben der »belgischen Gerechtigkeit", die beliebig vermehrt werden könnten. Ein Zug läuft einige Minuten nach zehn »irgendwo" «in. Un? zehn Uhr abends darf niemand mehr die Straßen betreten. Gleich am Bahnsteig werden alle Leute von Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett in Empfang genommen, erst nach der Wache gebracht und daun für sie Nacht ins Gefängnis gesteckt. Kurz darauf erhält jede Person eine Vorlccktivng vor das Divi» flonSgericht. Und im Handumdrehen ist der ganze Schwarm verurteilt. Die Fünfzehn- und Sechzehnjährigen erhalten jeher 200 Franken Strafe, macht nach dem heutigen Ektnbe unsere? Geldes weit über 400 Mark, die anderen je 200 Franken und zwei Tage Ae- fängnis, wer der Vorladung nicht folgte, 800 Franken und drei Tage Gefängnis. Wer nicht zahlen kann, kommt für je 6 Franken einen weiteren Tag hinter Schloß und Riegel, macht also in Summt; 42 Tage Gefängnis für einige Minuten nach 10 Uhr, die durch die ZugverspStung bedingt sind. Und die meisten Leute können nicht zahlen, wenigstens nicht soviel Strafe zahlen. Eine Mutter ist dabei, die kleine Kinder hat und erfolglos bittet, erst noch einmal nach Hause geben tu dürfen. Der Vorsitzende erklärt noch wie zmn Hohn, wer sich nach 10 Uhr draußen aufhalten wolle, müsse einen NachtauSMetS haben. Dabei bekommen nicht einmal die Geistlichen mehr einen solchen, um den Kranken den letzten Trost bringen zu können.
Andere Befipiefe: Ein über 70 Fahre alter Herr, her nicht mehr nut sieht und hört, stößt tm ©aber ge* S-m einen belgischem wfff-ier an. tTe« :14V** 1 eie
bolNifckr. *n re n tue fei auSgcTegt und trägt >hm mehrere-
Tage Gefängnis und eine ziemlich hohe Geldstrafe «tn. Em Arzt macht einen Krankenbesuch, überhört den An ntf einer Patrouille, die bann gleich auf *i W«». Er beschwert sich darüber an der zuständigen Cteaeunb erhält für diese D-schlrerde — ©efangni» und Geld- strafe! ' UefceibteS bedauert die zuständige ©teile Mj der Posten nicht besser gosibossen bezw. getroffen habe. Wer seinen Ausweis nicht bei sich tragt unb danach ge» fragt wird, unb sollte er auch nur quer über tue Stra.^e gehen, büßt daS „Verbrechen" mit 150 Franken l ati siebzehnjähriges Mädchen unb eine junge Frau sind zwt- eben der belgischen Musik und dem mit großem Zwi. scbenraum folgenden Soldatentrupp hindurchyegaiE. Strafe 80 Tage Gefängnis unb 1000 Frauken Ein fungtr Bursche hat beim Herannahen einer belgischen Patrouille gepfiffen. Dafür muß er einen Mon.it ms Gefängnis. Ein Herr hatte beim Herannahen ber bei. gischen Fahne schleunigst kehrt gemacht, um sie nicht grüßen zu müssen. Um ihm bie fehlende Ehrerbietung beizubringen, läßt man ihn 1000 Franken zahlen unb setzt ihn 15 Tage fest. DaS Nichtgrüßen ober nicht recht- zeitige Grüßen der Fahne hat schon manchem Nngele- genheiien bereitet. Daß den Botrcffenben ber Hut vom Kopf geschlagen wird, ist noch das wenigste! Es sind mich schon schwere Säbelhiebe bei der Gelegenheit <nis- geteilt worden, so daß bte (Betroffenen ins Kranken- hau? geschafft werden mußten. Sogar auf $trteg?be- schädigte, die infolge ihrer Verletzungen sich nicht hei- fen tonnen, nimmt man dabei keine Rücksicht. Ist es doch vorgekommen, datz ein durch schweren Kopfschutz linksseitig Gelahmter nur mit knapper Not dem Tode entging. t
DaS sind einige Fälle aus Tausenden unb noch lange nicht die schlimmsten. Auffallend ist. datz in Wer Zeit die Strafen strenger geworben sind und vor allem Geld hermiSgeschunden wirb. Viel Geld herauSholen, baren! scheint alles angelegt zu fein. Weiter gilt eS, die Deutschen zu erniedrigen, unter allen Umständen zu erniedrigen I Tamm ins Gefängnis mit ihnen!
