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| Donnerstag 13. Märr 1919. | I 4S. Zaftrg

Tie deutsche Friedensdelegatlon.

* Weimar, 12. März. In der heutigen Kadi' »tttsfitzung. die sich mit den Fragen des Vorfriedens Gefaßte, isr die deutjche Frredensdelegation «'wählt worden. Sie besteht ouS dem Minister »ss Auswärtigen Grafen Brockdorsf R antzau ?is Führer, ferner gehören ihr an die beiden Ka- vrnellsmitglieder Tr. David und GiesbertS.

treten weiter der bekannte Homburger Grog' Kaufmann Max Warburg, der Marburger Staats- vnd Völkerrechtslehrer Professor Schücking, und .«rfojtaldemokr.Münchner Schriftsteller AdolsMüller.

Deutsche Nationalversammlung.

Sitzung vom 12. März.

Zur zweiten Beratung steht der Entwurf eine» eozioIisterungSgesetze».

6 1 lautet in seinem ersten Absatz nach dem Be­schluß der Kommission: .Jeder Deutsche hat unbe- schadet seiner persönlichen Freiheit die sittliche Pflicht, seine geistigen und körperlichen Kräfte so zu betätigen, wie e» das Wohl der Gesamtheit erfordert.' Die Worte .unbeschadet seiner persönlichen Freiheit" sind von der Kommission neu eingefügt worden.

Nach § 2, der gemeinsam mit § 1 berat n wird, ist das Reich befugt, im Wege der Gesetzgebung gegen angemessene Entschädigung 1. geeignete wirtschaft- Hefte Unternehmungen, rnSbesondere solche zur «Aewinnung von Bodenschätzen in Gemeinwirt, schäft überzusühren und 2. im Falle dringenden Be» dürfniffcs die Herstellung und Verteilung wirtschaftlicher Güter gemeinwirtschaftlich zu regeln. Die Entschädigungspflicht, dis durch besondere SteichSgesetze geregelt werden soll, ist von der Kommis­sion neu ein,efügt worden, ebenso die Bestimmung, daß die gemeinwirtschaftliche Regelung der Herstellung nnd Verteilung wirtschaftlicher Guter nur .im Falle dringenden Bedürfnisses" durch da» Reich erfo.gen kann.

Abg. Vogler (D. Bpt) legt namen» seiner Fraktion gegen die Kommissionsbeschlüsse Verwahrung ein und feftnt die Verantwortung für die Vorlagen ab.

Abg. Peet niete (Dem.) erwartet von dem Gesetz eine versöhnende Wirkung. Dem § 2 könne er nicht zustim­men, wohl aber dem Gesetz al» Ganzen, da für die So- zialisierung.in jedem einzelnen Falle ein besonderes Besitz nötig sei, dessen Annahme oder Ablehnung man in der Hand habe.

Abg. Peibt (D. natl) nennt das Gesetz: Einen AuS- ffug in den Zukunftsstaat und glaubt nicht, daß dir bezweckte Beschwichtigung der unruhigen Elemente er­reicht werde. Wir sind nicht grundsätzlich Gegner einer verständig vorbereiteten Kollektivwirt chaft. Aber könnte man die Sozialisierung nicht auch auf die Kinoiheater, die Börse und die Großbanken anwenden?

Inzwischen sind von den Deutsch-Nationalen und der Deutschen Volkspartei verschiedene Abänderung»» anträge eingegangen.

Abg. Umlage (Ztr): Gegen § 1 haben wir keine Bedenken mehr, nachdem die sittliche Pflicht zur Arbeit mit Rücksicht auf die persönliche Freiheit eingeschränkt ist. Zu § 2 bemerke ich, daß meine Pariei daran fest­hält, daß eine Enteignung nur gegen angemessene Ent- schädigung stattfindet. Die Anträge zu § 1 und 2 find für uns unannehmbar. Dem Streben der Arbei­ter zum Emporkommen wollen wir Rechnung tragen. Natürlich dürfen in die Selbstverwaltungskörper nicht die Maulhelden gewählt werden, sondern nur tüchtige, sachverständige Menschen. Selbst wenn man Bedenken haben sollte, so ist die Lage so, daß man sagen muß, die Gesetze müflen dennoch geschaffen werden.

