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I Mittwoch 9. flprll 1919, | ». SSÄÄSS I 46. Zahrg.
Der Umsturz in Bayern.
Kl / Den aus Bayern einlaufenden Nachrichten geaen- I «jtt ist Kritik heute noch mehr am Platze als sonst- | fcnit zahlreiche Anzeichen sind dafür vorhanden, daß &| neuen Machthaber in München die Zensur scharf M Handhaben. Das eine sieht man aber deutlich, der Unitturz 'st alles andre als eine Willensäußerung der H»| rayriichen Bevölkerung; er ist das Werk einer ziel. g«l de-utztcn und tatkräftigen Minderheit, der eine »I unfätißt und wie daS Beispiel der Mehrheitssozialisten »I gtigt schwankende, haltlose Mehrheit ohnmächtig «I ^-enübersteht. ES ist aber undenkbar, daß daS bayrische Volk sich auf die Dauer von einem J*| Häuflein Radikaler vergewaltigen läßt, das im baye- 1 I Men Lande nicht bodenständig ist. Die bisherige Bayerische Regierung gibt daher ihre Sache nicht ver.
»I jeren. Dem bayerischen Wesen ist em Radikalismus im I Etile des Bolschewismus in der Seele zuwider. Daß
11 es aber auch mit der bayerischen Gutmütigkeit eine I Grenze hat, das beweist der Umstand, datz bayerische Bauern und Burgern außerhalb der bayerischenLandeS.
I grenzen em Freikorps gebildet haben, welches nun» ■I mehr dazu aufeeruien werden soll, in München die I entsprechende Erziehungsarbeit vorzunehmen. Diese ■I kann gar nicht umgangen werden, wenn nicht Bayern *> I and das Reich in Trümmer gehen sollen.
, I Immerhin wird die Abwehr des RäteterrorS nicht II s» ganz leicht sein. Ob von Bamberg aus sich der He» I bei apsetzen laßt, um die Münchener Diktatur auS den i Sngkln zu heben, ist unsicher, denn die Ansicht, daß der 21 «lordcn von Bayern widerstandssähig gegen den Bol» ki| schewismuS sei, ist nicht unbestritten, wenigstens was , I hie Industriestädte anlangt. Man hofft auf die Bau»
I tri; aber ein Teil derselben ist durch die Hetzereien [H M Bauernbundes schon radikal angehaucht, und ihrer
I klatui nach ist die breit zerstreute Bauernschaft wenig || aktionSsähig. Von dem .bürgerlichen Gegensireik» soll •| man sich nur keine Wunder versprechen. Der würde M stellenweise das Elend steigern; doch daraus machen sich «| die Kommunisten nicht viel. Im Gegenteil: sie speku» . | Herrn auf die Verzweiflung deS Volkes. Am meisten T| ist wohl noch von der Lcbensmittelsperre gegen München I I zu erwarten, unter der die neuen Gewalthaber mit zu l»I Inden hoben würden
Hoffentlich läßt die Klärung nicht zu lange auf sich «I »arten. Wenn die Verwirrung int Innern so sortgrnge
I dann würde nicht allein der Friedensschluß verzögert r| »der gar vereitelt, sondern auch unsere Lebensmittel» »I »eisorgung geriete ins Stocken.
Erregung in München.
b| * München, 8. April. Die Erregung in der Münchener . Bevölkerung wächst. Die Räteregierung erläßt eine |,| Kundgebung, worin sie behauptet, eS würden antise» »'tische Flugblätter verbreitet. Die Regierung weide dadurch gezwungen, alle die Personen, die die Ruhe e| l>er Stadt gefährden, testzunehmen und sofort vom
I lllevolutionStribunal aburteilen zu laffen. In den .1 Hauptgeschäftsstraßen haben fast sämtliche Läden ge» ■ Wossen, teils wohl aus Furcht vor Plünderung, teil» »L £?r ouc^ infolge lautlos betriebener Agitation für einen xurgerstreik. Vom Zentralrat ist die Schließuni sämt»
I stcher hiesiger Banken beschloffen mordest. Die Banken BI torrSen von einer erregten Menge, die größtenteils aus gl «Einen Sparern besteht, umlagert. Die Schließuni der »anken hat zur Folge, daß die Postämter nach den pl dorausgegangenen zwei Feiertagen keine Gelder kl «leben und auszahlen können, was die allgemeine (l Verwirrung nur noch erhöht.
