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Nr. SS. I | Dienstag 11. Mär- 1919. |

Deutsche Nationalversammlung.

Sitzung vom 10. März.

Auf der Tagesordnung stehen die ErnShrungS- Katerpellationen: Die in Deutschland greifbaren Ernte- Vorräte reichen nicht aus, das deutsche Volk bis zur Einbringung der diesjährigen Ernte zu ernähren. Was gedenkt die Regierung zu tun, um die Ernährung LeS deutschen Volkes sicher zu stellen? Zur Begründung führt

Abg. Dr. Petersen (Demokrat) aus: Die Regierung muß mit absoluter Wahrheit und Klarheit dem deutschen Volke sagen, wie die Lage tft. Andererseits muffen wir das moralische Gefühl deS Volkes aufrufen. Die Vor­räte dürfen nicht aus Furcht vor Unsicherheit vergeudet und die neue Ernte gesichert werden. Wir fordern speziell die Aufhebung der Zwangsbewirtschaftung für fische und Eier. Wir verlangen den Abbau der Kriegs, organisationen. Ferner haben wir unsere Interpellation eingebracht, um an das Gewissen der Welt zu appellieren. Wenn wir nicht die Lebensmittel bekommen, die wir haben müffen, so wird das nicht allein zu einer deutschen, sondern zu einer europäischen Katastrophe führen. Wenn dann der russische Bolschewismus Deutschland und schließlich ganz Europa überflutet, dann müffen die Mächte die Verantwortung tragen, die Helsen konnten, aber nicht wollten.

Zur Begründung der Interpellation der deutsch-nationalen Volkspartei und der deutschen Volks. Partei über die Abstellung deS Notstandes für die Landwirtschaft erklärt

Abg. Dr. Semmler (D. Vpt.): Wir stehen vor einer Katastrophe, wenn inbezug auf die Produktion künst. sicher Düngemittel und die Beschaffung der not. »endigen Arbeitskräfte für die Landwirtschaft nicht Abhilfe geschaffen wird. Wir müssen Vorsorge taffen, daff wir in Zukunft vom AuSlande unabhängig weiden. Dank den Leistungen unserer Chemie kann die Frage, ob die deutsche Landwirtschaft imstande ist, daö deutsche Volk zu ernähren, restlos bejaht werden. Die Zwangswirtschaft muff avgebaut werden. Die Ab, lieferung von bestimmten Mengen ist zu verlangen. Jin übrigen muff den Landwirten volle Freiheit ge- laffen werden. Die Landwirtschaft kann nur gefördert werden durch den Privatbetrieb, nicht durch Soziali- fierung.

Das Haus beschliesst die gemeinsame Besprechung der beiden Interpellationen.