Abg. Corn (U.S.) Wir lehnen die Verantwortung für die Vorgänge in Lichtenberg ab. Etwas sozialisti­scher Geist liegt ja in dem § 2 Wir glauben aber nicht an die Wirkung de» Gedankens. Die Rätedemo­kratie auf wirtschaftlichem Gebiet wird kommen, mag man sich sperren wie man will.

Von dem Abg. Auer (Soz.) und Genossen geht ein Antrag ein, in dem § 2 die Wortegegen angemessene Entschädi'unr" zu streichen. Hierzu verlangt die Deut'che Volkspartei namentliche Abstimmung.

Abg Vraun-Nürnberg (Soz): Selbst wenn die Herren von der Rechten an die Regierung kämen, müßten sie heute von der Privatwirtschaft abweichen. Die Arbeiter müssen Anteil an dem Gedeihen der Un­ternehmungen erhalten, damit sie wieder Freude am Werke haben. Auch wir betrachten den Gesetzentwurf lediglich als ein Rahmengesetz. Den EntschädigungS- Mispruch lehnen wir ab.

Abg. Dr> Bettet (D. Vpt.): Nicht sachliche, sondern politische Gründe haben das Gesetz veranlaßt, das ha­ben alle Redner anerkannt. Wir glauben nicht daran, daß das Gesetz wirklich Ruhe und Ordnung bringen wird. Wir lehnen es daher ab.

Abg. Cravd (D. nat): Wir stehen am Endpunkt de» deutschen Fortschrittes, wenn 6a3 Gesetz angenom­men wird. DaS ganze Gesetz bedeutet nur eine Sicher­stellung der sozialdemokratischen Macht im Wirtschafts- leben. Ich furchte die große Enttäuschung der Arbei« teemassen, wenn sich die großen Versprechungen der Sozialdemokratie nicht verwirklichen lassen.

Reichswirtschaftsminister Wissel: Auf den Vorwurf, vaß wir in einer Zeit der Erschöpfung an die Einfüh- rung einer neuen Wirtschaftsordnung - herangegangen find, erwidere ich: In unserer Zeit hat kein Privat, unternehmen noch Anspruch darauf, privaten Verdienst zu machen, sobald das Wohl der Allgemeinheit fordert, daß es in ihren Besitz übergeführt wird. Die Regierung fühlt die Verpflichtung, ungesäumt von der Sozialisie- rungSbefugnrs, die ihr in diesem Gesetz übertragen wird, Gebrauch zu machen.

Nach § 4 wird die Ausnutzung von Steinkohlen, Braunkohlen, Preßkohlen, Koks, Wasser- frästen und sonstigen natürlichen En e r gie quelle n ad) gemernwirtichastlichen Gesichtspunkten behandelt.

Ein Antrag Dr. Rießer (D. Vp.) will die Energie- quellen von der Sozialisierung ausgeschlossen sehen. d»e zur Deckung de»eigenen Bedarfes des Werkes" erforderlich feien. Ein Antrag Agne» (Unabh.) will die Bestimmung der Regierungsvorlage wieder her- Pellen, wonach die Sozialisierungungesäumt^ auSgeübt werden soll. Ein Antrag Arnstadt und Genossen Cp. natl.) will denlauft, und forstwirtschaftlich benutzten Loden« von der Sozialisierung ausgeschlossen wissen.

Abg. Schiele (D. Nil.): Der § 4 hängt wie ein «amokleS-Schwert über tausenden von Betrieben. ES wird eine riesige Verteuerung der durch die Sozialisie­rung betroffenen Produkte entstehen. Wir verlangen, daß überall Grund und Boden von dem Gesetz aus­genommen werden.