II In '^Hnchen, 8. April. Die in Bamberg versammelte I Regierung hat durch Flieger über München »I °,*la°‘ätter abwerfen lassen, worin die Regierung
I dnß sie nach wie vor zu Recht bestehe und die m Jiundben erfolgte Umwälzung nicht anerkenne. Sie
I lMtce bald weiteres von sich hören lassen.
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l Elufruf des Kabinetts Hoffmann.
wtb Bamberg, 8. April. Die Regierung deS vMIlaates Bayern wendet sich in einem Aufruf ■n.6®5 bayerische Volk, worin zunächst der Leiden »nd Entbehrungen der Kriegszeit gedacht wird. DaS des durch die bayerische Volksvertretung »kwahlien Ministeriums Hoffmann sei Arbeit und w e°bnnn erwähnt der Aufruf die seit B«. myen des ^Ministeriums zum Wohle deS Staates «n°fe.ner Würde getroffenen Maßnahmen. Schließ- forbert der Aufruf die Volksgenossen und Arbei- r auf, hinter ihre selbstgewählte Regierung zu tre» En und rm Geiste deS Sozialismus und der Demo» uoile am gemeinsamen Aufbau der Arbeit gegen Errox und Diktatur für die Befreiung aller w &’e sozialistische Volksregierung
** wttten.
Das 2. bayerische A.»K. regierungstreu.
Nürnberg, & April. Die Soldatenräte be8 gesamten iaih * ^en Armeekorps haben den Beschluß des Korps- w«.0» k-tatJL pebiaiflt, der dem Ministerium Hoffmann rsen 6te Münchener Rätediktatur die militärische Un. k^w^lng de» 2. bayerischen Armeekorps ausgesprochen O^.^amit haben sich alle Garnisonen dieses Arrnee- den Befehlen bei Ministeriums unterstellt.
Dir Lage in Nürnberg.
I 8. April. Durch Plakatanschlag
I |e|Iv,?tute früh die Verhängung deS Kriegszustan'» ■ e-j. oE'anntgegeben. Umzüge und Kundgebungen | hA_.. et‘,0,en- Der von den Unabhängigen pro» [ y.”'‘t.rle Sympathiestreik für die Räterepublik | '*e,tert- Ihre Maflenversammlung auf der | «chuett verregnete und verlief zerfahren und I ui»» l5 oS; Die Sozialdemokratie hielt heue nach- I teschr f^schiedene Versammlungen ab, in denen | Gourde, morgen wieder zu arbeiten und
I fass„„ "Ee zu wählen, die sich zu weiteren Beschluß- I gUfr.5e". morgen versammeln sollen. In einem I sich 4.'?""i'cher bürgerlichen Parteien, dem I btt , ber Bauernbund und der Vollzugsausschuß I Römischen Bauernräte angeichlossen hat. I ordnungsliebenden Volksgenossen aufge-
| tu rMit dem Landtag das Ministerium Hoffmann I Ükgen die Räte-Tiktalur zu un»
I ^knsmittelsperrc über
München und AugSburg.
8. April. Die Bauern zu Franken I Dberpfal, haben beschlossen, von heute I Lb^"""og 5 Uhr ab die Lebensmittelsperre | 3}sn*U9§bur9 und München zu verhängen, bis in 18QIIP, " öie Räteregierung zurückgetreten ist. Die l»nbh.Jrlft, 6ra Oberbayern, Schwaben Itet» ä? gau schließen sich an. Die Bauern- | *»üteij^" btt strengste Kontrolle über die Lebens»
Auch die Einzelstaaten rücken von der RSteregierung ab.
wtb Stuttgart, 8. April. Eine von dem württem» beroischen Staatspräsidenten Bios, dem badischen Ministerpräsidenten Geis und dem hessischen Mini» sterpräiidenten Ulrich veröffentlichte Erklärung besagt, daß' die Negierung von Württemberg, Baden und Hessen das Ministerium Hoffmann nach wie vor alS die alleinige rechtmäßige Regierung des Volksstaate» Bayern anerkenne.
Trostlose Lage im Ruhrgeb kete.