Einährungsminister Schmidt: Tie Frage der In- tervellanien, ob unsere Ernährung bis zum nächsten Wirtschaftsjahre ausreicht, mutz ich verneinen. Was soll nun geschehen, um den vollen Betrag zu decken? Eine Herabsetzung der schon so niedrigen Lebensmittel­rationen ist unmöglich. Es bleibt also nur übrig, den Fehlbetrag durch Einfuhr vom Auslände zu decken. Die Hoffnung auf Aufhebung der Blockade beim Inkrafttreten deS Waffenstillstandes war trügerisch. Alles spricht dafür, daß der Wirtschaftskampf auch nach striedensschluß mit aller Schärfe fortgesetzt werde» soll. Trotz allem stände es nicht so schlimm mit unserer Er­nährung, wenn uns nicht durch sinnlose Streiks «nd politische Unruhen die Einfuhrmöglichkei» ten aus dem neutralen und sogar dem feindlichen AuS­lande unterbunden worden wären. Wir hätten unferm Volke mancherlei Erleichterungen schaffen können. Wir lmrten in nicht geringem Umfange Reis, Oel, Milch, Fleisch und Südfrüchte einführen können, wenn toir da­für als Gegenleistung Kohle, Kali und Eisen hätten bieten können. Weil wir das nicht bieten konn­ten, sind sie uns vor der Nase weggeschnavpt worden. Das Ausland will nicht unser entwertetes Geld, eS will unsere Erzeugnisse. Ich sage es vor aller Oeffentlich- ieit. daß ich die Verantwortung für die Er» nährung der Städte nicht mehr über­nehmen kann, wenn nicht Vernunft und Einsicht zurückkehren. Jeder weitere Streik bedeutet die Vernichtung des Restes unserer Volkswirt- sckxrst. , Jeder Streik der städtischen Arbeiter ist setzt ein Verbrechen an der Nation. Aber kein geringeres Verbrechen ist es, wenn den Landwirten gesagt wirb: Ihr könnt auch streiken. Ich mutz leider dce Fleischration auf den Stand vor der letzten Erhöhung wieder herab setzen. Wahrscheinlich st't sogar diese verminderte Ration nicht in jedem Falle zu sichern. Als Ersatz sollen Hülsenfrüchte ge­geben werden. Bei dem jetzigen Mangel kann die vwangswirtschaft nicht aufgehoben werden. Maßnah' men zu einer Aufhebung sind eingeleitet für Früh- Öemüfe und Obst. Ich will prüfen, ob in der Erfassung der Hülsenfrüchte vielleicht eine Aenderung in der Rich- tung eintreten kann, daß wir vielleicht nur einen Teil ttfaffen und das übrige freigeben, vielleicht auch bet Gerste und Hafer, Heu und Stroh, unter Umständen ssuch für Eier und für Zucker nach Sicherstellung deS Verbrauchszuckers. Dagegen muß ich mit Entschieden- bett die Aufhebung der Zwangsbewirtschaftung für Brotgetreide ableb ne n, ebenso für Fleisch, mitter, Milch und Kartoffeln. Aber heute schon erkläre cch, daß, wenn bei der Freigabe bestimmter Artikel die Planlosen Preistreibereien und die flandalöse Ausnutz­ung der Konjunktur fortbauern sollten, zu den Höchst­preisen zurückgekehrt werben mutz. Wir werden natur» «2 alles tun, um die Produktion zu erhöhen. Ich bedauere, daß besonders unsere jungen Leute nicht uf d aS, Land hinauszubekommen sind, yrt der Frage der Düngemittel sind unsere Hoffnungen °us eine ausreichende Erzeugung durch die Streiks in der Stickstoffindustrie vernichtet. tln«

Leben smittelverscwgung in diesem Jahre steht auf !*br unsicherer Grundlage. Nur eine ruhige wirtschaft- JW Entwicklung im Innern und eine menschliche fein« Wt unserer Gegner kann uns retten.

-A"terstaatSsekretSr Edler von Braun gibt einen ausführlichen Bericht über die in Spaa gepflogenen Un« rerbandlungen. Er hält unsere Lage nicht für ko ganz hoffnungslos, die Welt werde sich den Verpflichtungen ^utschlMd gegenüber nicht auf die Tauer entziehen

Schiele (deutschnfl.) erstattet einen Bericht 3 Ausschusses für Volkswirtschaft, in dem auf die Not- soenölgkeit _ einer besseren Verteilung der Ar» e <*ls Geäste hingewiesen wird.

> "Ü9. Blum (Ztr.) hält es für ausgeschlossen, daß . e ^andwirte streiken würden und ist mit dem Minister

. einverstanden, daß für Brotgetreide, Fleisch, und Kartoffeln die Zwangswirtschaft zu- erhalten bleibt. Bei der Erfassung der Vieh» foR. e *'t "'ch* inaner mit der nötigen Sachkunde ver- t?nrden (Sehr richtig.) Je mehr wir in der t und, zum freien Handel überzugehen, um» ^nehr^ wird der Schleichhandel aufhören. (Sehr wahr.) uns-^i>artakusunruhen haben sebr zur Erschütterung nnieres Ernahrungswefens beigetragen und die Ver- tsslwung der Zentralbehörden mit den lokalen In- ganzen ,st sehr gelockert. Unsere Feinde sollten sich Zerlegen, welche Gefahr damit heraufbeschworen wird, s^ . unter dem Druck der H u n g e r 8 n o t die Bol- iTto. bte Grenze überfluten. Wilson sollte seinen

den 15. hinzusügen:Lasse deinen Räch- verhungern, auch wenn er dein Feind war!" lLebhafter Beifall.)

