Einzelbild herunterladen
 

| Mittwoch 12. Mär- 1919. | W, I 3°lM

-

Deutsche Nationalversammlung.

Sitzung vom 11. März.

Präsident FehrenSach teilt mit, baß die Beerdi­gung des in Halle getöteten Oberstleutnants v. Klü- per heute nachmittag daselbst stattfindet. Die Nativ- ualversammlung, zu deren Schutz Klüber die militari- ichen Mahnahmen in Weimar zu treffen hatte, wird durch eine Abordnung bei der Beisetzung vertreten sein und durch diese einen «ranz zu Ehren des Verstor­benen niederlegen laffen. Die Nationalversammlung hort die Worte der Anerkennung und des Dankes für den in bestialischer Weise Hingemordeten stehend an.

Auf der Tagesordnung stehen zunächst Anfragen.

Auf die Frage der Abg. Kahmann (Soz), waS die Regierung zur restlosen Erfaffung der auf dem Lande vielfach verborgen gehaltenen Kartoffelbestände zu tun gedenke, erwidert Ernährungsminister Schmidt, daß die zuständigen Behörden wiederholt zu scharfer Bewachung aufgefordert wurden, und dah die Trans­porte bei Eintritt frostfreien Wetters in verstärktem Maße wieder ausgenommen werden würden.

Abg. Sollmann (Soz.) fragt, ob die Regierung in der Lage sei, die schleunige Aushebung de» Verbots der Entente zu erwirken, in dem besetzten Gebiet Neu­wahlen zu den Gemeindevertretungen vorzunehmen.

Staatssekretär Albert: Auf eine Anfrage der «utschen Regierung hat General Nudant erwidert, (die Besatzungsarmeen hätten etn Interesse daran, dah hie gegenwärtig im Amte befindlichen Kommunalbe­hörden vorläufig noch bleiben. Die Erfüllung der Forderung sei also aussichtslos.

. Es folgt die Interpellation Arnstadt und Genoffen über das Verhältnis von Staat und Kirche.

Als Abg. Mumm (D. natl.) das Wott zur Begrün, hung nehmen will, erklärt Präsident Fehrenliach, cs sei kein Vertreter des Ministeriums des Innern da zur Beantwortung. Cs habe daher keinen rechten Sinn, die Interpellation lpeiter zu behandeln. Ihm werde jetzt gesagt, die Antwort set formuliert und werde verlesen werden.

Nach längerer Geschäftsordnungsdebatte, in der Ko- hmialminister Tr. Bell namens der Regierung er» Hört, dah der Vorwurf der Rücksichtslosigkeit der Re- qienmg gegenüber den Interpellanten unangebracht sei, die Interpellation sei im Kabinett eingehend besprochm worden, wurde schließlich beschloffen, weiter zu ver­handeln.

Abg. Mumm (D. natl.) zur Begründung^ ES ist das Empfinden weitester Volkskreise, daß wir an der Schwelle eines neuen Kulturkam- p f e s sichen. Unser armes Vaterland braucht im In­nern Ruhe und Frieden, aber die Herren Ebert und Scheidemann haben ihm diesen Frieden nicht gegönnt. Eine ihrer ersten Taten war, den Sprecher der frei­religiösen Gemeinde, Herrn Adolf Hoffmann, an die Spitze de§ preußischen Kultusministeriums zu stel­len. Redner erörtert dann die von dem sächsischen Volksbeanftragten Hug erlaffenen Verordnungen über das Verhältnis von Kirche jrnb Staat. Hug habe auch die Simultanschule durchgefuhrt, ohne irgendwie für den konfessionellen Religionsuntericht zu sorgen. Ebenso sei in Hamburg die Trennung von Kirche und Staat schon durchgeführt und die Brandfackel des religiösen Zwistes in die Bevölkerung hineingeschleudert worden. In Braunschweig hätte man sich nicht einmal damit auf» gehalten, Verordnungen zu machen. Tie Schulkinder der Hauptstadt seien hier von dem sog. Volkskommiffar zu einer christlichen Weihnachtsfeier im Tom zusam­mengebracht worden, bei der es geradezu unglaublich