Essen, 8. April. Unter dem Einfluß der Streiks ans den Zechen ist die allgemeine Verkehrskage äußerst trostlos. Die Förderung ist in der Vorwoche um rund 800,000 Tonnen zurückgegangen. Demgemäß ist attch die Wagenanforderung, die bei dem geringen Bedarf stets voll gedeckt werden konnte, weiter zurückgeaangen, und zwar von 20,003 auf 6000 am 5. April. Ferner ist die Kipperleistung beim Umschlag in den Duisburg»Ruhrorter Häfen, die sich nach Beendmung des Streiks der Umirfilaq» Arbeiter am 28. März wieder auf etwa 15,000 Tonnen geboten hatte, allmählich auf 4000 Tonnen täglich pe'unken. Auch in den Kanalhäfen sieht eS trau» zig aus; fast alle Häfen sind mit Laderaum vollgestopft, sodaß sie größtenteils gesperrt werden mußten. Der geringe Umschlag, der noch in den letzten Tagen erzielt würbe (gegenwärtig täglich etwa 5000 Tonnen, 25,000 täglich in der vorhergehenden Woche), stammt aus den Laaerbeständen. Frische Zufuhren sind nickt zu verzeichnen, da sämtliche an den Kanal anges1 lossenen Zechen streiken.
wtb Esten, 8. April. Tie Zahl der Streikenden ist im Vergleich zil gestern um ein geringes zurückgeaangen. Die Gesamtzahl der Ansitändigen betrug bei der heutigen Frühschicht 155,60t gegen 153,645. Seit heute nachmittag ist über Essen (Stabt und Land) der verschärfte Belagerungszustand verhängt.
wtb Esten, 8. April. Nachts ist die Stadt völlig im Dunkel gehüllt. Der Gtsdruck ist derartig ge- rma, daß weder Laternen brennen noch Gaß für Kochzwecke Verwendung finden kann. Die Aerzte und Krankenhäuser erklären, Operationen nicht mehr vornehmen zu können, da sie keine Möglichkeit haben, die Instrumente zu steriltsirren. Bei der Firma Krupp hatten fich die Arbeitswilligen beule früh in sehr großer Zahl eingefunden. Sie wurden aber durch Spartakisten, die an den Haupteingänqen des Werkes Aufstellung genommen hatten, an der Aufnahme her Arbeit gehindert. Der Straßen- bahnverkebr ruht in seiner ganzen Ausdehnung.
* Dortmund, 8. April. Der Streik dürfte sich nach Aeußerungen von Berglenten auf benachbarte Zechen ausdehnen. Die Bergleute folgen den alten Verbandssübrern nicht und protestieren gegen die Regierung Ebert-Scheidemann, weil sie kapitalistisch sei. Die größeren Werke werden wegen Kohlenmangels bald zur Einstellung deS Betriebes gezwungen fein.
wtb Mülheim (Ruhr), 8. April. Die Streiklage hat sich außerordentlich verschärft, nachdem die Arbeiter der Firma Thyssen, der Friedrich Wilhelm» Hütte und einer großen Reihe von Geibereien in einen Sympathie-Streik für die Arbeiter eingetreten sind. Die GaS- und ElektrizftätS - Versorgung hörte geste n nachmittag auf, sodaß die Stadt ohne Lickt ist. Eine Vertreter-Versammlung sämtlicher Arbeiter »Organisationen beschloß gestern, die Notstands-Arbeiten nicht mehr aus zuführ en und proklamierte den Generalstreik. Man forderte di« sofortige Entlastung aller politischen Gefangenen und die Äuflö'ung deS Armeekorps Schultz. Auch die Arbeiterschaft der Eisenbahn - Werkstätte Mülheim-Speldorf beschloffen mit 592 gegen 81 Stimmen den Ausstand.
j Der Schutz der Kohlenförderung.
Bochum, 3. April. Der Brigadestab der für Bachum bestimmten Regtet ungStruPPen von 3000 Mann ist hier eingetroffen und hat in der Turnhalle der Oberrealschule Quartier genommen. Die einzelnen Zechen der Umgegend werden derart besetzt, daß den Arbeitswilligen vollkommener Schutz gewährleistet ist. Für das Ruhrrevier kommt ein ganzes Armeekorps Regierungstruppen in Betracht.
wtb Esten, 8. April. Das Freikorps Lichten- schlag ist heute hier eingerückt. Als Zivilisten einen Baeagewagen zu plündern versuchten, kam e» zu einem Zusammenst 0 ß, wobei durch Handgranaten zwei Zivilisten getötet und mehrere verwundet wurden. Ein Mitglied der Neunerkommission wurde verhaftet.
Der Streik in Düffeldorf.
