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X. Jahrgang.

Marburg, Mittwoch, 29. December 1875.

Ur. 304

Zur orientalischen Krage.

Zukunft kaum die Fähigkeit zutrauen dürste, deS Ausstandes

würde nicht ohne Betheiligung Deutschlands und eine an

derweitige Entschädigung vor sich gehen können, sie würde Anzeichen davon finden; daß strner auch auf den von

uns also sehr direkt berühren. Dabci ist nicht auSgeschlofien, daß zwischen den beiden, die diplomatische Action Vorzugs weise führenden Mächten, zwischen Rußland und Oesterreich, über die einzelnen, Schritte nicht immer vollständiges Ein- verständniß besteht oder bestanden hat, und daß lang dau­ernde Verhandlungen über dieselben geführt sind. Jeden- -alls aber kann die eine Aeußerung Bismarck's nicht dahin auSgelegt werden, daß über den nächsten Schritt noch eine Uneinigkeit zwischen Oesterreich und Rußland herrscht. Dieser teht vielmehr außer allem Zweifel, denn beides Mächte sabcn im Einverständniß mit Deutschland sich über ein Reformprogramm geeinigt, das den übrigen Großmächten n den nächsten Tagen zur Kcnntniß mitgetheilt werden oll. Die Mächte gehen von dem Gesichtspunkte auS, daß trotz aller früheren Versprechungen, welche die Sultane in ihren Jradcn gemachtchaben, dennoch thatsächlich die Christen in ter Türkei und speciell in Bosnien und der Herzegowina als Unterdrückte behandelt und ihnen die Rechte des mo deinen Rechtsstaates vorenthalten werden. In diesem Zu­stande sehen sie die Ursache der fortgesetzten Insurrektionen und gehen deshalb darauf aus, diese Uebelstände zu besei tigen. In dem Reformentwurs wird deshalb gefordert, daß in den insurgirtcn Provinzen die vollständige Gleich­heit der Christen und Türken herbeigeführt und zugleich dadurch gesichert werde, daß die obersten Aemter, nament­lich die Würde deS Statthalters nur an eingeborene Christen dieser Provinz verliehen werden können. Dabei geht der Reformplan keineswegs so weit, daß den insurgirten Pro­vinzen eine Stellung wie Serbien und Rumänien einge- räumt werden soll, sondern nur annähernd, etwa wie Ungarn zu Oesterreich steht.

Allerdings hat nun der Sultan durch seinen Reform- Ferman die Vorschläge der verbündeten Mächte durchkreuzt; indeffen ist nicht ausgeschlossen, daß er sie dennoch schließ­lich annimmt; denn der Ferman bezieht sich aus alle Pro­vinzen des türkischen Reiches, während der Reformentwurs von Oesterreich und Rußland nur die insurgirten Provinzen im Auge hat. Wenn der Sultan nicht nachgibt, so wird er es sich selbst zuzuschreiben haben, wenn die Insurrektion größere Ausdehnung gewinnt. Bisher ist der Pforte nicht gelungen, den Aufstand zu dämpfen, eS dürste ihr ohne fremde Hülfe überhaupt schwer werden, und die ver- . bündcten Mächte werden schwerlich die Parification über­nehmen, wenn die Türkei nicht auf die Ausführung ihres Reformentwurfs eingeht. Sie hat bisher so wenig Ätaft und Entschiedenheit entwickelt, daß man ihr auch für die

erstandenem Liebessehnen! Glaube mir, Tobtsein ist gut, Erwachen auS angstvollen Träumen, Erlösung auS athem- loser Jagd, Geborgensein vor den Verfolgern Schmerz und Lust! Auch ich hatte einst ein geliebtes Weib, ein Kind so ein kleine«, süßes Wesen doch still, hin ist hin I

Er kämpfte feine Wehmuth gewaltsam hinunter, hob die Posaune mit ausdrucksvoller Bewegung in die Höhe und , fuhr mit einer Art wilder Begeisterung fort:Flüchte Dich

Zu der NeujahrSuacht. Original-Erzählung von Ernst Streben. (Fortsetzung.)