Zu 8 5 begründet Abg. Kraut (D. Ntl.) einen An- trag, das Inkrafttreten des Gesetzes für die besetzten ®ebiete auszusetzen, damit die Feinde nicht (Stiegen aett Wben, diese Betriebe al8 Staatsgut für sich in Anspruch »n nehmen.

i»«. e.n deutsch-nationaler Antrag will dem Gesetz die Ueberichrift .Gewinnwirtschaftsgesetz- geben.

Damit ist die zweite Beratung erledigt. Abstimmung am Donnerstag.

Donnerstag; Gesetz über russische Zahlungsmittel, wozialisierungSgesetz, KohlenwirtschaftSgcsetz.

Hunger und Aufruhr.

Eine Rede LansingS.

Genf, 12. März. HavaS verbreitet einen Auszug aus einer bemerkenswerten Rede, die der amerikanische Minister des Aeußeren Lansing in Pari» hielt. Er führte darin an», daß man angesichts der trostlosen Verhältnisse in Deutschland diesem Lande schnell hel­fen müsse, trotzdem man das von den Deutschen ver­ursachte Elend in den zerstörten Gebieten nicht vergessen könne. Wenn man vom deutschen Volke eine große Kriegsentschädigung verlangen wolle, so müsse man eS auch durch Lieferungen von Lebensmitteln und Rohstoffen zahlungsfähig machen, damit cS seine Erzeugnisse wieder auf den Auslandsmarkt brin­gen könne. Andererseits dürre man nicht verkennen, daß mit der Hunger»not in Deutschland sich auch der Bolschewi»mu» Wei,er ausbreite, da» Chao» vermehre und die Regierung unfähig mache, ihren Ver- pflichtun en nachzukommen und die Berhandlun «en weiter zu führen, ganz abgesehen davon, daß sich der Bolschewi»mu» dann immer bedrohlicher der Grenze der Westmächte nähern würde.

Bei unseren Feinden scheint sich allmählich die Einsicht durchzuringen, daßDeutschland mitNahrnngs Mitteln versorgt werden muß, wenn man es nicht in ewige Streiks und Tumulte, in Anarchie und Auflösung verfassen lassen will.

In der Tat ist der fortdauernde Mangel an Lebensrnitteln eine Saupturlache der steigenden U zusriedenheit und Zuchtlosigkeit. Auf die kampf- wütigen Spartakusführer und auf das gewerbs­mäßige Verbrechertum, da» ihnen Hilfe leistet, würde freilich auch die schönste Füllung der Küchen schwer- lich einen bessernden Eindruck machen. Aber es handelt sich um die Masse von Mitläufern, die sich für Streiks und Putsche gewinnen lassen, weil durch die andauernden Entbehrungen, durch die Ent­täuschungen der Hoffnungen auf Waffenstillstand und Revolution sowie durch die ewigen Klagen der weib­lichen Angehörigen die Unzufriedenheit geschürt wor­den ist.

Jeder Streik aber vermindert die Arbeitsleistung. Je weniger Werte wir produzieren, desto weniger Zufuhr von NahrungSstoffen können wir erreichen, weil wir die verlangten Gegenwerte (Kohlen, Kali ufro.) infolge der Arbeittstörungen nicht zu liefern vermochten. Die Streik» lähmen auch bei, inneren Bei kehr und verhindern damit die rechtzeit ge An­kunft und Verteilung derjenigen Nährstoffe, die noch auS unserem einbeimischen Vorrat genouimen wer­den sollten. ES ist sonnenklar, daß die Streiks die Hungersnot verschärfen, und doch lassen fort und fort sich Tau ende von sonst vernünftigen Leuten zum Streik verleiten ober wenigsten» ohne ernsten Wi­derstand zum feiern zwingen.