beiden Staaten zu herrschen. Aber noch mehr Erre- Sung haben die Erlasse deS preußischen Kultusministers bom 27. und 29. November über die Beseitigung der geistlichen OrtSschulaussicht und des Religions­unterrichts erzeugt. Der Protest hat den Sturz Adolf Hoffmanns herbeigeführt und die Durchführung seines Programms vereitelt. Ter Minister H a e n i s ch hat in seinen Erklärungen zwar den Ausdruck der Tren- iwng von Staat und Kirche als irreführend preisgege- **n. Aber das war nur negativ, positiv will er eine Neuordnung bet Verhältnisse von Staat und Kirch«, die iinch bet Stellung bet Sozialdemokratie befürchten läßt, die Neuordnung ber gewaltsamen Tren» «ung von Staat imb Kirche verzweifelt ähnlich sehen i^rd (Sehr richtig! im Zentrum.! Wir wollen, daß "er Religionsunterricht unter der Aufsicht ber Kirchen­kerneinschaft stehe. Das Reich ist allerdings prinzipiell N) ch t zuständig auf dem Gebiet von Kirche und Schule.

auch die bisherige Rcichsvcrfaffung gestattete, daß Beschwerden vom Reich auf die Bundesstaaten tteuudnachbarlich eingewirkt wurde. Das sollte jetzt ^soch leichter fein, da alle Bundesstaaten aus dersewen Revolution und ihre Regierungen aus derselben Pattei oervorgegangen sind. Unsere Partei hat in ihrem neuen Programm das christliche Erzichungs- und Kulturideal an drc Spitze gestellt. Daneben die Gewiffensfreiheit, Freiheit ber Resigion und die Wahrung der Rechte «r Eltern und Belüuonsaemeinfckatten auf die Er­

zugcgangen sei. In Mecklenburg planten die Gewalt­haber die konfeffionslosc Einheitsschule. Wir rufen der Regierung zu: Keinen Schritt weiter auf dem Weg« ungesetzlichem VerordnungenI Wir fordern für unsere Kinder die christliche Schule und den christlichen Reli­gionsunterricht. Wie positiv zu verfahren ist, zeigt Württemberg. Tie Deutsch-nationale Volkspattei kämpft für die Erhaltung der christlichen Grundlage in Staat, Familie und Schule. Tie Seele ber Jugend für den lebendigen Glauben zu gewinnen ist des christlichen Leh­rer? herrliche Aufgabe. Hier liegen die Kräfte, durch die toir einer Zukunft gewiß sind.

Reichskolonialminister Dr. Bell: Der Minister des Innern, ber in dringlicher Rcichsangelegenhcit nach Berlin berufen wurde, hat leider der Verkehrs» fchwiettgkciten wegen nicht rechtzeitig hier erscheinen können. Ich habe im Namen der Reichsregierung fol­gende Erklärung abzugeben: TaS Reich besitzt gegen» wattig keine Zuständigkeit auf dem Gebiet des UnterttchtSwesenS. Die Regierung kann deshalb nicht hegen tttvaige gliedstaatliche Eingriffe in die Regelung beS Religionsunterrichtes Stellung nehmen. Inwieweit in die Reichsverfaffung Normativbestimmungen über das UnterrichtSwesen aufzunehmen sind, wird bei Beratung bet Reichsverfaffung zu prüfen fein.

Abg. Hellmann (Soz.); Bei der Behandlung ber Angelegenheit von Kirche und Staat hat sich die ganze tleberhebung und Herrschsucht der kirchlichen Kreise ge­bet St. (Lärm und Widerspruch.) Wir gebe» aber zu, daß die einzelstaatlichen Eingriffe in den Religionsun- Derricht takttsch unklug und vielfach auch taktlos waren. Diese Eingriffe entfbringen letzten Endes den Klagen Mttb der schweren Gewissensnot weiter Kreise. Wir ber» pngen im Interesse der vollen Gewiffensfreiheit die 83e» leitigung de» ReligionsuntcrickteS aus der Schule. Die religionslose Schule soll nicht rcligiönSfeindlich sestn, jtttr kirchenfrei. Aber eS ist unmöglich, die religiöse Unterweisung mit einem Schlage zu beseitigen und des­halb haben die Revolutionsregierungen falsch gehan­delt. Eine UebergangSzett ist notwendig.

