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X. Jahrgang.

Marburg, Freitag, 31. Den der 1875.

Xr. 306

anlaßt ist durch unsere Zoll» und Handelspolitik, durch die übereilte Durchführung der frethLndlerischen Theorien, durch die PreiSgebung unserer Industrie dem Auslande gegenüber, durch eine Reihe von GesetzverLnderungen, welche im einzelnen betrachtet heilsam und wohlthätig werden können, aber durch die zu schnelle Einführung und ihr Zusammen­wirken gradezu erhebliche Nachtheile herbeigeführt und die

Krisis wesentlich verstärkt haben.

DaS Bewußtsein, daß dieser Zustand bedrohlich s.lbst sür das Gedeihen drS Reiches und für die Entwickelung des Volkes wird, greift immer tiefer ein. Es kann nicht wehr genügen, für die politische und geistige Hebung deS Volke« zu sorgen, eS muß auch daS materielle Wohl de sördeet werden, um auf diese Weise die Grundlage unseres Volkslebens zu kräftigen. Die Erkenntniß, daß nach die- ser Seite hin sehr oft gefehlt worden ist, und noch sehr viel nachzuholen ist, hat sich im verflossenen Jahre erheb lich verbreitet. Man hat die Ucbrrzeugung gewonnen, daß die gegenwärtige Vertretung im Reichstage ihrer Aufgabe nicht mehr genügt, und daß eine Regeneration derselben dringend nothwendig ist, damit nicht fernerhin dir wirth- ichastliche Frage in so oberflächlicher und wesentlich ein­

seitiger Weise erörtert werde.

DaS Uederwuchern deS JuristenthumS, das oft in Klops- sechtcrei und Silbenstecherci ausartet, hat sich gerade bei Behandlung der wirthschaftlichcn Frage für da« Gedeihen unsere- materiellen Wohle« als höchst gefährlich erwiesen. Ueberall im deutschen Reiche regt sich das Volksbewußt sein gegen die offen zu Tage getretenen Fehler und Miß­bräuche dieser juristischen Rabulisterei, und verlangt eine größere Berücksichtigung feiner praktischen Bedürfnisse.

Dagegen können wir mit der größten Befriedigung auf die Stellung sehen, welche vermöge seiner Macht das deutsche Reich in Europa einnimmt. Seinem Gewichte vor allem ist die Erhaltung deS Friedens und seine Befestigung zu verdanken. DaS Bündniß der Dreikaisermächte hat sich auch in dieser Beziehung in diesem Jahre auf« Glänzendste bewährt. Es hat vorzugsweise dazu beigetragcn, alle «riegs- Beforgnisse zu zerstreuen.

Aber auch mit den anderen Mächten haben sich die guten Beziehungen deS deutschen Reiches verstärkt. Durch den Besuch deS Königs von Schweden und Norwegen in Berlin, und durch die Zusammenkunft deS deutschen Kaisers mit dem König don Italien ist das freundliche Verhältniß zu dem nordischen und zu dem südlichen Reiche noch in­niger gestattet. Mil großer Zuversicht kann daher das deutsche Volk in dieser Beziehung in die Zukunft blicken, denn seine internationalen Verhältnisse werden von so ge­schickter Hand geleitet, daß das Interesse deS deutschen Volkes nach dieser Seite hin wohl gesichert wird.

Auch jener Kampf, der eine Zeit lang über die Grenzen Deutschlands hinauszugehen, und die übrigen Völker sin Mitleidenschaft zu nehmen drohte, ist seinem Erlöschen nahe.

Die Ultramontanen sind von Position zu Position zurück gedrängt und kämpfen nur noch um den Rückzug. Die deutsche Reichsregierung aber hat durch ihr ebenso umsich­tiges als energisches Verfahren im kirchenpolitischen Kampfe sich nicht nur in Deutschland, sondern auch im AuSlande die größte Achtung erworben.

Die Frage, welche Europa in letzterer Zeit am meisten beschäftigt hat, die orientalische, übt weit mehr Einfluß auf Rußland und Oesterreich, al» auf Deutschland. Dennoch ist eS gerade in dieser Frage dem deutschen Reichskanzler gelungen, der friedlichen Entwickelung die Bahn zu bereiten und seine Verbündeten von einseitigem Einschreiten abzu halten.