, wtb Düsseldorf, 8. April. Die Düsseldorfer Ar- beiterschaft entschied in geheimer Abstimmung in den einzelnen Betrieben mit überwiegender Mehrheit für die Fort'etzung d«S politischen Generalstreiks. Sämtliche Arbeiter der städtischen GaS- und Elektrizitätswerke stellten ebenfalls die Arbeit ein. Um drei Uhr wurde über Düsseldorf der verschärfte Belagerungszustand verhängt.
Magdeburg vor Kämpfen.
Plünderungen.
Berlin, 8. April. Die Regierung wird für die unerhörte Freiheitsbeiaubung eines Kabinettsmitgliedes durch die Aufständischen aufs energischste Rechenschaft fordern. Tie Schuldigen werden diese Tat schwer zu büßen haben. Ausreichende Truppen» massen wuiden beieits in Bewegung gesetzt. In«' zwischen werden in Magdeburg Gewehre und Mu» niiton an Arbeiter und frühere Soldaten verteilt. Es ist unter diesen Umständen nicht unmöglich, daß zwischen Aufständischen und den anrückenden Regie- rungstruppen Zusammenstöße erfolgen. Ein sehr großer Zeil der akiven Soldaten Magdeburgs ist zu den Aufständischen übergetreten.
Magdeburg, 8. April. ES sieht fest, daß unrein Teil der Garnison gemeutert hat, darunter auch die sog. Sicherheitswehr. Das Regiment 26 ist regierungstreu und hält Bahnhof, Post und Elektrizitätswerk besetzt. Auch die Zitadelle ist in der Hand der Regierung. In einer Riesenversammlung auf dem Domplatz wurde bekannt gegeben, daß die Freilassung de» Unabhängigen-Führers Brandes und der verhaftet«« SoldatenlLtsMitglieder noch nicht erfolgt
sei. Darauf wurde der Generalstreik in Magdeburg verkündet. Die Redner führten ans, eS Han. bett sich um eine Machtfrage zwischen Regierung und Proletariat. Das eigentliche Ziel der Bewegung ist, wie der Kommunist Artelt ausführte, di? Ausrufung der Räterepublik. Die Verhaftung Brandes ist nur der Vorwand gewesen, um den Generalstreik zu pco- klam'eren und die Massen aufzuputschen.
wtb Magdeburg, 8. April. Nachts überfiel ein bewaffneter Haufen die Getreidespeicher und plünderte sie teilweise. Es fanden stundenlange Sctiießereien statt. Der Wert der aeraubten Ware beläuft sich auf weit über 700000 Mark. Die Bevölkerung wird durch diesen Raub empfindlich betroffen, da diele Lebensmittelmengen zu einer erheb» lichen Verbesserung ber Lebensmittelversorgung der S'adt bestimmt waren. Auch dis Schuppen der amerikanischen Roten Kreuzes, in denen Lebensmittel für die Gefangenen lagerten, wurden anSgeplün- bert. Infolge dieser Ausschreitungen hat der Exe- kutivausschuß den Belagerungszustand über Magdeburg verhängt, ehe von der Rer.ierunq die en sprechenden Anweisungen kamen. Der überwiegende Teil der Garnison hat sich bei den Zwischen- -fällen als regierungstreu erwiesen. Ein Angriff auf den Instizpglast wurde durch Maschinen- gewehrfeuer abgeschlagen. Die Zahl der Opfer ist unbekannt. Eine geheime Abstimmung der Arbeiterschaft der größeren Betriebe ergab 75 vom Hundert gegen den Streik.
Der neue Bölkerbnndentwurf.
wt6 Paris, 7. April. Der Völkerbundsgusschuß wird heute zu einer Vollversammlung zusammentreten. Ein neuer Entwurf iit vollständig fertiggesiellt.
(Scn;, 8. April. Laut Bureau Enroprpreß wurde Genf endgültig zum Sitz des Völkerbundes bestimmt.
Amerikanische Kredite für Deutschland.