Tie sozialtsttschen Minister hoffen mit dem Ar- beitergejeh nnd mit der Sozialisierung eS Kohlen­handels die Unzufriedenheit in ih<er eigenen Partei zu beichwören. Viel wirk amer für die Au klärung und Beruhigung würde eine Zulage an Fleisch, Fett nnd Brot sein. Die schwankenden Leute wollen etwas Reelles sehen und spuren. Auch die Liebe zum Staat und der jeweiligen Regierung geht sozu­sagen durch den Magen.

Die Haß- und Rachrpolitik aus der Gegenseite, die gar zu gern den mörd risckrn Hungerkrieg auch noch im zweiten Halbjahr den sog. Waffenstillstand sort'ehen möchten, scheinen nun allmählich von ver­nünftigeren Genossen überstimmt zu werden. Es wird auch hohe Zeii; denn sonst führt der andauernde Nahrungsmangel zur Vernichtung Deutschlands, und damit würde die Entente ein Doppelies ver- lieren: sowohl den Schuldner, von dem sie die schönen Milliarden erwartet, als auch den Damm gegen die kommunistische Flut von Osten. Der Hunger in Deutschland ist der beste Bahnbrecher für die moskowitische Welttevoluuon.

Die Tapferkeit der Ordnnngstruppen beseitigt die akute Gefahr. Zur Genesung von der chronischen Kiankheit biourtit der Volkskörper vor allem die Sicheinng der Ernährung. Der Spaitakismus ist eine Art von Hungertyphus.

Schwedischer Einspruch.

Tie jeder Menschlichkeit Hohn sprechende, mit unvermiiiderter Schärfe andauernde Hungerblockade Deutschlands, welche mit keiner militärischen Sicherungsnotwendigkeit zu begründen ist, ruft in weitesten Kreisen des neutralen Auslandes heftige Empörung hervor. Die'e findet ihren Ausdruck in einem Aufruf des StockholmerAftenbladet" an die Frauen Schwedens, in dem es u. a. heißt:

.Kann derselbe Präsident Wilson, der klar und deutlich sagte, daß er für Gerechtigkeit und Zivilisation kämpfe, untätig und stillschweigend zusehen, wie ein tödlicher Schlag gegen das ganze deutsche Volk gerichtet toirö, eine Tat,wie sie in Der Geschichte bisher unerhört ist? Wilson weih, daß man den Bol­schewismus am besten mit Lebensmittel bekämpft. Frauen Schweden»! Wendet Euch geschlossen und ur. verzüglich an Wilson, damit er die Not bedenken möge, die unter ben deutschen Frauen uns Kindern herrscht. Als erste Hilfe wäre vorzuschlaeen, daß die Deutschen un whinftert in ihren Kustcngewässern fischen dürfen, um dadurch den hungernden Massen Nahrung zuzuführen.- _________

Die ersten Lebensmittel.

wtb Mannheim, 12. März. Tie Manuleimer Lagerhaus-Gesellschaft hat für die regelmäßigen Transporte ob Rotte, d 'm acht Schleppschiffe dorthin beoidert. Tie regelmäßigen LbeuSmiuel- transpolie fossen in dies. > Worbe noch beginnen. Am letzien Samstag ist von Rotterdam mit dem Eil int- damp^erHndustne 11" Die etile Sendung Leb ns- niitiel von den Alliierten nach Duisburg abge- gangen.

Die Dauerstellung der Franzosen am Rhein.

Es ist noch nicht endgültig bekannt, wie hoch die Kriegsentschädigung sein soll, die wir an die Feinde zu zahlen haben toe den. eS steht auch noch nicht fest, welche Garantien die Eniente für die Begleichung der hohen Summe b-, langen wird, aber das scheint sicher, daß franiösiiche Truppen so lange am Rhein bleiben sollen, b§ der Hauptteil des Be­trages von uns abgeüefeit sein wird. Und es kann zur Verhütung aller unangebrachter Hoffnungen nur

gesagt werden, daß viele lebende Deutsche wohl nicht den Tag schauen werden, an welchem daS letzte französische Bataillon den deutschen Boden verläßt, wenn durch England, Amerika und Italien nicht die französischen Absichten vereitelt werden. Und die Aussicht darauf ist nicht sehr groß.