Oesterreich - Ungarn steht wieder vor einer politischen

Er sah ihm voll in die prüfende« Augen mit der über­zeugenden Wahrheit eines ehrlichen Willens, eine« festen Entschlusses, die sich in seiner leuchtenden Miene, der auf gerichteten Haltung kund gaben; dann umschlang er die Mutter, die lange ftillbcseligt an seinem Halse hing.

Mit theilnehmender Freude hatte daS junge Mädchen zugcschaut, bescheiden sich in einen Winkel zurückzichend. Jetzt machte sie sich fertig zum Gehen.

Kannst Du denn nicht länger warten, Christine?- Sie schüttelte den Kops:Ich komme ja heul'Abend mit der Mutter, wie wir's versprochen 1* und bot die Hand zum Abschied. Heinrich mußte sie betrachten, wie sie mit halb- verschämter Traulichkeit vor ihm stand. Er wunderte sich im Innersten: wie war denn das nur zugegangen, daß er nach niemals bemerkt hatte, wie lieb sie auSjah und welche gewinnende, ihr selbst unbewußte Anmuth aus ihrer Gestalt, ihren lieblichen Zügen ruhte?

Du erlaubst doch, daß ich Dich nach Hause bringen darf? ES ist so glatt und windig an der KirchhoiSmauer," fragte er die Jugendgespielin saft schüchtern, und sie bejahte mit dankendem Neigen des Kopse«.

Die HauSthür klingelte, die beiden jugendlichen Gestalten traten hinaus auf die Straße, deren Dächer von einem flüchtigen Strahl der winterlichen Sonne vergoldet wurden. Geschäftigkeit und muntere« Leben entfaltete sich allenthalben, frohe Gesichter grüßten, festlich geschmückte Menschen zogen vorüber.

Ja, ein fröhliche« Neujahr, das verleihe Gott uns Allen I" sagte der alte Mann und sein zufriedener Blick folgte den Dahinschreitenden, wie sie eng neben einander auf dem in schneiten Pfad weiter gingen, als wäre er der

VerfasfungSkristS. Centralisten und Ultramonlane machen Anläufe gegen die gegenwärtige Regierung und die zu Recht bestehende Verfassung. Die Ungarn und Oesterreicher stehen ich ebenfalls ziemlich schroff gegenüber, so daß fast zu be- orgcn ist, daß der Dualismus in sich zusammendricht; dennoch ist zum Besten dieses Reiche» anzunehmeu, daß diese Verwickelungen wieder ausgeglichen werden und Oester­reich-Ungarn vor einer StaatSumwälzung bewahrt bleibt

Rußland ist fortgesetzt mit seinen inneren Angelegen­heiten beschäftigt und hat auch in diesem Jahre die Re­formen, welche die Umgestaltung des großen Reiches her- beiführen sollen, fortgesetzt. An seinen Grenzen sah eS sich veranlaßt, ein« Züchtigung gegen die Turkmanen wegen ihrer räuberischen Einfälle zu unternehmen und stellte dort in kurzer Zeit durch einen KriegSzug die Ordnung wieder her.

Frankreich Hal nach langen inneren Kämpfen für die republikanische Verfassung sich entschieden und damit für den Augenblick die Feinde derselben allerdings besiegt; da jedoch die Gegner dieser Ordnung über einen viel zu großen Einfluß zu gebieten haben und beständig ihre Macht be» nutzen, um für ihre Separatinteressen zu wirken, so ist sür'S erste wohl noch nicht an eine Befestigung verfassungsmäßiger Zustände zu denken. Anzuerkrimm ist e« übrigen«, daß Frankreich in seinem Hasse gegen Deutschland etwa« nach- gelassen hat und sich allmältg an die Resultate deS letzten Krieges gewöhnt.