Pari», 8. April. Die Zahl ber ohnehin nicht gerin- gen Reibungsflächen nur der Friedenskonferenz hat sich durch ein deutliches Mißtrauensvotum Frankreichs ne^ gen die Vereinigten Staaten erheblich vermehrt. Der Führer der französischen Delegation bat von den Vertretern der Vereinigten Staaten Garantien dafür verlangt, daß die Vereinigten Staaten die Rationierung Deutschlands durch die Alliierten nicht auf ei tene Faust durchbrächen. ES lägen leider Anzeichen dafür vor, daß die Vereinigten Staaten bald nach FriedenSschluß auS eigener Inittativ« in wirtschaftlich« Bezi«h- ung mit Deutschland zu treten gedächten. Ferner richtete der Führer der französischen Delegation an di« amerikanischen Delegierten die Anfrage, ob e» auf Wahrheit beruh«, daß amerikanisch« Finanzkreis« sich mit dem Gedanken trügen, Deutschland groß« Kredit« zu gewähren. Von feiten der amerikanischen Delrga • ticm wurde diese Frage bejaht und hinzulefiiit, datz die» keineswegs gegen die Abmachungen verstoße.
Deutsche; Reich.
* 14 Milliarden-Reichshaushalt 1919. Der soeben anSgegebene Entwutf des Reichs - Hau Sh a ltSge- fetzeS für 1919 sieht eine Einnahme- und AuSgabe- Geiamtfumme von Mk. 13 853.495.114 vor. Der Re.chSminister der Finanzen wird darin ermächtigt, zur Bestreitung der einmaligen außerordentlichen Ansgaben Mk. 673.600.000 im Wege der Anleihe flüssig zu machen, sowie bis zu 6 Milliarden Schatzanweisungen neu auSgeben zu dülfrn.
Das Rätesyftem In der Verfassung.
Die Re'chsregierung hat wie gemeldet einen Abänderungsvorschlag zu Art. 34 de» VeifassnngSge- setzeS angenommen, der die wirtschaftliche und politische Rolle b t Räte festsetzt. Die Arbeiter sollen durch die Räte gleichberechtigt in Gemeinschaft mit den Unternehmern an der Rezelung der Lohn- und Arbeitsbedingnngen iotoie an der geiamlwirtschaft- lichen Entwickelung der produktiven Kräfte Mitwirken. Die Unterstufe bilden die Betriebsräte, diesen sollen Bezirksräte übergeordnet fein, welche ihrerseits in einen Reichsarbeiterrat zusammenge- faßt werd.n. Mtt den entsprechenden Organisationen des Unternehmertums sollen die Arbeiterräte zu „Wirtichaftsräten'' verbunden werden, welche gemeinwirlschaftliche Aufgaben zu erfüllen und bei der Durchführung des Sozia-isierungsgesetzes mitzuwirken haben. Außer einem Begutachtungs- und Mitberatungsrechte bei sozial- iRtb wirtschaftspolitischen Gesetzentwürfen soll der „Reichswirljchaftsrat" selbst Gesetze einbringen dürfen. Weiter ist vorgesehen, daß den Arbeiter- und Wirtschaftsräten auf den ihnen überwiesenen Gebieten Konrroll» und VerwaltnngSbefugnisse übertragen werden.
Der Vorlage ist eine sehr umfangreiche Begründung beigegeben.
Wir geben mit Nachstehendem den wesentlichen Inhalt wieder:
In dem Entwurf eines Artikel» 34a der Reichsverfassung wird der Versuch gemacht den Räiegedanken verfassungsrechtlich zum Ausdruck zu bringen. ES kann dies, dem Wesen der Veifassunr entsprechenv, nach der allgemeinen ,?orm geschehen. Die Ausführung im einzelnen muß einem Spezial gesetz Vorbehalten bleiben, da» möglichst bald o«r Nationalversammlung zur Beschlußfassung vorgelegt werden soll. Aur dem Grund- gebauten, daß der Arbeiter nicht nur Arbeiter, sondern auch Produzent sei, bauen sie die beiden sozialen Rechts» formen auf, welche das Gesetz der neuen Bewegung zur Verfassung stellen will:
1. Dem vi.»N. (Betriebs», Bezirks», ReickS-A.-Rat). 2. Dem WirtschaftSrat «Bezirks» und ReichSrats.
Dem A.» Rat fällt die Vertretung der sozialen und wirtschaftlichen Interessen zu. Auch ander« Angelegenheiten, die Arbeiterintereffen berühren, Fragen deS WohnungS. und Gesundheitswesens, müssen vor dem A.»R wahr genommen werden. A.»R. sind ihrem Wesen nach Verwirkltchun i veralten Arbeiterkorderungen nach der Errichtung von Arbeiterkammrrn. Aus wvildete Betriebs- A • R. werden erweiterte Funktionen der Ard.'iter» und Angestellten. AuSschiisse zu üsernehmen haben, eS müssen ihnen auch solche Arbeiten zunewiesen werden, die bisher die Arbeiter- und Angestellten-Ausschüsse in ihrer rein sozialistischen Anstellung nicht versahen. Solche Aufgaben'liegen auf wirtschaftlichem Gebiet. Die von dem Entwurf in Vorschlag gebrachten Wirtscha ftS» täte find dazu berufen, den Arbeiter als Produ- denzen an der gesamtwirtschaftli Yen Tätigkeit zu be- teilioen. Den Wirlschastsräten muß in der Gestaltung ihrer Geschäftsordnung und GeschästSverteilung möglichst weitgehende greiheit eingerämnt werden. Da»
Recht de: gesetzgeberischen Initiative, daS den Wirt- schaftSräten und in ihnen den »rbeiterröt-'n zustehen soll, ist geeignet, daS politische Parlament jederzeit unmittelbar vor die wichtigsten Lebensfragen zu stellen, die das wirtschaftlich-soziale Leben aufwirft.
ES ist weiter wünschenswert, daß insbesondere Aufgaben der sozialpolitischen Verwaltung der allgemeinen Verwaltung entzogen und auf die Wirtschaft»- täte übertragen werden können.
Hier wird den Räten mehr übertragen, als die Regierung bisher geplant hatte. Allerdings sollen die Räie kein proletarischer Klassenausschuß, sondern eine paritätische Interessenvertretung von Arbeiterschaft und Unternehmertum sein. Hier tote bei dem Sozialisierungsgesetz kommt alles auf die Art der Verwirklichung an. DaS Reichsgesetz, daS die Zusammen'etzung der Räte bestimmen und ihren Zuständigkeitsbereich im Einzelnen festlegen soll, wird ein umfanfangreiveS Sammelwerk werden, daS viel Zeit erfordert. Der Reichswirtschaftsrat wird em wirtschaftliches Berussparlament mit beratender Stimme mit dem Recht der GefetzeSeinbringnng und mit der Beteiligung an der vollziehenden Gewalt, aber kein dem Reichslagegleichgeordneter Pav lament sein. ■
Der Rätekongretz.
** Berlin, 8. April. Am Dienstag ist im ehemaligen Herrenhause der zweite Rätekongreß zusammengetreten. Der erste Rätekongreß hatte im Dezember vorigen Jahres getagt. Es gab damals endlo'« stürmische Debatten, aber schließlich entschied man sich gegen die Räiediktatur und für die Demokratie und die Nationalversammlung. Ein nettes Revolutionsparlament hat jetzt eigentlich keinen Sinn mehr, aber die radikalen Teile der Groß-Berliner Arbeiterschaft haben es dennov der Regierung abgetrotzt. Der neue Kongreß wird wieder eine mehr» heitssonalistisch-biirgerliche Mehrheit hoben, die sich mit der den Räten im Artikel 34 der Reichsversas- snnq zngedachten Rolle einer wirtschof'schaftliche» Interessenvertretung begnügen könnte. Ueberra chnn- gen sind jedoch keineswegs ausgeichloffen.^ Die Ra- dtkalisiernng unserer innerpolitischen Verhältnisse hat weitere Fortschritte gemacht und eS ist zum mindesten zweifelhaft, ob die Parteidisziplin der mehrheitsio« zialistischen Mitglieder des RäiekongreffeS den demokratischen Charakter deS Reiches mit gleicher Festigkeit vertritt wie die Mehrheitssozialisten der Nationalversammlung und ihre Vertreterin der Regiernng. Verschiedentlich hoben sich mehrbeitssozialistische Vertreter in örtlichen Räten an Kundgebungen gegen die Regierung beteiligt. Die Entscheidung über die Verfassung Deutschlands wird — wenn nicht alles täuscht — in bet zweiten Aprilwoche entschieden werden.
Die Leittrng deS RäiekongreffeS bat sich an den Reichswehrmimster Noske mit dem Ersuchen gewandt, den Kongreß durch ReiierungSrruppen zu schützen. Reichswehrminister Noske hat angeordnet, daß dieser militärische Schutz gewährt werde. Anlaß zu dem Ersuchen an Noske Haden, Wie verlautet, glaubwur- dige Mitteilungen darüber gegeben, daß von Unabhängigen und Kommunisten eine Störung der Verhandlungen des Rälekongresses oder auch dessen Sprengung beabsichtigt sei.