Tie deutschfeindlichen Zeitungen nennen KriegS- enlschädigunaS ttim nen, bei bei en Berechnung bet gesunde Menschenverstand nicht gebärt woiden ist. Das Teuttche Reich hat bald 200 Milliarden Schul­den zu verzinsen und außerdem seine laufenden Ausgaben aukzubringen. Und dazu noch ungezählte Milliarden Kriegsentschädigung zur Zahlung auf- briugen zu sollen, ist ein Unbirg; soviel Geld kommt aus Deutschland nicht heraus, und wenn man alle» auf den Kopf stellt. Es werden schließlich auf der Friedenskonferenz doch urteilsfähige Finanzleute vorhanden sein, die zu berechnen wissen, was wir leisten können. Wenn uns auch nur 50 Milliaiden auferlegt würden, die wir in etwa 25 Jahren zu tilgen hatten, so wäre das schon sehr bart, nnd trotzdem wird e» dabei kaum sein Bewenden haben. Zu sichern ist bei unS außerdem noch die Fürsorge für die Kriegs Hinterblicbenen nnd Verletzten, denn bisher sind alle diese Gelder an» den Anleihen ent­nommen. Und auf solche schwankende Einnahmen können die Opfer de» Krieges, mag es auch noch so schlecht gehen, doch ganz unmöglich verwiesen werben.

Nach dem Kriege von 1870.71 hatte die französische Republik fünf M lliarden Franks, die damals als eine unaufdringliche Summe von allen, die unS übel wollten, bezeichnet wurden. DaS Geld wurde aber schon in wenigen Jahren beglichen, und die deut chen Truppen räumten darauf Frankreich. Die damaligen Verhältnisse sind aber nicht mit den heutigen zu vergleichen, wir haben nicht aff in die enorme Aus­gabe von 4 Jahren Krieg bereits zu tragen, sondern auch die schweren Bedingungen bei Waffenstillstanbes, von denen wir 1871 Frankreich nichts zugemutet hatten. Man kann deshalb in Paris nicht sagen, die Deutschen sollten heute mit dem Maß gemessen werd n, bas sie 1871 selbst «»gewendet hatten. Das ist nicht geschehen.

Wenn der Rhein auch deutsch bleibt, so ist eine fan e Einquartierung der Franzos en an un erem schönen Strom doch nicht gleichgültig. Den Feind im 9 rüde zn haben, ist eine Schmach und ein po­litischer Nackenschlag dazu. Darum zahlten die Franzosen vor 50 Jahren so schnell. Aber da» können wir nicht, dazu sind wir nicht im Stande.

Lngauo, 12. März. Nach dem Pariser Korre­spondenten desCorriere della Serra" undSecoio" steht Wilson den französischen Ansprüchen in Be­zug auf die deutsche Westgrenze und die Gründung einer von Deutschland unabhängigen rheinischen Re­publik mit Einshluß von Köln, Koblenz, Mainz, Mannheim, WormS, Trier, Krefeld, sowie deren Besetzung durch die verbündeten Truppen, bis Deutschland allein feinen Verpflichtungen nachge- kommerr sein wird, keineswegs ablehnend gegenüber.

Die Kämpfe in Grotz-Berlin.