Abg. Dr. ManSbach (Ztr.): Wir haben ein tief» Ernstes Bild von den Mißgriffen einzelner Gliedstaaten Exakten. Die Vorgänge in Braunschweig und Sachsen erinnern nn» an den sog. Tolerawzantrag von 1905. ®tnn trotz bet Revolution wieder solche Versuche koin- *«en, so scheint eine unbeilschwangere Lust in diesen Heiden Staaten zu herrschen. Aber nochmehr Erre» Sang haben die Erlcfffe deS p

ziehung ber Kinder. Trotz Wahrung deS bundeSstaat» sichen Prinzips im Reiche ist eine stärkere Betonung bet Reichseinheit am Platze. Deshalb ist auch auf bem wichtigen Geriete bet Religion ein Ausbau bet Grundrechte von Nöten. Der Ministerpräsident hat bei Einführung ber Verfassung das kühne Wott ge­sprochen:O ist unser aller Ehrgeiz, in dieser Ver­fassung daS Maß von Freiheit zu verwirklichen, wie es keine andere Welt hat." Freiheit des religio» sen Lebens, volle Glaubens- und Gewis­sensfreiheit auch hinsichtlich der Wahrung deS Erziehung SrechteS find unsere Forderungen an das neue Deutschland Tas Beispiel anöeret demo­kratisch regierter Staaten zeigt, daß bei religiösen Frei­heiten ber Stiebe ber Konfessionen und bie bürgerliche Wohlfahrt am besten gebeibin. Eine behördliche Bevor­mundung tut nickst gut, mag sie vom grünen ober vom roten Tisch kommen Die christliche Religion ist eine soziale Macht, bie christlichen Kirchen haben bestimmte Rechte materieller Art. Diesen Rechten gehört eine höhere gesenliche Anerkennung als den Rechten einzel­ner. Gesichtspunkt« beS inneren und äußeren Friedens mahnen uns in bet Kirchen- unb Schulfrage zu großer Vorsicht. Tie so ersehnte Angliederung deS schönen dcutsch-ösierreichischen Landes wird uns nur gelingen, t8enn wir volle Freiheit der kirchlichen Betätigung ge» währleksten. Nur eine freie Entfaltung ber Kräfte im Dienste des Gesamtvolkes und gerechte Anerkennung aller geschichtlich erwachsenen und sozial erprobten Wirk- lidjleiten, auch der religiösen Körperschaften können uns über die furchtbare Krise im inneren und äußeren Volksleben hintvegführcn lBeisall im Zentrum.)

Hierauf wirb bie Verhandlung auf nachmittags vertagt.

Nachmittagssitzung.

Abg. Weiß (Dm.) Wir wollen bie Fragen in mög­lichst religionsfreundlichem Sinn gelöst haben. Ein wohlreformicrter ReligionSuntetticht ist ein wesentliche» und organisches Stück im Lehrplan ber Schule. Gerade ber Gedanke der Einheitsschule würde sehr barunt r leiden, wenn bie religionslose Schule viele Eltern nötigt, ihre Kinder in rcli nöse Privatschulen zu schicken.

Abg. Kooltsch (D. ntl): Die Erklärung ber Regie- tun« war für uns in keiner Weise genügend. Ver­suchen Sie nur hineinzudtin ien in die Tiefen de» Volkslebens und Sie werden spüren, bah baS Religiöse für bie weitesten Volkskteise immer noch da» Heiligste und Teuerste ist, das anzutasten niemand sich unter» fangen sollte. Wenn wir hetauSkommen wollen au» dem furchtbaren Elend unserer Zeit, au» dem Blut- sumpf in bem wir waten, so kann da» nur geschehen burch innere Werte, vor allen Dingen durch die Reli­gion. Schön wäre es, wenn in bet Reichsverfaffung ein Gesetz für Kirche und christliche Schule, für Reli­gion und Christentum niebergelegt werden könn e und wenn bie Regierung für diese Fragen ein größere» In­teresse und zwar ein wohlwollende» finden könnte.