Der Kongreß wurde am Montag abend vom Dor- sitzenden de» Zentralrate», Tohen-Reuß, begrüßt. Er führte aus, daß die Räte im Reiche nicht beliebt feien. Man mache sie verantwortlich für alle Schwierigkeiten, in denen wir stecken. Der Vorwurf aber sei falsch, unb ebenso falsch sei er. daß bie Räte die Nachfolger derer seien, die daS deutsche KriegSheer von hinten erdolcht haben. Daß «8 in dieser bewegten Zeit nicht ohne Uebergriffe und auch nicht ohne Betrügereien abiegan. gen fei, werde niemand bestreiten. Die Arbeit de» Koniressc» beginne in einer kritischen Zeit. Ohne die Räte werde man Deutschland nicht mehr auf die Beine brin ien. Die Idee der Räte sitze so tief in der Arbeiterschaft eingewurzelt, datz man Formen suchen müsse, um sie arbeitsfähig zu machen. Diese zu finden, werde aber nicht leicht fern.
Äuf der Tagesordnung de» Kongresse» stehen folgende Punkt«: 1. Bericht de» Zentralrate» «Referent Leinert): 2. Aufbau Deutschlands unb da» Rätesystem (Referent Cohen); 3. Sozialisierung deS WirtschastSlebenS (Referent KaiitSki); 4. Neuwahl deS Zentralrate».
Der Kongretz dürfte eine ganze Woche in Anspruch nehmen. Ihm liegen eine große Anzahl von A n t r ä- gen vor. Besonders hervorzuheben ist ein Antrag bei früheren Abg. Cohen, der die Schaffung von Kammern ber Arbeit Vorsicht, zu denen alle arbeitsleistenden Deutschen nach Berufen geglichen wahlberech- tigt sind. Daneben soll eine allgemeine Volkskammer bestehen und jedes Gesetz der Zustimmung beider Kammern bedürfen. D-r Kammer der Arbeit gehen alle Gesetzentwürfe wirtschaftlichen Charakter» . zuerst zu. Der Volkskammer gehen in der Regel die Gesetzentwürfe allgemeinen politischen und kulturellen Charakter» zuerst zu.
• Berlin, 8. April. Im Auftrage des Zentralrate» eröffnete heute morgen der Präsident der preußische» LandeSversammluag Seinert den 2. Rätekongreß. Es ergab sich gleich in ber ersten Sitzung, daß ver innere Zusammenhang der Mehrheit nicht sehr stark ist. Ein Antrag der Unabhängigen, der bayerischen Räte, republik einen Brudergruß zu senden, setzte ine Mehr- heitSsozialdemokraten einen Augenblick lang sichtlich in Verlegenheit. Es war zwar klar, daß dieser Antrag der gesamten politifben Auffassung der Sozialdemokratie in der Frage der Rätediktatur in» Gesicht schlug; trotzdem aber — unb daS ist für die innere Unsicherheit der sozialdemokratischen Delegierten bezeichnend — löste den Antrag nicht augenblicklich die Wirkung auS, die selbstverständlich hätte sein müssen. Schlimmer noch war daS Schwanken der sozialdemokratischen Fraktion bei dem folgenden Antrag der Unabhängigen, der di« Frriiaflung LedebouiS au» der Untersuchungshaft fordert«. Di« Annahme de» Antrags mutz den Kongreß in Konflikt mit ber überwiegend sogialdernoiratische» preußischen Regierung bringen; auf der anderen Seite mußte eS einem gozialsemokratischen Vertreter schwe fallen, die Haftentlassung eine» alten Prole- tarierführer« avzmehnen. Unter dem Druck eines fünften Terrors der Unabhängigen ließ sich aber schließlich eine Anzahl sozialdemokratischer Delegierter für den Antrag gewinnen, bie hinreichend groß war, um Vie Annahme herveizufähren. Die Antwort der Regi» rang steht noch au«. E» folgte der Rechenschaft» bericht des Mehrheitssozialisten Leinert über dre Tätigkeit de» Zentralrats. Bei der Schilderung ber Art wie die Unabhängigen den Kampf gegen die h-utig cozialdemokratifche Regierung führen zu müssen glaube», erweckte andauernd stärkste« u. zeitw. tumuliar. Widerspr. 3n ber allgemeinen Erörterung kommt al» erster bet
uabhängig« Richard MüUer-BerUn zu» Wort, bei