X. Jahrgang.
Alarkurg, Donnerstag, 30. December 1875.
Nr. 305
ohne klare Empfindung von Schmerz oder Bewußtsein der
suhlend. Sein Kopf war ihm wüst und e« pochte und
tiefer Seufzer au«
sie gingen
kalte Borra«.
Der
hämmerte darin; zuweilen brach ein seinem Innersten hervor.
Wir streichen durch die Felder, Bon Schnee und Regen naß. Der Mantel fliegt im Winde, Anrissen find bie Schuh'--
äprozentige Eisenbahnscheine zu 1000, 500 und 100 Mark ausgegeben und die Ablösung derselben von allen Staat«« kafien auSgesührt werden. Mit der Herstellung deS Reich«- eisenbahnsystemS soll gleichzeitig auch ein Plan über den Ausbau des Eisenbahnnetze« aufgestellt »erben, im Programm dessen es liegt, namentlich solche Gegenden zu begünstigen, die bisher vernachlässigt sind.
Anregung gebracht worden sei, um bei dem VerkaufSge- chäste zu gewinnen. Zndefien ist dies ein großer Jrr- thum; diese Angelegenheit ist vom ReichSeisenbahnamte an- geregt worden, weil sich die Erkenntniß hecausgestellt hat, daß auf dem bisherigen Wege für Herbeiführung eines einheitlichen Tarifs und einer besseren Ordnung in den Eisenbahnangelegenheiten nicht zu erwarten sei. Auch hat ich dem Reichskanzler, der sich seit längerer Zeit eingehend mit der wirthschaftlichen und socialen Frage beschäftigt hat, die Ueberzeugung, wie eS scheint, Bahn gebrochen, daß man die Sache nicht mehr wie bisher gehen lasten könne, sondern daß der Staat zur Besterung der Verhältniste, zur Belebung der Industrie und des Handels und zur Hebung des CreditS so viel thun müsse, als in seinen Kräften steht. Durch die Uebernahme der Eisenbahnen durch das Reich würde das bisher in den Privatbahnen, und keineswegs stets sehr sicher, angelegte Capital die denkbar höchste Sicherheit erlangen, und dadurch ein vollständiger Umschwung in den Creditverhältnisten, sowie überhaupt der CapitalSver- hältniste deS deutschen Volkes eintreten. Auf der anderen Seite ist aber auch nicht zu verkennen, daß durch diesen Uebergang das Reich eine neue materielle Grundlage von ungemeiner Bedeutung erhalten würde, und der Einfluß der ReichSregierung, den sie auf Handel und Industrie zu Üben im Stande ist, durch die vielen Taufende von Beamten, die in direkter Beziehung zu ihr stehen, sich bedeutend steigern müßte.
Schon durch den Uebergang der preußischen Staat« bahnen an das Reich, die außer allem Zweifel ist und schon jetzt vorbereitet wird, dürste das Reich an Einfluß und Bedeutung gewinnen. Daran wird sich auch wohl die Uebernahme der übrigen Bahnen in nicht zu langer Zeit anschließen, vielleicht vorläufig die der baierischen ausgenommen. Baden sowohl wie Sachsen haben bisher keine glänzenden Geschäfte mit ihren Staatsbahnen gemacht und dürsten daher nicht abgeneigt fein, ihre Bahnen an das Reich zu übertragen.
Mit einer Reihe von Privatbahnen wird sich die Reichsregierung ebenfalls sehr leicht verständigen.
Ein Uebergang aller Bahnen ist für den Augenblick überhaupt nicht in Aussicht genommen, ebensowenig eine vollständige Unterdrückung der Privatspeculation. E« Han bell sich zunächst nur darum, die Einheit deS Eisenbahn und Tarissystems auf diesem Wege herbeizusühren. Schon durch den Besitz der Hälfte sämmtlicher Bahnen und durch den Erlaß eines Eisenbahngesetzes würde der Einfluß des deutschen Reiches auf daS Eisenbahnwesen vollständig ge» sichert sein. Die Ablösung der Bahnen soll so geschehen, daß auf Grund der Rente der drei letzten Jahre die Ablösungssumme zu 4 Prozent zu kapitalistren sei, mit einer Amortisation von 10 Prozent vom Reinerträge. ES sollen
seiner Lieben schlummerte.