England, das lange Zeit eine untergeordnete Stellung in der europäischen Politik einnahm, hat durch den An­kauf der Suezkanalaklien neuerdings die Aufmerksamkeit in hohem Grade aus sich gelenkt. Es schickt sich außerdem an, seine Heeresmacht, sowie seine Marine neu zu ordnen und zu verstärken und scheint damit sich auf alle Even­tualitäten gefaßt zu machen.

In Spanien hat der Bürgerkrieg da« ganze Jahr hin­durch getobt, indessen steht die Sache des Königs Alfons jetzt wesentlich bester und konsolidirter al« zu Anfang deS Jahres, während der Prätendent Don Carlo« immer mehr Terrain verloren hat und von seinen meisten Offizieren und Soldaten verlosten ist. Anfang« hatte eS den Anschein,

MkllllNgkN L vberhesfischen Zei- t««g mit Itluffrirtem Sonntagsötatt, bitten wir vor Ablauf dieses Monats gef. bet der Post machen zu wollen, um im Stande zu sein voll­ständige Exemplare zu liefern.

Im unterhaltenden Theil der Oberhessischen Zeitung erscheint demnächst Der blaue Reiter, Criminal-Novelle von Julie Düngern, und m Nr. 1 des Jllustrirten Sonntagsblattes: Unter d'em Bannstrahl, Novelle von F. Klink.

Es empfiehlt sich dieseSmal ganz besonders, die Bestellung vor dem 30. December zu machen, da die Nr. 1 des Jllustrirten Sonntagsblattes mit d«r Nr. 1 der Zeitung versandt werden muß. Außerdem aber beabsichtigt die Expedition unseren verehrten Abonnenten mit Nr. 1 em niedliches Neujahrs-Geschenk zu überreichen, wer das nun rechtzeitig haben will, muß vor allen Diügen recht­zeitig bestellen!

8 Die Exp. d. Oberh. Zeit.

Hnieiflen nimmt entgegen: bte Expedition d. Blatte«, sowie bte Annoncen-Bureaux von @ L. Daube & Co. in Frankfurt a. M. - Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Invaliden dank, Ä. Mete­rn eper in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Rückblick auf da» ablanfenbe Jahr.

Wenn auch auf verschiedenen Stellen der Erde das Schwert au« der Scheide gezogen war, so herrschte doch, im ganzen genommen, im scheidenden Jahre der tfttebe. Nach den großen Kriegen, welche die Menschheit vor we­nigen Jahren in Spannung hielt, haben die Völker sich wieder bet friedlichen Arbeit hingegeben, aber bte «Segnun- aen derselben werden ihnen, und namentlich dem deutschen Volke, durch die Folgen einer HanbelSkrtsi« verkümmert, die nun schon nahezu drei Jahre dauert, und noch immer nicht abgeschlosten ist, sondern mit schwerer Last auf den Schultern deS Volkes ruht. Handel und Industrie liegen ganz besonders bei uns darnieder. Tausende haben durch die Krisis ihr Vermögen verloren und sind an den -Bettel- sUd gekommen; Tausende von Arbeitern sehen sich ver­geben? nach Beschäftigung um, kurz, ein allgemeiner Noth- ftanb herrscht, so daß man nur mit Bedauern auf daS abgelaufene Jahr zurückbltckcn kann, und dem neuen mit «esorgniß entgegensieht. Alle Hoffnungen auf die Besei­tigung dieser traurigen Lage habe» sich dis fetzt als irr ihümlich erwiesen, ja, es ist zu befürchten, datz, wenn nicht bald irgend ein entscheidender Schritt geschieht, die deutfche Industrie vollständig verkümmert, und daS emst so stolze nicht zu leugnen, daß dieser Zustand zum Thetl auf allgemeinen Salamtiäten beruht, aber wesentlich ver-

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureauk von Th. Diettich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a.M., Berlin, Leip­zig, Eöln ic; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. re.

Zit »er Nmjatzrönacht. Original-Erzählung von Ernst «streben.

(Schluß.)