.93urm (Unabh.) befürwortet die Zwangswirt. kJ?'1 und Ranonierung auf allen Gebieten und erklärt B auch ohne die Strycks das Volk nicht bis zur näfi=

ften Ernte hätte ernährt werden können. Wir seien eben auf die Hilfe des Auslandes angewiesen.

Reichsminister Dr. David verweist gegenüber bent Vorwurf, bte Regierung sei mit ihren sozialen Konzes­sionen zu spät gekommen, daraus, daß durch die Un­ruhen im Lande die meiste Zeit der Regierung in An- spruch genommen sei. Tas einzige Mittel zur Ret­tung sei die Wiederaufnahme der Arbeit.

Abg. Elfenberger (Bayerischer Bauernb.) tritt da­für ein, daß der Grossgrundbesitz, der während des Krieges so wenig für die Volksernährung getan habe, aufgeteilt wird. Tie kleinen und mittleren Bauern hätten im vollen Maße ihre Pflicht getan.

Abg. Sollmann (Soz.) erkennt die gewaltige Ar­beitsleistung der kleinen und mittleren Bauern an, warnt aber vor einer weiteren Erhöhung der Preise. Ter Zeitpunkt für den Uebergang von der Zwangs­wirtschaft zum freien Handel fei noch nicht gekommen., Die Streiks seien im Grunde nur eine Hungerkrankheit.' Die Hoffnungen auf die ausländischen Sozialisten in der Ernährungsfrage seien eitel gewesen, deshalb könne uns nur eins retten, angestrengte Arbeit.

Abg. Dusche (D. Vpt.) spricht über Arbeitslosigkeit in den Städten, während man auf dem Lande Arbeiter- mangel hätte. Er erblickt in der geringsten Sozial,sie» rung der Landwirtschaft den größten Ruin für Deutsch­land und in der Ablehnung Der Preiserhöhungen eine Katastrophe. Gegen die. Streikenden verlangt er: Ge­walt gegen Gewalt.

RelchsernährungSminister Schmidt lehnt sowohl eine Preiserhöhung wie eine Herabsetzung in den mei­sten Erzeugnissen ab.

Damit schließt die Besprechung. Ein Antrag der Volkswirtschaftskommission betr. Förderung der land­wirtschaftlichen Arbeiten wird angenommen.

Dienstag: Jnterpellatton Arnstadt über das Ver­hältnis von Staat und Kirche.

Dte Lebensmittelverhandlungen.

Hamburg, 10. März. Eine Funkenmeldung des Pariser amerikanischen Pressedienstes für denNew. hör! World" teilt mit: Als sich bei der Bera­tung des Zehnerrates über die Lebensmittcllieserun, gen an Deutschland Schwierigkeiten ergaben, verlas Lloyd George ein Telegramm das ihm General Plumer, der Befehlshaber der britischen Besa­tzungsarmee in Deutschland gesandt hatte. Das Telegramm besagt, daß die englischen Soldaten lieber revoltieren als weiter gezwungen sein wollen, Kinder und F r a u e n auf den Stra­ßen der deutschen Städte umkommen zu sehen. Die Wirkung des Telegramms war elektrisierend. Es wurde sofortige Hilfe für daS deutsche Volk ver- langl und so wurde endlich eine allgemeine Verstän­digung erzielt.

wtb Paris, 10. 2Rärj. Einer Reutermeldung zufolge sind bereits Kontrakte mit verschiedenen Firmen abgeschlossen worden, um Deutschland dir benötigten Lebensmittel zu liefern.