Abg. Dr. Runkel (3). Vpt): Die Religion ist da» größte und heiligste Volks gut, das e» gibt. Der Religions­unterricht soll an erster Stelle in der Volksschule stehen. Dagegen fordern wir Befreiung der Schule von der geistlichen Schulaufsicht. Ein Grauen deS Entsetzen» packt un» alle über bie heutige Verrohun r, aber wir, heben die Sittlichkeit nicht durch Parlamentsbeschlüffe und Kommandobefehle, sondern nur durch religiöse Erziehung.

Ministerpräsident Scheidemann: Wir waren für heute vormittag auf die Fortsetzung bet Soziatisicrung»- bebatte eingerichtet, daher kommt es, daß Reichsministet Preuß nicht zur Stelle war. Wir haben nicht im ge­ringsten die Absicht, etwa Obstruktion zu machen. W nn Sie damit einverstanden find, daß diese Fra en zur Zuständigkeit der NeichStegictung gehören sollen, dann finden Sie meine volle Zustimmung.

Abg. Frau Zieh (Unabhängig.) Die Revolution hat kraft eigenen Recht» in einzelnen Bundesstaaten bie Verweltlichung bet Schule durchgesctzt. Wit ver­langen bie Einheitsschule, bie eine weltliche unb Ar­beitsschule sein soll. Wit stellen ber Religion bie große ideale Weltanschauung de» Sozialismus entgegen. Wir denken nicht daran, damit irgend einen Gewissenszwang auSzuüben oder die Gewiffensfreiheit antasten zu wollen. Wollen die Eltern ihren Kindern Religionsunterricht geben laffen, so kann das außerhalb der Schule ge­schehen.

Mittwoch SozialifierungSgesetz und Kohlenwitt- schaftSgesetz. ___

Was soll werden?

Von einer Weimarer parlamentarischen Seite schreibt man uns:

Noch immer tobt die Furie des Bürgerkrieges, noch immer fallen Deutsche unter der Mordwaffe Deutscher.

Unser ganzer Staatsbau wankt. Wir stehen täg­lich unter der ungeheuerlichen Ungewißheit, von den stürzenden Trümmern erschlagen und begraben zu werden. Eine feste zielbewußte, politische Führung der Geschäfte ist unmöglich, weil niemand fest und sicher' steht und weil niemand ein Ziel kennt. Wa» jetzt geschaffen wird, kann in der nächsten Stunde schon wieder zertreten und aufgelöst sein. Und was ist der Grund und die Ursache alle» Uebett? Nicht» anderes als der Mangel ««Autorität. Daran gehen wir zugrunde. Eine Staatsgewalt, die sich nicht auf Autorität aufbaut, und hinter welcher nicht die entsprechenden Machtmittel stehen, um sich Gel­tung zu verschaffen, ist jeglicher Macht entkleidet. Sie wird zum Spielball aller oppositionellen Elemente. Die Zerschlagung unseres kraftvollen HeereSorgani»- muö rächt sich jetzt bitter just an denen, welche an diesem Vernichmngswerke selbst am meisten mit­gewirkt haben.

Die bange Frage: WaS soll werden? schwebt unS allen auf den Lippen. Das politische Konzilium, da« hier in Weimar tagt, und das berufen ist auf Grund eines durch das freiheitlichste Wahlrecht be- kündeten VolkSwillenS, wird gelähmt und gestört in seiner aufbauenden Arbeit, wenn Glieder desselben Volkes draußen alles tun, um dieselben politischen Autoritäten zu zerschlagen, die sie sich selbst berufen und gesetzt haben. Kein» Regierung, kein Parlament, kann sich bei solchen Berhältntflen aufrecht erhalten.

Kein Volk aber und kein Land können solche Zu­stände, ohne ernstliche Gefahr für ihren Bestand, ertragen. Umwälzungen solcher Att können und die Geschichte aller Zeiten und Völker zeigen un» da» zur Genüge vielleicht auf Wochen, auch auf Monate, aber niemals dauernd wirksam bleiben. ES kam immer der Rückschlag. Allzu scharf macht schartig, dieser Wort hat auch im Staat»- und Wirt­schaftsleben der Völker seine Berechtigung. Wenn es unS dann garnicht erspart bleiben fall, daß wir alle Bitterniffe, die einem Volk nach einem verlo­renen Krieg zugedacht werden können, durchkosten müssen, so dürfen wir andererseits doch wieder die Gewißheit haben, daß jeoe Schuld ihrer Rache verfällt.