Wie ist gezetert worden über deutsche Räubereien! Dazu folgende Tatsache: In Calcar besst-t ein Düs- ftlt’tnfer Maler ein wunderbar eingerichtetes Hans. In demselben trat ein belgischer Hauptmann mit Frau und Kind einemartiert. Am Tage nach ihrer Abreti« wurden hie sämtlichen wertvollen Möbel, insbesondere auch die Gemälde, säuberlich von einem Feldwebel unb zwei Mann in Kisten verhackt, um dann ebenfalls dir Reise nach Belgien anzutreten. Al? Packmoterial wurden Matratzeniiberzüge ufto. benützt. Nur einem Zufell war eS zu danken, daß der Versand nicht zur Ausführung kam. Ein Bürger hatte in dem unbewohnten ^auje nachts Licht bemerkt und die Polizei benachrichtigt.
Ter Kommandant von Eleve, ober wie ibn bte Bürger nennen, der Tyrann von Eleve, ein Major Monregnle, trieb es derart, datz er, wie. mitgeteill wurde, vor daS Oberkommando in Aachen zitiert werden mußte. Aber man wollte ber Bevölkerung nicht entgegen!ornrnen unb auch ben Herrn nicht blotzstelleii. So "schickte man ihn, trotz der ungeheuren Erregung, di« gegen ihn in Cleve nutz Umgegend herrscht, wieder, auf feinen dortigen Posten. Ganz besonders hat sein Jtitt- licheS Verhalten bei bet gläubigen Bevölkerung größten Anstoß erregt. Wie es unter seiner Gerichtsbarkeit zu- geht, dafür nur baß Nachstehende. Der Besitzer eineS großen Sacrfes, in dem belgische Soldaten untergebacht sind, hatte diese gebeten, sein ohnehin durch bte Elnquatierung sehr geschädigtes .HauS doch etwas mehr zu schonen. Er hatte ben Soldaten und Unteroffizieren erklärt, sich an ihre Vorgesetzten wenden zu wollen, wenn die Zustände sich nicht besserten. Tie Soldaten vetwichteten nämlich ihre siebenden und sitzenden Bedürfnisse nicht an dem dazu bestimmten Ort, so datz der Daalbesitzer jeden Morgen um fünf Uhr auHto'he.n mutzte, um den Saal und die Umgegend zu reinigen. Der GerichtSherr fand es sehr gesund, früh anfzusteben, und dann wurde der Wirt, weil er durch seine^Aenße- ntstg die Soldaten beunruhigt hätte — er hätte sich direkt an den Hcmvtrnann wenden sollen — wegen „Aufreizung der belgischen Soldaten gegen ihre Vorgesetzten" zu einem Monat Gefängnis und 1000 Franken Geldstrafe verurteilt.
Wir denken, dies« Proben genügen. Do? ganz« Elend wird Deutschland ja erst erfahren, wenn wir wie- der frei sind.
Di« Lag« im mitteldeutschen Dergrevier.
Wie ans Halle berichtet wird, ist es im Mittel- deutschen Bergbaurevier glücklicherweise nicht zu dem befürchteten Generalstreik gekommen. Am Mittwoch fand eine Versammlung der Betriebsräte des ganzen Reviers statt, die sich mit der ?! u f I ö f u n g des Bezirks-BergarbeiterratS beithäfügten. Die Auflösung dieses ve^irkSraiS erfolgte, weil er in völliger Verkennung seiner Pflichten eine Propaganda gegen die republikanifche Regierung in Deutschland gefördert hat. Wie weit dieser Rat dabei ging, mag daS folgende Flugblatt zeigen, dessen Verbreitung er für angemessen gehalten hat:
.Kameraden! Arm in Lrm mit dem Kapitalismus versucht Euch die Regierung zu knebeln. Brecht den Terror der Kapitalisten unb ihrer Handlanger. Auf Euch kommt eS an. Ihr seid di« Stoßtrupps des revolutionären Proletariats. Röstet zu neuen Schlägen. Der Tag der Abrechnung mit Euren Feinden ist nicht mehr fern. Bezirks-Bergarbeiterrat beim Oberberg, amt Halle."
Dies« Stilprobr beweist zur Genüge, daß das Deiterbestehen dieses ArbeiterrctS, der sich foaat staatliche Unterstützung gefallen ließ, nicht geduldet werden könnt«.
Roter Terror.