Waffenstillstand «nd Friedenskonferenz.

Sofcf,_lO. März. Nach einer Pariser HavaS-Mel- bung erklärte Pichon in einer Unterredung mit aus­ländischen Journalisten u. a. folgendes: Die Alliier­ten sind sich einig darin, die Deutschen nicht durch Hun­ger umkommen zu lassen, das ist eine Frage der Mensch- lichkeit. Tie Friedenspräliminarien werden scbneller unterzeichnet sein, als man denkt. WaS die Frage der italienischen Grenze betrifft, so sind die An­sprüche Italiens berechtigt und haben keinen annepio- nistischen Charakter. Alle Einzelheiten der Vorschläge Lloyd Georges über die Entwaffnung Deutsch­lands werden angenommen. Tie Angliederung Deuts ch-O e st e r r e i ch S an Deutschland kann nicht allein durch den Willen der Deutschen und der Deutsch- Oesterreicher geschehen. Tie Friedenskonferenz wird sicherlich dagegen entscheiden. Aber noch ist die Frage nicht gründlich studiert worden. Es ist noch nicht mög­lich, Auskunft über die Schaffung eines rheinisch­westfälischen Königreiches zu geben, daö als Puf­ferstaat dienen könnte.

(Und das alles soll geschehen unter dem Motto: Selbstbestimmungsrecht der Völker.)

Tie Kriegsentschädigung.

wtb London, 10. März. (Reuter ) Der Korr. derPall Mall Gazette" in Paris will von gut un­terrichteter Seite erfahren haben, die Kommission für Entschädigungen habe entschieden, daß von Deutschland 8 Milliarden Pfund Sterling (160 Milliarden Mark) Kriegsentschädigung verlangt werden.

wtb Paris. 10. März. Reuter meldet: Die bel­gischen Forderungen an Deutschland, die der Kom­mission zur Wiedergutmachung dorgelegt sind, be­tragen 1400 bis 1600 Millionen Pfund Sterling. (28 bis 32 Milliarden Mark.)

Blockade-Ende im April.

Rotterdam, 10. März. Nach derMorningpost" erhielt der Londoner Börsenvorstand eine Informa­tion der Regierung über die Aufhebung der Blockade für April.

Die Lage in Berlin-

Berlin, 10. März Neber die Lage erfahren die Polit.-Parl. Nachr ": Unverkennbar nimmt die spartakistische Aufruhrbewegung weitere Ausbreitung nach Süden und Südosten an. Es ist daher an ein baldiges Abflauen der erbitterten Kämpfe kaum zu denken. Auch in Neuköllnha« bcn die Unruhen größeren Umfang angenommen, und aus diesem Grunde werden die RxHierungs- truppen heute mit aller Energie an die Säuberung Neuköllns gehen. Wenn auch der Aufruhr in der Innen stadt durch die Besetzung der Regierungs- truppen niedergeschlagen, ein Wiederaufflauen da- selbst zum mindeste» niedergehalten wird, so beweist doch tsie Ausbreitung rtnd die erbitterte Heftigkeit der Kämpfe an der südöstlichen und südlichen Peri­pherie der Stadt, daß mit einer endgültigen Nie­derschlagung der Revolte für bte allernächsten Tage noch nichkt gerechnet werden kann. Aus diesem Grunde haben auch die verantwortlichen mili­tärischen Stellen weitere beträchtliche Verstärkungen der Regier»ngstruppen nach Berlin beor­dert, die zum Teil schon eingetroffen sind, zum Teil noch eintreffen werden. Alle Meldungen, die bisher über die Weiterentwicklung der Kämpfe eingegange» sind, lassen erkennen, daß »ach der Verhängung des Standrechtes die Kommunisten mit einer fanatU s ch e n Kampfeswut von Leuten sich zur Wehr setzen, die nichts mehr zu verlieren haben. Truppen der Gardekavallerie-Schützeirdivinon haben im Lsten in

der Gegend der Markusstraße ein Spartakistennest mit über 100 Mann ausgehoben.