Beatus iUe homo, Qui sedet in sua domo.
Tagesbericht
DaS landwirthfchaftliche Ministerium besitzt Mittel, um Beihülfen für landwirthfchaftliche Zwecke zu gewähren. Die Vermittler hierbei sind in dm meisten Fällen die land wirthschaftlichen Centralvereine. In dem Jahre 1875 wurden zur Förderung der Landwirlhschaft durch die Ver- mittlung der landwirthschastlichen Centralvereine 487,332 M. an StaatShülfen verwendet. Es waren hierbei 33 Central- Vereine betheiligt. Es wurden verwendet zur Hebung der Rindviehzucht 166,550 M., für Mutterstuten- und Hengst- Prämien 80,350 M., für Versuchs und Kontrollftationen 61,800 M., für Wanderlehrer 42,800 M., für Zuschüsse zu den Besoldungen der Generalsekretäre der landwirth- schaftlichen Central- und anderer landwirthschaftliche Interessen verfolgender Vereine 21,000 M., für allgemeine Zwecke 10,650 M., sür Ausstellungen 6900 M., für bie Bienenzucht 5175 M., für sonstige Zwecke, wie Maschinen- Prüsungen, GenossenschaftSbesörberungen, Einrichtung von Musterwtrthschaften, Obstbaumzucht, Meliorationen 92,777 Mark. Neben den Unterstützungen be« Ministerium« stnb noch solche der landwiNhschaftlichen Centralvereine zu regt- strirrn, über welche eine Zusammenstellung noch zu erwarten ist.
Der Handelsminister hat den Direktionen der Staatsbahnen bie Weisung zugehen lassen, bei bet Ausstellung neuer oder der Abänderung alter Tarife darauf zu sehen, daß dabei bk ausländischen Produktionen nicht zum Rach« theil der inländischen begünstigt werden.
Bei dem im nächsten Herbst stattfindenbm großen Gardemanöver werben zahlreiche Rmerungm bezüglich der Bewaffnung unb der Art und Weise be« Jnsanteriegesechte« erprobt werden.
Ein Theil ber österreichischen Presse benutzt ben eben so gernäßigien, als durchaus gegen Oesterreich und namentlich gegen die österreichische Regierung wohlwollenden Ar- titel Der „Prov.-Cvrresp." über bie Schmerling'sche Rede, zu maßlosen Angriffen nicht bloS gegen diese« Regierungs« Organ, sondern auch gegen Preußen und den Reichskanzler. ES wird mit niedrigen Schimpfworten, mit Drohungen herumgeworfen, unb ganz in betfelben Weise ver- fahren, wie zu Zeiten be« Arnim'schm Prozesse«. Indessen darf man diesem Gebühren der österreichischen Preffe keine allzugroße Bedeutung beilegen. Bei ihr ist nämlich der
Die Eisenbahufrage.
ES konnte nicht auSbleiben, daß daS Programm des Reichskanzler«, alle Staatsbahnen in den Besitz de« Reiches zu übertragen, in ben partikularistischen Kreisen verschiedener deutscher Staaten auf Widerstand stoßen würde. Bisher liegen dergleichen Aeußerungen vorzugsweise auS Baiern und Sachsm vor; dort benutzen die Ultramontanen diese Frage al« Mittel zur Agitation; e« scheinen sogar selbst aus nationalm Kreisen sich Stimmen dagegen zu erheben. Hingegm hat die baierische Regierung sich noch nicht darüber geäußert; eS liegt auch keine Veranlassung dazu vor. ES ist nicht zu bezweifeln, daß sich Baiern wieder am längsten sträuben wird, und daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen der Uebergang seiner Eisenbahnen an daS Reich auf große Schwierigkeiten stoßen dürfte. Indessen sind schon bedeutendere überwunden worden, und ist daher noch nicht die Hoffnung aufzugeben, daß sich auch Baiern der Roth- Wendigkeit fügen wird. In Sachsen hat sich gleichfalls der alte sächsische Partikularismu» wieder geregt. Diesmal hat sich die osficiöse Preffe Sachsens, das „Dresdener Journal" namentlich, zum Wortsührer der Opposition gemacht. Dasselbe spricht sich sehr mißliebig über diese Frage auS und ist der Meinung, daß sie bis jetzt nur von beteiligter Seite, namentlich von ben Besitzern schlechter Aktien in
In den Straßen war e« ziemlich lebhabft. Einzelne Personen oder Gruppen tarnen auS Gesellschaften nach Hause, Fensterrethen waren eben hier unb ba noch erleuchtet.