In der Fabrik von Brown Boveri u. Co. in Mannheim hatten die freien Gewerkschaften unlängst die Angehörigen der christlichen unb Hirsch-Dunckerschen Cr- gauifalionen genötigt, die Arbeit einzustellen. Tie Fabrik hatte jebock die Leute nicht entlassen, fonbtrn sie unter Fortzahlung deS Lohnes beurlaubt. Durch Schiedsspruch tmitre das Vorgehen ber freien Gewerkschaften als unzulässig bezeichnet, worauf die Firma erklärte, die Leute vom 19. Mai ab wieder beschäftigen zu wollen. Die Reaterung setzte bie Organi. foffenen davon in Kenntnis, oaß, falls Behinderunaen ftattfinben sollten, weitere Schritte getan würden. Die radikal sozialistischen Arbeiter kümmerten sich jedoch weder um Regierung noch um ihre GewerkschaftSbeamfen. Si« erzwangen durch Stillegung be? Verrieb«! die abermalige Entlassung der mißliebigen Arbeiter. Tie Regierung ist abermals um Abhilfe angegangen worden.
Kirchenverfolgung in Weftuvsiarn.
Eine Hera der Verfolgung ist für die christliche Bevölkerung Wcstungarn» angebrochen, einer Verfolgung, in der wahnwitziger Fanatismus und Heimtücke, kaltherziger Mord und Staub um den Vorrang streiten. Zwar zwingt die „Proletarierreplcrung" den yrirfler, auf der Kanzel zu verkünden, daß Freiheit und Schutz der Religion von feiten der Segie-ung gemibtt seien, aber b*r Prediger, der sich n>tigert, New Ö8a» eon d'- Ort» au» -i pxen der be» Wahrheit des Gotttsmortes gedeihtxiil. ist nut betr
Preußische Landesversammlung.
Sitzung vom 22. Mat.
Zur ersten Beratung steht der Nachtrag zum Ent- «urs des Staatshaushaltsplanes für 1919, der bie Stus» „,frn für das neu zu errichtende Ministerium für Holks- ««hlfahrt anfordert.
$lbg. Frau Hanna (Soz.): Di« fozialdemokratifche «urtei begrüßt die Errichtung des Ministerium» für Volks- Ahlfahrt. Die Aufgaben der neuen Amts werden in nfter Linie der Gesundheitspflege zu gelten haben. Der gefundhettszustand unserer Bevölkerung ist geradezu .et» ichreckend. Rur 3 Prozent der Bevölkerung können ben Aufgaben der Gegenwart und Zukunft als vollkommen gewachsen augefehen werden.
* Minister für Dslkswohlfshrt Sfegertealb: Die Vorlage spricht dem Bedürsnis, um die Lücken, die der Krieg ta unser Volk gerissen hat, im Lause der Zeit wieder ui schließen. Die soziale Hygiene bedars be« gründlichen tzusboues. In den Städten ist zurzeit eine großzügige Wohmmgsresorm noch nicht möglich, dafür muß auf dem Lande eine umfassende Siedelungsreform einfetzen. Die Jugendfürsorge muh gesetzlich geregelt werden. Bei ae- ttügenbem Zusammengehörigkeitsgefühl und Verständnis für di, Pflichten der Nächstenliebe kann man auch in einem verarmten Lande Wohlfahrtspolitik treiben. Verlieren mir in diesen schweren Schicksalsstunden nicht den Glauben an uns selbst. (Beifall.)
Abg. Faßbender (Zentr.): Wir glauben, daß der MI- nister der rechte Mann ist, der auf diesem Gebiete Neue« schaffen wird. Ein« Hauptaufgabe wird es fein, not- beugend zu wirken, um die Krankheiten zu verhindern, xabei spielt das Wohnung»- und Siedlungswesen eine her- vorragende Rolle. Die Jugendpflege kann noch in ganz anderer Weife ausgebaut werden. Dor ollem muh auch die Wohlfahrtspflege auf das Land gebracht werden. Hier ßtgen die Wohnungsverhältnisse noch Im Argen. Notwendig ist eine fachgemähe Belehrung der Bevölkerung mich tn den Fortbildungsschulen. Der Redner verweist auf di« große Gefahr der weiteren Ausdehnung der Tuberkulose mid fordert weiter eine Kinozensnr. (Eine Zentralstelle gegen Schmutz in Wort unb Bild sollte dem Wohlfahrts- Ministerium angegliedert werden.
Auch die Redner der übrigen Parteien sprachen sich günstig zu dem Anttag an».
Cs werden insbesondere gefordert: Derbesierung der Säuglingsfürsorge, Ausbau der Jugendfürsorge. Der llnabh. H o f s m a n n spricht dem neuen Ministerium fein Mißtrauen aus, weil ein Zentrumsmarm an der Stütze stehe.
Freitag: Anfragen. Fortsetzung der Beratung.