Berlin, 10. März. Nachdem der Generalstreik als beendet erklärt ist, haben die Arbeiter in allen mittleren und Kleinbetrieben die Arbeit wieder auf- genrmmeu. In den Großbetrieben wird teilweise noch gestreikt, teils freiwillig, indem man die Wie­deraufnahme der Arbeit von der Zurückziehung der Freiwilligenkorps abhängig macht, teils unfreiwil­lig. weil die Betriebe im Bereich des militärischen Operationsgebietes liegen. Der Straßenbahnbe­trieb ruht noch.

, wtb Berlin, 10. März. (Tel.) Um 6 Uhr abends wird mitgeteilt: Neukölln bis zur Ringbahn ist von den Regierungstruppen besetzt. Nach Nor­de» verläuft die erreichte Linie über den Schlesischen Bahnhof, Friedrichshain, Güterbahnhof-Nord und Noidgrenze von Moabit. Die Durchführung der Entwaffnung macht gute Fortschritte. Ein Angriff auf_ Lichtenberg ist beabsichtigt. Der Zeitpunkt dafür kann noch nicht angegeben werden.

Berlin, 10. März. Seit heute Morgen ist der Kampf «eien Lichten berg, bte Hochburg der Spar­takisten, in vollem Gang, ©eit dem frühen Moraen lieat Lichtenberg unter Feuer. Zahlreiche Granaten schlugen in der Nähe der Markthalle in der Frankfur- ter Allee ein, wo die Spartakisten sich einneniftet haben; fte haben dort eine starke Barrikade ouS Eisenbahn, schienen, Papierrollen, Balken und Pflastersteinen er­richtet und eine Art Unterstand geschaffen, um vor den Splittern der einschlagenden Geschosse Sckmtz zu finden. Dte Bevölkerung, bte gu5 bet Häusern flüchten wollte, wird von den Spartakisten gezwungen, dort zu bleiben und auszuharren; man will so die Wirksamkeit deS feindlichen Feuers nach Möglichkeit abschwächen. Um 7 Uhr morgens erschien der erste Flieger der Re ie» rung; er entdeckte die eingebaute Artillerie der Kommu­nisten und birivierte nun baS Feuer der Negierungs- artillerie dorthin. Die Spartaktsten hielten anfangs aus, als aber Granate auf Granate heranfauste, räum­ten sie ihre Stellung fluchtartig und zogen sich in Richtung BieSdorf zurück; etwa zehn ober zwölf Mann, bte schwer verwundet waren, mußten liegen bleiben Bemerkenswert ist, daß in der letzten Nacht die Spar- takisten die Geschäfte, die nach unversehrt waren, au5» geraubt haben

. * Berlin, 10. März. Im Laufe de? heutigen Vor­mittags sind die RegierungSiruppen näher an Licht n» bera herangerückt und stehen zum Teil schon aus Lichtenberger Gebiet. Die Spartakisten halten die am Ringbahnhof und an der Frankfurter Allee gelegenen Häuser unter ülrttHeriefeuer. Da die Einwohner ae« flüchtet find, wurde nur Sachschaden angerichtet. Da­gegen schlug eine Granate in eine an der Ecke der Waldeher-Straße gelegene Gastwirkschaft ein und tötete ben Gastwirt unb seinen Sohn; mehrere im Lokal an­wesende Gäste wurden verletzt Ferner wurde eine in ber Nähe gelegene Bäckerei burch eine von Lichtenberg kommende Granate vollständig zerschmettert.