Vorläufig ist die politische Lage, wie wir fie da­nach heute erblicken, noch ungemein trübe. Es wird der zusammenfaffenden Arbeit unser aller be­dürfen, wenn wir uns vor völligem Ruin bewahren wollen.

Die Arbeiterräte.

Um ber Einfügung ber Arbeiterräte in ba5 politische Karnrnersysiem auszuweichen, bie bie radikale R chiung erzwingen will, hat sich bie Regierung grundsätzlich be­reit erklärt, bie Arbeiterräte al» wirtschaftliche Inter­essenvertretung anzuerkennen unb in ber Verfassung zu verankern.

Die Abmachungen, bie bie Regierung in Weimar mit ber Abordnung ber Berliner sozialdemokratischen Arbeiterräte hierüber getroffen hat, gehen auf Einzel­heiten nicht ein, man siebt nur bie Richtung, bie bie Entwicklung ber Arbciterräte nehmen soll. Ein befon» beres Gesetz soll ihre Aufgaben regeln, bie fidb auf witt- schaftlickie unb soziale Angelegenheiten beschränken. Ten Grunbstock ber Organisation bilben bie in ben Werk­stätten unb Betrieben zu wählenden Arbeiter- ober De- triebstzäle. BezirkSrätt sollen bie einzelnem Stabte unb Bezirke umfassen, über ben Bezirksräien stehen LanbeSrätc, bie Spitze bilbet ein Reichsarbeiterrat.

Tie Absicht ber Regierung gebt wohl dahin, daß durch bie BeziriSräte ber Arbeiterst'aft ein Mitbcstim- munps» unb auch ein Mitkonttollreckt in ben einzelnen Betrieben gegeben wirb unb eine gcwffie Arbeit?- bezw. Fabrik- ober Betriebsverfassung gesc. affen wirb. Durch bie oberen Stufen beS Systems soll dann eine allge­meine Verbinbnna her Arbeiterschaft mit der ganzen Vroduktionswirffchaft des Landes unter selbstverständ­licher Berücksichtigung der Interessen ber Allgemeinheit herpeftent werben, insbekonbecc sollen biefe höhcrqn Stufen ber Arbeitcrvertretmg bet Regierung zur Seite stehcn bei ben Sosialisicrunpemaßiiabmen unb bei ber Vorbereitung wirtschaftspolitischer Gesetze.

Man wird sich mit der künftigen Entw cklump ver- traut macken unb bie aufgeworfenen Fragen burch- beulen müssen, um alSbalb Stellung nehmen zu. können, wenn bie Einzelheiten der zu ertoadenben Vorlage bekannt werben.

Grunbsätzlich ist biefe» Arbeiterratsfystem durchaus vertretbar; eS kann unter ber Voraussetzung vernünf­tiger Ausgestaltung unb verständnisvoller Berücksichti­gung bet volkswirtschaftlichen Bebinpungen unb Not- wenvipkeiten sehr Wohl zur Herbeiführung de» Wirt- schaftkfrieben» beitragen. Sicherlich aber wird es manche Schwierigkeiten neben, wenn das System glatt funktio­nieren soll. Nickt nur bie Frage ber betrieblichen unb beruflichen Zusammenarbeit zwischen Ärb-itgeber unb Arbeitnehmern wirb nickt einfach zu lösen fein, e3 kommt hinzu, daß auch 9fr6eitne'6mer*Crganirationen, bie Gewerkschaften, an ihrer überrag-nbcn Stellung, bie sie bisher innehatten, Einbuße erleiben werben. Wiberspruch ist beShalb keineswegs allein auS Arbeit­geberkreisen zu erwarten, auch in Atbeiterkreifen wirb man keine uneingeschränkte Zustimmung erwarten bürfen.