Berlin 12. März. Die Besetzung von Lichten­berg hat sich am heutigen Vormittag fast kampflos vollzogen. Da» Truppenaufgebot, das die Einkreisung der Stadt vornahm, war außero, deutlich stark. In der Nähe der Irrenanstalt Herzbene wurde eine fünfen» telegraphische Station eingerichtet, die die Verbindung mit den militärischen Stellen untereinander und mit dem ReichSmariiieamt Berlin unterhielt. Bei der Irren- anftalt fand man zwei schwere Maschinengewehre und einen Wa en voll Munition und Hand iran^ten, den die geflüchteten Kommunisten hatten stehen lassen; auch sonst wurden zahlreiche SB n ff en gefunden. Die Truppen greifen fortwährend verdächtige Personen auf, die sich nicht auSwrisen können; alle Gefangenen werden unter sicherer Bedeckung nach dem Berliner Polizei- Präsidium gebracht. Um zwei Uhr mittag» be­kamen sämtliche Truppen den Befehl, sich im Rathause Lichtenberg zu bereinigen. Seit heute morgen wird eine Durchsuchung de» cefamte t Osten» und Norden» nach Waffen durch die Brigade Reinhardt vorgenommen An allen Straßenecken wurden hohe Drahtverhaue gezogen und Maschinen gewehre aufgestellt. Niemand kann die abgegrenzten Häuserblocks verlassen.

Die Waffcnbeute, die die Regierungstruppen machten, ist bet. Letztlich. Ein Regiment allein meldete 15 schwere. -0 leichte Maschinengewehre und Minenwerfer,, sowie über 150 Gewehre. Auf dem Bahnhof wurde ein offen­bar von auswärts herangefütirter Wagen mit Waffen beschlagnahmt. Auch große Bestände an Lebensrnitteln fielen den RegierungStruppen in die Hände.

Die Stimmung der Bevölkerung kommt deutlich in bet Freude über die Befreiung von der topartalue- Herrschaft zum Ausdruck. Trotzdem muß man sich Da­rüber klar fein, daß die Gefahr für die Regierung noch nicht vorüber ist. Schon jetzt wird unter der Ar» beiterbevölkerung von neuem eine rege Propaganda­tätigkeit für einen neuen Generalstreik entfaltet.

Unter russischer Führung.

wtb Berlin, 11. März. Wie die Blätter melden, wurde in der Brunnenstraße ein Spartak ist en ne st von RegierungStruppen auSgehoben ES befanden sich do.t etwa dreiß g Personen, die von ihrem Führer, einem Russen, der im Dezember v. I. die preußische Staats, ürgerschaft erworben batte, instruiert und be­waffnet wurden. Jeder erhielt eine Jagdflinte mit Munition. Zwei der Spartakisten feuert;n bei ihrer Festnahme mit Revolvern auf die Soldaten und wurden erschossen.

Berliner Spartakisten in BreSla«.

Breslau, 12. März. Der Volksrat gibt bekannt, daß beule fiüb die wichtigsten öffentlichen Gebäude in Bieslou auf Befehl des Generalkommandos im Einveri ondnis mit dem Zentralrat der Provinz, so­wie mit dem Zcntralso'oatenrat Schlesien» besetzt wurden. Mau halte einen verbrecherischen Anschlag emdeckt, wonach berüchligte Berliner Sparta­kist enfübrer in Breslau eingeti offen waren, die dort bie öff ntlichen Gebäude besehen wollten, um dann Bres.au der Plünderung preiszugeben. Der Plan war in allen Einzelheiten durchweg, bei et. Durch die Entdeckung konnie im letzien Angerblick unab ehbaies Unglück von Breslau abgewandt werden.'

Tie Ausstände.

Essen, 11. März. Die Gesamtzahl der Ausstän- digen belief sich in der gestrigen Miltagsschichr, dcr

Nachtschicht und der heutigen Frühschicht auf 14900 Mann gegen 15000 gestern.

wtb Beuchen, 12. März. Die Sire,Nage tn Cberidilefien ist unverändert; 35 Gruben sind noch ausständig. An verschiedenen Stellen kam e8 zu bewaffneten Zusammenstößen mit Spartakisten. Nach einer Melkung aus Hindenburg beschloß me Beriarnrnlung der Ä'beiterausschüsse der oberschle- sijchen Gruben, den Streik abzubrechen, da der Generalstreik in Mi'tel-Tenlschland und Berlin be­endet und in Oberschlesien als aussichtslos zu be­trachten sei. ____________

Revolution in Belgien?