Die (Säuberung ber einzelnen Berliner Stadt, viertel ging während der Nacht weiter. DieBrioade Reinhardt mußte wiederholt an verschiedenen Stellen eingreifen, um gegen Spartakisten, die sich aus den Dächern fest eletzt batten, vorzugehen. Gegen 10 Uhr erfolgte ein Angriff auf das 2. Garbe-Reaiment in ber Friedrichstraße, wo Spartakisten sich in Häusern sestge- setzt hatten und in die nach ber Straße gehenden Fenster der Nachbarhäuser mit Maschinengewehren hinein» schossen. Eine Kompanie Reinhardtscher Truppen durch- suchte die Häuser und nahm einige verdächtige Per- fönen fest. In ber Brunnenstraße «innen Aufrührer gegen bte bort aufgestellten Postenketten tätlich vor; bte Straße würbe Daraufhin gesäubert.

wtb. Bersin, 10. März. (Amtlich.) Die Volks, marinebivision würbe aufgelöst. Jeder frühere Ängehöri e ber VottSmcirinedivision, ber nach mit Waffen in ber Hand betroffen wirb, wirb nach Kriegs, recht behandelt.

Berlin, 10 März. Im Laufe des gestrigen TaaeS haben spartakistische Flieger, die bereits am Samstag mittag großes Unheil in der Nähe DeS Bülow- PlatzeS on erlebtet batten, ihr Unwesen im Friedrichs­hain getrieben. Im Laufe des Nachmittags waren die nach dem Friedrich-Hain führenden Straßen ziemlich belebt. Plötzlich erschien ein Flteger, der seine Kreise über den Straßen zog, sich dabei aber in 5. bi» 600 Meter Hohe hielt. Umso furchtbarer wurden die Spaziergänger überrascht, als kurz nacheinander Drei Bomben durch die Luft pfiffen und mitten auf der Strasse krepierten. Eine Frau wurde getötet, dreizehn Personen wurden mehr oder weniger schwer verletzt.

Die Greuel in Lichtenberg.

Berlin, 10. März. An ben Grausamkeiten gegen bte gefangenen Rrgierungssolbaten in .Lichtenberg haben sich auch Weiber in unmenschlicher Weise be­teiligt. Ein gefangener Soldat würbe von ettoa 80 Menchn, batunter V elen Flauen, zunächst burch unzählige Stichemit Taschenmessern schwer betrounbet Tie Kopfhaut hing ihm in großen Fetzen vom Haupte. Ein Weib stieß ihm mit einem Messer in ben Hali, sobaß die Schlagader aufaerissen wurde unb bet Verwunbeie zu Boben sank. Er würbe nun wie ein Kloß zur Seite gestoßen, boch gleich barauf warf sich ein« Anzahl Weiber auf ihn unb zertrat ihn. In berFrankfurter Allee würbe ein^ gefangener Solbat nackt ausgezogen, in diesem Zustande auf bte Straße gestellt, unb mit Hand» gr analen beworfen, bis sein Leichnam in Stücke zerfetzt war. Nach weiteren amtlichen Melbungen aus Lichienberg übeilreffen die Zustänbe, die jetzt bort herrschen, alles, was in ben schlimmsten Tagen ber Bo!» schewikiherrschafl in Petersburg und Moskau bekannt würbe. Jeder besser gekleidete Mensch wiid von dem Pöbel überfallen, seiner Kleidung bis auf das Hemd beraubt und totgeschlagen. Es liegen bereit? eine Reihe von solchen Fällen vor, an denen sich wieder zahlreiche Weiber beteiligten. In der Gegend der Michaelskirche und Markusstraße wurde ein Spartakusnest ausgehoben. Etwa 30 Mann wurden standrechtlich erschossen.

Mitteldeutschland.

~vwlb Querfurt, 10. März. H er wurde ber Schau pieler Gerold verhaftet, der unter dem Ver- dacht sieht, an der Ermordung des Oberstttuinanls v. Klub er in Halle beteiligt gewesen zu sein.