Leb' wohl!" Er drückte ihre Haud und wandte sich

*Ut Sie stand noch eine Weile regungslos in derselben Stellung, dann ging sie langsam vorwärts, das Haupt ge­beugt, in demuthSvoller Haltung, bis ihre Gestalt unter dem geöffneten Portal der Kirche verschwand, au« der schon 6k Orgel iu brausenden Tönen erklang. Heinrich, nach kurzer Pause, folgte; wo hätte er sem übervolle«, er­löste« Herz wohl liebet auSschutten mögen <

Ja, in sich befriedigt und erlöst, denn der Haß und der Ueberdruß lagen hinter ihm, so schritt er nach been- MM« i- M S<m<n. 6. ,,ch berbat leicht uno erhoben und bie freubige Thatkraft der Jugend, die so lange trüb in ihm S-lchlummert hatte, strömte warm durch alle seine Abern. Er öfpete bie Thu che« WohugemacheS und überschaute ein Weitere« Bild. Die Mutter, anscheinend wohler, im sonntäglichen Kleide am Tische sitzend, der Vater über ihren Stuhl gelernt; betbe I4djelnb auf Christine blickend, die mit einem AttSvruck liebreizender Freundlichkeit und einfacher Herzensgute vor ihnen stand und ein mitgebrachte« Gebäck auf den Teller °^H«nrich schritt mit dem Reujchrsgrnß an der Er- röthmden vorüber ans dm Vater zu.Baker »sagte « herzlich, seine Hand erfafienb und pressend,alles Gluck, was ich Dir wünsche, will ich selbst von fetzt an Dir be- reiten, Dir und der Mutter, die chr bisher Kummet um mich getragen 1 Ich werde wieder gut machen, so wahr ®«lt mir helfe!"

«rtAfint täali» außer den Werktagen na» Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen SöeilageJllnfttirtes ^"^"* *"tatt" durch dieKp«dttwn (Ko»f»e ru der ei) bez°^n2^Mark, durch bie Postämter beS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf». (e$l. Bestellgebühr). - JnserttonSgebahr für bte gespaltene Zelle 10 Pf». Buchbruaeret) °-z°S«n zu ertbeilenbe Auskunft und Annahme von Äbresten werben 25 Pf«, berechnet.

Weg des Leben« selbst, den sie betraten, und sie würden ihn nun und immerdar so vereinigt gehen.

Stillfreudigen Herzen« schmiegte sich die treue Gefährtin , an den Gatten.Ich hoffe wieder 1" flüsterte sie, und die Zwei, denen au» sie liebend und wünschend nachschaute, traten eben aus dem Schatten der Mauer, an bet sie ent­lang gegangen waren, bei bet Biegung der Straße in den klaren, freundlichen Sonnenschein. i

Ein Sannerstiilkchen.

Den Cantor Emanuel Rosenzweig au« Boston trieb bie Sehnsucht, feine Heimath, Oesterreich, wieder zu sehen unb vor wenigen Wochen traf er in Wim ein. Im Hotel zum daierischen Hof" in bet Taborstraße nahm er sein Absteigequartier und besuchte öfter Nachmittag« ein hort' in der Nähe gelegene« Kaffeehaus. Daselbst machte er die Bekanntschaft eine« Agenten, mit dem er sich übet ba«, Leben in Amerika durch längere Zeit unterhielt. Im Ver-) laufe de« Gespräch« äußerte Rosenzweig, daß et ein großer Freund von Juwelen sei und erst im letzten Sommer habe er in Boston beim Verkaufe eine« Brillantschmucke- einen namhaften Betrag verdient. Tag« darauf erhielt der (Santot dm Besuch zweier Männer, der eine etwa 40 Jahre alt,; bet Andere etwa« junger, welche ihm zwölf Edelsteine zum Kauf anboten. Herr Rosenzweig besichtigte die Juwelen unb schien nicht abgeneigt, die Offerte anzunehmen. Doch; vorher wollte er sich über die Echtheit und dm Werth der Steine von einem Fachmann ein Unheil Holm. Mit Ein­willigung der beiden Herren, die sich al« Ebelsteinhindler geriet hatten, nahm er den schönsten und größten Stein zu j sich, verpackte die a ibtren, um eine Verwechselung zu ver-' hindern, in Gegenwart brr Eigenthümer unb versiegelte dal