Er war ihm nahe getreten und faßte einen Augenblick seine Hand; Kriwitz schaute mit dem Ausdruck unsäglicher- Berwunderung von dem Einen zum Andern hin.

Zn diesem Augenblick setzte die Uhr ein und eS klang, von allen Thürmen. Die Mitternachtsstunde summte in. vollen Glockentönen hernieder und griff wie ein verstäub-! licher Ruf aus dem Zenseil« mit erschütternder Mahnung- an vaS Menschenherz.

Alle standen und lauschten still, der Gegenwart wieder- gegeben. MattheS richtete seine hohe Gestalt zu ihrer ganzer Länge empor, wandte sich ringS umher und mit festem Auge- und beherrschendem Taktschlag der Hand hatte er die zer streuten Geister rasch gesammelt zum Werke. Zu eintn^ viergliedrigen Ganzen geordnet, unterthan dem Gesetz der Harmonie, hoben die Männer ihre Posaunen an die Lippen und in brausendm, überwältigenden Klängen die Gedankest mit sich fvrtreißend, schwangen sich die Akkorde deS ge' weihten Liedes himmelan: eine tönende Welle, dem heimge, gangcncn Zähre nachflulhend in den Strom der Ewigkeit l ein hoffender Willkommengruß dem jüngsten Sohne der Zeil, dem neugeborrnrn Herrscher der Welt; rin heißes Flehet auö der Tiefe, aus Erdennoth und Bedrängst zu Dem'^ der allein Helsen kann und Helsen will. f

Die Gefährten zerstreuten sich jetzt im Gemach, nach! dem aus den verschiedenen Lucken des Thurmes nach alle»- vier Himmelsgegenden hinaus je ein Ber« deS Kirchengei sangeS erschollen war. Sie verwahrten ihre Instrumente' zogen dir wärmenden Hüllen fester um sich und schickte^ sich an, da« luftige Quartier zu verlassen. Nur Malthex stand noch wie sestgebannt an der Oeffnung regungslos die Posaune in der auSgestreckten Rechten vor sich halten!' das Auge weit geöffnet, in's Leere schauend, während scii? Lippen murmelten und hoffnungslose Traurigkeit aus seines bleichen Gesicht lag.

ist auch um die große Ecke vor zwei Tagen mit Tode abgegangen und da hatten sie schon den Sarg gebracht." \

Ihr Name?" fragte Heinrich plötzlich, der dem Ge- ! fpräch deS Andern bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte, mit schnell erwachter beklommener Theilnahme. i

Wie Sie heißt, meinen Sie? Es ist die Volkner, i Vermögliche Leute, noch gar nicht lange verheirathet: I habe auf ihrer Hochzeit gespielt. Kennen Sie sie viel- - leicht?"

Barmherziger Gott, Margarethe I" Heinrich hielt sich schwindelnd an der Wand, Friedrich wandte sich be« i stürzt zu ihm.

Der grelle, halb erstickte Laut dieser Worte hatte auch das Ohr dc« hinausschauenden MattheS erreicht, der sich eben langsam zurückwcndete. Er maß die Gruppe vor sich mit einem flammenden Blick, während eS um feinen Mund zuckte und leidenschaftliche Erregung aus seinen Zügen sprach.

Todt, Deine Liebste?" sprach er mit tiefer Stimme zu Heinrich,und Du hattest sie schon vorher verloren? O wunderbare Mischung von begrabenem Haß und neu-

Mtllungtll L vberhesstschen Zei­tung mit Ittustrirtem Sonntagsvlatt, bitten wir vor Ablauf dieses Monats gef. ber der Post machen zu wollen, um im Stande zu sein voll­ständige Exemplare zu liefern.

Im unterhaltenden Theil der Oberhessischen Zeitung erscheint demnächst DerblaueReiter, Criminal-Novelle von Julie Düngern, und in Nr. 1 des Jllustrirten Sonntagsblattes: Unter d'em Bannstrahl, Novelle von F. Klink.