2tip}ig, 10. März. Die Leipziger Streikleitung ersucht dte Arbeiter, da bet Generalstreik beendet »nd die Gefahr des Emmarsches fremder T-Uppen behoben sei, Waffen unb Munition sofort »über ber E npfanzSstelle zu überweisen. Der Bahnverkehr wirb nach ber sächsischen Seite heute vom Haupt« bahnhofe toterer ausgenommen. Die Eisenbahner der Preußiichen Bahn beftnben sich noch in einet Loünbewbauna unb streiken zunächst Weiler.

Düsseldorf.

Düsseldorf. 9. März. Don Den Unabhängigen und ihrem Anhang wird eine Propaganda für neue Gewalt- tätigfeiten geführt. Sie forderten Freilassung und Amnestie für Die verhafteten Spartakisten und suchten Stimmung für einen neuen Generalstreik zu machen. Für heute war im Sinne dieser Forderungen eine öffentliche Kundgebung beabsichtigt. Hiergegen tft durch Verhängung des Belagerungszustandes eing^ schritten worden. Alle Öffentlichen Gebäude sind Durch Regierungsmilitär besetzt und auch sonst sind alle Map» nahmen retroff-n worden, um neuen Putichversuchen zu begegnen. Die Kundgebung wurde verboten, »x» heute mittag waren keinerlei Ruhestörungen zu ver­zeichnen. In Der verflossenen Nacht fanden tm nörd­lichen ©ta Heil lebhafte Schiessereien statt.

Oberschlesien.

wtb euifjen, 10. März. Die Sparta kisteU ersiürmteti die Wache an der Grenzstraße, entrisse« habet einem Posten da? Gewehr, töteten einen Sol­daten und verletzten einen Untetoffizier schwer. Der Angriff konnte nur durch Handgranaten abgeschlagen werden. Heute tote [am SamStag sind 25 Schacht^ anlagen in Oberschlesien ausständig.

Botschafter Graf Bernstorsi über den Krieg mit Amerika,

Berlin, 10. März. Der frühere deutsche Botschafter in Washington Graf Bernstorff hielt Sonntag abend bei der Eröffnung des bemoiratt- schen Klubs in Berlin eine Rebe, bte Aufsehen er­regte, ba ber Botschafter zum erstenmal sein bisher beobachtete? Schweigen brach und sich über bte Vorgänge, bte zum Kriege mit Amerika führten, öffemlich äußerte. Graf Bernstorff erinnerte daran, baß Deutschlands Vorschlag, bte Schuld am AuSoruch beS Weltkrieges burch eine neutrale Kommission prüfen zu lassen, undeanttooriet blieb, unb geiselte scharf bas Vorgehen ber Feinbe, bie weiter deutsch* Kriegsgefangene martern, bie unmenschliche Blockade aufrecht erhalten unb obenbrein eine Kriegsentschä­digung erwarten, nachdem sie Deutschland dem Bol­schewismus Preisgaben. Der Botschafter führte bann aus, bie Schuld an Deutschlands Niederlage falle ausschließlich denen zur Last, bie sich bei ber Wahl zwischen bet Friebensvermittlung bes Präsi­denten Wil'on und der Aufnahme des uneinge­schränkten UbooikriegeS für letzteres entschieden. Ihm sei auf Die Frage, weshalb bte Entscheidung in Berlin in biefem Sinne siel, erwidert worben, baß bie öffentliche Meinung in Deutschland eine andere Lösung nicht geduldet hätte. Graf Bern­storff ließ dahin gestellt sein, ob diese Auffaffung vor der Geschichte standhalten könne unb beklagte, baß in Deutchlanb eine elementare Bewegung zu­gunsten bes Friedens fehlte, sie würbe einen Wil- sonschenFrieden ohne Sieg" herbeigeführt haben unb hätte manche Unternehmung verhindert, die von Berlin aus in Amerika in bie Wege geleitet würbe unb bet brutschen Politik sowie be>» Deutschtum Amerika bte größten Verlegenheiten brachte. Der Botschafter erinnerte baran, baß er bie dorttgen Deutschen öffentlich auffordern mußte, bie Gesetze ber Vereinigien Staat» n zu b obachten. In bet auswärtigen Politik müsse künftig auch auf baS Verstänbnis für die Piyche anberet Völker größter Wett gelegt werden. Der Botschafter schloß mit einbiinglischem Appell zur tatkräftigen Mitarbeit am Neuaufbau TeutschlanbS.