Indem sie die enge Gaffe nahe am Thor betraten, wo Friedrich wohnte, hörten sie eine bekannte volltönende Baßstimme Bruchstücke eines Eichendorffschen Siebe« fingen, bie bet Wind bald zu ihnen herübertrug, bald weiter verwehte:
NachtS wir durchs Städtlein schweifen, Die Fenster schimmern weit —
Sie standen vor dem Häuschen; Friedrich zog ben Schlüssel aus ber Tasche, schloß auf. In Heinrich wurde bie Erinnerung rege, er stand unschlüssig da. „Meine armen Eltern I" sagte er gepreßt. „Du darsst sie jetzt nicht stören, erweiterte Friedrich, „aber gehe morgen zeitig hin, und dann — Heinrich, wenn Du eS vermagst — und Du mußt es, o höre mich! Sei wieder gut, mache ihnen Freude! Du weißt es nicht, wie so reich Du bist, noch liebe Eltern zu besitzen, währmd ich die meinigen kaum gekannt habe!" Seine Stimme bebte leise, der
Freund drückte warm seine Hand. „Ich will!" nickte er; hinein. Aus weiter Entsernung klang e<: --durch die Wälder
Zu der NmjahrSnacht. Original-Erzählung von Ernst Streben.
(Fortsetzung.)
Sie passtrten den Rückweg über die steile Thurmtreppe, Einer hinter dem Andern. Kriwitz, diesmal an der Spitze, prüfte sorgfältig jede Stufe, sich an'S Geländer klammernd, murmelte halblaut in abgebrochenen Sätzen unb warf furchtsame Blicke um sich. Sie hatten säst da« Ende erreicht, al« e« hinter ihnen laut wurde; einzelne Ausrufe in kurzen Zwischenpausen, schallendes Gepolter, welches sich näherte. Ach Gott steh' unS bei!" stöhnte Kriwitz. „Da kommt a - wenn'» nicht gar Einer ist, den ich «nicht nennen mag. DaS kann nimmermehr gut abgehen!"
In diesem Augenblick trappelte es dicht Hutter ihnen. Der tolle MattheS, ohne Hut und Laterne,, stürmte wie ein Wirbelwind bie Stiegen einher, sich am Geländer hinunterschwingend, in so rasender Hast, daß sem schwarzes langes Haar aufwärts gesträubt um seine Schlafe flatterte, wie er mit wildem Lachen an ihnen vorbei, die sich gegen die Wand drückten, hinunter in die Tiefe fuhr. Dte ganze wie ein Blitz vorüberfireifenbe Erscheinung mit bem blet»en Gesicht unb ben glühenden Augen hatte etwas Unheimliches, Sinnverwirrende«. Heinrich fühlte sich wie in der Gewalt eine« Bonne«, Kriwitz Hämmerte sich mit beiden Händen sch. „Das bricht den Hals!" sagte er verstört, „ba« ist so sicher wie zweimal zwei vier ist. Wenns nur damit abgethan wäre." , , .. „
E« war Alle« wieder ruhig geworden. Sie beendigten vollend« den Weg, traten aus der Kirche hinan« in da« Freie, ohne etwa« von ihrem wunderlichen Kameraden zu gewahren. Kriwitz, mit erleichtertem Herzen, nahm höflichen Abschied unb gratulirte sich selbst, daß Alle« fo gut obgegangen wäre. Heinrich , an Friedrichs- Arm, schritt