Es empfiehlt sich diesesmal ganz besonders, die Bestellung vor dem 30. December zu machen, da die Nr. 1 des Jllustrirten Sonntagsblattes mit der Nr. 1 der Zeitung versandt werden muß. Außerdem aber beabsichtigt die Expedition unseren verehrten Abonnenten mit Nr. 1 ein niedliches Neujahrs-Geschenk zu überreichen, wer das nun rechtzeitig haben will, muß vor allen Dingen recht­zeitig bestellen!

8 Die Exp. d. Oberh. Zert.

Fürst Bismarck hat kürzlich in ciner parlamentarischen Soiree sich auch über die orientalische Frage geäußert, und zwar mit dem geflügelten Wort:da- Bischen Herzego­wina", und so angedeutet, daß di« Frage bis dahin noch keine große Bedeutung erlangt habe. Er hat ferner hinzu- gesügt, daß Rußland und Oesterreich sich selber noch nicht klar darüber wären, wie ste die Frage lösen sollten, und endlich, daß «ir Überhaupt kein naheliegendes Interesse an btt Angelegenheit hätten, da sie uns nicht direkt berühre. Da« letzte ist jedenfalls das wichtigste. Diese Aeußerung de« deutschen Reichskanzlers beweist nämlich, daß die Groß Mächte der orientalischen Frage nur einen lokalen Charakter einzuräumen geneigt sind, und durchaus nicht einen euro­päischen, mit anderen Worten es handelt sich für sie nur um eine Parification von Bosnien und der Herzegowina, nicht aber um eine LoSlösung dieser Länder, um eine Thei- lung der Türkei, kurz, um eine schroffe, definitive Lösung der ganzen orientalischen Frage. Denn wenn diese aus der Tagesordnung stände, so würde Fürst Bismarck nicht gesagt haben, uns berühre di se Frage nicht.

Srfdieint täalich außer den Werktagen na» Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageISuftrirleS don»ta«»blatt" durch dieKped'tton («och'sche * 5}uchd u-lere" b7z°7en 2° Mark, durch die Postämtei des Deutschen Reiche- 2 Mark 50 Pf», lexl. Bestellgebühr). - PnserNonSgebühr für d.e gespaltene Ze.le 10 Pf«, rvuqvruarre,- 6tpcbition ,u ^heilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pf«, berechnet.

Griechen bewohnten Znseln, besonders auf Kreta, Unruhen i auSbrechen dürften. Aber auch damit sind die Gefahren i für die Türkei keineswegs erschöpft. Bisher werden Mon­tenegro, Serbien und Rumänien durch die Großmächte veranlaßt, sich jeder Einmischung zu enthalten; bei einer i 1 Serwerfung ihres ReformentwursS dürften die Mächte schwer- : ich jenen Staaten noch länger diese Haltung auferlegen, i Noch von anderer Seite könnten übrigens der Türkei Ge- - ähren erwachsen, namentlich von Griechenland und Aegypten. keine Macht, selbst England nicht ausgenommen, würde i n einem solchen Falle das Schwert für den bedrohten Sultan ziehen. AuS demBiSchen Herzegowina" könnte bann leicht ein lodernder Brand entstehen. Bis jetzt hat i allerding« die Türkei die friedliche Beilegung noch in ihrer Hand, in dem Moment, wo sie den Reformentwurf zurück- ! wiese, würde durch die veränderte Stellung der Großmächte ,u der Frage eS sich um die Existenz des TürkenreicheS i handeln und der Untergang desselben vielleicht nicht mehr aufzuhalten fein. i

Tagesbericht

Der Buudesralh Hal sich bi« zum 15. Januar k. I. vertagt, diejenigen Mitglieder deS BundeSrathS, welche ihren Wohnsitz nicht in Berlin haben, sind fast ausnahmslos : abgereist.