Die größte Schwierigkeit liegt wohl auf bem Ge­biet ber Unterstufe, bei ben Betriebsräten, bie bei ber Re elung ber Arbeitsverhältnisse in ben Be­trieben mitzuwirken haben. Man muß sich herüber klar fein, daß bie Eingliederung ber Arbeiterräte in den einzelnen Betrieb da» Unternehmen in feiner Leistungsfähigkeit nickt schwächen barf. Ihre Befug, niffe werden da aufbören müssen, wo ihr Dreinreben die schnelle Entscklußsähi ckeit deS Unternehmer» beein­trächtigt. Uebcrhaupt jede Einschränkung ber Unter» nehinertöti ckeit, soweit sie nicht in oa» Gebiet ber Fragen deS Lohnes unb bet Arbeitsverhältnisse fällt, schäffpt die Leistunokproduktion der Arbeit. ES mutz aber unsere dringlichste Sorge sein, sie zu förbern. ES ist des a.b für da» Wohl und Wehe nicht nut bet In. dustrie, sondern auch der Arbeitet und Angestellten von grundlegender Wichtigkeit, batz bie Befugnisse ber Betriebsräte richtig abgearenzt werden. Diese Frage erfordert bie sorgfältigste Prüfung.

ES ist gut für uns, daß man in Rußland ba» Experiment mit bem Räte-SozialiSmuS bereis versucht hat. Wir können uns so bie Erfahrungen, die man hort gemacht hat, zu Nutze machen. Um eS vorweg zu sagen, ber Räte-SoziattSmu» hat sich in bet russischen Form nicht bewährt. Es liegen hierfür Zeugnisse vor, bie niemand in Zweifel ziehen kann, weil fie, ob­gleich dem bolschewistischen System ungünstig, von Lenin und dem Vollzugsausschuß der russischen Arbei­ter», Soldaten», Bauern, unb Kosakcndeputierten stammen. Sie liegen in bet Schrift Lenins über .Die nächsten Aufgaben ber Sowjet-Macht" vor, bie eine Rede Lenin» unb bie barauf er folgte Resolution jene» Vollzugs-Au»sckuffe» enthält. Nach ben Mitteilungen, bie die .Franks. Ztq au» dieser Schrift (siebt, waren bie Man ei beS Systems unb beten Folgen sehr bald zum Vorschein gekommen; bie Lei st ungen ber A r- beiter in ben Betrieben gingen zurück, weil bie Leitung unb bie Disziplin versagten, die zentra­listische Verteilung unb verschtebene» anbere ließen sich nicht durchführen. Selbst Lenin sah ein, e» geht so nicht weiter, unb entschlossen schlug et andere Wege ein, Im Prinzip hält er allerdings an dem Sozialismus fest, wie er ihn meint, aber er gibt doch die Notwendigkeit einet Uebergang»;eit zu, die auf nicht geringe Dauer berechnet ist unb für die da» ganze Wirtschaftsleben auf eine grundsätzlich anbete al» bolschewistische, näm­lich auf eine kapitalistisch-sozialistische Grund» läge gestellt werden müsse. Rach Lenin und jener Re­solution handelt e» sich vor allem darum, die Leistun. gen bet Arbeiter in ben Betrieben wieder zu steigern. Hierzu hält e» derselbe Senin, bet noch vor anderthalb Jahren jedem Techniker ic. nur ein ben Arbeitslohn nicht übersteigende» Gehalt zubilligte, für nötig, daß den Betriebsleitern hohe Gehälter gewährt werden. Ferner verlangte er strenge Disziplin in den Betrieben, bie widerspruchslose Unterordnung bet Massen unter ben einheitlichen Willen der Leiter des ArbeitSpi ozesse». Weiter hält er gar bie Einführung beS Taylor-System» für nötig, bieseS amerikanischen System- auf wissen- schriftlicher Grundlage, ba» die rücksichtsloseste Ausbeu­tung der menschlichen Arbeitskraft bedeutet; eS bildet den einzelnen Arbeitet zum Spezialisten auf einem ganz engen Gebiete der Fadrikarbeit au8, macht ihn so in einem einzigen Handgriff, ben er immer wieder zu tun hat, außerordentlich leistungsfähig, aber für jede andere Tätigkeit untauglich und wirst ihn auf die Straße, wenn et nicht mehr die durchschnittliche Arbeits­leistung erzielt. Gndlick wird auch noch von Lenin Einführung be» AkkorblohneS verlangt. Akkorblohn man muß bie Kämpfe bes Sozialismus gegen diese Lohnform kennen, um diese Umkehr zu ermessen. Und nach alledem sollen die Löhne an bie allgemeinen Ar­beitsergebnisse ber Fabrik usw. angcpaßt werden. ES ist gewiß nicht zu viel gesagt, bah heute kein Kapitalist in Mittel- ober Westeuropa wagen würbe, ber Arbeiter­schaft mit solchen ArbeitSbebingungen zu kommen, bei uns auch bann nicht, wenn wir feine Revolution gehabt hätten, aber in bet Sowjet-Republik muß sich ber Ar­beiter bem unterziehen.