Heinrich war auf dem Stiege nach der Wohnung seiner Eltern. Die graue Dämmerung eine« nordischen Winter« morgen« hüllte noch Straßen und Gebäude ein. Wirre Träume, Schreckbilder seiner aufgeregten Phantasie, hatten über Nacht schwer auf ihm gelastet. Bald sah er die früher so heiß Geliebte im schwarzen Sarge vor sich liegen, mit geschloffenen Augen, regungslos, bie Hände gefaltet, bald wieder befand er sich am Fuße der Thurmtreppe und die Gestalt des tollen Matche« lag lang au«» gestreckt davor, tobt, zerschmettert, Haar und Schläfe mit geronnenem Blut befleckt. Dann wieder war er in die weiten, hallenden Räume der Kirche versetzt, die sich — wie e« der Aberglaube in der Sylvesternacht dafür hält — mit den in dem verflossenen Jahre Gestorbenen füllte. Schaudernd sah er die wachsbleichen Gesichter, die erloschenen Augen auf sich gerichtet. Da kam sie, bie Letzte, in nachschleppenber, weißer Hülle! Sie sah ihn an, ver« suchte zu sprechen, ihre Lippm bewegten sich, aber kein Laut warb hörbar. Sie rang unb strebte mit angstvoll Der«; zerrten Zügen — ba trat et dicht zu ihr, von namenlosem Mitleid erfaßt.
»Ich verzeihe Dir!" sprach er au« vollem Herzen unb über ihr Gesicht flog ein Schimmer, ein selige« Lächeln — sie verschwand.
E« war vorüber, bie Schatten der Rächt waren entflohen, er athmete erleichtert bie scharfe, kalte Luft, wenn auch, ihrer gedenkend, burchbrungpr von einem Gefühl tiefer
Die Wetterfahne klirrte, e« pfiff unb sauste um dte Umgebung dahin, nur eine grenzenlose Leere im Herzen | Ecken, tiefe Dunkelheit war ringsum gebreitet. Wohl dem, fühlend. Sein Kopf war ihm wüst unb es pochte unb ber eine Heimath fein nannte, bet friedlich in bet Mitte
Ätuetgen nimmt entgegen: bie Expedition b. Blatte«, sowie bie Amwncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a. M ; Haasenstein & Vogler in Franffurt a. M, Berlin, Leipzig, Cöln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
Anzeigen nimmt entgegen: bie Spedition b. Blatte«, sowie die Annoncen-Bureaur von ®. L. Daube & Co. in Srantfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A- Rete- ♦ meyer in Berlin; Carl Schütz- ter in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich autzer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da« Quartal mit der wöchentlichen Beilage „zinstrirteS Sonntagsblatt" durch die Ssvedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen «art, durch die Postämter deS Deutschen Reiche« 2 «art 50 Pfg. <exl. Bestellgebühr). - JnserttonSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf,. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.
** Ä “ auf das 1. Quartal 1876
der Vbertzesfifche« Zei- tiiM mit Ittuffrirtem Sonntagsölatt, bitten wir vor Ablauf dieses Monats gef. bei der Post machen zu wollen, um im Stande zu sein vollständige Exemplare zu liefern.
Im unterhaltenden Theil der Oberhessischen Zeitung erscheint demnächst Der blaue Reiter, Eriminal-Novelle von Julie Düngern, und in Nr. 1 deS Jllustrirten Sonntagsblattes: Unter d'em Bannstrahl, Novelle von F. Klink.
ES empfiehlt sich diesesmal ganz besonders, die Bestellung vor dem 30. December zu machen, da die Nr. 1 des Jllustrirten Sonntagsblattes mit der Nr. 1 der Zeitung versandt werden muß. Außerdem aber beabsichtigt die Expedition unseren verehrten Abonnenten mit Nr. 1 ein niedliches Reujahrs-Geschenk zu überreichen, wer das nun rechtzeitig haben will, muß vor allen Dingen recht- leitia bestellen!
Die Exp. d. Oberh. Zeit.