Die Aufgaben, welche dem Reichstag noch für feine Session im Januar vorliege», sind so zahlretch, daß eS ; kaum möglich erscheint, ste vor Ende Februar zu erledigen; eS könnte daher die Erledigung dieser Vorlagen nur bann erfolgen, wenn die Session, länger al« beabsichtigt war, : ausgedehnt, oder wenn einige unwichtige Vorlagen zurück­gestellt würden. AuS diesen ReichStagSarbeiten heben wir hervor: Die Utberstchten der ordentlichen Ausgaben und Einnahmen de« Reiches für 1874, und der außerordent­lichen etatSmäßigen Ausgaben und Einnahmen, welche durch den Krieg gegen Frankreich veranlaßt sind, oder mit den­selben in Verbindung stehen für daS Jahr 1874; ferner Gesetzentwürfe, betreffend die Ersetzung und KrastloSerklärung auf den Inhaber lautender öffentlicher Schuldverschreibungen; die Abänderung deS Titels 8 der Gewerbeordnung und über die HülfSkaffen; ferner betreffend die Conroursordnung; so­dann wegen Abänderung des Gesetzes vorn 23, Mai 1873, betreffend die Gründung und Verwaltung de« Reichsinva-. lidenfondS; die StrafrechtSnovelle; die Gesetze über die t)e- förderung und Beschäftigung eingeborener polynesischer Ar­beiter; über die weitere Anordnung wegen Verwendung der« zum HeereSetablissement bc stimmet» 106,846,810 Thaler' und die hierfür erforderlichen ferneren Geldmittel; den Ge , setzentwurf über die Verwendungen au« der französischen: KriegSkarten-Entschädigung; Entwurf belreffend die zur Er-: Werbung eines Schießplätze« für die Artillerieprüsungs^

Eine große Herr zu werden. Dazu kommt noch, daß sich die Insurrektion V«ickiebunä' der°Macht-^ undU-sitzsteUungen in Europa bei längerer Dauer leicht auf die umliegenden Provinzen Verschiebung vcr .waqi, un aurtt$nen könnte, namentlich auf Bulgarien, wo sich bereit«

1Ja, meine Herren!" begann jetzt der kleine Mann mit gewohnter Redseligkeit auf'S Neue, indem er sein In- ftrument auf den runden, kurzen Knien vor sich liegen halt« und daran mit einem blau- und weißgemusterten Taschentuch herumwischte und polirte, während Friedrich und Heinrich, an welche er sich wendete, ebenfalls sich in Bereitschaft setzten,ja meine Herren, Sie glauben gar nicht, wa« ich eben für einen Schreck gehabt habe I Ich, al« Familienvater, der eine Frau und vier unmündige Kleinen zu versorgen hat meine Aelteste wird künftige Ostern eingesegnet - ich g-h- also meinen Geschäften fleißig nach, bin zwei Tage auf dem Lande gewesen, erst eine große Kindtause, hernach auf dem Derwitzer Hose Sir wissen doch? Nun, was ich sagen wollte: hatte dem Hellmuth vor 14 Tagen eine V - Flöte geliehen Ncu- silberbejchlag und Klappen. Zch verleihe eigentlich nicht gern etwa«, es kommt nichts heraus dabei aber, meine Herren, Ste verstehen: eine Hand wäscht die andere! Also nun: er legt sich und wird krank der Hellmuth näm­lich. Ich denke just an die V-Flöle heut' Abend, man kann nicht wiffrn: er ist nicht ber Stärkste »iDft sie

abholen. Also, ich hin, mache mich auf, trabe durch die Strafen, reiße die Hauslhür auf. Alle« sehr eilig, ich hatte Appetit auf mein Abendbrod und dann Ust der Mensch flinker noch als sonst. Aber, stellen Sie sich meinen Schreck . - -

vor! Ich renne im Halbcuukel auf der Diele gegen einen zur Musik, Meiern ewig quellenden Born des Trostes, diesem aufgerichteten Sargdeckel, daß es nur so knallt! Sehen heilenden Bade de« Vergesien«! Laß alle Schmerzen dann Sie nur die Beule hier, und noch dazu am Sylvester, untergehen, laß DeineSeele au,tjeen

Abend. Es ist schauderhaft, höchst schauderhaft! Die emporgetragen über die Erbärmlichkeit der Erde, über Gruft Tchifferfiau unten im Hause, 6 e hübsche, junge Person, und Trennungswehl

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