Ta ber russsiche Bolschewismus un» ba» Experiment vorgemacht hat, wirb eS kick empfehlen, e t wa S bar- aus zu lernen. Tas Experiment hat gezeigt, was mag freilich auch ohnedies hätte wissen lohnen, baß es

in Betrieben, bie eine Anzahl von Menfchcn beschäfti­gen, ohne Disziplin unb ohne zielbewußte Artung ein­fach nicht geht. Bei bet Einführung der Betriebsrat» wirb es also wichtig sein, ihre Aufgaben st zu regeln, baft sie wirklich eine w r r ts cha f i 11ch Inter eifenöertretung ber Arbeiter unb Angestellten gegenüber dem Unternehmen sind und dessen Leitung nicht mehr beengen, als diese Jutercffenvettttung tat- sächlich erfordert. Tie richtige Lime da>ur zu sinbe^ wirb nicht leicht sein, aber man wird schließlich auch etwas Schwieriges lösen können.

Die neuen Lebensmittel-

Verhandlungen.

wtb Berlin, 11. März. Marschall Foch bat am 10. März folaenbe Note der brutschen WaffenflrU- standskommission in Spaa überleben lassen:

Tic alliierten Regierungen haben bcicklossen, baß ihre Vertreter in beschränktet Anzahl unter bem Vorsitz von Admiral Wcmyß in Brussel am Donnerstag- den 11 März mit ben Vertretern ber deutschen Regierung zusammcntrefsen werden, um ihnen ihren Entscheid zu übermitteln bezügl. ber deutschen H a n b eisN°"e, ber Lebensmittelversorgung Deutschlands und um bie bansit zusammenhängenden Finanzfra- gen zu regeln. Die Stunde des Züiammcntreffens wird später festgesetzt werden. Es wird gebeten, die deutsche Delegation eiligst zu benachrichtigen.

Tie deutsche Delegation reif e Dienstag abend von Beilin über Spaa nach Brüssel ab.

Die Wehrlosmachung Deutschlands.

wtb Baris, 11. März. Der Oberste Kriegsrat fetzte, wir in einem Bericht über die diplomatische Lage ausgeführt wird, am Montag daS enbßtlttge Statut über die Entwaffnung Deutschlands nach bem vom französischen General Fach ringerrtchten Bericht fest. Deutschland darf nur etwa 100,000 Mann, die für 12 Jahre auf Grund des Fret- willigenshstemS rekrutiert werden, statt 140,M0 wie uriprünglich geplant war, behalten. Das Führen einer Kriegsflotte ist ihm untersagt, und es darf nur noch 15,000 Seesoldaten behalten und; einige Flugzeuge besitzen. Dir das vorgesehene Matz über steigenden Vorräte an Material und Munition find zu zerstören.

Das Raubprogramm Frankreichs.

Chiasio, 11. März. Wie demCorriere della Sera" au» Paris berichtet wird, scheint sich Amerika mit der von Frankreich geplanten Annexion des SaarbrckenS allmählich zu befreunden. Wetter soll ein zu bildender Pufferstaat mit den Städten Köln, Koblenz, Mannheim, Worms und Trier so­lange von den Alliierten beseht bleiben, bts Bezahlung der Kriegsentschädigungen durchDeutschland erfolgt ist. Alsdann solle die er Riieinstaat entscheiden, ob er sich unter den Schutz des Völkerbundes stellen, oder sich an Deutschland anschließen wolle. Einige amerikanische Delegierte fordern, daß der Kapitalwert des Saar- deckens von den franzöfischenEntschädigungSanspruchcn abgezogen werde.