'Elberfeld, 12. 'März. Gerüchte über eine Spannung der rnnerpoliiischen Lage in Belgien, die in den letzten Tagen in Essen aufiauchien, verdichten sich stündlich. Soeben laufen, der ,Rhein isch-Westfälischrn Ztg/ zufolge, Prioatnachrichten aus Maastricht ein, wonachinBelaiendieNevolutionauSgebrochen sein soll Rach diesen Meldungen sollen in Lüttich und Charleroi hesiige Straßenkämpfe zwischen Sozialisten unb Kommunisten einerseits und Bürger­lichen und Truppen andererseits im Gang sein. In den letzten Ta.ren erfolgten größere belgische unb amerikanische TrupvenVers chiedu ng en nach ben belgischen Industriegebieten, sowie nach Brussel und Antwerpen. Gerüchte besagen, daß der König von Belgien schon gestern abend ganz unerwartet nach England abgereift sein soll, was mit den Unruhen in Verbindung gebracht wird. (Wir geben die vo i stehende Meldung mit allem Vorbehalt wieder. Auffallend ist, baß vor einigen Tagen der Brrefver« kehr zwischen dem rechtsrheinischen Deutschland unb dem von belgischen Truppen besetzten Gebiet ganz- lich unterbunden wurde. Nach Belg en selbst ist die Absperrung schon immer sehr scharf gewesen.)

Der Papst «nd l/rs Heilige Land.

Lugano, 11. März. Der P ap st hat gestern in einer Ansprache ben Wunsch auSgedrückk, daß die heiligen Stätte-, von Palästina in christliche Hande kommen möchten. Für den Heiligen Stuhl wäre es ein gtofect Schmerz, tv nn bie Ungläubigen in Palästina eine bevorzugte Stellung erhielten unb die heiligen Stätten wieder in die Gewalt von nichtchrrstlrchev Völkern kämen.

Im rommunlstischen Petersvnrg.

Eine Tome, die am 13. Januar d. I. Petersburg verlassen hatte und unter großen Schwierigkeiten nach Libau gelangte, erzählt folgendes über die Zustände in PeieiSburg: , ,

Man muß das Leben Petersburgs gesehen haben, um sich die Schrecken rmd das Unglück vorzustellea. in denen die Menschen dort leben. Täglich fallen Man­schen tot auf den Straßen hin. Mutter, Studenreu, gewesene Offiziere, selbst Geniale bitten um milde Gaben. Man vermeidet es, auf die Straße zu gehen, weil wan nicht die Kraft hat, fob'ele Menschen zu- pninb» gehen zu scheu. Unb es ist niemand ba,_ der ihnen helfen könnte, sind doch alle in derselben jam­mervollen Laa«. Tas ist die in Russland burchgofuhrte Gleichheit"', daß alle unglücklich und alle vom Tode bedroht sind. Alle Menschen sitzen, ohne aus-u- gehen, zu Hause; denn Arbeit gibt es ja keine. Der einzige (Sang auf die Straße ist der Mittagsgang m» kommunistische Speisehaus, wo man für 3 Rubel 39 Kop. (vor dem Krieg galt ein Rubel etwa 5 30 Mk.) ein Mittagessen erhält. Es ist allerdings st^wer, bas zu essen; denn als Suppe erbält man schmutziges «alz- wasser. Und in diesen Speisehäusern alle privaten Restaurants sind geschlossen erhalten bloß Unterta­nen erster und zweiter Klasse ein Mittagessen, dre an­deren hingegen, welche manGegenrevolutionäre nennt, erhalten nichts und können Hungers ster- ben. Alle Menschen sind matt, kraftlos vnb können nichts hm, über nichts Nachdenken. In der Stadt iruten der Typhus unb bie manische Krankheit, unb täglich stirbt in ben Krankenhäusern eine unzählbare Menge von Menschen. Unb boch hält bas ermattete Volk das Krankenhaus für ben einzigen Ort, wo allem es noch möglich ist zu leben unb von ben Qualen sich zu er­holen. In ben Wohnungen friert man, da es fein Brennholz gibt, kostet es doch fast bas Hundertfache von früher Lebensmittel kann man im freien Ver- kehr nicht erhalten. Hier unb ba erhält man durch ben Schleichhandel noch etwas, doch kostet bann das Pfund Brot (400 Gramm) 30 Rubel, Wurzeln 810 Rubel, Schweinefleisch 7080 Rubel, Zucker 90100 Rubel, Butter 8090 Rubel itfto. Auf ben Straßen sieht man vielfach gefallene Pferd-, zu benen bie Frauen eilen, sich ein Stück abschneiben unb damit verschwin­den. Ter größte Teil der Fabriken ist geschloss*n, au- der« arbeiten nur in beschränktem Umfange. Tre Lage der Gebildeten ist schrecklich: Aerfte, Rechtsanwälte, .Studenten, Professoren schippen auf der Straße Schnee, um wenigsten» etwas zu verdienen. -