Uebrrgrisfe der Besatzungstruppen.

Berlin, 10. März. Ter Vorsitzende der deutsche« Waffen still st andskommission in Span richtete an den Vorsitzenden der französischen Waf- fenstillstanbskommission, General Nubant, eine Note, rn welcher er sich bagegen verwahrt, baß bie Alliier­ten bie beutschen Klagen aus ben besetzten Gebieten als übertrieben beairftanbeten. In ber Note heißt eS:

Die liebe tgriffe der Bes atzungstr u ppen haben eine gewaltige Zahl erreicht. ES ist gemelbet, daß allein in einer einzigen rheinischen Stadt 600 Be­schwerden zur Kenntnis der deutschen Behörden ge­langt sind. Jeder Soldat, der an einer Besitzung feind­lichen Landes teilgi-wmir nt, muß mir beipflichten, daß selbst bei den ftcen Befehlen der Vorgesetzten auch bei einer gutdiszip.uuerten Truppe täglich kleine Hebergriffe erfolgen. Derartige Klagen werden selbst­verständlich van mir nicht vargebracht. Andererseits isf es meinest flicht, die mir berechtigt erscheinenden Klägern meinet Landsleute mit Energie zu verfolgen.

Bern, 10. März. DerBerner Bund" meldet aus St. Ludwig: Französische schwarze SoldateU haben im Gemembewald von Hirsbach die 40 Jahr«! alte Anna Albiser in bestialischer Weife ermor­det. Die Erregung hierüber unter der elsässische» Bevölkerung ist außerordentlich. Zahlreiche Ge­meinden haben Bittgesuche an bie französischen Be^ herben gerichtet, bie Negertruppen zurück, z u z i e h e n, ba biese in steigenbem Maße sich miss Gewalt an Frauen unb Mäbchen vergingen.

Die Aufteilung der Türkei.

Genf, 8. März. «Journal be Geneve" beröffent* licht einige Informationen über die Aufteilung Det Türkei. Tas türkische Gebiet wird demnach auf daS Hcchplateau bon Anatolien beschränkt bleiben. Tie Westküste bon vleinajien zwischen Aivala und dem Golf Von KoS erhält Griechenland, einschließlich de« Hinterlandes. Aidin, Smyrna, Pergamon unb Ephe­sus fallen ebenfalls an Griechenland. Jftalien er« hält zusammen mit der Provinz Adaba das internatio­nale Mandat über den ganzen Teil von Kleinasicn, der der Türkei verbleibt. Tas Vilaset Adana, daS von den Armeniern aus wirtschaftlichen Gründen be» ansocuckst wird, aber zweifellos eine rein türkische Be­völkerung hat, wird zum türkischen Reich geschlagen tverden. das demnach zwei AuSgänge zum Mittelmeev in Gestalt der Häfen von Adana unb Mersina haben würde. Tas östliche Kleinasien erhält Ar­menien unter der wahrscheinlichen Kontrolle der Ver­einigten Staaten. Tie armenischen Vilajets von Erze« rum. Wan unb Tiflis werden wahrscheinlich dem Dila- jet von Trarezunt einverleibt werden, das zwar von einer griechischen Bevölkerung, die die Unabhängigkeit verlangt, bewohnt wird, aber nicht genügend BeDin- guugen für feine Lebensfähigkeit gibt. Außerdem ift Trapezt'm für Armenien wichtig, weil daS Land einen Zugang zum Meere erhält. Konstantinopel und die Tardanellen werden internationalt» fiert werden. Ungelöst ist noch die Frage von © *=«e