Da SElend der deutschen Kriegsgefangene».

* Berlin, 11. März. Ein aus Paris zurückge-^ kehrten Holländer berichtet, daß er bei der Durch- reise durch da« ehemalige Kampfgebiet tn Nord- frankreich Trupps verwahrloster deutscher! Krieasgefangenen gesehen habe, die von Auf-! sehern bewacht wurden, die mit Peitschen auSge-z rüstet waren. Ter Berichterstatter hat selbst be-- obachlet, wie die Kriegsgefangenen mit diesen Pett-i schen geschlagen wurden. Amerikanische Presse^ Vertreter, die in demselben Abteil mit ihm reiften,' gerieten bei diesem Anblick edensalls in die grogte Empörung. ,

wtb Berlin, 11. März. Den deutschen Behörden! gehen folgende erschütternde Nachrichten über die, Lage ber in belgischer Gewalt befindlichen deut­schen Kriegsgefanaenen zu:

Ju Tanten befindet sich eint Sammelstelle. Die Kriegsgefangenen müssen sich auf dem zum größten Teil mit tiefem Schlamm bedeckten Hof stehend aufhal-, ten; Hinlegen ist verboten, und Mißhandlungen durch die Wachtmannschaften mit Gewehrkolben unbi Knüppeln sind überaus häufig. Die Wachtmannschaf», ten rauben bie Kriegsgefangenen tiollftänbtg au».1 In Dixmuiben unb Nieuport befinben sich die Arbeitskommandos in ben Ruinen her Ortschaften. Die Kriegsgefangenen Hausen in Löchern zwischen Schutt unb Wasser. Die Verpflegung blctbt oft tagelang au» unb ist sehr knapp: Sie besteht aus 150 Gr. Brot, zwei Trinkbecher Kaffee und dünner Suppe; ba» Trinkwasstr muh au» den Granatlöchern geschöpft wer- ben. Viele ßricg»gefan gene haben kerne Stiefel, Mäntel ober Mühen, Decken, Hanvtücher und Seife werben nicht geliefert Infolge ber erzwungenen un. reinlichkeit find alle verlauft, unb e» herrscht Kratze. Arrest wird in den nassen Unterständen verbüßt.^ Die Au»reitzer werben während bet Arreststrafen täglich an einen Baum gebunden Aerztliche Fürsorge fehlt Postverbindung mit der Heimat besteht fast garnicht; in dreieinhalb Monaten durften bie Rrteglgefangenen breimal schreiben. - In Eoxhbe herrschen ganz ähn­liche Verhältnisse, jeboch wird dort fast täglich ge­prügelt Entflohene Ätttg»gefangene muffen bre ersten Nächt» nackt im Arrestlokal verbringen. Bezeich- nenb sür bie Gesinnung bet belgischen Wachtmann- schäften ist ihre offene ausgesprochene Erklärung, höch­sten» bie Hälfte der Kriegsgefangenen dürfe die Heimat Wiedersehen.

Nach dem Bekanniwerben dieser Tatsache, die oen Anforderungen von Äienschlichkeit und Zivili­sation geradezu HtHzn iprechen, ist von der deutschen Regierung bei der königlich belgischen MegierunF schärfster Protest erhoben und durchgrei­fende Abhilfe gefordeit wprden.

Keine größeren Kämpfe in Berlin.

wtb Berlin, 11. März. In der Nacht und am Vormittag kam es zu keinen größeren Kämpfern Ein nächtlicher U eber f a II von Aufrührern ge­gen ein Stabsquartier der Regierungstruppen in Neukölln wurde rechtzeitig erkannt und v e r e i t e lt. In C h a r l o t t e n b u r g und an einzelnen Stellen im Osten Berlins fanden zeitweilig Feuergefechte statt, die aber keinen nennenswerten Umfang an­nahmen.

wtb Berlin, 11. März. Die Regierungstruppev» sind damit beschäftigt, das gestern besetzte Gebiet zu sichern von Spartakistenbanben zu säubern und- nach Waffen abzusuchen. Die Durchsuchungen süh-