Während so da» ganze Volk in unsagbaren Quäle» dahinvegetiert, geht eS nur ben bolschewistische» Kommissaren unb ihren Freunben gut; ihnen, fehlt eS nicht an SebenSmitkln, unb s i e stub ?nfrte- ben. Tie Mehrzahl bet Kommissare siub Juden, die tw, der Roten Armee nicht zu sehen sind. Bei Beginn btt Revolution hatte Petersburg 2 7C0 000 Einwohner, von benen wohl kaum eine Million übriogebltebcn find; alle* die irgend konnten, sind ausgewandert.

Menschenhandel.

Tie Franzosen sind, wie es scheint, gesonnen, bie Sklaverei unb ben Menschenhandel wieder einzuführen Daß bk Zurückhaltung unserer unglückli. eben Kriegsgefangenen nichis mehr unb nichts weniger als bie Wiebereiuführung bet Sklaverei bedeutet, ist wohl jedem Teutschen klar, und feit Wochen geht ein einziger, langanftaltenbcr Schrei der Entrüstung über die Vergewaltigung unschuldiger Menschen durch das Lanb. Weniger bekannt ist ein anberes Beispiel fron, zösischtr Ruchlosigkeit, bas in dem gleichen Maße wie bas Schicksal unserer Kriegsgefangenen die öffentlich« Aufmertsamkeit verbient. , . '

Ta es ben Franzosen zweifelhaft erscheint, wie viel ihnen von ber Beute im Western Deutschlands, nach Bet sie lüstern sind, nämlich vom linken Rheinufer, von El, saß-Lothringen unb vom Saarrevier, beim Friedens, schluß zugebilligt werben wirb, haben sie ihr Augenmerk hauptsächlich auf ben fettesten Teil ber Beute, nämlidj bas Saarland mit seinen reichen Erz. unb Kohlen­gruben, gerichtet, ttnb bie französische Presse benutzt iebv Gelegenheit zu beweisen, baß bas Saarlaub nach beut Nationalitätenprinzip eigentlich französisch sei. Tas ist freilich nun selbst für französische Geschicklichkeit nicht leicht; benn bas Saargebiet ist ein urbeutscheS Laub unb ist nicht weniger als viermal 1648 zu Osnabrück, 1679 zu Nymwegen, 1697 zu Pystick, 1313 zu Paris im Wege eines orbentlichen, völkerrecht­lich anerkannten Friedensschlusses ben deutschen recht- mäßigen Eigentümern zugesprochen worden. So habez.